Bachmannpreis 2012 –TDDL ‑Moster, Ramnek, Richner

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Der 36. Bachmannpreis 2012

Der ers­te Le­se­vor­mit­tag ist be­en­det. Es la­sen Ste­fan Mos­ter, no­mi­niert von Burk­hard Spin­nen, Hu­go Ram­nek, der Kan­di­dat von Hil­de­gard Kel­ler so­wie Mir­jam Rich­ner, die Mei­ke Feß­mann vor­ge­schla­gen hatte.

Ste­fan Mos­ter, der seit 10 Jah­ren in Finn­land lebt und laut In­tro schreibt, um die Welt zu ver­ste­hen, liest ei­nen Text mit dem Ti­tel „Der Hund von Sa­lo­ni­ki“, der ver­schie­de­ne Er­zähl­ebe­nen durch viel­fäl­ti­ge Ver­wei­se mit­ein­an­der ver­knüpft. Die Er­in­ne­rung an ei­nen Kampf mit ei­nem Hund, den der Prot­ago­nist als Acht­zehn­jäh­ri­ger auf sei­ner ers­ten Rei­se nach Grie­chen­land er­leb­te und ei­gent­lich schon ver­ges­sen glaub­te, taucht nach Jahr­zehn­ten wie­der auf. Aus­lö­ser ist die Be­ob­ach­tung in Is­tan­bul, dort wer­fen Män­ner zu ih­rer Be­lus­ti­gung Hun­de ins Was­ser. Sei­ner Toch­ter, die ihn be­glei­tet, tischt er ei­ne kin­di­sche Er­klä­rung für die­ses Tun auf. Die Zu­hö­re­rin ver­mu­te­te, daß die Toch­ter noch recht klein sei, und bil­ligt so die Not­lü­ge. Kur­ze Zeit spä­ter stellt sich her­aus, daß sie be­reits sech­zehn Jah­re alt ist. Zwi­schen die­se bei­den Er­zähl­strän­ge schiebt sich ein Tram­pen nach Grie­chen­land mit al­len denk­ba­ren Hindernissen.

Die Ju­ry ist frisch und sehr dis­kus­si­ons­be­reit. Win­kels lobt den Text Mos­ters als schö­ne Er­öff­nung der Bach­mann­ta­ge. Er emp­fin­det ihn ru­hig und gleich­zei­tig in­ten­siv, er bie­te zahl­rei­che Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten für den Le­ser. Trotz der sehr gu­ten Kon­struk­ti­on mit vie­len Ver­kno­tun­gen der Er­zähl­ebe­nen, scheint er ihm ein we­nig gleich­för­mig. Win­kels deu­tet ihn als Me­di­ta­ti­on über Er­in­nern und Ver­ges­sen am Bei­spiel ei­nes exis­ten­ti­el­len Ereignisses.

Kel­ler ver­weist auf die li­te­ra­tur­ge­schicht­li­che Di­men­si­on des Hun­de­mo­tivs. Ihr ge­fällt die Ver­zah­nung der ein­zel­nen Ge­schich­ten. Mos­ter sei das Wie­der­fin­den der Er­in­ne­rung sehr schön ge­lun­gen, in­dem er ei­ne stark rea­lis­tisch er­zähl­te Ebe­ne als Traum ein­ge­scho­ben ha­be. Spä­ter er­gänzt sie, daß sich die Be­wusst­seins­ebe­nen der ver­schie­de­nen Fi­gu­ren kaum un­ter­schei­den würden.

Auch Ca­duff wür­digt den Hund als li­te­ra­ri­sches Mo­tiv, eben­so die fei­ne und ein­dring­li­che Wort­wahl. Die Tram­per­ge­schich­te im Mit­tel­teil klingt ihr je­doch zu sehr nach Freud und Leid der Interrailgeneration.

Die Spra­che Mos­ters hat auch Da­nie­la Stri­gl be­ein­druckt. Sie greift als Bei­spiel den „Hund der sich trau­rig troll­te“ auf. Al­ler­dings ver­spürt sie ei­ne ge­wis­se Harm­lo­sig­keit und stört sich auf der rea­len Ebe­ne an der nicht ein­tre­ten­den Toll­wut­angst nach dem Biss. Auch sie be­tont ihr Ver­ständ­nis des Hun­de­sym­bols, das sie psy­cho­ana­ly­tisch als un­heim­li­ches Tier des Eros interpretiert.

Zur Ver­tei­di­gung des Tex­tes ver­wirft Spin­nen zu­nächst die Ge­gen­ar­gu­men­te. Der Text sei nicht harm­los, son­dern von sub­ti­lem er­zäh­le­ri­schen Auf­wand. Er zeich­ne sich durch die Gleich­zei­tig­keit von Re­fle­xi­on und Er­le­ben aus. Spin­nen plau­dert ein we­nig aus dem ei­ge­nen bio­gra­phi­schen Näh­käst­chen, und schließt mit dem Fa­zit, dies sei ein un­end­lich me­lan­cho­lisch, trau­ri­ger Text.

Mei­ke Feß­mann sieht vor al­lem die sprach­li­chen Qua­li­tä­ten des Tex­tes, der al­ler­dings in­halt­lich des Gu­ten zu viel wol­le. Auch ihr fällt auf, daß die Toch­ter wie ein Klein­kind be­han­delt wird. Ihr miss­fiel das Hun­de­mo­tiv, wie ihr der ge­sam­te Text sym­bo­lisch zu über­frach­tet sei.

Mo­ti­vi­sche Aus­le­ge­wa­re“ ur­teilt Jandl, der Au­tor hät­te sich reich­lich am Mo­tiv­vor­rat der Li­te­ra­tur be­dient und die­se, wie am Bei­spiel Hund zu se­hen sei, exis­ten­zia­lis­tisch hoch­ge­ju­belt. Das Ver­ges­sen des Hun­de­bis­ses hält er für un­glaub­wür­dig, die zu­rück­blei­ben­de Nar­be hät­te die Fi­gur doch stets an das Er­eig­nis er­in­nern müs­sen. Die man­geln­de Dif­fe­ren­zie­rung der Er­zähl­stim­men ist in sei­nen Au­gen ein wei­te­rer Kritikpunkt.

