Blogger, wie hältst Du’s mit der Korrektur?

Fehlerteufel vermelden — Pflicht oder Fauxpas?

Im Ge­mein­de­bo­ten un­se­res Städt­chens fin­det sich der vom Ver­lag ein­ge­füg­te Satz „Wer Feh­ler­teu­fel ent­deckt, darf sie ger­ne be­hal­ten“. Doch wer möch­te Feh­ler, ge­tipp­te oder ge­dach­te, tat­säch­lich be­hal­ten? Das Blätt­le wird ge­blät­tert, meist nur ein ein­zi­ges Mal, aber wie sieht es bei Druckerzeug­nis­sen oder eWer­ken aus, die län­ge­ren Be­stand an­stre­ben? Soll­te man die­sen die Chan­ce zur Ver­bes­se­rung vorenthalten?

Als Ver­fas­se­rin ei­ge­ner Tex­te, nicht zu­letzt die­ses Blogs, weiß ich, wie schnell al­lei­ne die prak­ti­sche Er­fin­dung von co­py & pas­te zu Sinn­ent­stel­lun­gen füh­ren kann, von Tipp- und an­de­ren Feh­lern ganz zu schwei­gen. Doch wie ge­he ich da­mit um?

Als Au­torin kor­ri­gie­re ich be­schämt und so­fort, wenn mir in ei­nem ab­ge­han­ge­nen Text der Feh­ler­teu­fel ent­ge­gen grinst, ver­wun­dert, daß mich noch nie­mand dar­auf hin­ge­wie­sen hat.

Als Le­ser oder Durch­blät­te­rer stört er mich höchs­tens, löst aber kei­ne wei­ter­ge­hen­de Re­ak­ti­on aus. Ich kä­me nie auf den Ge­dan­ken dem Blätt­le ei­nen Brief zu schreiben.

Als Blog­ge­rin, die viel­leicht so­gar ein Re­zen­si­ons­exem­plar ge­le­sen hat, füh­le ich mich hin­ge­gen ge­neigt zur Ver­bes­se­rung bei­zu­tra­gen. Das führt nicht so­weit, daß ich dem Ver­lag ein Feh­ler­ver­zeich­nis sen­de, bei Self-Pu­blishern reizt mich dies schon.

Ich le­se Ro­ma­ne nicht mit Kor­rek­tur­blick, bin we­der Deutsch­leh­re­rin noch Lek­to­rin. Aber man­che Feh­ler fal­len ein­fach auf, be­son­ders die in­halt­li­chen, die sich ger­ne im Be­reich von My­tho­lo­gie und Ge­schich­te tum­meln. Oder soll­te der Li­te­ra­tur­blog­ger schwei­gen, wenn aus Her­mann ein Etrus­ker wird und aus der Me­du­sa ei­ne Me­dea? Die Ver­la­ge schwei­gen, die Self-Pu­blisher schwei­gen, kei­ne Re­ak­ti­on, we­der dank­bar noch empört.

Wie hal­tet ihr, lie­be Blog­ger­kol­le­gen, die Sa­che? Macht ihr Au­toren oder Ver­la­ge auf Feh­ler auf­merk­sam? Emp­fehlt ihr ein er­neu­tes Lek­to­rat oder ei­nen Blick in den Hun­ger? Oder be­vor­zugt ihr dis­kre­tes Schweigen?

gordimerlesen — Resümee eines Leseprojekts

Zu wenig Zeit für dieses?

