Vom Sohn zum Freund

David Wagner erzählt in „Der vergessliche Riese“ die Geschichte einer intensiven Vater-Sohn-Begegnung

Sei­ne Stim­me ist die von frü­her, sie hat sich kaum ver­än­dert. Sie klingt noch im­mer so, als sa­ge er nur klu­ge Sa­chen. Frü­her, im selt­sa­men Frü­her, wo liegt die­ses ge­heim­nis­vol­le Land, wuss­te er al­les. Er war der Rie­se, auf den ich klet­tern konn­te, er war der Größ­te.“

Wie Pe­ter Wolff so er­zählt auch Da­vid Wag­ner in sei­nem neu­en Buch „Der ver­gess­li­che Rie­se“ von der De­menz ei­nes El­tern­teils. Auch er setzt auf Dia­lo­ge, mit de­nen er die neue Welt sei­nes Va­ters für den Le­ser er­leb­bar macht. Der Schrift­stel­ler ver­zich­tet weit­ge­hend auf ei­ge­ne Re­fle­xio­nen, an­ders als sein Kol­le­ge Ar­no Gei­ger, der vor acht Jah­ren mit „Der al­te Kö­nig in sei­nem Exil“ ein be­ein­dru­cken­des Buch über sei­nen am Ver­ges­sen lei­den­den Va­ter ver­fass­te. Doch Wag­ners voll­kom­men an­de­re Form, in der nur knap­pe Hand­lungs­se­quen­zen die Dia­lo­ge un­ter­bre­chen, eig­net sich gut, um die de­men­zi­el­len Sym­pto­me zu er­fas­sen, die trotz al­ler Trau­er durch ih­re Ab­sur­di­tät auch Hu­mor aus­lö­sen kön­nen.

In­wie­weit Wag­ners Va­ter-Ge­schich­ten fik­tio­na­li­siert sind, be­ant­wor­te­te er in ei­nem In­ter­view auf dem Blau­en Buch­mes­se-So­fa ein­deu­tig un­ein­deu­tig. Die Ge­sprä­che mö­gen nicht ex­akt so statt­ge­fun­den ha­ben, wie sie im Buch zu le­sen sind. Or­te und Fa­mi­li­en­mit­glie­der tre­ten je­doch mit Klar­na­men auf. Als Ma­te­ri­al dien­ten Wag­ner No­ti­zen, die er über ei­nen Zeit­raum von meh­re­ren Jah­ren bei sei­nen Be­su­chen beim Va­ter ge­macht hat­te.

Die­se Be­su­che bil­den das Ge­rüst der Ge­schich­te. Sie be­ginnt we­ni­ge Mo­na­te nach dem Tod der Ehe­frau des Va­ters. Der Er­zäh­ler so­wie sei­ne bei­den Schwes­tern, Kin­der aus ers­ter Ehe, küm­mern sich um die­sen. Die re­gel­mä­ßi­gen Be­su­che sind auf­wen­dig. Der Va­ter wohnt bei Bonn, die Kin­der in Ber­lin und Mün­chen. Sein Sohn nutzt vie­le Ge­le­gen­hei­ten, um ein paar Ta­ge mit ihm zu ver­brin­gen, sei­en es Fei­er­ta­ge, Fe­ri­en oder Zwi­schen­stopps. Ei­ni­ge Ma­le er­ge­ben sich auch kur­ze Rei­sen zu den Be­er­di­gun­gen der äl­te­ren Ge­schwis­ter des Va­ters.

Wäh­rend die­ser Auf­ent­hal­te gibt es viel zu tun für Da­vid, den der Va­ter stets „Freund“ nennt. Dem Ver­schwin­den der Er­in­ne­run­gen müs­sen auch Din­ge fol­gen, um dem be­grenz­ter wer­den­den Le­ben nicht im Weg zu ste­hen. Da sind zu­nächst die Sa­chen der ver­stor­be­nen Frau, dann der fast neue, viel zu gro­ße Zweit­wa­gen, schließ­lich das Haus, die gro­ße Glas­vil­la im klei­nen Ort Me­cken­heim.

