Literarisches Kuriositätenkabinett

Von „A.“ bis „Zylinder“ — Rainer Schmitz über Wissenswertes und Skurriles der literarischen Welt

So kann es ge­hen, man hört von ei­ner Neu­erschei­nung und wird da­durch auf ein längst er­schie­ne­nes Werk des­sel­ben Au­tors auf­merk­sam. Man hofft, die­ses sei ge­eig­net ei­ni­ge der un­zäh­li­gen Wis­sens­lü­cken zu stop­fen, be­sorgt es sich um­ge­hend und kommt dann nicht mehr los davon.

So ein Buch ist das Li­te­ra­tur­kom­pen­di­um von Rai­ner Schmitz „Was ge­schah mit Schil­lers Schä­del?“. Ein sol­cher Ti­tel pro­phe­zeit, daß man nach dem Le­sen nicht nur gut un­ter­hal­ten son­dern auch schlau­er sein wird. Der Un­ter­ti­tel „Al­les, was Sie über Li­te­ra­tur nicht wis­sen“ er­zwingt die so­for­ti­ge Probe.

Und tat­säch­lich, dach­te die ver­blüff­te Le­se­rin doch bis­her, daß der Sand­ku­chen we­gen sei­ner un­aus­weich­lich stau­bi­gen Kon­sis­tenz die­sen Na­men zu Recht tra­ge, so weiß sie nun, wel­che Schrift­stel­le­rin dem Tee­ge­bäck ih­ren Na­men lieh. Dass es sich bei die­sem ei­gent­lich um ein Pseud­onym han­delt, war auch der li­te­ra­risch hin­läng­lich Ge­bil­de­ten be­kannt. Wie die­se Ge­org ei­gent­lich hieß, er­fährt sie un­ter dem gleich­lau­ten­den Eintrag.

Über 1200 Stich­wör­ter hat der Jour­na­list und Au­tor Rai­ner Schmitz un­ter Mit­wir­kung von Nic­las De­witz und Wolf­gang Hoer­ner ge­sam­melt. Sie fül­len 1828 Ko­lum­nen, gut hun­dert da­von um­fasst al­lei­ne das um­fang­rei­che Re­gis­ter al­ler er­wähn­ten Autoren.

Un­wei­ger­lich ha­be ich mich fest­ge­le­sen. Mei­ne Neu­gier­de schwang sich von Stich­wort zu Ver­weis und blieb beim Blät­tern un­wei­ger­lich an Ku­rio­sem hän­gen. So könn­te ich nun ei­ni­ges er­zäh­len, über die er­dich­te­te Bi­li­tis, über ab­ge­lehn­te Best­sel­ler und sol­che, die nie­mand mehr kennt. Es fin­det sich Merk­wür­di­ges wie „Hun­de­fut­ter“ und Nach­denk­li­ches wie „Grab­in­schrif­ten“.

Am bes­ten macht man sich aber mit dem Buch be­kannt, in­dem man ei­nen Schrift­stel­ler her­aus­pickt und des­sen Ein­trä­ge ver­folgt. Mei­ne Wahl fiel auf Mar­cel Proust, für ihn weist das Re­gis­ter 33 Fund­stel­len aus. Sie rei­chen von „Ab­ge­lehnt“ bis „längs­ter Zeit­raum“. Un­ter „Ab­ge­lehnt“ er­fah­ren wir, daß nicht nur die „Re­cher­che“ von Ver­la­gen ei­ne Ab­fuhr be­kam, son­dern auch Ke­rou­acs „On the Road“, Süs­kinds „Das Par­fum“ und Row­lings „Har­ry Pot­ter“.

Nicht nur Proust dien­te das „Bett“ als li­te­ra­ri­sche Wirk­stät­te, auch Mark Twa­in zog sich ger­ne an die­sen Ort der In­spi­ra­ti­on zu­rück, meist mit ei­ner Zi­gar­re. Wir le­sen von ge­leb­tem und li­te­ra­ri­schem „Dan­dy­is­mus“ und wun­dern uns nur we­nig, daß die­ser in Deutsch­land sel­ten an­zu­tref­fen war. In­ter­es­siert ver­folgt man den poe­ti­schen Ein­fluss des „Darms“ bei Proust, Mann und Schil­ler, wäh­rend He­ming­way auch dies sei­nem Ruf ge­mäß lös­te. Un­ter „Du­ell­ver­wei­ge­rung“ le­sen wir von Prousts Är­ger mit ei­nem Pap­pa­raz­zo, des­sen Ver­däch­ti­gung un­ter „Schwul in 14 Ko­lum­nen er­läu­tert wird.

