Die Schatzinsel des Vegetariers

Christian Kracht erzählt vom Imperium der Kokosnuss


„Und hat­te er schon vor lan­gem ent­schie­den sich nicht mehr durch Al­ko­hol be­see­len zu las­sen, so war doch der Er­re­gungs­zu­stand, in den er durch die Ko­kos­milch ver­setzt wur­de, der­ar­tig, daß er selbst im Schlaf wahr­zu­neh­men schien, sein Blut wer­de sukzze­siv durch Ko­kos­milch er­setzt, ja es war ihm, als strö­me durch sei­ne Adern kein ro­ter, tie­ri­scher Le­bens­saft mehr, son­dern der we­sent­lich hoch­ent­wi­ckel­te­re pflanz­li­che Most sei­ner Ide­al­frucht, der ihn der­einst be­fä­hi­gen wer­de, sei­ne Evo­lu­ti­ons­stu­fe zu transzendieren.”

Ist dies nun ein His­to­ri­scher Ro­man, ei­ne Aben­teu­er­ge­schich­te, ei­ne Re­fe­renz an die gro­ßen Li­te­ra­ten des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts oder ei­ne Per­si­fla­ge auf die ak­tu­el­le li­te­ra­ri­sche Ver­wurs­tung des Ve­ge­ta­ris­mus? Es ist von al­lem et­was, aber in de­li­ka­tes­ter Aus­füh­rung. So un­ter­halt­sam zu le­sen, daß man die­ses Buch nicht mehr aus der Hand le­gen möch­te. Mir er­ging es auf je­den Fall so.

Die Ge­schich­te des Au­gust En­gel­hardt, der im frü­hen 20. Jahr­hun­dert nach Aus­stei­ger­er­fah­run­gen auf dem Fest­land, nun in den neu er­wor­be­nen Über­see­ge­bie­ten des Deut­schen Rei­ches sei­ne ei­ge­ne Ko­kos­ko­lo­nie grün­den woll­te, ist his­to­risch be­kannt. Die Fak­ten um die­sen ve­ge­ta­ri­schen Son­nen­or­den sind der­art skur­ril, daß sie sich als Ro­man­vor­la­ge ge­ra­de­zu an­bie­ten. Als im letz­ten Jahr „Das Pa­ra­dies des Au­gust En­gel­hardtvon Marc Buhl er­schien, ha­be ich mich mit gro­ßer Vor­freu­de auf die­ses Buch ge­stürzt und  hat­te ei­ne sehr ver­gnüg­li­che Lek­tü­re. Um­so be­geis­ter­ter war ich in der Früh­jahrs­vor­schau von Kie­pen­heu­er &Witsch den neu­en Ro­man Chris­ti­an Krachts zu entdecken.

Dass Kracht den glei­chen his­to­ri­schen Stoff mit al­ler dich­te­ri­schen Frei­heit fik­tio­na­li­siert, und dies we­sent­lich stär­ker als Buhl, steht ihm zu. Er weist den Le­ser, da­mit ihm die­ses auch voll­ends be­wusst wer­de, gleich zu Be­ginn dar­auf hin. Durch die Stim­me sei­nes all­wis­sen­den und äu­ßerst kom­men­tar­freu­di­gen Er­zäh­lers er­fah­ren wir, daß der Prot­ago­nist nicht ge­nau so denkt wie der Au­tor oder der Er­zäh­ler, son­dern „so oder so ähn­lich“. Wir sind eben in ei­nem Ro­man und nicht in ei­ner his­to­ri­schen Ab­hand­lun­gen und das ist ein gro­ßes Glück. Er­in­nert schon die Um­schlag­ge­stal­tung an ei­nen Aben­teu­er­ro­man ver­gan­ge­ner Jahr­zehn­te, so fällt der Er­zähl­ton noch um wei­te­re De­ka­den zu­rück. Dies je­doch in sehr an­ge­neh­mer Wei­se, wis­send und da­mit zwangs­läu­fig äu­ßerst iro­nisch, denn der Er­zäh­ler hat ja be­reits aus der Ge­schich­te ge­lernt, was die Ge­stal­ten des Ro­man erst noch mü­he­voll selbst er­le­ben müssen.

Kracht führt uns durch die Grals­su­che die­ses ver­schro­be­nen Ve­ge­ta­ri­ers, den er als Ex­em­pel für die sich an­bah­nen­de deut­sche Ka­ta­stro­phe vor­stellt. Dies al­ler­dings mit mehr als ei­nem Au­gen­zwin­kern. Die Ko­kos­nuss als theo­so­phi­scher Gral, dar­auf hät­te schon längst ei­ner kom­men kön­nen. War der Se­gen des Ve­ge­ta­ris­mus nicht schon von ganz an­de­ren Geis­tes­män­nern er­kannt wor­den? Von Plut­arch, Rous­se­au, Bur­nett, Scho­pen­hau­er, Emer­son und Ein­stein. Dumm nur, daß auch der Gröfaz fleisch­los ter­ro­ri­sier­te. Dies er­scheint als größ­tes, aber nicht als ein­zi­ges Me­ne­te­kel. Die deut­schen Pflan­zer in den Schutz­ge­bie­ten, vul­gär, fett und be­schmiert wie die Erd­fer­kel, ver­kör­pern im bes­ten Kli­schee das Bild des häss­li­chen Deutschen.

Wie hei­lig hebt sich da doch der un­schul­di­ge Au­gust En­gel­hardt ab, den der An­blick to­ten Flei­sches er­schau­ern lässt, der sich vom Ve­ge­ta­ri­er zum Fruk­tiv­o­ren ge­wan­delt, nun die höchs­te Stu­fe des Heils den Ko­ko­vo­ris­mus er­langt. Kein Wun­der, daß so­gar die ein­fluss­reichs­te Frau des da­ma­li­gen Süd­see­ar­chi­pels, Queen Em­ma, von die­sem „zar­ten Je­su­lein“ be­ein­druckt ist. Er­scheint er ihr doch als fleisch­ge­wor­de­ne Kunst des Fra An­ge­li­co. Die­se be­wun­der­te sie einst in Flo­renz, wo sie fast En­gel­hardt be­geg­net wä­re, der dort in den Bo­bo­li-Gär­ten fast mit Her­mann Hes­se ge­spro­chen hät­te. Dies al­les ist na­tür­lich dich­te­ri­sche Frei­heit, aber ei­ne sehr amü­san­te. Wei­te­re fik­ti­ve Be­geg­nun­gen schlie­ßen sich an, wor­un­ter die mit Tho­mas Mann in den Dü­nen der Ku­ri­schen Neh­rung nicht die Un­in­ter­es­san­tes­te ist. Doch nicht nur Hes­se, Mann, Kaf­ka, Ein­stein, Freud und vie­len an­de­ren Grö­ßen des 20. Jahr­hun­derts wird Re­fe­renz er­wie­sen. Die größ­te Ver­beu­gung er­bie­tet der Au­tor Charles Di­ckens. Die Wer­ke die­ses gro­ßen Er­zäh­lers die­nen En­gel­hardt als Rei­se­lek­tü­re und sie hel­fen bei der Bil­dung sei­nes Frei­tags. Auch der Er­zähl­stil Chris­ti­an Krachts ist als Hom­mage an den Dich­ter-Ju­bi­lar zu wer­ten. Leicht an­ti­quiert im Ton er­gänzt er das Ge­sche­hen durch Er­läu­te­run­gen der Zeit- und Orts­um­stän­de, er­klärt Ne­ben­schick­sa­le und Sze­nen, er­gänzt durch Rück-und Aus­bli­cke. Manch­mal fällt auch ei­ne Ne­ben­säch­lich­keit, die sich trans­po­niert als ak­tu­el­le Zeit­geist­kri­tik ent­puppt. Sei­en es nun die si­bi­ri­schen Händ­ler auf dem Ber­li­ner Alex­an­der­platz oder die Brat­wurst aus Abfällen.

Chris­ti­an Kracht schil­dert in „Im­pe­ri­um“ den Ver­such ei­nes Ein­zel­nen sich ein Ide­al­reich zu er­rich­ten und stellt ei­nen Zu­sam­men­hang mit ei­ner ähn­lich halt­lo­sen, aber un­gleich er­folg­rei­che­ren Phan­tas­ma­go­rie her. Dies ge­lingt ihm auf der­art in­tel­li­gen­te und gleich­zei­tig un­ter­halt­sa­me Wei­se, daß ich das Buch un­ein­ge­schränkt als Lek­tü­re emp­feh­len möchte.

Der Ko­ko­vore En­gel­hardt war viel­fach Ge­gen­stand his­to­ri­scher For­schung und jour­na­lis­ti­scher Be­richt­erstat­tung. Ent­spre­chen­de Hin­wei­se und Links fin­den sich im An­hang mei­ner Re­zen­si­on zu Marc Buhls Roman.

Und zum Schluß fragt man sich nicht, ob ein Spie­gel­re­zen­sent zu vie­le Ko­kos­nüs­se ge­ges­sen hat, man fragt sich nur, wann mit ei­ner Ver­fil­mung zu rech­nen sein wird? Und wen wir in den Haupt­rol­len se­hen wer­den? Für Queen Em­ma stän­de viel­leicht Frau Neu­bau­er zur Ver­fü­gung, wenn der Ver­trag mit Weight Wat­chers ab­ge­gol­ten ist. Aber wer ver­kör­pert Au­gust En­gel­hardt, Mat­thieu Car­ri­e­re oder Rai­ner Langhans?

Zur De­bat­te, die die­se Re­zen­si­on aus­ge­löst hat, sei auf den kri­tisch ab­wä­gen­den Bei­trag von Jan Sü­sel­beck auf Li­te­ra­tur­kri­tik verwiesen.

