Deutscher Buchpreis 2014 — Die Longlist

Neues und Altbewährtes

Vorschlag_Böv_11Der Deut­sche Buch­preis be­ruht auf Kon­stan­ten. Aus deutsch­spra­chi­gen Ro­ma­nen, die zwi­schen Ok­to­ber des Vor­jah­res und Sep­tem­ber er­schei­nen, wählt ei­ne stets neue Ju­ry 20 Ti­tel für ei­ne Long­list. Die­se wird Mit­te Au­gust be­kannt ge­ge­ben und im Sep­tem­ber auf sechs Short­list­kan­di­da­ten ein­ge­dampft. Al­le Au­toren die­ser Wer­ke er­hal­ten zwar zum Auf­takt der Frank­fur­ter Buch­mes­se im Kai­ser­saal des Rö­mer ein Preis­geld, doch fie­bert je­der der höchs­ten Aus­zeich­nung ent­ge­gen. Für man­chen Schrift­stel­ler ist dies nichts Neues.

Auch auf der heu­te ver­öf­fent­lich­ten Lis­te fin­den sich elf al­te Buch­preis­ha­sen, die „Deut­scher Buch­preis 2014 — Die Long­list“ wei­ter­le­sen

Löcher, Liebe, Levitationen

In seinem neuen Roman „Alpha & Omega“ erklärt Markus Orths mit Phantasie und Augenzwinkern die „Apokalypse für Anfänger“

g-Orths-Markus-Alpha-und-OmegaDie Krie­ge, die sich zer­flei­schen­den Kul­tu­ren, die Hun­ger­ge­no­zi­de, die scham- und rück­sichts­lo­se Aus­beu­tung: Ich konn­te kaum glau­ben, dass die da­ma­li­gen Men­schen all­dem nichts oder nicht ge­nug ent­ge­gen­ge­setzt hat­ten. Ob­wohl sie ge­nau Be­scheid wuss­ten. Zum Bei­spiel dar­über, dass täg­lich drei­tau­send Men­schen al­lein an den Fol­gen von Druch­fall­erkran­kun­gen star­ben. Nein — sie lie­ßen es ge­sche­hen. Mich frös­tel­te.

Wie wer­den künf­ti­ge His­to­ri­ker auf un­se­re heu­ti­ge Ge­sell­schaft zu­rück­bli­cken? Wil­helm Gen­a­zi­no be­zeich­ne­te die wil­lig von Me­di­en Ma­ni­pu­lier­ten als „Er­leb­nis­pro­le­ta­ri­at“. In Mar­kus Orths’ neu­em Ro­man ur­tei­len un­se­re Nach­fah­ren noch har­scher, sie be­zeich­nen das 21. Jahr­hun­dert als „Bar­ba­ri­sches Zeit­al­ter“. Wer Orths’ apo­ka­lyp­ti­schen Of­fen­ba­run­gen von An­fang bis En­de folgt, ist ge­neigt ih­nen zu zustimmen.

Al­pha & Ome­ga be­ginnt nicht mit, son­dern kurz vor ei­nem Knall. Wir be­fin­den uns im Jahr 525 nach Ome­ga, er­go 2525 nach Chris­tus, und ein Me­teo­rit droht Er­de samt „Lö­cher, Lie­be, Le­vi­ta­tio­nen“ wei­ter­le­sen

Tue Gutes und schreibe darüber

Variationen von Schwarz — Dagmar Leupolds Roman „Unter der Hand“

LeupoldWenn man das gan­ze Le­ben als Not­fall be­trach­tet, ist es na­tur­ge­mäß schwie­rig, sich zu rüs­ten, und letzt­lich gleich­gül­tig, ob man mit ei­nem Über­see­kof­fer un­ter­wegs ist oder mit ei­nem Beu­tel­chen vol­ler Brot­kru­men zum Aus­streu­en. Es fehlt das Ver­trau­en in Rückwege.“

Man­che Men­schen ha­ben ein di­ckes Fell, das sie un­emp­find­lich ge­gen äu­ße­re An­ma­ßun­gen macht. Nicht so Min­na, die seit ih­rer zu frü­hen Ge­burt ei­ne äu­ßerst durch­läs­si­ge Hül­le be­sitzt. So dünn, daß selbst ein Luft­hauch ihr un­ter die Haut fährt.

