Pickel, Priester, Partydrogen

Skippy stirbt, eine Internats- und Gesellschaftskritik von Paul Murray


Zu die­sem Buch, wel­ches der Kunst­mann-Ver­lag in ei­ner bi­blio­gra­phisch auf­wen­dig ge­stal­te­ten Aus­ga­be edi­tiert hat, ha­be ich mich von ei­nem be­geis­ter­ten Bü­cher­vo­gel über­re­den las­sen, denn Er­leb­nis­se pu­ber­tä­rer In­ter­nats­in­sas­sen sind nicht un­be­dingt mein Me­tier. Das fiel mir schon bei Tschick auf, der sich ge­ra­de­zu lo­cker run­ter le­sen lässt, was man von dem 780 Sei­ten star­ken Schwer­ge­wicht Paul Mur­rays, der die Träu­me und Alb­träu­me sei­ner Prot­ago­nis­ten auf dras­ti­sche Wei­se schil­dert, schwer­lich sa­gen kann. Der Ro­man wird zwar man­cher­or­ten als äu­ßerst kurz­wei­lig ge­lobt, für mei­nen Ge­schmack weist er je­doch deut­li­che Län­gen auf.

Die Ge­schich­te spielt in ei­nem ka­tho­li­schen In­ter­nat Dub­lins zu Zei­ten der Fi­nanz­kri­se. Die Schü­ler­schaft spie­gelt das üb­li­che Bild männ­li­cher Ju­gend­li­cher wäh­rend das Leh­rer­kol­le­gi­um äl­te­re Pries­tern und halb­her­zi­ges Per­so­nal auf­weist. Ei­ner sei­ner jün­ge­ren, welt­li­chen Mit­glie­der ist der ehe­ma­li­ge Ban­ker Ho­ward. Aus sei­nem al­ten Job ge­feu­ert, un­ter­rich­tet er nun an sei­ner eins­ti­gen Schu­le Ge­schich­te. Es ge­lingt ihm kaum sich und sei­ne The­men durch­zu­set­zen, wor­an nicht nur der ver­meint­lich drö­ge Stoff und sei­ne un­in­spi­rier­te Ver­mitt­lung, son­dern auch sein Ruf als „Ho­ward the Co­ward“, Ho­ward Ha­sen­herz, zählt. Wie er zu die­sem Spott­na­men kam, er­schließt sich im Lauf des Ro­mans. Erst als Ho­ward von ei­ner schö­nen Fee, ei­ner eben­falls aus dem Ban­ken­milieu in die Schu­le ge­ra­te­nen at­trak­ti­ven Aus­hilfs­kraft, ei­nen ent­schei­den­den Lek­tü­re­tipp er­hält, er­fah­ren so­wohl er wie die Schü­ler ei­nen Motivationsschub.

Von den Schü­ler, die al­le von Pu­ber­täts­nö­ten ge­plagt wer­den, lei­det der trau­ri­ge Skip­py be­son­ders. Trau­ma­ti­siert durch die schwe­re Krank­heit sei­ner Mut­ter herr­schen zwi­schen ihm und sei­nem Va­ter Sprach­lo­sig­keit. Nö­te, die die Leh­rer nicht er­ken­nen kön­nen, weil sie zu sehr mit ih­ren ei­ge­nen Pro­ble­men be­schäf­tigt sind. So sind auch all die an­de­ren Jungs auf sich al­lei­ne ge­stellt, das di­cke Ge­nie, der Mi­ni­ma­cho ita­lie­ni­scher Ab­stam­mung, die rital­in­ver­seuch­ten Un­ter­stu­fen­schü­ler, die so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Pau­sen­hof­dea­ler. Ih­re weib­li­chen Al­ters­ge­nos­sen in der vis-à-vis ge­le­ge­nen Non­nen­schu­le ha­ben es nicht leich­ter. Sie ha­dern mit ih­rem Äu­ße­ren bis zur Ma­ger­sucht, sind se­xu­el­lem Druck aus­ge­setzt, in­tri­gie­ren ge­gen­ein­an­der. Auch sie fin­den bei den Er­wach­se­nen kei­nen Halt.

Paul Mur­ray, des­sen Ro­man mit dem Tod sei­nes Hel­den ein­setzt, er­zählt nicht nur des­sen Mar­ty­ri­en, zu de­nen auch ei­ne Love­sto­ry ge­hört, son­dern  er schil­dert vor al­lem ein Dra­ma von Grup­pen­zwang, Schuld und Heu­che­lei. Aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven er­fährt der Le­ser von Ver­nach­läs­si­gung und Er­pres­sung, von de­bi­len Di­rek­to­ren, de­nen der Ruf der Schu­le über al­les geht, von Müt­tern, die ih­re Töch­ter an­statt mit Zu­wen­dung mit ei­nem Fri­seur­be­such trös­ten, von dum­men Sport­leh­rern und ver­meint­lich fei­gen, aber ei­gent­lich ganz schön mu­tig schlau­en Ge­schichts­leh­rern, von pä­do­phi­len Pries­tern, kurz von per­sön­li­cher und ge­sell­schaft­li­cher Krise.

Das geht, wie die Auf­zäh­lung zeigt, nicht oh­ne die üb­li­chen Kli­schees zu be­mü­hen. Viel­leicht liegt es dar­an, viel­leicht auch an der Län­ge des Bu­ches, ganz be­stimmt aber liegt es an mir, daß er mir nicht ganz so gut ge­fal­len hat. Der Ro­man war mir zu lang und mir fehl­te die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Al­lei­ne Ho­ward fühl­te ich mich manch­mal na­he, be­son­ders bei sei­ner Lek­tü­re von Ro­bert Ran­ke-Gra­ves, Good­bye to All That , über des­sen Er­leb­nis­se im 1. Welt­krieg. Mit Die Wei­ße Göt­tin zi­tiert Mur­ray noch ein wei­te­res emp­feh­lens­wer­tes Buch die­ses Schriftstellers.

Für Ju­gend­li­che und al­len an­de­ren, die noch mit der Schu­le le­ben, kann die­ser Ro­man ei­ne loh­nen­de Lek­tü­re sein. Den­je­ni­gen, die da­von nichts mehr wis­sen wol­len, sei­en die Bü­cher von Ro­bert Ran­ke-Gra­ves ans Herz gelegt.

Die Alters-Sex-Lüge

In „Der letzte Geschlechtsverkehr” beklagt Helke Sander die ungerechte Rollenverteilung


„Für Leu­te in ih­rem Al­ter gab es den Aus­druck „Jen­seits von Gut und Bö­se“. Frü­her, vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit, sag­te man das schon von Vierzigjährigen.“

Die Fil­me­ma­che­rin und Au­torin Hel­ke San­der,„ge­bil­de­te Mit­tel­eu­ro­päe­rin der Mit­tel­klas­se“ und „Teil­neh­me­rin am se­xu­el­len Auf­bruch“, hat ein Buch über den letz­ten Ge­schlechts­ver­kehr und an­de­re Aus­sich­ten aufs Al­tern ver­fasst. Ih­re je­wei­li­gen Ge­schich­ten sind eben­so ab­wechs­lungs­reich wie ih­re Prot­ago­nis­tin­nen. Die­se sind auf der Su­che nach Sex, lau­schen Tan­tra­tö­nen, sin­nie­ren über exis­ten­ti­el­le Ein­sam­keit und all­mäh­li­che Triebverflüchtigungen.

Die Hel­din der ers­ten Ge­schich­te ar­bei­tet als Bi­blio­the­ka­rin. Sie möch­te ger­ne ei­nen Mann ken­nen­ler­nen, was ihr im be­haup­tet män­ner­fer­nen Buch­mi­lieu kaum ge­lin­gen will. Da nüt­zen auch kei­ne Le­sun­gen über Schwarz­wald­sur­vi­val oder ähn­li­che ver­meint­lich män­ner­af­fi­ne The­men. Sie greift in ih­rer Not schließ­lich zum al­ler­letz­ten Mit­tel und ant­wor­tet gänz­lich un­ro­man­tisch auf ei­ne An­non­ce. Was dann ge­schieht, er­zählt San­der kurz­wei­lig und nicht oh­ne Selbst­iro­nie und zum Glück nicht ganz aus. Aber?

Wie es der Le­se­teu­fel will wur­de mir ei­ni­ge Ta­ge zu­vor der Ro­man „Al­te Lie­be“ von Hei­den­reich und Schroe­der zu­ge­steckt. Auch hier lei­tet die Prot­ago­nis­tin ei­ne Bü­che­rei und or­ga­ni­siert Le­sun­gen. Ei­nen Mann hat sie zwar zu Hau­se sit­zen, mit dem ist es aber nicht mehr sehr auf­re­gend. Als die bei­den ih­re al­te Lie­be neu ent­deck­ten,  war’s bam­bus­blü­ten­gleich dann auch bald voll­kom­men aus und vor­bei. Er­staunt hat mich die Häu­fung von Kli­schees in die­sen bei­den the­men­na­hen, aber in Stil und An­spruch doch sehr un­ter­schied­li­chen Werken.

