Mücken, Mythen, Mussolini

Antonio Pennacchis „Canale Mussolini” — Oral History als Epos

Was bit­te, was sa­gen Sie? War­um sie dann bis hier­her ge­kom­men sind? Ja, we­gen dem Hun­ger, ich bit­te Sie, aus wel­chem Grund denn sonst? We­gen dem Hun­ger ist ei­ner zu al­lem bereit (…).

Der Ro­man, Ca­na­le Mus­so­li­ni, ver­wan­delt so­fort. Er macht aus dem Le­ser ei­nen Zu­hö­rer und ver­setzt ihn vom Ses­sel in ei­nen Stall, wo Frau­en, Kin­der, Män­ner sich am Abend ver­sam­meln. Das an­we­sen­de Vieh wärmt, eben­so das Glas Wein, al­le lau­schen ei­nem Ein­zi­gen, der eben­so wie die Frau­en ei­nen Fa­den spinnt, den Filò ei­ner lan­gen Geschichte.

An­to­nio Pen­n­ac­chis Epos be­ginnt vor hun­dert Jah­ren und er­zählt von Not und Mut der Fa­mi­lie Per­uz­zi. Kein Ge­heim­nis bleibt den Zu­hö­rern ver­bor­gen, denn der Er­zäh­ler, selbst ein Mit­glied der viel­köp­fi­gen Sip­pe, kennt sie al­le. Auch von der be­son­de­ren Be­zie­hung der Per­uz­zi zum Fa­scio weiß er ei­ni­ges zu be­rich­ten. Da gibt es nichts dran zu rüt­teln, sie wa­ren Schwarz­hem­den von An­fang an.

Die al­ten Per­uz­zi zeu­gen 17 Kin­der, nichts Un­ge­wöhn­li­ches „Mü­cken, My­then, Mus­so­li­ni“ wei­ter­le­sen

Sensation Seeking im Hinterland

Das Leben, wie es wirklich ist — „Grenzgang“ von Stephan Thome

Die fi­na­le Ant­wort gibt es so­wie­so nicht, hat er frü­her sei­nen Stu­den­ten ge­sagt. Kei­ne For­mel, in die sich fas­sen lie­ße, was wir tun und war­um. Es gibt nur die Su­che und manch­mal das Finden.“

Sen­sa­ti­on See­king ist ein Be­griff aus der Per­sön­lich­keits­psy­cho­lo­gie. Er be­schreibt die Ver­hal­tens­dis­po­si­ti­on von Men­schen, de­ren Wohl­ge­fühl von sti­mu­lie­ren­den Rei­zen ab­hängt. Dies kön­nen ris­kan­te Sport­ar­ten sein, Rei­sen ins Un­be­kann­te, un­kon­ven­tio­nel­le Sex- oder Dro­gen­er­fah­run­gen oder auch so­zi­al ent­hemm­te Sauf­ge­la­ge. Sol­che Sen­sa­ti­on See­kers sind die Haupt­fi­gu­ren in Ste­phan Tho­mes Ro­man „Grenz­gang“ nicht. Sie sind scheu zu­rück­hal­tend und su­chen doch Kicks aus ih­rem als lang­wei­lig emp­fun­de­nen Le­ben. Sie be­ge­hen Klein­de­lik­te, kau­fen sich die Schrän­ke voll, tref­fen Ver­ab­re­dun­gen auf Sing­le­sei­ten oder er­kun­den ei­nen Swin­ger-Club. Wer die­se Art von Span­nungs­stei­ge­rung nicht be­nö­tigt, und das wird der Groß­teil der Ber­gen­städ­ter sein, fin­det sei­nen Aus­gleich im Grenz­gang. Bei die­sem Volks­fest wird drei Ta­ge lang viel ge­wan­dert und ge­trun­ken. Es bil­det den Hand­lungs­rah­men und prägt die Struk­tur des Ro­mans. In sei­nem Sie­ben-Jah­res-Rhyth­mus wer­den die Ent­wick­lun­gen der Er­eig­nis­se und der Per­so­nen be­leuch­tet. Al­ler­dings be­gnügt sich Thome nicht mit ei­ner chro­no­lo­gi­schen Er­zähl­fol­ge. Der Grenz­gang gibt le­dig­lich die Zeit­sprün­ge vor, mit de­nen die Er­in­ne­run­gen durch das Ge­sche­hen navigieren.

Ber­gen­stadt, der Hand­lungs­ort des Ro­mans, ist die Fik­ti­on von Bie­den­kopf, ei­nem Ort im hes­si­schen Hin­ter­land na­he Mar­burg. Ste­phan Thome ist dort ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen. Er kennt sich aus mit den Ge­pflo­gen­hei­ten des Grenz­gangs, aber auch mit dem Ge­fühl, in die­sem Hin­ter­land zu le­ben. Zwar liegt die Uni­ver­si­täts­stadt Mar­burg nicht weit ent­fernt, bleibt al­ler­dings be­schau­lich hin­ter Frank­furt und Köln zu­rück. Wer et­was er­le­ben will, muss dort hin oder am bes­ten gleich nach Ber­lin. Wie es ist von dort kom­mend in Ber­gen­stadt zu stran­den, er­fah­ren wir wech­sel­wei­se von der ein­ge­hei­ra­te­ten Kers­tin Wer­ner und von Tho­mas Weid­mann, ei­nem Mann, der an Welt und Wis­sen­schaft ge­schei­tert sich auf sein Kind­heits­ter­rain be­sinnt, um „ein Le­ben (zu) be­gin­nen, das er nie ge­wollt hatte“.

Kers­tin lernt 1985, beim ers­ten Grenz­gang des Ro­mans, der wie al­le fol­gen­den aus er­zäh­le­ri­schen Grün­den dem rea­len ein Jahr vor­aus eilt, ih­ren künf­ti­gen Ehe­mann Jür­gen ken­nen. Oder bes­ser ih­ren Ex-Mann, denn nach ei­nem Kind und zwei wei­te­ren Grenz­gän­gen trennt sich das Paar. Kers­tin bleibt in Ber­gen­stadt. Sie küm­mert sich um ih­re de­men­te Mut­ter und sorgt sich um den pu­ber­tie­ren­den Sohn. Just auf dem Grenz­gang, der das En­de ih­rer Ehe be­sie­gelt, kommt sie Tho­mas nä­her. Die­ser war nach dem Aus sei­ner aka­de­mi­schen Kar­rie­re Hals über Kopf nach Ber­gen­stadt auf­ge­bro­chen. Dort trifft er beim Er­klim­men der steils­ten Grenz­etap­pe auf Kers­tin. Nach dem Fest ver­lie­ren sich aus den Au­gen. Erst beim fol­gen­den Grenz­gang neh­men sie den Kon­takt wie­der auf. Es ist 2006, das Jahr der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft, ein Er­eig­nis, das Thome spöt­tisch streift. „Ge­set­ze schei­nen am Werk zu sein in der Art, wie die Leu­te plötz­lich die­se Welt­meis­ter­schaft nicht fei­ern, son­dern sich ihr hin­ge­ben, als wä­re der freie Wil­le ei­ne Er­fin­dung, die der Welt noch be­vor­steht.“ Die­ses Jahr ist die Aus­gangs­ba­sis der Hand­lung, von dort folgt der Er­zäh­ler den Er­fah­run­gen von Kers­tin und Thomas.

Thome schil­dert das Er­le­ben sei­ner Fi­gu­ren sehr ein­dring­lich. Es wird nach­voll­zieh­bar, wel­che Ge­füh­le Tho­mas da­zu trei­ben die Fens­ter­schei­be des In­sti­tuts ein­zu­wer­fen, eben­so wie Kers­tin den Mut zu ei­nem Be­such beim scheu­en Tho­mas fasst. Die Zeich­nung der Fi­gu­ren ge­schieht mit gro­ßer Em­pa­thie. Dies wird je­doch nie­mals ge­füh­lig, son­dern bleibt mit fei­ner Iro­nie auf dem Bo­den des Lebensnahen.

Dies be­ein­druckt mich sehr. Noch grö­ße­ren Re­spekt ver­langt die durch­dach­te Kon­struk­ti­on des Ro­mans. Die Fä­den zwi­schen den Grenz­gän­gen wer­den fein hin und her ge­spon­nen, oh­ne wir­re Kno­ten er­ge­ben sie ein aus­ge­fal­le­nes Mus­ter, dem man ger­ne folgt.

Die Ge­schich­te en­det im Jahr 2013. Den Ro­man be­en­det ein Epi­log, der die wich­tigs­te Se­quenz in die­sem lan­gen Su­chen und Zu­ein­an­der­fin­den er­zählt. Ganz un­sen­ti­men­tal aber spek­ta­ku­lär folk­lo­ris­tisch, ein über­zeu­gen­der Ab­schluss des kunst­vol­len Konstrukts.

Ste­phan Thome be­fand sich mit die­sem Ti­tel 2009 auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses. Auch in die­sem Jahr war er dort ver­tre­ten mit sei­nem zwei­ten Ro­man „Flieh­kräf­te“.