Doch ih­re Sen­si­bi­li­tät ist nicht ver­ant­wort­lich für den plötz­li­chen Tod der knapp über 50jährigen, von dem der Le­ser be­reits im Pro­log er­fährt. Hin­ge­bet­tet wie Schnee­witt­chen fin­det ihr Woh­nungs­nach­bar sie ent­schla­fen auf dem Bett, zu­sam­men­ge­rollt wie ein Fö­tus. Er er­in­nert sich an ei­ne un­er­schro­cke­ne, wit­zi­ge, klu­ge und „Tue Gu­tes und schrei­be dar­über“ wei­ter­le­sen

Bachmannpreis 2014 – Preisträger und Juroren der 38. Tage der Deutschsprachigen Literatur

bachmann14Da lag ich ja mit mei­ner Pro­gno­se der Preis­trä­ger ganz rich­tig, wenn ich auch die ge­naue Ver­tei­lung nicht er­ah­nen konnte.

Tex Ru­bi­no­witz ge­wann den Bach­mann­preis, der Ke­lag-Preis ging an Mi­cha­el Fehr, der auch den Fe­der­welt Preis der Au­to­ma­ti­schen Li­te­ra­tur­kri­tik er­hielt. Sen­th­uran Va­rat­ha­ra­jah wur­de mit dem 3sat-Preis aus­ge­zeich­net, Ka­tha­ri­na Ge­ri­cke er­hielt den Heyns Ernst-Willner-Preis.

Bei der Ver­ga­be des Pu­bli­kums­prei­ses an Ger­traud Klemm lag ich da­ne­ben. Hier hat­te ich auf Ru­bi­no­witz ge­tippt. Des­sen wit­zi­ger Text ge­fällt mir gut, doch als Bach­mann­preis­trä­ger hat­te ich ihn, im Ge­gen­satz zu Wolf­gang Ti­scher, nicht ein­ge­stuft. In die­ser Rol­le sah ich „Bach­mann­preis 2014 – Preis­trä­ger und Ju­ro­ren der 38. Ta­ge der Deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur“ wei­ter­le­sen

TDDL 2014 – Katharina Gericke, Tex Rubinowitz, Georg Petz

Bachmannpreis 3. Tag — Drei mal Liebe und eine wohlgefüllte Arche

bachmann14Da ich ges­tern vor lau­ter Twit­ter-Zir­kus bei­na­he den ers­ten Eklat ver­passt hät­te, woll­te ich mich am die­sem Vor­mit­tag et­was zu­rück­hal­ten. Der Vor­satz wur­de durch kei­nen un­ter­ir­di­schen Text tor­pe­diert. An­ders als im letz­ten Jahr trat die­se Ka­te­go­rie nicht auf, selbst die ti­be­ta­ni­sche To­ten­me­di­ta­ti­on war mei­len­weit von der letzt­jäh­ri­gen Tee­beu­tel­pro­sa entfernt.

Nach­dem der Mo­de­ra­tor Chris­ti­an An­kowitsch dem Pu­bli­kum mit ei­nem li­te­ra­ri­schen Schuh­löf­fel in die Blecha­re­na ver­half, be­gann Ka­tha­ri­na Ge­ri­cke die ers­te Le­sung. Sie ist die Kan­di­da­tin Burk­hard Spin­nens. Ge­ri­cke, die als Dra­ma­tur­gin schon auf ei­ni­gen Büh­nen ar­bei­te­te, lebt in Ber­lin, wo auch ihr Vi­deo­por­trät spielt. Die Re­por­ta­ge zeig­te ihr En­ga­ge­ment für ein Thea­ter­pro­jekt in Moa­bit. Ob­wohl ich die­se In­tro­fil­me eher als Zeit­ver­schwen­dung se­he, fand ich die­sen an­ge­nehm und TDDL 2014 – Ka­tha­ri­na Ge­ri­cke, Tex Ru­bi­no­witz, Ge­org Petz“ wei­ter­le­sen

TDDL 2014 — Anne-Kathrin Heier, Birgit Pölzl, Senthuran Varatharajah, Michael Fehr, Romana Ganzoni

Bachmann-Wettbewerb — Sieger sangen am 2. Tag

bachmann14Der Vor­mit­tag des zwei­ten Ta­ges en­de­te mit der Le­sung des Sie­ger­tex­tes. Nicht nur, weil ich we­nig Kri­tik ver­nahm und na­tür­lich über­haupt nicht, weil der Au­tor nicht nur über ei­ne at­trak­ti­ve Spra­che ver­fügt, son­dern weil er der Arch­eIn­ge­borg kein wei­te­res Ge­schöpf hin­zu füg­te. Zwar wur­de im Vi­deo ei­ne Schlan­ge er­wähnt, aber die­se Vi­de­os neh­me ich ein­fach nicht ernst.