Na­tür­lich fin­det Mar­cel Proust mit sei­nem Werk Ein­gang in den  „Ka­non“, bei­spiels­wei­se in den der Pa­ri­ser Aka­de­mie Gon­court und in die ZEIT-Bi­blio­thek der 100 Bü­cher. Wie sei­ne Ka­non­kol­le­gen Kaf­ka, Joy­ce und Ke­rouac, fin­det sich auch ei­nes sei­ner Ma­nu­skrip­te, ge­nau­er die Kor­rek­tur­fah­nen des ers­ten Teils der Re­cher­che, un­ter den „teu­ers­ten Ma­nu­skrip­ten“ der Welt. Mit Kaf­ka teilt er au­ßer­dem noch den Ein­trag „Lun­ge“, wei­te­re be­rühm­te Lei­dens­ge­nos­sen sind Fjo­dor Dos­to­jew­ski und Tho­mas Bernhard.

Das Stich­wort „Lin­den­blü­ten­tee“ be­legt er ganz al­lei­ne, aber die ei­gent­lich un­be­dingt zu­ge­hö­ri­ge Made­lei­ne fehlt un­ver­ständ­li­cher­wei­se. Dar­über mag die Be­kannt­schaft mit dem Verb „prou­sti­fier“ hin­weg trös­ten, un­ter „Prousta­ta“ er­fah­ren wir vom chir­ur­gi­schen Ge­schick sei­nes Bruders.

Zwei­mal macht der ver­ehr­te Dich­ter den zwei­ten Platz, beim „längs­ten Ro­man“ und beim „längs­tens Satz“, die­ser ist je­doch in Ge­gen­satz zum Sie­ger voll­stän­dig ab­ge­druckt, na­tür­lich über zwei Ko­lum­nen. Mü­ßig zu sa­gen, daß Mar­cel Proust in ei­ner Le­ser­be­fra­gung von fünf gro­ßen eu­ro­päi­schen Zeit­schrif­ten an sieb­ter Stel­le stand. Wer sich für die üb­ri­gen Ge­nann­ten in­ter­es­siert, der schla­ge selbst nach.

Die­ses li­te­ra­ri­sche Ku­rio­si­tä­ten­ka­bi­nett sei je­dem Li­te­ra­tur­lieb­ha­ber emp­foh­len, es ist lehr­reich, amü­sant, span­nend und skurril.

Rai­ner Schmitz, Was ge­schah mit Schil­lers Schä­del?, Hey­ne Ver­lag, 12/2008

Proust — Logenplätze

Im Baignoire der Herzogin — (Bd. 3,1)

Von all den Grot­ten aber, auf de­ren Schwel­le leicht­sin­ni­ge An­teil­nah­me an den Wer­ken der Men­schen die neu­gie­rigs­ten, un­nah­ba­ren Göt­tin­nen lock­te, war die be­rühm­tes­te je­nes halb­dunk­le Ge­bil­de, das un­ter dem Na­men Bai­gnoi­re der Fürs­tin von Guer­man­tes be­kannt war.“ S. 50f.

Durch ei­nen Mi­nis­te­ri­al­kol­le­gen sei­nes Va­ters er­hält der jun­ge Er­zäh­ler zwei Bil­lets für ei­nen Ga­la­abend in der Oper und da­mit die Chan­ce der ge­such­ten Ge­sell­schaft nä­her zu kom­men. Zu­gleich er­war­tet ihn ei­ne Vor­stel­lung mit der von ihm einst so ver­ehr­ten Ber­ma, die auch dies­mal wie­der in Ra­ci­n­es Phèd­re auf­tritt. Al­ler­dings ist das ne­ben­ran­gig, viel stär­ker in­ter­es­siert ihn der Auf­tritt all der Fürs­ten, Prin­zen, Prin­zes­sin­nen, Her­zo­gin­nen, kurz des Pa­ri­ser Adel und sei­ner Apa­na­ge, denn die­se „Proust — Lo­gen­plät­ze“ weiterlesen