Ziem­lich auf­ge­bracht wirft ihm Spin­nen die Stren­ge ei­nes „sta­li­nis­ti­schen Zoll­be­am­ten“ vor, was Jandl zu dem amü­san­ten Kon­ter ver­an­lasst, Spin­nen hät­te sein Ur­teil über den Text „auf­grund ei­ge­ner bio­gra­phi­scher Er­fah­rung pa­the­tisch aufgepimt“.

Viel­leicht geht es mir ja ähn­lich wie Spin­nen? Je­den­falls war Mos­ters Text, trotz ei­ni­ger Kri­tik­punk­te in der Er­zähl­lo­gik, für mich der an­ge­nehms­te des heu­ti­gen Ta­ges. Ins­ge­samt ist es ei­ne strin­gent und span­nend er­zähl­te Ge­schich­te. Be­son­ders ein­drucks­voll schil­dert Mos­ter den Kampf mit dem Hund. Angst und Ekel auf Sei­ten des jun­gen Man­nes sind eben­so gut nach­voll­zieh­bar, wie Schmerz und Elend des Hundes.

Es folg­te der aus Kärn­ten stam­men­de und in Zü­rich le­ben­de und un­ter­rich­ten­de Hu­go Ram­nek. Sein Text „Ket­ten­ka­rus­sell“ wur­de von Hil­de­gard Kel­ler vor­ge­schla­gen und schil­dert drei Ta­ge ei­nes länd­li­chen Jahr­mark­tes, im Text als Wie­sen­markt be­zeich­net. Hand­lungs­ort ist das Grenz­ge­biet zwi­schen Slo­we­ni­en und Kärn­ten. In den Er­in­ne­run­gen ei­nes Ju­gend­li­chen an die­sen Fest­rausch spie­len die eth­ni­schen und so­zia­len Kon­flik­te der Be­woh­ner ei­ne er­heb­li­che Rol­le. Die Ge­schich­te en­det mit ei­ner pa­the­ti­schen Ka­rus­sell­phan­ta­sie, sich über al­le Gren­zen hin­weg he­ben zu können.

Win­kels, der the­ma­tisch ei­ne Ähn­lich­keit mit der An­la­ge des Tex­tes von Mos­ter er­kennt, ist vom Sprach­stil Ramn­eks, der in kur­zen Sät­zen und Ex­kla­ma­tio­nen den In­halt die­ses Jahr­markt­trei­bens trans­por­tiert, an­ge­tan. Al­ler­dings ge­be der Au­tor manch­mal zu viel Gas und nei­ge zu Über­trei­bun­gen. Be­son­ders das Sym­bol der se­xu­el­len Er­re­gung, die Kel­ler­e­ch­se,  wer­de zu oft wie­der­holt. Zu­dem stel­le Ram­nek die so­zia­len Un­ter­schie­de in die­ser eth­nisch zwei­ge­teil­ten Welt zu dras­tisch und mas­siv dar.

Auch Stri­gl fin­det die Kel­ler­e­ch­se zu dick auf­ge­tra­gen. Hin­ge­gen sei der Aus­nah­me­zu­stand des Wie­sen­markts sehr gut in sprach­li­che Bil­der um­ge­setzt. Schau­keln, Krei­seln und Rausch wür­den auch in der Sprach­rhyth­mik gespiegelt.

Co­rin­na Ca­duff fragt, was Li­te­ra­tur zum stark dis­kur­si­ven The­ma Hei­mat und Frem­de noch bei­tra­gen kann. Sie sucht nach dem An­lie­gen, die­ses ih­rer Mei­nung nach sym­bo­lisch über­stra­pa­zier­ten Textes.

Jandl in­ter­pre­tiert die Kel­ler­e­ch­se nicht nur als se­xu­el­les Sym­bol. Der gan­ze Text sei für ihn ein li­te­ra­ri­scher Rum­mel, vol­ler En­thu­si­as­mie­run­gen, al­les dre­he und be­we­ge sich.

Ge­spal­ten in ih­rem Ur­teil ist Mei­ke Feß­mann. Ei­ner­seits be­sit­ze der Text schö­ne Bil­der und Aus­drü­cke, an­de­rer­seits er­zeu­ge der star­ke Sym­bol­cha­rak­ter ei­nen pa­ra­do­xen Ef­fekt. Die Se­xua­li­tät sprin­ge ei­nem ge­ra­de­zu an je­der Stel­le ins Gesicht.

Spin­nen kon­sta­tiert, dies sei ein Text, der schön sein wol­le, und er he­ge Vor­be­hal­te ge­gen ei­ne der­ar­ti­ge In­ten­ti­on. Zu vie­le ba­ro­cke Wort­schöp­fun­gen, lau­te und viel­stim­mi­ge Bil­der, die manch­mal ins Kli­schee ab­drif­ten, stö­ren ihn. Dem Kunst­werk als sprachim­pres­sio­nis­ti­sches Ge­bil­de zeu­ge er je­doch Re­spekt und Anerkennung.

Eher ex­pres­sio­nis­tisch als ba­rock wirkt auf Kel­ler die­ser Text. Sei­ne Be­son­der­heit sei die  Rhyth­mik, die sehr gut in der heu­ti­gen Per­for­mance zum Aus­druck ge­kom­men sei. Sie be­trach­tet ihn als poe­ti­sche Su­che nach der Kind­heit. Sie er­in­nert sich an ih­re ei­ge­nen kind­li­chen Jahr­markt­er­leb­nis­se und schaut durch Ramnecks Sät­ze „aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve auf den Jahrmarkt“.

Für mich war es kein nost­al­gi­scher Jahr­markts­gang, eher ein sehr rus­ti­ka­les Er­leb­nis, bei dem plötz­lich die Gren­ze zwi­schen zwei pe­ni­bel ge­trenn­ten Sphä­ren ver­wischt. In der Spra­che war es mir al­ler­dings zu derb.