Der Va­ter schafft den All­tag al­lei­ne nicht mehr. Rund-um-die Uhr-Be­treue­rin­nen aus Ost-Eu­ro­pa zie­hen zu ihm und wech­seln sich re­gel­mä­ßig ab. Schließ­lich sie­deln die Kin­der ihn um in ein Pfle­ge­heim. Für den gut si­tu­ier­ten Herrn wur­de ei­ne Vil­la am Rhein mit Dra­chen­fels­blick und gu­ter Kü­che ge­fun­den.

Er­staun­lich ist, daß dies al­les weit­ge­hend oh­ne Kon­flik­te und grö­ße­re Ir­ri­ta­tio­nen ge­lingt. Doch viel­leicht woll­te Da­vid Wag­ner dies auch nicht of­fen­ba­ren. Die ein­zi­gen Ir­ri­ta­tio­nen und Re­flek­tio­nen des Er­zäh­lers gel­ten Um­welt­sün­den, SUVs, Au­to­wasch­an­la­gen, Ge­wächs­haus­blu­men, was die Le­se­rin wie­der­um ir­ri­tiert.

Die Schwie­rig­kei­ten, wel­che die neu­en Ver­hält­nis­se mit sich brin­gen, zeigt Wag­ner in sei­nem Buch den­noch deut­lich. Er spricht sie nicht di­rekt an, sei­ne Ge­dan­ken spie­len im Buch kaum ei­ne Rol­le, doch er ver­schweigt sie auch nicht. In hand­lungs­star­ken Sze­nen macht er den Le­ser zum stil­len Be­glei­ter, der den Un­ter­hal­tun­gen von Va­ter und Sohn folgt. In die­sen knüpft der Sohn am liebs­ten an al­te Er­in­ne­run­gen und be­geg­net so dem al­ten Ich des Va­ters. Er be­sucht mit ihm die Stät­ten der Ver­gan­gen­heit, den Ge­burts­ort des Va­ters, das Zu­hau­se der ers­ten Fa­mi­lie, das Ge­bäu­de, in dem der Va­ter sein Bü­ro hat­te. Wag­ner zeigt aber auch, wel­che Blü­ten das zer­fal­len­de Kurz­zeit­ge­dächt­nis treibt. Im­mer wie­der stellt der Va­ter die­sel­ben Fra­gen, oft in­ner­halb kür­zes­ter Zeit­räu­me, und er­zählt die­sel­ben Ge­schich­ten. Doch er über­rascht auch durch phi­lo­so­phi­sche Be­trach­tun­gen und spon­ta­ne Ent­schlüs­se.

Wag­ner ge­lingt es, im Mit­ein­an­der die­ses Paa­res die Zu­nei­gung und das ge­gen­sei­ti­ge Ver­ständ­nis für­ein­an­der zu zei­gen. Die Em­pa­thie des Soh­nes und das Ver­trau­en des Va­ters er­ge­ben sich im Dia­log. Da­durch wirkt „Der ver­gess­li­che Rie­se“ wie ein Dreh­buch, das sich her­vor­ra­gend zu ei­ner Ver­fil­mung eig­nen wür­de.

Bis da­hin emp­fiehlt sich sei­ne Lek­tü­re um die Ver­än­de­run­gen nach­zu­emp­fin­den, die De­menz in Be­trof­fe­nen und An­ge­hö­ri­gen ver­ur­sa­chen kann.

David Wagner, Der vergessliche Riese, Rowohlt Verlag 2019
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Im Rückblick wird so manches klar

In „Frau Wolff wird wunderlich“ erzählt Peter Wolff, wie Demenz eine Beziehung neu begründet

Wir müs­sen stark sein für sie, auch wenn wir sel­ber von Ge­füh­len der Trau­er, der Hilf­lo­sig­keit und der Angst, den wei­te­ren Ver­lauf der Krank­heit be­tref­fend, ge­plagt sind.“