Proust — Faubourg Saint-Germain

Hôtel de Guermantes


Der drit­te Band trägt den Ti­tel „Guer­man­tes“, den Na­men des Adels­ge­schlechts, des­sen Her­zo­gin der Er­zäh­ler einst als über­na­tür­li­che Er­schei­nung in der Kir­che wahr­ge­nom­men hat­te. Wir er­in­nern uns nur zu gut an die Wie­der­erwe­ckung die­ser Emp­fin­dung im ers­ten Band der Re­cher­che. An­lass für die­sen Rück­blick bie­tet der Um­zug der Fa­mi­lie in ei­ne Woh­nung im Sei­ten­flü­gel des Hô­tel de Guer­man­tes. Die­ses im Fau­bourg Saint-Ger­main ge­le­ge­ne Stadt­pa­lais weckt in Mar­cel viel­fäl­ti­ge Er­in­ne­run­gen. Sie krei­sen um den Na­men Guer­man­tes, der die kaum be­kann­te Per­son in ein un­er­reich­ba­res Idol ver­wan­del­te. Jetzt rückt sie in räum­li­che Nä­he und gibt sich da­durch der Ge­fahr preis, ih­ren Zau­ber im All­täg­li­chen zu ver­lie­ren. Der Er­zäh­ler be­fürch­tet die oft er­fah­re­ne Dis­kre­panz zwi­schen Vor­stel­lung und Rea­li­tät auch hier. Doch zu­nächst bleibt Ma­dame de Guer­man­tes ei­ne Er­in­ne­rung, die den jun­gen Mar­cel mit syn­äs­the­ti­scher Kraft nach Com­bray ver­setzt. Nicht nur die leuch­ten­den Farb­spie­le von Mauve bis Ge­ra­ni­en­ro­sa, die im Licht der Kir­chen­fens­ter Feu­er fan­gen, auch die Luft Com­brays in ih­rer Früh­lings­fri­sche und der un­ver­gess­li­che Weiß­dorn­duft meint der Er­zäh­ler wahr­zu­neh­men. Selbst die Tau­ben auf dem Dach schei­nen als Bo­ten des Kind­heits­glücks di­rekt von dort nach Pa­ris ge­flo­gen zu sein. Das fer­ne Schloß der Guer­man­tes bei Com­bray mit all sei­nen Wand­tep­pi­chen und wert­vol­lem In­te­ri­eur ma­te­ria­li­siert sich in die­sem Stadt­pa­lais, in dem Hand­wer­ker und Putz­ma­cher, klei­ne Ge­schäf­te und Bür­ger an­ge­sie­delt sind. Durch den Um­zug wird Mar­cel zwar nicht Teil der Welt der Guer­man­tes, aber er rückt in die Nä­he ih­res Mys­te­ri­ums. Die Neu­gier der Kö­chin Fran­çoi­se, die in leut­se­li­gem Klatsch Kon­tak­te knüpft, hilft ihm da­bei. Zu die­sem Zweck ver­setzt sich der Er­zäh­ler in die Welt Fran­çoi­ses, er be­schreibt das Le­ben der Dienst­bo­ten, dar­un­ter mit köst­li­cher Iro­nie das sa­kro­sank­te Ri­tu­al der Mit­tags­mahl­zeit, „je­ne Art von fei­er­li­chem Pas­sah­mal (…), das nie­mand un­ter­bre­chen darf, ei­ne hei­li­ge, „ihr Mit­tag­essen“ ge­nann­te Hand­lung, S. 18“.

Gleich­zei­tig be­tont er die sym­bio­ti­sche Be­zie­hung der Haus­an­ge­stell­ten zur Fa­mi­lie des Er­zäh­lers, de­ren ge­sell­schaft­li­chen Sta­tus sie auch für sich an­nimmt und den sie in der neu­en Nach­bar­schaft ge­wahrt wis­sen möch­te. Ei­nen Ver­bün­de­ten fin­det sie in Ju­pi­en, dem Wes­ten­ma­cher, des­sen me­lan­cho­lisch bli­cken­de Au­gen sei­ne Ge­sichts­zü­ge do­mi­nie­ren. Man meint in die­ser klei­nen Cha­rak­ter­skiz­ze ein Selbst­por­trät Prousts zu er­ken­nen, „…sei­ne Au­gen, de­ren mit­lei­di­ger, ver­zwei­fel­ter und ver­sun­ke­ner Blick gleich­sam über­quoll, un­ter gänz­li­cher Auf­he­bung des Ein­drucks, den oh­ne ihn sei­ne di­cken Wan­gen und sei­ne blü­hen­de Ge­sichts­far­be ge­macht hät­ten, den Ge­dan­ken auf­kom­men, er sei sehr krank oder so­eben von ei­nem schwe­ren Trau­er­fall heim­ge­sucht wor­den. Nicht nur konn­te da­von kei­ne Re­de sein, viel­mehr wirk­te er, so­bald er sprach, in ma­kel­lo­ser Wei­se üb­ri­gens, eher spöt­tisch und kalt.…Als Ent­spre­chung viel­leicht zu je­ner Über­flu­tung sei­nes Ge­sichts durch die Au­gen (…) stell­te ich tat­säch­lich sehr bald bei ihm ei­ne un­ge­wöhn­li­che In­tel­li­genz fest, zu­dem ei­ne der na­tür­lichs­ten li­te­ra­risch ge­präg­ten, S. 23f.“

