Von alten Säcken und roten Ferraris

Sex ist verboten“ und nicht nur das — der neue Meditationsroman von Tim Parks

Stun­den­lang Sit­zen, bei Räu­cher­werk und Sphä­ren­klän­gen auf den nack­ten Bauch ei­nes über­ge­wich­ti­gen Glatz­kop­fes star­ren um in Trance zu fal­len? Me­di­ta­ti­on liegt aus mei­ner Sicht öst­lich und sehr fern. Trotz­dem wähl­te ich die­sen Ti­tel bei ei­ner Vor­stel­lung neu­er Bü­cher. Er soll­te den erns­ten Hi­ki­ko­m­ori-Ro­man Fla­sars be­glei­ten, als leicht­fü­ßi­ge Lek­tü­re in iro­ni­schem Ton. Wäh­rend des Le­sens wan­del­ten sich gleich­sam im Fluss der Me­di­ta­ti­on die­se Er­war­tun­gen in über­ra­schen­der Weise.

Wir be­fin­den uns im Das­gupta-In­sti­tut, ei­nem bud­dhis­ti­schen Me­di­ta­ti­ons­zen­trum in Eng­land. Dort leis­tet Eli­sa­beth Mar­ri­ot, die jun­ge, weib­lich wohl ge­run­de­te Haupt­fi­gur be­reits seit neun Mo­na­ten ih­ren Dham­ma-Ser­vice. Sie ar­bei­tet als Hel­fe­rin in der Kü­che, wäscht Sa­lat und Tel­ler. So me­di­tiert sie nur nach­mit­tags, wäh­rend die an­de­ren Teil­neh­mer des Retre­ats den gan­zen Tag da­mit ver­brin­gen sich im Still­sit­zen, At­men und Nicht­den­ken zu üben. Ein Retre­at dau­ert zehn Ta­ge, da­nach keh­ren al­le wie­der in ihr stres­si­ges west­li­ches Le­ben zu­rück. Beth je­doch bleibt, frei­wil­lig und un­schlüs­sig, die Un­ord­nung in ih­rem Le­ben, in der Lie­be und mit den Män­nern hat sich noch nicht in Er­kennt­nis gelöst.

Me­di­ta­ti­ons­pra­xis und Ta­ges­ab­lauf im Das­gupta-In­sti­tut schil­dert Tim Parks de­tail­reich nach ei­ge­nen Er­fah­run­gen. Der Au­tor litt lan­ge un­ter chro­ni­schen Schmer­zen. Me­di­ta­ti­on war sein letz­ter und er­folg­rei­cher Ver­such sich von ih­nen zu be­frei­en. In dem Buch „Die Kunst still­zu­sit­zen“ be­schreibt er die­sen Prozess.

Sex ist kei­ne Lö­sung“ ist die fik­tio­na­le Frucht die­ser Hei­lung. Im eng­li­schen Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel „The Ser­ver“. Der deut­sche Ti­tel ist eben­so pas­send, denn die dem Sex ge­nuß­voll zu­ge­neig­ten Beth denkt ger­ne an das Ver­bo­te­ne. Zu­gleich führt er in die Re­geln des In­sti­tuts ein, die je­de Ab­len­kung ver­hin­dern sol­len. Nach au­ßen herrscht Kon­takt­sper­re. Im Zen­trum wird die­se durch Schwei­ge­ge­bot, Ge­schlech­ter­tren­nung und Be­rüh­rungs­ver­bot ge­re­gelt. Als ein­zi­ge da­von aus­ge­nom­men sind die Hel­fer in der Kü­che. Dort hält al­ler­dings die Zu­be­rei­tung ve­ge­ta­ri­schen Es­sens an­de­re Kom­pen­sa­tio­nen be­reit. Das Wa­schen von Reis und gel­ben Boh­nen ent­wi­ckelt sich zur ero­ti­schen Be­rüh­rung, wäh­rend Ag­gres­sio­nen beim Ha­cken und Schnet­zeln schwin­den. Au­ßer­dem er­for­dert die Ar­beit Wor­te. Um die­se ist Beth trotz al­ler Vor­schrif­ten nie ver­le­gen, sie kom­men­tiert iro­nisch die klei­nen Re­gel­ver­stö­ße ih­rer Kol­le­gen und das ego­is­ti­sche Stre­ben der Selbst­los­ler­ner im Kampf um die Ba­na­nen. Beth be­zeich­net sich als bö­ses Mäd­chen, war­um er­fah­ren wir wäh­rend der Meditation.

Die­se fin­det mehr­mals täg­lich un­ter An­lei­tung Das­gupt­as statt, der via CD sei­nen Adep­ten den Atem­fluss lei­tet. Wie schwie­rig und lä­cher­lich dies sein kann teilt uns ein Ta­ge­buch­schrei­ber mit.

Er pre­digt ge­gen den Ego­is­mus, er er­rich­tet ein re­li­giö­ses Sys­tem ge­gen den Ego­is­mus, und be­frie­digt da­bei sein ei­ge­nes Ego, in­dem er Schü­ler um sich schart und ih­nen völ­li­ge Hin­ga­be ab­ver­langt. Die be­ring­ten Fin­ger, die wei­ßen Kis­sen, der di­cke Bauch un­ter der sau­be­ren Baum­woll­klei­dung. Mei­ne Freun­de hier, mei­ne Freun­de da. KAUM ZU GLAUBEN, DASS WIR ALLE ABEND FÜR ABEND DA SITZEN UND DIESEM WICHSER ZUHÖREN.“

Die Auf­zeich­nun­gen die­ses Me­di­ta­ti­ons­an­fän­gers ent­deckt Beth als sie ver­bo­te­ner­wei­se den Män­ner­trakt be­tritt und in sein Zim­mer blickt. Aus dem Kof­fer leuch­ten ro­te Schul­hef­te und Beth kann der Ver­su­chung nicht ver­ste­hen. Sie liest sich fest und ent­wen­det seit­dem re­gel­mä­ßig ein Heft zur ge­hei­men Klo­lek­tü­re. Selbst­iro­nisch va­ri­iert ihr Ver­fas­ser in Klap­pen­tex­ten die Grün­de für sein Me­di­ta­ti­ons­be­dürf­nis. Sei­ne Ein­trä­ge bie­ten zu­dem ei­ne sar­kas­ti­sche Sicht auf die Heils­ver­spre­chun­gen nicht nur bud­dhis­ti­scher Erlöser.

Beth ist be­geis­tert, die Le­se­rin stimmt zu. Wäh­rend sie mit dem Ta­ge­buch­schrei­ber zwei­felt, ob Still­sit­zen und At­men der rich­ti­ge Weg zur ei­ge­nen Klar­heit sei, er­lebt sie Beth, die im­pul­siv und di­rekt ist, aber gleich­zei­tig vol­ler Selbstzweifel.

Über­ra­schend wirkt, daß Parks ei­ne weib­li­che Ich-Er­zäh­le­rin wählt. Ein äl­te­rer Mann, der sich in die Ge­füh­le und Ge­dan­ken und in den Kör­per ei­ner jun­gen Frau hin­ein­lebt? Es funk­tio­niert meist ganz gut. Die star­ke Fi­xie­rung auf ih­re bei­den ro­ten Fer­ra­ris neh­me ich al­ler­dings eher dem äl­te­ren Schrift­stel­ler als sei­ner Prot­ago­nis­tin ab. Sein Ro­man spie­le, so Tim Parks, „das Ver­lan­gen nach Stil­le und Be­frei­ung von sich selbst ge­gen die äl­tes­te und nächst­lie­gen­de al­ler Ge­schich­ten (aus), Mann trifft Frau.“

Beth er­zählt von ih­ren Män­nern und dem Sex, von ih­rer Band und der Trau­er, vom Reis­wa­schen und der Lek­tü­re ro­ter Ta­ge­buch­hef­te. Von den dar­in zu fin­den­den iro­ni­schen Selbst- und Fremd­ana­ly­sen hät­te ich ger­ne mehr ge­le­sen, viel­leicht folgt ja noch ein Buch von Mr. Tagebuchschreiber.?

Tim Parks, Sex ist ver­bo­ten, Kunst­mann Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Phantastische Grotesken eines Olympiers

Die Kaktusfrau”, zum letzten Erzählungsband von Herbert Rosendorfer (1934–2012)

Gibt es ei­nen bes­se­ren Ort als Rom um mit Her­bert Ro­sen­dor­fer Be­kannt­schaft zu schlie­ßen? Ei­nes sei­ner Bü­cher gab mir dort und da­mals ei­ne Freun­din, die die­ses wie­der­um von ei­ner Kol­le­gin er­hal­ten hat­te, die sich der Er­for­schung ku­rio­ser an­ti­ker Au­to­ma­ten wid­me­te. Dass dies kei­ne Zu­fäl­le sein konn­ten, be­griff ich, als ich mit gro­ßem Ver­gnü­gen mei­nen ers­ten Ro­sen­dor­fer las. Die „Brie­fe in die chi­ne­si­sche Ver­gan­gen­heit“ wur­den in ih­rer leich­ten, selbst­iro­ni­schen Art zu ei­ner Ein­stiegs­dro­ge, die nach wei­te­ren der­ar­ti­gen Sen­sa­tio­nen ver­lang­te. Zum Glück be­saß der Au­tor, der als Ju­rist ar­bei­te­te, schon da­mals ein um­fas­sen­des Oeu­vre. Ich las und lach­te mich durch zahl­rei­che Ro­ma­ne und Er­zäh­lun­gen, von de­nen mich „Der Rui­nen­bau­meis­ter“ mit sei­nen la­by­rin­thi­schen Ver­äs­te­lun­gen voll gro­tes­ker Über­ra­schun­gen be­son­ders beeindruckte.