Ei­ne wei­te­re Re­zen­si­on und ei­ne en­ga­gier­te Teil­neh­men­de Be­ob­ach­tung des dies­jäh­ri­gen Grenz­gangs fin­det sich bei Schö­ne­Sei­ten.

Wenn Philosophieprofessoren nach Portugal pilgern

Stephan Thome erzählt in Fliehkräfte von einer verspäteten Midlife Crisis

Als ich zum ers­ten Mal von Ste­phan Tho­mes neu­em Ro­man Flieh­kräf­te hör­te, dach­te ich un­wei­ger­lich an den äl­te­ren Ro­man des un­ter Pseud­onym schrei­ben­den Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors Pe­ter Bie­ri. Bei­de schi­cken ih­re Prot­ago­nis­ten in der Kri­se der spä­ten Le­bens­mit­te nach Por­tu­gal. Ih­re Fi­gu­ren sind der Phi­lo­so­phie na­he, der ei­ne als Phi­lo­so­phie-Pro­fes­sor der Uni Bonn, der an­de­re als Phi­lo­so­phie le­sen­der La­tein­leh­rer in Ba­sel. Sie ver­su­chen bei­de aus ih­rem All­tag zu flie­hen. Ei­ner mit dem Nacht­zug, un­ter­bro­chen von Ver­satz­stü­cken ei­ner Pes­soa-Ad­ap­ti­on, der an­de­re im Au­to mit viel Zeit für Er­in­ne­run­gen und für Besuche.

Wäh­rend Nacht­zug nach Lis­sa­bon ei­ne in man­cher Hin­sicht an­stren­gen­de Lek­tü­re dar­stellt, schil­dert Ste­phan Thome die Le­bens­sinn­kri­se an­schau­lich und an­ge­nehm les­bar. Sei­ne Fi­gur, Hart­mut Hain­bach, hat es trotz klei­ner Ver­hält­nis­se in der hes­si­schen Pro­vinz zum Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie ge­bracht. Jetzt zwei­felt er an die­ser Kar­rie­re und an sei­nem bis­he­ri­gen Le­ben. War al­les nur „ei­ne Par­odie sei­ner Träu­me“?

Sei­ne Toch­ter stu­diert in Spa­ni­en und mel­det sich nur sel­ten, sei­ne Frau ar­bei­tet in Ber­lin und ruft manch­mal an. Bei­de ha­ben sich von ih­rem Ver­sor­ger eman­zi­piert, sie sind aus dem Haus, in dem die­ser noch lebt noch da zu im pro­vin­zi­el­len Bonn. Das ent­behrt nicht ge­wis­ser Iro­nie, die Thome auch in der Fi­gur Hain­bachs auf­schei­nen lässt.

Da macht ei­ne ver­meint­lich zwei­te Chan­ce Hain­bach sei­ne Un­zu­frie­den­heit be­wusst. Vor der Ent­schei­dung sei­ne Pro­fes­sur zu­guns­ten ei­ner neu­en Stel­le im un­si­che­ren Ver­lags­we­sen auf­zu­ge­ben flieht Hain­bach auf ei­ne Rei­se. Sie führt ihn zu­nächst nach Pa­ris, wo er Sand­ri­ne trifft, sei­ne gro­ße Lie­be wäh­rend der Se­mes­ter in Ame­ri­ka. Spä­ter er­reicht er ei­nen Ort an der süd­fran­zö­si­schen At­lan­tik-Küs­te, wo ein ehe­ma­li­ger Kol­le­ge und Freund, sei­ne Pro­fes­sur ge­gen ei­ne Strand­bar ein­ge­tauscht hat.

Hain­bach wägt die neu­en Le­bens­mo­del­le der al­ten Freun­de ge­gen sein ei­ge­nes ab, im Ver­lauf sei­ner ihn aus­ge­rech­net nach Sant­ia­go de Com­pos­te­la füh­ren­den Sinn­su­che be­geg­nen ihm noch wei­te­re. Auch sei­ne Rück­bli­cke er­zäh­len von Per­so­nen, die völ­lig an­ders le­ben als er. Hain­bach denkt an die „klei­ne, dum­me Ruth“, sei­ne jün­ge­re Schwes­ter, der in der hes­si­schen Hei­mat mit Mann, Haus und Zwil­lin­gen ein für ihn kaum nach voll­zieh­ba­res klein­bür­ger­li­ches Le­ben glückt. Ei­ner die­ser Nef­fen wählt spä­ter den ge­ra­den Weg mit aka­de­mi­scher Kar­rie­re, Ehe und Kind, wäh­rend der an­de­re das Aben­teu­er der wech­seln­den Chan­ce sucht.

Wie Hain­bach im Spie­gel all die­ser zu­rück­lie­gen­den und ak­tu­el­len Er­fah­run­gen sei­ne bis­he­ri­ge Le­bens­wei­se be­wer­tet und ob es für ihn, für sein Glück ei­ne zwei­te Chan­ce gibt, da­von han­delt die­ser Ro­man. Man kann ihn auch als Ab­bild der mo­men­ta­nen ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se le­sen. Über die Kri­se der mies ge­lun­ge­nen Uni­ver­si­täts­re­form, der des Ver­lags- und Kul­tur­we­sens ins­ge­samt, über die schwie­ri­ge Stel­lung der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten im Ge­gen­satz zu neu­en Pra­xis na­hen Stu­di­en­fä­chern, greift Thome auch das The­ma trans­na­tio­na­ler Fa­mi­li­en und of­fen ge­leb­ter gleich­ge­schlecht­li­cher Lie­be auf. Wie be­reits in sei­nem ers­ten Ro­man Grenz­gang spie­len Hei­mat und Frem­de ei­ne Rol­le. Auch der Rück­blick auf die Deut­sche Ver­gan­gen­heit fehlt nicht. Viel­leicht ein biss­chen viel für ei­nen knapp fünf­hun­dert Sei­ten lan­gen Ro­man, der mich zwar wäh­rend der Lek­tü­re kei­ne Län­gen ver­spü­ren, aber den­noch in­dif­fe­rent ließ.

Viel­leicht lag es dar­an, wie die Fi­gur Hain­bach die Frau­en sei­nes Le­bens be­ur­teilt. So­fern es sich um Haus­frau­en han­delt, wer­den sie als treu­sor­gend, lieb aber dumm dar­ge­stellt, so schätzt er sei­ne Mut­ter und Schwes­ter, aber auch die por­tu­gie­si­sche Schwie­ger­mut­ter ein. Auch der ge­lieb­ten Toch­ter droht, kaum der vä­ter­li­chen in­tel­lek­tu­el­len Sphä­re ent­ron­nen, sei­ner An­sicht nach, die Do­mi­nanz der les­bi­schen Le­bens­ge­fähr­tin und geis­ti­ge Ver­fla­chung. Die­se er­litt einst auch sei­ne Frau, die als de­spe­ra­te House­wi­fe hos­pi­ta­li­siert ih­rem Hirn nur noch die Schick­sa­le ih­rer Se­ri­en­schwes­tern zu­mu­ten konn­te. Die Ver­blüf­fung des Phi­lo­so­phie­pro­fes­sors über die Ent­de­ckung des Vi­deo­ver­stecks sei­ner Gat­tin mag noch ver­ständ­lich sein, es aber auf den letz­ten Sei­ten der Selbst­su­che zum scho­ckie­ren­den Er­leb­nis ei­ner lang­jäh­ri­gen Ehe zu sti­li­sie­ren, wirkt un­frei­wil­lig komisch.

Das En­de bleibt of­fen und so be­steht für Hain­bach die Chan­ce sich trotz Pro­fes­so­ren­bür­de ein­mal lo­cker zu ma­chen, not­falls mit ei­nem zwei­ten Joint, und für Ma­ria trotz Er­werbs­lo­sig­keit mal ein gu­tes Buch zu le­sen, not­falls ein we­ni­ger gutes.

Ste­phan Thome be­fin­det sich mit Flieh­kräf­te auf der Short­list zum Deut­schen Buch­preis 2012, es be­steht Aus­sicht auf den Gewinn.

Ste­phan Thome, Flieh­kräf­te, Suhr­kamp Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Sieben — Deutscher Buchpreis 2012

Kaum Überraschendes in der Longlist

Im Jahr 2005 wur­de der Deut­sche Buch­preis ins Le­ben ge­ru­fen. Ich fand es da­mals sehr span­nend als mit­ten im Hoch­som­mer vor der Frank­fur­ter Buch­mes­se die Lis­te mit den 20 Kan­di­da­ten für den bes­ten deut­schen Ro­man ver­öf­fent­licht wur­de. Wir jag­ten nach dem Le­se­pro­ben­heft, tausch­ten Ti­tel und grün­de­ten Le­se­run­den, spe­ku­lier­ten und dis­ku­tier­ten. In­zwi­schen sind sie­ben Jah­re ver­gan­gen, in de­nen für mich die Luft raus und die Lust dar­an nicht mehr so groß ist.

