Mütter in Missouri

Gregor Hens sinniert in seinem Roman „Missouri“ über unterschiedliche Wahrnehmungen von Liebe

Zwi­schen den Zei­len im­mer die Fra­ge: Was der Mensch wahr­nimmt und was nicht. Wo ver­lau­fen die Gren­zen un­se­rer Welt? Dei­ner Um­welt, mei­ner Um­welt. Die Son­ne ist ein Him­mels­licht, las ich. Und der Him­mel ist ein Er­zeug­nis des Au­ges.“

Gre­gor Hens neu­er Ro­man „Mis­sou­ri“ kann auf vie­le Ar­ten ge­le­sen wer­den. Sein Ich-Er­zäh­ler, der 23-jäh­ri­ge Karl un­ter­rich­tet, wie Hens einst selbst, Deutsch an ei­ner ame­ri­ka­ni­sche Uni­ver­si­tät. In Ame­ri­ka er­hofft er sich ein „lich­tes Le­ben“, nach dem Auf­wach­sen im von Schuld und Dun­kel­heit ge­präg­tem Deutsch­land. Wir ver­fol­gen al­so die Ge­schich­te ei­nes Ein­wan­de­rers, die zu­gleich vom Er­wach­sen­wer­den er­zählt. Der Hand­lungs­ort macht den Ro­man zum Cam­pus­ro­man mit Stu­den­ten und Uni­que­re­len, gleich­zei­tig zu ei­nen Ame­ri­ka­ro­man, der vom Ge­gen­satz zu deut­schen Ver­hält­nis­sen be­rich­tet.

Sein vor­der­grün­di­ges The­ma je­doch ist das Schick­sal, was pa­the­tisch klingt. Pa­thos be­sitzt die ge­schil­der­te Lie­bes­ge­schich­te durch­aus, Gre­gor Hens er­zählt sie al­ler­dings oh­ne je­den Kitsch. Schon im ers­ten Satz er­fah­ren wir, daß die­se Lie­be nicht glück­lich en­det. Der mitt­ler­wei­le fünf­zig­jäh­ri­ge, wie­der in Köln le­ben­de Karl blickt zu­rück und lässt uns an die­sem „schlicht un­aus­weich­li­chen“ Ge­sche­hen teil­ha­ben. Als Be­weis für die Schick­sal­haf­tig­keit sei­ner Be­geg­nung mit der jun­gen Stu­den­tin Stel­la, gilt ihm de­ren Fä­hig­keit zur Le­vi­ta­ti­on. Für sie ist es kein wil­lent­lich her­bei­ge­führ­tes Kunst­stück, son­dern Aus­druck voll­kom­me­nen Glücks. Das un­glaub­li­che Phä­no­men er­schüt­tert Karls Welt­bild eben­so wie sein Ich, das sich ge­ra­de neu zu for­men be­gann.

Doch viel­leicht steckt in die­sem, in mei­ner Be­schrei­bung sehr ele­gisch an­mu­ten­dem Ro­man, noch ein ganz an­de­res Mo­tiv? Die Er­in­ne­run­gen des Er­zäh­lers gel­ten vor al­lem den Frau­en in sei­nem Le­ben. Stel­la, die er in sei­nem Se­mi­nar ken­nen­lernt und in die er sich ver­liebt. Stel­las Mut­ter Ja­net, die er zu­sam­men mit sei­ner neu­en Freun­din be­sucht und in die er sich fast ver­liebt. De­ren Zwil­lings­schwes­ter Jen­na, die die Ver­wir­rung kom­plett macht. Ne­ben die­sen zen­tra­len Frau­en­fi­gu­ren be­schäf­ti­gen ihn ver­gan­ge­ne Be­zie­hun­gen so­wie neue, die er in sei­nem neu­en, ame­ri­ka­ni­schen Le­ben knüpft.

Fast al­le die­se Frau­en sind Müt­ter. Das Mo­tiv zieht sich durch den Ro­man, in ihm liegt das Trau­ma der Haupt­fi­gur und de­ren Ver­hal­ten be­grün­det. Doch da­zu spä­ter mehr. Nach dem an­fäng­li­chen Ge­ständ­nis des ge­al­ter­ten Karls, be­glei­ten wir ihn bei sei­ner Rück­kehr in die USA im Jahr 1989. Karl hat­te in sei­ner Hei­mat Deutsch­land bis auf we­ni­ge Freun­de kaum emo­tio­na­len Rück­halt. Nach dem Tod sei­ner Mut­ter, hat­te sein Va­ter ihn in ein In­ter­nat ge­steckt. Erst­mals Ver­ständ­nis und Zu­ver­sicht er­fuhr er von sei­nen ame­ri­ka­ni­schen Gast­el­tern wäh­rend ei­nes Schü­ler­aus­tau­sches. Viel­leicht hoff­te Karl die­se Ge­füh­le wie­der­zu­fin­den, als er sei­ne Stel­le an der Co­lum­bia-Uni­ver­si­ty an­tritt? Tat­säch­lich trifft er von An­fang an auf gro­ße Hilfs­be­reit­schaft, sei es bei dem Im­biss­be­sit­zer Ras­heed oder Vi­to­ria und Jack, die ihn in den ers­ten Wo­chen auf­neh­men.