Die letz­te Le­sung am Vor­mit­tag be­stritt die jun­ge Mir­jam Rich­ner. Die Kan­di­da­tin wur­de von Mei­ke Feß­mann vor­ge­schla­gen. Der Vor­stel­lungs­film ver­rät ih­re Nei­gung Träu­me und Ge­dich­te in ih­re Pro­sa ein­zu­bau­en, was sich an ih­rem Text mit dem Ti­tel „Bett­lä­ge­ri­ge Ge­heim­nis­se“ deut­lich ab­le­sen lässt. Er er­zählt die dra­ma­ti­sche Ge­schich­te zwei­er jun­ger Frau­en und Leh­rer­kol­le­gin­nen, die ver­su­chen sich aus ei­nem von ei­ner La­wi­ne ver­schüt­te­ten Haus zu befreien.

Ge­wis­se Nö­te mit dem Text“ mel­det Da­nie­la Stri­gl. Sie hat gra­vie­ren­de Glaub­wür­dig­keits­pro­ble­me mit dem Er­zähl­vor­gang und fin­det den Text nicht geglückt.

Win­kels hin­ter­fragt, ob es sich tat­säch­lich um ein rea­les La­wi­nen­un­glück han­de­le. Un­un­ter­bro­chen wür­den in­ne­re Vor­gän­ge dargestellt.

Als Text ei­nes Wahns wer­tet Jandl das Vor­ge­tra­ge­ne. Dass die La­wi­ne le­dig­lich Ein­bil­dung sei, ver­rie­ten die vie­len Selbst­aus­künf­te der Fi­gur. Ei­ner­seits kön­ne ein sol­cher Text al­les er­zäh­len und das tue er auch. An­de­rer­seits müs­se Wahn­sinn in der Li­te­ra­tur auch wie­der ver­nünf­tig wer­den und das tue er nicht. Jandl fragt, was von Text üb­rig bleibe.

Ca­duff be­zeich­net den Text als Hin- und Her­ge­wei­ne im Han­ni-und-Nan­ni-Stil, der auf ein erns­tes The­ma ap­pli­ziert sei. Die Spra­che sei sa­lopp, la­pi­dar, Main­stream säu­selnd. Sie ver­steht die Funk­ti­on der Ge­dich­te nicht und rät Rich­ner, de­ren Aus­sa­ge bes­ser in die Pro­sa zu integrieren.

Laut Kel­ler be­inhal­tet der Text ei­nen un­er­hör­ten, wu­chern­den Reich­tum, sei aber „ir­gend­wo auf dem Weg“. Sie emp­fiehlt ei­ne Be­ra­tung und über­nimmt die­se gleich selbst, wenn sie über die Be­zie­hung zwi­schen Au­toren und ih­ren Fi­gu­ren doziert.

Da er­greift Feß­mann die Ver­tei­di­gung mit der Er­öff­nung, die­ses sei ein sur­rea­ler Text, was kei­ner ih­rer Vor­red­ner er­kannt ha­be. Da­mit dür­fe die Au­torin al­les, je­de Kri­tik an un­lo­gi­scher Hand­lung sei ob­so­let. Es ent­wi­ckelt sich ein klei­ner Dis­put zwi­schen Feß­mann, Stri­gl und Jandl, den letz­te­rer mit „ich mach’s mal sur­re­al, dann darf ich al­les, geht nicht“ beendet.

Die kur­ze Zeit, die Spin­nen vor dem Be­ginn der Mit­tags­pau­se bleibt, nutzt er zur Sym­pa­thie­be­kun­dung für die gir­ly­haf­te Jung­leh­rer­all­tags­rea­li­tät mit sur­rea­len Gedankengängen.

Ich emp­fand den Text als sehr tem­po­reich. Beim In­halt soll­te man un­be­dingt das Al­ter der 1988 ge­bo­re­nen Au­torin und da­mit si­cher­lich auch das der Ziel­grup­pe be­rück­sich­ti­gen. Die an­ge­ris­se­nen phi­lo­so­phisch-ethi­schen Dis­kus­sio­nen schei­nen mir in der Hin­sicht angemessen.

Das war mein Rück­blick auf den Vor­mit­tag, al­le Zi­ta­te nach bes­tem Wis­sen und Hö­ren, al­so oh­ne Gewähr.

Die Ju­ry bil­den in die­sem Jahr Co­ri­na Ca­duff, Paul Jandl, Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler, Mei­ke Feß­mann, Burk­hard Spin­nen, Cla­ris­sa Stad­ler, Da­nie­la Stri­gl und Hu­bert Win­kels. Ei­ne schö­ne Rang­lis­te hat die So­pra­nis­se parat.

Von al­len bis­he­ri­gen Le­sun­gen ist ein Vi­deo abrufbar.

3sat über­trägt Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen live:

5. Ju­li: 10.15 bis 15.15 Uhr

6. Ju­li: 10.15 bis 15.15 Uhr

7. Ju­li: 9.45 bis 14 .00 Uhr

8. Ju­li: 11.00 bis 12.00 Uhr – Preisverleihung

Mit der Snip­py-App gibt es die Smartphonvariante.

Le secret de maman

Hélène Grémillon enthüllt in „Das geheime Prinzip der Liebe” Müttergeheimnisse

Leih­mut­ter­schaft ist kein mo­der­nes Phä­no­men. Vor der Ent­wick­lung der In-Vi­tro-Tech­nik fand die Be­fruch­tung auf na­tür­li­chem We­ge statt. Die Leih­mut­ter war iden­tisch mit der leib­li­chen Mut­ter, le­dig­lich der Mann des Kin­der­wunsch­paa­res gab sei­ne Erb­an­la­gen wei­ter. Da der aus­tra­gen­den Frau ih­re Mü­hen gut be­zahlt wur­den, fan­den sich für der­ar­ti­ge Ab­kom­men vor al­lem An­ge­hö­ri­ge der un­te­ren Schich­ten bereit.

Fried­rich Heb­bel the­ma­ti­siert ei­nen sol­chen Vor­gang und des­sen Kon­flikt in sei­nem 1857 ent­stan­de­nen dra­ma­ti­schen Ge­dicht „Mut­ter und Kind“. Hé­lè­ne Gré­mil­lon, die Au­torin von „Das ge­hei­me Prin­zip der Lie­be“, ver­legt ihn ins Frank­reich des Jah­res 1939.