 

Das Glück beim Betrachten der Biber

Kerstin Ekman erkundet das Hundeherz


„Lag er lan­ge Zeit still, sah er manch­mal ei­nen im Son­nen­licht glän­zen­den Bi­ber­schä­del auf ge­ra­dem Kurs durchs Was­ser. Er folg­te ihm im­mer mit dem Blick, blieb aber gleich­mü­tig lie­gen (…) Die Bi­ber und er hat­ten nichts mit­ein­an­der zu schaf­fen. Doch sie wa­ren da, wa­ren in der­sel­ben Abend­son­ne, am sel­ben schwar­zen Was­ser, das im Son­nen­licht glüh­te. Er hat­te ih­re Ge­räu­sche gern, ih­re Gesellschaft.“

Bei die­sem Buch ge­schah es zum ers­ten Mal, ich las den Schluss zu­erst. Ich muss­te si­cher sein, daß die Ge­schich­te gut aus­geht für den Wel­pen, der sich im Wald ver­irr­te. Erst dann konn­te ich ge­mein­sam mit ihm die kal­te Um­ge­bung er­kun­den, mich un­ter ei­ner Wur­zel schla­fen le­gen, eis­kal­te Frost­näch­te und boh­ren­den Hun­ger überstehen.

Sich sprei­zen­de Äs­te, Pfo­ten und Kral­len. Sich du­cken­de Baum­stümp­fe mit Rü­cken­zot­teln und Oh­ren. Schla­fen­de Stein­rü­cken. Schla­fen, an feuch­ten Flech­ten ge­schmiegt, zu Stein ge­fro­ren und schwin­de­lig. Irr­lich­tern­de Punk­te vor Au­gen. Hun­ger­schmerz und be­täu­ben­de Angst. Weg­schla­fen. In die Son­ne schla­fen. An Son­nen­zit­zen sau­gen. Weg­wär­men. Sau­gen. Wär­me saugen.“

Ich er­kun­de­te die Na­tur durch die Sin­ne ei­nes Hun­des. Er riecht, stö­bert auf, rät­selt und lernt. Kers­tin Ek­man fin­det für al­le die­se Emp­fin­dun­gen und Re­ak­tio­nen ei­ne poe­ti­sche Spra­che, die ganz na­he ist an den Ge­räu­schen, Düf­ten und Far­ben der Na­tur. Fast sind es Hun­de­wor­te, Hun­de­ge­dan­ken, ein Hun­de­be­wusst­sein, das uns die Re­ak­tio­nen die­ses Tie­res nä­her bringen.

Sei­ne Pfo­ten fin­gen zu lau­fen an. Auf der glat­ten Flä­che drau­ßen wur­de sein Kör­per leicht. Er ver­fiel in ei­nen schnel­len, rhyth­mi­schen Trab und nach ei­ner Wei­le ins Ren­nen. Er rann­te aus rei­nem Spaß an der Freu­de. In sei­nem Kör­per san­gen der Mond­schein, die Käl­te und die Ge­schwin­dig­keit. Es gab kei­ne Gren­ze, kei­nen Wald, kein Ufer.“

Doch wir wis­sen, es ist ei­ne Er­zäh­le­rin, die sich in das Ge­schöpf hin­ein­ver­setzt. Als Haus­tier ge­bo­ren ist es durch Un­acht­sam­keit in die Wald­ein­sam­keit ge­ra­ten und nun auf sich al­lei­ne ge­stellt. Der Wel­pe ent­deckt schnell, wo er trin­ken kann und was den Hun­ger stillt. Ein Elch­ka­da­ver si­chert ihm das Über­le­ben. Im Ver­lauf ei­nes Jah­res lernt er das Wich­tigs­te, wann er sich weg zu du­cken hat und wann er sich be­haup­ten muss. Be­vor der Win­ter wie­der ein­bricht kommt es je­doch zu ei­ner Be­geg­nung, die aus dem ver­wil­der­ten Grau­en wie­der ei­nen Men­schen­hund macht.

Der Mann gab ein Ge­räusch von sich, er at­me­te aus. Der Graue be­weg­te er­neut den Schwanz. Er hielt den Kopf schräg und hat­te die Oh­ren ge­senkt. Sie la­gen jetzt ein­ge­schla­gen zu bei­den Sei­ten der fla­chen Stirn. Er wa­ckel­te mit dem Kör­per und be­weg­te sich im Halb­kreis auf den Mann zu, so­dass er sich ihm nä­her­te und zu­gleich auf Ab­stand blieb. Ob­wohl un­ge­übt, wirk­te er un­ver­hoh­len freund­lich. Das ge­sträub­te Rü­cken­haar hat­te sich ge­legt, sei­ne Wür­de und Fas­sung hat­te er aber nicht ver­lo­ren. Der halb ent­roll­te Schwanz­krin­gel be­weg­te sich.“

Trotz die­ses gu­ten En­des fin­det sich in kei­ner Zei­le Kitsch. Kers­tin Ek­man fühlt sich in ih­ren Hel­den sehr ge­nau ein und über­setzt dies in ih­re Wald­poe­sie. In­dem man liest taucht man tief ein in das grü­ne Ge­knurpschel, Ge­zie­pe und Ge­flat­ter. Lang­sam liest man die Sät­ze, vor­sich­tig um kein Ge­räusch zu ma­chen und zu stö­ren. Gleich­zei­tig wird man von ei­nem un­ge­heu­ren Sog er­fasst, atem­los, hechelnd.

Ein Buch, das ei­nem Lust auf den Wald macht, auf ei­nen Hund und auf die poe­ti­sche Spra­che die­ser schwe­di­schen Au­torin, die Hed­wig M. Bin­der kunst­voll ins Deut­sche über­tra­gen hat.

Pickel, Priester, Partydrogen

Skippy stirbt, eine Internats- und Gesellschaftskritik von Paul Murray


Zu die­sem Buch, wel­ches der Kunst­mann-Ver­lag in ei­ner bi­blio­gra­phisch auf­wen­dig ge­stal­te­ten Aus­ga­be edi­tiert hat, ha­be ich mich von ei­nem be­geis­ter­ten Bü­cher­vo­gel über­re­den las­sen, denn Er­leb­nis­se pu­ber­tä­rer In­ter­nats­in­sas­sen sind nicht un­be­dingt mein Me­tier. Das fiel mir schon bei Tschick auf, der sich ge­ra­de­zu lo­cker run­ter le­sen lässt, was man von dem 780 Sei­ten star­ken Schwer­ge­wicht Paul Mur­rays, der die Träu­me und Alb­träu­me sei­ner Prot­ago­nis­ten auf dras­ti­sche Wei­se schil­dert, schwer­lich sa­gen kann. Der Ro­man wird zwar man­cher­or­ten als äu­ßerst kurz­wei­lig ge­lobt, für mei­nen Ge­schmack weist er je­doch deut­li­che Län­gen auf.

Die Ge­schich­te spielt in ei­nem ka­tho­li­schen In­ter­nat Dub­lins zu Zei­ten der Fi­nanz­kri­se. Die Schü­ler­schaft spie­gelt das üb­li­che Bild männ­li­cher Ju­gend­li­cher wäh­rend das Leh­rer­kol­le­gi­um äl­te­re Pries­tern und halb­her­zi­ges Per­so­nal auf­weist. Ei­ner sei­ner jün­ge­ren, welt­li­chen Mit­glie­der ist der ehe­ma­li­ge Ban­ker Ho­ward. Aus sei­nem al­ten Job ge­feu­ert, un­ter­rich­tet er nun an sei­ner eins­ti­gen Schu­le Ge­schich­te. Es ge­lingt ihm kaum sich und sei­ne The­men durch­zu­set­zen, wor­an nicht nur der ver­meint­lich drö­ge Stoff und sei­ne un­in­spi­rier­te Ver­mitt­lung, son­dern auch sein Ruf als „Ho­ward the Co­ward“, Ho­ward Ha­sen­herz, zählt. Wie er zu die­sem Spott­na­men kam, er­schließt sich im Lauf des Ro­mans. Erst als Ho­ward von ei­ner schö­nen Fee, ei­ner eben­falls aus dem Ban­ken­milieu in die Schu­le ge­ra­te­nen at­trak­ti­ven Aus­hilfs­kraft, ei­nen ent­schei­den­den Lek­tü­re­tipp er­hält, er­fah­ren so­wohl er wie die Schü­ler ei­nen Motivationsschub.

Von den Schü­ler, die al­le von Pu­ber­täts­nö­ten ge­plagt wer­den, lei­det der trau­ri­ge Skip­py be­son­ders. Trau­ma­ti­siert durch die schwe­re Krank­heit sei­ner Mut­ter herr­schen zwi­schen ihm und sei­nem Va­ter Sprach­lo­sig­keit. Nö­te, die die Leh­rer nicht er­ken­nen kön­nen, weil sie zu sehr mit ih­ren ei­ge­nen Pro­ble­men be­schäf­tigt sind. So sind auch all die an­de­ren Jungs auf sich al­lei­ne ge­stellt, das di­cke Ge­nie, der Mi­ni­ma­cho ita­lie­ni­scher Ab­stam­mung, die rital­in­ver­seuch­ten Un­ter­stu­fen­schü­ler, die so­zi­al be­nach­tei­lig­ten Pau­sen­hof­dea­ler. Ih­re weib­li­chen Al­ters­ge­nos­sen in der vis-à-vis ge­le­ge­nen Non­nen­schu­le ha­ben es nicht leich­ter. Sie ha­dern mit ih­rem Äu­ße­ren bis zur Ma­ger­sucht, sind se­xu­el­lem Druck aus­ge­setzt, in­tri­gie­ren ge­gen­ein­an­der. Auch sie fin­den bei den Er­wach­se­nen kei­nen Halt.

Paul Mur­ray, des­sen Ro­man mit dem Tod sei­nes Hel­den ein­setzt, er­zählt nicht nur des­sen Mar­ty­ri­en, zu de­nen auch ei­ne Love­sto­ry ge­hört, son­dern  er schil­dert vor al­lem ein Dra­ma von Grup­pen­zwang, Schuld und Heu­che­lei. Aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven er­fährt der Le­ser von Ver­nach­läs­si­gung und Er­pres­sung, von de­bi­len Di­rek­to­ren, de­nen der Ruf der Schu­le über al­les geht, von Müt­tern, die ih­re Töch­ter an­statt mit Zu­wen­dung mit ei­nem Fri­seur­be­such trös­ten, von dum­men Sport­leh­rern und ver­meint­lich fei­gen, aber ei­gent­lich ganz schön mu­tig schlau­en Ge­schichts­leh­rern, von pä­do­phi­len Pries­tern, kurz von per­sön­li­cher und ge­sell­schaft­li­cher Krise.