Die deut­sche Schau­rig­keit“ hat­te er hin­ter sich ge­las­sen, in sei­nem neu­en „hel­le­ren Le­ben“ leuch­tet bald Stel­la, sei­ne neue Lie­be. Es scheint ei­ne gro­ße Lie­be wer­den zu kön­nen, wie Karl im Rück­blick deu­tet. „Die Haut um die Nar­be war bei­na­he mein ge­sam­tes Le­ben taub ge­we­sen, jetzt kit­zelt sie auf ein­mal“, be­merkt er, als er end­lich mit Stel­la zu­sam­men­kommt, die ihr Um­welt­stu­di­um ih­ren Pro­to-Öko-El­tern und der deut­schen Um­welt­be­we­gung ver­dankt. Doch viel­leicht täuscht sich Karl? Wahr­neh­mun­gen kön­nen un­ter­schied­lich sein und sind schwer zu deu­ten, da­von ist Karl über­zeugt. „War­um“, dach­te er, „ist es so of­fen­sicht­lich und selbst­ver­ständ­lich, dass Tie­re in ih­ren ei­ge­nen, ra­di­kal ver­schie­de­nen Wel­ten le­ben (…) wäh­rend von uns Men­schen er­war­tet wird, dass wir al­le ge­nau die­sel­be, ab­so­lut de­ckungs­glei­che Welt be­woh­nen?“ Viel­leicht täuscht er sich auch in Ja­net? Viel­leicht miss­deu­tet er die ge­gen­sei­ti­ge An­zie­hung?

Ja­net ist Stel­las Mut­ter und Müt­ter spie­len ei­ne be­son­de­re Rol­le in die­sem Ro­man. Karl, des­sen Mut­ter un­ter De­pres­sio­nen litt, fühlt sich von ihr im Stich ge­las­sen. Auch Ja­net scheint ei­ne sol­che un­zu­ver­läs­si­ge Mut­ter zu sein, da sie sich in die Lie­bes­be­zie­hung ih­rer Toch­ter drängt. Wei­te­re un­müt­ter­li­che Müt­ter tre­ten auf. So führt das Wie­der­se­hen mit sei­ner einst­mals so em­pa­thi­schen Gast­mut­ter Chris­tie bei Karl zu ei­ner gro­ßen Ent­täu­schung. Und Vi­to­ria, die Karl in den ers­ten Wo­chen mit ih­rem Ehe­mann Jack wie ei­ne Er­satz­mut­ter auf­nimmt, lei­det an ih­rer miss­glück­ten Mut­ter­schaft. Die Mut­ter sei­ner Ju­gend­freun­din Kat­ja zer­bricht an ei­ner ge­schei­ter­ten Ehe und am Al­ko­hol. Ein­zig Stel­la, die, wie wir schon zu Be­ginn er­fah­ren, selbst ei­ne Toch­ter ha­ben wird, scheint ein po­si­ti­ves Mut­ter­schick­sal ge­gönnt. „Mis­sou­ri“ ist al­so auch ein Mut­ter­ro­man.

Der Mut­ter­spra­che ist der Ich-Er­zäh­ler qua Be­ruf ver­pflich­tet und der Au­tor lässt ihn in kla­ren Sät­zen, die mit­un­ter poe­ti­sche Kas­ka­den auf­wei­sen, er­zäh­len. „Ein Si­bi­lant ex­plo­diert zu ei­nem T., zwei Sil­ben flie­ßen in­ein­an­der, plät­schern, ei­nem Ge­birgs­bach gleich, über die glat­ten Fel­sen des zwei­fa­chen L und er­gie­ßen sich in den küh­len, kla­ren Teich ei­ner zu­tiefst fe­mi­ni­nen En­dung: Stel-la.“ Da­ne­ben fin­den sich Me­ta­phern, ger­ne aus der As­tro­phy­sik, mit­un­ter leuch­tet auch der Witz ei­nes Sprach­spiels.

Es gibt vie­les zu ent­de­cken in die­sem at­mo­sphä­risch dich­ten Ro­man, der die Deut­schen Acht­zi­ger eben­so we­nig au­ßer Acht lässt wie Li­te­ra­tur und Phi­lo­so­phie, aber im Grun­de ge­nom­men ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit un­ter­schied­li­chen Wahr­neh­mun­gen von Lie­be bie­tet.