Vie­le Men­schen mei­ner Ge­nera­ti­on ha­ben An­ge­hö­ri­ge, die von De­menz be­trof­fen sind. Auch wenn die ge­nau­en Dia­gno­sen und die Aus­prä­gun­gen ver­schie­den sein mö­gen, so ist den Be­trof­fe­nen ei­nes ge­mein­sam, der Ver­lust der Er­in­ne­run­gen und die dar­aus re­sul­tie­ren­den Pro­ble­me, sich in der Ge­gen­wart zu ver­or­ten. „Ich weiß gar nicht mehr, wo ich ei­gent­lich hin­ge­hö­re“, die­ser Satz mei­ner Mut­ter zeigt, wel­che Not dies aus­zu­lö­sen ver­mag. Ei­ne Not, die ein Ver­hal­ten zur Fol­ge hat, mit dem die An­ge­hö­ri­gen erst ein­mal zu­recht­kom­men müs­sen. Manch­mal hilft es dar­über zu schrei­ben, um die­sen Pro­zess der Ver­än­de­rung beim Be­trof­fe­nen wie bei sich selbst zu re­flek­tie­ren.

Ähn­lich mag der An­trieb von Pe­ter Wolff ge­we­sen sein, der mit „Frau Wolff wird wun­der­lich“ ein per­sön­li­ches Buch über die Krank­heit sei­ner Mut­ter vor­legt. Man könn­te dies mo­ra­lisch in Fra­ge stel­len, zu­mal auch Fo­to­gra­fi­en von Frau Wolff ge­zeigt wer­den. Ihr Sohn hat al­ler­dings, wie er Le­sen fort­set­zen

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Auf der Suche nach dem Unerfüllbaren

André Aciman öffnet in „Fünf Lieben lang“ ein Kaleidoskop des Begehrens

Wir lie­ben nur ein­mal im Le­ben, hat­te mei­ne Va­ter ge­sagt, manch­mal zu spät, manch­mal zu früh; die an­de­ren Ma­le ist die Lie­be im­mer ein biss­chen her­bei­ge­zwun­gen.“

Der in den USA le­ben­de Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler An­dré Aci­man wur­de in Alex­an­dria ge­bo­ren. Dort fand sei­ne aus Ita­li­en stam­men­de Fa­mi­lie se­phar­di­scher Ju­den zu Be­ginn des letz­ten Jahr­hun­derts ein Exil bis sie Mit­te der sech­zi­ger Jah­re wie­der nach Ita­li­en zu­rück­kehr­te. We­nig spä­ter zog der mehr­spra­chig auf­ge­wach­se­ne An­dré in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo er Ro­ma­nis­tik und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft stu­dier­te. Ei­nes sei­ner For­schungs­ge­bie­te ist die Fran­zö­si­sche Li­te­ra­tur, dar­un­ter die Me­moi­ren­li­te­ra­tur der Neu­zeit und, wie könn­te es an­ders sein, Proust.

Dies merkt man dem in der Über­set­zung von Chris­tia­ne Buch­ner und Mat­thi­as Tei­ting vor­lie­gen­dem Buch „Fünf Lie­ben lang“ an. Aus­ge­schrie­ben ist die Neu­erschei­nung als Ro­man, durch die Ich-Per­spek­ti­ve und durch das am Er­in­nern kon­stru­ier­te Er­zäh­len gleicht sie eher ei­nem Me­moir. Dar­aus soll na­tür­lich nicht ge­fol­gert wer­den, daß der Au­tor mit dem Le­sen fort­set­zen

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Belle donne e Madonne

Kia Vahland stellt in ihrer Biographie „Leonardo da Vinci und die Frauen“ das innovative Frauenbild des Künstlers in den Vordergrund

Als Zeich­ner und Ma­ler aber ist er vol­ler Em­pa­thie, ein Künst­ler, der dem See­li­schen bis in feins­te Ver­äs­te­lun­gen nach­spürt. Sei­ne Ein­füh­lung kreist da­bei um zwei­er­lei: um die Na­tur und um die Frau­en. Aus heu­ti­ger Sicht mag die­se Ver­bin­dung nicht zwangs­läu­fi­ger er­schei­nen als die von Mensch und Na­tur all­ge­mein. Doch in Leo­nar­dos Au­gen ist na­tu­ra ei­ne weib­li­che Kraft und die Frau­en ver­fü­gen über ei­ne wun­der­sa­me Po­tenz, die ihn zeit­le­bens in­ter­es­siert. Es ist die Ga­be, Le­ben zu schen­ken.“

Kia Vah­land ist mir durch ih­re Ar­ti­kel zu Kunst- und Kul­tur­the­men in der SZ schon seit län­ge­rem be­kannt. Die Kunst­his­to­ri­ke­rin un­ter­rich­tet zu­dem an der Uni­ver­si­tät Mün­chen. Pro­mo­viert wur­de sie mit ei­ner Ar­beit über Se­bas­tia­no del Piom­bo. Auch dort steht das Frau­en­bild des Künst­lers im Vor­der­grund.