Es muss Jah­re ge­ge­ben ha­ben, in de­nen ich nichts als Ro­sen­dor­fer ge­le­sen ha­be. Zu­min­dest kann ich mich nicht an An­de­res er­in­nern. Sei­ne Bü­cher bil­de­ten und amü­sier­ten mich, ich traf in ih­nen al­te Be­kann­te mit Klep­per­man­tel und skur­ri­le Ge­stal­ten, die bei ge­nau­er Ana­ly­se le­dig­lich so ab­son­der­lich wa­ren wie Du und ich. Ro­sen­dor­fers Blick ist un­be­stech­lich, er ent­larvt Schwä­chen, Ei­tel­kei­ten und je­de Heu­che­lei oh­ne Un­ter­schied von Sta­tus und Stel­lung. Auch oder ge­ra­de bei kle­ri­ka­lem Per­so­nal kennt er kein Par­don. Di­ver­se Ver­tre­ter die­ser Spe­zi­es tum­meln sich in Rom, wo ei­ni­ge sei­ner Ge­schich­ten spielen.

Eben­falls dort an­ge­sie­delt ist „Ein Lieb­ha­ber un­ge­ra­der Zah­len“. Mit die­ser Sa­ti­re auf den Li­te­ra­tur­be­trieb, die zu­gleich ei­ne Lie­bes­er­klä­rung an den rö­mi­schen Mar­mor ist, hat Ro­sen­dor­fer den Ro­man er­son­nen, den ich je­des Jahr wie­der lese.

Nun liegt „Die Kak­tus­frau“, sein letz­ter Band mit Er­zäh­lun­gen vor. Grün spielt in ih­nen ei­ne tra­gen­de Rol­le. Schon auf dem Ti­tel­bild strahlt es grün­lich durch den Na­del­wald, hin­ter ei­nem Stamm ver­birgt sich ein selt­sa­mer Frosch. Ein der­ar­ti­ges We­sen ist Prot­ago­nist der ers­ten Ge­schich­te und er­hält mit ei­ner Kak­tus­frau und ei­nem Hams­ter wei­te­re grü­ne Kol­le­gen. Ro­sen­dor­fer er­zählt von ei­nem Ge­ne­ral­ma­jor à la Go­gol, der an­statt sei­nen me­teo­ro­lo­gi­schen Dienst zu leis­ten ganz un­am­phi­bi­schen Ver­gnü­gun­gen nach­geht. In ei­ner an­de­ren Ge­schich­te be­geg­nen wir ei­nem gut­mü­ti­gen Zeit­ge­nos­sen, der sich von ei­nem Zech­kum­pan ei­nen Kak­tus mit be­trächt­li­chem Mu­ta­ti­ons­po­ten­ti­al an­dre­hen lässt. Ne­ben zahl­lo­sen Sank­ten und Sacro­sank­ten der ab­ge­le­gens­ten Mar­ty­ri­en, ne­ben Me­le­ag­ri­nus, Pi­use­li­us, Co­ro­na­ris wie wei­te­ren Päps­ten und Sak­ko­pho­ren, bie­ten die weib­li­chen Lieb­lings­ge­stal­ten des Dich­ters tiefs­te Ein­bli­cke und tra­gen kaum mehr als lang­är­me­li­ge Gold­fa­den­män­tel. Er­in­nert sei hier an an­de­re Kunst­stü­cke Ro­sen­dor­fers. Doch es tre­ten auch ganz und gar ernst­haf­te Da­men auf, die ihr Werk dem Papst wid­men, wie die Salz­teig­künst­le­rin und Wit­we Ge­ne­ral Fuchs­bei­ßers, sei­nes Zei­chens Re­for­ma­tor des Feldlatrinenwesens.

Dies sind nur kur­ze Ein­bli­cke in die Ein­fäl­le die­ses Ban­des, der auch ei­nen ge­heim­nis­vol­len Aus­flug nach Ve­ne­dig be­reit hält. Ins­ge­samt sind sie nicht min­der zahl­reich als gro­tesk. Sie ver­füh­ren mehr zum Stau­nen als zum La­chen und las­sen ah­nen, daß der Au­tor selbst sich von ih­nen hat fort tra­gen las­sen. Ei­ne der schöns­ten Phan­tas­te­rei­en be­sitzt den Ti­tel „Am Him­mels Tor“, vor die­sem stand Her­bert Ro­sen­dor­fer, wenn man so will, selbst am 20. Sep­tem­ber. Mö­ge auch er von ei­nem klei­nen Flü­gel­we­sen in die grie­chi­sche Göt­ter­wohn­stät­te ge­lei­tet wor­den sein, denn dort ge­hört die­ser Dich­ter al­le­mal hin.

Her­bert Ro­sen­dor­fer, Die Kak­tus­frau. Er­zäh­lun­gen, Kiepenheuer&Witsch, 1. Aufl. 2012

Erinnerung an den Vater

In „Engel des Vergessens“ erzählt Maja Haderlap vom Kampf der Kärntner Slowenen

Nun hat das Wäld­chen sei­ne Ver­traut­heit ver­lo­ren. Es hat sich dem gro­ßen Wald an­ge­schlos­sen und sich in ein grü­nes Meer ge­wan­delt, voll spit­zer Na­deln und scharf­kan­ti­ger Schup­pen, mit ei­nem wo­gen­den, aus­ufern­den Un­ter­holz aus rau­en Borken.”

Ein Mäd­chen sieht den Wald plötz­lich mit an­de­ren Au­gen. So setzt sie ein die Le­sung von Ma­ja Ha­der­lap, der letzt­jäh­ri­gen Preis­trä­ge­rin des Bach­mann-Wett­be­werbs in Kla­gen­furt. Kla­gen­furt am Wör­ther­see, nicht weit von der ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze zu Slo­we­ni­en ge­le­gen, ist heu­te Wohn- und Ar­beits­ort der Au­torin. In der Ver­gan­gen­heit fuhr sie nach Kla­gen­furt zur Schu­le, wohn­te dort wäh­rend der Wo­che, ih­re Hei­mat, ihr Zu­hau­se lag in den be­wal­de­ten Tä­lern um Ei­sen­kap­pel, in den Grä­ben mit ih­ren Hub­en. Dort in der Wald­dun­kel­heit zwi­schen Brom­beer­sträu­chern und Pilz­plät­zen kämpf­ten die Par­ti­sa­nen ge­gen die Na­zi­scher­gen. Da­von er­zählt En­gel des Ver­ges­sens, der ers­te Ro­man der Dich­te­rin und Dra­ma­tur­gin in sei­ner poe­ti­schen deut­schen Spra­che. Das Deut­sche, so Ha­der­lap, las­se sie zu den Er­eig­nis­sen der Ver­gan­gen­heit den Ab­stand ein­neh­men, der ihr das Er­zäh­len erst er­mög­li­che. Die 1961 ge­bo­re­ne Au­torin hat den Wi­der­stand der Kärnt­ner Slo­we­nen ge­gen die Un­ter­drü­ckung und Grau­sam­keit der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten nicht selbst er­lebt. Aber sie ist in ei­ner Ge­mein­schaft auf­ge­wach­sen, die noch tie­fe Spu­ren der Trau­ma­ti­sie­rung trug. Nicht nur die Men­schen, die Par­ti­sa­nen, de­ren Fa­mi­li­en, die Nach­barn und Wald­be­woh­ner zeig­ten un­heil­ba­re Ver­let­zun­gen. Auch die Na­tur er­in­nert an den Krieg. „Der Krieg hat sich in un­se­ren Grä­ben in den Wald zu­rück ge­zo­gen, er hat die Wie­sen und Äcker, Hü­gel und Hän­ge, die Berg­leh­ne und Bach­bet­te zu sei­nem Kampf­platz gemacht, …“