Acht Mal wech­sel­te die Zu­sam­men­set­zung der Ju­ry. Ih­re jet­zi­gen sie­ben Mit­glie­der, An­dre­as Isen­schmid, Dirk Knipp­hals, Ste­phan Lohr, Jut­ta Per­son, Oli­ver Jun­gen, Chris­tia­ne Schmidt und Sil­ke Grund­mann-Schlei­cher ha­ben auf Face­book ih­re Ent­schei­dungs­fin­dung be­bil­dert. Das wirkt put­zig und mag zeit­ge­mäß sein. Das Re­sul­tat ih­rer Be­mü­hun­gen fällt je­doch we­nig über­ra­schend aus.

Die Hälf­te der Au­toren ist vor 1960 ge­bo­ren, zwar ver­birgt sich in die­ser Li­ga al­ter Li­te­ra­ten auch ein De­bü­tant, der aus Ös­ter­reich stam­men­de Ar­gen­ti­ni­er Ger­mán Kra­toch­wil, die üb­ri­gen sind längst be­rühmt. Auch un­ter den Jün­ge­ren fin­den sich et­li­che, die be­reits ein­mal für den Deut­schen Buch­preis oder sei­nen Zwil­ling aus Leip­zig no­mi­niert wa­ren oder ei­nen der bei­den gar ge­won­nen ha­ben, von an­de­ren re­nom­mier­ten Li­te­ra­tur­prei­sen nicht zu re­den. Ei­ne auf­fäl­li­ge Schnitt­men­ge er­gibt sich auch mit der SWR-Bes­ten­lis­te, auf der sie­ben der Ro­ma­ne im ent­spre­chen­den Zeit­raum ver­zeich­net waren.

Vie­le der Ro­ma­ne sind al­so in den Räu­cher­kam­mern der Li­te­ra­tur­bei­la­gen und Sen­dun­gen gut ab­ge­han­gen. So er­fuh­ren wir dank Wolf­gang Her­les wie es in Au­gus­tins blau­em Haus aus­sieht oder lie­ßen uns von An­dre­as Platt­haus in der F.A.Z. ei­ni­ge der Bü­cher emp­feh­len. So­gar in der Blog­welt kur­sier­ten et­li­che der Neuerscheinungen.

Ne­ben die­ser satt­sam ge­lob­ten Feuil­le­ton­wa­re fin­det sich zum Glück auch we­ni­ger Be­kann­tes. Ger­mán Kra­toch­wills Scher­ben­ge­richt, Mi­cha­el Roes Die Lau­te und Ulf Erd­mann Zieg­ler Nichts Wei­ßes. An­ge­li­ka Mei­ers zwei­ter Ro­man Heim­lich, heim­lich mich ver­giss klingt für mich so in­ter­es­sant, daß ich ihn als Nächs­tes le­sen werde.

Ei­ne App mit al­len Le­se­pro­ben so­wie das aus den Vor­jah­ren be­kann­te Heft­chen sol­len En­de Au­gust er­schei­nen. Gu­te Buch­hand­lun­gen wer­den es im sieb­ten Jahr wohl end­lich vor­rä­tig ha­ben. Bei der Mu­se auf dem Best­sel­ler­berg ar­bei­tet man si­cher schon am dbp-Stapel.

Wel­chen der Ti­tel die Bü­cher­ab- oder bes­ser Be­stim­mer auf der Short­list be­las­sen, ver­öf­fent­li­chen sie am 12. Sep­tem­ber. Die Preis­ver­lei­hung er­folgt am 8. Oktober.

 

Long­list Deut­scher Buch­preis 2012:

Bachmannpreis 2012 — Rückschau

Kleine Kritik der Kritik

Der Wett­be­werb ist vor­bei, ge­won­nen hat ihn Ol­ga Mar­ty­n­o­va mit ih­rem Text „Ich wer­de sa­gen: Hi“. Wei­te­re Prei­se gin­gen an Nawrat, Kränz­ler und Mahl­ke. Trav­nicek er­hielt den Pu­bli­kums­preis, was we­nig überraschte.

Eben­so we­nig über­ra­schen konn­ten ei­ni­ge Mit­glie­der der Kri­ti­ker­run­de, sie neig­ten zu den im­mer glei­chen Aus­sa­gen und Ver­hal­tens­mus­tern. So kris­tal­li­sier­ten sich be­reits am Nach­mit­tag des ers­ten Ta­ges spe­zi­fi­sche Re­ak­tio­nen der ein­zel­nen Ju­ry­mit­glie­der her­aus. Co­ri­na Ca­duff be­müh­te ger­ne das Ar­gu­ment der Dis­kur­si­vi­tät. Sie hin­ter­frag­te die The­men­stel­lung der Tex­te und ob Li­te­ra­tur da­zu noch et­was bei­tra­gen kön­ne. Soll­te man dann das li­te­ra­ri­sche Schrei­ben nicht ganz auf­ge­ben, und sich auf Sprach­ex­pe­ri­men­te ver­le­gen, wie sie in die­sem Jahr Has­sin­ger ein­reich­te? Da­zu hat aber auch Ca­duff we­der Zeit noch Lust. Lieb­lings­wort: „dis­kur­siv“.

Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler prä­sen­tier­te sich und ih­ren Zu­hö­rern meist ei­ne klei­ne Nach­er­zäh­lung des Ge­hör­ten. An­statt Ver­ständ­nis er­zeug­te dies bei  mir eher das Ge­fühl hilf­los dem Re­de­schwall ei­ner Leh­re­rin aus­ge­lie­fert zu sein. Tref­fens­tes Wort: „Le­bens­plau­der­ton“.

Burk­hard Spin­nen führ­te viel Ge­re­de zu­nächst in sei­ne ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit be­vor er zum Kern der Sa­che ge­lang­te. Wenn über­haupt. Ei­ni­ge Ma­le zö­ger­te er sei­ne Mei­nung zu äu­ßern  oder er­in­ner­te wei­se dar­an, daß je­der li­te­ra­ri­sche Text An­stren­gung er­for­de­re. Lieb­lings­satz: „Ich kann al­lem zu­stim­men, was bis­her ge­sagt wurde.“

Die an­de­ren Mit­glie­der ver­blüff­ten durch­aus, so Mei­ke Feß­mann mit ih­ren so­zi­al­the­ra­peu­ti­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­sät­zen und den Ver­wei­sen auf Sur­rea­les. Kri­tischs­tes Wort: „Du“

Hu­bert Win­kels er­klär­te mit ei­nem in­ter­pre­ta­to­ri­schen Pfau­en­rad die In­fla­ti­on wil­der Hun­de­na­men. Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lichs­te Ana­ly­se: „Kon­tra­fak­tur des Dschungelbuchs“

Da­nie­la Stri­gl und Paul Jandl hör­te ich am liebs­ten zu, weil sie be­grün­det und klar ih­re Mei­nung äu­ßer­ten. Jandl ge­bührt der Preis für die amü­san­tes­ten Kurz­kri­ti­ken und Stri­gl für ih­ren Da­ckel Mowg­li und die Hüh­ner­kopf­ab­tren­nungs­all­er­gie. Die­se Bei­den müs­sen auf je­den Fall blei­ben, falls es im kom­men­den Jahr Än­de­run­gen in der Ju­ry­zu­sam­men­set­zung ge­ben sollte.

Auch Än­de­run­gen am Re­gle­ment wür­de ich be­grü­ßen. War­um kön­nen die Tex­te nicht ei­ni­ge Stun­den vor der Le­sung on­line ge­stellt wer­den? So hät­ten Au­toren und Zu­hö­rer der Sprach­ex­pe­ri­men­te grö­ße­res Verständnis.

Die Vor­stel­lungs­fil­me der Au­toren wir­ken meist pein­lich und aus der Not ge­bo­ren. Die be­ab­sich­tig­te Aus­sa­ge­kraft ist eher ge­ring. Kön­nen sich die Au­toren über­haupt da­mit iden­ti­fi­zie­ren? Ein gu­tes In­ter­view wä­re ei­ne Alternative.

Ei­ne klei­ne Re­form wür­de auch der Ju­ry­ab­stim­mung nicht scha­den. Bis­her zieht sie sich um­ständ­lich in die Län­ge, weil je­der Ju­ror zu­nächst für seine(n) ei­ge­nen Kan­di­da­ten stimmt. Wä­re es nicht bes­ser die­se Op­ti­on auszuschließen?

Ich er­war­te ge­spannt das nächs­te Jahr und hof­fe, daß die­ses Li­te­ra­tur­er­eig­nis wei­ter­hin live über­tra­gen wird.