San­der dringt tie­fer in das Su­jet ein. Ihr Haupt­an­lie­gen ist die Si­tua­ti­on der äl­te­ren, meist al­lein­ste­hen­den Frau, die ver­sucht ih­re nicht nur kör­per­li­che Ein­sam­keit zu be­wäl­ti­gen. Oft er­in­nern die neun Ge­schich­ten des 144 Sei­ten zäh­len­den Ban­des an die Fall­bei­spie­le der Rat­ge­ber­li­te­ra­tur. Ver­stärkt wird dies durch die meist nur mit In­itia­len be­zeich­ne­ten Fi­gu­ren. Die ti­tel­ge­ben­de Er­zäh­lung über­zeugt mit ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Sicht auf die von den Me­di­en pro­pa­gier­te An­ti-Aging-Se­xua­li­tät und die Selbst­be­stim­mung des Ein­zel­nen. Doch nicht in al­len Ge­schich­ten ste­hen die­se Aspek­te im Vordergrund.

Wir le­sen auch von ei­ner cou­ra­gier­ten Al­ten, ‑so­fort er­scheint In­ge Mey­sel in der Rolle‑, die selbst­be­wusst und vol­ler Chuz­pe den Rol­la­tor-Ram­bo gibt. In ei­ner der letz­ten Ge­schich­ten ver­brin­gen zwei al­tern­de Hoch­schul­do­zen­ten ih­re Ers­te Klas­se Bahn­fahrt bei Wein und Schum­mer­licht und be­kla­gen die man­geln­de Or­tho­gra­fie­fes­tig­keit und se­xu­el­le Ab­ge­klärt­heit ih­rer Stu­den­ten. Frü­her war al­les besser.

Viel­leicht sind die­sem kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Cre­do auch die üb­ri­gen Be­zie­hungs­ge­schich­ten ge­schul­det. Wie zu Zei­ten der Frau­en­li­te­ra­tur er­zäh­len sie von ge­schei­ter­ten Ehen und bin­dungs­un­fä­hi­gen Män­nern. Über­haupt die Män­ner, hier bleibt kein Kli­schee un­ge­nannt. Be­son­ders stört mich, die im­mer wie­der auf­tau­chen­de Un­ter­stel­lung al­le Män­ner über 50 wür­den sich von ih­ren gleich­alt­ri­gen Part­ne­rin­nen tren­nen und sich den schon be­gie­rig auf sie war­ten­den jun­gen Fri­schen zu­wen­den. Das hat we­der et­was mit Frau­en­be­we­gung und schon gar nichts mit Frau­en­so­li­da­ri­tät zu tun.

Nichts­des­to­trotz ha­be ich San­ders Buch nicht oh­ne Ver­gnü­gen ge­le­sen und dach­te an die gu­te al­te Zeit, als al­le Män­ner noch per na­turam un­zu­läng­lich waren.

Surreale Odyssee

Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wiederentdeckung eines großen französischen Romans


„Und was ha­be ich in die­sem Win­kel hier wie­der­ge­fun­den? Ei­ne ver­fal­le­ne Kind­heit, ei­ne nie­der­ge­haue­ne Land­schaft und über all dem ei­ne wü­ten­de, ra­sen­de Nacht.“

An­läss­lich des hun­derts­ten Ge­burts­tags von Jean Ca­yrol (1911–2005) hat der Schöff­ling-Ver­lag des­sen Ro­man „Im Be­reich ei­ner Nacht“ neu auf­ge­legt, in der be­ein­dru­cken­den Über­set­zung durch Paul Celan.

Der drei­ßig­jäh­ri­ge Fran­çois ist aus Pa­ris auf­ge­bro­chen um sei­nen Va­ter zu be­su­chen. Die­ser wohnt in Sain­te-Vey­res, nach dem Krieg in Chau­vi­gny um­be­nannt. Man ahnt gleich zu Be­ginn, daß sich nicht ein freu­di­ges Wie­der­se­hen mit dem Ort und den Per­so­nen der Kind­heit an­bahnt. Fran­çois ver­lässt den Zug ei­ne Sta­ti­on vor dem Ziel, um nicht von sei­nen Va­ter von Bahn­hof ab­ge­holt zu wer­den und so ei­ne öf­fent­li­che Um­ar­mung  zu ver­mei­den. Doch die­sen Ent­schluss be­reut er bald. So sehr ihm vor der Be­geg­nung mit dem Va­ter graut, ängs­tigt ihn der Fuß­weg durch die graue, dun­keln­de Herbst­land­schaft. Er ver­lässt die Stra­ße wis­send sich in die­sem „Schier­lings- und Brom­beer­reich“ heil­los zu verlaufen.

Die Be­geg­nung mit ein paar Jungs, die nach ei­nen Schatz gra­ben, lö­sen Er­in­ne­run­gen an sei­ne ei­ge­ne, vom Glück weit ent­fern­te Kind­heit aus.

Ich sah ein, daß es un­mög­lich war, aus ei­ge­nen Kräf­ten glück­lich zu wer­den: das war der kunst­reich er­run­ge­ne Sieg mei­nes Va­ters, die har­te Lek­ti­on ei­ner knir­schen­den Mainacht.“

Wei­ter auf der Su­che nach dem rech­ten Weg durch ein vom Krieg zer­stör­tes Dorf und sei­nen Wald, ver­folgt von ei­nem her­ren­lo­sen Hund, er­in­nert er sich an sei­nen letz­ten Be­such beim Va­ter, dem „Über­wit­wer“, der sei­nen bei­den Kin­dern die Trau­er um ih­re Mut­ter ver­bo­ten hatte.

Ar­me Mut­ter, nie ha­be ich sie an­ders ge­kannt als an­ge­schmie­det an ih­ren Tod. Va­ter hat­te sie ein­ge­ker­kert, ein­ge­sargt in ei­nem un­zu­gäng­li­chen Kum­mer. Nie­mand durf­te ih­rer ge­den­ken. Nur auf sei­nen Wink hin durf­ten die Trä­nen flie­ßen und die Seuf­zer laut wer­den. Er ge­hör­te ihm und nur ihm al­lein, die­ser Tod.“

Als ein­zi­ger Licht­blick in die­ser Herbst­däm­me­rung voll schwar­zer Me­lan­cho­lie er­scheint Fran­çois sein Glück mit Ju­li­et­te. Er denkt an ih­re ers­te Be­geg­nung, an ih­re be­schei­de­ne Woh­nung in Pa­ris, in der sie glück­lich sein wol­len, vor al­lem, weil sie nicht „den an­de­ren mit ir­gend­wel­chen al­ten Bin­dun­gen be­hel­li­gen“. Die Ver­gan­gen­heit muss ver­drängt wer­den, um glück­lich le­ben zu kön­nen. „Darf man den an­de­ren Din­ge auf­bür­den, die man selbst nicht mehr er­trägt?“ Fran­çois trägt nicht als Ein­zi­ger ei­ne sol­che Last mit sich, auch Ju­li­et­te hat ei­ne Er­in­ne­rung zu ver­schwei­gen. De­ren Zeu­gen, die Brie­fe Fer­nands, könn­te sie je­doch mit Leich­tig­keit ver­bren­nen. Fran­çois hin­ge­gen ho­len sei­ne Alb­träu­me an je­dem Weg­wei­ser ein. Sei­ne eins­ti­gen Selbst­mord­ge­dan­ken, die auch den an­de­ren Mit­glie­dern die­ser un­glück­li­chen Fa­mi­lie nicht fern la­gen, und die to­des­na­he At­mo­sphä­re, de­ren vor­herr­schen­des Ele­ment die Angst war.

Als Kind war ihm kaum et­was an­de­res bei­gebracht wor­den als Angst; ei­ne Angst, der man mit kei­ner­lei Ar­gu­men­ten, mit kei­ner­lei Mut bei­kam.“ Früch­te ei­ner streng re­li­giö­sen Er­zie­hung. „Die­ses Fri­ka­ssee von Teu­fe­lei­en, das man uns täg­lich auftischte.“

Schließ­lich wird der mitt­ler­wei­le von Käl­te, Hun­ger und Er­in­ne­run­gen zer­mürb­te Fran­çois von ei­ner Au­to­fah­re­rin auf­ge­le­sen. In de­ren Haus er­hält er zwar ein we­nig Wär­me und ei­nen Co­gnac, ge­rät aber zu­gleich in ei­nen Streit zwi­schen Va­ter und Toch­ter, der ihn schnell sei­nen Weg fort­set­zen lässt. Doch welchen?