Der neue Ro­man der 89-jäh­ri­gen No­bel­preis­trä­ge­rin Na­di­ne Gor­di­mer spielt wie al­le ih­re Ro­ma­ne in Süd­afri­ka. Die­ser Staat, die Hei­mat die­ser sich selbst als wei­ße Süd­afri­ka­ne­rin emp­fin­den­den Au­torin, ist auch die Haupt­fi­gur in „Kei­ne Zeit wie die­se“. Als wei­te­re tritt ein Ehe­paar auf, der Wei­ße Ste­ve und die Schwar­ze Ja­bu­li­le. Die­ses Mi­schung und ih­re Zug­hö­rig­keit zum An­ti­apart­heids­kampf mach­te sie zu ei­nem klan­des­ti­nen Paar, zu­nächst leb­ten sie als Ge­nos­sen in Swa­si­land, dann il­le­gal in ei­ner Sied­lung am Rand ei­ner Stadt ih­res Hei­mat­staa­tes. Hier setzt die Er­zäh­lung ein und schil­dert, wie die Bei­den die­se Wohn­la­ge zu Guns­ten ei­nes klei­nen Häus­chens in der Vor­stadt auf­ge­ben. Dort le­ben sie in der al­ter­na­ti­ven Ge­mein­schaft der Ex-Ge­nos­sen, eher als Bo­hè­me denn als Bour­geois. Doch dies än­dert sich, Kin­der wer­den ge­bo­ren, Kar­rie­ren ver­folgt. Die Le­bens­um­stän­de und Be­zie­hun­gen ver­än­dern sich ge­nau so wie die po­li­ti­schen Zu­stän­de sich ver­schlech­tern. Es of­fen­bart sich, daß die Zie­le des Kamp­fes nicht er­reicht wur­den. Ent­ge­gen al­ler Idea­le hat sich ei­ne neue Un­ge­rech­tig­keit ent­wi­ckelt, die nicht auf un­ter­schied­li­cher Haut­far­be ba­siert, son­dern auf der Kluft zwi­schen arm und reich, ge­för­dert und nicht ver­hin­dert von kor­rup­ten Po­li­ti­kern. Gor­di­mer wirft über ei­ne Span­ne von 16 Jah­ren Schlag­lich­ter auf die Ent­wick­lun­gen von Ehe, Fa­mi­lie und dem Freun­des­kreis der Ge­nos­sen, für die­se gilt eben­so wie für die Po­li­tik Süd­afri­kas, „Nichts ist wie es scheint“.

Ei­ne har­te Kri­tik an der süd­afri­ka­ni­schen Re­gie­rung, die Gor­di­mer ne­ben der bür­ger­li­chen In­tel­li­genz für die ka­ta­stro­pha­len Zu­stän­de ih­res Lan­des ver­ant­wort­lich macht, ist der An­trieb für die­sen Ro­man. Sein Ziel ist es die­se Miß­stän­de be­wusst zu ma­chen. Dies ist Gor­di­mer ge­lun­gen, doch auf ei­ne an­stren­gen­de Wei­se. Stil und Spra­che er­schwe­ren den Zu­gang. Satz­teil­ket­ten, nicht im­mer lo­gisch auf­ein­an­der­fol­gend, doch mit zahl­lo­sen Kom­ma­ta von­ein­an­der ge­trennt, sind mal Ge­dan­ken, mal Ge­re­de, nicht im­mer ein­deu­tig zu zu­ord­nen. Man­che Über­set­zungs- oder Sinn­feh­ler kom­men da­zu. Das mag man hin­neh­men. Viel­leicht ge­bie­tet es auch die Ehr­furcht vor ei­ner alt­ehr­wür­di­gen No­bel­preis­trä­ge­rin, ihr den Wunsch nach kei­nem Lek­tor zu ge­wäh­ren. Das Ver­ständ­nis der Le­ser ver­wirrt es eher.

Nach ei­ner Wei­le, bei mir hat es un­ge­fähr die Hälf­te der im­mer­hin 506 Sei­ten ge­dau­ert, liest man sich ein und wun­dert sich nicht mehr über Sät­ze, wie „In der Part­ner­schaft der Idea­le Lie­be, se­xu­el­le Er­fül­lung und Zu­kunfts­pfand Kin­der, die das Mys­te­ri­um na­mens Ehe ist, ist die Bil­dung Ste­ves Ab­tei­lung. Fel­sen ist un­ter ih­ren Fü­ßen, un­ter der un­ter­schied­li­chen Ar­beit, die je­der tut; ih­re ge­mein­sa­men Überzeugungen.”