Bis da­hin kann man sich auf fol­gen­den Blogs noch mal der bes­ten TDDL-Mo­men­te 2012 erinnern:

Die Bü­cher­säu­fer

Denk­ding

Jo­han­nes Steinberg

Li­te­ra­tur­ca­fe

Vor­spei­sen­plat­te

walk-the-li­nes

Zei­len­ki­no

Bachmannpreis 2012 –TDDL – Federmair, Feimer

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Nachmittag, 7.7.2012

Leo­pold Fe­der­mair, li­te­ra­ri­scher Über­setz­ter und seit 2006 in Hi­ro­shi­ma le­bend, er­öff­ne­te den Nach­mit­tag des letz­ten Ta­ges mit dem Text „Aki”. Vor­ge­schla­gen wur­de der Kan­di­dat von Da­nie­la Stri­gl. Fe­der­mair ver­blüff­te durch die An­kün­di­gung den mitt­le­ren Ab­satz auf Sei­te neun aus­zu­las­sen. Wei­sungs­ge­mäß ha­be ich mich des Le­sens ent­hal­ten. Es gab schon ge­nug fruch­ti­ge Ge­schlechts­tei­le in die­sem pu­ber­tä­ren Ak­ne­text, der mich bei je­der Nah­auf­nah­me zu ei­nem Blick auf Fe­der­mairs Ge­sicht zwang. Bob Dy­lan hat’s nicht leich­ter ge­macht. Wäh­rend der Ju­ry­run­de film­te Fe­der­mair die­se mit ei­ner klei­nen Di­gi­tal­ka­me­ra. Das wirk­te auf mich wie ver­schäm­tes Fan­ver­hal­ten. Soll­te es ei­ne pro­vo­ka­ti­ve Per­for­mance wer­den, wä­re ein gro­ßer Cam­cor­der doch viel wir­kungs­vol­ler gewesen.

Al­so ei­ne wei­te­re Co­ming-of-Age-Ge­schich­te, be­ginnt Win­kels, be­tont einfach.

Nicht ge­lun­gen, fin­det sie Mei­ke Feß­mann, weil sie durch die Mas­ke ei­ner weib­li­chen Er­zäh­le­rin ge­schil­dert wer­de. Die­se Tarn­fi­gur, die die Ge­schich­te spren­ge, kön­ne nicht über männ­li­ches Kör­per­wis­sen verfügen.

Auf die Kel­ler­sche Nach­er­zäh­lung folg­te die Fra­ge nach dem Er­zähl­mo­tiv der Fi­gur. Ver­schie­de­nes funk­tio­nie­re nicht so ganz, aber die Spra­che mit ih­ren poe­ti­schen Be­schrei­bun­gen und wun­der­ba­ren Pas­sa­gen ge­fällt Kel­ler gut. Sie zwei­felt al­ler­dings, ob das zu ei­ner Kell­ne­rin passe.

Spin­nen ver­bie­tet, Gen­der­pro­ble­me bei Er­zäh­ler­stim­men an­zu­mel­den und er­in­nert sich an die ir­ren Ty­pen bei Ke­rouac und in sei­ner Jugend.

Dass es durch­aus er­zäh­len­de Kell­ne­rin­nen ge­be, die dies so­gar sehr in­ter­es­sant könn­ten, dar­über klärt Da­nie­la Stri­gl auf. Ihr ge­fällt die ver­gif­te­te Nost­al­gie die­ser Ge­schich­te, die so schlecht rie­che und stark über die sinn­li­che Ebe­ne arbeitete.

Feß­mann ar­gu­men­tiert aber­mals mit dem un­lo­gi­schen Körperwissen.

Dies sei, so Jandl, die Ge­schich­te ei­nes Span­nungs­ab­falls, trau­rig und mit zu we­nig Dramatik.

Ca­duff spricht end­lich den per­for­ma­ti­ven Akt des Au­tors an. Sie ge­steht sich ei­ne neu­tra­le Hal­tung zu, da sie an­fangs von ei­ner ja­pa­ni­schen Ge­schich­te aus­ging, und die­se Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on nicht mehr aus dem Kopf bekäme.

Wie­der ein­mal holt Spin­nen weit aus be­vor er zum Text kam. Die letz­ten Zei­len ge­fal­len ihm gut, sie bers­ten vor Be­deu­tung, im üb­ri­gen Text hin­ge­gen ge­be es zu vie­le Leerstellen.

Stri­gl wen­det ein, dies sug­ge­rie­re den münd­li­chen Er­zähl­ton der Fi­gur, was auch die vie­len Red­un­dan­zen zeigen.

Nach Jandl sei der jun­ge Mann nicht mit Ta­lent, son­dern mit Ak­ne ge­schla­gen. Das sei kein Ir­rer-Ty­pen-Text, wie Spin­nen mei­ne, er spie­le im Pro­vinz­mi­lieu, weit weg von Kerouac.

Feß­mann kon­sta­tiert, die­se Kind­heits­ge­schich­te rei­ße al­le nicht vom Ho­cker. Sie hat­te, auf­grund der Aus­lands­er­fah­rung des Au­tors, et­was ganz er­war­tet, ähn­lich sei es ihr bei Mos­ter er­gan­gen. Die et­was ab­ge­stan­de­nen hei­mat­li­chen Er­in­ne­run­gen fin­de sie langweilig.

Dar­auf­hin kri­ti­siert Stri­gl, Feß­mann wol­le er­klä­ren, was sich der Au­tor ge­dacht ha­be. Au­ßer­dem sei ei­ne sti­cki­ge ja­pa­ni­sche Kind­heit kaum in­ter­es­san­ter als ei­ne sti­cki­ge ös­ter­rei­chi­sche Provinzkindheit.

Mit Ge­plau­der schloss Spin­nen die Diskussion.

Isa­bel­la Fei­mer be­en­de­te als Kan­di­da­tin von Co­rin­na Ca­duff den Wett­be­werb. Ihr Text „Ab­ge­trennt“ er­zählt vom Lie­bes­kum­mer ei­ner Frau.

Win­kels er­öff­net die Dis­kus­si­on mit der auf­mun­tern­den Kri­tik, dies hät­te ein gu­ter Text wer­den kön­nen. Ihm schien die Dra­ma­tik in der Be­zie­hung je­doch zu stark in­stru­men­ta­li­siert. Die hö­ri­ge Frau iden­ti­fi­zie­re sich mit dem kopf­lo­sen Huhn. Vie­les kön­ne sub­ti­ler sein.

Mei­ke Feß­mann in­ter­pre­tiert den Text an­ders. Dies sei die Ge­schich­te ei­nes un­nö­ti­gen Ab­schieds ei­ner neu­ro­ti­schen Frau. Die Frau le­be ei­gent­lich in ei­ner glück­li­chen Be­zie­hung, fürch­te aber ver­las­sen zu wer­den, und tren­ne sich deshalb.

Ca­duff führt den Deu­tungs­rei­gen fort, die Frau sei schon ver­las­sen wor­den. Sie spre­che von der Ver­let­zung her­aus in das En­de hin­ein. Der Text sei ein Brief oder ei­ne Retrorede.

Kel­ler lobt die kon­zep­tu­el­le Klar­heit, da­durch wis­se sie, was er­zählt wird und war­um. Trotz­dem fin­de sie die Ge­schich­te nicht be­son­ders be­rüh­rend, die Ab­hän­gig­keit ha­be sie nicht wahrgenommen.

Da­nie­al Stri­gl fin­det das von Win­kels ein­ge­führ­te At­tri­but „hö­rig“ durch­aus pas­send. Ihr Haupt­pro­blem sei, daß der Text zu viel Ge­fühl zei­ge, der Vor­trag ha­be dies noch be­tont, und da­mit eher ge­scha­det. Au­ßer­dem ge­steht sie ih­re All­er­gie ge­gen die im­mer wie­der auf­tau­chen­den Hüh­ner­kopf­ab­tren­nungs­ge­schich­ten in der Li­te­ra­tur. Es sei auch kei­ne glück­li­che Idee, die Ge­lieb­te mit ei­nem kopf­lo­sen Huhn gleich zu setzen.

Jandl kri­ti­siert den Text als kleb­ri­ge Schlagerpoesie.

Ca­duff er­klärt, die Ich-Er­zäh­le­rin su­che ih­re Ich-Stim­me, die sie erst in der Poe­sie der Schlus­ses wiedergewinne.

Nach­fra­ge Jandls, ob sie ge­le­sen ha­be, um wel­che Poe­sie es sich handele.

Win­kels be­zeich­net es als Masochismus-Poesie.

Kel­ler hat kei­ne Poe­sie ge­fun­den und bit­tet um Hinweise.

Spin­nen dankt Stri­gl we­gen der Hüh­ner-All­er­gie und gab zum Schluss der dies­jäh­ri­gen Le­sun­gen Jandl ein­mal recht, auch wenn er mit der har­ten Form der For­mu­lie­rung nicht ein­ver­stan­den sei.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Nawrat, Senkel

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Tag, Vormittag, 7.7.2012

Nach ei­ner sehr bier­phi­lo­so­phi­schen Film­vor­stel­lung er­öff­ne­te Mat­thi­as Nawrat den Vor­mit­tag des drit­ten Wett­be­werb­ta­ges. Der Kan­di­dat von Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler las den Text „Un­ter­neh­mer“. Ich-Er­zäh­le­rin ist die pu­ber­tie­ren­de Toch­ter ei­nes Elek­tro­schrott­aus­schlach­tungs­fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens im süd­li­chen Schwarz­wald. Zu­nächst schil­dert Nawrat die pre­kä­ren, le­bens­ge­fähr­li­chen Zu­stän­de die­ser Ar­beit mit vie­len me­tall­ur­gi­schen De­tails, dann kon­zen­triert sich der Text auf die früh­sexu­el­len Kör­per­er­fah­run­gen sei­ner Figur.