Das geht, wie die Auf­zäh­lung zeigt, nicht oh­ne die üb­li­chen Kli­schees zu be­mü­hen. Viel­leicht liegt es dar­an, viel­leicht auch an der Län­ge des Bu­ches, ganz be­stimmt aber liegt es an mir, daß er mir nicht ganz so gut ge­fal­len hat. Der Ro­man war mir zu lang und mir fehl­te die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Al­lei­ne Ho­ward fühl­te ich mich manch­mal na­he, be­son­ders bei sei­ner Lek­tü­re von Ro­bert Ran­ke-Gra­ves, Good­bye to All That , über des­sen Er­leb­nis­se im 1. Welt­krieg. Mit Die Wei­ße Göt­tin zi­tiert Mur­ray noch ein wei­te­res emp­feh­lens­wer­tes Buch die­ses Schriftstellers.

Für Ju­gend­li­che und al­len an­de­ren, die noch mit der Schu­le le­ben, kann die­ser Ro­man ei­ne loh­nen­de Lek­tü­re sein. Den­je­ni­gen, die da­von nichts mehr wis­sen wol­len, sei­en die Bü­cher von Ro­bert Ran­ke-Gra­ves ans Herz gelegt.

Die Alters-Sex-Lüge

In „Der letzte Geschlechtsverkehr” beklagt Helke Sander die ungerechte Rollenverteilung


„Für Leu­te in ih­rem Al­ter gab es den Aus­druck „Jen­seits von Gut und Bö­se“. Frü­her, vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit, sag­te man das schon von Vierzigjährigen.“

Die Fil­me­ma­che­rin und Au­torin Hel­ke San­der,„ge­bil­de­te Mit­tel­eu­ro­päe­rin der Mit­tel­klas­se“ und „Teil­neh­me­rin am se­xu­el­len Auf­bruch“, hat ein Buch über den letz­ten Ge­schlechts­ver­kehr und an­de­re Aus­sich­ten aufs Al­tern ver­fasst. Ih­re je­wei­li­gen Ge­schich­ten sind eben­so ab­wechs­lungs­reich wie ih­re Prot­ago­nis­tin­nen. Die­se sind auf der Su­che nach Sex, lau­schen Tan­tra­tö­nen, sin­nie­ren über exis­ten­ti­el­le Ein­sam­keit und all­mäh­li­che Triebverflüchtigungen.

Die Hel­din der ers­ten Ge­schich­te ar­bei­tet als Bi­blio­the­ka­rin. Sie möch­te ger­ne ei­nen Mann ken­nen­ler­nen, was ihr im be­haup­tet män­ner­fer­nen Buch­mi­lieu kaum ge­lin­gen will. Da nüt­zen auch kei­ne Le­sun­gen über Schwarz­wald­sur­vi­val oder ähn­li­che ver­meint­lich män­ner­af­fi­ne The­men. Sie greift in ih­rer Not schließ­lich zum al­ler­letz­ten Mit­tel und ant­wor­tet gänz­lich un­ro­man­tisch auf ei­ne An­non­ce. Was dann ge­schieht, er­zählt San­der kurz­wei­lig und nicht oh­ne Selbst­iro­nie und zum Glück nicht ganz aus. Aber?

Wie es der Le­se­teu­fel will wur­de mir ei­ni­ge Ta­ge zu­vor der Ro­man „Al­te Lie­be“ von Hei­den­reich und Schroe­der zu­ge­steckt. Auch hier lei­tet die Prot­ago­nis­tin ei­ne Bü­che­rei und or­ga­ni­siert Le­sun­gen. Ei­nen Mann hat sie zwar zu Hau­se sit­zen, mit dem ist es aber nicht mehr sehr auf­re­gend. Als die bei­den ih­re al­te Lie­be neu ent­deck­ten,  war’s bam­bus­blü­ten­gleich dann auch bald voll­kom­men aus und vor­bei. Er­staunt hat mich die Häu­fung von Kli­schees in die­sen bei­den the­men­na­hen, aber in Stil und An­spruch doch sehr un­ter­schied­li­chen Werken.

San­der dringt tie­fer in das Su­jet ein. Ihr Haupt­an­lie­gen ist die Si­tua­ti­on der äl­te­ren, meist al­lein­ste­hen­den Frau, die ver­sucht ih­re nicht nur kör­per­li­che Ein­sam­keit zu be­wäl­ti­gen. Oft er­in­nern die neun Ge­schich­ten des 144 Sei­ten zäh­len­den Ban­des an die Fall­bei­spie­le der Rat­ge­ber­li­te­ra­tur. Ver­stärkt wird dies durch die meist nur mit In­itia­len be­zeich­ne­ten Fi­gu­ren. Die ti­tel­ge­ben­de Er­zäh­lung über­zeugt mit ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Sicht auf die von den Me­di­en pro­pa­gier­te An­ti-Aging-Se­xua­li­tät und die Selbst­be­stim­mung des Ein­zel­nen. Doch nicht in al­len Ge­schich­ten ste­hen die­se Aspek­te im Vordergrund.

Wir le­sen auch von ei­ner cou­ra­gier­ten Al­ten, ‑so­fort er­scheint In­ge Mey­sel in der Rolle‑, die selbst­be­wusst und vol­ler Chuz­pe den Rol­la­tor-Ram­bo gibt. In ei­ner der letz­ten Ge­schich­ten ver­brin­gen zwei al­tern­de Hoch­schul­do­zen­ten ih­re Ers­te Klas­se Bahn­fahrt bei Wein und Schum­mer­licht und be­kla­gen die man­geln­de Or­tho­gra­fie­fes­tig­keit und se­xu­el­le Ab­ge­klärt­heit ih­rer Stu­den­ten. Frü­her war al­les besser.

Viel­leicht sind die­sem kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Cre­do auch die üb­ri­gen Be­zie­hungs­ge­schich­ten ge­schul­det. Wie zu Zei­ten der Frau­en­li­te­ra­tur er­zäh­len sie von ge­schei­ter­ten Ehen und bin­dungs­un­fä­hi­gen Män­nern. Über­haupt die Män­ner, hier bleibt kein Kli­schee un­ge­nannt. Be­son­ders stört mich, die im­mer wie­der auf­tau­chen­de Un­ter­stel­lung al­le Män­ner über 50 wür­den sich von ih­ren gleich­alt­ri­gen Part­ne­rin­nen tren­nen und sich den schon be­gie­rig auf sie war­ten­den jun­gen Fri­schen zu­wen­den. Das hat we­der et­was mit Frau­en­be­we­gung und schon gar nichts mit Frau­en­so­li­da­ri­tät zu tun.

Nichts­des­to­trotz ha­be ich San­ders Buch nicht oh­ne Ver­gnü­gen ge­le­sen und dach­te an die gu­te al­te Zeit, als al­le Män­ner noch per na­turam un­zu­läng­lich waren.

Proust — Faubourg Saint-Germain

Hôtel de Guermantes


Der drit­te Band trägt den Ti­tel „Guer­man­tes“, den Na­men des Adels­ge­schlechts, des­sen Her­zo­gin der Er­zäh­ler einst als über­na­tür­li­che Er­schei­nung in der Kir­che wahr­ge­nom­men hat­te. Wir er­in­nern uns nur zu gut an die Wie­der­erwe­ckung die­ser Emp­fin­dung im ers­ten Band der Re­cher­che. An­lass für die­sen Rück­blick bie­tet der Um­zug der Fa­mi­lie in ei­ne Woh­nung im Sei­ten­flü­gel des Hô­tel de Guer­man­tes. Die­ses im Fau­bourg Saint-Ger­main ge­le­ge­ne Stadt­pa­lais weckt in Mar­cel viel­fäl­ti­ge Er­in­ne­run­gen. Sie krei­sen um den Na­men Guer­man­tes, der die kaum be­kann­te Per­son in ein un­er­reich­ba­res Idol ver­wan­del­te. Jetzt rückt sie in räum­li­che Nä­he und gibt sich da­durch der Ge­fahr preis, ih­ren Zau­ber im All­täg­li­chen zu ver­lie­ren. Der Er­zäh­ler be­fürch­tet die oft er­fah­re­ne Dis­kre­panz zwi­schen Vor­stel­lung und Rea­li­tät auch hier. Doch zu­nächst bleibt Ma­dame de Guer­man­tes ei­ne Er­in­ne­rung, die den jun­gen Mar­cel mit syn­äs­the­ti­scher Kraft nach Com­bray ver­setzt. Nicht nur die leuch­ten­den Farb­spie­le von Mauve bis Ge­ra­ni­en­ro­sa, die im Licht der Kir­chen­fens­ter Feu­er fan­gen, auch die Luft Com­brays in ih­rer Früh­lings­fri­sche und der un­ver­gess­li­che Weiß­dorn­duft meint der Er­zäh­ler wahr­zu­neh­men. Selbst die Tau­ben auf dem Dach schei­nen als Bo­ten des Kind­heits­glücks di­rekt von dort nach Pa­ris ge­flo­gen zu sein. Das fer­ne Schloß der Guer­man­tes bei Com­bray mit all sei­nen Wand­tep­pi­chen und wert­vol­lem In­te­ri­eur ma­te­ria­li­siert sich in die­sem Stadt­pa­lais, in dem Hand­wer­ker und Putz­ma­cher, klei­ne Ge­schäf­te und Bür­ger an­ge­sie­delt sind. Durch den Um­zug wird Mar­cel zwar nicht Teil der Welt der Guer­man­tes, aber er rückt in die Nä­he ih­res Mys­te­ri­ums. Die Neu­gier der Kö­chin Fran­çoi­se, die in leut­se­li­gem Klatsch Kon­tak­te knüpft, hilft ihm da­bei. Zu die­sem Zweck ver­setzt sich der Er­zäh­ler in die Welt Fran­çoi­ses, er be­schreibt das Le­ben der Dienst­bo­ten, dar­un­ter mit köst­li­cher Iro­nie das sa­kro­sank­te Ri­tu­al der Mit­tags­mahl­zeit, „je­ne Art von fei­er­li­chem Pas­sah­mal (…), das nie­mand un­ter­bre­chen darf, ei­ne hei­li­ge, „ihr Mit­tag­essen“ ge­nann­te Hand­lung, S. 18“.