Es gibt im­mer zwei We­ge ne­ben­ein­an­der, ei­nen fal­schen und ei­nen rich­ti­gen. Und Sie – Sie schla­gen im­mer nur die We­ge ein, von de­nen kein Mensch et­was wis­sen will. Der rich­ti­ge Weg läuft an den Glei­sen ent­lang. Sie ren­nen da auf We­gen her­um, als ob Sie auf Am­seln aus wä­ren, wie die Kinder.“

Fran­çois’ Weg zu­rück führt wei­ter durch sei­ne Kind­heit, die er ge­mein­sam mit sei­ner Schwes­ter hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren ver­brin­gen muss­te, nur ein­mal durf­ten sie ei­nen un­be­schwer­ten Tag in Frei­heit er­le­ben. Da zeigt sich dem er­wach­se­nen Fran­çois plötz­lich ein Licht in der Dun­kel­heit, er wähnt sich in Si­cher­heit, ima­gi­niert ei­ne „an­hei­meln­de, re­ge, hei­te­re Wohn­stät­te“, for­mu­liert schon den Be­richt sei­ner nächt­li­chen, un­heim­li­che Irr­fahrt an Ju­li­et­te, als er beim Be­tre­ten des Hau­ses ge­fragt wird, ob er we­gen des To­ten kom­me. Vol­ler Schreck, von aber­ma­li­gen Er­in­ne­run­gen über­wäl­tig, ver­liert er das Be­wusst­sein. Die Be­woh­ner bet­ten ihn auf ein So­fa und bie­ten ihm an über Nacht zu blei­ben. Vom Ne­ben­raum aus lauscht er den Ge­sprä­chen der Frau­en, er­fährt von ih­rem Un­glück und, daß der To­te nur zu Be­such war. Sein Un­wohl­sein lässt ihn in Fie­ber­phan­ta­sien fal­len, die sei­ne Kind­heit her­auf­be­schwö­ren und ihn fra­gen las­sen, ob der Tod sei­nes Va­ters ihn end­gül­tig  be­frei­en wür­de, ob er dann mit Ju­li­et­te ein neu­es Le­ben an­fan­gen kön­ne oder ob er durch die Be­frei­ung vom Ver­ur­sa­cher sei­nes Kind­heits­un­glücks gleich­zei­tig auch sei­ne Kind­heit selbst ver­lie­ren würde.

Wie­der er­wacht hört er die Schnei­de­rin Ray­mon­de und ih­re Toch­ter Clai­re, spä­ter trifft Si­mon ein, und bringt Un­frie­den in sei­ne Fa­mi­lie. Ei­ne Fa­mi­lie, die wie sich zei­gen wird, schon längst zer­stört ist. Auf dem Hö­he­punkt des Strei­tes mit ih­rem Va­ter Si­mon, flieht Clai­re aus dem Haus. Fran­çois wird auf­ge­for­dert bei der Su­che zu hel­fen. Die­se gilt al­ler­dings mehr dem teu­ren Hoch­zeits­kleid, daß Clai­re zur Pro­be über­ge­wor­fen hat­te, als dem jun­gen Mäd­chen selbst. Fran­çois irrt wie­der durch die Nacht und fin­det Clai­re schließ­lich in dem Haus, wel­ches ihm als Kna­ben Zu­flucht ge­bo­ten hat. Das Haus des al­ten, lie­ben Leh­rers Jean.

Die Lö­sung sei­ner Fra­gen und da­mit das En­de die­ser Nacht er­schließt sich ihm und da­mit auch dem Le­ser auf der vor­letz­ten Sei­te des Romans.

Jean Ca­yrol be­schreibt in sei­nem Werk die nächt­li­che Odys­see sei­nes Prot­ago­nis­ten Fran­çois zu ei­nem Ziel, wel­ches er ei­gent­lich gar nicht er­rei­chen will. Im­mer wie­der un­ter­bre­chen Er­in­ne­run­gen an die Schre­cken sei­ner Kind­heit die Su­che. Fet­zen, die sich nach und nach zu­sam­men fü­gen. Da­ne­ben gibt es Ge­dan­ken an sein jet­zi­ges Le­ben, sei­ne Lie­be zu Ju­li­et­te. Von ih­rer Si­tua­ti­on be­rich­tet der Au­tor in zwei kur­zen Ka­pi­teln. Sie zei­gen, wie auch sie von ei­ner Er­in­ne­rung be­las­tet wird.

Jean Ca­yrol schil­dert die Su­che nach dem rech­ten Weg, der sich in ei­ner vom Krieg trau­ma­ti­sier­ten Ge­sell­schaft nur schwer­lich fin­den lässt. Er führt durch zer­stör­te Or­te und ver­wil­der­te Na­tur, vor­bei an ver­fal­le­nen Häu­sern und ob­sku­ren Be­geg­nun­gen. Trotz sei­nes be­drü­cken­den In­halts, fes­selt der Ro­man, leicht und flie­ßend for­mu­liert. Meh­re­re Be­wusst­seins­strö­me kom­bi­nie­rend ent­wi­ckelt Ca­yrol ein in­ten­si­ves Psy­cho­gramm des Prot­ago­nis­ten. Er­fah­rung und Phan­ta­sie, Fie­ber und Traum bil­den die Wirk­lich­keit die­ser dunk­len Nacht der Er­in­ne­rung. So er­zeugt die­ser Ro­man, dem ich noch vie­le wei­te­re Le­ser wün­sche, ei­nen un­ge­heu­ren Lesesog.

Im Nach­wort wür­digt die Ro­ma­nis­tin Ur­su­la Hen­nig­feld den Dich­ter und Ver­le­ger Jean Ca­yrol. Ca­yrol wur­de als Mit­glied der Ré­sis­tance 1943 im La­ger Maut­hau­sen in­ter­niert, wo er den Mit­in­haf­tier­ten Ge­dich­te von Ra­ci­ne und Rim­baud, so­wie ei­ge­ne Wer­ke vor­trug. Die­se er­schie­nen 1997 un­ter dem Ti­tel „Schat­ten­alarm“. Seit 1949 war Ca­yrol ver­le­ge­risch tä­tig. 1973 wur­de er Mit­glied der Aca­dé­mie Goncourt.

In ih­rer Ana­ly­se des Ro­mans be­tont Hen­nig­feld des­sen sur­rea­lis­ti­sche Struk­tur, so­wie die sub­tex­tua­len An­spie­lun­gen auf die Er­in­ne­rungs­po­li­tik des fran­zö­si­schen Staa­tes. Ca­yrol hat in al­len sei­nen Wer­ken sei­ne Er­fah­run­gen mit Krieg und Sho­ah ver­ar­bei­tet, die­se aber im­mer im Li­te­ra­ri­schen belassen.

Die Freund­schaft zwi­schen Jean Ca­yrol und Paul Ce­lan, ge­prägt durch die ge­mein­sa­me Ar­beit ge­gen das Ver­ges­sen, führ­te da­zu, daß Ca­yrol Ce­lan um die Über­set­zung sei­nes Bu­ches bat. Wel­che dich­te­ri­sche Frei­heit er ihm hier­bei ließ, er­läu­tert die Autorin.

Abschied von Onkel Paul

Küchengespräche unter Schwestern in Gila Lustigers neuem Roman „Woran denkst du jetzt


„Sie hat­te ein Ge­schick da­für ent­wi­ckelt, sich von dem Sinn nicht be­hel­li­gen zu las­sen, und dass sie nach ei­ner gu­ten hal­ben Stun­de im­mer noch nicht her­aus­ge­fun­den hat­te, wor­um es ei­gent­lich ging, be­rei­te­te ihr Vergnügen.“

Der Le­ser ver­bringt wo­mög­lich mehr Zeit mit we­ni­ger Ver­gnü­gen, denn er läuft lang­sam an die­ser Ro­man, der in ei­ner Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von On­kel Paul. Sei­ne bei­den Nich­ten sind für die­se Nacht in das El­tern­haus zu­rück­ge­kehrt. Die­ses Haus hat­te Paul vor Jah­ren sei­ner Schwes­ter über­las­sen, als ihr Mann sie ver­ließ und sie mit ih­ren bei­den Töch­tern ei­ne Blei­be such­te. On­kel Paul war seit­dem im­mer für sie da, in den letz­ten Mo­na­ten sei­nes Krebs­lei­dens hin­ge­gen küm­mer­ten sie sich um ihn. Er woll­te sei­ne letz­te Zeit mit ih­nen ver­brin­gen, nicht mit sei­ner Frau, mit der er jahr­zehn­te­lang ver­hei­ra­tet war. Doch warum?

Dies ist ei­ne der Fra­gen, die sich Li­sa und ih­rer Schwes­ter Tan­ja in die­sen Stun­den stel­len, den Stun­den der To­ten­wa­che, die sie in der Kü­che des Hau­ses ver­brin­gen. Sie re­den und strei­ten und stür­zen sich mit dem ewi­gen „Wor­an denkst Du jetzt?“ in ih­ren ei­ge­nen Ver­gan­gen­heits­film. Durch die­ses al­ter­nie­ren­de Prin­zip führt Gi­la Lus­ti­ger die je­wei­li­gen Er­in­ne­run­gen der un­ter­schied­li­chen Schwes­tern ein. So er­lebt der Le­ser das Fa­mi­li­en­ge­sche­hen ein­mal in der Ana­ly­se der Psy­cho­dra­ma­the­ra­peu­tin Li­sa, dann aus der Sicht der prag­ma­ti­schen Bank­ma­na­ge­rin Tan­ja. Li­sa, das Em­pa­thie­ge­nie, und Tan­ja, das Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Tan­ja, die sich ih­re Pro­ble­me selbst macht und die­se auch selbst lö­sen will. Li­sa, die die Pro­ble­me an­de­rer lö­sen möch­te. Bei­de sind „wah­re Meis­te­rin­nen im Dar­über­hin­weg­kom­men“ da­mals wie heute.