Es liegt al­so nicht fern, daß Vah­land ih­re Bio­gra­phie Leo­nar­do da Vin­ci und die Frau­en über den Künst­ler, des­sen 500. To­des­tag sich jährt, eben­falls un­ter die­sen As­pekt stellt. Die Be­deu­tung des Weib­li­chen in Leo­nar­dos Welt­bild bil­det das Zen­trum von Vah­l­ands Ar­gu­men­ta­ti­on. Sie zeigt Leo­nar­do als ex­ak­ten Er­for­scher von In­ter­ak­ti­on im Klei­nen wie im Gro­ßen. Sei­ne Em­pa­thie für das weib­li­che Ge­schlecht drückt er mit ma­le­ri­schen Mit­teln aus und weist den Le­sen fort­set­zen

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Tod und Tränen in der Hängematte

Daniela Kriens Roman „Die Liebe im Ernstfall“ knüpft an die Frauenliteratur der Achtziger

Als Da­nie­la Kri­ens Ro­man „Die Lie­be im Ernst­fall“ in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis zum Vor­schlag kam, hat­te ich nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den. Der Ti­tel er­in­ner­te mich zwar an ei­nen ZDF-Fern­seh­film, die Plat­zie­rung des Ro­mans auf der SWR-Bes­ten­lis­te sprach je­doch ge­gen mei­ne Ein­schät­zung. Lei­der ha­ben sich die po­si­ti­ven Er­war­tun­gen nicht ein­ge­löst. An­ders als vie­le Kri­ti­ker in über­schwäng­li­chen Re­zen­sio­nen be­to­nen, ver­spü­re ich kei­ne Be­geis­te­rung. Auch mei­ne Mit­strei­te­rin­nen im Li­te­ra­tur­kreis füh­len sich durch Kri­ens Ro­man an die Frau­en­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger er­in­nert.

Da­mals leg­ten die Ver­la­ge ei­ge­ne Rei­hen zur Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft auf, so „Neue Frau“ bei rororo, und Buch­hand­lun­gen mach­ten gan­ze Re­gal­me­ter frei. Dort stand dann Be­zie­hungs-Eman­zi­pa­ti­ons-Selbst­fin­dungs­pro­sa, wie Ju­dith Jann­bergs pro­gram­ma­ti­scher Ti­tel„Ich bin ich“, an den mich „Die Lie­be im Ernst­fall“ nun gut vier­zig Jah­re spä­ter er­in­nert. Man soll­te mei­nen, daß sich in der Zwi­schen­zeit die Rol­le der Frau in der Ge­sell­schaft ge­wan­delt hat.

In un­se­rer Dis­kus­si­ons­run­de blie­ben lei­der aus­ge­rech­net bei die­sem Le­sen fort­set­zen

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Mütter in Missouri

Gregor Hens sinniert in seinem Roman „Missouri“ über unterschiedliche Wahrnehmungen von Liebe

Zwi­schen den Zei­len im­mer die Fra­ge: Was der Mensch wahr­nimmt und was nicht. Wo ver­lau­fen die Gren­zen un­se­rer Welt? Dei­ner Um­welt, mei­ner Um­welt. Die Son­ne ist ein Him­mels­licht, las ich. Und der Him­mel ist ein Er­zeug­nis des Au­ges.“

Gre­gor Hens neu­er Ro­man „Mis­sou­ri“ kann auf vie­le Ar­ten ge­le­sen wer­den. Sein Ich-Er­zäh­ler, der 23-jäh­ri­ge Karl un­ter­rich­tet, wie Hens einst selbst, Deutsch an ei­ner ame­ri­ka­ni­sche Uni­ver­si­tät. In Ame­ri­ka er­hofft er sich ein „lich­tes Le­ben“, nach dem Auf­wach­sen im von Schuld und Dun­kel­heit ge­präg­tem Deutsch­land. Wir ver­fol­gen al­so die Ge­schich­te ei­nes Ein­wan­de­rers, die zu­gleich vom Er­wach­sen­wer­den er­zählt. Der Hand­lungs­ort macht den Ro­man zum Cam­pus­ro­man mit Stu­den­ten und Uni­que­re­len, gleich­zei­tig zu ei­nen Ame­ri­ka­ro­man, der vom Ge­gen­satz zu deut­schen Ver­hält­nis­sen be­rich­tet.