Wie der deut­sche Ti­tel des Ro­mans in größ­ter Klar­heit sagt, han­delt er vor al­lem von der Lie­be. Doch nicht nur von der manch­mal gro­ßen und oft nicht ein­zi­gen zwi­schen ei­nem Paar, son­dern „Le se­cret de ma­man“ wei­ter­le­sen

Über das Packen von Koffern, das Potential von Staubmäusen und das Sortieren von Büchern

Jens Sparschuh warnt „Im Kasten” vor den Gefahren der Ordnung

Die Welt des Han­nes Fe­lix, der für die op­ti­ma­le Ord­nung al­les Seins lebt, wird vom Cha­os be­droht. Sei­ne Frau Mo­ni­ka ist im Be­griff ihn zu ver­las­sen. Er steht vor ei­nem Scher­ben­hau­fen, doch fällt ihm nichts Bes­se­res ein als ih­re in Ra­ge in den Kof­fer ge­wor­fe­ne Klei­dung säu­ber­lich neu zu sor­tie­ren. Wäh­rend er ein Kof­fer­ver­zeich­nis plant, brät sich Mo­ni­ka noch ein Ei und ist weg. Wie war es nur so­weit ge­kom­men? Nicht nur pri­va­te Kon­flik­te löst Han­nes mit ei­nem Fens­ter­blick auf den ge­re­gel­ten Ver­kehr. Auch be­ruf­li­chen Be­dro­hun­gen schaut er lie­ber nicht ins Au­ge. Die­se er­war­ten ihn täg­lich in ei­ner Fir­ma, die sich um die Ein­la­ge­rung von vor­erst nicht Be­nö­tig­tem küm­mert. Schein­bar ein idea­les Ar­beits­mi­lieu für ei­nen pe­ni­blen Men­schen, doch Han­nes Fe­lix macht mit sei­nem Ord­nungs­wahn die an­de­ren und vor al­lem sich selbst verrückt.

Wenn von Ver­rückt­sein die Re­de ist hat man eher Cha­os als Ord­nung im Sinn. Jens Spar­schuh je­doch lässt sei­nen Han­nes Fe­lix an der Ord­nung zu Grun­de ge­hen. Für die­sen Hans im Glück „Über das Pa­cken von Kof­fern, das Po­ten­ti­al von Staub­mäu­sen und das Sor­tie­ren von Bü­chern“ wei­ter­le­sen

Damenroman

Was übrig bleibt” — Sigrid Combüchen erzählt von Frauen und Damen damals und heute

Was zum Teu­fel soll ein Da­men­ro­man sein und möch­te man et­was Der­ar­ti­ges über­haupt lesen?

Die in Schwe­den auf­ge­wach­se­ne deutsch­stäm­mi­ge Sig­rid Com­bü­chen lässt die­se Be­zeich­nung von ih­rer Er­zäh­le­rin fol­gen­der­ma­ßen erklären.

Ein Da­men­ro­man han­delt na­tür­lich von Klei­dern und Schmuck und Aus­se­hen und Il­lu­sio­nen über die Lie­be und „je­des Mäd­chen soll für ei­nen Tag im Le­ben ei­ne Prin­zes­sin sein dür­fen“.

Ei­ne Sei­te zu­vor wird der dä­ni­sche Li­te­rat Ge­org Bran­des (1842–1927) an­ge­führt, der mit die­sen Spott­be­griff ge­wis­se Frau­en­ro­ma­ne be­leg­te. Wir mö­gen an Ro­sa­mun­de Pilcher den­ken, Herr Bran­des dach­te an Vic­to­ria Be­ne­dicts­son (1850–1888). Doch zu die­sem kli­scheerei­chen tra­di­tio­nell­kon­ser­va­ti­ven Schick­sals­schil­de­run­gen zählt Com­bü­chens Ro­man keineswegs.

In „Was üb­rig bleibt“ schil­dert sie die Ent­wick­lung der jun­gen Hed­da, die für sich, im länd­lich-bür­ger­li­chen Mi­lieu der Drei­ßi­ger­jah­re schwie­rig ge­nug, ei­ne Aus­bil­dung in Stock­holm durch­setzt. Sie nimmt al­ler­dings kein Stu­di­um auf, was „Da­men­ro­man“ wei­ter­le­sen

Das Kuscheltier des Philosophen

Sibylle Lewitscharoffs Trostgestalt mit Löwenmähne

Am lin­ken Ohr des Lö­wen zeig­te sich ein klei­ner Ma­kel im Fell, of­fen­bar ei­ne Ver­let­zung, die Blu­men­berg bis­her noch gar nicht auf­ge­fal­len war.“ (S. 148)

Er „war da­zu da, sein, Blu­men­bergs, Ver­trau­en in die Welt, zu­min­dest bei Nacht, zu fes­ti­gen.“ (S. 126)

Wer auf Ar­ti­go, ei­ner kunst­his­to­ri­schen Da­ten­bank, die Stich­wor­te Lö­we und Hie­ro­ny­mus ein­gibt, er­hält ei­ne Viel­zahl bild­künst­le­ri­scher In­ter­pre­ta­tio­nen die­ses Su­jets. Ei­ne li­te­ra­ri­sche legt Si­byl­le Le­witschar­off in ih­rem Ro­man „Blu­men­berg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blu­men­berg (1920–1996), der als Phi­lo­soph an der Uni­ver­si­tät Müns­ter lehr­te, wird von ihr zum Hei­li­gen sti­li­siert. Zu ei­nem agnos­ti­schen Hei­li­gen wohl­ge­merkt, der nicht an Bi­bel­tex­ten, son­dern an sei­nen ei­ge­nen Ge­dan­ken feilt. Dann ei­nes Nachts im pro­fes­so­ra­len Gehä­us, vul­go Ar­beits­zim­mer, ma­te­ria­li­siert sich ein Lö­we, oder bes­ser, er er­scheint. Das Ma­te­ri­el­le bleibt frag­lich, bis zum Schluss. Denn au­ßer ihm nimmt kein an­de­rer das Tier war, kein an­de­rer nor­ma­ler Mensch, ei­ne Non­ne aus­ge­nom­men, was dem li­te­ra­ri­schen Blu­men­berg und dem Le­ser zu Den­ken ge­ben soll­te. Oder bes­ser zu Glauben?