Nach­dem Tan­jas Zeit im Aus­land sie auch in­ner­lich von­ein­an­der ent­fernt hat­te, schei­nen die Schwes­tern sich in die­sen Stun­den wie­der an­zu­nä­hern. Doch sie re­den nicht mit­ein­an­der, sie sin­nie­ren ne­ben­ein­an­der über ihr Le­ben. Vor al­lem dar­über, wel­che Rol­le On­kel Paul dar­in spiel­te. Die­ser er­scheint als dan­dy­haf­ter Zam­pa­no, der im­mer ge­nau wuss­te, was gut und rich­tig war, und sie mit opu­len­ten Ge­schen­ken und Le­bens­weis­hei­ten über­häuf­te. Die Er­in­ne­run­gen ent­lar­ven ihn schließ­lich als Manipulator.

In die­ser psy­cho­lo­gisch nicht un­in­ter­es­sant kon­stru­ier­ten Fa­mi­li­en­ge­schich­te ver­misst der Le­ser je­doch lan­ge das Mo­tiv. So folgt man über die Hälf­te des Ro­mans ge­dul­dig den Er­in­ne­run­gen und, da im­mer noch kein Ge­heim­nis in Sicht, be­ginnt man bald sich selbst ei­nes her­bei zu spin­nen. Schließ­lich zeigt sich we­der Miss­brauch, noch In­zest son­dern ein ba­na­ler Ehe­bruch als cau­sa scri­ben­di. Die­ser be­stimmt fol­gen­reich das Be­zie­hungs­ge­flecht der Per­so­nen bis zum To­de von On­kel Paul, den man viel­leicht in zwei­fa­cher Hin­sicht als Haupt­schul­di­gen be­zeich­nen könn­te. Er hat­te einst den künf­ti­gen Ehe­mann sei­ner Schwes­ter als Freund ins Haus ge­bracht und vie­le Jah­re spä­ter die Ehe durch sei­ne In­dis­kre­ti­on zer­stört. Wei­te­re Ge­ständ­nis­se fol­gen und er­lau­ben den Schwes­tern zu ver­zei­hen, sich selbst und ein­an­der, und schließ­lich auch den Tod ih­res On­kels zu betrauern.

Lei­der ver­folgt die­ser Ro­man die Fra­ge nach Schuld und Ver­ant­wor­tung nicht in­ten­si­ver und en­det hoff­nungs­voll mil­de. Da­bei er­zählt Gi­la Lus­ti­ger ih­re Ge­schich­te ei­nes Ver­rats in ei­nem durch­aus an­spruchs­vol­len Kon­strukt aus Ge­füh­len und Er­in­ne­run­gen, was den gro­ßen psy­cho­lo­gi­schen Reiz ausmacht.

Man­ches trüb­te je­doch mein Le­se­ver­gnü­gen. Der Au­torin ge­lingt es nicht im­mer die bei­den cha­rak­ter­lich doch so ver­schie­den an­ge­leg­ten Schwes­tern deut­lich von­ein­an­der ab­zu­gren­zen. Be­son­ders in der wört­li­chen Re­de ist oft nicht ein­deu­tig aus­zu­ma­chen, wel­che Per­son spricht. Noch stö­ren­der emp­fin­de ich die sehr um­gangs­sprach­li­che For­mu­lie­rung ei­ni­ger Sät­ze, die da­durch oft un­klar und miss­ver­ständ­lich sind. Wenn man je­doch dar­über hin­weg zu le­sen ver­mag, öff­nen sich für den an fa­mi­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen In­ter­es­sier­ten in­ten­si­ve Ein­bli­cke in ei­ne nicht im­mer ein­fa­che Schwesternbeziehung.

Zum Schluss noch ei­ne Be­mer­kung zur Ge­stal­tung. Es ist in­kon­se­quent, daß im ers­ten Ka­pi­tel die er­in­ner­ten Ge­dan­ken kur­siv er­schei­nen, dies je­doch im Fol­ge­text nicht wei­ter­ge­führt wird. Da­für gibt es als hüb­schen und zu­gleich nütz­li­chen Aus­gleich ein bor­deaux­ro­tes Lesebändchen.

Mythos Kilimandscharo

Koloniales Wettklettern

Mit ih­rem im Wa­gen­bach-Ver­lag er­schie­ne­nen Buch „Ki­li­man­dscha­ro“ le­gen die bei­den Au­toren, der Ger­ma­nist und His­to­ri­ker Chris­tof Ha­mann und der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Alex­an­der Ho­nold die „deut­sche Ge­schich­te ei­nes afri­ka­ni­schen Ber­ges“ vor.

In zehn Ka­pi­teln stel­len sie die ver­schie­de­nen Aspek­te der Fas­zi­na­ti­on her­aus, die die­ser Berg von der An­ti­ke bis in die heu­ti­ge Zeit aus­übt. Wie der Berg als Mi­kro­kos­mos ver­schie­dens­te Be­dürf­nis­se ver­eint, Na­tur- und Selbst­er­fah­rung, die Sehn­sucht nach dem Ide­al und die Ab­kehr von der Zi­vi­li­sa­ti­on zeigt das An­fangs­ka­pi­tel. Der sym­bo­li­sche Ge­halt my­thi­scher Berg­phan­ta­sien, sei es nun der Olymp oder der Par­nass, der ei­ne Sitz der Göt­ter, der an­de­re Hain der Mu­sen, wer­den eben­so wie Dan­tes Läu­te­rungs­berg be­rück­sich­tigt. Die im 18. Jahr­hun­dert sich aus­bil­den­de Sti­li­sie­rung der Al­pen zum „Hoch­ge­bir­ge der Emp­find­sam­keit“ zei­gen die Au­toren an­hand der Spu­ren von Al­brecht von Hal­ler und Jean-Jac­ques Rous­se­au. Als wei­te­re Pio­nie­re der Ent­de­cker­lust blei­ben selbst­ver­ständ­lich auch Fran­ces­co Pe­trar­ca und Alex­an­der von Hum­boldt nicht ungenannt.

Das zwei­te Ka­pi­tel führt in die Vor­ge­schich­te des „Schnee­ber­ges“ ein. My­then, aber auch geo­gra­phi­sche Be­ob­ach­tun­gen, die in der an­ti­ken Über­lie­fe­rung von He­ro­dot bis Pto­le­mai­os von Alex­an­dria fass­bar sind, wer­den ein­an­der ge­gen­über­ge­stellt und durch an­ek­do­ten­haft an­mu­ten­de Be­rich­te an­ti­ker Ex­pe­di­ti­ons­trupps ergänzt.

Wel­che Rol­le das Pres­ti­ge ei­nes Erstent­de­ckers ge­ra­de wäh­rend des „Run of Af­ri­ca“ ein­nimmt zeigt das drit­te Ka­pi­tel. Geo­gra­phie wur­de zwar we­ni­ger als Wis­sen­schaft denn als Feuil­le­ton­the­ma wahr­ge­nom­men, den­noch war das In­ter­es­se ge­ra­de am un­ent­deck­ten afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent enorm. Mit Span­nung ver­folg­te das deut­sche Le­se­pu­bli­kum in zahl­rei­chen Pu­bli­ka­tio­nen wie „Die Gar­ten­lau­be“ und  „Westermann’s Mo­nats­hef­te“ den Wett­lauf zu den Quel­len des Ni­gers. Be­lieb­te Lek­tü­re wa­ren auch die Be­rich­te deut­scher und eng­li­scher Mis­sio­na­re, die auf ih­ren We­gen zu den „Un­gläu­bi­gen“ bis in un­be­kann­te Re­gio­nen vor­dran­gen. So be­rich­te­ten die Mis­sio­na­re Jo­han­nes Reb­mann und sein Kol­le­ge Jo­hann Lud­wig Krapf über ih­re Un­ter­neh­mun­gen im Church Mis­sio­na­ry In­tel­li­gen­zer. Sie be­schrie­ben als ers­te neu­zeit­li­che Eu­ro­pä­er ei­nen Schnee­gip­fel in Äqua­tor­nä­he. Doch das trug den Mis­sio­na­ren mehr Spott als An­er­ken­nung ein. Der eng­li­sche Ge­lehr­te Wil­liam De­bo­rough Coo­ley wirft ih­nen über­bor­den­de Phan­ta­sie und Un­pro­fes­sio­na­li­tät vor und ver­wies hä­misch auf die Kurz­sich­tig­keit der bei­den Brillenträger.