Gre­gor Hens, Mis­sou­ri, Auf­bau Ver­lag 2019

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Das Haus am Hagebuttenberg

Barbara Zemans Debüt „Immerjahn“ ist eine Wunderkammer voll skurriler Geschichten

Es kam ihm noch im­mer un­wirk­lich vor, dass sei­ne Samm­lung, die so lang nur ihm ge­hört hat­te, jetzt auch für an­de­re sicht­bar sein soll­te. In un­ge­fähr zwei Wo­chen wür­de er hier an frem­den Per­so­nen vor­über­ge­hen. Sie wür­den hier ste­hen, ganz ge­nau wie er ge­ra­de auch, nur hof­fent­lich ein biss­chen ge­spann­ter, denn er, das dach­te er sich, wann im­mer er in der letz­ten Zeit durch die­se Sä­le ging, hat­te sich satt­ge­se­hen. Manch­mal er­schrak er über den Ver­dacht, dass er Kunst viel­leicht gar nicht mehr lieb­te, (…)“

Mit „Im­mer­jahn“ legt Bar­ba­ra Ze­man pünkt­lich zum Bau­haus-Ju­bi­lä­um ei­nen Ro­man vor, in des­sen Mit­tel­punkt ein Werk des Ar­chi­tek­ten Mies van der Ro­he steht. Er­rich­tet wur­de der Bau auf dem Ha­ge­but­ten­berg, ei­ner Er­he­bung, de­ren stei­ni­ger Bo­den einst nur Dorn­ge­strüpp zu­ließ. Jetzt wächst noch nicht ein­mal Un­kraut dort, wo sich in­mit­ten von Stein­wie­sen und Kies­we­gen die schlich­te Stren­ge der Vil­la im Was­ser ei­nes groß­zü­gi­gen Bas­sins spie­gelt.

Die­ser Be­ton ge­wor­de­ne Traum ei­nes Ze­ment­moguls rea­li­siert von ei­nem der be­rühm­tes­ten Ar­chi­tek­ten sei­ner Zeit zeigt, was es heißt, stein­reich zu sein. Ein Ro­man, der in ei­nem der­ar­tig kunst­vol­len und nicht oh­ne Iro­nie kon­stru­ier­ten Ha­bi­tat spielt, ver­spricht amü­san­te Lek­tü­re. Auch wenn sein Ti­tel „Im­mer­jahn“, wie der jüngs­te Spross der Fa­bri­kan­ten­dy­nas­tie schlicht ge­nannt wird, an­de­re As­so­zia­tio­nen her­vor­ruft. Klingt er doch kaum nach Reich­tum und mon­dä­nem Ge­ha­be, son­dern nach Gut­mü­tig­keit und Lar­mo­yanz. Dies trifft den Cha­rak­ter der Fi­gur, der auch der Vor­na­me Gott­hold kei­ne be­son­de­re Gunst hö­he­rer Mäch­te be­schert. Im­mer­jahn lässt sich auf der Na­se her­um­tan­zen und weiß nicht, sich zu weh­ren. Das Ge­strüpp aus Er­in­ne­run­gen und Er­war­tun­gen scheint ihn un­barm­her­zig an den Ort zu fes­seln, wo einst die Ha­ge­but­ten herrsch­ten.

Da bahnt sich ei­ne Ver­än­de­rung an. Im­mer­jahn möch­te sei­ne Bau­haus-Vil­la mit ein­drucks­vol­ler Pri­vat­samm­lung der Öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich ma­chen. Wäh­rend er im Ober­ge­schoss re­si­diert, soll das Erd­ge­schoss zum Mu­se­um wer­den. Doch die Hand­wer­ker sind weg und es blei­ben nur noch we­ni­ge Ta­ge bis zur of­fi­zi­el­len Er­öff­nung. Die Nö­te, Ge­dan­ken und Er­in­ne­run­gen des Be­sit­zers Gott­hold Im­mer­jahns prä­gen das Ge­sche­hen.

Geld ist kei­ne Ga­ran­tie für Glück, lau­tet ei­ne ver­meint­li­che Weis­heit die­ses Ro­mans. Geld prägt aber das We­sen und die Er­schei­nung der Fi­gu­ren eben­so wie das Ge­bäu­de. Des­sen In­ne­res ist mit Kunst und Ku­rio­sa zum Bers­ten ge­füllt. Den Grund­stein für die Kunst­samm­lung leg­te sein Groß­va­ter, Im­mer­jahn setzt die Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on fort. Aus Lei­den­schaft und noch mehr aus Pflicht­be­wusst­sein und dem Be­dürf­nis, et­was von dem im Über­maß vor­han­de­nen Geld los zu wer­den. Be­son­de­ren Ge­fal­len fin­det er an Wer­ken der Klas­si­schen Mo­der­ne. Im­mer­jahn, der schon als Zwölf­jäh­ri­ger kunst­his­to­ri­sche Li­te­ra­tur ver­schlang und sich spä­ter selbst als Künst­ler ver­such­te, hat ei­nen Blick für Kunst, seit­dem ei­ne Krank­heit sei­nen Au­gen son­der­ba­re Sen­si­bi­li­tät ver­lieh. Doch durch all die un­ter­schied­li­chen Ob­jek­te, Ge­mäl­de, Iko­nen, Me­mo­ra­bi­li­en, Skulp­tu­ren und Eth­no­gra­phi­ca, nicht zu ver­ges­sen ei­nem aus­ge­stopf­ten Gnu, schien ihm, „dass sein Haus eher ei­ner Wun­der­kam­mer denn ei­nem Mu­se­um glich“. Auch weil er sich schon lan­ge nicht mehr dar­über wun­dern kann, will er sie öff­nen, und so vom frem­den Stau­nen wie­der das ei­ge­ne ler­nen. Ob bei­des ge­lingt, ist Span­nungs­bo­gen und An­triebs­fe­der des Ro­mans.