Die Ge­schich­te die­ser Er­schei­nung ist ge­konnt und ver­gnüg­lich er­zählt. Im ers­ten Teil des Ro­mans ha­be ich sie auch ger­ne ge­le­sen. Da­zu trug die Rät­se­lei um die Viel­zahl der li­te­ra­ri­schen und kunst­his­to­ri­schen Zi­ta­te bei, die Fa­bu­lier­kunst und der sub­ti­le Witz der Au­torin. Be­son­ders die Schil­de­rung des Stu­den­ten­mi­lieus der Acht­zi­ger und die vier stu­den­ti­schen Ex­em­pel la­den ein zur Nost­al­gie. Ja, so war’s. Streb­sam, ver­klemm­te Stu­den­ten­jün­ger, fe­mi­nis­ti­sches WG-Tee­trin­ken, Knei­pen­bar­den und Glücks­su­cher. Auf den grü­nen Zweig schafft es nur ei­ner, doch auch der beißt wie die an­de­ren drei viel zu früh ins Gras.

Le­witschar­offs Blu­men­berg hin­ge­gen, des­sen rea­les Vor­bild üb­ri­gens et­li­che Mi­nia­tu­ren zum Lö­wen an und für sich ver­fasst hat, phi­lo­so­phiert aus­führ­lich über sei­nen Lö­wen. Fünf ent­spre­chend durch­num­me­rier­te Leo­ka­pi­tel er­schei­nen im Ro­man. Blu­men­berg, der in Rea­li­tät doch eher der ei­ge­nen Phi­lo­so­phie als dem christ­li­chen Glau­ben zu­ge­neigt war, in­ter­pre­tiert die Er­schei­nung als Aus­zeich­nung von OBen.

Das fin­de ich trotz al­ler dich­te­ri­schen Frei­heit frag­lich. Mir per­sön­lich wür­de es we­nig ge­fal­len, wenn ein Ro­man mich er­we­cken wür­de oder gar da­zu ver­don­nern als from­me Non­ne Klos­ter­he­cken zu stut­zen. Aus die­sem Grund fiel mei­ne an­fäng­li­che Be­geis­te­rung zum Er­de hin et­was ab. Klar, es gibt noch je­de Men­ge Zi­ta­ten­schät­ze zu ent­de­cken. Von Pla­ton bis Heid­eg­ger, al­te und mo­der­ne Dich­ter, auch zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler­kol­le­gen wie Mo­se­bach und Gen­a­zi­no blit­zen um die Ecke. Dies al­les häuft sich zu ei­ner sehr ge­lehr­sa­men Sa­che um am En­de den Weg al­ler Gläu­bi­gen zu ge­hen. In ei­ner Höh­le, ge­stal­tet von Pla­ton, Dan­te und Be­ckett, la­gern die Ver­stor­be­nen des Ro­mans, un­ter ih­nen der Phi­lo­soph mit sei­nem Be­glei­ter. In die­sem War­te­zim­mer nach OBen voll­zieht sich schließ­lich ei­ne mys­ti­sche Trans­for­ma­ti­on, die al­len eso­te­risch Auf­ge­schlos­se­nen viel Freu­de ma­chen mag.

Ob auch „Blu­men­berg, Sohn ei­ner Jü­din,…, ka­tho­lisch ge­tauf­ter Agnos­ti­ker, der in der Zeit der Not, als kei­ne Uni­ver­si­tät ihn auf­nahm, ei­ni­ge Se­mes­ter am Frank­fur­ter Je­sui­ten­kol­leg,…, hat­te stu­die­ren dür­fen und nie aus der Kir­che aus­ge­tre­ten war“ (S. 87) sei da­hin gestellt.

Vor­sorg­lich ent­schul­digt sich die Au­torin in ih­rem Nach­wort beim Ver­stor­be­nen. Das bringt mir das Buch wie­der nä­her. Auch nimmt sie sich nie voll­kom­men ernst. Und den Lö­wen, Blu­men­bergs Trost- und Heils­brin­ger schon gar nicht. Der war viel­leicht doch nur ein über­gro­ßes Ku­schel­tier, in Trost­an­ge­le­gen­hei­ten so­mit bes­tens versiert.

Si­byl­le Le­witschar­off er­hält für ih­ren Ro­man den dies­jäh­ri­gen Wil­helm-Raa­be-Li­te­ra­tur­preis.

Zu­dem war sie auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses vertreten.

Deutscher Buchpreis 2011 — Die Shortlist

Drei Frau­en, drei Män­ner, was die Ge­schlech­ter­ver­tei­lung be­trifft, ist die Ju­ry in die­sem Jahr pc, aber nicht so kor­rekt, daß der lang­at­mi­ge Ker­ma­ni drin blieb. Ich bin zu­frie­den mit der Aus­wahl. Vier der Long­list-Ti­tel ha­be ich bis­her ge­le­sen. Über­zeugt hat mich je­doch von die­sen nur ei­ner. Das wa­ren we­der Gen­a­zi­nos Tie­re, noch Mo­dicks Feucht­wan­ger-Brecht-Duo und schon gar nicht die ele­gi­schen Land­schafts­im­pres­sio­nen Kin­skys. Her­aus­fo­de­rung und je­de Men­ge li­te­ra­ri­schen Spaß be­rei­tet bis­her ein­zig und al­lein Si­byl­le Le­witschar­offs kul­tur­ge­schicht­li­che Lö­wen­re­tro­spek­ti­ve „Blu­men­berg”. Froh dar­über, daß die zwei ver­irr­ten Main­streamti­tel nicht mehr da­bei sind, nen­ne ich nun ger­ne die kur­ze Lis­te der ver­blie­be­nen sechs Kandidaten.