Dass nicht nur geo­gra­phi­sche Neu­gier und re­li­giö­ses Sen­dungs­be­wußt­sein, son­dern auch ko­lo­ni­al­po­li­ti­scher Ehr­geiz bei der wei­te­ren Er­for­schung Afri­kas und ins­be­son­de­re des Ki­li­man­dscha­ros ei­ne Rol­le spiel­ten, schil­dern die Au­toren im Fol­gen­den. „Die Be­stei­gung des Schnee­ber­ges bleibt ein wich­ti­ges wis­sen­schaft­li­ches und po­li­ti­sches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erst­be­stei­gung des Kilimandscharo–Gipfels Ki­bo ei­ne Un­ter­dis­zi­plin im „Wett­lauf um Afri­ka“. Ne­ben den Deut­schen Carl Claus von der De­cken, Edu­ard Vo­gel und Gus­tav Adolf Fi­scher tra­ten die Bri­ten Jo­seph Thom­son und Har­ry John­s­ton an. Al­le schei­ter­ten. Erst Hans Mey­er und Lud­wig Purtschel­ler er­reich­ten 1889 im drit­ten An­lauf den Gip­fel und mach­ten ihn mit Deut­scher Flag­ge und ei­nem drei­fa­chen Hur­ra zur Kai­ser-Wil­helm-Spit­ze und da­mit zum höchs­ten Berg Deutsch­lands. In Mey­ers Dar­stel­lun­gen zeigt sich die gro­ße Fas­zi­na­ti­on, die der Ki­li­man­dscha­ro aus­üb­te, das schnee­be­deck­te Hoch­ge­bir­ge in Äqua­tor­nä­he, sei­ne sin­gu­lä­re Er­he­bung in der Land­schaft, der wol­ken­ver­han­ge­ne Gip­fel und sei­ne un­ter­schied­li­chen Kli­ma­te und Ve­ge­ta­ti­ons­zo­nen. Wie die ge­schick­te me­dia­le Prä­sen­ta­ti­on den Berg im fer­nen Afri­ka zu ei­nem Sym­bol deut­schen Na­tio­nal­stol­zes wer­den lässt, zei­gen die Au­toren in den nach­fol­gen­den Ka­pi­teln. Sei­en es nun die um­fas­sen­de li­te­ra­ri­sche Re­zep­ti­on, un­ter de­nen Ju­les Ver­nes Fünf Wo­chen im Bal­lon das po­pu­lärs­te Bei­spiel dar­stel­len mag, oder die Aus­wir­kun­gen auf die Wer­ke der Bil­den­den Küns­te. Be­son­ders deut­sche Künst­ler tru­gen da­zu bei, daß ko­lo­ni­al­ro­man­ti­sche Sehn­süch­te noch lan­ge nach En­de der kur­zen deut­schen Ko­lo­nial­pha­se wei­ter­leb­ten. Und das bis heu­te, wie Fern­seh­dra­mo­letts vor der Ku­lis­se des Ki­li­man­dscha­ro beweisen.

Die bei­den Wis­sen­schaft­ler, die sich selbst als Flach­land­au­to­ren be­zeich­nen, und doch mit­un­ter bei ge­mein­sa­men Berg­wan­de­run­gen die Kon­zep­ti­on ih­res Bu­ches dis­ku­tier­ten, bie­ten viel­fäl­ti­ge Aspek­te des be­rühm­tes­ten Ber­ges Ost­afri­kas. Sie ana­ly­sie­ren die ko­lo­nia­le Ge­schich­te des Gip­fels und wer­fen zu­dem ei­nem Blick auf die kul­tu­rel­le Be­deu­tung des Berg­stei­gens und die Mo­ti­ve der Ak­teu­re. Dem Le­ser öff­net sich so die his­to­ri­sche aber auch die li­te­ra­ri­sche Perspektive.

Zahl­rei­che Ab­bil­dun­gen und ein eben­so nütz­lich wie aus­führ­li­cher An­mer­kungs­ap­pa­rat er­gän­zen die­sen Band aus der schön ge­stal­te­ten kul­tur­ge­schicht­li­chen Rei­he des Wagenbach-Verlages.

Zur Rol­le Reb­manns und Krapfs als ers­te eu­ro­päi­sche Schnee­gip­fel-Bo­ten sei fol­gen­de Be­ge­ben­heit er­gän­zend er­zählt. Es war nicht nur der Bri­te Be­ke, wie Ha­mann und Ho­nold be­rich­ten, der die Aus­sa­gen von Reb­mann und Krapf ernst nahm. Die in den neu­ge­grün­de­ten geo­gra­phi­schen Zeit­schrif­ten „Pe­ter­manns Mit­tei­lun­gen“, Glo­bus“, „Zeit­schrift für all­ge­mei­ne Erd­kun­de“ heiß dis­ku­tier­ten Schnee­ber­ge setz­ten die bei­den der­art in den Fo­kus, daß ih­nen zu Be­ginn des Jah­res 1851, wie Jo­chen Eber in sei­ner Bio­gra­phie über Krapf be­rich­tet, ei­ne Au­di­enz bei Fried­rich-Wil­helm IV. ge­währt wur­de. Dort schil­der­ten sie ih­re Ent­de­ckun­gen den preu­ßi­schen Ge­lehr­ten Carl Rit­ter und Alex­an­der von Hum­boldt, wor­auf sich letz­te­rer „wie ein klei­nes Kind über ein neu­es Spiel­zeug“ ge­freut ha­ben soll (Eber, S. 148).

Zen oder die Kunst sich schweigend zu verlieben

Prolog

Um es vor­weg zu sa­gen, die­ser Au­tor be­glei­tet schon seit lan­gem mein Le­se­le­ben. Die Be­kannt­schaft be­gann mit der rö­mi­schen Goe­the-His­to­rie „Faus­ti­nas Küs­se“. Es folg­ten die üb­ri­gen die­ser Tri­lo­gie, „Die Nacht des Don Ju­an“ und „Im Licht der La­gu­ne“. Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men ha­be ich auch an­de­re al­te und neue Bü­cher Ort­heils ge­le­sen. So auch nach „Die gro­ße Lie­be“ und „Das Ver­lan­gen nach Lie­be“ den letz­ten Band sei­ner Lie­bes­tri­lo­gie „Lie­bes­nä­he“.

Fast eben­so­lan­ge stellt sich mir die Fra­ge, was mir an sei­nen Bü­chern denn nun so ge­fällt. Si­cher ist es die Lie­be zu Ita­li­en, viel­leicht auch ei­ne ge­wis­se ro­man­ti­sche Me­lan­cho­lie. Bis­her war ich, ab­ge­se­hen von ei­ni­gen Ei­tel­kei­ten des er­wach­se­nen Jo­han­nes in „Die Er­fin­dung des Le­bens“ und von stär­ke­ren Ar­ro­gan­zen in Ort­heils Rom­füh­rer im­mer an­ge­nehm angetan.

Sich schweigend verlieben als Performance

Wer ist die­se Schwim­me­rin“ mit die­sem No­tat läu­tet Hanns-Jo­sef Ort­heil ein, was der Ti­tel sei­nes neu­en Ro­mans „Lie­bes­nä­he“ be­reits vor­weg nimmt.

Be­hut­sam ent­wi­ckelt der Au­tor die An­nä­he­rung zwei­er sich zu­nächst un­be­kann­ter Ein­zel­gän­ger, die an­schei­nend zu­fäl­lig im all­tags­fer­nen Mi­lieu ei­nes ein­sam ge­le­ge­nen Lu­xus­ho­tels ein­an­der be­mer­ken. Der Schrift­stel­ler Jo­han­nes Kirch­ner und die In­stal­la­ti­ons-Künst­le­rin Ju­le Dan­ner ver­mei­den zu­nächst di­rek­te Be­geg­nun­gen und be­vor­zu­gen sich aus der Di­stanz zu ent­de­cken. Klei­ne Bot­schaf­ten, die Ah­nun­gen be­stä­ti­gen, ge­hen tra­di­tio­nell als Zet­tel oder mo­dern als SMS hin und her und füh­ren schließ­lich zum Ge­gen­über. Die­se Be­we­gun­gen auf­ein­an­der zu wer­den äu­ßerst vor­sich­tig aus­ge­führt, ein kunst­vol­ler Balz­tanz, des­sen Cho­reo­gra­fie mal den In­sze­nie­run­gen der Vi­deo­künst­le­rin mal den Ein­fäl­len des Schrift­stel­lers folgt.

Nur ei­nes fin­det nie­mals statt, das ge­spro­che­ne Wort. Die­ses rich­ten bei­de je­weils se­pa­rat an Ka­tha­ri­na, die die klei­ne Buch­hand­lung des Ho­tels führt. Sie be­rät ih­re Kun­den nach de­ren Be­find­lich­keit und führt au­ßer die­ser Li­te­ra­tur­the­ra­pie nur Bü­cher im Sor­ti­ment, die ihr per­sön­lich gut ge­fal­len. Sie un­ter­hält zu Bei­den ei­ne ganz be­son­de­re Be­zie­hung, man könn­te sie als müt­ter­li­che Freun­din be­zeich­nen. Die De­tails der Per­so­nen­kon­stel­la­ti­on of­fen­bart der Au­tor erst nach und nach lang­sam vor­an­schrei­tend wie in ei­ner Zen-Me­di­ta­ti­on. Über­haupt gibt es viel Ja­pa­ni­sches. Li­te­ra­ri­sche In­spi­ra­ti­on bie­tet das Kopf­kis­sen­buch der Sei Shō­na­gon. Ja­pa­ni­sche Trom­meln und Bam­bus­flö­ten, Ki­mo­no, Tu­sche und Tee er­gän­zen das Ambiente.