Gleich­zei­tig be­tont er die sym­bio­ti­sche Be­zie­hung der Haus­an­ge­stell­ten zur Fa­mi­lie des Er­zäh­lers, de­ren ge­sell­schaft­li­chen Sta­tus sie auch für sich an­nimmt und den sie in der neu­en Nach­bar­schaft ge­wahrt wis­sen möch­te. Ei­nen Ver­bün­de­ten fin­det sie in Ju­pi­en, dem Wes­ten­ma­cher, des­sen me­lan­cho­lisch bli­cken­de Au­gen sei­ne Ge­sichts­zü­ge do­mi­nie­ren. Man meint in die­ser klei­nen Cha­rak­ter­skiz­ze ein Selbst­por­trät Prousts zu er­ken­nen, „…sei­ne Au­gen, de­ren mit­lei­di­ger, ver­zwei­fel­ter und ver­sun­ke­ner Blick gleich­sam über­quoll, un­ter gänz­li­cher Auf­he­bung des Ein­drucks, den oh­ne ihn sei­ne di­cken Wan­gen und sei­ne blü­hen­de Ge­sichts­far­be ge­macht hät­ten, den Ge­dan­ken auf­kom­men, er sei sehr krank oder so­eben von ei­nem schwe­ren Trau­er­fall heim­ge­sucht wor­den. Nicht nur konn­te da­von kei­ne Re­de sein, viel­mehr wirk­te er, so­bald er sprach, in ma­kel­lo­ser Wei­se üb­ri­gens, eher spöt­tisch und kalt.…Als Ent­spre­chung viel­leicht zu je­ner Über­flu­tung sei­nes Ge­sichts durch die Au­gen (…) stell­te ich tat­säch­lich sehr bald bei ihm ei­ne un­ge­wöhn­li­che In­tel­li­genz fest, zu­dem ei­ne der na­tür­lichs­ten li­te­ra­risch ge­präg­ten, S. 23f.“

Die an­fäng­li­chen Be­fürch­tun­gen, durch die Nä­he könn­te der Na­me Guer­man­tes an Glanz ver­lie­ren er­füllt sich bei­nah als der Er­zäh­ler er­fährt, daß es sich bei dem Pa­lais nicht um ei­nen alt­ehr­wür­di­gen Fa­mi­li­en­sitz han­de­le, son­dern um ei­ne noch nicht all­zu lan­ge wäh­ren­de Miet­sa­che. Doch als er hört, die Her­zo­gin füh­re das ele­gan­tes­te Haus im Fau­bourg Saint-Ger­main, hält er an sei­nem Ziel fest, ei­nes Ta­ges zum Sa­lon de Guer­man­tes ge­la­den zu werden.

Die­ser ers­te Ab­schnitt des drit­ten Ban­des bie­tet ei­nen Ein­blick in das Mi­lieu ei­nes vor­neh­men Pa­ri­ser Wohn­vier­tels, ge­spie­gelt durch den Blick der Dienst­bo­ten, An­ge­stell­ten und Hand­wer­ker, der, wenn auch iro­ni­siert vie­les von dem Selbst­ver­ständ­nis der je­wei­li­gen Grup­pe ver­rät. Nicht zu­letzt zeigt er die noch im­mer be­stehen­de Fas­zi­na­ti­on, die der Adel auf das „ge­mei­ne“ Volk aus­üb­te, man möch­te hin­zu­fü­gen, nicht nur da­mals, nicht nur dort.

Of­fen­sicht­lich ist die Ver­eh­rung des Adels, mit ei­nem ge­wis­sen Geist der Auf­leh­nung ge­mischt und auf ihn ab­ge­stimmt, dem Volk aus dem fran­zö­si­schen Bo­den als Erb­teil mit­ge­ge­ben und wirkt kräf­tig wei­ter in ihm. Denn Fran­çoi­se, zu der man über Na­po­le­ons Ge­nia­li­tät oder über draht­lo­se Te­le­gra­phie spre­chen konn­te, oh­ne ih­re Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen und oh­ne da sie auch nur ei­nen Au­gen­blick ih­re Be­we­gun­gen ver­lang­samt hät­te, wäh­rend sie die Asche aus dem Ka­min hol­te oder den Tisch deck­te, brach, wenn ihr sol­che Be­son­der­hei­ten zu Oh­ren ka­men, wie daß der jüngs­te Sohn des Her­zogs von Guer­man­tes ge­wöhn­lich Fürst von Olé­ron hieß, in die Wor­te aus: „Das ist aber schön!“ und blieb ver­zückt ste­hen wie vor ei­nem far­bi­gen Kir­chen­fens­ter, S. 43.“

Lei­der läßt sich nicht sa­gen, wel­ches der vie­len Pa­ri­ser Stadt­pa­lais Proust vor Au­gen hat­te als er das Hô­tel de Guer­man­tes schuf. Es be­sitzt den Plan ei­nes „Hô­tel par­ti­cu­lier”, ei­nes mehr­stö­cki­gen Ge­bäu­des, des­sen Stra­ßen­front über ein Por­tal Zu­gang zum Eh­ren­hof und den Sei­ten­flü­geln ge­währt. Der Haupt­wohn­trakt, Corps de lo­gis, mit der im ers­ten Stock ge­le­ge­nen Eta­ge no­ble schließt den Hof ab, da­hin­ter liegt der Gar­ten. Die Fa­mi­lie Proust leb­te von 1871–1909 in ei­ner Woh­nung am Bou­le­vard Ma­le­sher­bes Nr. 9, auch dort be­fand sich die Schnei­de­rei ei­nes Wes­ten­ma­chers, so daß man ge­neigt ist auch das Pa­lais Guer­man­tes in die­ser Ge­gend an­zu­sie­deln. Rai­ner Mo­ritz, der den schö­nen klei­nen Band „Mit Proust durch Pa­ris“ ver­fasst hat, be­zwei­felt dies je­doch und ver­mu­tet ei­ne La­ge auf der an­de­ren Sei­te des Flu­ßes im Fau­bourg Saint-Honoré.

Surreale Odyssee

Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wiederentdeckung eines großen französischen Romans


„Und was ha­be ich in die­sem Win­kel hier wie­der­ge­fun­den? Ei­ne ver­fal­le­ne Kind­heit, ei­ne nie­der­ge­haue­ne Land­schaft und über all dem ei­ne wü­ten­de, ra­sen­de Nacht.“

An­läss­lich des hun­derts­ten Ge­burts­tags von Jean Ca­yrol (1911–2005) hat der Schöff­ling-Ver­lag des­sen Ro­man „Im Be­reich ei­ner Nacht“ neu auf­ge­legt, in der be­ein­dru­cken­den Über­set­zung durch Paul Celan.

Der drei­ßig­jäh­ri­ge Fran­çois ist aus Pa­ris auf­ge­bro­chen um sei­nen Va­ter zu be­su­chen. Die­ser wohnt in Sain­te-Vey­res, nach dem Krieg in Chau­vi­gny um­be­nannt. Man ahnt gleich zu Be­ginn, daß sich nicht ein freu­di­ges Wie­der­se­hen mit dem Ort und den Per­so­nen der Kind­heit an­bahnt. Fran­çois ver­lässt den Zug ei­ne Sta­ti­on vor dem Ziel, um nicht von sei­nen Va­ter von Bahn­hof ab­ge­holt zu wer­den und so ei­ne öf­fent­li­che Um­ar­mung  zu ver­mei­den. Doch die­sen Ent­schluss be­reut er bald. So sehr ihm vor der Be­geg­nung mit dem Va­ter graut, ängs­tigt ihn der Fuß­weg durch die graue, dun­keln­de Herbst­land­schaft. Er ver­lässt die Stra­ße wis­send sich in die­sem „Schier­lings- und Brom­beer­reich“ heil­los zu verlaufen.

Die Be­geg­nung mit ein paar Jungs, die nach ei­nen Schatz gra­ben, lö­sen Er­in­ne­run­gen an sei­ne ei­ge­ne, vom Glück weit ent­fern­te Kind­heit aus.

Ich sah ein, daß es un­mög­lich war, aus ei­ge­nen Kräf­ten glück­lich zu wer­den: das war der kunst­reich er­run­ge­ne Sieg mei­nes Va­ters, die har­te Lek­ti­on ei­ner knir­schen­den Mainacht.“

Wei­ter auf der Su­che nach dem rech­ten Weg durch ein vom Krieg zer­stör­tes Dorf und sei­nen Wald, ver­folgt von ei­nem her­ren­lo­sen Hund, er­in­nert er sich an sei­nen letz­ten Be­such beim Va­ter, dem „Über­wit­wer“, der sei­nen bei­den Kin­dern die Trau­er um ih­re Mut­ter ver­bo­ten hatte.