Der Tag be­gann mit An­ne-Kath­rin Hei­er aus Ber­lin. Sie stu­dier­te am Hil­des­hei­mer Li­te­ra­tur­in­sti­tut und ar­bei­tet als freie Lek­to­rin. Ihr Kla­gen­furt-Men­tor ist Burk­hard Spinnen.

Sie las den an­spruchs­vol­len Text „Icht­hys“, des­sen ge­wähl­te Spra­che vie­le schö­ne Sät­ze her­vor­brach­te. Nur zwei Bei­spie­le, „die ich den Da­men und Her­ren der Ge­schäfts­füh­rung un­ter den An­zug­stoff in al­le Kör­per­öff­nun­gen hin­ein­hau­che“ oder „Au­tos am Rand, die die Gren­zen nur in der Som­mer­zeit über­fah­ren.“ TDDL 2014 — An­ne-Kath­rin Hei­er, Bir­git Pölzl, Sen­th­uran Va­rat­ha­ra­jah, Mi­cha­el Fehr, Ro­ma­na Gan­zo­ni“ wei­ter­le­sen

TDDL 2014 — Roman Marchel, Kerstin Preiwuß, Tobias Sommer, Gertraud Klemm, Olga Flor

Arche Ingeborg

bachmann14Das dies­jäh­ri­ge Wett­le­sen be­gann mit ei­nem Kan­di­da­ten ei­nes neu­en Ju­rors. Ro­man Mar­chel, der Schrift­stel­ler aus dem Wald­vier­tel wur­de von Ar­no Du­si­ni, dem Pro­fes­sor aus Wien, ge­la­den. Schon Mar­chels Vi­deo­por­trät ver­mit­tel­te ei­ne me­lan­cho­li­sche Stim­mung, die sich im Text fort­setz­te. Die­ser er­zählt die Ge­schich­te ei­ner al­ten Frau, die mit dem Lei­den ih­res im Ster­ben lie­gen­den Man­nes über­for­dert ist und ihm schließ­lich mit ei­ge­ner Hand ein En­de be­rei­tet. Ku­rio­ser­wei­se ha­ben wir ge­ra­de ges­tern in un­se­rem Li­te­ra­tur­kreis über Mi­che­le Mur­gi­as Ro­man Ac­ca­ba­do­ra ge­spro­chen, der ein ähn­li­ches The­ma be­han­delt. Al­ler­dings längst nicht so vir­tu­os wie Mar­chel, der um das Er­eig­nis ein fei­nes Ge­we­be von Er­in­ne­run­gen spinnt. Mich hat der Text, den ich in der Mit­tags­pau­se noch­mals ge­le­sen ha­be, sehr be­ein­druckt. Le­dig­lich ei­ni­ge Aus­tria­zis­men wie „aus­ge­trock­ne­tes Tuch“ ha­ben mich et­was gestört.

Win­kels, der als ers­ter Ju­ror spricht, äu­ßer­te als ein­zi­ger Kri­tik. Ihm miss­fie­len TDDL 2014 — Ro­man Mar­chel, Kers­tin Prei­wuß, To­bi­as Som­mer, Ger­traud Klemm, Ol­ga Flor“ wei­ter­le­sen

Bachmannpreis – TDDL 2014

Lesen, Lauschen, Labnge Reden

bachmann14Heu­te Abend wer­den die 38. Ta­ge der Deut­schen Li­te­ra­tur mit ei­ner Re­de Ma­ja Ha­der­laps, der Preis­trä­ge­rin von 2011, er­öff­net. Zum Wett­be­werb am Wör­ther­see zu Eh­ren der in Kla­gen­furt ge­bo­re­nen Au­torin In­ge­borg Bach­mann tre­ten fol­gen­de 14 Schrift­stel­ler an: Mi­cha­el Fehr, Ol­ga Flor, Ro­ma­na Gan­zo­ni, Ka­tha­ri­na Ge­ri­cke, An­ne-Kath­rin Hei­er, Ger­traud Klemm, Ka­ren Köh­ler (ist er­krankt und kann lei­der nicht teil­neh­men), Ro­man Mar­chel, Ge­org Petz, Bir­git Pölzl, Kers­tin Prei­wuß, Tex Ru­bi­no­witz, To­bi­as Som­mer und Sen­th­uran Va­rat­ha­ra­jah. In­for­ma­tio­nen über Bio­gra­phie und Werk bie­tet die Sei­te des Bach­mann­wett­berbs.