Die an­fäng­li­chen Be­fürch­tun­gen, durch die Nä­he könn­te der Na­me Guer­man­tes an Glanz ver­lie­ren er­füllt sich bei­nah als der Er­zäh­ler er­fährt, daß es sich bei dem Pa­lais nicht um ei­nen alt­ehr­wür­di­gen Fa­mi­li­en­sitz han­de­le, son­dern um ei­ne noch nicht all­zu lan­ge wäh­ren­de Miet­sa­che. Doch als er hört, die Her­zo­gin füh­re das ele­gan­tes­te Haus im Fau­bourg Saint-Ger­main, hält er an sei­nem Ziel fest, ei­nes Ta­ges zum Sa­lon de Guer­man­tes ge­la­den zu werden.

Die­ser ers­te Ab­schnitt des drit­ten Ban­des bie­tet ei­nen Ein­blick in das Mi­lieu ei­nes vor­neh­men Pa­ri­ser Wohn­vier­tels, ge­spie­gelt durch den Blick der Dienst­bo­ten, An­ge­stell­ten und Hand­wer­ker, der, wenn auch iro­ni­siert vie­les von dem Selbst­ver­ständ­nis der je­wei­li­gen Grup­pe ver­rät. Nicht zu­letzt zeigt er die noch im­mer be­stehen­de Fas­zi­na­ti­on, die der Adel auf das „ge­mei­ne“ Volk aus­üb­te, man möch­te hin­zu­fü­gen, nicht nur da­mals, nicht nur dort.

Of­fen­sicht­lich ist die Ver­eh­rung des Adels, mit ei­nem ge­wis­sen Geist der Auf­leh­nung ge­mischt und auf ihn ab­ge­stimmt, dem Volk aus dem fran­zö­si­schen Bo­den als Erb­teil mit­ge­ge­ben und wirkt kräf­tig wei­ter in ihm. Denn Fran­çoi­se, zu der man über Na­po­le­ons Ge­nia­li­tät oder über draht­lo­se Te­le­gra­phie spre­chen konn­te, oh­ne ih­re Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen und oh­ne da sie auch nur ei­nen Au­gen­blick ih­re Be­we­gun­gen ver­lang­samt hät­te, wäh­rend sie die Asche aus dem Ka­min hol­te oder den Tisch deck­te, brach, wenn ihr sol­che Be­son­der­hei­ten zu Oh­ren ka­men, wie daß der jüngs­te Sohn des Her­zogs von Guer­man­tes ge­wöhn­lich Fürst von Olé­ron hieß, in die Wor­te aus: „Das ist aber schön!“ und blieb ver­zückt ste­hen wie vor ei­nem far­bi­gen Kir­chen­fens­ter, S. 43.“

Lei­der läßt sich nicht sa­gen, wel­ches der vie­len Pa­ri­ser Stadt­pa­lais Proust vor Au­gen hat­te als er das Hô­tel de Guer­man­tes schuf. Es be­sitzt den Plan ei­nes „Hô­tel par­ti­cu­lier”, ei­nes mehr­stö­cki­gen Ge­bäu­des, des­sen Stra­ßen­front über ein Por­tal Zu­gang zum Eh­ren­hof und den Sei­ten­flü­geln ge­währt. Der Haupt­wohn­trakt, Corps de lo­gis, mit der im ers­ten Stock ge­le­ge­nen Eta­ge no­ble schließt den Hof ab, da­hin­ter liegt der Gar­ten. Die Fa­mi­lie Proust leb­te von 1871–1909 in ei­ner Woh­nung am Bou­le­vard Ma­le­sher­bes Nr. 9, auch dort be­fand sich die Schnei­de­rei ei­nes Wes­ten­ma­chers, so daß man ge­neigt ist auch das Pa­lais Guer­man­tes in die­ser Ge­gend an­zu­sie­deln. Rai­ner Mo­ritz, der den schö­nen klei­nen Band „Mit Proust durch Pa­ris“ ver­fasst hat, be­zwei­felt dies je­doch und ver­mu­tet ei­ne La­ge auf der an­de­ren Sei­te des Flu­ßes im Fau­bourg Saint-Honoré.