Ar­me Mut­ter, nie ha­be ich sie an­ders ge­kannt als an­ge­schmie­det an ih­ren Tod. Va­ter hat­te sie ein­ge­ker­kert, ein­ge­sargt in ei­nem un­zu­gäng­li­chen Kum­mer. Nie­mand durf­te ih­rer ge­den­ken. Nur auf sei­nen Wink hin durf­ten die Trä­nen flie­ßen und die Seuf­zer laut wer­den. Er ge­hör­te ihm und nur ihm al­lein, die­ser Tod.“

Als ein­zi­ger Licht­blick in die­ser Herbst­däm­me­rung voll schwar­zer Me­lan­cho­lie er­scheint Fran­çois sein Glück mit Ju­li­et­te. Er denkt an ih­re ers­te Be­geg­nung, an ih­re be­schei­de­ne Woh­nung in Pa­ris, in der sie glück­lich sein wol­len, vor al­lem, weil sie nicht „den an­de­ren mit ir­gend­wel­chen al­ten Bin­dun­gen be­hel­li­gen“. Die Ver­gan­gen­heit muss ver­drängt wer­den, um glück­lich le­ben zu kön­nen. „Darf man den an­de­ren Din­ge auf­bür­den, die man selbst nicht mehr er­trägt?“ Fran­çois trägt nicht als Ein­zi­ger ei­ne sol­che Last mit sich, auch Ju­li­et­te hat ei­ne Er­in­ne­rung zu ver­schwei­gen. De­ren Zeu­gen, die Brie­fe Fer­nands, könn­te sie je­doch mit Leich­tig­keit ver­bren­nen. Fran­çois hin­ge­gen ho­len sei­ne Alb­träu­me an je­dem Weg­wei­ser ein. Sei­ne eins­ti­gen Selbst­mord­ge­dan­ken, die auch den an­de­ren Mit­glie­dern die­ser un­glück­li­chen Fa­mi­lie nicht fern la­gen, und die to­des­na­he At­mo­sphä­re, de­ren vor­herr­schen­des Ele­ment die Angst war.

Als Kind war ihm kaum et­was an­de­res bei­gebracht wor­den als Angst; ei­ne Angst, der man mit kei­ner­lei Ar­gu­men­ten, mit kei­ner­lei Mut bei­kam.“ Früch­te ei­ner streng re­li­giö­sen Er­zie­hung. „Die­ses Fri­ka­ssee von Teu­fe­lei­en, das man uns täg­lich auftischte.“

Schließ­lich wird der mitt­ler­wei­le von Käl­te, Hun­ger und Er­in­ne­run­gen zer­mürb­te Fran­çois von ei­ner Au­to­fah­re­rin auf­ge­le­sen. In de­ren Haus er­hält er zwar ein we­nig Wär­me und ei­nen Co­gnac, ge­rät aber zu­gleich in ei­nen Streit zwi­schen Va­ter und Toch­ter, der ihn schnell sei­nen Weg fort­set­zen lässt. Doch welchen?

Es gibt im­mer zwei We­ge ne­ben­ein­an­der, ei­nen fal­schen und ei­nen rich­ti­gen. Und Sie – Sie schla­gen im­mer nur die We­ge ein, von de­nen kein Mensch et­was wis­sen will. Der rich­ti­ge Weg läuft an den Glei­sen ent­lang. Sie ren­nen da auf We­gen her­um, als ob Sie auf Am­seln aus wä­ren, wie die Kinder.“

Fran­çois’ Weg zu­rück führt wei­ter durch sei­ne Kind­heit, die er ge­mein­sam mit sei­ner Schwes­ter hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren ver­brin­gen muss­te, nur ein­mal durf­ten sie ei­nen un­be­schwer­ten Tag in Frei­heit er­le­ben. Da zeigt sich dem er­wach­se­nen Fran­çois plötz­lich ein Licht in der Dun­kel­heit, er wähnt sich in Si­cher­heit, ima­gi­niert ei­ne „an­hei­meln­de, re­ge, hei­te­re Wohn­stät­te“, for­mu­liert schon den Be­richt sei­ner nächt­li­chen, un­heim­li­che Irr­fahrt an Ju­li­et­te, als er beim Be­tre­ten des Hau­ses ge­fragt wird, ob er we­gen des To­ten kom­me. Vol­ler Schreck, von aber­ma­li­gen Er­in­ne­run­gen über­wäl­tig, ver­liert er das Be­wusst­sein. Die Be­woh­ner bet­ten ihn auf ein So­fa und bie­ten ihm an über Nacht zu blei­ben. Vom Ne­ben­raum aus lauscht er den Ge­sprä­chen der Frau­en, er­fährt von ih­rem Un­glück und, daß der To­te nur zu Be­such war. Sein Un­wohl­sein lässt ihn in Fie­ber­phan­ta­sien fal­len, die sei­ne Kind­heit her­auf­be­schwö­ren und ihn fra­gen las­sen, ob der Tod sei­nes Va­ters ihn end­gül­tig  be­frei­en wür­de, ob er dann mit Ju­li­et­te ein neu­es Le­ben an­fan­gen kön­ne oder ob er durch die Be­frei­ung vom Ver­ur­sa­cher sei­nes Kind­heits­un­glücks gleich­zei­tig auch sei­ne Kind­heit selbst ver­lie­ren würde.

Wie­der er­wacht hört er die Schnei­de­rin Ray­mon­de und ih­re Toch­ter Clai­re, spä­ter trifft Si­mon ein, und bringt Un­frie­den in sei­ne Fa­mi­lie. Ei­ne Fa­mi­lie, die wie sich zei­gen wird, schon längst zer­stört ist. Auf dem Hö­he­punkt des Strei­tes mit ih­rem Va­ter Si­mon, flieht Clai­re aus dem Haus. Fran­çois wird auf­ge­for­dert bei der Su­che zu hel­fen. Die­se gilt al­ler­dings mehr dem teu­ren Hoch­zeits­kleid, daß Clai­re zur Pro­be über­ge­wor­fen hat­te, als dem jun­gen Mäd­chen selbst. Fran­çois irrt wie­der durch die Nacht und fin­det Clai­re schließ­lich in dem Haus, wel­ches ihm als Kna­ben Zu­flucht ge­bo­ten hat. Das Haus des al­ten, lie­ben Leh­rers Jean.

Die Lö­sung sei­ner Fra­gen und da­mit das En­de die­ser Nacht er­schließt sich ihm und da­mit auch dem Le­ser auf der vor­letz­ten Sei­te des Romans.

Jean Ca­yrol be­schreibt in sei­nem Werk die nächt­li­che Odys­see sei­nes Prot­ago­nis­ten Fran­çois zu ei­nem Ziel, wel­ches er ei­gent­lich gar nicht er­rei­chen will. Im­mer wie­der un­ter­bre­chen Er­in­ne­run­gen an die Schre­cken sei­ner Kind­heit die Su­che. Fet­zen, die sich nach und nach zu­sam­men fü­gen. Da­ne­ben gibt es Ge­dan­ken an sein jet­zi­ges Le­ben, sei­ne Lie­be zu Ju­li­et­te. Von ih­rer Si­tua­ti­on be­rich­tet der Au­tor in zwei kur­zen Ka­pi­teln. Sie zei­gen, wie auch sie von ei­ner Er­in­ne­rung be­las­tet wird.

Jean Ca­yrol schil­dert die Su­che nach dem rech­ten Weg, der sich in ei­ner vom Krieg trau­ma­ti­sier­ten Ge­sell­schaft nur schwer­lich fin­den lässt. Er führt durch zer­stör­te Or­te und ver­wil­der­te Na­tur, vor­bei an ver­fal­le­nen Häu­sern und ob­sku­ren Be­geg­nun­gen. Trotz sei­nes be­drü­cken­den In­halts, fes­selt der Ro­man, leicht und flie­ßend for­mu­liert. Meh­re­re Be­wusst­seins­strö­me kom­bi­nie­rend ent­wi­ckelt Ca­yrol ein in­ten­si­ves Psy­cho­gramm des Prot­ago­nis­ten. Er­fah­rung und Phan­ta­sie, Fie­ber und Traum bil­den die Wirk­lich­keit die­ser dunk­len Nacht der Er­in­ne­rung. So er­zeugt die­ser Ro­man, dem ich noch vie­le wei­te­re Le­ser wün­sche, ei­nen un­ge­heu­ren Lesesog.

Im Nach­wort wür­digt die Ro­ma­nis­tin Ur­su­la Hen­nig­feld den Dich­ter und Ver­le­ger Jean Ca­yrol. Ca­yrol wur­de als Mit­glied der Ré­sis­tance 1943 im La­ger Maut­hau­sen in­ter­niert, wo er den Mit­in­haf­tier­ten Ge­dich­te von Ra­ci­ne und Rim­baud, so­wie ei­ge­ne Wer­ke vor­trug. Die­se er­schie­nen 1997 un­ter dem Ti­tel „Schat­ten­alarm“. Seit 1949 war Ca­yrol ver­le­ge­risch tä­tig. 1973 wur­de er Mit­glied der Aca­dé­mie Goncourt.

In ih­rer Ana­ly­se des Ro­mans be­tont Hen­nig­feld des­sen sur­rea­lis­ti­sche Struk­tur, so­wie die sub­tex­tua­len An­spie­lun­gen auf die Er­in­ne­rungs­po­li­tik des fran­zö­si­schen Staa­tes. Ca­yrol hat in al­len sei­nen Wer­ken sei­ne Er­fah­run­gen mit Krieg und Sho­ah ver­ar­bei­tet, die­se aber im­mer im Li­te­ra­ri­schen belassen.

Die Freund­schaft zwi­schen Jean Ca­yrol und Paul Ce­lan, ge­prägt durch die ge­mein­sa­me Ar­beit ge­gen das Ver­ges­sen, führ­te da­zu, daß Ca­yrol Ce­lan um die Über­set­zung sei­nes Bu­ches bat. Wel­che dich­te­ri­sche Frei­heit er ihm hier­bei ließ, er­läu­tert die Autorin.