Al­le Be­woh­ner des Tals ha­ben Ge­schich­ten von Angst und Ge­walt zu er­zäh­len. Der Va­ter dien­te, selbst noch ein Kind, den Par­ti­sa­nen als Mel­de­bo­te, die Groß­mutter be­rich­tet von ih­rer Ge­fan­gen­schaft in Ra­vens­brück. Auch die nicht un­mit­tel­bar Be­tei­lig­ten, ih­re Mut­ter und die Ge­schwis­ter, lei­den, sie wer­den von den be­ängs­ti­gen­den Aus­brü­chen des trau­ma­ti­sier­ten Va­ters ge­quält. Die­sem Va­ter, dem zwölf­jäh­ri­gen Par­ti­sa­nen, der von der Na­zi­po­li­zei ge­fol­tert, den Gräu­eln des Krie­ges ent­rin­nen konn­te, wid­met die Au­torin ihr Buch. Er ist ih­re Haupt­per­son, de­ren Schick­sal sie be­glei­tet. In­dem sie von ihm er­zählt, von sei­nen Er­in­ne­run­gen, von sei­nem Le­ben, vom Holz­fäl­len und Ja­gen und von sei­ner Ver­zweif­lung. Als Kind gab sie ihm das stil­le Ver­spre­chen, „ihn auf sei­nen Heim­we­gen und sei­nen Schul­we­gen zu be­glei­ten, auf den We­gen in die­se Land­schaft viel­leicht oder in sei­ne Er­in­ne­rung. Als Schrift­stel­le­rin löst sie dies nun ein. Mit der ihr ei­ge­nen poe­ti­schen Spra­che führt sie in die Hei­mat und Häu­ser ih­rer Kind­heit. Ne­ben den Schre­cken der zu­rück­lie­gen­den Er­in­ne­rung be­stim­men auch gu­te Er­fah­run­gen ihr Kind­heits­bild. Be­son­ders die Groß­mutter trägt da­zu bei, die ih­re En­ke­lin mit Stär­ke und Wär­me schützt. Auf ih­re Lei­tung ver­traut sie in der oft ori­en­tie­rungs­lo­sen Fa­mi­lie. „Kaum setzt sie sich in Be­we­gung, fol­ge ich ihr. Sie ist mei­ne Bie­nen­kö­ni­gin und ich bin ih­re Droh­ne. Ich ha­be den Duft ih­rer Klei­dung in der Na­se, den Ge­ruch nach Milch und Rauch, ei­nen Hauch von bit­te­ren Kräu­tern, der an ih­rer Schür­ze haf­tet. Sie gibt mir den Rund­tanz vor und ich tänz­le ihr nach.“

Kurz vor der Ma­tu­ra stirbt die Groß­mutter. Ihr Tod bil­det ei­ne Zä­sur im Le­ben der Er­zäh­le­rin, die man auch in der Er­zähl­wei­se zu spü­ren ver­meint. Um Nu­an­cen nüch­ter­ner be­rich­tet sie von den po­li­ti­schen Zu­stän­den, über die im­mer noch vor­herr­schen­den Res­sen­ti­ments ge­gen die eins­ti­gen Frei­heits­kämp­fer. Im­mer noch wird die Ge­schich­te der slo­we­ni­schen Min­der­heit ver­fälscht dar­ge­stellt. Man­che Be­woh­ner ver­las­sen ih­re Hei­mat, um den Er­in­ne­run­gen und Be­geg­nun­gen zu ent­ge­hen. Bei den Zu­rück­ge­blie­be­nen weckt die Kriegs­dro­hung Ju­go­sla­wi­ens gro­ße Verzweiflung.

Die Er­zäh­le­rin ent­schließt sich zum Stu­di­um der Thea­ter­wis­sen­schaft, das sie nach Wien führt und von Grä­ben und Wäl­dern ent­fernt. Dort träumt sie von den Per­so­nen ih­rer Hei­mat. Träu­me, die als sur­rea­les Ele­ment Un­be­wuss­tes mit Rea­lem mi­schen. Mit ih­rem Va­ter bleibt sie eng ver­bun­den durch den un­un­ter­bro­che­nen Ver­such ihn zu ver­ste­hen. In ei­nem der letz­ten Ka­pi­tel, dem Va­ter­ka­pi­tel, schil­dert sie wie es zu sei­nem Ver­hal­ten kam, das sie nun als krank­ma­chen­des Kriegs­trau­ma er­kennt. Als der Va­ter stirbt bleibt der Toch­ter die­se Er­in­ne­rung, der En­gel des Ver­ges­sens hat ver­ges­sen sie zu tilgen.

Ich fürch­te, dass sich der Tod in mir ein­ge­nis­tet hat, wie ein klei­ner schwar­zer Knopf, wie ei­ne dunk­le Spit­zen­flech­te, die sich un­sicht­bar über mei­ne Haut zieht.“

Im Ar­chiv des Bach­mann-Wett­be­werbs fin­den sich Auf­zeich­nun­gen von Le­sung und Dis­kus­si­on so­wie ein Text­aus­schnitt und In­for­ma­tio­nen zur Autorin.

 Ma­ja Ha­der­lap, En­gel des Ver­ges­sens, Wall­stein Ver­lag, 4. Aufl. 2011

Steglitz fragt — Atalante antwortet

Auf „Ste­glitz­Mind“ bie­tet Ge­si­ne von Prit­t­witz poin­tier­te Bli­cke auf Haupt- und Ne­ben­schau­plät­ze der Buch­welt. Da­zu zäh­len In­ter­views, die sie mit bi­blio­phi­len Blog­gern führt.

Nun ha­be auch ich mich ih­ren Fra­gen zu Le­ben und Lei­den die­ser Spe­zi­es ge­stellt und die­se brav be­ant­wor­tet. Be­vor Shit­s­torm oder Kon­fet­ti­re­gen ein­set­zen ein letz­ter Gruß an Ge­si­ne und Herrn Flat­ter.

gordimerlesen

Nadine Gordimer — Ein Leseprojekt des Berlin Verlags

Ge­mein­sam le­sen und dar­über re­den ist ei­ne be­son­de­re Form der Lek­tü­re. Ver­schie­de­ne Men­schen fin­den ver­schie­de­ne Zu­gän­ge zu ei­nem Buch, ihr spe­zi­el­les Wis­sen und die un­ter­schied­li­chen Er­fah­run­gen flie­ßen ein. Von die­ser Dif­fe­renz pro­fi­tiert die Grup­pe und je­der Mitleser.

Nun hat der Ber­lin Ver­lag ein der­ar­ti­ges Le­se­pro­jekt ge­star­tet. Zu­sam­men mit sechs an­de­ren Blog­gern wer­de ich ab dem 8. Ok­to­ber auf dem Blog gor­di­mer­le­sen den neu­en Ro­man „Kei­ne Zeit wie die­se” der be­kann­ten No­bel­preis­trä­ge­rin le­sen und kommentieren.

Auf die­se an­re­gen­de Art des Aus­tauschs freue ich mich be­son­ders, da ich be­reits oft bei der­ar­ti­gen Le­se­pro­jek­ten da­bei war. Dar­un­ter wa­ren klei­ne­re Wer­ke wie Pa­trick Süs­kinds „Die Tau­be“, das ein­drucks­vol­le „Das Herz ist ein ein­sa­mer Jä­ger“ von Carson Mc­Cul­lers und der schwer­ge­wich­ti­ge Welt­klas­si­ker „An­na Ka­re­ni­na“. Bei die­sem Pro­jekt er­in­ne­re ich  mich noch gut an ei­nen gro­ßen Mit­le­ser­schwund. Zeit­gleich mit Wronskijs Gaul hat­ten fast al­le ins Gras ge­bis­sen, so daß wir An­na nur noch zu zweit bis zu ih­rem En­de be­glei­ten konnten.

Das wird dies­mal wohl kaum pas­sie­ren. Ers­tens gibt ver­mut­lich kein ein­zi­ges Pferd in die­sem Ro­man und zwei­tens sind aus.gelesen, die Bi­blio­phi­linBo­na­ven­turaBuzz­al­drin, die Klap­pen­tex­te­rin und Wort­ga­le­rie si­cher sattelfest.

Ge­le­sen wird in be­kömm­li­chen Ta­ges­por­tio­nen, die im Blog auch für in­ter­es­sier­te Be­su­cher ab­ruf­bar sind.

Ich ha­be üb­ri­gens schon mal ge­spickt, es wird in­ter­es­sant werden.

Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg — Eine Frau des Widerstands?

Konstanze von Schulthess” persönliches Porträt ihrer Mutter Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg

Es gibt vie­le Ar­ten ein Buch zu le­sen. Ei­ne da­von ist un­vor­ein­ge­nom­men den Text auf sich wir­ken zu las­sen un­ge­ach­tet des Ver­fas­sers und des­sen In­ten­ti­on. Die­se an­schei­nend ob­jek­ti­ve, ei­gent­lich aber nai­ve Vor­ge­hens­wei­se ist bei fik­tio­na­ler Li­te­ra­tur hin­nehm­bar, sie ver­bie­tet sich je­doch bei Wer­ken mit his­to­ri­schem Be­zug. Ein sol­ches ist die vor­lie­gen­de Bio­gra­phie über Ni­na Schenk Grä­fin von Stauf­fen­berg. Sie muss sich folg­lich den Fra­gen der his­to­ri­schen Text­kri­tik stel­len. Wer hat den Text ver­fasst, was sagt er aus, auf wel­che Quel­len be­ruft er sich, was möch­te er bewirken.