Stri­gl in­ter­pre­tiert die­se merk­wür­di­ge Fa­mi­lie, die ein Klein­un­ter­neh­men der spe­zi­el­len Art be­trei­be, als Par­odie auf das Fa­mi­li­en­idyll. Ele­men­te des Schel­men­ro­mans ent­de­cke sie, wenn selbst exis­ten­ti­el­le Nie­der­la­gen glo­ri­fi­ziert wer­den. Gleich­zei­tig sei es ei­ne Pu­ber­täts­ge­schich­te. Sie wür­dig­te die be­son­de­re Spra­che die­ses süß­schmerz­haf­ten Tex­tes, der ihr gefalle.

Auch Jandl wer­tet den Text po­si­tiv. Die Spra­che sei zart, der Text ori­gi­nell, er kön­ne ans Herz gehen.

Al­len bis­he­ri­gen po­si­ti­ven Ur­tei­len kann Spin­nen fol­gen. Er fragt nach, ob es sich um ei­nen ab­ge­schlos­se­nen Text han­de­le. Denn die Dar­stel­lung der schlich­ten selt­sam be­hü­te­ten Welt von ka­put­ten Din­gen schwen­ke un­ver­mit­telt in ei­ne sehr schlich­te Pubertätsgeschichte.

Win­kels be­stä­tig­te die­sen Ein­druck. Er emp­fand Un­ein­heit­lich­keit, der Text sei ver­rutscht und zu disparat.

Kel­ler er­greift das Wort um ih­ren bei­den Kol­le­gen auf die Sprün­ge zu hel­fen. (Pu­bli­kums­ap­plaus) Es gin­ge um die Rol­le des Mäd­chens in­ner­halb der Fa­mi­lie, die für die­ses Un­ter­neh­men als Fir­men­spre­che­rin fun­gie­re. Sie iden­ti­fi­zie­re sich so stark mit die­ser Auf­ga­be, daß sie auch die tech­ni­sier­te Spra­che über­neh­me. Die­se Kin­der­per­spek­ti­ve wer­de fast bis zum En­de durch­ge­hal­ten. Erst die Lie­be öff­ne ihr ein Fens­ter aus der Trost­lo­sig­keit. Ver­gleich mit John Stein­beck, Von Mäu­sen und Men­schen.

Schwie­rig­kei­ten, die Ebe­nen aus­zu­lo­ten, hat Co­rin­na Ca­duff. Sie be­kennt che­mi­sche Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, die sie durch Goog­le zu be­he­ben such­te. Toll fand sie die af­fir­ma­ti­ve Er­zähl­per­spek­ti­ve der Toch­ter. Sprach­lich sei der Text sehr in­ter­es­sant, nicht zu­letzt, weil der Au­tor ei­nen Lehr­gang in Biel be­legt ha­be. Sie be­grü­ße je­den Au­tor, der sich ei­ner li­te­ra­ri­schen Aus­bil­dung unterziehe.

Mei­ke Feß­mann hat in dem Text ei­ne mo­der­ne Va­ri­an­te von Hän­sel und Gre­tel ent­deckt. Sie wi­der­spricht der Par­odie­inter­pre­ta­ti­on Stri­gls. Als li­te­ra­ri­sche Par­al­le­le sieht sie ei­ne ins mär­chen­haft ge­wan­del­te Ago­ta Kristof.

Stri­gl weist dar­auf hin, daß die­se Fa­mi­lie, die ei­ne Ge­sund­heits­ge­fähr­dung ih­rer Mit­glie­der hin­nimmt, kei­nes­falls rea­lis­tisch ge­meint sein kön­ne. Ihr ge­fal­le die­ser Humor.

Paul Jandl kri­ti­siert Feß­manns Kris­tof-Ver­gleich. Auch Kel­lers In­ter­pre­ta­tio­nen miss­fal­len ihm.

Spin­nen kri­ti­siert zum En­de der Dis­kus­si­on noch ein mal, daß die Ge­schich­te der Fa­ve­la-Fa­mi­lie mit Kem­pow­ski-Sprü­chen nicht wei­ter ge­führt wird, son­dern in ei­ne Pu­ber­täts­ge­schich­te übergeht.

Mat­thi­as Sen­kel stell­te mit „Auf­zeich­nun­gen aus der Kur­an­stalt“ die noch feh­len­de Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re die­ses Wett­be­werbs zur Dis­kus­si­on. No­mi­niert wur­de er von Paul Jandl.

Hu­bert Win­kels ge­fällt die klu­ge und wit­zi­ge Ge­schich­te. Die Li­te­ra­tur­be­trieb-Sa­ti­re der klas­si­schen Art sei wie ein Mö­bi­us­band kon­stru­iert. Al­les, was Au­ßen­welt sein könn­te, könn­te auch in der An­stalt ge­schrie­ben wor­den sein. So ent­ste­he die End­los­schlei­fe, in der Rea­li­tät und Phan­ta­sie ab­wech­seln. Der Pro­to­koll­stil je­doch hat Win­kels auf Dau­er ein we­nig ver­dros­sen. Er räumt al­ler­dings ein, daß die star­re Spra­che der Preis sei, da­mit die Sa­ti­re funktioniere.

Dies sei die ty­pi­sche Kla­gen­furt-Schreib­ge­schich­te, so Feß­mann. Sie ver­mis­se al­ler­dings den gu­ten Sprach­stil. Da der Sprach­witz feh­le, sei die Ge­schich­te langweilig.

Hin­ge­gen hät­te Ca­duff ger­ne mehr von Sen­kel ge­hört, aber in ei­nem 200-sei­ti­gen Ro­man. In der Idee lie­ge ganz viel Potential.

Jandl er­klärt, daß der Pro­to­koll­stil Mit­tel der Sa­ti­re sei. Dies ma­che den Witz erst deut­lich. Ge­schil­det wer­de ein pa­ra­nor­ma­ler Literaturbetrieb.

Mei­ke Feß­mann glaubt, Rein­hard Lettau hät­te ei­ne sol­che Ge­schich­te bes­ser geschrieben.

Jandl ver­wehrt sich über Rein­hard Lettau zu spre­chen. Der Stil ha­be sei­ne Be­rech­ti­gung, sei eben nur sehr subtil.

Feß­mann wirft ein, er sei sprach­lich arm. Ca­duff un­ter­stützt sie, Jandl ha­be ei­ne ganz an­de­re Lesart.

Stri­gl be­en­det den Dis­put mit der Fra­ge, war­um sie im­mer mehr von den Au­toren woll­ten als de­ren Tex­te be­inhal­ten. Die­ser sei sehr raf­fi­niert ge­macht. Die Spra­che kön­ne man dem Text nicht vor­wer­fen. Sie räumt ein, daß die Ge­schich­te al­ler­dings et­was an Fahrt verliere.

Der Text schenkt Kel­ler vie­le Aha-Ef­fek­te, ihr ge­fällt, daß er im­mer wie­der ei­ne neue Rich­tung einschlug.

In­ten­ti­on der Ge­schich­te sei es, die Künst­lich­keit von Li­te­ra­tur sicht­bar zu ma­chen und ein Nach­den­ken über die­se aus­zu­lö­sen, so Jandl.

Spin­nen hob zum Schluss­wort an, in­dem er sich wie­der ein­mal mit al­len Äu­ße­run­gen ein­ver­stan­den er­klär­te. Er lie­be zwar Tex­te über Schaf­fens­nö­te nicht, da sie sei­ne ei­ge­ne Si­tua­ti­on wie­der­spie­geln, le­se sie aber aus Be­rufs­in­ter­es­se den­noch. Es folgt ein lan­ger Ver­gleich mit ei­ner Zir­kus­vor­stel­lung, den Jandl mit der Aus­sa­ge „Ihr In­ter­es­se an In­tel­li­genz ist mir ge­läu­fig“ beendete.

Bis mor­gen die Preis­trä­ger ge­kürt wer­den, lohnt sich ein Blick auf die Au­to­ma­ti­sche Li­te­ra­tur­kri­tik der Rie­sen­ma­schi­ne.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Kränzler, Froehling

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt –Der Nachmittag, 6.7.2012

Li­sa Kränz­ler, die von Hu­bert Win­kels vor­ge­schla­ge­ne Kan­di­da­tin er­öff­ne­te die Le­sung am Nach­mit­tag. Sie über­zeug­te durch ei­nen sou­ve­rä­nen Vor­trag, in­dem sie die ver­schie­de­nen Hand­lungs­ebe­nen al­lei­ne durch die Mo­du­la­ti­on ih­rer Stim­me zu un­ter­schei­den wuss­te. Auch sprach­lich be­fin­det sich der Text auf höchs­tem Ni­veau. Dies passt al­ler­dings mei­ner An­sicht nach nicht zur Ich-Er­zäh­le­rin die­ser Ge­schich­te. Es han­delt sich um ein Mäd­chen im Kin­der­gar­ten­al­ter, das sich wohl kaum so elo­quent und re­fle­xi­ons­reich äu­ßern kann, wie ei­ne Kan­di­da­tin im Bach­mann-Wett­be­werb. Dass die­ses Kind im Al­ter zwi­schen drei und sechs auch noch sein se­xu­el­les Er­wa­chen er­lebt, macht die gan­ze Sa­che für mich um­so un­glaub­wür­di­ger. Scha­de, hät­te die Au­torin die Prot­ago­nis­tin nur um we­ni­ge Jah­re äl­ter ge­wählt, so daß wir viel­leicht ei­ner Fünft­kläss­le­rin oder ei­ner früh­rei­fen Grund­schü­le­rin fol­gen wür­den, wä­re die­se Ge­schich­te preisverdächtig.