Wäh­rend Im­mer­jahn und sei­ne Frau Kat­ka mit dem Dau­er­gast Holm, der Haus­häl­te­rin und ih­rem Mann die not­wen­di­gen Ar­bei­ten im­mer wie­der auf­schie­ben — die Hand­wer­ker wa­ren ei­ner sel­te­nen Spon­ta­ni­tät Im­mer­jahns zum Op­fer ge­fal­len – sin­niert Im­mer­jahn über sei­ne Be­zie­hung zu Kat­ka. Sie ha­ben sich von ein­an­der ent­fernt in letz­ter Zeit, nicht nur in­ner­lich, was Kat­ka an­geht. Als sie sich ken­nen­lern­ten, saß Kat­ka Mo­dell bei Fritz­wal­ter, Künst­ler und Im­mer­jahns bes­tem Freund. Wie sei­ne Ehe so ist auch sei­ne Freund­schaft zu Fritz­wal­ter ab­ge­kühlt, wes­halb er es ver­wirft,  Fritz­wal­ter, Self­made-Fach­mann für Re­no­vie­run­gen al­ler Art, als Er­satz für die ent­lau­fe­nen Hand­wer­ker an­zu­heu­ern. Das am En­de der Ge­schich­te, Kat­ka bei Fritz­wal­ter lan­det, und die­ser die Vil­la er­öff­nungs­reif macht, sind zwei ab­seh­ba­re Mo­men­te.

Man könn­te mir vor­wer­fen, ich hät­te nun schon al­les ver­ra­ten, doch die Per­so­nen sind in die­sem Ro­man nicht die her­aus­ra­gen­den Ele­men­te. Dies sind die Kunst­wer­ke, die in ho­hem Takt auf den Sei­ten er­schei­nen. Das Buch selbst wird so zu ei­ner Samm­lung, ei­ner mul­ti­me­dia­len, denn ne­ben Ar­chi­tek­tur und Bil­den­der Kunst, fin­den sich Mu­sik, Film und Li­te­ra­tur. Man mag sich Bild­bän­de griff­be­reit le­gen oder Na­men, wie den des be­rühm­ten Samm­lers und Kunst­his­to­ri­kers Ber­nard Be­ren­son, re­cher­chie­ren, für die bes­ten Ar­te­fakt be­nö­tigt man kei­ne Se­kun­där­li­te­ra­tur. Es han­delt sich um die skur­ri­len Ge­schich­ten, die Ze­man in ih­re Hand­lung ein­streut. Et­wa die von Im­mer­jahns Ur­groß­va­ter Vick­tor, der das Feld­bett „Vickto­ry“ er­fand, wel­ches sich prä­gend für die wei­te­ren Ge­schi­cke der Fa­mi­lie er­wei­sen wird. Oder wie Frau Man­zur, die Haus­häl­te­rin, die Au­gen­ent­zün­dung des klei­nen Gott­hold auf ei­ne ar­chai­sche Wei­se heilt, die an Beuys Fett­ver­eh­rung er­in­nert. Oder die Ge­schich­te des Ha­ge­but­ten­bergs, die im Ton al­ter Le­gen­den von ei­ner Frau er­zählt, die wie­der jung wer­den möch­te. So wie der Ha­ge­but­ten­berg selbst, der sich am En­de die­ser Ge­schich­te als Sam­mel­be­cken his­to­ri­scher Re­lik­te er­weist, so ist der Ro­man selbst ei­ne Samm­lung skur­ri­ler Sto­ries, an de­nen ich mei­ne Freu­de hat­te.

Die Fi­gu­ren hin­ge­gen tre­ten da­hin­ter stark zu­rück. Sie ver­har­ren in ih­rer zu­wei­len kli­schee­haf­ten Rol­le. Fritz­wal­ter, der sich selbst über­schät­zen­de Künst­ler mit lau­tem Ego. Kat­ka, die schö­ne, aber un­treue Ehe­frau. Holm, der brot­lo­se Schön­geist und Schma­rot­zer. Selbst das Per­so­nal, Frau Man­sur und ihr Mann Ma­rek, blei­ben trotz man­chem köst­li­chen Spleen, die treu­sor­gen­den Die­ner.

Um was geht es al­so in die­sem Ro­man? Er be­glei­tet sei­ne Haupt­fi­gur beim Be­trach­ten der Räu­me, des Gar­tens, der ver­schie­de­nen Ar­chi­tek­tur­ele­men­te so­wie zahl­lo­ser Bil­der. Er zeigt wie die­ses Fla­nie­ren den Be­trach­ter in Re­fle­xio­nen, wie ein­zel­ne Kunst­wer­ke ihn in die Ver­gan­gen­heit ver­set­zen und wie er mit ih­rer Hil­fe sei­ne Be­zie­hun­gen be­leuch­tet. Bar­ba­ra Ze­man zeigt, was Kunst ver­mag, und stellt die Fra­ge nach ih­rem Kern. Man trifft un­ter den von Ze­man auf­ge­ru­fe­nen Bil­dern, die sich ei­ner Pe­ters­bur­ger Hän­gung ähn­lich zu­sam­men­drän­gen, viel Be­kann­tes, es gibt je­doch auch vie­les zu ent­de­cken. Wer sich durch die Sei­ten die­ser Aus­stel­lung hin­durch ge­le­sen hat, ver­steht, was Im­mer­jahn in sei­nen Bil­dern zu fin­den hoff­te.