Kon­stan­ze von Schul­t­hess ist die jüngs­te Toch­ter Ni­na von Stauf­fen­bergs. Sie wur­de am 27. Ja­nu­ar 1945 ge­bo­ren. Ihr Va­ter Claus von Stauf­fen­berg war zu die­sem Zeit­punkt be­reits tot, hin­ge­rich­tet we­gen des At­ten­tats auf Hit­ler am 20. Ju­li 1944. Schul­t­hess kennt ih­ren Va­ter und die Ge­scheh­nis­se, die zu sei­nem Tod führ­ten, aus Er­zäh­lun­gen und Be­rich­ten an­de­rer. Ih­re wich­tigs­ten Quel­len wa­ren ne­ben den Er­zäh­lun­gen der Mut­ter de­ren schrift­li­che Erinnerungen.

Es ist schwie­rig die­ses Buch ei­ner Toch­ter über ih­re Mut­ter zu be­wer­ten. Um so mehr, als je­ne Ni­na von Stauf­fen­berg die Ehe­frau Claus von Stauf­fen­bergs war und die Au­torin des­sen jüngs­te Toch­ter. Die­se Kon­stel­la­ti­on er­for­dert Re­spekt vor den Ge­füh­len und Re­spekt vor dem his­to­ri­schen wie mu­ti­gen Akt des Widerstandes.

Al­ler­dings stellt Kon­stan­ze von Schul­t­hess in die­sem Por­trät ih­rer Mut­ter er­neut die Fra­ge zur Dis­kus­si­on, die sie ei­gent­lich aus der Welt schaf­fen möch­te. In wie weit war Ni­na von Stauf­fen­berg in die Wi­der­stands­plä­ne ein­ge­weiht und an den Vor­be­rei­tun­gen beteiligt?

Das Buch setzt mit ih­rer Re­ak­ti­on auf die Hin­rich­tung Stauf­fen­bergs ein. Als ihr die Nach­richt am Vor­mit­tag des 25. Ju­lis über­bracht wur­de brach sie we­der zu­sam­men noch dach­te sie an Flucht. Sie ent­schied sich für die Rol­le der Ah­nungs­lo­sen und prä­pa­rier­te die Kin­der auf even­tu­el­le Ver­hö­re, in­dem sie ih­nen Sät­ze der Ah­nungs­lo­sig­keit eingab.

Die Au­torin skiz­ziert Stauf­fen­bergs Weg zum Wi­der­stand be­vor sie die Aus­wir­kun­gen des At­ten­tats auf das Le­ben ih­rer Mut­ter schil­dert. Über die Fa­mi­li­en al­ler an der Tat be­tei­lig­ten Män­ner ver­häng­te das Na­zi­re­gime Sip­pen­haft. Für Ni­na von Stauf­fen­berg und ih­re Kin­der be­deu­te­te dies die Tren­nung. Die Kin­der ka­men in ein Heim im thü­rin­gi­schen Bad Sach­sa. Ni­na von Stauf­fen­berg wur­de zu­nächst in das Ge­fäng­nis von Rott­weil ge­bracht, dann drei Wo­chen im Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis des Ber­li­ner Po­li­zei­prä­si­di­ums von der Ge­sta­po ver­hört. An­schlie­ßend folg­te ei­ne fünf­mo­na­ti­ge Ein­zel­haft im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ravensbrück.

Schul­t­hess er­zählt ver­ständ­li­cher­wei­se mit größ­ter Em­pa­thie, aber auch an­schau­lich und span­nend. His­to­ri­sche Er­eig­nis­se ver­knüpft sie mit per­sön­li­chen Emp­fin­dun­gen und Sze­nen, wel­che die star­ke Per­sön­lich­keit Ni­na von Stauf­fen­bergs be­to­nen. So hat die­se sich von den be­drü­cken­den Ge­füh­len wäh­rend der Haft mit dem Me­mo­rie­ren von Mu­sik und Li­te­ra­tur oder selbst­ge­fer­tig­ten Pa­ti­ence­kar­ten ab­ge­lenkt. Sol­che Schil­de­run­gen sol­len of­fen­sicht­lich ei­ne Hel­din zei­gen, die mit Cha­rak­ter­stär­ke und Bil­dung die Um­stän­de be­siegt. Dass sie den­noch wäh­rend der Haft ein Tes­ta­ment ver­fass­te, spricht für ih­re Klar­sicht, als Frau ei­nes Ver­schwö­rers muss­te sie mit dem Tod rech­nen. Es lässt aber auch Ver­zweif­lung ahnen.

Im Fol­gen­den schil­dert Schul­t­hess die Ju­gend ih­rer Mut­ter und das Ken­nen­ler­nen der El­tern. Be­reits als jun­ges Mäd­chen ha­be Ni­na von Stauf­fen­berg „Die drei Mus­ke­tie­re“ al­len Mäd­chen­bü­chern vor­ge­zo­gen. Die Toch­ter schließt dar­aus auf ei­ne frü­hes Fai­ble für Hel­den. Nach der 1933 er­folg­ten Hei­rat, wur­de die jun­ge Ehe­frau in­ner­halb we­ni­ger Jah­re zur mehr­fa­chen Mut­ter, 1934 wur­de Bert­hold ge­bo­ren, Hei­me­ran 1936, Franz Lud­wig 1938 und Va­le­rie im Jahr 1940. Da ihr Mann sei­ne mi­li­tä­ri­sche Kar­rie­re ver­folg­te, or­ga­ni­sier­te sie das Le­ben der Fa­mi­lie in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung. Kin­der­mäd­chen und Haus­an­ge­stell­te stan­den ihr als Hil­fen zur Ver­fü­gung. Wenn Claus von Stauf­fen­berg zu Be­such kam, war er „ein  hin­rei­ßen­der Va­ter“, „lag … mit sei­nen Kin­dern auf dem Fuß­bo­den und spiel­te stun­den­lang“. Ih­re Mut­ter hin­ge­gen, so be­tont Schul­t­hess, sei kei­ne die­ser „Glu­cken­müt­ter“ ge­we­sen. Sie ha­be sich un­kon­ven­tio­nell ver­hal­ten, in­dem sie viel rauch­te, Lip­pen­stift auf­trug und sich ge­gen al­les Klein­bür­ger­li­che wehr­te. Ih­re Ehe führ­ten die Stauf­fen­bergs als Fern­be­zie­hung, den­noch dis­ku­tier­ten die Part­ner über Po­li­tik. Dies wird je­doch nicht oft er­folgt sein, als Brief­in­halt ver­bot sich je­de Aus­ein­an­der­set­zung über Un­zu­frie­den­heit mit dem Regime.

Nach die­sen Pri­va­tis­si­ma ge­langt die Au­torin zur Aus­gangs­fra­ge. Sie legt dar, daß Ni­na von Stauf­fen­berg be­reits 1939 die Wi­der­stands­ge­dan­ken ih­res Man­nes er­kannt ha­be. Zu­dem sei sie bei­spiel­wei­se durch Ver­nich­tung kon­spi­ra­ti­ver Un­ter­la­gen ak­tiv an den Vor­be­rei­tun­gen be­tei­ligt ge­we­sen. Den­noch er­klärt Ni­na von Stauf­fen­berg in ih­rer Fa­mi­li­en­chro­nik, daß sie we­der den Zeit­punkt des At­ten­tats kann­te noch wuss­te, wer die­ses aus­füh­ren sollte.

Es fol­gen Ka­pi­tel zu den Um­stän­den von Kon­stan­zes Ge­burt, zur Rol­le Me­lit­ta von Stauf­fen­bergs, zum Tod der Groß­mutter im Straf­la­ger Matz­kau. An­ge­rei­chert mit Fa­mi­li­en­an­ek­do­ten er­zählt Schul­t­hess von der Her­kunft des müt­ter­li­chen Fa­mi­li­en­zweigs. Auch in die­sen Ab­schnit­ten be­to­nen vie­le Sze­nen Ni­na von Stauf­fen­bergs Cha­rak­ter mit Wor­ten wie „ih­re Un­er­schüt­ter­lich­keit, auch ihr Wa­ge­mut hat­ten tie­fe Wur­zeln“.

Man­che Schil­de­run­gen wir­ken wi­der­sprüch­lich, man­che selt­sam na­iv. So schien das Ein­tref­fen der SS zwei Ta­ge nach dem At­ten­tats­ver­such der­art un­er­war­tet, daß Ni­na von Stauf­fen­berg nicht ein­mal ei­ne Ta­sche ge­packt hat­te. Auch die tes­ta­men­ta­ri­sche Sor­ge um die Ver­ga­be des Fa­mi­li­en­schmucks über­rascht. Skur­ril und we­nig sym­pa­thisch er­schei­nen die Be­mü­hun­gen um die Re­qui­si­ti­on von Leuch­tern, Ge­schirr und Familiensilber.