Sein vor­der­grün­di­ges The­ma je­doch ist das Schick­sal, was pa­the­tisch klingt. Pa­thos be­sitzt die ge­schil­der­te Lie­bes­ge­schich­te durch­aus, Gre­gor Hens er­zählt sie al­ler­dings oh­ne je­den Kitsch. Schon im ers­ten Satz er­fah­ren wir, daß die­se Lie­be nicht glück­lich en­det. Der mitt­ler­wei­le fünf­zig­jäh­ri­ge, wie­der in Köln le­ben­de Karl blickt zu­rück und lässt uns an die­sem „schlicht un­aus­weich­li­chen“ Le­sen fort­set­zen

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Das Haus am Hagebuttenberg

Barbara Zemans Debüt „Immerjahn“ ist eine Wunderkammer voll skurriler Geschichten

Es kam ihm noch im­mer un­wirk­lich vor, dass sei­ne Samm­lung, die so lang nur ihm ge­hört hat­te, jetzt auch für an­de­re sicht­bar sein soll­te. In un­ge­fähr zwei Wo­chen wür­de er hier an frem­den Per­so­nen vor­über­ge­hen. Sie wür­den hier ste­hen, ganz ge­nau wie er ge­ra­de auch, nur hof­fent­lich ein biss­chen ge­spann­ter, denn er, das dach­te er sich, wann im­mer er in der letz­ten Zeit durch die­se Sä­le ging, hat­te sich satt­ge­se­hen. Manch­mal er­schrak er über den Ver­dacht, dass er Kunst viel­leicht gar nicht mehr lieb­te, (…)“

Mit „Im­mer­jahn“ legt Bar­ba­ra Ze­man pünkt­lich zum Bau­haus-Ju­bi­lä­um ei­nen Ro­man vor, in des­sen Mit­tel­punkt ein Werk des Ar­chi­tek­ten Mies van der Ro­he steht. Er­rich­tet wur­de der Bau auf dem Ha­ge­but­ten­berg, ei­ner Er­he­bung, de­ren stei­ni­ger Bo­den einst nur Dorn­ge­strüpp zu­ließ. Jetzt wächst noch nicht ein­mal Un­kraut dort, wo sich in­mit­ten von Stein­wie­sen und Kies­we­gen die schlich­te Stren­ge der Vil­la im Was­ser ei­nes groß­zü­gi­gen Bas­sins spie­gelt.

Die­ser Be­ton ge­wor­de­ne Traum ei­nes Ze­ment­moguls rea­li­siert von ei­nem der be­rühm­tes­ten Ar­chi­tek­ten sei­ner Zeit zeigt, was es heißt, stein­reich zu sein. Ein Ro­man, der in ei­nem der­ar­tig kunst­vol­len und nicht oh­ne Iro­nie kon­stru­ier­ten Ha­bi­tat spielt, ver­spricht amü­san­te Lek­tü­re. Auch wenn sein Ti­tel „Im­mer­jahn“, wie der jüngs­te Spross der Fa­bri­kan­ten­dy­nas­tie schlicht ge­nannt wird, an­de­re Le­sen fort­set­zen

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Die Letzten ihrer Art

In „Toko“ erzählt Erwin Uhrmann von Weltuntergang und Zivilisationsverdruss

Was, wenn die Welt für uns ge­nau so zer­fällt, wie für die­sen Rie­sen. Das Fun­da­ment all des­sen, was er als si­cher emp­fand, wur­de ge­ra­de ge­sprengt. Am liebs­ten wä­re er un­ter den Sau­ri­er ge­kro­chen und hät­te sich ver­steckt.“