Barbara Zeman, Immerjahn, Hoffmann und Campe, 1. Aufl. 2019
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Die Letzten ihrer Art

In „Toko“ erzählt Erwin Uhrmann von Weltuntergang und Zivilisationsverdruss

Was, wenn die Welt für uns ge­nau so zer­fällt, wie für die­sen Rie­sen. Das Fun­da­ment all des­sen, was er als si­cher emp­fand, wur­de ge­ra­de ge­sprengt. Am liebs­ten wä­re er un­ter den Sau­ri­er ge­kro­chen und hät­te sich ver­steckt.“

Sau­ri­er spie­len die ih­nen na­tur­ge­mäß gro­ße Rol­le in Er­win Uhr­manns neu­em Ro­man „To­ko“. Sei­ne Lie­be für skur­ri­le Tie­re be­wies der ös­ter­rei­chi­sche Schrift­stel­ler be­reits in sei­nen 2014 er­schie­nen Ro­man „Ich bin die Zu­kunft“, der mich sehr be­ein­druck­te. Wäh­rend dort schil­lern­de Neu­zeit­kä­fer die über­hitz­te Land­schaft be­völ­kern, ver­lie­ren im neu­en Werk „To­ko“ Ur­zeit­tie­re ih­ren letz­ten Glanz. Die Ge­schich­te führt den Le­ser je­doch nicht, wie man mei­nen könn­te, in ei­ne weit zu­rück­lie­gen­de Ver­gan­gen­heit, son­dern in ei­nen ma­ro­den Sau­ri­er­park im wei­te­ren Um­kreis Wiens.

Dort steht das Mo­dell ei­nes Di­no­sau­ri­ers, der als Little­foot in ei­nem Zei­chen­trick­film Fu­ro­re mach­te. Nun ziert er das Co­ver des Ro­mans.

Heißt Little­foot hier jetzt To­ko? Oder be­deu­tet To­ko et­was ganz an­de­res? Im Grie­chi­schen heißt die Schwan­ger­schaft To­ko, ein re­nom­mier­tes Schwei­zer Ski-Wachs trägt die­sen Na­men, eben­so wie der dä­ni­sche Wil­helm Tell, es exis­tiert ei­ne Vo­gel­art die­ses Na­mens, ein Fuß­ball­spie­ler, ein Twit­ter­ac­count und tat­säch­lich hört auch ein Hund auf ihn, wie ei­ne In­ter­net­su­che of­fen­bart.

Auch der Hund im Ro­man heißt To­ko. Oder ist es viel­leicht gar kein Hund, wie der Klap­pen­text raunt? Spä­ter wird so­gar von ei­nem wei­te­ren To­ko die Re­de sein, dem Grün­der und In­ha­ber des Parks. Doch auch die­se In­for­ma­ti­on zer­streut nicht die Skep­sis der Le­se­rin. Viel­leicht ist To­ko Le­sen fort­set­zen

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Gastrosoph in süßen Gefilden

Hanns-Josef Ortheil bereist „Die Insel der Dolci“ niemals ohne Notration

Nie soll die­se Ver­sor­gung en­den, das Sü­ße ist in al­len For­ma­ten und For­ma­tio­nen prä­sent, es ist da­für ge­sorgt, dass es ei­nen den gan­zen Tag be­glei­tet und je­der­zeit zur Hand ist. (…)
Gu­te Si­zi­lia­ner ha­ben, wenn sie un­ter­wegs sind, im­mer so ei­ne Do­se bei sich (…)
Ver­sorgt man sich mit die­sen De­li­ka­tes­sen, kann man sich je­weils vor Ort ei­ne ei­ge­ne Dol­ci-Ver­pfle­gung zu­sam­men­stel­len. Man braucht da­zu nur et­was tro­cke­nes und gut halt­ba­res Ge­bäck, das sich dann leicht mit den Kon­fi­tü­ren, Mar­me­la­den und Ge­lees ver­bin­den lässt. (…)
So wird der Dol­ci-Es­ser zu sei­nem ei­ge­nen Kom­po­si­teur und Ar­ran­geur, der sich sei­ne Dol­ci aus vor­han­den Grund­sub­stan­zen (tro­cke­nes, ein­fa­ches Gebäck/ kon­zen­trier­te Frucht­zu­ta­ten) im ei­ge­nen Dol­ci-La­bo­ra­to­rio in ganz un­ter­schied­li­chen Ge­schmacks­va­len­zen selbst zu­sam­men­stellt.“

Wä­re Hanns-Jo­sef Ortheil ei­ne Fi­gur in Eck­hart Ni­ckels Ro­man „Hys­te­ria“, so hät­te er sein Ku­li­na­ris­tik-Stu­di­um mit Sum­ma ab­sol­viert. Es feh­le das cum lau­de, mag man­cher ein­wen­den, und auf Ortheils zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen auf die­sem Ge­biet ver­wei­sen, dar­un­ter nicht nur die Rei­se­bü­cher „Pa­ris, links der Sei­ne“ oder „Rom, ei­ne Ek­sta­se“. Es­sen und Trin­ken, oder eher das im Ortheil’schen Sin­ne stil­vol­le Ge­nie­ßen ge­hört zu fast al­len sei­nen Bü­chern, auch zu den fik­ti­ven.