Die schrift­li­chen Quel­len der Au­torin be­stehen aus drei Schrift­stü­cken aus der Hand Ni­na von Stauf­fen­bergs: aus ih­rem in der Haft ver­fass­ten Tes­ta­ment, dem Ge­dicht „Un­ser Pa­pi“ und der un­ver­öf­fent­lich­ten Fa­mi­li­en­chro­nik „Das Hals­band der An­na Iwa­now­na“ aus dem Jahr 1966. Er­gänzt wer­den die­se von dem Be­richt Ka­ro­li­ne von Stauf­fen­bergs, der Mut­ter von Claus von Stauf­fen­berg, „Über die Zeit zwi­schen Ju­li 1944 bis Kriegs­en­de“, der im Buch kom­plett wie­der­ge­ge­ben wird. Die Fa­mi­li­en­chro­nik ist je­doch nur in Zi­ta­ten fassbar.

Als Ni­na von Stauf­fen­berg die­se in den sech­zi­ger Jah­ren ver­fass­te war sie 53 Jah­re alt, die Er­eig­nis­se des 20. Ju­li 1944 la­gen 22 Jah­re zu­rück. Da das au­to­bio­gra­phi­sche Ge­dächt­nis sich im Lau­fe der Jah­re im­mer wie­der neu de­fi­niert, kön­nen die­se Auf­zeich­nun­gen das Er­leb­te kaum au­then­tisch ab­bil­den. Es han­delt sich um ge­form­te Er­in­ne­run­gen. Was Ni­na von Stau­fen­berg wirk­lich er­lebt hat und was durch spä­te­re Ge­sprä­che und Lek­tü­ren un­be­wusst er­gänzt wur­de, lässt sich nicht ein­deu­tig klä­ren. Die­se Schwie­rig­kei­ten spricht Schul­t­hess selbst ge­gen En­de des Buchs an, „Doch es kam der Mo­ment, als sie (Ni­na v. St., kp) sich nicht mehr wirk­lich si­cher war, was sie selbst er­lebt und was sie ge­le­sen oder ge­hört hat­te. Er­in­ne­run­gen und Dar­stel­lun­gen ver­wisch­ten und über­la­ger­ten sich zu­neh­mend.

Hin­zu kommt, daß die­se Text­quel­le, durch die Zi­tat­aus­wahl und ‑set­zung der Toch­ter, ei­ne wei­te­re In­ter­pre­ta­ti­ons­ebe­ne durch­läuft. Die­se un­ter­liegt ganz klar der In­ten­ti­on, Ni­na von Stauf­fen­berg als ei­ne Hel­din des Wi­der­stands darzustellen.

Kon­stan­ze von Stauf­fen­berg hät­te nicht nur der his­to­ri­schen For­schung, son­dern vor al­lem dem An­denken ih­rer Mut­ter ei­nen grö­ße­ren Dienst er­wie­sen, wenn sie die­ses Do­ku­ment mit ei­nem Nach­wort ver­se­hen, aber an­sons­ten un­be­ar­bei­tet ver­öf­fent­licht hätte.

Zu Stauf­fen­berg und der Be­we­gung des 20. Ju­li sind zahl­rei­che his­to­ri­sche Ab­hand­lun­gen und po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­che Do­ku­men­ta­tio­nen er­schie­nen, dar­un­ter die bei­den fol­gen­den Bio­gra­phien der His­to­ri­ker Ueber­schär und Hoffmann.

Gerd R. Ueber­schär, Stauf­fen­berg und das At­ten­tat vom 20. Ju­li 1944: Dar­stel­lung, Bio­gra­phien, Dokumente

Pe­ter Hoff­mann, Claus Schenk Graf von Stauf­fen­berg: Die Biographie


So­wie ein wei­te­res per­sön­li­ches Buch aus der Fa­mi­lie Stauffenberg.

Bert­hold von Stauf­fen­berg, Auf ein­mal ein Verräterkind

Kon­stan­ze von Schul­t­hess, Ni­na Schenk Grä­fin von Stauf­fen­berg, Pi­per, 3. Aufl. 2009

Wenn Philosophieprofessoren nach Portugal pilgern

Stephan Thome erzählt in Fliehkräfte von einer verspäteten Midlife Crisis

Als ich zum ers­ten Mal von Ste­phan Tho­mes neu­em Ro­man Flieh­kräf­te hör­te, dach­te ich un­wei­ger­lich an den äl­te­ren Ro­man des un­ter Pseud­onym schrei­ben­den Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors Pe­ter Bie­ri. Bei­de schi­cken ih­re Prot­ago­nis­ten in der Kri­se der spä­ten Le­bens­mit­te nach Por­tu­gal. Ih­re Fi­gu­ren sind der Phi­lo­so­phie na­he, der ei­ne als Phi­lo­so­phie-Pro­fes­sor der Uni Bonn, der an­de­re als Phi­lo­so­phie le­sen­der La­tein­leh­rer in Ba­sel. Sie ver­su­chen bei­de aus ih­rem All­tag zu flie­hen. Ei­ner mit dem Nacht­zug, un­ter­bro­chen von Ver­satz­stü­cken ei­ner Pes­soa-Ad­ap­ti­on, der an­de­re im Au­to mit viel Zeit für Er­in­ne­run­gen und für Besuche.

Wäh­rend Nacht­zug nach Lis­sa­bon ei­ne in man­cher Hin­sicht an­stren­gen­de Lek­tü­re dar­stellt, schil­dert Ste­phan Thome die Le­bens­sinn­kri­se an­schau­lich und an­ge­nehm les­bar. Sei­ne Fi­gur, Hart­mut Hain­bach, hat es trotz klei­ner Ver­hält­nis­se in der hes­si­schen Pro­vinz zum Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie ge­bracht. Jetzt zwei­felt er an die­ser Kar­rie­re und an sei­nem bis­he­ri­gen Le­ben. War al­les nur „ei­ne Par­odie sei­ner Träu­me“?

Sei­ne Toch­ter stu­diert in Spa­ni­en und mel­det sich nur sel­ten, sei­ne Frau ar­bei­tet in Ber­lin und ruft manch­mal an. Bei­de ha­ben sich von ih­rem Ver­sor­ger eman­zi­piert, sie sind aus dem Haus, in dem die­ser noch lebt noch da zu im pro­vin­zi­el­len Bonn. Das ent­behrt nicht ge­wis­ser Iro­nie, die Thome auch in der Fi­gur Hain­bachs auf­schei­nen lässt.

Da macht ei­ne ver­meint­lich zwei­te Chan­ce Hain­bach sei­ne Un­zu­frie­den­heit be­wusst. Vor der Ent­schei­dung sei­ne Pro­fes­sur zu­guns­ten ei­ner neu­en Stel­le im un­si­che­ren Ver­lags­we­sen auf­zu­ge­ben flieht Hain­bach auf ei­ne Rei­se. Sie führt ihn zu­nächst nach Pa­ris, wo er Sand­ri­ne trifft, sei­ne gro­ße Lie­be wäh­rend der Se­mes­ter in Ame­ri­ka. Spä­ter er­reicht er ei­nen Ort an der süd­fran­zö­si­schen At­lan­tik-Küs­te, wo ein ehe­ma­li­ger Kol­le­ge und Freund, sei­ne Pro­fes­sur ge­gen ei­ne Strand­bar ein­ge­tauscht hat.

Hain­bach wägt die neu­en Le­bens­mo­del­le der al­ten Freun­de ge­gen sein ei­ge­nes ab, im Ver­lauf sei­ner ihn aus­ge­rech­net nach Sant­ia­go de Com­pos­te­la füh­ren­den Sinn­su­che be­geg­nen ihm noch wei­te­re. Auch sei­ne Rück­bli­cke er­zäh­len von Per­so­nen, die völ­lig an­ders le­ben als er. Hain­bach denkt an die „klei­ne, dum­me Ruth“, sei­ne jün­ge­re Schwes­ter, der in der hes­si­schen Hei­mat mit Mann, Haus und Zwil­lin­gen ein für ihn kaum nach voll­zieh­ba­res klein­bür­ger­li­ches Le­ben glückt. Ei­ner die­ser Nef­fen wählt spä­ter den ge­ra­den Weg mit aka­de­mi­scher Kar­rie­re, Ehe und Kind, wäh­rend der an­de­re das Aben­teu­er der wech­seln­den Chan­ce sucht.

Wie Hain­bach im Spie­gel all die­ser zu­rück­lie­gen­den und ak­tu­el­len Er­fah­run­gen sei­ne bis­he­ri­ge Le­bens­wei­se be­wer­tet und ob es für ihn, für sein Glück ei­ne zwei­te Chan­ce gibt, da­von han­delt die­ser Ro­man. Man kann ihn auch als Ab­bild der mo­men­ta­nen ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se le­sen. Über die Kri­se der mies ge­lun­ge­nen Uni­ver­si­täts­re­form, der des Ver­lags- und Kul­tur­we­sens ins­ge­samt, über die schwie­ri­ge Stel­lung der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten im Ge­gen­satz zu neu­en Pra­xis na­hen Stu­di­en­fä­chern, greift Thome auch das The­ma trans­na­tio­na­ler Fa­mi­li­en und of­fen ge­leb­ter gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be auf. Wie be­reits in sei­nem ers­ten Ro­man Grenz­gang spie­len Hei­mat und Frem­de ei­ne Rol­le. Auch der Rück­blick auf die Deut­sche Ver­gan­gen­heit fehlt nicht. Viel­leicht ein biss­chen viel für ei­nen knapp fünf­hun­dert Sei­ten lan­gen Ro­man, der mich zwar wäh­rend der Lek­tü­re kei­ne Län­gen ver­spü­ren, aber den­noch in­dif­fe­rent ließ.