Als wech­sel­sei­ti­ge Sicht sei­ner bei­den Haupt­per­so­nen kom­po­niert Ort­heil sei­nen Ro­man. Mal kom­men­tiert Jo­han­nes, mal Ju­le ihr auf­ein­an­der Zu­ge­hen. Das so zwei­mal das Glei­che aus dem je­weils an­de­ren Blick­win­kel er­zählt wird, macht den Reiz der Idee aus. Wenn je­doch Er­eig­nis­se wie die be­rühm­te Per­for­mance der Künst­le­rin Ma­ri­na Abra­mo­vić, die als Vor­la­ge für ei­ne Be­geg­nung dient, dem Le­ser  mehr­fach er­klärt wer­den, wirkt dies redundant.

Was ich an diesem Buch sehr mag:

Wie Hanns-Jo­sef Ort­heil ge­naue Wahr­neh­mung und Be­schrei­bung in Sät­ze ver­wan­delt. Er be­herrscht die­se Fä­hig­keit so gut, daß der Le­ser sich so­fort in das Am­bi­en­te sei­ner Ro­ma­ne hin­ein­ver­setzt fühlt. Land­schaf­ten und Räu­me, Na­tur und In­te­ri­eur, Gau­men- und Le­se­freu­den stellt er auf die­se Wei­se zum un­mit­tel­ba­ren Nach­voll­zug dar.

Wie rück­sichts­voll die Per­so­nen mit­ein­an­der um­ge­hen und wie em­pa­thisch Ort­heil Ge­füh­le zu schil­dern vermag.

Wie er die Lust und die In­spi­ra­tons­kraft von ein­sa­men Spa­zier­gän­gen dar­stellt. Be­we­gung be­wegt auch den Geist. Das mit sich Al­lein­sein lässt Raum für Kreativität.

Wie Na­tur und Kunst in ih­ren ver­schie­de­nen For­men mit­ein­an­der in Ein­klang ge­bracht werden.

Was ich an diesem Buch überhaupt nicht mag:

Wie die Wahl des Mi­lieus das Ge­sche­hen weit über das nor­ma­le Le­ben hebt, ein es­ka­pis­ti­scher Wun­der­ort in­mit­ten saf­tig grü­ner Al­men, wo so­gar Toast­brot­schei­ben stun­den­lang frisch ge­rös­tet bleiben.

Wie da­durch das Schloss­ho­tel El­mau, un­ver­kenn­ba­res Vor­bild die­ses Pa­ra­die­ses, als ein Ort ir­di­scher Ver­hei­ßun­gen be­wor­ben wird.

Wie die Rol­len­ebe­nen ge­wahrt wer­den. Die Künst­ler blei­ben welt­fern. Die Ho­tel­an­ge­stell­ten die­nen als gu­te Geis­ter und wer­den von oben her­ab cha­rak­te­ri­siert. Die üb­ri­gen Gäs­te sind läs­ti­ge Ge­räusch­ku­lis­se. Ka­tha­ri­na ver­mit­telt zwi­schen al­len und die jun­ge Emp­fangs­da­me des Ho­tels seufzt der gro­ßen Künst­ler­lie­be in frem­den La­ken nach.

Wie bei man­chen Be­schrei­bun­gen doch des Gu­ten zu viel ge­bo­ten wird. Der star­ke, gel­be Urin­strahl zählt nicht zu den Din­gen, von de­nen ich ger­ne le­sen möchte.

Wie der Le­ser be­lehrt wird über die rich­ti­ge Art Sekt zu trin­ken (Was­ser­glas), au­then­tisch Cam­pa­ri zu ge­nie­ßen (oh­ne Eis, da­für rand­voll), über gu­te Würs­te (ins­be­son­de­re die Milz­wurst), über das rich­ti­ge Früh­stück, rich­ti­ges Spei­sen, den rich­ti­gen Zeit­punkt zu ar­bei­ten und mehr.

Wie der Au­tor sein Buch­kon­zept er­klärt „ei­ne ero­ti­sche und bei­na­he un­er­träg­li­che Span­nung, die auf ei­ner streng ein­ge­hal­te­nen Di­stanz der bei­den Lie­ben­den ba­siert“ (S. 129).

Fazit

We­ni­ger Ei­tel­keit wä­re mir lie­ber ge­we­sen und auch mehr Acht­sam­keit. Da­mit nicht aus blon­dem Haar mit ro­ten Spit­zen am En­de blon­des Haar mit ro­ten An­sät­zen wird, und aus ei­nem hell­grü­nen Ba­de­man­tel in­ner­halb von drei Sei­ten ein dunkelgrüner.

So weit, so gut. Viel­leicht kommt ja noch­mal ein Ro­man wie „He­cke“ oder „Mo­sel­rei­se“ oder et­was Historisches.

Rät­sel­haft bleibt mir zu­letzt noch die Ab­bil­dung auf dem Schutz­um­schlag. Die dun­kel­haa­ri­ge Schö­ne kann we­der die blon­de Ju­le noch die ja­pa­ni­sche Hof­da­me sein.

Wer ist die Dargestellte?

 

 

Noch einen Tag und eine Nacht — Wortschatzbildung mit Fabio Volo

Il giorno in più” — Letteratura gallina di un galletto

Ob die­ses Buch mit dem deut­schen Ti­tel Noch ein Tag und ei­ne Nacht hier auf mei­ner Sei­te ei­nen Platz fin­den wird, ha­be ich mich lan­ge ge­fragt. Es ist zwar kein Ro­man­zo ro­sa, ein ita­lie­ni­scher Heft­chen­ro­man, aber un­be­streit­bar ein Ro­man­zo sentimentale.

Gi­a­co­mo, Tu­ri­ner, Sin­gle um die 30, sieht ei­nes Mor­gens ei­ne Un­be­kann­te in der S‑Bahn. Er ist fas­zi­niert, sie tau­schen Bli­cke und ein Lä­cheln. Zu ei­nem Kon­takt kommt es je­doch nicht. Gi­a­co­mo, der sonst schnell ei­nen Spruch für ei­ne Frau fin­det, ist sich selbst ein Rät­sel. Auch die auf­mun­tern­den Rat­schlä­ge sei­ner Freun­din Sil­via er­mu­ti­gen ihn nicht. So lebt er über Wo­chen für die­ses stum­me Ren­dez­vous am Mor­gen, das nur ei­ni­ge Hal­te­stel­len dau­ert. Ei­nes Ta­ges je­doch spricht Sie ihn an, Mi­che­la. Und bei ei­nem Kaf­fee in der Bar, stellt sich her­aus, daß die­ses ers­te Tref­fen wohl auch das letz­te blei­ben wird. Mi­che­la ver­lässt die Stadt, sie hat ei­ne neue Ar­beits­stel­le in New York gefunden.

Was sich wie der kit­schi­ge und ba­na­le Plot ei­ner Sto­ria d’Amore an­hört, er­zählt Fa­bio Vo­lo auf un­ge­wöhn­li­che Wei­se und durch­aus span­nend. So kam ich rasch ei­ni­ge Sei­ten wei­ter und zu der Er­kennt­nis, daß das Buch mehr zu bie­ten hat. Gi­a­co­mo er­weist sich als Mann, der über sich selbst nach­den­ken und über Ge­füh­le spre­chen kann. Sonst wä­re er auch kaum mit Sil­via be­freun­det, ei­ner eins­ti­gen Af­fä­re, die sich aber bald in ei­ne bes­te Freun­din ver­wan­del­te. Die Bei­den be­ra­ten sich ge­gen­sei­tig in ih­ren Lie­bes­que­re­len, was ne­ben al­lem Wah­ren und All­ge­mei­nem auch amü­san­te Mo­men­te hat. Erns­ter und me­lan­cho­li­scher wir­ken Gi­a­co­mos Er­in­ne­run­gen an die schwie­ri­ge Be­zie­hung sei­ner El­tern, und eben­so die Scham über ei­nen klei­nen Be­trug un­ter Kin­dern. Wir wä­ren nicht in Ita­li­en, gä­be es nicht auch ei­ne Non­na. Von die­ser ge­lieb­ten Groß­mutter, de­ren Bei­ne stär­ke­re prä­ko­gni­ti­ve Fä­hig­kei­ten ha­ben als die Ma­don­na, hat Gi­a­co­mo Ei­ni­ges zu erzählen.

Wie Gi­a­co­mo und Mi­che­la ihr Ren­dez­vous fort­set­zen, sei hier nicht ver­ra­ten. Nur so­viel, wer plant sich in ita­lie­ni­sche Lie­bes­aben­teu­er zu stür­zen, ist am En­de des Bu­ches für al­le Si­tua­tio­nen sprach­lich präpariert.