So nimmt es nicht Wun­der, daß die si­zi­lia­ni­schen Sü­ßig­kei­ten nicht nur in die­sem Rei­se­be­richt im Vor­der­grund ste­hen, sie bil­den auch den Dreh- und An­gel­punkt in Ortheils Si­zi­li­en­ro­man „Das Kind, das nicht frag­te“. Wäh­rend die­ser Le­sen fort­set­zen

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Wahrnehmung und Wirklichkeit

Eckhart Nickel schildert in seinem vergnüglich zu lesenden Roman „Hysteria“ die Suche nach der Wahrheit unter der Vielfalt verrückter Wahrnehmungen

Ein Blick auf sei­ne So­lar­arm­band­uhr zeig­te vier Uhr an und er be­merk­te ir­ri­tiert, dass der Bat­te­rie­stand ge­gen null ging. Er ver­säum­te be­wusst, der Be­triebs­an­lei­tung zu fol­gen und die Uhr im Frei­en im­mer über der Man­schet­te zu tra­gen, weil er es im­mer noch für un­wür­dig hielt, sei­ne Arm­band­uhr wie ein lä­cher­li­cher Son­nen­an­be­ter dem Licht ent­ge­gen­zu­dre­hen. In­dem er es ab­sicht­lich nicht tat, re­bel­lier­te er ins­ge­heim auch ge­gen al­le an­de­ren Vor­schrif­ten des „Spu­ren­lo­sen Le­bens“. Der Ka­ta­log an Din­gen, die zu tun oder zu las­sen wa­ren, wuchs in letz­ter Zeit wirk­lich über jeg­li­ches Maß hin­aus, fand Berg­heim. Es hat­te in sei­ner Ju­gend ganz harm­los mit der Ab­fall­tren­nung be­gon­nen, war aber spä­tes­tens seit der letz­ten Neue­rung, dem Ver­bot des Fleisch­ver­zehrs an al­len Wo­chen­ta­gen, die kein oder nur ein N in ih­rer Buch­sta­ben­fol­ge füh­ren, um so die Treib­haus­ga­se halb­wegs un­ter Kon­trol­le zu brin­gen, end­gül­tig ins Al­ber­ne ge­drif­tet.“

Es ist ei­ne Öko-Dys­to­pie, die Eck­hart Ni­ckel in sei­nem Ro­man „Hys­te­ria“ ge­nuss­voll und mit Iro­nie ge­würzt ser­viert. Der 1966 ge­bo­re­ne, stu­dier­te Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Kunst­his­to­ri­ker, ver­öf­fent­lich­te vor die­sem Ro­man­de­büt als Jour­na­list u.a. in Tem­po, Süd­deut­scher Zei­tung und F.A.Z. so­wie in der von ihm und Chris­ti­an Kracht ge­grün­de­ten Li­te­ra­tur­zeit­schrift Der Freund. Ent­spre­chend weit ist der li­te­ra­ri­sche wie pop­kul­tu­rel­le Be­zugs­rah­men die­ses Ro­mans.

Doch man muss nicht zwangs­läu­fig E.T.A. Hoff­mann, Sig­mund Freud oder die vie­len an­de­ren li­te­ra­ri­schen Leucht­tür­me, die in „Hys­te­ria“ auf­tau­chen, ge­le­sen ha­ben. Man kann auch mit Mu­sik die Sphä­ren die­ser Zu­kunfts­welt durch­drin­gen, wahl­wei­se mit Kraft­werk oder Jean Mi­chel Jar­re. Oder ganz ein­fach den teu­ren Tee Pa­ri­ser Pro­ve­ni­enz mit dem an­spie­lungs­rei­chen Na­men schlür­fend über die Ab­wand­lung ei­nes Mu­sik­vi­de­os la­chen. Der Ro­man bie­tet viel­fäl­ti­ge Ent­de­ckun­gen, nicht nur die, daß mit den Le­sen fort­set­zen

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Die Philluministin

Wioletta Greg beschreibt in „Unreife Früchte“ eine Kindheit in Polen voll Licht und Schatten

An je­nem Abend sa­ßen wir im Licht des Ofens wie vor­sint­flut­li­che, in Bern­stein ver­schlos­se­ne In­sek­ten (…) Aus dem Asche­kas­ten sprüh­ten Fun­ken und ver­schwan­den auf dem mar­mo­rier­ten Lin­ole­um wie Me­teo­ri­ten im dunk­len, un­durch­dring­li­chen Oze­an.“

Mit ih­rer Art, das Licht zu ma­len, re­vo­lu­tio­nier­ten die Im­pres­sio­nis­ten die Ma­le­rei und of­fen­bar­ten ei­nen be­son­de­ren Blick auf an­schei­nend all­täg­li­che An­bli­cke. In ähn­li­cher Wei­se nutzt Wio­let­ta Greg das Licht in ih­ren Er­in­ne­run­gen an ei­ne Ju­gend in der pol­ni­schen Pro­vinz. Es sind das Licht und sei­ne Er­zeu­ger, Son­ne, Feu­er und Elek­tri­zi­tät, mit de­nen sie die­ser ver­meint­li­chen Tris­tesse un­ge­ahn­ten Glanz ver­leiht.