Viel­leicht lag es dar­an, wie die Fi­gur Hain­bach die Frau­en sei­nes Le­bens be­ur­teilt. So­fern es sich um Haus­frau­en han­delt, wer­den sie als treu­sor­gend, lieb aber dumm dar­ge­stellt, so schätzt er sei­ne Mut­ter und Schwes­ter, aber auch die por­tu­gie­si­sche Schwie­ger­mut­ter ein. Auch der ge­lieb­ten Toch­ter droht, kaum der vä­ter­li­chen in­tel­lek­tu­el­len Sphä­re ent­ron­nen, sei­ner An­sicht nach, die Do­mi­nanz der les­bi­schen Le­bens­ge­fähr­tin und geis­ti­ge Ver­fla­chung. Die­se er­litt einst auch sei­ne Frau, die als de­spe­ra­te House­wi­fe hos­pi­ta­li­siert ih­rem Hirn nur noch die Schick­sa­le ih­rer Se­ri­en­schwes­tern zu­mu­ten konn­te. Die Ver­blüf­fung des Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors über die Ent­de­ckung des Vi­deo­ver­stecks sei­ner Gat­tin mag noch ver­ständ­lich sein, es aber auf den letz­ten Sei­ten der Selbst­su­che zum scho­ckie­ren­den Er­leb­nis ei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe zu sti­li­sie­ren, wirkt un­frei­wil­lig komisch.

Das En­de bleibt of­fen und so be­steht für Hain­bach die Chan­ce sich trotz Pro­fes­so­ren­bür­de ein­mal lo­cker zu ma­chen, not­falls mit ei­nem zwei­ten Joint, und für Ma­ria trotz Er­werbs­lo­sig­keit mal ein gu­tes Buch zu le­sen, not­falls ein we­ni­ger gutes.

Ste­phan Thome be­fin­det sich mit Flieh­kräf­te auf der Short­list zum Deut­schen Buch­preis 2012, es be­steht Aus­sicht auf den Gewinn.

Ste­phan Thome, Flieh­kräf­te, Suhr­kamp Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Nachtrag zu Angelika Meier, Heimlich, heimlich mich vergiss

An­ge­li­ka Mei­er ver­wen­det in ih­rem Ro­man Heim­lich, heim­lich mich ver­giss vie­le Zi­ta­te und Ver­wei­se, die durch ihr kur­si­ves Schrift­bild her­vor­ge­ho­ben sind. Lei­der be­sitzt das Buch kei­nen An­hang mit Er­läu­te­run­gen. Man­che Zi­ta­te las­sen sich oh­ne Wei­te­res zu­ord­nen, bei an­de­ren hilft die Recherche.

Für al­le Le­ser, die eben­so neu­gie­rig wie ich sind, ha­be ich ein klei­nes Ver­zeich­nis längst nicht al­ler Ver­wei­se zusammengestellt.

Wer die­ses er­gän­zen möch­te, ist zu ei­nem Kom­men­tar eingeladen.

Ver­zeich­nis:

I’vee co­me to ha­te my body

And all tha it re­qui­res in this world

I’d li­ke to know completely

What others so dis­creet­ly talk about

Vel­vet Un­der­ground, Can­dy Says

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Al­les schweigt;

Nur das Schwar­ze Meer rauscht.

Al­les ist klar, al­les ist weiß ringsum.

 

Schön bist du, Tau­ri­ens Gestade,

wenn vor dem Schiff im Morgenstrahl

du auf­steigst aus dem Meerespfade,

wie ich dich sah zum erstenmal.

Alex­an­der Ser­ge­je­witsch Puschkin

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Man bit­tet stets um Ver­ge­bung, wenn man schreibt.

Jac­ques Derrida

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Un­ter dem Blick Dei­ner Au­gen bin ich mir zur Fra­ge ge­wor­den, und das ist mein Elend.

Ich will nach­lau­fen die­ser Stim­me, bis ich dich fas­sen kann.

Gib mir Keusch­heit und Ent­halt­sam­keit, nur gib sie nicht schon jetzt.

Des­halb hat­te ich Streit mit mir und spal­te­te mich von mir.

Nimm es, lies es!

Ab­scheu­lich war sie, und ich lieb­te sie; ich lieb­te es zu ver­kom­men, ich lieb­te mei­ne Sün­de: nicht das, wo­nach ich in der Sün­de griff, son­dern mein Sün­di­gen selbst.

…mei­nem An­ge­sicht ge­gen­über, da­mit ich sä­he, wie häss­lich ich sei, wie ver­krüp­pelt und schmut­zig, voll Su­del und Ge­schwür. Und ich sah es und schau­der­te, und es war nicht, wo­hin ich hät­te vor mir flie­hen kön­nen. Und wenn ich ver­such­te, den An­blick von mir ab­zu­schla­gen: Du stell­test mich aber­mals ge­gen mich und dräng­test mich mei­nen Au­gen auf, da­mit ich mei­ne Schuld er­ken­nen und has­sen sollte.

Denn dies war des Gan­zen Sinn: Nicht­wol­len soll­te ich, was ich woll­te und wol­len, was du wolltest.

Wo­hin aber soll mein Herz flie­hen vor dem ei­ge­nen Herzen.

Au­gus­ti­nus, Confessiones

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Die Was­ser­not lehrt zau­bern und beten.

Aby War­burg

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What a dif­fe­rence a day made

Twen­ty-four litt­le hours

And that dif­fe­rence is you

Stan­ley Adams

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Wie ist die Welt so stille,

Und in der Däm­me­rung Hülle

So trau­lich und so hold!

Als ei­ne stil­le Kammer,

Wo ihr des Ta­ges Jammer

Ver­schla­fen und ver­ges­sen sollt.

Mat­thi­as Clau­di­us, Abendlied

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Weh mir, ich bin ei­ne Nuance

Fried­rich Nietzsche

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Ei­ne Träg­heit, ei­ne Schwer­be­weg­lich­keit der Li­bi­do, die ih­re Fi­xie­run­gen nicht ver­las­sen will, kann uns nicht will­kom­men sein.

Sig­mund Freud

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Kill your idols

Kill your idols

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Wer im­mer stre­bend sich be­müht, den wer­de ich auch (nicht) erlösen.

Jo­hann Wolf­gang von Goe­the, Faust

Dr. Er­le­king – Erlkönig

Jo­hann Wolf­gang von Goe­the, Erlkönig

Gen Ita­li­en, Genitalien

Goe­the­kalau­er von Ar­no Schmidt

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Je­der ist ei­ne Insel

Matthew Ar­nold, To Marguerite

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Zer­fal­len ist die Rin­de, die mich trug.

Pan­ze­rung und Adlerflug

Manch­mal rauscht es: wenn du zer­bro­chen bist.

Ei­ne Hin­ge­bung trat in ihn, ein Ver­lust von letz­ten Rech­ten, still bot er die Stirn, laut klaff­te ihr Blut.

Gott­fried Benn, Gehirne

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Eve­lyn

Als Män­ner­na­me, viel­leicht ein Be­zug auf den Zy­ni­ker und Schrift­stel­ler Eve­lyn Waugh (1903–1966), der in sei­nem Werk die Sinn­lo­sig­keit des mensch­li­chen Han­delns vertritt.

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Tal­king cure

Ge­sprächs­the­ra­pie ge­gen die Hys­te­rie, urspr. an­ge­wandt von Jo­sef Breu­er wäh­rend der Be­hand­lung sei­ner Pa­ti­en­tin An­na O., Wei­ter­ent­wick­lung durch Sig­mund Freud

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Le mieux est l’ennemi du bien

Vol­taire, Phi­lo­so­phi­sches Ta­schen­wör­ter­buch, Übers. d. ita­lie­ni­schen Sprich­worst „Il me­glio è l’inimico del be­ne“ (Das/der Bes­se­re ist der Feind des Guten)

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Fe­tisch­cha­rak­ter

Karl Marx

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Nach­gie­bi­ge Mit­te in mir, Kern voll Schwä­che, der nicht sein Frucht­fleisch enthält.

Und hob sich auf und konn­te nicht mehr sein.

Rai­ner Ma­ria Ril­ke, Narziss

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Cells that fire to­geh­ter, wire togehter.