Viel stär­ker hat mich der deut­lich er­ho­be­ne Zei­ge­fin­ger ge­stört. Wenn man nach ei­ner Wei­le mit den süd­afri­ka­ni­schen Zu­stän­den und Gor­di­mers Kri­tik dar­an ver­traut ist, und sie sich durch ei­ge­ne Re­cher­chen er­schlos­sen hat, ‑hier wä­re ein Glos­sar dem we­ni­ger kun­di­gen Le­ser hilfreich‑, fällt die Ab­sicht der Au­torin ins Au­ge. Die ei­gent­li­che Hand­lung mit ih­ren Per­so­nen dient als Ex­em­pel um Gor­di­mers po­li­ti­sche Mei­nung zu trans­por­tie­ren. Dass die­se durch­aus be­rech­tigt ist, möch­te ich ihr als ehe­ma­li­gem Mit­glied des ANC kei­nes­falls in Ab­re­de stel­len. Al­ler­dings ist sie durch­schau­bar und macht die Ent­wick­lun­gen im Ro­man vorhersehbar.

Ein wei­te­res Man­ko ist die un­ge­heu­re Red­un­danz. Wenn der aus­wan­de­rungs­wil­li­ge Ste­ve sich In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al über Aus­tra­li­en durch­liest, ist es er­mü­dend die glei­chen Fak­ten meh­re­re hun­dert Sei­ten spä­ter noch­mals von Ja­bu re­pe­tie­ren zu las­sen. Dies nur ein Bei­spiel un­ter vie­len, die mich po­si­tiv dar­an er­in­ner­ten, daß ich noch nicht ver­gess­lich bin. In ei­nem Ro­man är­gert mich das je­doch sehr, denn im­mer­hin hät­te er mir nach Kür­zung die­ser Wie­der­ho­lun­gen we­ni­ger Le­se­zeit gestohlen.

Viel­mehr hät­te ich we­ni­ger Le­se­zeit schen­ken müs­sen, dem Ro­man und dem Ber­lin Ver­lag. Die­ser hat­te an­läss­lich des Er­schei­nens ein vir­tu­el­les Le­se­pro­jekt in­iti­iert, an dem ich mit sie­ben wei­te­ren Blog­ge­rin­nen und Blog­gern teil­neh­men durfte.

Ich weiß nicht ge­nau, wel­che Vor­stel­lun­gen die an­de­ren Teil­neh­mer oder der Ver­lag hat­ten, ich hat­te an­schei­nend andere.

Zwar fand ich es in­ter­es­sant die Ein­zel­bei­trä­ge zu den Ab­schnit­ten zu le­sen. Al­ler­dings hat­te ich mir ei­ne stär­ke­re Dis­kus­si­ons­freu­dig­keit er­hofft. Manch­mal ent­wi­ckel­te sich ein Ge­spräch, bis­wei­len so­gar ein Dis­put, was durch­aus an­re­gend war, aber mit dem Ab­zug ei­ni­ger Teil­neh­mer abnahm.

Viel­leicht hät­te die Mo­de­ra­ti­on durch den Ver­lag dies ver­bes­sern kön­nen. Auf vie­le Fra­gen und An­re­gun­gen wur­de nicht ein­ge­gan­gen. Um ein sol­ches Pro­jekt sinn­voll durch­zu­füh­ren, muss man Zeit in­ves­tie­ren, sonst ist es für die Katz. Mit feh­len­der Zeit mag sich auch mein Ein­druck be­grün­den, daß nicht al­le Blog­ger die Bei­trä­ge ih­rer Kol­le­gen ge­le­sen haben.

Auch scheint mir Word­Press nicht die idea­le Form für ein der­ar­ti­ges Le­se­pro­jekt zu bie­ten. Ei­ni­ge au­ßen ste­hen­de Le­ser ha­ben sich bei mir über die Un­über­sicht­lich­keit beklagt.

Für das Pro­jekt fin­de ich das al­les sehr scha­de, denn an sich war es ei­ne sehr gu­te Idee.

Durch Ak­ti­on und Ro­man ha­be ich auf je­den Fall ei­nen Ein­blick in süd­afri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se er­hal­ten. Nicht zu­letzt auch durch die im Blog ge­pos­te­ten In­ter­views mit Na­di­ne Gor­di­mer. Ih­rem le­bens­lan­gen An­schrei­ben ge­gen so­zia­le Un­ge­rech­tig­keit und po­li­ti­sche Miß­stän­de zol­le ich gro­ßen Re­spekt, ih­ren The­sen be­geg­ne ich al­ler­dings lie­ber im In­ter­view oder Es­say.