Abschied von Onkel Paul

Küchengespräche unter Schwestern in Gila Lustigers neuem Roman „Woran denkst du jetzt


„Sie hat­te ein Ge­schick da­für ent­wi­ckelt, sich von dem Sinn nicht be­hel­li­gen zu las­sen, und dass sie nach ei­ner gu­ten hal­ben Stun­de im­mer noch nicht her­aus­ge­fun­den hat­te, wor­um es ei­gent­lich ging, be­rei­te­te ihr Vergnügen.“

Der Le­ser ver­bringt wo­mög­lich mehr Zeit mit we­ni­ger Ver­gnü­gen, denn er läuft lang­sam an die­ser Ro­man, der in ei­ner Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von On­kel Paul. Sei­ne bei­den Nich­ten sind für die­se Nacht in das El­tern­haus zu­rück­ge­kehrt. Die­ses Haus hat­te Paul vor Jah­ren sei­ner Schwes­ter über­las­sen, als ihr Mann sie ver­ließ und sie mit ih­ren bei­den Töch­tern ei­ne Blei­be such­te. On­kel Paul war seit­dem im­mer für sie da, in den letz­ten Mo­na­ten sei­nes Krebs­lei­dens hin­ge­gen küm­mer­ten sie sich um ihn. Er woll­te sei­ne letz­te Zeit mit ih­nen ver­brin­gen, nicht mit sei­ner Frau, mit der er jahr­zehn­te­lang ver­hei­ra­tet war. Doch warum?

Dies ist ei­ne der Fra­gen, die sich Li­sa und ih­rer Schwes­ter Tan­ja in die­sen Stun­den stel­len, den Stun­den der To­ten­wa­che, die sie in der Kü­che des Hau­ses ver­brin­gen. Sie re­den und strei­ten und stür­zen sich mit dem ewi­gen „Wor­an denkst Du jetzt?“ in ih­ren ei­ge­nen Ver­gan­gen­heits­film. Durch die­ses al­ter­nie­ren­de Prin­zip führt Gi­la Lus­ti­ger die je­wei­li­gen Er­in­ne­run­gen der un­ter­schied­li­chen Schwes­tern ein. So er­lebt der Le­ser das Fa­mi­li­en­ge­sche­hen ein­mal in der Ana­ly­se der Psy­cho­dra­ma­the­ra­peu­tin Li­sa, dann aus der Sicht der prag­ma­ti­schen Bank­ma­na­ge­rin Tan­ja. Li­sa, das Em­pa­thie­ge­nie, und Tan­ja, das Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Tan­ja, die sich ih­re Pro­ble­me selbst macht und die­se auch selbst lö­sen will. Li­sa, die die Pro­ble­me an­de­rer lö­sen möch­te. Bei­de sind „wah­re Meis­te­rin­nen im Dar­über­hin­weg­kom­men“ da­mals wie heute.

Nach­dem Tan­jas Zeit im Aus­land sie auch in­ner­lich von­ein­an­der ent­fernt hat­te, schei­nen die Schwes­tern sich in die­sen Stun­den wie­der an­zu­nä­hern. Doch sie re­den nicht mit­ein­an­der, sie sin­nie­ren ne­ben­ein­an­der über ihr Le­ben. Vor al­lem dar­über, wel­che Rol­le On­kel Paul dar­in spiel­te. Die­ser er­scheint als dan­dy­haf­ter Zam­pa­no, der im­mer ge­nau wuss­te, was gut und rich­tig war, und sie mit opu­len­ten Ge­schen­ken und Le­bens­weis­hei­ten über­häuf­te. Die Er­in­ne­run­gen ent­lar­ven ihn schließ­lich als Manipulator.

In die­ser psy­cho­lo­gisch nicht un­in­ter­es­sant kon­stru­ier­ten Fa­mi­li­en­ge­schich­te ver­misst der Le­ser je­doch lan­ge das Mo­tiv. So folgt man über die Hälf­te des Ro­mans ge­dul­dig den Er­in­ne­run­gen und, da im­mer noch kein Ge­heim­nis in Sicht, be­ginnt man bald sich selbst ei­nes her­bei zu spin­nen. Schließ­lich zeigt sich we­der Miss­brauch, noch In­zest son­dern ein ba­na­ler Ehe­bruch als cau­sa scri­ben­di. Die­ser be­stimmt fol­gen­reich das Be­zie­hungs­ge­flecht der Per­so­nen bis zum To­de von On­kel Paul, den man viel­leicht in zwei­fa­cher Hin­sicht als Haupt­schul­di­gen be­zeich­nen könn­te. Er hat­te einst den künf­ti­gen Ehe­mann sei­ner Schwes­ter als Freund ins Haus ge­bracht und vie­le Jah­re spä­ter die Ehe durch sei­ne In­dis­kre­ti­on zer­stört. Wei­te­re Ge­ständ­nis­se fol­gen und er­lau­ben den Schwes­tern zu ver­zei­hen, sich selbst und ein­an­der, und schließ­lich auch den Tod ih­res On­kels zu betrauern.

Lei­der ver­folgt die­ser Ro­man die Fra­ge nach Schuld und Ver­ant­wor­tung nicht in­ten­si­ver und en­det hoff­nungs­voll mil­de. Da­bei er­zählt Gi­la Lus­ti­ger ih­re Ge­schich­te ei­nes Ver­rats in ei­nem durch­aus an­spruchs­vol­len Kon­strukt aus Ge­füh­len und Er­in­ne­run­gen, was den gro­ßen psy­cho­lo­gi­schen Reiz ausmacht.

Man­ches trüb­te je­doch mein Le­se­ver­gnü­gen. Der Au­torin ge­lingt es nicht im­mer die bei­den cha­rak­ter­lich doch so ver­schie­den an­ge­leg­ten Schwes­tern deut­lich von­ein­an­der ab­zu­gren­zen. Be­son­ders in der wört­li­chen Re­de ist oft nicht ein­deu­tig aus­zu­ma­chen, wel­che Per­son spricht. Noch stö­ren­der emp­fin­de ich die sehr um­gangs­sprach­li­che For­mu­lie­rung ei­ni­ger Sät­ze, die da­durch oft un­klar und miss­ver­ständ­lich sind. Wenn man je­doch dar­über hin­weg zu le­sen ver­mag, öff­nen sich für den an fa­mi­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen In­ter­es­sier­ten in­ten­si­ve Ein­bli­cke in ei­ne nicht im­mer ein­fa­che Schwesternbeziehung.

Zum Schluss noch ei­ne Be­mer­kung zur Ge­stal­tung. Es ist in­kon­se­quent, daß im ers­ten Ka­pi­tel die er­in­ner­ten Ge­dan­ken kur­siv er­schei­nen, dies je­doch im Fol­ge­text nicht wei­ter­ge­führt wird. Da­für gibt es als hüb­schen und zu­gleich nütz­li­chen Aus­gleich ein bor­deaux­ro­tes Lesebändchen.

Mythos Kilimandscharo

Koloniales Wettklettern

Mit ih­rem im Wa­gen­bach-Ver­lag er­schie­ne­nen Buch „Ki­li­man­dscha­ro“ le­gen die bei­den Au­toren, der Ger­ma­nist und His­to­ri­ker Chris­tof Ha­mann und der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Alex­an­der Ho­nold die „deut­sche Ge­schich­te ei­nes afri­ka­ni­schen Ber­ges“ vor.

In zehn Ka­pi­teln stel­len sie die ver­schie­de­nen Aspek­te der Fas­zi­na­ti­on her­aus, die die­ser Berg von der An­ti­ke bis in die heu­ti­ge Zeit aus­übt. Wie der Berg als Mi­kro­kos­mos ver­schie­dens­te Be­dürf­nis­se ver­eint, Na­tur- und Selbst­er­fah­rung, die Sehn­sucht nach dem Ide­al und die Ab­kehr von der Zi­vi­li­sa­ti­on zeigt das An­fangs­ka­pi­tel. Der sym­bo­li­sche Ge­halt my­thi­scher Berg­phan­ta­sien, sei es nun der Olymp oder der Par­nass, der ei­ne Sitz der Göt­ter, der an­de­re Hain der Mu­sen, wer­den eben­so wie Dan­tes Läu­te­rungs­berg be­rück­sich­tigt. Die im 18. Jahr­hun­dert sich aus­bil­den­de Sti­li­sie­rung der Al­pen zum „Hoch­ge­bir­ge der Emp­find­sam­keit“ zei­gen die Au­toren an­hand der Spu­ren von Al­brecht von Hal­ler und Jean-Jac­ques Rous­se­au. Als wei­te­re Pio­nie­re der Ent­de­cker­lust blei­ben selbst­ver­ständ­lich auch Fran­ces­co Pe­trar­ca und Alex­an­der von Hum­boldt nicht ungenannt.

Das zwei­te Ka­pi­tel führt in die Vor­ge­schich­te des „Schnee­ber­ges“ ein. My­then, aber auch geo­gra­phi­sche Be­ob­ach­tun­gen, die in der an­ti­ken Über­lie­fe­rung von He­ro­dot bis Pto­le­mai­os von Alex­an­dria fass­bar sind, wer­den ein­an­der ge­gen­über­ge­stellt und durch an­ek­do­ten­haft an­mu­ten­de Be­rich­te an­ti­ker Ex­pe­di­ti­ons­trupps ergänzt.

Wel­che Rol­le das Pres­ti­ge ei­nes Erstent­de­ckers ge­ra­de wäh­rend des „Run of Af­ri­ca“ ein­nimmt zeigt das drit­te Ka­pi­tel. Geo­gra­phie wur­de zwar we­ni­ger als Wis­sen­schaft denn als Feuil­le­ton­the­ma wahr­ge­nom­men, den­noch war das In­ter­es­se ge­ra­de am un­ent­deck­ten afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent enorm. Mit Span­nung ver­folg­te das deut­sche Le­se­pu­bli­kum in zahl­rei­chen Pu­bli­ka­tio­nen wie „Die Gar­ten­lau­be“ und  „Westermann’s Mo­nats­hef­te“ den Wett­lauf zu den Quel­len des Ni­gers. Be­lieb­te Lek­tü­re wa­ren auch die Be­rich­te deut­scher und eng­li­scher Mis­sio­na­re, die auf ih­ren We­gen zu den „Un­gläu­bi­gen“ bis in un­be­kann­te Re­gio­nen vor­dran­gen. So be­rich­te­ten die Mis­sio­na­re Jo­han­nes Reb­mann und sein Kol­le­ge Jo­hann Lud­wig Krapf über ih­re Un­ter­neh­mun­gen im Church Mis­sio­na­ry In­tel­li­gen­zer. Sie be­schrie­ben als ers­te neu­zeit­li­che Eu­ro­pä­er ei­nen Schnee­gip­fel in Äqua­tor­nä­he. Doch das trug den Mis­sio­na­ren mehr Spott als An­er­ken­nung ein. Der eng­li­sche Ge­lehr­te Wil­liam De­bo­rough Coo­ley wirft ih­nen über­bor­den­de Phan­ta­sie und Un­pro­fes­sio­na­li­tät vor und ver­wies hä­misch auf die Kurz­sich­tig­keit der bei­den Brillenträger.