Proust für Anfänger und Liebhaber

Die Recherche als Graphic Novel — „Im Schatten junger Mädchenblüte”, Teil 1

Ich bin ei­gent­lich kei­ne Co­mic-Le­se­rin. Le­dig­lich von As­te­rix ließ ich mich einst er­obern. Im­mer­hin ist auch er ein Fran­zo­se wie Proust, man mö­ge mir den Ver­gleich ver­zei­hen, und der von die­sem in­spi­rier­te Sté­pha­ne Heu­et. Heu­et kre­ierte ei­ne Ad­ap­ti­on der Re­cher­che als Gra­phic No­vel, von der bis­her drei Bän­den in der Über­set­zung von Kai Wil­kens im Kne­se­beck-Ver­lag vorliegen.

Den ers­ten Band, Com­bray, ent­deck­te ich kurz nach sei­nem Er­schei­nen im letz­ten Jahr. Beim An­schau­en über­rasch­te mich, wie gut es Heu­et in Zu­sam­men­ar­beit mit Sta­nis­las Bré­zet ge­lun­gen war, die kom­ple­xe Er­zähl­wei­se Prousts in ei­ne ge­zeich­ne­te Form zu brin­gen. Seit vier­zehn Jah­ren ar­bei­tet Heu­et an der gra­phi­schen Ge­stal­tung der Bän­de und zeigt die wich­tigs­ten Sze­nen in Comic-Manier.

Com­bray“ mit sei­nen Kind­heits­er­in­ne­run­gen, der un­ver­gess­li­chen Made­lei­ne-Sze­ne und den Spa­zier­gän­gen zu duf­ten­den Weiß­dorn­he­cken hat­te mich da­mals über­zeugt. Aber wie mag es Heu­et wohl ge­lun­gen sein, die Proust­schen Re­flek­tio­nen und Ver­zweif­lun­gen des zwei­ten Ban­des dar­zu­stel­len? „Proust für An­fän­ger und Lieb­ha­ber“ weiterlesen

Proust — Die Pandorabüchse des Grandhotels

Kurgesellschaft

Un­ser Held, der ju­gend­li­che Mar­cel, ver­bringt zum ers­ten Mal sei­ne Zeit in ei­nem Grand­ho­tel und be­schert uns mit sei­nen Be­ob­ach­tun­gen ei­ne amü­san­te Ana­ly­se der Freu­den und Nö­te des dor­ti­gen ge­sell­schaft­li­chen Ge­ran­gels. Nichts scheint schwie­ri­ger als in der ver­meint­lich ver­ein­heit­li­chen­den At­mo­sphä­re ei­ner ge­mein­sa­men Ba­de­kur die ge­sell­schaft­li­chen Schran­ken aufrechtzuerhalten.

Die­ser Schwie­rig­keit, al­len com­me il faut ge­recht zu wer­den, sieht sich auch der Di­rek­tor des Grand-Hô­tel de la Pla­ge in Bal­bec aus­ge­setzt. Das Äu­ße­re die­ses Herrn er­in­nert an ei­ne le­bens­ge­gerb­te Pa­go­de im Smo­king, aber sein psy­cho­lo­gi­sches Ge­spür täuscht ihn manch­mal. Nicht im­mer er­kennt er, wer die aus­rei­chen­de Fi­nanz­stär­ke ei­nes wür­di­gen Gas­tes aus­strahlt. Meist sind das Auf­tre­ten, ein ex­klu­si­ves Äu­ße­res, aber auch die „ge­wähl­ten, aber falsch an­ge­brach­ten“ Re­de­wen­dun­gen deut­li­che In­di­zi­en. Doch ob Bour­geois „Proust — Die Pan­do­rabüch­se des Grand­ho­tels“ weiterlesen