Banater Elegie

Reiseimpressionen einer Landschaft ‑Esther Kinskys neuer Roman „Banatsko

Da­bei gibt es hier nichts zu ge­win­nen. Nichts als die Lee­re, das War­ten. Al­le hier war­ten auf ir­gend­et­was, seit Jahr­hun­der­ten. Auf die Lie­be, auf den Tod, auf ein­an­der, auf den Krieg, auf das nächs­te Hoch­was­ser, auf die Fäh­re. Hier ist ein War­te­land.“ (S. 190)

Die 1956 in Bad Hon­nef ge­bo­re­ne, heu­te in Ber­lin und Batt­onya le­ben­de Au­torin Es­ther Kin­sky er­hielt 2006 das Grenz­gän­ger-Sti­pen­di­um der Ro­bert-Bosch-Stif­tung. Ei­ne Poe­tin be­reis­te das Ba­nat, die von Krieg und Ver­lust ge­präg­te Grenz­re­gi­on zwi­schen Ru­mä­ni­en, Ser­bi­en und Un­garn. Ein Er­geb­nis die­ser Re­cher­che ist ihr für den Deut­schen Buch­preis no­mi­nier­ter Ro­man „Ba­nats­ko”. Sie be­schreibt dar­in ih­re Rei­se­in­drü­cke, dies sind vor al­lem ih­re Be­geg­nun­gen mit der Land­schaft, für de­ren Zu­stand und de­ren Wan­del sie poe­tisch schö­ne Sät­ze er­schafft. Auch Men­schen trifft sie. Ei­ne ar­me, sprö­de und zu­rück­ge­las­se­ne Land­be­völ­ke­rung, die sonst nichts mehr hat au­ßer der Land­schaft und dem Wer­den und Ver­ge­hen der Jahreszeiten.

Kin­sky evo­ziert bei al­ler Schön­heit ih­rer Na­tur­bil­der kei­ne Idyl­le. Im ers­ten Teil ih­rer aus un­ver­ständ­li­chen Grün­den als Ro­man be­ti­tel­ten Im­pres­sio­nen wei­sen stets prä­sen­te Gren­zen und zer­fal­len­de Bahn­hö­fe auf schwer über­wind­ba­re Tris­tesse. Spä­tes­tens ab dem phan­ta­sie­voll mor­bi­den Ka­pi­tel „Der Ap­fel­baum“ wird der Tod zum Prot­ago­nis­ten. Er scheint all­ge­gen­wär­tig. Auf je­der Sei­te be­geg­net er dem Le­ser in an­de­rer Ge­stalt, über­fah­re­ne Hun­de, Kat­zen, ver­stor­be­ne Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge, ver­fau­len­de Fi­sche, schwar­ze Krä­hen. Ei­ni­ge Bin­nen­er­zäh­lun­gen wid­met Kin­sky voll­kom­men die­sem The­ma. Da ist der al­te Mann, der sich zum Ster­ben in sei­nen Ap­fel­baum zu­rück­zieht. Sein Kör­per ver­wit­tert im Win­ter­wet­ter bis im Früh­jahr nur noch die Stoff­strei­fen in den Äs­ten hän­gen. Oder der gro­ße Fisch, der wie vom Him­mel ge­fal­len auf der Stra­ße stirbt und des­sen schön schil­lern­de Schup­pen bin­nen Mi­nu­ten ih­ren Glanz ver­lie­ren. Die Na­tur ent­sorgt den Rest des Ka­da­vers. Kin­sky schil­dert dies mi­nu­ti­ös in ei­ner Art poe­ti­schem Zeit­raf­fer. Üb­rig bleibt von dem einst schö­nen Tier nur der zer­zaus­te Fisch­schwanz im Straßengraben.

Was von den Men­schen die­ses Land­stri­ches üb­rig­ge­blie­ben ist, fin­det sich auf den Fried­hö­fen, je­der Ort hat ei­nen und fast auch je­des Ka­pi­tel des Ro­mans, Stra­ßen­fried­hö­fe mit ver­blass­ten Por­träts der To­ten auf den Me­tall­kreu­zen. Die, die noch le­ben, tun dies in zer­zaus­ten Um­stän­den, morsch und mit letz­ter Kraft, sich der Sterb­lich­keit bewusst.

Das Aus­ster­ben ei­ner Land­schaft und ih­rer Be­woh­nern formt die Dich­te­rin zu ei­nem ein­zi­gen Me­men­to Mo­ri, to­te Tie­re in Stra­ßen­grä­ben, Fried­hö­fe, un­zu­gäng­lich um­zäunt, Grab­schmuck aus Plas­tik, al­te Men­schen, die sich mit der Kar­tof­fel­ern­te ab­mü­hen, jun­ge Men­schen oh­ne Per­spek­ti­ve. Die ein­zi­ge Er­lö­sung bie­ten das Ak­kor­de­on­spiel und der Al­ko­hol. Ar­ran­giert ha­ben sich nur die Ro­ma, „die Zi­geu­ner“, die Müll­fürs­ten, die mit ih­ren pfer­de­be­spann­ten Sarg­wä­gen die Über­res­te ein­sam­meln. Wie mö­gen sich wohl die Be­woh­ner der be­reis­ten Or­te füh­len, wenn sie je die­se Dar­stel­lung ih­rer Hei­mat und ih­res Le­bens lesen?

Kin­skys mor­bi­de Ele­gie be­schreibt ein Um­her­schwei­fen. Sie reist mal hier mal dort­hin, kehrt im­mer wie­der nach Batt­onya zu­rück. Kaum gibt es In­ter­ak­ti­on zwi­schen den Men­schen, dann doch ein Ka­pi­tel, in dem ge­spro­chen wird. Weil mir die poe­ti­sche Spra­che so gut ge­fal­len hat, ha­be ich das Buch ger­ne ge­le­sen. Aber die Me­lan­cho­lie brei­tet sich auch über den Le­ser aus. Ein Heft vol­ler phan­tas­ti­scher Sät­ze, Wort­schöp­fun­gen vol­ler Poe­sie, aber auch Fried­hofs­li­te­ra­tur, die ich nur in klei­nen Do­sen ge­nie­ßen kann.