Dass nicht nur geo­gra­phi­sche Neu­gier und re­li­giö­ses Sen­dungs­be­wußt­sein, son­dern auch ko­lo­ni­al­po­li­ti­scher Ehr­geiz bei der wei­te­ren Er­for­schung Afri­kas und ins­be­son­de­re des Ki­li­man­dscha­ros ei­ne Rol­le spiel­ten, schil­dern die Au­toren im Fol­gen­den. „Die Be­stei­gung des Schnee­ber­ges bleibt ein wich­ti­ges wis­sen­schaft­li­ches und po­li­ti­sches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erst­be­stei­gung des Kilimandscharo–Gipfels Ki­bo ei­ne Un­ter­dis­zi­plin im „Wett­lauf um Afri­ka“. Ne­ben den Deut­schen Carl Claus von der De­cken, Edu­ard Vo­gel und Gus­tav Adolf Fi­scher tra­ten die Bri­ten Jo­seph Thom­son und Har­ry John­s­ton an. Al­le schei­ter­ten. Erst Hans Mey­er und Lud­wig Purtschel­ler er­reich­ten 1889 im drit­ten An­lauf den Gip­fel und mach­ten ihn mit Deut­scher Flag­ge und ei­nem drei­fa­chen Hur­ra zur Kai­ser-Wil­helm-Spit­ze und da­mit zum höchs­ten Berg Deutsch­lands. In Mey­ers Dar­stel­lun­gen zeigt sich die gro­ße Fas­zi­na­ti­on, die der Ki­li­man­dscha­ro aus­üb­te, das schnee­be­deck­te Hoch­ge­bir­ge in Äqua­tor­nä­he, sei­ne sin­gu­lä­re Er­he­bung in der Land­schaft, der wol­ken­ver­han­ge­ne Gip­fel und sei­ne un­ter­schied­li­chen Kli­ma­te und Ve­ge­ta­ti­ons­zo­nen. Wie die ge­schick­te me­dia­le Prä­sen­ta­ti­on den Berg im fer­nen Afri­ka zu ei­nem Sym­bol deut­schen Na­tio­nal­stol­zes wer­den lässt, zei­gen die Au­toren in den nach­fol­gen­den Ka­pi­teln. Sei­en es nun die um­fas­sen­de li­te­ra­ri­sche Re­zep­ti­on, un­ter de­nen Ju­les Ver­nes Fünf Wo­chen im Bal­lon das po­pu­lärs­te Bei­spiel dar­stel­len mag, oder die Aus­wir­kun­gen auf die Wer­ke der Bil­den­den Küns­te. Be­son­ders deut­sche Künst­ler tru­gen da­zu bei, daß ko­lo­ni­al­ro­man­ti­sche Sehn­süch­te noch lan­ge nach En­de der kur­zen deut­schen Ko­lo­nial­pha­se wei­ter­leb­ten. Und das bis heu­te, wie Fern­seh­dra­mo­letts vor der Ku­lis­se des Ki­li­man­dscha­ro beweisen.

Die bei­den Wis­sen­schaft­ler, die sich selbst als Flach­land­au­to­ren be­zeich­nen, und doch mit­un­ter bei ge­mein­sa­men Berg­wan­de­run­gen die Kon­zep­ti­on ih­res Bu­ches dis­ku­tier­ten, bie­ten viel­fäl­ti­ge Aspek­te des be­rühm­tes­ten Ber­ges Ost­afri­kas. Sie ana­ly­sie­ren die ko­lo­nia­le Ge­schich­te des Gip­fels und wer­fen zu­dem ei­nem Blick auf die kul­tu­rel­le Be­deu­tung des Berg­stei­gens und die Mo­ti­ve der Ak­teu­re. Dem Le­ser öff­net sich so die his­to­ri­sche aber auch die li­te­ra­ri­sche Perspektive.

Zahl­rei­che Ab­bil­dun­gen und ein eben­so nütz­lich wie aus­führ­li­cher An­mer­kungs­ap­pa­rat er­gän­zen die­sen Band aus der schön ge­stal­te­ten kul­tur­ge­schicht­li­chen Rei­he des Wagenbach-Verlages.

Zur Rol­le Reb­manns und Krapfs als ers­te eu­ro­päi­sche Schnee­gip­fel-Bo­ten sei fol­gen­de Be­ge­ben­heit er­gän­zend er­zählt. Es war nicht nur der Bri­te Be­ke, wie Ha­mann und Ho­nold be­rich­ten, der die Aus­sa­gen von Reb­mann und Krapf ernst nahm. Die in den neu­ge­grün­de­ten geo­gra­phi­schen Zeit­schrif­ten „Pe­ter­manns Mit­tei­lun­gen“, Glo­bus“, „Zeit­schrift für all­ge­mei­ne Erd­kun­de“ heiß dis­ku­tier­ten Schnee­ber­ge setz­ten die bei­den der­art in den Fo­kus, daß ih­nen zu Be­ginn des Jah­res 1851, wie Jo­chen Eber in sei­ner Bio­gra­phie über Krapf be­rich­tet, ei­ne Au­di­enz bei Fried­rich-Wil­helm IV. ge­währt wur­de. Dort schil­der­ten sie ih­re Ent­de­ckun­gen den preu­ßi­schen Ge­lehr­ten Carl Rit­ter und Alex­an­der von Hum­boldt, wor­auf sich letz­te­rer „wie ein klei­nes Kind über ein neu­es Spiel­zeug“ ge­freut ha­ben soll (Eber, S. 148).

Zen oder die Kunst sich schweigend zu verlieben

Prolog

Um es vor­weg zu sa­gen, die­ser Au­tor be­glei­tet schon seit lan­gem mein Le­se­le­ben. Die Be­kannt­schaft be­gann mit der rö­mi­schen Goe­the-His­to­rie „Faus­ti­nas Küs­se“. Es folg­ten die üb­ri­gen die­ser Tri­lo­gie, „Die Nacht des Don Ju­an“ und „Im Licht der La­gu­ne“. Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men ha­be ich auch an­de­re al­te und neue Bü­cher Ort­heils ge­le­sen. So auch nach „Die gro­ße Lie­be“ und „Das Ver­lan­gen nach Lie­be“ den letz­ten Band sei­ner Lie­bes­tri­lo­gie „Lie­bes­nä­he“.

Fast eben­so­lan­ge stellt sich mir die Fra­ge, was mir an sei­nen Bü­chern denn nun so ge­fällt. Si­cher ist es die Lie­be zu Ita­li­en, viel­leicht auch ei­ne ge­wis­se ro­man­ti­sche Me­lan­cho­lie. Bis­her war ich, ab­ge­se­hen von ei­ni­gen Ei­tel­kei­ten des er­wach­se­nen Jo­han­nes in „Die Er­fin­dung des Le­bens“ und von stär­ke­ren Ar­ro­gan­zen in Ort­heils Rom­füh­rer im­mer an­ge­nehm angetan.

Sich schweigend verlieben als Performance

Wer ist die­se Schwim­me­rin“ mit die­sem No­tat läu­tet Hanns-Jo­sef Ort­heil ein, was der Ti­tel sei­nes neu­en Ro­mans „Lie­bes­nä­he“ be­reits vor­weg nimmt.

Be­hut­sam ent­wi­ckelt der Au­tor die An­nä­he­rung zwei­er sich zu­nächst un­be­kann­ter Ein­zel­gän­ger, die an­schei­nend zu­fäl­lig im all­tags­fer­nen Mi­lieu ei­nes ein­sam ge­le­ge­nen Lu­xus­ho­tels ein­an­der be­mer­ken. Der Schrift­stel­ler Jo­han­nes Kirch­ner und die In­stal­la­ti­ons-Künst­le­rin Ju­le Dan­ner ver­mei­den zu­nächst di­rek­te Be­geg­nun­gen und be­vor­zu­gen sich aus der Di­stanz zu ent­de­cken. Klei­ne Bot­schaf­ten, die Ah­nun­gen be­stä­ti­gen, ge­hen tra­di­tio­nell als Zet­tel oder mo­dern als SMS hin und her und füh­ren schließ­lich zum Ge­gen­über. Die­se Be­we­gun­gen auf­ein­an­der zu wer­den äu­ßerst vor­sich­tig aus­ge­führt, ein kunst­vol­ler Balz­tanz, des­sen Cho­reo­gra­fie mal den In­sze­nie­run­gen der Vi­deo­künst­le­rin mal den Ein­fäl­len des Schrift­stel­lers folgt.

Nur ei­nes fin­det nie­mals statt, das ge­spro­che­ne Wort. Die­ses rich­ten bei­de je­weils se­pa­rat an Ka­tha­ri­na, die die klei­ne Buch­hand­lung des Ho­tels führt. Sie be­rät ih­re Kun­den nach de­ren Be­find­lich­keit und führt au­ßer die­ser Li­te­ra­tur­the­ra­pie nur Bü­cher im Sor­ti­ment, die ihr per­sön­lich gut ge­fal­len. Sie un­ter­hält zu Bei­den ei­ne ganz be­son­de­re Be­zie­hung, man könn­te sie als müt­ter­li­che Freun­din be­zeich­nen. Die De­tails der Per­so­nen­kon­stel­la­ti­on of­fen­bart der Au­tor erst nach und nach lang­sam vor­an­schrei­tend wie in ei­ner Zen-Me­di­ta­ti­on. Über­haupt gibt es viel Ja­pa­ni­sches. Li­te­ra­ri­sche In­spi­ra­ti­on bie­tet das Kopf­kis­sen­buch der Sei Shō­na­gon. Ja­pa­ni­sche Trom­meln und Bam­bus­flö­ten, Ki­mo­no, Tu­sche und Tee er­gän­zen das Ambiente.