Proust — Strandmaenaden

Balbec

Wind­bö­en über fla­chen Strän­den, de­ren En­den wie der Ho­ri­zont in un­end­li­cher Wei­te zu lie­gen schei­nen. Mit Wel­len und zahl­lo­sen Va­ri­an­ten von Blau macht das Meer auf sich auf­merk­sam, des­sen Gicht die Luft feucht und sal­zig macht. Be­son­ders gut für den asth­ma­kran­ken Jun­gen, der in Be­glei­tung  sei­ner Groß­mutter, die­se Bri­se nun et­li­che Wo­chen at­men wird. Fern von Ma­man, fern von lie­ben Ge­wohn­hei­ten, fern von der hei­mat­li­chen Idyl­le und dem Schutz des ei­ge­nen Zim­mers, sieht sich der jun­ge Er­zäh­ler ei­ner frem­den, un­be­kann­ten Um­ge­bung aus­ge­setzt. Er muss sich erst ein­mal ge­wöh­nen, an das kah­le Zim­mer, an die Ri­ten des Ho­tel­le­bens, an die Ge­sell­schaft an­de­rer Men­schen, die zu­gleich er­stre­bens­wert wie un­er­reich­bar er­scheint. Mar­cel nä­hert sich durch Be­ob­ach­tung. Er sieht Grup­pen von jun­gen Men­schen, im glei­chen Al­ter wie er aber doch gänz­lich an­ders in ih­rem Ver­hal­ten. Nicht der Ob­hut ei­ner Groß­mutter son­dern sich selbst über­las­sen ver­gnü­gen sie sich ganz präch­tig. Al­lei­ne ihr Auf­tre­ten mit Ten­nis- oder Golf­schlä­ger, auf dem Fahr­rad oder gar auf dem „Proust — Strand­maena­den“ weiterlesen

Proust — Hoffnungshölle

Ach, Gilberte!

Un­ser Glau­be, daß ein We­sen an ei­nem un­be­kann­ten Le­ben teil­hat, in das sei­ne Lie­be uns mit hin­ein­tra­gen wür­de, ist un­ter al­lem, was die Lie­be zu ih­rer Ent­ste­hung braucht, das Be­deu­tungs­volls­te, dem ge­gen­über al­les an­de­re nur noch we­nig ins Ge­wicht fal­len kann.“

Als Mar­cel Gil­ber­te ken­nen lernt, wünscht er sich nichts sehn­li­cher als auch von Swann ak­zep­tiert und in den Kreis der Per­so­nen auf­ge­nom­men zu wer­den, die von ihm und Odet­te emp­fan­gen wer­den. Dies ge­lingt ihm recht bald. Die Swanns sind so­gar der­art von ihm be­ein­druckt, daß sie ei­nen po­si­ti­ven Ein­fluss auf ih­re Toch­ter er­hof­fen. Je in­ni­ger sich je­doch die­ses von Be­wun­de­rung und Ver­trau­en ge­präg­te Ver­hält­nis ent­wi­ckelt, um so mehr di­stan­ziert sich Gil­ber­te von ih­rem Ver­eh­rer. Viel­leicht fand sie es wie heu­ti­ge Pu­ber­tie­ren­de ein­fach un­cool von ei­nem Jun­gen um­schwärmt zu wer­den, der sich for­mi­da­bel mit den El­tern ver­steht, von de­nen man sich doch ge­ra­de zu eman­zi­pie­ren versucht?

Auf je­den Fall lei­det man mit Mar­cel. Doch zu­nächst ist man zu­sam­men mit ihm ver­liebt. Bei der ers­ten Ein­la­dung zum Tee ver­spürt man ei­ne der­ar­ti­ge Auf­re­gung, daß das Ge­hirn wie „Proust — Hoff­nungs­höl­le“ weiterlesen

Proust – Theater und Dichtung

Gescheitert ist es noch nicht unser Leseprojekt. Nur meine Anmerkungen haben eine Zeit lang pausiert. Sie mussten warten bis all’ die Ablenkungen sich gelegt und wieder etwas mehr Ruhe eingekehrt ist. Gelesen habe ich trotzdem und notiert, sonst wären meine Eindrücke vielleicht durch viele andere überlagert worden. Um mich nochmals einzustimmen, auf den ersten Teil von „Im Schatten junger Mädchenblüte“ habe ich den bei Dumont erschienene Bildband von Eric Karpeles, „Marcel Proust und die Gemälde aus der Verlorenen Zeit“ zur Hilfe gezogen. Kurze Textpassagen aus der Recherche sind dort in chronologischer Abfolge den Abbildungen der zitierten Kunstwerke gegenübergestellt. Eine schöne Ergänzung und Auffrischung.