Doch dies ist mei­ne Mei­nung, die Ju­ry äu­ßer­te Folgendes.

Spin­nen er­öff­net die Dis­kus­si­on mit der Er­kennt­nis, daß kei­ner von uns in die Kind­heit zu­rück­keh­ren kön­ne. Man­che Schrift­stel­ler schaf­fen es, daß kind­li­che Be­wußt­sein in ih­rem Wer­ken dar­zu­stel­len. Aber es stün­de nun mal nicht mehr zur Ver­fü­gung.  Er lobt die gro­ße sprach­li­che Sou­ve­rä­ni­tät des Tex­tes, die Sät­ze ha­ben die Au­ra des Per­fek­ten. Dies sei­en Mit­tel, über die man al­ler­dings erst ver­fü­ge, wenn die Kind­heit vor­bei sei.

Als bö­se Mäd­chen­ge­schich­te über Miss­brauch und frü­he Se­xua­li­sie­rung, in der vor al­lem auch der von den Me­di­en aus­ge­hen­de Miss­brauch deut­lich wer­de, deu­tet Mei­ke Feß­mann den Text. Er sei li­te­ra­risch gut ge­macht und sehr unheimlich.

Ca­duff hegt ge­spal­te­ne Ge­füh­le, da sie ei­ne gro­ße Dis­kre­panz zwi­schen Spra­che und In­halt sieht. Die Spra­che sei durch­ge­ar­bei­tet, sehr prä­zi­se und re­fle­xi­ons­ge­sät­tigt. Na­tür­lich sei auch die­ses The­ma sehr diskursiv.

Auch Kel­ler ver­weist auf die Schwie­rig­keit des Tex­tes das kind­li­che Be­wußt­sein glaub­wür­dig ab­zu­bil­den. Es wer­den Spie­le zwar so dar­ge­stellt, als sei die Fi­gur ein Kind, be­schrie­ben wer­den sie je­doch aus der Er­wach­se­nen­per­spek­ti­ve. Als Bei­spiel nann­te sie die Lö­sungs­mit­tel des Eddingstiftes.

Von der ero­ti­schen Ver­zü­ckung an­ge­tan zeigt sich Da­nie­la Stri­gl. Ihr ge­fällt, daß Na­men und Or­te als aus­tausch­bar dar­ge­stellt wur­den. Al­ler­dings hat der Text sie nicht an al­len Stel­len über­zeugt. So schei­ne das „Du“ un­ver­mu­tet aufzutauchen.

Win­kels wen­det ein, daß „Du“ tau­che auf als der Fi­gur klar wer­de, daß sie ver­liebt sei. Er sei auch ganz hin und weg ge­we­sen von dem Text, es ha­be ihn in den Ses­sel ge­drückt. Die Dis­kre­panz zwi­schen kind­li­cher Fi­gur und Spra­che dür­fe man ei­nem li­te­ra­ri­schen Text nicht vorwerfen.

Im wei­te­ren wird ein we­nig über die ver­schie­de­nen Tie­re ge­spro­chen, bis Feß­mann, zu Recht fin­de ich, ein­wirft, die Tie­re ver­wan­del­ten sich in die­sem Text al­le in Sexualobjekte.

Zum Schluss lobt Jandl das ho­he äs­the­ti­sche Re­fle­xi­ons­ni­veau, was über dem des Vor­mit­tags lie­ge. The­ma des Tex­tes sei das Chan­gie­ren zwi­schen Zärt­lich­keit und Ge­walt. Ein sprach­lich in­ten­siv durch­ge­ar­bei­te­ter Text.

Si­mon Froeh­ling las mit „Ich wer­de dich fin­den“ den Aus­zug aus ei­nem Ro­man, der die me­di­zi­nisch-tech­ni­schen und die ethisch-re­li­giö­sen Hin­ter­grün­de ei­ner Or­gan­spen­de zum The­ma hat. Er ist der Kan­di­dat von Co­rin­na Caduff.

Nach­dem Kel­ler ih­re Ver­si­on des Tex­tes nach­er­zählt hat, ge­steht die Re­li­gi­ons­wis­sen­schaft­le­rin, sie tei­le die Fas­zi­na­ti­on für Fi­gu­ren, die aus dem Jen­seits sprechen.

Stri­gl be­dau­ert, daß der Au­tor sich nicht an sein ei­ge­nes Sto­ry­l­ehr­buch ge­hal­ten ha­be, und zi­tiert: „Das Er­zäh­len von Sto­rys ist die schöp­fe­ri­sche De­mons­tra­ti­on von Wahr­heit. Ei­ne Sto­ry ist der le­ben­di­ge Be­weis ei­ner Idee, die Um­wand­lung ei­ner Idee in Hand­lung.“ Der Text dis­ku­tie­re die Trans­plan­ta­ti­ons­phi­lo­so­phie, be­ant­wor­te je­doch die in­ter­es­san­ten Fra­gen nicht be­frie­di­gend. Ei­gent­lich sei es ei­ne bie­de­re, haus­ba­cke­ne und vor­her­sag­ba­re Phi­lo­so­phie. Stri­gl ver­weist auf: Sa­bi­ne Gru­ber, Über Nacht.

Hu­bert Win­kels stört die brä­si­ge Schil­de­rung des Nie­ren­pa­ti­en­ten im Krankenhaus.

Paul Jandl amü­siert sich über die er­zäh­len­de Nie­re und kri­ti­siert bei die­ser „See­len­wan­de­rung qua Nie­re“ sei die See­le be­reits aus­ge­trie­ben. Kran­ken­haus­tech­ni­sche Din­ge wer­den im Über­fluss ge­nannt und die kit­schi­ge Grab­sze­ne ma­che es auch nicht besser.

Spin­nen greift das Stich­wort Trans­plan­ta­ti­ons­phi­lo­so­phie wie­der auf und über­legt, was E.T.A. Hoff­mann wohl dar­aus ge­macht hät­te. Der Text zei­ge die me­ta­phy­si­sche Her­aus­for­de­rung der Organspende.

Für Mei­ke Feß­mann funk­tio­niert der Text leid­lich gut. Ihr Li­te­ra­tur­hin­weis: Slaven­ka Dra­ku­lic, Le­ben spen­den.

Jetzt steu­ert auch Win­kels ei­nen Ti­tel bei: Da­vid Wag­ner, Für neue Le­ben, wo­für der Au­tor stan­te pe­de sei­nen Dank twit­tert (sprich­das­kind).

Die Text­ment­o­rin Co­rin­na Ca­duff be­grüßt leicht an­ge­säu­ert die zu­sam­men­ge­tra­ge­ne Li­te­ra­tur­samm­lung der Kol­le­gen. Dann kri­ti­siert sie selbst ih­ren Kan­di­da­ten, in dem sie ih­ren Lieb­lings­ein­wand, das The­ma sei sehr dis­kur­siv, ein­wirft. Aber die phan­tas­ma­ti­sche Be­zie­hung zum ver­stor­be­nen Spen­der sei die li­te­ra­ri­sche Auf­ga­be, der sich der Text ge­stellt habe.

Mir hat der Text nicht ge­fal­len, zu­viel Kran­ken­haus­pro­sa, fast schon Arzt­ro­man. Ir­ri­tiert hat mich au­ßer­dem, daß der Au­tor ganz an­ders aus­sah als auf sei­nen Fo­tos, zu­ge­ge­ben bes­ser, aber fast schon zu schön. Typ­be­ra­tung? Und dann die­ser An­ker auf der In­nen­sei­te des Un­ter­arms, zum Glück trug er kein blau­ge­streif­tes Hemd. Ja, gut, man muss sich da­von frei­ma­chen und soll­te auch die Vor­stel­lungs­vi­de­os bes­ser nicht be­ach­ten. Ei­nen Li­te­ra­tur­hin­weis möch­te ich nicht beisteuern.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Mahlke, Travnicek, Martynova

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt – Zweiter Vormittag, 6.7.2012

In­ger-Ma­ria Mahl­ke er­öff­ne­te mit der Le­sung ih­res sehr ein­dring­li­chen Tex­tes den zwei­ten Tag des Be­werbs. Vor­ge­schla­gen wur­de die Kan­di­da­tin von Burk­hard Spin­nen. Im vor­ge­stell­ten Ro­man­aus­schnitt er­zählt die Prot­ago­nis­tin in der Du-Form von ih­rem Sohn Lu­kas, den sie ver­las­sen will, von ih­rem Job im Back-Shop und der neu­en Kar­rie­re als Do­mi­na. Der Text nimmt mich so­fort ge­fan­gen. Es stellt sich ein ähn­li­ches Ge­fühl ein wie bei der Ha­der­lap-Le­sung im letz­ten Jahr. Für mich ist In­ger-Ma­ria Mahl­ke die Fa­vo­ri­tin auf den Bachmannpreis.