Sau­ri­er spie­len die ih­nen na­tur­ge­mäß gro­ße Rol­le in Er­win Uhr­manns neu­em Ro­man „To­ko“. Sei­ne Lie­be für skur­ri­le Tie­re be­wies der ös­ter­rei­chi­sche Schrift­stel­ler be­reits in sei­nen 2014 er­schie­nen Ro­man „Ich bin die Zu­kunft“, der mich sehr be­ein­druck­te. Wäh­rend dort schil­lern­de Neu­zeit­kä­fer die über­hitz­te Land­schaft be­völ­kern, ver­lie­ren im neu­en Werk „To­ko“ Ur­zeit­tie­re ih­ren letz­ten Glanz. Die Ge­schich­te führt den Le­ser je­doch nicht, wie man mei­nen könn­te, in ei­ne weit zu­rück­lie­gen­de Ver­gan­gen­heit, son­dern in ei­nen ma­ro­den Sau­ri­er­park im wei­te­ren Um­kreis Wiens.

Dort steht das Mo­dell ei­nes Di­no­sau­ri­ers, der als Little­foot in ei­nem Zei­chen­trick­film Fu­ro­re mach­te. Nun ziert er das Co­ver des Ro­mans.

Heißt Little­foot hier jetzt To­ko? Oder be­deu­tet To­ko et­was ganz an­de­res? Im Grie­chi­schen heißt die Schwan­ger­schaft To­ko, ein re­nom­mier­tes Schwei­zer Ski-Wachs trägt die­sen Na­men, eben­so wie der dä­ni­sche Wil­helm Tell, es exis­tiert ei­ne Vo­gel­art die­ses Na­mens, ein Fuß­ball­spie­ler, ein Twit­ter­ac­count und tat­säch­lich hört auch ein Hund auf ihn, wie ei­ne In­ter­net­su­che of­fen­bart.

Auch der Hund im Ro­man heißt To­ko. Oder ist es viel­leicht gar kein Hund, wie der Klap­pen­text raunt? Spä­ter wird so­gar von ei­nem wei­te­ren To­ko die Re­de sein, dem Grün­der und In­ha­ber des Parks. Doch auch die­se In­for­ma­ti­on zer­streut nicht die Skep­sis der Le­se­rin. Viel­leicht ist To­ko Le­sen fort­set­zen

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Gastrosoph in süßen Gefilden

Hanns-Josef Ortheil bereist „Die Insel der Dolci“ niemals ohne Notration

Nie soll die­se Ver­sor­gung en­den, das Sü­ße ist in al­len For­ma­ten und For­ma­tio­nen prä­sent, es ist da­für ge­sorgt, dass es ei­nen den gan­zen Tag be­glei­tet und je­der­zeit zur Hand ist. (…)
Gu­te Si­zi­lia­ner ha­ben, wenn sie un­ter­wegs sind, im­mer so ei­ne Do­se bei sich (…)
Ver­sorgt man sich mit die­sen De­li­ka­tes­sen, kann man sich je­weils vor Ort ei­ne ei­ge­ne Dol­ci-Ver­pfle­gung zu­sam­men­stel­len. Man braucht da­zu nur et­was tro­cke­nes und gut halt­ba­res Ge­bäck, das sich dann leicht mit den Kon­fi­tü­ren, Mar­me­la­den und Ge­lees ver­bin­den lässt. (…)
So wird der Dol­ci-Es­ser zu sei­nem ei­ge­nen Kom­po­si­teur und Ar­ran­geur, der sich sei­ne Dol­ci aus vor­han­den Grund­sub­stan­zen (tro­cke­nes, ein­fa­ches Gebäck/ kon­zen­trier­te Frucht­zu­ta­ten) im ei­ge­nen Dol­ci-La­bo­ra­to­rio in ganz un­ter­schied­li­chen Ge­schmacks­va­len­zen selbst zu­sam­men­stellt.“

Wä­re Hanns-Jo­sef Ortheil ei­ne Fi­gur in Eck­hart Ni­ckels Ro­man „Hys­te­ria“, so hät­te er sein Ku­li­na­ris­tik-Stu­di­um mit Sum­ma ab­sol­viert. Es feh­le das cum lau­de, mag man­cher ein­wen­den, und auf Ortheils zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen auf die­sem Ge­biet ver­wei­sen, dar­un­ter nicht nur die Rei­se­bü­cher „Pa­ris, links der Sei­ne“ oder „Rom, ei­ne Ek­sta­se“. Es­sen und Trin­ken, oder bes­ser das im Ortheil’schen Sin­ne stil­vol­le Ge­nie­ßen ge­hört zu fast al­len sei­nen Bü­chern, auch zu den fik­ti­ven.