Enttäuschung und Erregung — (Bd. 2, 1)

Man­che Phan­ta­sien ver­lie­ren ih­ren Zau­ber so­bald sie Rea­li­tät wer­den. In ei­ner Nach­mit­tags­ma­ti­nee er­füllt sich für Mar­cel der lang ge­heg­te Wunsch ei­nes Thea­ter­be­su­ches. Er sieht end­lich die „Proust – Thea­ter und Dich­tung“ weiterlesen

Proust — Sehnsuchtsorte

Balbec, Venedig, Florenz, Champs-Élysées, Bois de Boulogne — (Bd. 1, 3)

An stür­mi­schen Ta­gen be­fällt den jun­gen Mar­cel Fern­weh nach Bal­bec, ei­nem Küs­ten­ort in der Nor­man­die, der in al­ler her­auf­be­schwo­re­nen Phan­ta­sie bi­zar­rer er­scheint als er sich in Wirk­lich­keit er­wei­sen soll­te. Ein Phä­no­men, wel­ches er auch beim Klang der ita­lie­ni­schen Städ­te­na­men Ve­ne­dig und Flo­renz emp­fin­det. Die Er­war­tung stellt ihm die­se Or­te „schö­ner und an­ders dar, als nor­man­ni­sche oder tos­ka­ni­sche Städ­te es in Wirk­lich­keit sein kön­nen“. Mit der Lek­tü­re von Kunst- und Rei­se­füh­rern taucht er ein in die­se Welt fern der Rea­li­tät. „Selbst un­ter ei­nem ganz rea­len Ge­sichts­punkt neh­men die Ge­gen­den, nach de­nen wir uns seh­nen, in je­dem Au­gen­blick un­se­res wirk­li­chen Le­bens sehr viel mehr Raum ein als das Land, in dem wir uns be­fin­den.“ Doch sei­ne Krank­heit ver­hin­dert die Reise.

An­statt ita­lie­ni­scher Re­nais­sance­bau­ten muss er mit den Gar­ten­an­la­gen der Champs-Ély­sées vor­lieb neh­men. Es scheint ihm un­er­träg­lich. Man könn­te in Er­in­ne­rung an be­reits „Proust — Sehn­suchtsor­te“ weiterlesen

Literarischer Leuchtturm im Nebelmeer des Lebens

Proust Pharao“ von Michael Maar

Für Prou­sta­dep­ten wie für Proust­neu­lin­ge glei­cher­ma­ßen in­ter­es­sant ist die 2009 im Be­ren­berg-Ver­lag un­ter dem Ti­tel Proust Pha­rao er­schie­ne­ne Es­say-Samm­lung. In sie­ben zum Teil re­vi­dier­ten und er­wei­ter­ten Tex­ten, dar­un­ter zwei Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen, setzt sich Mi­cha­el Maar auf kennt­nis­rei­che und un­ter­halt­sa­me Wei­se mit Mar­cel Proust und der Re­cher­che aus­ein­an­der. An­ge­rei­chert ist der schön ge­stal­te­te Band mit Por­trät­photo­gra­phien, die den Schrift­stel­ler in ver­schie­de­nen Le­bens­pha­sen zeigen.

Be­reits der ers­te ti­tel­ge­ben­de Text  ist ei­ne Elo­ge an Proust, dem es wie kei­nem an­de­ren ge­lang „der in­ne­ren Wahr­heit bis in die letz­te Ver­äs­te­lung nach” zu for­schen. In­dem Proust auf­zeigt wie die Ge­füh­le funk­tio­nie­ren, bie­tet er sei­nem Le­ser ein In­stru­men­ta­ri­um zur Selbst­er­for­schung. Gleich­zei­tig er­weist er sich als gro­ßer Po­et in der Be­schrei­bung von Na­tur und Land­schaft, so­wie als Ge­sell­schafts­ko­mö­di­ant, der das Trei­ben der Pa­ri­ser Sa­lons mit viel Iro­nie schil­dert, wo­durch er nicht zu­letzt „Li­te­ra­ri­scher Leucht­turm im Ne­bel­meer des Le­bens“ weiterlesen