Als ers­te Stim­me der Ju­ry mel­det sich Hil­de­gard Kel­ler zu Wort. Nach­dem sie ih­re Ver­si­on des Tex­tes er­klär­te, sprach sie von Ein- und Aus­peit­sche­rei und stör­te sich sehr an dem „Du“. Die Au­torin scheue sich ins In­ne­re zu ge­hen. Kel­ler ver­miss­te ein Herz in der Geschichte.

Die­se ge­fiel Hu­bert Win­kels hin­ge­gen sehr gut. Be­son­ders die Nah­auf­nah­men der ver­schie­de­nen Wel­ten, sei es Back-Shop, Mut­ter­welt oder Sa­do­welt be­ein­druck­ten ihn. Ei­ni­ges blei­be je­doch un­klar, so die Be­weg­grün­de der Frau, ih­ren Sohn zu verlassen.

Spin­nen macht dar­auf auf­merk­sam, daß es sich ja nur um ei­nen Aus­schnitt aus ei­nem grö­ße­ren Text han­de­le. Die Frau tue Un­säg­li­ches und rin­ge darum.

Ca­duff wi­der­spricht Kel­lers Su­che nach dem Her­zen. Der Text zei­ge nur die Ober­flä­che, wol­le kei­ne Re­fle­xi­on und kei­ne Psy­cho­lo­gie. Sie fin­det ihn ganz toll. Ei­ne freud­lo­se Exis­tenz in Käl­te und Aus­weg­lo­sig­keit, die von Mahl­ke gna­den­los kon­se­quent dar­ge­stellt werde.

Mei­ke Feß­mann er­öff­net die „Du“-Interpretation. Sie be­zeich­net es als so­zi­al­the­ra­peu­ti­sche An­spra­che, die Kon­trol­le be­ab­sich­tigt. Sie fin­det den Text sprach­lich öde.

Spin­nen wi­der­spricht, das „Du“ sei not­wen­dig, um in die­ser Si­tua­ti­on am Le­ben zu bleiben.

Stri­gl, die im „Du“ ei­ne Selbst­an­spra­che sieht, emp­fin­det den Text wohl­tu­end, da er dem Le­ser nichts auf­drän­ge, nichts er­klä­re. Er funk­tio­nie­re nur mit die­sem „Du“ und er über­ra­sche auf meh­re­ren Ebenen.

Auch Jandl wi­der­spricht Feß­manns Du-Deu­tung. Dies sei kein Ikea-Du, es sei mo­ra­lisch bedingt.

Ca­duff führt die öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se an, die die­ses „Du“ dar­stel­le, sie wie­der­spricht Stri­gls Selbstansprache-Interpretation.

Die wei­te­re Du-De­bat­te lie­fert ein Karl-Marx-Du von Spin­nen und Kel­lers Web-Cam-Du. Feß­mann er­wei­tert ih­re Kri­tik an dem Text durch den Vor­wurf von Kli­schees und Un­ge­reimt­hei­ten. Sie bleibt aber die Ein­zi­ge in der Run­de, der die­se Le­sung nicht ge­fal­len hat.

Als zwei­te Kan­di­da­tin des Ta­ges trat die von Win­kels no­mi­nier­te Cor­ne­lia Trav­nicek auf. Ihr Text „Jun­ge Hun­de“ er­zählt vom Ab­schied ei­ner jun­gen Frau von ih­rer Kind­heit, die zu­gleich ein Ab­schied von El­tern, Haus­tie­ren und Hei­mat ist. Der Grund ist al­ler­dings kein Um­zug, son­dern der Tod. Gleich zu Be­ginn stirbt der Hund Bag­heera. Die­se Dschun­gel­buch­na­men, es taucht ein wei­te­rer Hund na­mens Ba­loo auf, ver­an­lass­te mich zu ei­ner über­flüs­si­gen Grü­be­lei über die Na­mens­fin­dung von Haus­tie­ren, die mich lei­der vom kon­zen­trier­ten Zu­hö­ren ab­lenk­te. Kur­ze Zeit spä­ter merk­te ich, daß ich nicht mehr rein­kam. Der Text ist mir fad.

Ganz an­ders er­geht es Mei­ke Feß­mann, sie zeigt gro­ßen Re­spekt für den war­men Prag­ma­tis­mus der Ge­schich­te, in der die Tie­re end­lich ein­fach Tie­re blei­ben dür­fen. (Mit Dschungelbuchnamen?)

Stri­gl fin­det ihn sym­pa­tisch, vor al­lem, weil sie einst den Da­ckel „Mowg­li“ be­saß. (Schlimm ist das ös­ter­rei­chi­scher Humor?)

Ca­duff be­män­gelt die Spra­che, sie ha­be sich ihr als Kunst­raum nicht er­schlos­sen. Der Text ha­be Po­ten­ti­al, müs­se aber über­ar­bei­tet wer­den. Das ein­ge­bau­te Mär­chen be­ur­teilt sie als in­ter­es­san­te Versuchsanlage.

Hu­bert Win­kels end­lich er­klärt die Psy­cho­lo­gie hin­ter der Dschun­gel­buch­me­ta­pher. Ernst sei wie Mowg­li ad­op­tiert. (Mowg­li war doch der Da­ckel von Da­nie­la Strigl.)

Paul Jandl ist nicht klar, wo im Text der Hund be­gra­ben lie­ge. Er fin­det die Spra­che ba­nal und sim­pel und kann die tie­fen Ge­heim­nis­se des Tex­tes nicht finden.

Hu­bert Win­kels deckt sie für ihn auf. Der Va­ter sei ab­trans­por­tiert, die Mut­ter tot, das Haus wer­de ver­kauft und der Hund auch schon verstorben.

Jandl ist mit der Er­klä­rung nicht zu­frie­den, die Ge­schich­te bil­de ein Kind­heits­kon­ti­nu­um ab, das der Li­te­ra­tur nicht nütz­lich sein muss.

Hier greift Hil­de­gard Kel­ler zur Ver­tei­di­gung ein. Die man­geln­de Tie­fe sei Pro­gramm, sie pas­se zum Le­bens­plau­der­ton. Au­ßer­dem ge­be es hier und da ei­ne schö­ne Metapher.

Auch Feß­mann tritt für Trav­nicek ein. Sie kri­ti­siert ih­re Kol­le­gen, die Sprach­ar­beit nur dann wahr­neh­men wür­den, wenn sie mar­kant wä­re. Der Text las­se sich sehr wohl my­tho­lo­gisch und iko­no­gra­phisch le­sen (Dschun­gel­buch!).

Spin­nen scheint sich am liebs­ten ei­nes Kom­men­tars zu ent­hal­ten. Er kön­ne al­lem, was ge­sagt wur­de, zu­stim­men. Der Text ha­be ihn nicht be­un­ru­higt. Wor­auf Win­kels fragt, ob Li­te­ra­tur denn heu­te noch be­un­ru­hi­gen müsse.

Die aus Russ­land stam­men­de Ol­ga Mar­ty­n­o­va las den Text „Ich wer­de sa­gen „Hi““. Vor­ge­schla­gen wur­de sie von Paul Jandl. Sie schil­dert die Er­leb­nis­se und Be­ob­ach­tun­gen des Ju­gend­li­chen Mo­ritz, der sich zö­ger­lich ver­liebt und sich Ge­dan­ken über das selt­sa­me Ver­hal­ten der Er­wach­se­nen macht. End­lich mal ein amü­san­ter Text, der mit un­ge­wöhn­li­chen Set­tings und Fi­gu­ren spielt und voll sub­ti­ler Iro­nie steckt.

Win­kels ge­fällt der Text sehr gut. Er fin­det es schön, wie Mo­ritz durch die Zei­ten mä­an­dert. Dies sei har­mo­nisch und ele­gant dargestellt.

Stri­gl er­freut der hin­ter­sin­ni­ge, la­ko­nisch-an­ar­chi­sche Witz. Sie er­in­nert an den ver­meint­lich harm­lo­sen Ho­lun­der­blü­ten­ge­ruch. Die An­häu­fung des Verbs „sag­te“ sei ein­deu­tig ein Stilmittel.

Auch Feß­mann be­wer­tet den Text po­si­tiv, er sei sou­ve­rän und luf­tig er­zählt. Mo­ritz be­ob­ach­te wie ein Spi­on das Ehe­le­ben von On­kel und Tan­te, was sie an die Fi­gur von Stich­mann erinnere.