Do­nald Ol­ding Hebb

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And it burns, burns, burns, the ring of fire, the ring of fire

John­ny Cash

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Herz am falschen Fleck

Fabelhafte Konfabulationen in Angelika Meiers „Heimlich, heimlich mich vergiss

Ja, wer­fen Sie noch ei­nen letz­ten Blick zu­rück, schau­en Sie nur, Dok­tor, da oben ha­ben wir Hy­per­bo­re­er ge­lebt, in azur­ner Ein­sam­keit, in Hö­hen, die kein Vo­gel je er­flog, auf dem Dach der kli­ni­schen Welt, um Er­lö­sung vom Ekel zu fin­den. Und ist es nicht schön, dass die­ses Dach zu­gleich auch schon das gan­ze Haus, par­don die gan­ze Welt war?“

Die­ser Satz, der ge­gen En­de fällt, for­mu­liert das Set­ting des Ro­mans. An ei­nem ent­ho­be­nen Ort, ei­ner als Well­ness-Ashram ge­tarn­ten psych­ia­tri­schen Kli­nik, le­ben Pa­ti­en­ten und Ärz­te in ei­gen­tüm­li­cher Sym­bio­se. Ab­ge­schot­tet von der üb­ri­gen Welt, so­fern sie noch exis­tiert, ver­brin­gen sie ih­re Ta­ge nach salut­o­ri­schen Maß­stä­ben. Yo­ga steht auf der Ta­ges­ord­nung ganz oben, die Lauf­bän­der im hell­ro­sa Am­bi­en­te ei­nes Ok­ta­gons. Abends wird stil­voll ge­speist, tags­über be­ru­hi­gen sich die Be­treu­ten mit Rha­bar­ber-Opi­um, die Be­treu­er mit ei­ner Zi­ga­ret­te. Zwi­schen dem Sport, wird Stim­men­hö­ren oder Sex ver­ord­net. Falls es gar nicht mehr geht, be­gibt man sich zwecks In­spek­ti­on zum Kern­ana­tom oder di­rekt auf die letz­te Reise.

In die­ser Welt dok­tert Franz von Stern. Ganz auf sich al­lein ge­stellt ist er al­ler­dings nie. Sein ste­ter Be­glei­ter ist ein Re­fe­rent, Er­geb­nis ei­nes im­plan­tier­ten Über-Ichs, ein per­sön­li­cher Re­gu­la­tor, der den ge­ord­ne­ten Be­trieb durch­führt. Die­ser soll die Er­star­kung des al­ten Egos mit al­len sei­nen Er­in­ne­run­gen ver­hin­dern, wäh­rend Stern doch ge­ra­de dar­in her­um­wühlt um ei­nen gu­ten ers­ten Satz für den von der Kli­nik­lei­tung ge­for­der­ten Ei­gen­be­richt zu finden.

An­ge­li­ka Mei­er schil­dert in ih­rem zwei­ten Ro­man ei­ne Ge­sund­heits­dys­to­pie, de­ren Be­woh­ner nicht nur me­di­zi­nisch über­wacht und durch­leuch­tet wer­den. Dies un­ter­nimmt die pro­mo­vier­te Phi­lo­so­phin auf äu­ßerst an­re­gen­de Wei­se. Quer­ver­wei­se und Zi­ta­te aus al­len Be­rei­chen der Kul­tur­ge­schich­te for­dern den Le­ser und be­rei­ten gro­ßes Lesevergnügen.

Be­reits die Na­men der an­we­sen­den Göt­ter in Weiß amü­sie­ren. Wenn Dr. Tulp, „der bes­te Kern­ana­tom der kli­ni­schen Welt“, den Brust­korb zum Me­diat­or­check öff­net, fühlt man sich un­wei­ger­lich in die Haar­le­mer Ana­to­mie ver­setzt, die Rem­brandt einst ab­bil­de­te. Rem­brandts Tulp se­ziert ei­nen To­ten, auch die Kör­per un­ter dem Skal­pell von Mei­ers Tulp ha­ben kaum noch Le­ben in sich. Die ge­bro­che­nen Her­zen wur­den zwi­schen Där­me ge­bet­tet und durch ein Me­dia­tor-Sys­tem ersetzt.

Le­dig­lich bei Stern scheint die­ses nicht mehr rund zu lau­fen, er träumt so­gar sein frü­he­res Le­ben. Ver­stärkt wird dies durch die Be­geg­nung mit ei­ner neu­en, am­bu­lan­ten Pa­ti­en­tin, die er als sei­ne frü­he­re Frau er­kennt. Grund ih­rer Ein­wei­sung ist ei­ne aku­te man­geln­de Ge­sund­heits­ein­sicht und ein durch und durch sym­pa­thi­sches Ner­ven­sys­tem. Nach und nach wer­den auf dem Klinik­hü­gel wei­te­re Fa­mi­li­en­ban­de er­kenn­bar, Sohn, Groß­va­ter und Groß­mutter, die reins­te Idyl­le. Doch die­ser will Stern ent­flie­hen, weil sie eben nicht ge­lebt wer­den kann.

An­ge­li­ka Mei­ers Ro­man stellt für mich die kom­ple­xes­te Lek­tü­re seit lan­gem dar. In der An­la­ge ih­rer schi­zo­id an­mu­ten­den Fi­gur Stern er­gibt sich ei­ne dop­pel­te Er­zähl­per­spek­ti­ve. Mal be­rich­tet der Re­fe­rent, mal fühlt und er­in­nert der wah­re Stern. So ent­ste­hen  Rück­blen­den, in de­nen sich ver­meint­lich re­al Ge­sche­he­nes mit sur­re­al wir­ken­den Sze­nen ver­mischt. Mei­ers Spra­che ist geist­reich und fa­bel­haft for­mu­liert. Mit man­nig­fal­ti­gen Re­fe­ren­zen setzt sie ih­re Sa­ti­ren in ab­sur­des Licht. Dies for­dert und amü­siert zu­gleich. Kur­siv ge­setzt fin­den sich Zi­ta­te von Au­gus­ti­nus, der Bi­bel, Marx, Pusch­kin, Ril­ke und an­de­ren. Mit Ar­no Schmidt ka­lau­ert sie Goe­thes Ita­li­en­sehn­sucht zu Gen-ita­li­en. Ei­ne be­son­de­re Re­fe­renz er­weist die Au­torin Gott­fried Benn. Sie zi­tiert nicht nur vie­le sei­ner Wer­ke, sei­ner No­vel­le Ge­hir­ne schei­nen die hoch oben ge­le­ge­ne Kli­nik und der jun­ge Arzt entlehnt.

Mei­er ent­wi­ckelt in ih­rer Dys­to­pie ei­ne un­ge­heu­re Viel­falt an Hand­lungs- und Wort­ideen. Zwi­schen Hal­lod­rie­ge­dächt­nis und Him­mel­was­ser­blau ver­mischt sie irr­wit­zi­gen Me­di­zin­jar­gon mit The­ra­peu­ten­ge­fa­sel. Ein schö­ner Spott über den heil­brin­gen­den Ge­sund­heits­glau­ben und sei­ne Jün­ger. Er stößt je­doch im La­chen be­reits so bit­ter auf wie zu viel Opi­um-Rha­bar­ber-Saft. Die­ser galt üb­ri­gens an­no 1814 als Mit­tel ge­gen die Ruhr.  Dar­über kann man bei der Re­cher­che la­chen, vor­her, al­so wäh­rend des Le­sens lacht man laut und ga­ran­tiert über die Qual­len­pest der Aqua­gym­nas­tik und den am Be­cken­rand vor­tur­nen­den Arzt. Erst recht über Pfle­ger Pflü­gers Fuß­re­flex­zo­nen Fel­la­tio. So­wie schließ­lich und end­lich über die grün­schwarz tä­to­wier­ten schlan­gen­glei­chen Ar­me des Schlaf­for­schers und Wa­ch­of­fi­ziers Dr. Dan­ke­vicz, der sei­ne wah­re Be­ru­fung in der Phal­lo­lo­gie fand.

Ei­ne klit­ze­klei­ne Kri­tik ha­be ich den­noch an die­sem Buch, wel­ches ich si­cher­lich noch ein­mal le­sen wer­de, da ich längst nicht al­les ver­stan­den ha­be. As­kle­pi­os, der grie­chi­sche Gott der Heil­kunst, und so­mit in die­sem Ro­man gut plat­ziert auf S. 32, be­saß zwar den Stab mit der Schlan­ge, ei­gent­lich war er ja selbst ei­ne, aber ganz be­stimmt wur­de er nicht mit sei­nen bei­den Söh­nen, die er nicht be­saß, von Schlan­gen er­würgt. Das war Lao­ko­on, den As­kle­pi­os hat Zeus blitz­schnell er­le­digt mit ei­nem Schlag.