Für mich sind dies neue Na­men, auch wenn acht der zwölf Au­toren schon lan­ge weit über Dreis­sig sind. Al­lei­ne die Ös­ter­rei­che­rin Ol­ga Flor ist mir durch ih­ren Ro­man „Kol­la­te­ral­scha­den“ be­kannt, der 2008 für den Deut­schen Buch­preis no­mi­niert war. Ei­ne Ent­de­ckung, die mich so­fort neu­gie­rig „Bach­mann­preis – TDDL 2014“ wei­ter­le­sen

Barbarische Zivilisierung

François Garde erinnert in seinem ersten Roman „Was mit dem weißen Wilden geschah” an einen außergewöhnlichen historischen Fall

GardeIch schaue Nar­cis­se an, der das Meer an­schaut. Seit nun­mehr vier Mo­na­ten ver­brin­gen wir ge­mein­sam un­se­re Ta­ge. Aus dem einst stum­men wei­ßen Wil­den, der Furcht ein­flöß­te und zu­gleich ver­ängs­tigt war, ist ein freund­li­cher und dis­kre­ter Rei­se­ge­fähr­te ge­wor­den, der kei­ner­lei Auf­merk­sam­keit erregt.

Und was ist mit mir? Hat mich die­ses Aben­teu­er ver­än­dert? Mei­ne Be­ob­ach­tun­gen ha­ben ei­ni­ge mei­ner Ge­wiss­hei­ten er­schüt­tert. Was ist ein Wil­der? Und falls Nar­cis­se wirk­lich durch und durch ein Wil­der ge­wor­den war, an wel­chem Tag, zu wel­cher Stun­de wird er wie­der ein Mit­glied un­se­re Zi­vi­li­sa­ti­on sein? Was lehrt uns sei­ne Lehr­zeit über das Ler­nen? Und wer von uns bei­den ist der Lehrling?

Ich ha­be kei­ne Ant­wort auf die­se Fra­gen. Ich weiß nur, dass die Ge­schich­te von Nar­cis­se kei­ne schlich­te An­ek­do­te ist.“

Ein wei­ßer Wil­der muss in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, zur Hand­lungs­zeit des vor­lie­gen­den Ro­mans, wie ein Pa­ra­do­xon ge­klun­gen ha­ben. Wil­de gal­ten bes­ten­falls als edel und schön. Vie­le der so be­zeich­ne­ten Men­schen fer­ner Re­gio­nen wur­den wie skur­ri­le Sou­ve­nirs ih­ren Ur­sprungs­län­dern ent­ris­sen und „Bar­ba­ri­sche Zi­vi­li­sie­rung“ wei­ter­le­sen

How did she come to this idea?

Sibylle Lewitscharoffs Killmousky, ein Krimi mit Kater

KillmouskyAuch wenn ich, was die häus­li­che Fau­na be­trifft, eher den Ca­ni­dae denn den Feli­dae zu­nei­ge, er­war­te­te ich mit Vor­freu­de das Er­schei­nen von Kill­mousky. Co­ver­de­sign und Klap­pen­text kün­den un­miss­ver­ständ­lich ei­nen Kri­mi an, ein Gen­re, wel­ches mir eben so sel­ten be­geg­net wie die Mäu­se­mör­der. Be­kann­ter ist mir da die Au­torin des Ro­mans, Si­byl­le Le­witschar­off, de­ren an­spie­lungs­rei­che und viel­schich­ti­ge Ro­ma­ne wie Blu­men­berg und Apos­tol­off mich be­ein­druckt haben.

Er­freut und ge­ra­de­zu er­leich­tert er­kann­te ich nach den ers­ten Sei­ten, daß der Ka­ter kei­ne Haupt­rol­le, schon gar nicht die ei­nes wie auch im­mer ver­mensch­lich­ten Kat­zen­kom­mis­sars spielt. Zu­gleich war ich, da voll­kom­men ah­nungs­los, ent­täuscht, daß der ori­gi­nel­le Na­me für Tier und Buch nur ei­ne An­lei­he aus dem Fern­se­hen ist.

Der Ka­ter Kill­mousky hat kur­ze, wenn auch spek­ta­ku­lä­re Auf­trit­te. Mit ihm lernt der Le­ser die ei­gent­li­che Haupt­fi­gur des Ge­sche­hens ken­nen. Ri­chard Ell­wan­ger, ein „How did she co­me to this idea?“ wei­ter­le­sen