Jandl ver­spürt durch den Text die ero­ti­sche Auf­la­dung des klei­nen Städt­chens. Die Ge­schich­te zei­ge die Lust am Schrei­ben in ver­schie­de­nen Varianten.

Ca­duff, die vor­ab wür­digt, daß die rus­si­sche Au­torin, die Deutsch nicht als Mut­ter­spra­che be­sit­ze, an dem Wett­be­werb teil­neh­me. Sie lobt die er­fri­schen­de Spra­che und  fin­det die Ge­schich­te au­ßer­or­dent­lich wit­zig, was sich ihr erst durch den Vor­trag er­schlos­sen ha­be. Sie kri­ti­siert je­doch die Ver­wen­dung von Versatzstücken.

Stri­gl stellt dar­auf­hin zur Fra­ge, ob wir ei­nen Text an­ders le­sen, wenn er von ei­nem Au­tor mit aus­län­di­schen Wur­zeln ver­fasst wor­den sei. Sie er­klärt, der Text ste­he in sla­wi­scher Tra­di­ti­on und er­in­ne­re sie an den leicht skur­ri­len tsche­chi­schen Witz.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Stichmann, Hassinger

5.7.2012 — Der Nachmittag des ersten Wettbewerbtages

Es la­sen An­dre­as Stich­mann, no­mi­niert von Mei­ke Feß­mann, und die von Da­nie­la Stri­gl vor­ge­schla­ge­ne Au­torin Sa­bi­ne Has­sin­ger.

An­dre­as Stich­mann, der am Leip­zi­ger Li­te­ra­tur­in­sti­tut stu­dier­te, er­zählt in sei­nem Text „Der Ein­stei­ger“ von ei­nem Ein­bre­cher, der zum teil­neh­men­den Be­ob­ach­ter wird.

Ei­ne schö­ne Ge­schich­te, wie Hu­bert Win­kels fin­det, mit Thril­ler­ele­men­ten ver­setzt. Ob die Fi­gur das Ge­sche­hen wirk­lich er­lebt oder nur ima­gi­niert blei­be of­fen. (An­schei­nend möch­te er sich nicht mehr dem Vor­wurf aus­setz­ten, ei­nen sur­rea­len Text nicht er­kannt zu ha­ben.) Win­kels fin­det viel Ge­fal­len an der Ge­schich­te und be­wun­dert den prä­zi­sen Ein­satz der Gram­ma­tik, um das Er­in­nern der Fi­gur an ih­re Ver­gan­gen­heit und die gleich­zei­ti­ge Zu­kunfts­phan­ta­sie mit­ein­an­der zu verknüpfen.

Paul Jandl weist sei­nem Ein­druck den Kurz­ti­tel „ Ein­schleich­dieb ins bür­ger­li­che Glück“ zu, sei­ner Mei­nung nach sei es ein schö­ner, stim­mi­ger und stich­hal­tig er­zähl­ter Text.

Dem Lob schließt sich Kel­ler an, mit der Ein­schrän­kung, daß sich der Hand­lungs­im­puls ver­flüs­si­ge. Da­durch ge­win­ne die Fi­gur kein Pro­fil, man kom­me ihr nicht nahe.

Ei­ne tem­po­rei­che Er­zäh­lung mit in­ter­es­san­ten Stel­len, die sie je­doch kaum wei­ter be­schäf­ti­gen wird, wer­tet Caduff.

Da­nie­la Stri­gl hin­ge­gen fühlt sich an Hans-Chris­ti­an An­der­sen er­in­nert, an sei­ne Be­wun­de­rung der war­men Stu­be, und über­legt, ob es sich nur um ei­nen Tag­traum han­de­le. (s.o. surreal)

Die Ein­fach­heit täu­sche, er­klärt Feß­mann, die Men­to­rin des Tex­tes, die rea­lis­ti­sche Si­tua­ti­on des Ein­bruchs ver­mi­sche sich mit den Wunsch­träu­men der Fi­gur (sur­rea­le Dro­hung). Dar­auf­hin ent­wi­ckel­te sich ei­ne Dis­kus­si­on zwi­schen Jandl, Stri­gl und Ca­duff, in der Jandl den schö­nen Schein an­führt, Ca­duff die über­ge­ne­ra­tio­nel­le Fra­ge im ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Kon­text auf­ruft und Stri­gl den Text als haar­scharf an der Kli­sche­ei­dyl­le vor­bei phan­ta­siert bezeichnet.

Burk­hard Spin­nen ord­net Stich­manns Text als klas­sisch vam­pi­ris­tisch ein, da der Prot­ago­nist sich die Iden­ti­tät der An­de­ren an­eig­ne. Der­ar­ti­ge Tex­te ha­be er je­doch schon so vie­le ge­le­sen, daß ihm die Be­son­der­heit die­ses Werks un­klar bleibe.

Mein Fa­vo­rit ist der Text nicht, er lässt mich ziem­lich kalt.

Zum Ab­schluss des Nach­mit­tags las Sa­bi­ne Has­sin­ger, die als Bild­haue­rin und Mu­sik­the­ra­peu­tin in der Psych­ia­trie ar­bei­te­te. Ih­ren In­tro­film hat sie selbst ge­stal­tet, auf­fal­lend wa­ren die vie­len selt­sam skur­ri­len Pa­pier­bas­te­lei­en. Eben­so selt­sam wirk­te der Text „Die Ta­ten und Lau­te des Ta­ges“, der ei­nem Dra­ma gleich mit der Be­set­zungs­lis­te der Fi­gu­ren be­ginnt. Dass dies ein schwie­ri­ger Text wer­den wird, war klar. Da­nie­la Stri­gl hat die Au­torin vor­ge­schla­gen, mich er­in­ner­te der Text an Ra­bi­no­wichs Erd­fres­se­rin vom letz­ten Jahr. Als er on­line war, ver­such­te ich mit zu le­sen, was mich al­ler­dings noch mehr ver­wirr­te, da die In­ter­punk­ti­on wohl ei­ne Has­sin­ge­ri­sche war. Frau­en, ein to­ter Va­ter, Kno­chen in Schach­teln mit Sand, mehr kam nicht bei mir an. Auch im Pu­bli­kum mach­te sich Un­ru­he breit. Als die Le­sung be­en­det war, dräng­ten sich nicht wie sonst die Ju­ro­ren zu Wort, son­dern ein zö­ger­li­ches Zau­dern brei­te­te sich aus. Je­der schien je­dem ger­ne den Vor­tritt las­sen zu wollen.

Hu­bert Win­kels geht rit­ter­lich als ers­ter ins Tur­nier und ge­steht sein Pro­blem mit dem Text. Be­son­ders die Per­so­nal­pro­no­men ha­ben ihn so ge­nervt, daß er sich ihm nicht ent­spannt hin­ge­ben konnte.

Kel­ler er­in­nert an die Vi­ta der Au­torin, an ih­re Tä­tig­keit in ei­ner psych­ia­tri­schen Kli­nik. Sie ge­he an­ders mit der Spra­che um, ver­las­se die Ebe­ne der Se­man­tik, er­zeu­ge kei­nen Kon­sens. Als Sprech­par­ti­tur sei der schwer zu­gäng­li­che Text geeignet.

Der Text sei kom­pli­ziert, so Stri­gl, und müs­se eben mehr­mals ge­le­sen wer­den. Er hand­le von Glück und Un­glück, ei­ne Art To­ten­buch, ei­ne Kran­ken­ge­schich­te im Ir­ren­haus. Sie ha­be über die In­ter­pre­ta­ti­on nicht mit der Au­torin gesprochen.

Mei­ke Feß­mann ver­sucht dem Pu­bli­kum vor Ort und drau­ßen den In­halt zu ent­schlüs­seln. Er­klärt den et­was zer­rupf­ten Ton mit der stän­di­gen Zwi­schen­re­de­rei der Mut­ter. Die Ka­lau­er emp­fin­det sie als störend.

Co­rin­ne Ca­duff be­grüßt es zwar ei­nen sprach­ex­pe­ri­men­tel­len Text im Wett­be­werb zu ha­ben, aber sie hat kei­ne Lust da­zu. Das Le­sen sei zu zeit­auf­wen­dig. Ob Der­ar­ti­ges noch zeit­ge­mäß sei? Oder sei der Text gar ein An­griff auf das ak­tu­el­le Timemanagement?

Die­ses Fra­ge weist Jandl zu­rück. Es sei ein schö­ner poe­ti­scher Text, ‑Win­kels möch­te ger­ne die Poe­tik er­klärt haben‑, bei dem nicht al­les ver­stan­den wer­den muss. Man kön­ne ihn le­sen wie ei­nen Rohrschachtest.

Burk­hard Spin­nen weist dar­auf­hin, daß je­der li­te­ra­ri­sche Text ei­ne An­stren­gung erfordere.

Mehr fällt mir da­zu auch nicht ein.

Da­mit ist der ers­te Tag sehr an­stren­gend zu En­de ge­gan­gen. Ei­nen po­ten­ti­el­len Preis­trä­ger ha­be ich noch nicht ver­spürt und bin ge­spannt auf morgen.