Ge­dacht als leich­te Lek­tü­re, um mein Ita­lie­nisch auf­zu­po­lie­ren, er­wies sich Fa­bio Vo­los Ro­man­zo als gut les­ba­re Un­ter­hal­tung. Und zu­dem als Lehr­stück in kul­tu­rel­ler Dif­fe­renz, ist mir in mei­nem Le­ben als Frau und in mei­nem Le­ben als Le­se­rin doch sel­ten je­mand be­geg­net, der so ein­fühl­sam sei­ne in­ne­ren Vor­gän­ge schil­dert oh­ne sei­ne viel­fäl­ti­gen Un­zu­läng­lich­kei­ten zu ver­ber­gen. Die Sto­ria d’amore ist nicht glatt und ober­fläch­lich, son­dern wird durch oft skur­ri­le An­sich­ten und Be­ob­ach­tung ge­bro­chen. Manch­mal gibt es gen­re­be­dingt na­tür­lich auch ein we­nig Kitsch und Klischee.

Aber al­len, die ei­ne ge­fühl­vol­le Lie­bes­ge­schich­te aus männ­li­cher Sicht le­sen wol­len, sei die­ser Ro­man emp­foh­len. Al­len Ita­lie­nischa­ma­teu­ren sowieso.

Wer hin­ein­schnup­pern möch­te, le­se das ers­te Ka­pi­tel. Wer kei­ne Lust zu le­sen hat, war­te auf den Film, der in Ita­li­en im De­zem­ber ins Ki­no kommt. Der Au­tor spielt üb­ri­gens die Hauptrolle.

Survival of the Fittest?

Von verödeten Biotopen und vereinsamten Frauen — Judith Schalansky in „Der Hals der Giraffe

Gar kei­ne Staats­form wä­re das Al­ler­bes­te. Es wür­de sich al­les schon von al­lei­ne organisieren.“

Die Bio­lo­gie­leh­re­rin In­ge Loh­mark, 55, ver­hei­ra­tet, ein Kind, klas­si­fi­ziert ih­re Um­ge­bung mit ei­nem durch Dar­win ge­schul­ten Blick. Sie ist die for­schen­de Be­ob­ach­te­rin, ihr be­vor­zug­tes Are­al das Bio­top Schu­le. Die­ses liegt in Vor­pom­mern, nur noch We­ni­ge, die kaum Nach­wuchs er­zeu­gen, woh­nen dort. Die Schu­le schrumpft und wird dem­nächst schließen.

Wie in ei­nem al­ten Na­tur­kun­de­buch hat Ju­dith Schal­an­sky ih­ren Ro­man ge­stal­tet. Die Ka­pi­tel Na­tur­haus­hal­te, Ver­er­bungs­vor­gän­ge und Ent­wick­lungs­leh­re, wer­den durch Ko­lum­nen­ti­tel dif­fe­ren­ziert. Da­zwi­schen fin­den sich Zeich­nun­gen der Au­torin, die Sche­ma­ta, Tie­re und viel Bio­lo­gie zeigen.

All’ das er­in­nert an die Schul­zeit. Auch die ver­schie­de­nen Ty­pen von Schü­lern und Leh­rern die Schal­an­sky via Loh­mark so ge­nüss­lich se­ziert als lä­gen sie auf den Plätt­chen ei­nes Mi­kro­skops, sind nicht un­ver­traut. Man ge­nießt die ers­ten Sei­ten vol­ler sar­kas­ti­scher Bon­mots in der Er­leich­te­rung die­se Pha­se sei­nes Le­bens nun end­gül­tig hin­ter sich zu ha­ben. Doch wir be­fin­den uns nicht in ei­ner Schul­sa­ti­re. Im­mer stär­ker of­fen­bart In­ge Loh­mark ih­re Ein­sam­keit. Ihr dar­win­scher Zy­nis­mus ist nur ein Mit­tel zur Di­stanz. Sie will Ab­stand schaf­fen, Ab­stand zu den Men­schen, vor al­lem aber zu sich selbst. Nur hin und wie­der lässt sie in ih­ren Re­flek­tio­nen den ein­zig wah­ren Grund auf­schei­nen. Es ist die Sehn­sucht nach ih­rer Toch­ter Clau­dia. Die­se lebt in Ame­ri­ka und mel­det sich höchs­tens noch in kur­zen Mails. Selbst von ih­rer Hoch­zeit er­fährt In­ge Loh­mark nur auf die­se un­per­sön­li­che Wei­se. Sie lei­det un­ter dem Ver­lust ih­rer Toch­ter und kann die Ur­sa­che kaum er­ken­nen. Liegt es an ih­rem Mann Wolf­gang? Der züch­tet zwar jetzt Strau­ße, die düm­mer als Schü­ler sind, war je­doch einst auch ab­ge­hau­en, ei­ne Frau und Kin­der zu­rück­las­send. Oder liegt es an ih­rem ei­ge­nen Re­pro­duk­ti­ons­geiz? Hät­te sie mehr Kin­der be­kom­men, wä­re ihr viel­leicht ei­nes geblieben.

In­ge Loh­marks Schick­sal spie­gelt sich in dem ih­rer ver­hass­ten Kol­le­gin Schwan­ne­ke. Die­se be­klagt ih­re Kin­der­lo­sig­keit oh­ne zu ah­nen, daß die Bio­lo­gie­leh­re­rin ih­re Trau­er teilt. Die ei­ne kann kei­ne Kin­der be­kom­men, die an­de­re hat zwei ver­lo­ren, ein ge­bo­re­nes und ein un­ge­bo­re­nes. Doch Loh­mark lässt kei­ne Ge­füh­le zu. We­der die po­si­ti­ven, wenn sie zu ei­ner Schü­le­rin ei­ne be­son­de­re Zu­nei­gung ver­spürt, noch die ne­ga­ti­ven, wenn sie ge­gen das Mob­bing ei­nes Mäd­chens nicht ein­schrei­ten will. Sie ver­traut auf die Selbst­re­gu­lie­rungs­kräf­te der Natur.

Dass auch die Na­tur, ins­be­son­de­re ih­re ent­wi­ckel­te Form der Le­be­we­sen, das Recht auf Schutz und Für­sor­ge hat, er­kennt sie nicht. Oder erst ganz zum Schluss, in der Er­in­ne­rung an ein längst zu­rück­lie­gen­des Ereignis.

Ju­dith Schal­an­sky schil­dert in ih­rem Ro­man sehr ein­fühl­sam, was die Un­fä­hig­keit Ge­füh­le zu zei­gen an­rich­ten kann, mit dem an­de­ren und mit ei­nem selbst. Auch die Psy­che un­ter­liegt dem Kreis­lauf der Natur.

————-

 

Zur The­ma­tik der ver­las­se­nen El­tern sei auf das Buch und die Web­site von An­ge­li­ka Kindt verwiesen.

Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten

Fluch und Trost der Gospa erfährt Thomas Glavinic in „Unterwegs im Namen des Herrn“ 

Wer nach Med­jug­or­je fährt und auf kei­nen der Ber­ge geht, der STOLPERT IM LEBEN- UND FALLT.“ (S. 77)

Be­geis­tert vom Selbst­be­spie­ge­lungs­sar­kas­mus auf den Li­te­ra­tur­be­trieb, den Gla­vi­nic in sei­nem 2007 er­schie­ne­nen Ro­man „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu sei­nem neu­en Buch. Schon der Ti­tel „Un­ter­wegs im Na­men des Herrn“ ver­spricht ei­ne ähn­lich amü­san­te An­nä­he­rung ans Pil­ger­mi­lieu. Denn, um es ehr­lich zu sa­gen, die­ses post­mo­der­ne Pil­gern, das mit dem Ha­pe-Hype sei­nen Hö­he­punkt aber lei­der nicht End­punkt er­reicht hat, ist fad. Die Pil­ger­bü­cher sind Le­gi­on, wir brau­chen ein An­ti­dot, wie Jean-Do­mi­ni­que Bau­bys Schil­de­run­gen des Sou­ve­nir­wahns in Lour­des oder den Film der ös­ter­rei­chi­schen Re­gis­seu­rin Jes­si­ca Haus­ner.