Wie man schreibt, daß man träumt, daß man schreibt

Jan Peter Bremer sucht in „Der amerikanische Investor“ nach dem perfekten ersten Satz

Ein Au­tor sitzt am Schreib­tisch und ima­gi­niert den ers­ten Satz. Auf den war­tet er schon lan­ge ver­geb­lich. Ein ty­pi­scher Fall von Schreib­hem­mung, so scheint es, die sich we­der durch den treu­en Blick ei­nes Hun­des noch durch Ab­len­kung durch­bre­chen lässt. Der ers­te Satz, des­sen ein­falls­rei­che Wort­ge­wandt­heit zum Mo­ti­va­tor für die rest­li­chen Sät­ze und Sei­ten des Ro­mans wer­den soll, kommt dem Dich­ter nicht in den Sinn. Viel­leicht weil der Sinn die­ses Er­zäh­lers, der wie Bre­mer nicht nur Bü­cher schreibt, son­dern mit Frau, Kin­dern und Hund in ei­ner Ber­li­ner Woh­nung lebt, von pri­va­ten Pro­ble­men be­setzt ist. Am dring­lichs­ten von dem Pro­blem mit sei­ner Woh­nung, die durch die Sa­nie­rungs­maß­nah­men ei­nes Im­mo­bi­li­en­in­ves­tors we­nigs­tens in Tei­len von Ein­sturz ge­fähr­det ist. Dies ist die wich­tigs­te Sa­che, um die sich der Krea­ti­ve auf Drän­gen sei­ner Frau zu küm­mern hat. Be­su­che bei der Mie­ter­be­ra­tung, Ge­sprä­che mit Ar­bei­tern und Haus­meis­tern, Er­wä­gung ei­nes Um­zu­ges, Aus­kund­schaf­ten even­tu­el­ler Wohn­op­tio­nen, dies al­les führt zu kei­nem Ziel. Es führt al­ler­dings zu der Idee, die­sem In­ves­tor ei­nen un­miss­ver­ständ­li­chen, al­les klä­ren­den Brief zu schrei­ben. Der Er­zäh­ler sitzt al­so wie­der mit sei­nem Hund am Schreib­tisch und war­tet auf den gu­ten ers­ten Satz.

Dies ist in al­ler Kür­ze der Plot des Ro­mans und er ist nicht son­der­lich auf­re­gend, wenn man nicht eben­falls in Ber­lin von ei­nem Miet­hai be­droht wird. In­ter­es­sant ist aber die Mach­art der Ge­schich­te. Die Su­che nach dem ers­ten Satz führt zu Re­flek­tio­nen, die nach kunst­vol­len Vol­ten stets zu ih­rem Aus­gangs­punkt zu­rück­keh­ren. Zu Hund und Herrn am Schreib­tisch und dem gro­ßen „Was wä­re wenn“. Was wä­re zum Bei­spiel, wenn der In­ves­tor, der der Le­se­rin als welt­fer­ner Be­woh­ner sei­nes Pri­vat­jets dar­ge­stellt wird und ihr als ro­ter Plas­tik­kopf im ro­ten Plas­tik­flie­ger vom Co­ver ent­ge­gen leuch­tet, dem Er­zäh­ler höchst­selbst  ei­nen Brief schrei­ben wür­de? Der In­ves­tor ent­wi­ckelt sich zur Be­dro­hung, die die Kin­der ver­führt und das Fa­mi­li­en­glück ge­fähr­det. Aber die­ses oder eher das Ehe­glück scheint so­wie­so so ei­ne Sa­che zu sein. Jan Pe­ter Bre­mer lässt sei­nen Schrift­stel­ler viel über des­sen Le­bens­um­stän­de grü­beln. Ge­schieht dies in zu­nächst sehr un­ter­halt­sa­mer Ma­nier, so dreht er sich da­bei doch auch im Kreis. Zum Glück dau­ert die­se Do­ku­men­ta­ti­on des Pro­kras­ti­nie­rens nur voll­kom­men aus­rei­chen­de 156 Seiten.

Für ei­nen Aus­zug aus die­sem im Ber­lin Ver­lag er­schie­ne­nen Ro­man er­hielt Bre­mer den Al­fred-Dö­b­lin-Preis 2011. In ei­nem Aspek­te-In­ter­view, das von der er­staun­li­chen Par­al­le­li­tät des wah­ren Le­bens zu die­sem Bu­ches zeugt, er­zählt der Schrift­stel­ler von sei­nem Woh­nen in Berlin.

Deutscher Buchpreis 2011 — Die Longlist

Die Jagd beginnt

Zum sieb­ten Mal wird in die­sem Jahr der Deut­sche Buch­preis ver­lie­hen. Er gilt dem Ro­man, dem man den größ­ten Pu­bli­kums­er­folg wünscht. Durch­aus als Mar­ke­ting­maß­nah­me er­dacht soll die­ser Preis den li­te­ra­ri­schen deut­schen Buch­markt be­le­ben. Den Le­sern wird so jen­seits der Best­sel­ler­türm­chen ein In­di­ka­tor ge­bo­ten, der ih­nen den Weg zum Gu­ten Buch weist. Seit Au­gust 2005 er­stellt ei­ne wech­seln­de, aber im­mer sie­ben­köp­fi­ge Ju­ry zu­nächst ei­ne Long­list, die ei­nen Mo­nat spä­ter auf ei­ne Short­list von sechs Ti­teln ein­ge­dampft wird. Der Ge­win­ner wird pünkt­lich zur Frank­fur­ter Buch­mes­se verkündet.

Die zwan­zig im Au­gust no­mi­nier­ten Ti­tel wer­den in ei­nem Le­se­buch den po­ten­ti­el­len Käu­fern und Le­sern vor­ge­stellt. Die­ses Heft soll­te der Buch­han­del sei­ner wer­ten Kund­schaft of­fe­rie­ren. Doch in den An­fangs­jah­ren ge­stal­te­te sich die Su­che nach die­sen Le­se­pro­ben zu ei­ner wah­ren Jagd. Selt­sam, denn die­ser Preis ist doch ganz zum Zwe­cke des Li­te­ra­tur­kon­sums er­dacht. In vie­len Buch­hand­lun­gen fan­den sich je­doch we­der ne­ben der Kas­se ei­nes die­ser Heft­chen noch auf ei­nem Son­der­tisch die No­mi­nier­ten. Da­für stieß man, nicht nur im ers­ten, son­dern auch im zwei­ten, drit­ten, vier­ten, fünf­ten und sechs­ten Jahr re­gel­mä­ßig auf ver­ständ­nis­lo­se Ge­sich­ter. Der Preis mit­samt sei­nem Heft war nicht nur in klei­nen Pro­vinz­buch­hand­lun­gen un­be­kannt. Nein, auch in den sich selbst als Li­te­ra­tur­hand­lun­gen be­ti­teln­den Lä­den in Karls­ru­he und Hei­del­berg war au­ßer er­staun­ten Bli­cken nicht viel zu er­gat­tern. Die Li­te­ra­tur­jä­ge­rin fand den­noch ihr Wild und das aus­ge­rech­net im Mu­sen­hain. Die Tha­lia­fi­lia­len in Karls­ru­he, Mann­heim, Hei­del­berg hat­ten nicht nur das be­gehr­te Ob­jekt, son­dern un­er­war­te­ter­wei­se auch Ah­nung von der Sa­che. Un­glaub­lich, aber wahr.

