TDDL 2013 – Die Preisträger des 37. Bachmann-Wettbewerbs

Gewinnerglück

Der größ­te Ge­win­ner in die­sem Jahr ist wohl der Wett­be­werb selbst. „Bach­mann bleibt“. ORF-Ge­ne­ral­di­rek­tor Alex­an­der Wra­betz, der die Ab­schaf­fung an­ge­droht hat­te, hob die­se vor der Preis­ver­ga­be wie­der auf und freu­te sich sehr über den Applaus.

Vor der Ju­ry­ab­stim­mung zeig­te ein Vi­deo mit Aus­schnit­ten der letz­ten Le­sungs­ta­ge die Kan­di­da­ten der en­ge­ren Wahl. Sie fiel auf La­ris­sa Boeh­ning, Ro­man Ehr­lich, Ve­re­na Günt­ner, Heinz Hel­le, Ben­ja­min Maack, Joa­chim Mey­er­hoff und Kat­ja Pe­trows­ka­ja. Über Mey­er­hoff bin ich über­rascht, ich hät­te eher Cor­du­la Si­mon auf der Short­list vermutet.

Die wei­te­ren Ab­stim­mun­gen ver­lie­fen vor­her­seh­bar. Kat­ja Pe­trows­ka­ja TDDL 2013 – Die Preis­trä­ger des 37. Bach­mann-Wett­be­werbs“ wei­ter­le­sen

TDDL 2013 – Hannah Dübgen, Roman Ehrlich, Benjamin Maack, Nikola Anna Mehlhorn

Pathos-Prosa

Die Dra­ma­ti­ke­rin Han­nah Dü­b­gen kam auf Ein­la­dung von Ju­ri Stei­ner nach Kla­gen­furt. In ih­rem Vi­deo gab sie ers­te Hin­wei­se auf ih­ren Text. Sie sucht un­ge­wohn­te Zu­gän­ge zum Ge­wohn­ten. Ihr be­vor­zug­tes The­ma sind Men­schen und Schick­sa­le, die ihr fremd sind. So in­ter­es­siert sie be­son­ders, wie Blin­de die Welt wahrnehmen.

Die­ser An­kün­di­gung folg­te der Text „Schat­ten­li­der“. Er schil­dert die in­ne­re Kon­flik­te der Mut­ter ei­nes blind ge­bo­re­nen Kin­des und der Um­gang der Fa­mi­lie mit dem Ver­hal­ten der An­de­ren. In er­wart­ba­ren, kli­schee­haf­ten Sze­nen zeigt sich viel Be­trof­fen­heit. Der Text setzt mit dem Schock TDDL 2013 – Han­nah Dü­b­gen, Ro­man Ehr­lich, Ben­ja­min Maack, Ni­ko­la An­na Mehl­horn“ wei­ter­le­sen

TDDL 2013 – Zè do Rock, Cordula Simon, Heinz Helle, Philip Schönthaler, Katja Petrowskaja

Fruchtschale mit Humorwurst

Nach den ers­ten bei­den Au­toren des heu­ti­gen Ta­ges ha­be ich mich wie­der nach ges­tern ge­sehnt. Spiel­te Spin­nen mit dem Ge­dan­ken der Pu­bli­kums­be­sänf­ti­gung als er Zè do Rock ein­lud? Der Münch­ner aus Bra­si­li­en mit deutsch-li­taui­schen Wur­zeln prä­sen­tier­te sich be­reits im Vi­deo als Co­me­di­an, der von bür­ger­li­chen Po­ny­fri­su­ren­trä­ge­rin­nen aus der bay­ri­schen Pro­vinz fröh­lich be­klatscht wur­de. Auch das Saal­pu­bli­kum ließ sich hin­rei­ßen, wahr­schein­lich gab es Frei­bier. Bei mir stell­te sich we­der In­ter­es­se noch Lach­lust ein, das emp­foh­le­ne Mit­le­sen ver­grö­ßer­te nur die Ver­ständ­nis­pro­ble­me. Ich fra­ge mich, TDDL 2013 – Zè do Rock, Cor­du­la Si­mon, Heinz Hel­le, Phil­ip Schön­tha­ler, Kat­ja Pe­trows­ka­ja“ wei­ter­le­sen

37. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – TDDL 2013 — Boehning, Meyerhoff, Kegele, Güntner, Mueller

Bachmann-Beschreibung, Teil 1

Pünkt­lich um 10:15 Uhr be­gann für mich der Bach­mann-Flow. Bis zur Preis­ver­lei­hung am Sonn­tag fei­ern wir drei­ein­halb Ta­ge die deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur in Kla­gen­furt. Viel­leicht zum letz­ten Mal mit Live­über­tra­gung, so droht der ORF. Wie das wer­den wür­de, konn­te man bei der letz­ten Ju­ry-Dis­kus­si­on des Nach­mit­tags er­ah­nen. Der Sen­der 3sat kapp­te die Über­tra­gung gna­den­los zum Ab­lauf der Sen­de­zeit, um uns ver­dutz­te Bach­mann­jün­ger nach Mont­mart­re zu schi­cken. Haupt­sa­che, das Pro­gramm wird eingehalten.

In den bis­he­ri­gen Jah­ren ha­be ich ver­sucht, Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen pro­to­kol­l­ar­tig wie­der zu ge­ben. Dies­mal ha­be ich an den re­gen Dis­kus­sio­nen bei Twit­ter teil­ge­nom­men, die Kon­zen­tra­ti­on „37. Ta­ge der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur in Kla­gen­furt – TDDL 2013 — Boeh­ning, Mey­er­hoff, Ke­ge­le, Günt­ner, Muel­ler“ wei­ter­le­sen

Entdeckungen

Willa Cather schildert in „Das Haus des Professors” ihre eigene Sinnkrise und die Entdeckung der Cliffhäuser

Mesa Verde

Als ich oben auf der Mesa an­kam, fie­len die Son­nen­strah­len schräg durch die klei­nen, ver­krüp­pel­ten Pi­nons – das Licht um­flu­te­te sie so rot wie ein Feu­er im Ta­ges­licht, ja, sie schwam­men förm­lich dar­in. End­lich hat­te ich wie­der das wun­der­ba­re Ge­fühl, das ich sonst nir­gends ge­habt ha­be, das Mesa-Ge­fühl, in ei­ner Welt zu sein über der Welt.“

Wäh­rend der Vor­be­rei­tun­gen zu ei­ner Rei­se stößt man bis­wei­len auf Lek­tü­ren, die den Ort der Sehn­sucht fik­tio­nal in Sze­ne set­zen. Das klingt für mich nicht im­mer in­ter­es­sant, aber kürz­lich wur­de ich doch über­zeugt. Nicht zu­letzt durch die Fa­ma, die die Schrift­stel­le­rin Wil­la Ca­ther (1873–1947) um­gibt. Be­son­ders die Lo­bes­hym­nen an­läss­lich der Neu­über­set­zung ih­res Ro­mans „Mei­ne An­to­nia“ durch Ste­fa­nie Kre­mer wa­ren mir noch in Er­in­ne­rung. So ent­schied ich mich für „Das Haus des Pro­fes­sors“, er­schie­nen im Jahr 1925, als li­te­ra­ri­sche Be­glei­tung für mei­ne Rei­se nach Mesa Verde.

Mesa Ver­de liegt als Na­tio­nal­park in Co­lo­ra­do. Sei­ne Be­son­der­heit „Ent­de­ckun­gen“ wei­ter­le­sen

Senfglassouvenir

Über die Schwierigkeit Auschwitz mitzuteilen — Monika Helds neuer Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort

247355718_78e22fe4baWie die Welt wohl aus­sä­he, wenn man Er­fah­run­gen als In­fu­si­on über­tra­gen könn­te“, die­se Fra­ge stellt sich Le­na, die seit über ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert mit Hei­ner, ei­nem Ausch­witz­über­le­ben­den, ver­hei­ra­tet ist. Ken­nen­ge­lernt ha­ben sie sich in den sech­zi­ger Jah­ren in Frank­furt. Hei­ner, der als Zeu­ge im Ausch­witz-Pro­zess auf­tritt, bricht im Flur des Ge­richts­ge­bäu­des zu­sam­men, Le­na fängt ihn auf. Sie ist auch in Zu­kunft für ihn da, sie blei­ben zu­sam­men. Ein Paar, das nicht nur zehn Jah­re Al­ters­un­ter­schied trennt, son­dern auch die fun­da­men­ta­le Er­fah­rung des La­gers. Le­na, die Pol­nisch-Über­set­ze­rin und Dol­met­sche­rin, ist zu die­sem Zeit­punkt 35 Jah­re alt. Sie lebt in Frank­furt, auf­ge­wach­sen ist sie in Zü­rich, nach­dem die Fa­mi­lie in den drei­ßi­ger Jah­ren aus Dan­zig ge­flo­hen war. Zu­rück blieb ih­re Kin­der­frau Ol­ga, die Sehn­sucht nach ihr weck­te in Le­na den Wunsch Pol­nisch zu ler­nen. Die ers­te Wei­che zu ih­rem Be­ruf, zur Teil­nah­me am Pro­zess und zur Be­geg­nung mit Hei­ner, leg­te die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Schre­ckens­herr­schaft. Die­se be­dingt folg­lich auf fa­ta­le Wei­se den Be­ginn ih­rer Be­zie­hung. Zu­gleich wird sie auch zur Kern­fra­ge des Paars, zum Dreh­punkt ih­rer Ver­stän­di­gung und Abgrenzung.

Vor der Be­geg­nung mit Le­na le­sen wir, wie Hei­ner im Ge­richts­saal die Kon­fron­ta­ti­on mit den Tä­tern er­lebt. Er er­trägt es kaum ih­nen ge­gen­über zu ste­hen oder „Senf­glas­sou­ve­nir“ wei­ter­le­sen

Teltower Krähen

Hartmut Lange erkundet in neuen Novellen die „Ewigkeit des Augenblicks“

Durch ei­ne Leih­ga­be, für die ich nicht zu­letzt durch die­sen Blog­bei­trag dan­ken möch­te, wur­de ich auf ei­nem mir bis da­to un­be­kann­ten Schrift­stel­ler auf­merk­sam, den am 31. März 1937 ge­bo­re­nen Schrift­stel­ler und Dra­ma­turg Hart­mut Lan­ge. Für sein li­te­ra­ri­sches Werk, Lan­ge gilt als Meis­ter der No­vel­le, er­hielt er 2003 den Italo-Svevo-Preis.

Sein neu­es Buch „Das Haus in der Do­ro­theen­stra­ße“ um­fasst fünf No­vel­len, von de­nen nicht nur die ti­tel­ge­ben­de äu­ßerst be­ein­druckt. Ge­mein­sam ist al­len die Hand­lungs­re­gi­on. Sie liegt im Süd­wes­ten Ber­lins am Tel­tow­ka­nal und wird bis auf ein­zel­ne Stra­ßen­na­men prä­zi­siert. All­ge­gen­wär­tig ist au­ßer­dem die Me­lan­cho­lie. Sie „Tel­tower Krä­hen“ wei­ter­le­sen

Sie streiten um den Bachmannpreis – TDDL 2013

Bachmannpreis

La­ris­sa Boeh­ning, Han­nah Dü­b­gen, Ro­man Ehr­lich, Ve­re­na Günt­ner, Heinz Hel­le, Na­di­ne Ke­ge­le, Ben­ja­min Maack, Ni­ko­la An­ne Mehl­horn, Joa­chim Mey­er­hoff, Anousch Muel­ler, Kat­ja Pe­trows­ka­ja, Zé do Rock, Phil­ipp Schön­tha­ler, Cor­du­la Simon.