Wio­let­ta Greg, 1974 in Ko­zieg­lo­wy ge­bo­ren, trägt ei­gent­lich den für Deut­sche na­he­zu un­aus­sprech­li­chen Na­men Grze­gor­zew­s­ka. In ih­rer Hei­mat ist sie durch ih­re poe­ti­schen Wer­ke be­kannt. Ne­ben die­sen hat sie drei Ro­ma­ne ver­öf­fent­licht. Der vor­lie­gen­de, au­to­bio­gra­phisch ge­präg­te Ro­man „Un­rei­fe Früch­te“ wur­de 2017 für den Man Boo­ker In­ter­na­tio­nal no­mi­niert.

Al­ler­dings stellt sich die Fra­ge, ob es sich tat­säch­lich um ei­nen Ro­man han­delt. Le­sen fort­set­zen

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Windhunde

Michael Ondaatje erzählt in „Kriegslicht“ eine spannend verschlungene Identitätssuche

Ich wuss­te nicht ge­nü­gend über Agnes Ver­gan­gen­heit, aber wie ge­sagt, nie hat­te ich als Kind ei­nen Hund ge­habt, und nun hiel­ten wir die Tie­re in den gro­ßen, halb­dunk­len Räu­men die­ses ge­borg­ten Hau­ses in Schach, und ih­re lan­gen Schnau­zen stie­ßen warm an un­se­re Her­zen. (…)

Und als sie sich zum Schla­fen zu­sam­men­roll­ten, leg­ten wir uns ne­ben sie auf den Bo­den, es war, als be­deu­te­ten die­se Tie­re um uns her das Le­ben, wo­nach wir uns sehn­ten, die Ge­sell­schaft, die wir uns wünsch­ten, ein wil­der, un­nö­ti­ger, we­sent­li­cher und un­ver­ges­se­ner mensch­li­cher Au­gen­blick im Lon­don je­ner Jah­re.“

Das Lon­don je­ner Jah­re hat­te ge­ra­de den Zwei­ten Welt­krieg über­stan­den, mit schwe­ren Schä­den, aber als Sie­ger. Doch die Stadt und ih­re Be­woh­ner be­weg­ten sich noch im Kriegs­licht. Zwi­schen zer­bomb­ten Häu­sern, dem Halb­dun­kel der Stra­ßen und dem Ne­bel über dem Fluss war vie­les schwer zu ent­rät­seln.

Die­se Ver­las­sen­heit, in der sich Ge­heim­nis­se gut ver­ber­gen las­sen, be­kom­men auch der 14- jäh­ri­ge Na­tha­ni­el und sei­ne Schwes­ter Ra­chel zu spü­ren. Ih­re El­tern hat­ten ver­kün­det, das Land zu ver­las­sen und die Ge­schwis­ter wäh­rend die­ses Jah­res in der Ob­hut ei­nes Freun­des zu las­sen. Na­tha­ni­els und Ra­chels Ver­trau­en ist er­schüt­tert und wird spä­ter durch ei­nen über­ra­schen­den Fund fast Le­sen fort­set­zen

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Wie der Fürstbischof ins Gefängnis kam

Schloss Bruchsal. Die Beletage – Barocke Pracht neu entfaltet, Hrsg. Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

Auf Erl. V. 16. XI. 43 – Die rest­li­chen Go­be­lins so­wie Ge­mäl­de des hie­si­gen Schlos­ses sind am 10. Ja­nu­ar d. Js. Hier ver­la­den und ins still­ge­leg­te Amts­ge­fäng­nis in Bonn­dorf über­führt wor­den. Sie sind in Zel­le 13 im Ober­ge­schoss un­ter­ge­bracht. Das Ge­mäl­de No. 123 konn­te sei­ner Grö­ße we­gen nicht durch die Zel­len­tür ge­bracht wer­den und muss­te des­halb einst­wei­len auf dem durch ei­ne ei­ser­ne Git­ter­tür ab­ge­schlos­se­nen Gang auf­ge­stellt wer­den. Ei­ni­ge von den ge­schnitz­ten Rah­men die­ses Bil­des beim Trans­port ab­ge­bro­che­ne Holz­teil­chen sind in Pa­pier ver­packt in der Zel­le 13 nie­der­ge­legt.“

Das groß­for­ma­ti­ge Ge­mäl­de No. 123 ist ein Por­trät Franz Chris­toph von Hut­ten (1706–1770), das den Fürst­bi­schof ne­ben ei­nen Pa­gen zeigt. Den Hin­ter­grund bil­det sei­ne Re­si­denz, Schloss Bruch­sal, de­ren In­ne­res durch Hut­tens Ge­stal­tungs­ei­fer ge­prägt wur­de. Von der Si­cher­heits­ver­wah­rung hin­ter Git­tern be­rich­tet im obi­gen Zi­tat die Hoch­bau­ab­tei­lung Karls­ru­he am 25.1.1944. Wie un­zäh­li­ge an­de­re Kunst­schät­ze wur­de in der letz­ten Pha­se des Krie­ges auch die wert­vol­le In­nen­aus­stat­tung des Bruch­sa­ler Schlos­ses in ver­meint­lich Le­sen fort­set­zen