Im letz­tem Jahr stan­den die Le­se­pro­ben als frei­es Down­load auf Libre­ka zur Ver­fü­gung. Trotz­dem wer­de ich wie­der im Jagd­fie­ber sein. Wer weiß, viel­leicht kom­me ich dies­mal auch ganz oh­ne Pfer­de­stär­ken zu mei­nem Schuss in der klei­nen, aber fei­nen Dorfbuchhandlung.

Und hier die dies­jäh­ri­gen Nominierungen:

•   Vol­ker Har­ry Alt­was­ser, Letz­te Fi­scher (Matthes und Seitz Ber­lin, Sep­tem­ber 2011)

•   Jan Brandt, Ge­gen die Welt  (Du­Mont, Au­gust 2011)

•   Mi­cha­el Bu­sel­mei­er, Wun­sie­del(Das Wun­der­horn, März 2011)

•   Alex Ca­pus, Lé­on und Loui­se (Han­ser, Fe­bru­ar 2011)

•   Wil­helm Gen­a­zi­no, Wenn wir Tie­re wä­ren (Han­ser, Ju­li 2011)

•   Na­vid Ker­ma­ni, Dein Na­me (Han­ser, Au­gust 2011)

•   Es­ther Kin­sky, Ba­nats­ko (Matthes und Seitz Ber­lin, Ja­nu­ar 2011)

•   An­ge­li­ka Klüs­sen­dorf, Das Mäd­chen (Kie­pen­heu­er & Witsch, Au­gust 2011)

•   Do­ris Knecht, Gru­ber geht (Rowohlt.Berlin, März 2011)

•   Pe­ter Kurz­eck, Vor­abend(Stroem­feld, März 2011)

•   Lud­wig La­her, Ver­fah­ren (Hay­mon, Fe­bru­ar 2011)

•   Si­byl­le Le­witschar­off, Blu­men­berg (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2011)

•   Tho­mas Mel­le, Sicks­ter (Rowohlt.Berlin, Sep­tem­ber 2011)

•   Klaus Mo­dick, Sun­set (Eich­born, Fe­bru­ar 2011)

•   As­trid Ro­sen­feld, Adams Er­be (Dio­ge­nes, Fe­bru­ar 2011)

•   Eu­gen Ru­ge, In Zei­ten des ab­neh­men­den Lichts (Ro­wohlt, Sep­tem­ber 2011)

•   Ju­dith Schal­an­sky, Der Hals der Gi­raf­fe (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2011)

•   Jens Stei­ner, Ha­sen­le­ben (Dör­le­mann, Fe­bru­ar 2011)

•   Mar­le­ne Stre­eru­witz, Die Schmerz­ma­che­rin (S. Fi­scher, Sep­tem­ber 2011)

•   Ant­je Rá­vic Stru­bel, Sturz der Ta­ge in die Nacht (S. Fi­scher, Au­gust 2011)

Ratgeber zum Lesen, Schreiben und Kritisieren

Eine gelungene Gebrauchsanweisung „Wie man den Bachmannpreis gewinnt“ von Angela Leinen

Nein, ich will nicht dem­nächst nach Kla­gen­furt, we­nigs­tens nicht als ak­ti­ver Teil­neh­mer des Wett­le­sens. Aber ich woll­te so­fort nach dem En­de des dies­jäh­ri­gen Events noch mehr dar­über er­fah­ren. So lan­de­te ich als frisch Be­werbs­in­fi­zier­te zu­nächst auf dem Blog der So­pra­nis­se und schließ­lich bei ih­rem Buch, der „Ge­brauchs­an­wei­sung zum Le­sen und Schrei­ben“. Es hät­te auch mit Be­rech­ti­gung die Ti­tel „Rat­ge­ber für Kri­ti­ker und Ju­ro­ren“ oder „Klei­ne Ge­schich­te des Bach­mann-Wett­be­werbs“ tra­gen können.

Dass die­ses Buch mir so viel Spaß ma­chen wür­de, hät­te ich nicht ver­mu­tet. Schon gar nicht nach dem ers­ten Blick auf das nüch­tern wir­ken­de Co­ver­de­sign. Doch nach ei­nem Vor­wort von Kath­rin Pas­sig legt Lei­nen los und ana­ly­siert or­dent­lich und ge­wis­sen­haft, aber mit not­wen­di­ger Iro­nie die wich­tigs­ten Punkte.

Wel­che The­men eig­nen sich als Er­zähl­stof­fe? Wie er­kennt man Kitsch? Sind Ta­bu­brü­che för­der­lich? Wel­che In­hal­te ver­sper­ren dem Buch au­to­ma­tisch das Tor zur Literatur?

Wenn es nur dar­um geht, nicht vor Lan­ge­wei­le zu ster­ben, ist uns mit ei­ner gut ge­bau­ten eng­li­schen Fa­mi­li­en­ge­schich­te, ei­nem schlich­ten Berg­dra­ma­be­richt oder ei­nem Ei­fel­kri­mi ganz gut ge­dient. Aber wir ha­ben ja auch ir­gend­wann auf­ge­hört, Kin­der­bü­cher zu le­sen.“ (S. 52)

Un­ter den zahl­rei­chen Mög­lich­kei­ten der Er­zähl­per­speki­ve exis­tie­ren ei­ni­ge, wel­che ein „Rat­ge­ber zum Le­sen, Schrei­ben und Kri­ti­sie­ren“ wei­ter­le­sen