Als wech­sel­sei­ti­ge Sicht sei­ner bei­den Haupt­per­so­nen kom­po­niert Ort­heil sei­nen Ro­man. Mal kom­men­tiert Jo­han­nes, mal Ju­le ihr auf­ein­an­der Zu­ge­hen. Das so zwei­mal das Glei­che aus dem je­weils an­de­ren Blick­win­kel er­zählt wird, macht den Reiz der Idee aus. Wenn je­doch Er­eig­nis­se wie die be­rühm­te Per­for­mance der Künst­le­rin Ma­ri­na Abra­mo­vić, die als Vor­la­ge für ei­ne Be­geg­nung dient, dem Le­ser  mehr­fach er­klärt wer­den, wirkt dies redundant.

Was ich an diesem Buch sehr mag:

Wie Hanns-Jo­sef Ort­heil ge­naue Wahr­neh­mung und Be­schrei­bung in Sät­ze ver­wan­delt. Er be­herrscht die­se Fä­hig­keit so gut, daß der Le­ser sich so­fort in das Am­bi­en­te sei­ner Ro­ma­ne hin­ein­ver­setzt fühlt. Land­schaf­ten und Räu­me, Na­tur und In­te­ri­eur, Gau­men- und Le­se­freu­den stellt er auf die­se Wei­se zum un­mit­tel­ba­ren Nach­voll­zug dar.

Wie rück­sichts­voll die Per­so­nen mit­ein­an­der um­ge­hen und wie em­pa­thisch Ort­heil Ge­füh­le zu schil­dern vermag.

Wie er die Lust und die In­spi­ra­tons­kraft von ein­sa­men Spa­zier­gän­gen dar­stellt. Be­we­gung be­wegt auch den Geist. Das mit sich Al­lein­sein lässt Raum für Kreativität.

Wie Na­tur und Kunst in ih­ren ver­schie­de­nen For­men mit­ein­an­der in Ein­klang ge­bracht werden.

Was ich an diesem Buch überhaupt nicht mag:

Wie die Wahl des Mi­lieus das Ge­sche­hen weit über das nor­ma­le Le­ben hebt, ein es­ka­pis­ti­scher Wun­der­ort in­mit­ten saf­tig grü­ner Al­men, wo so­gar Toast­brot­schei­ben stun­den­lang frisch ge­rös­tet bleiben.

Wie da­durch das Schloss­ho­tel El­mau, un­ver­kenn­ba­res Vor­bild die­ses Pa­ra­die­ses, als ein Ort ir­di­scher Ver­hei­ßun­gen be­wor­ben wird.

Wie die Rol­len­ebe­nen ge­wahrt wer­den. Die Künst­ler blei­ben welt­fern. Die Ho­tel­an­ge­stell­ten die­nen als gu­te Geis­ter und wer­den von oben her­ab cha­rak­te­ri­siert. Die üb­ri­gen Gäs­te sind läs­ti­ge Ge­räusch­ku­lis­se. Ka­tha­ri­na ver­mit­telt zwi­schen al­len und die jun­ge Emp­fangs­da­me des Ho­tels seufzt der gro­ßen Künst­ler­lie­be in frem­den La­ken nach.

Wie bei man­chen Be­schrei­bun­gen doch des Gu­ten zu viel ge­bo­ten wird. Der star­ke, gel­be Urin­strahl zählt nicht zu den Din­gen, von de­nen ich ger­ne le­sen möchte.

Wie der Le­ser be­lehrt wird über die rich­ti­ge Art Sekt zu trin­ken (Was­ser­glas), au­then­tisch Cam­pa­ri zu ge­nie­ßen (oh­ne Eis, da­für rand­voll), über gu­te Würs­te (ins­be­son­de­re die Milz­wurst), über das rich­ti­ge Früh­stück, rich­ti­ges Spei­sen, den rich­ti­gen Zeit­punkt zu ar­bei­ten und mehr.

Wie der Au­tor sein Buch­kon­zept er­klärt „ei­ne ero­ti­sche und bei­na­he un­er­träg­li­che Span­nung, die auf ei­ner streng ein­ge­hal­te­nen Di­stanz der bei­den Lie­ben­den ba­siert“ (S. 129).

Fazit

We­ni­ger Ei­tel­keit wä­re mir lie­ber ge­we­sen und auch mehr Acht­sam­keit. Da­mit nicht aus blon­dem Haar mit ro­ten Spit­zen am En­de blon­des Haar mit ro­ten An­sät­zen wird, und aus ei­nem hell­grü­nen Ba­de­man­tel in­ner­halb von drei Sei­ten ein dunkelgrüner.

So weit, so gut. Viel­leicht kommt ja noch­mal ein Ro­man wie „He­cke“ oder „Mo­sel­rei­se“ oder et­was Historisches.

Rät­sel­haft bleibt mir zu­letzt noch die Ab­bil­dung auf dem Schutz­um­schlag. Die dun­kel­haa­ri­ge Schö­ne kann we­der die blon­de Ju­le noch die ja­pa­ni­sche Hof­da­me sein.

Wer ist die Dargestellte?

 

 

Resümäum-Jubilee

Zwan­zig Mo­na­te gibt es nun die­ses Blog. Mir macht es im­mer noch Spaß.

Wie es de­nen er­geht, die sich hier­her ver­wir­ren, weiß ich nicht im­mer. Sie sind so schweig­sam. Ei­ni­ge Be­su­cher ge­ste­hen mir im rea­len Le­ben manch­mal, daß es ge­fällt. Was soll­ten sie auch sonst sa­gen, wenn sie mir ge­gen­über stehen?

Mein ers­ter Ama­zo­nobo­lus ist eben­falls vor ein paar Ta­gen ein­ge­trof­fen. Wä­re ich dar­auf an­ge­wie­sen, könn­te ich ge­nau ein Buch pro Jahr be­spre­chen. Aber das bin ich ja nicht, zum Glück. Zu­dem gibt es net­te Ver­la­ge, die auf höf­li­che An­fra­ge ein Le­se­ex­em­plar schi­cken. Ge­nannt sei­en zu die­sem An­lass be­son­ders der Wa­gen­bach-Ver­lag, weil er un­über­trof­fen schnell ist und un­be­dingt auch der Ber­lin-Ver­lag, der so­gar nach­frag­te, ob Be­darf da sei. Ist er, wenn auch nicht für al­les. Wei­te­re Ti­tel ka­men von Schöff­ling, Ant­je Kunst­mann, Kne­se­beck, Eich­born, Hey­ne und dem Han­ser Ver­lag. Ein­zig ein von mir an­ge­ti­cker­ter Rie­se be­kann­te of­fen, nichts an Blog­ger zu ver­schi­cken. Kann ich auch ver­ste­hen, bei man­chem Web­log-Re­zen­sen­ten geht ja die Pus­te be­reits nach dem Klap­pen­text aus. Von der Kon­di­ti­on der Schrei­ber könn­te man sich al­ler­dings mit ei­nem kur­zen Klick überzeugen.

Viel in­ter­es­san­ter ist die Fra­ge nach der meist be­such­ten Sei­te. Das war lan­ge Zeit  aus­ge­rech­net „Die Bü­cher­die­bin“. Ein Buch, wel­ches mir nicht ganz so gut ge­fiel und mit dem ich mir aus die­sem Grund ei­nen klei­nen Jux er­laub­te. Die­ser er­wies sich wie­der­rum als äu­ßerst ge­fragt. Wer woll­te nicht al­les wis­sen, wel­che Bü­cher die Bü­cher­die­bin er­beu­tet? Es ent­spann sich so­gar ei­ne klei­ne Dis­kus­si­on, so daß aus Spaß dann plötz­lich doch Ernst wur­de. Soll ja passieren.

Über­trof­fen wur­de die Klick­quo­te die­ses Ar­ti­kels je­doch von „Tschick“. Lie­be Schö­ler, die ihr no­lens vo­lens jetzt auch hier lan­den wer­det, lest es doch selbst, das Buch. Es er­scheint mir, im Ver­gleich zur „Ver­su­chung des Pes­ca­ra” ei­ne we­sent­lich und in je­der Hin­sicht an­ge­neh­me­re Auf­ga­be. In die­sem In­ter­view vom 31.01.2011 stell­te Kath­rin Pas­sig dem Au­tor Wolf­gang Herrn­dorf die Fra­ge, was er da­von hiel­te, wenn sein Ro­man in 30 Jah­ren zum Schul­stoff aus­er­ko­ren sein wer­de. Drei­ßig Jah­re? Such­an­fra­gen von „Zu­sam­men­fas­sung“ bis „In­ter­pre­ta­ti­on“ kün­den an­de­res. Und noch eins, ko­piert doch nicht ein­fach mei­nen Ein­trag. Ers­tens ist er viel zu mick­rig und zwei­tens kann eu­er Leh­rer auch goo­geln. Oder wollt ihr Bun­des­mi­nis­ter wer­den? Dann will ich nichts ge­sagt haben.

Neu­es­te Neue­run­gen sind nun end­lich ein „Blogroll“, in dem sich nicht nur die Blogs be­fin­den, die ich tat­säch­lich ne­ben all’ den Bü­chern auch le­se, son­dern auch „Die Le­se­lust“, in de­ren Fo­rum es sich an­ge­regt dis­ku­tie­ren lässt.

Dis­ku­tie­ren könn­te man auch hier, die Kom­men­tar­funk­ti­on steht im­mer al­len of­fen, nur Do­sen­fleisch wird entsorgt.

Dan­ke für den Be­such und nur Mut. 😉