So nimmt es nicht Wun­der, daß die si­zi­lia­ni­schen Sü­ßig­kei­ten nicht nur in die­sem Rei­se­be­richt im Vor­der­grund ste­hen, sie bil­den auch den Dreh- und An­gel­punkt in Ortheils Si­zi­li­en­ro­man „Das Kind, das nicht frag­te“. Wäh­rend die­ser Le­sen fort­set­zen

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Wahrnehmung und Wirklichkeit

Eckhart Nickel schildert in seinem vergnüglich zu lesenden Roman „Hysteria“ die Suche nach der Wahrheit unter der Vielfalt verrückter Wahrnehmungen

Ein Blick auf sei­ne So­lar­arm­band­uhr zeig­te vier Uhr an und er be­merk­te ir­ri­tiert, dass der Bat­te­rie­stand ge­gen null ging. Er ver­säum­te be­wusst, der Be­triebs­an­lei­tung zu fol­gen und die Uhr im Frei­en im­mer über der Man­schet­te zu tra­gen, weil er es im­mer noch für un­wür­dig hielt, sei­ne Arm­band­uhr wie ein lä­cher­li­cher Son­nen­an­be­ter dem Licht ent­ge­gen­zu­dre­hen. In­dem er es ab­sicht­lich nicht tat, re­bel­lier­te er ins­ge­heim auch ge­gen al­le an­de­ren Vor­schrif­ten des „Spu­ren­lo­sen Le­bens“. Der Ka­ta­log an Din­gen, die zu tun oder zu las­sen wa­ren, wuchs in letz­ter Zeit wirk­lich über jeg­li­ches Maß hin­aus, fand Berg­heim. Es hat­te in sei­ner Ju­gend ganz harm­los mit der Ab­fall­tren­nung be­gon­nen, war aber spä­tes­tens seit der letz­ten Neue­rung, dem Ver­bot des Fleisch­ver­zehrs an al­len Wo­chen­ta­gen, die kein oder nur ein N in ih­rer Buch­sta­ben­fol­ge füh­ren, um so die Treib­haus­ga­se halb­wegs un­ter Kon­trol­le zu brin­gen, end­gül­tig ins Al­ber­ne ge­drif­tet.“

Es ist ei­ne Öko-Dys­to­pie, die Eck­hart Ni­ckel in sei­nem Ro­man „Hys­te­ria“ ge­nuss­voll und mit Iro­nie ge­würzt ser­viert. Der 1966 ge­bo­re­ne, stu­dier­te Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Kunst­his­to­ri­ker, ver­öf­fent­lich­te vor die­sem Ro­man­de­büt als Jour­na­list u.a. in Tem­po, Süd­deut­scher Zei­tung und F.A.Z. so­wie in der von ihm und Chris­ti­an Kracht ge­grün­de­ten Li­te­ra­tur­zeit­schrift Der Freund. Ent­spre­chend weit ist der li­te­ra­ri­sche wie pop­kul­tu­rel­le Be­zugs­rah­men die­ses Ro­mans.

Doch man muss nicht zwangs­läu­fig E.T.A. Hoff­mann, Sig­mund Freud oder die vie­len an­de­ren li­te­ra­ri­schen Leucht­tür­me, die in „Hys­te­ria“ auf­tau­chen, ge­le­sen ha­ben. Man kann auch mit Mu­sik die Sphä­ren die­ser Zu­kunfts­welt durch­drin­gen, wahl­wei­se mit Kraft­werk oder Jean Mi­chel Jar­re. Oder ganz ein­fach den teu­ren Tee Pa­ri­ser Pro­ve­ni­enz mit dem an­spie­lungs­rei­chen Na­men schlür­fend über die Ab­wand­lung ei­nes Mu­sik­vi­de­os la­chen. Der Ro­man bie­tet viel­fäl­ti­ge Ent­de­ckun­gen, nicht nur die, daß mit den Le­sen fort­set­zen

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