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Psychische Landvermessung

In Hanns-Josef Ortheils „Das Kind, das nicht fragte“ sucht ein Scheuer sich selbst und wird nicht nur vom Fruchtkörper Siziliens beglückt

-(…) mein Wis­sen ist ganz und gar in­tui­tiv.
-In­tui­tiv?! Aber das ist ja un­glaub­lich.
-Manch­mal weiß ich be­stimm­te Din­ge durch In­tui­ti­on. Im Deut­schen gab es in frü­he­ren Jahr­hun­der­ten da­für ein­mal das schö­ne Wort ‚Ahn­dung‘.
-‚Ahn-dunk‘? Spre­che ich es rich­tig aus?
-Per­fekt.
-‚Ahn-dunk‘, -das ist ein ge­hei­mes Wis­sen, das die an­de­ren nicht ha­ben? Wis­sen, an das man durch Über­le­gung nicht her­an­kommt?
-Ja, es ist Wis­sen, das aus dem Dun­keln kommt, Dun­kel­wis­sen.“

Sel­ten hat mich ein Ro­man so zwie­ge­spal­ten zu­rück­ge­las­sen! Es han­del­te sich um mei­nen zwei­ten An­lauf, denn ich hat­te „Das Kind, das nicht frag­te“ von Hanns-Jo­sef Ortheil schon ein­mal bei­sei­te ge­legt. Zu stark er­in­ner­ten mich die An­fangs­sze­nen und Ei­gen­hei­ten der Haupt­fi­gur an den 2011 er­schie­nen Ro­man „Lie­bes­nä­he“. Da­zu zähl­ten das Mö­bel­rü­cken in der frem­den Un­ter­kunft, das Ein­rich­ten des Schreib­plat­zes mit Stif­ten, Pa­pier und ei­nem zu Zweck und Ta­ges­zeit pas­sen­dem Ge­tränk. Ge­wohn­hei­ten, zu de­nen sich Ortheil selbst in In­ter­views be­kennt.

Ei­ne Rei­se in den Süd­os­ten Si­zi­li­ens, der Hand­lungs­re­gi­on des Ro­mans, hat mich al­ler­dings er­neut zur Lek­tü­re be­wo­gen. Um es vor­ab zu sa­gen, ich ha­be es nicht be­reut, mich aber oft ge­wun­dert.

Das Kind, das nicht frag­te“ ist ein Ro­man vol­ler Ge­gen­sät­ze, was sei­ne Hand­lung, die Art der Dar­stel­lung und die Ent­wick­lung der Haupt­fi­gur an­ge­hen. Die Ei­tel­keit des Prot­ago­nis­ten, die Le­sen fort­set­zen

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Einseitige Verhältnisse

Lena Andersson analysiert in ihrem Roman „Unvollkommene Verbindlichkeiten“ erneut das emotionale Ungleichgewicht eines Paares

-Gast­re­zen­si­on von Lea Pis­to­ri­us-

Es­ter hät­te sich sehr viel Zeit und Mü­he spa­ren kön­nen, wenn sie ihn beim Wort ge­nom­men hät­te, aber sie hät­te auch viel Wun­der­ba­res ver­passt.“

Wer Le­na An­ders­sons ers­ten Ro­man „Wi­der­recht­li­che In­be­sitz­nah­me“ ge­le­sen hat, dem ist die Haupt­fi­gur ih­res neu­en Wer­kes „Un­voll­kom­me­ne Ver­bind­lich­kei­ten“ be­reits be­kannt. Nicht nur die Wort­paa­re in den Ti­teln äh­neln ein­an­der. Er­neut stellt An­ders­son die kom­pro­miss­los lie­ben­de Es­ter Nils­son in den Mit­tel­punkt ih­rer Er­zäh­lung. Fünf Jah­re ge­al­tert, schei­nen sich Es­ters Vor­lie­ben und Ver­hal­tens­wei­sen nicht son­der­lich ge­än­dert zu ha­ben. Er­neut ver­liebt sie sich in ei­nen Künst­ler, dies­mal ei­nen Schau­spie­ler na­mens Olof Sten. Er­neut han­delt es sich um ei­nen be­reits ver­ge­be­nen, dies­mal ver­hei­ra­te­ten Mann. Und er­neut ist die­ser deut­lich äl­ter als die 37-jäh­ri­ge Es­ter. Ist al­so al­les schon ein­mal da­ge­we­sen?

Die Ge­schich­te um Es­ter Nils­sons Lie­be zeigt das Rin­gen ei­ner Frau um ei­nen Mann, den sie nie­mals wirk­lich be­sit­zen wird. Be­reits zu Be­ginn ih­res Ken­nen­ler­nens er­öff­net sie ihm, dass sie Le­sen fort­set­zen

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