Gla­vi­nic fin­det Lour­des zu teu­er, wes­halb er sich be­glei­tet von Freund und Fo­to­graf In­go nach Med­jug­or­je auf­macht. Die Bei­den pil­gern nicht per pe­des, son­dern wer­den in ei­ner from­men Bus­la­dung nach Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na ver­frach­tet. Ein Bus vol­ler Pil­ger, die sich die vier­zehn­stün­di­ge Fahrt mit Be­ten und Fas­ten, mit Hei­li­gen­le­gen­den und Er­we­ckungs­ge­schich­ten zu ver­kür­zen su­chen, kann zur Tor­tur wer­den. Beim un­gläu­bi­gen Tho­mas und dem um nichts fröm­me­ren In­go löst sie ei­ne un­still­ba­re Sehn­sucht nach Schlaf, nach Auf­putsch- und Be­täu­bungs­mit­teln aus. Und doch, schon im ers­ten Ab­schnitt der Rei­se fällt die­ser Be­richt nicht ganz so bis­sig bö­se aus, wie es die Le­se­rin er­war­tet. Spä­tes­tens nach der An­kunft in Med­jug­or­je wird klar, daß es nicht nur dar­um ge­hen wird, die Ab­sur­di­tä­ten des Pil­ger­pa­ra­die­ses auf­zu­de­cken. Gla­vi­nic, der auf­ge­klär­te Athe­ist, schei­tert an den Ver­teu­fe­lun­gen der An­na­lin­da An­ti­lo­pa, Non­ne. Dar­auf hät­te er ge­fasst sein kön­nen. Er re­agiert mit Ab­scheu und An­gi­na, er­liegt fast ei­ner An­na­lin­da Hy­po­chon­dria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Le­ser bringt er so um wei­te­re Ein­bli­cke in ört­li­che Kul­te und Ri­tua­le. Den­noch schil­dert der Ge­plag­te flott und un­ter­halt­sam sei­ne Er­fah­run­gen. Gla­vi­nic gibt Tipps wie man in Pil­ger­her­ber­gen ge­gen die nächt­li­che Aus­gangs­sper­re re­vol­tiert und glänzt mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Apo­the­ker­wis­sen. Et­li­che Xa­n­or und an­de­re Pil­len wei­ter, mit Nied­rig- und Hoch­pro­zen­ti­gem run­ter­ge­spült, ist es dann mit der halb­her­zi­gen Pil­ge­rei vor­bei. Schrift­stel­ler und Fo­to­graf ver­las­sen den Ort des gläu­bi­gen Irr­sinns, um sich vom ver­rück­ten Va­ter zum nächs­ten Flug brin­gen zu lassen.

Nur ein Nacht­quar­tier fehlt und die­ses fin­den sie schließ­lich bei ei­nem Mann, des­sen Art und An­we­sen nach du­bio­sen Ge­schäf­ten riecht. Es folgt ei­ne durch­ge­knall­te Nacht, an­stren­gend für den kran­ken Au­tor wie für die Le­se­rin. Aber­wit­zi­gen Trost spen­den ein­zig die Zet­tel­bot­schaf­ten aus Med­jug­or­je. Sind Krank­heit und Cha­os tat­säch­lich der Fluch der Gos­pa, den der Kap­pen­mann den un­gläu­bi­gen Pil­gern prophezeite?

Schließ­lich bringt ein tur­bu­len­ter Rück­flug die bei­den Blues Brot­hers zum Aus­gangs­punkt ih­rer Mis­si­on und an das En­de ei­nes eben­so tur­bu­len­ten Fastan­ti­pil­ger­bu­ches. Der Gos­pa­se­gen ist auf­ge­braucht und ei­ner Sa­che kön­nen wir ganz si­cher sein. Bei Gla­vi­nic klin­gelt kein Glöck­chen, nirgends.

Ei­ne Le­se­pro­be und zwei Vi­de­os fin­den sich beim Han­ser-Ver­lag.

Das Kuscheltier des Philosophen

Sibylle Lewitscharoffs Trostgestalt mit Löwenmähne

Am lin­ken Ohr des Lö­wen zeig­te sich ein klei­ner Ma­kel im Fell, of­fen­bar ei­ne Ver­let­zung, die Blu­men­berg bis­her noch gar nicht auf­ge­fal­len war.“ (S. 148)

Er „war da­zu da, sein, Blu­men­bergs, Ver­trau­en in die Welt, zu­min­dest bei Nacht, zu fes­ti­gen.“ (S. 126)

Wer auf Ar­ti­go, ei­ner kunst­his­to­ri­schen Da­ten­bank, die Stich­wor­te Lö­we und Hie­ro­ny­mus ein­gibt, er­hält ei­ne Viel­zahl bild­künst­le­ri­scher In­ter­pre­ta­tio­nen die­ses Su­jets. Ei­ne li­te­ra­ri­sche legt Si­byl­le Le­witschar­off in ih­rem Ro­man „Blu­men­berg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blu­men­berg (1920–1996), der als Phi­lo­soph an der Uni­ver­si­tät Müns­ter lehr­te, wird von ihr zum Hei­li­gen sti­li­siert. Zu ei­nem agnos­ti­schen Hei­li­gen wohl­ge­merkt, der nicht an Bi­bel­tex­ten, son­dern an sei­nen ei­ge­nen Ge­dan­ken feilt. Dann ei­nes Nachts im pro­fes­so­ra­len Gehä­us, vul­go Ar­beits­zim­mer, ma­te­ria­li­siert sich ein Lö­we, oder bes­ser, er er­scheint. Das Ma­te­ri­el­le bleibt frag­lich, bis zum Schluss. Denn au­ßer ihm nimmt kein an­de­rer das Tier war, kein an­de­rer nor­ma­ler Mensch, ei­ne Non­ne aus­ge­nom­men, was dem li­te­ra­ri­schen Blu­men­berg und dem Le­ser zu Den­ken ge­ben soll­te. Oder bes­ser zu Glauben?

Die Ge­schich­te die­ser Er­schei­nung ist ge­konnt und ver­gnüg­lich er­zählt. Im ers­ten Teil des Ro­mans ha­be ich sie auch ger­ne ge­le­sen. Da­zu trug die Rät­se­lei um die Viel­zahl der li­te­ra­ri­schen und kunst­his­to­ri­schen Zi­ta­te bei, die Fa­bu­lier­kunst und der sub­ti­le Witz der Au­torin. Be­son­ders die Schil­de­rung des Stu­den­ten­mi­lieus der Acht­zi­ger und die vier stu­den­ti­schen Ex­em­pel la­den ein zur Nost­al­gie. Ja, so war’s. Streb­sam, ver­klemm­te Stu­den­ten­jün­ger, fe­mi­nis­ti­sches WG-Tee­trin­ken, Knei­pen­bar­den und Glücks­su­cher. Auf den grü­nen Zweig schafft es nur ei­ner, doch auch der beißt wie die an­de­ren drei viel zu früh ins Gras.

Le­witschar­offs Blu­men­berg hin­ge­gen, des­sen rea­les Vor­bild üb­ri­gens et­li­che Mi­nia­tu­ren zum Lö­wen an und für sich ver­fasst hat, phi­lo­so­phiert aus­führ­lich über sei­nen Lö­wen. Fünf ent­spre­chend durch­num­me­rier­te Leo­ka­pi­tel er­schei­nen im Ro­man. Blu­men­berg, der in Rea­li­tät doch eher der ei­ge­nen Phi­lo­so­phie als dem christ­li­chen Glau­ben zu­ge­neigt war, in­ter­pre­tiert die Er­schei­nung als Aus­zeich­nung von OBen.

Das fin­de ich trotz al­ler dich­te­ri­schen Frei­heit frag­lich. Mir per­sön­lich wür­de es we­nig ge­fal­len, wenn ein Ro­man mich er­we­cken wür­de oder gar da­zu ver­don­nern als from­me Non­ne Klos­ter­he­cken zu stut­zen. Aus die­sem Grund fiel mei­ne an­fäng­li­che Be­geis­te­rung zum Er­de hin et­was ab. Klar, es gibt noch je­de Men­ge Zi­ta­ten­schät­ze zu ent­de­cken. Von Pla­ton bis Heid­eg­ger, al­te und mo­der­ne Dich­ter, auch zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler­kol­le­gen wie Mo­se­bach und Gen­a­zi­no blit­zen um die Ecke. Dies al­les häuft sich zu ei­ner sehr ge­lehr­sa­men Sa­che um am En­de den Weg al­ler Gläu­bi­gen zu ge­hen. In ei­ner Höh­le, ge­stal­tet von Pla­ton, Dan­te und Be­ckett, la­gern die Ver­stor­be­nen des Ro­mans, un­ter ih­nen der Phi­lo­soph mit sei­nem Be­glei­ter. In die­sem War­te­zim­mer nach OBen voll­zieht sich schließ­lich ei­ne mys­ti­sche Trans­for­ma­ti­on, die al­len eso­te­risch Auf­ge­schlos­se­nen viel Freu­de ma­chen mag.

Ob auch „Blu­men­berg, Sohn ei­ner Jü­din,…, ka­tho­lisch ge­tauf­ter Agnos­ti­ker, der in der Zeit der Not, als kei­ne Uni­ver­si­tät ihn auf­nahm, ei­ni­ge Se­mes­ter am Frank­fur­ter Je­sui­ten­kol­leg,…, hat­te stu­die­ren dür­fen und nie aus der Kir­che aus­ge­tre­ten war“ (S. 87) sei da­hin gestellt.

Vor­sorg­lich ent­schul­digt sich die Au­torin in ih­rem Nach­wort beim Ver­stor­be­nen. Das bringt mir das Buch wie­der nä­her. Auch nimmt sie sich nie voll­kom­men ernst. Und den Lö­wen, Blu­men­bergs Trost- und Heils­brin­ger schon gar nicht. Der war viel­leicht doch nur ein über­gro­ßes Ku­schel­tier, in Trost­an­ge­le­gen­hei­ten so­mit bes­tens versiert.

Si­byl­le Le­witschar­off er­hält für ih­ren Ro­man den dies­jäh­ri­gen Wil­helm-Raa­be-Li­te­ra­tur­preis.

Zu­dem war sie auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses vertreten.