An­ge­li­ka Mei­er, Heim­lich, heim­lich mich ver­giss, dia­pha­nes, Zü­rich, 1. Aufl. 2012
 

Vor­läu­fi­ges Ver­zeich­nis der Zitate

 

Von Bücherwürmern und anderem Unbill

Neuauflage des historischen Werkes „Bücherfeinde“ verfasst von William Blades

In der eng­li­schen Über­set­zung der Bi­bel von 1551 heißt es in Psalm 91,5: „Du sollst dich nicht fürch­ten vor ir­gend­ei­nem Kä­fer bei Nacht:“ Die­ser Vers ver­hallt un­ge­hört in den Oh­ren west­li­cher Bi­blio­the­ka­re, die ih­re Kä­fer so­wohl tags als auch nachts fürch­ten, denn sie krab­beln in hells­tem Son­nen­licht über al­les und in­fi­zie­ren je­de Ecke und Rit­ze der Bü­cher­re­ga­le, die sie als ih­re neue Hei­mat aus­er­ko­ren ha­ben. Es gibt ein Ge­gen­mit­tel in Form ei­nes Pu­ders, das In­sek­ti­zid heißt, auf Bü­chern und Re­ga­len al­ler­dings sehr un­an­ge­nehm ist. Nichts­des­to­we­ni­ger hat es auf die­se Schäd­lin­ge ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen. Au­ßer­dem sei zur Be­ru­hi­gung ge­sagt, dass das In­sekt, so­bald es ir­gend­wel­che An­zei­chen von Krank­heit an der Tag legt, von sei­nen un­er­sätt­li­chen Mit­brü­dern mit dem­sel­ben Ge­nuss ver­zehrt wird wie fri­scher Kuchenteig.“

Vor Scha­ben und Bü­cher­wür­mern wer­den sich mo­der­ne eBook-Be­sit­zer wohl kaum fürch­ten, um­so mehr der tra­di­tio­nel­le User des Pa­pier­me­di­ums und erst recht der Ge­bil­de­te ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te. In ei­nem sol­chen, ge­nau­er dem vor­letz­ten und da­mit Neun­zehn­ten leb­te und ar­bei­te­te Wil­liam Blades (1824–1890) als Buch­dru­cker und Re­stau­ra­tor. Als Lieb­ha­ber al­ter und neu­er Bü­cher ver­fass­te er 1888 ein Pam­phlet un­ter dem Ti­tel „The En­emies of Books“. Die­ses wur­de jetzt von der Wis­sen­schaft­li­chen Buch­ge­sell­schaft neu auf­ge­legt un­ter dem Her­aus­ge­ber Ha­rald Haar­kö­ter, dem es auch Über­set­zung und Ein­füh­rung verdankt.

Wer dar­in je­doch die Iden­ti­tät des land­läu­fig als Bü­cher­wurm be­ti­tel­ten Schad­in­sekts sucht, wird nicht er­folg­reich sein. Dem Quer­le­ser wird zwar ei­ne der­ar­tig be­ti­tel­te Zeich­nung von Ro­bert Hoo­kes aus dem Jahr 1665 ins Au­ge fal­len. Doch vor und hin­ter die­ser Ab­bil­dung steht ge­schrie­ben, daß es sich um ein ge­mei­nes Sil­ber­fisch­chen han­delt. Auch die­ses pflegt sich manch­mal in Bü­chern zu tum­meln, rich­tet aber we­nig Übel an.

Der Bü­cher­wurm exis­tiert folg­lich nicht, er taugt nur als lai­en­haf­ter Ober­be­griff für ein gan­zes Pan­op­ti­kum fa­ser­fres­sen­der Vie­cher. Grau­sig ge­nug bil­den die­se je­doch nur ei­nen klei­nen Teil all der Pla­gen und Wid­rig­kei­ten, de­nen Bü­cher vor über hun­dert Jah­ren aus­ge­setzt wa­ren. So al­ter­tüm­lich man­che der Ge­fah­ren an­mu­ten, so ak­tu­ell er­schei­nen ei­ni­ge noch heu­te. Ne­ben­bei stößt man auf his­to­ri­sche Fund­stü­cke und lernt ei­ni­ges über be­rühm­te Wer­ke his­to­ri­scher Typographie.

Blades glie­der­te sei­ne Ab­hand­lung in zehn Ka­pi­tel, wel­che die zehn größ­ten Bü­cher­fein­de be­nen­nen. Dar­un­ter ne­ben den Ur­ge­wal­ten „Feu­er“ und „Was­ser“, auch „Gas und Hit­ze“, die mensch­li­chem Miss­brauch zu­zu­ord­nen­den „Staub und Ver­nach­läs­si­gung“, „Igno­ranz und Fa­na­tis­mus“. Er ent­larvt Schäd­lin­ge aus der Tier­welt „Der Bü­cher­wurm“ und „An­de­re Schäd­lin­ge“, so­wie mensch­li­che, „Buch­bin­der“, „Samm­ler“, „Dienst­bo­ten und Kin­der“.

Ge­lehrt und in amü­san­tem Ton­fall schreibt Blades ge­gen sie an. Er schil­dert die Ge­fahr der ers­ten Glüh­bir­nen, die in der Bi­blio­thek des Bri­ti­schen Mu­se­ums fun­ken­sprü­hend Lek­tü­re und Le­ser Brand­wun­den zu­füg­ten. Da die Al­ter­na­ti­ve Dun­kel­heit und da­mit Le­se­ver­zicht be­deu­tet hät­te, nahm der Bi­blio­phi­le das Ri­si­ko in Kauf.

Wir er­fah­ren, daß der Gold­schnitt nicht nur als Zier son­dern ei­gent­lich dem Staub­schutz dien­te und le­sen von ba­nau­sen­haf­ten Bi­blio­the­ka­ren in alt­ehr­wür­di­gen Col­lege­bi­blio­the­ken. Nicht nur die­sen wa­ren ih­re Schutz­be­foh­le­nen schnup­pe, noch üb­ler spiel­ten ge­wief­te Ver­wer­ter den Schrif­ten mit, die sie als Zünd­ma­te­ri­al oder Klo­pa­pier schän­de­ten. Doch Blades lobt in­mit­ten die­ser Hor­ror­mel­dun­gen auch die hel­den­haf­ten Ken­ner, die um den Wert der Tex­te wuss­ten und so man­ches Klein­od vor Scha­fott und Klo­sett retteten.

Herz­zer­rei­ßend er­schei­nen die Be­mü­hun­gen des Au­tors um sei­ne Wurm­brut. Um den Feind zu iden­ti­fi­zie­ren, sam­mel­te er Lar­ven, wo sie ihm zwi­schen den Sei­ten be­geg­ne­ten, und setz­te sie in klei­ne Schach­teln. Dort be­ob­ach­te­te er ei­nen „mit jü­di­scher Über­lie­fe­rung voll­ge­stopf­ten grie­chi­schen Wurm“, füt­ter­te an­de­re mit Boe­thi­us-Frag­men­ten und Cax­t­on-Schnip­seln. Meist ver­star­ben sie schon nach we­ni­gen Wo­chen. Nur der Grie­che „gab sein Le­ben mit ex­tre­mer Ver­zö­ge­rung auf und ver­starb in­nig­lich be­trau­ert von sei­nem Hal­ter, der sich sehr auf sei­ne end­gül­ti­ge Ent­wick­lung ge­freut hät­te.“ Bes­ser ge­lingt dem For­scher ei­ne for­mi­da­ble Wurm­sta­tis­tik über Ka­li­ber und Durch­hal­te­ver­mö­gen der Wür­mer und trös­tet uns heu­ti­ge Noch-Buch­le­ser mit der Fest­stel­lung, daß mo­der­nes Pa­pier den Schäd­ling ekele.

In den fol­gen­den Ka­pi­teln wen­det Blades sich dem Mensch als Schäd­ling zu. An ers­ter Stel­le nennt er die Buch­bin­der. Die Dru­cker hin­ge­gen spart er aus, nicht weil sie un­schul­dig wä­ren, son­dern weil Blades nicht als Nest­be­schmut­zer gel­ten möch­te. Da­bei hat­te er si­cher­lich auch für sei­ne Be­rufs­ge­nos­sen schon ei­ne dantesk’sche Be­stra­fung er­son­nen. Die Buch­bin­der, de­ren Un­tat die star­ke Rand­be­schnei­dung der Bü­cher sei, woll­te er am liebs­ten über de­ren ei­ge­nen Pa­pier­res­ten rösten.

Es fol­gen die Samm­ler, die Sau­ber­ma­cher und schließ­lich ei­ne Pla­ge, die wohl je­der schon er­lebt hat, die Kin­der. So­fort stimmt man Blades und mit ihm Ho­raz zu, „Gro­ßer Ekel schlägt auf den Ma­gen, wenn ein Kna­be Bü­cher mit fet­ti­gen Hän­den be­grapscht“.

Kennt­nis­reich er­läu­tert Hek­tor Haar­köt­ter zu Be­ginn Per­son und Werk Wil­liam Blades. Au­ßer die­ser 20-sei­ti­gen Ein­füh­rung nebst Bi­blio­gra­phie, er­stell­te er zu­dem ei­nen An­mer­kungs­ap­pa­rat. Das Buch sei Bü­cher­wür­mern und ih­ren Fein­den empfohlen.

Wil­liam Blades, Bü­cher­fein­de (1888), hrsg. u. übers. v. Hek­tor Haar­köt­ter, 1. Aufl. 2012 Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft Darmstadt