So lau­ten die Na­men der Be­wer­ber um den dies­jäh­ri­gen Bach­mann­preis. Die Lis­te liegt seit ges­tern Nach­mit­tag auf der of­fi­zi­el­len Sei­te vor. Die acht Au­torin­nen und sechs Au­toren, die bei den „Ta­gen der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur 2013“ aus ih­ren un­ver­öf­fent­lich­ten Tex­ten le­sen, sind deut­scher, ös­ter­rei­chi­scher und schwei­zer Na­tio­na­li­tät. Vie­le be­sit­zen al­ler­dings „Sie strei­ten um den Bach­mann­preis – TDDL 2013“ wei­ter­le­sen

Reisehandbuch für Nichtreisende

Pierre Bayard verteidigt den fernen Blick

Bayard, OrteWie man über Bü­cher spricht, die man nicht ge­le­sen hat“, die­ses Es­say des Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lers und Psy­cho­ana­ly­ti­kers Pierre Ba­yard hat mich vor kur­zem sehr be­ein­druckt. Be­geis­tert von sei­nen Theo­rien zum Le­sen er­war­te­te ich neue geist­rei­che Aus­füh­run­gen zum The­ma „Wie man über Or­te spricht, an de­nen man nicht ge­we­sen ist“.

Nicht nur äu­ßer­lich gleicht das im Kunst­mann-Ver­lag er­schie­ne­ne neue Buch sei­nem Vor­gän­ger. Das schlich­te beige Co­ver ziert ein gal­li­scher Hahn, der dies­mal nicht auf ei­nem Sta­pel Bü­cher son­dern auf ei­nem Glo­bus Po­si­ti­on be­zo­gen hat. Auch der Auf­bau des Es­says wur­de über­nom­men. Von Ar­ten des Nicht­le­sen über Ge­sprächs­si­tua­tio­nen bis zu Emp­foh­le­nen Hal­tun­gen äu­ßert sich Ba­yard zu Or­ten, die man nicht kennt (UB), die man über­flo­gen hat (ÜO), die man vom Hö­ren­sa­gen kennt (EO) und die man ver­ges­sen hat (VO). Dar­aus er­ge­ben sich ent­spre­chen­de Ka­te­go­rien, die man ähn­lich aus dem Vor­gän­ger­buch kennt. Die Fol­ge­ka­pi­tel tra­gen den glei­chen Ti­tel wie im ers­ten Es­say, tei­len sich aber dem Su­jet ent­spre­chend in ver­schie­de­ne Un­ter­punk­te. Die Wahl „Rei­se­hand­buch für Nicht­rei­sen­de“ wei­ter­le­sen

Mücken, Mythen, Mussolini

Antonio Pennacchis „Canale Mussolini” — Oral History als Epos

Was bit­te, was sa­gen Sie? War­um sie dann bis hier­her ge­kom­men sind? Ja, we­gen dem Hun­ger, ich bit­te Sie, aus wel­chem Grund denn sonst? We­gen dem Hun­ger ist ei­ner zu al­lem bereit (…).

Der Ro­man, Ca­na­le Mus­so­li­ni, ver­wan­delt so­fort. Er macht aus dem Le­ser ei­nen Zu­hö­rer und ver­setzt ihn vom Ses­sel in ei­nen Stall, wo Frau­en, Kin­der, Män­ner sich am Abend ver­sam­meln. Das an­we­sen­de Vieh wärmt, eben­so das Glas Wein, al­le lau­schen ei­nem Ein­zi­gen, der eben­so wie die Frau­en ei­nen Fa­den spinnt, den Filò ei­ner lan­gen Geschichte.

An­to­nio Pen­n­ac­chis Epos be­ginnt vor hun­dert Jah­ren und er­zählt von Not und Mut der Fa­mi­lie Per­uz­zi. Kein Ge­heim­nis bleibt den Zu­hö­rern ver­bor­gen, denn der Er­zäh­ler, selbst ein Mit­glied der viel­köp­fi­gen Sip­pe, kennt sie al­le. Auch von der be­son­de­ren Be­zie­hung der Per­uz­zi zum Fa­scio weiß er ei­ni­ges zu be­rich­ten. Da gibt es nichts dran zu rüt­teln, sie wa­ren Schwarz­hem­den von An­fang an.

Die al­ten Per­uz­zi zeu­gen 17 Kin­der, nichts Un­ge­wöhn­li­ches „Mü­cken, My­then, Mus­so­li­ni“ wei­ter­le­sen