Die Wand — Innere Emigration oder radikale Selbstbestimmung

Mit Daniela Strigl auf den Spuren Marlen Haushofers(1920–1970)

Den Ro­man Die Wand ha­be ich nicht wie vie­le Frau­en mei­ner Ge­ne­ra­ti­on in den Acht­zi­gern ken­nen­ge­lernt, son­dern erst vor we­ni­gen Jah­ren. Als Lek­tü­re des Li­te­ra­tur­krei­ses dis­ku­tier­ten wir ihn teil­wei­se sehr kon­tro­vers, be­son­ders die Mei­nun­gen über den töd­li­chen Schuß auf den Ein­dring­ling gin­gen weit auseinander.

Die Wand ist das be­kann­tes­te Buch der mit knapp fünf­zig Jah­ren an Krebs ver­stor­be­nen Mar­len Haus­ho­fer. Der Ro­man der eher scheu­en Schrift­stel­le­rin er­reg­te be­reits kurz nach Er­schei­nen li­te­ra­ri­sches Auf­se­hen und wur­de in meh­re­re Spra­chen über­setzt. Gro­ßen Ruhm er­lang­te er je­doch erst als Kult­buch der fe­mi­nis­ti­schen Frau­en­li­te­ra­tur nach über ei­nem Jahrzehnt.

Dies schil­dert die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Da­nie­la Stri­gl im Vor­wort zu ih­rer 2007 er­schie­ne­nen Bio­gra­phie über Mar­len Haus­ho­fer Wahr­schein­lich bin ich ver­rückt. Der An­laß mich in die­se Un­ter­su­chung zu ver­tie­fen liegt nicht al­lein bei Da­nie­la Stri­gl, die mich stets als Ju­ro­rin des Bach­mann-Wett­be­werbs be­ein­druckt. Es ist die ak­tu­el­le Ver­fil­mung des Ro­mans un­ter der Re­gie von Ro­man Pöls­ler, in der Mar­ti­na Ge­deck auf über­zeu­gen­de Wei­se die ein­zi­ge mensch­li­chen Haupt­rol­le verkörpert.

Ei­ne Frau fährt mit ei­nem be­freun­de­ten Ehe­paar zu ei­ner Jagd­hüt­te in den Ber­gen. Als am Abend die Freun­de zum Gast­haus im Dorf ge­hen, bleibt die Frau mit dem Hund zu­rück. Erst am nächs­ten Mor­gen be­merkt sie, daß ih­re Freun­de nicht zu­rück ge­kehrt sind. Sie bricht ins Dorf auf, er­reicht die­ses je­doch nie, da ihr ei­ne un­sicht­ba­re Wand den Weg ver­sperrt. Die­se Wand schließt sie groß­räu­mig ge­gen den Rest der Welt ab, der ver­stei­nert und leb­los da liegt. Die Frau rich­tet sich ein in ih­rem Über­le­ben in der Na­tur, nur be­glei­tet durch den Hund und an­de­re Tiere.

Wäh­rend der ers­ten Sze­nen war ich sehr skep­tisch, ob die fil­mi­sche Um­set­zung die­ses stark in der In­nen­welt der Fi­gur spie­len­den Ge­sche­hens funk­tio­nie­ren wür­de. Ein Kam­mer­spiel in der frei­en Na­tur, in dem als wei­te­re Part­ner aus­schließ­lich Tie­re mit­spie­len. Die Ge­dan­ken, die der Ein­sied­le­rin durch den Kopf ge­hen und die sie als Be­richt no­tiert, spricht ei­ne Stim­me im Hin­ter­grund. Doch je län­ger die­ser ru­hi­ge Fluss der Wor­te das Fort­schrei­ten des Films be­glei­tet, um­so stär­ker schlug er mich in sei­nen Bann. Die in un­se­rem Kreis lan­ge dis­ku­tier­te Fra­ge, war­um die Frau den ein­zi­gen Men­schen, den sie nach Jah­ren in ih­rem Re­ser­vat trifft, tö­tet, be­ant­wor­tet der Film auch für den letz­ten Zweif­ler ein­deu­tig. Weil es eben kein Mensch war, der dort plötz­lich in ih­re Welt ein­brach, son­dern ein Unmensch.

Mich hat die­ser Film sehr be­ein­druckt und er warf er­neut die Fra­ge auf, in­wie­weit sei­ne Vor­la­ge die in­ne­re Be­find­lich­keit der Au­torin Mar­len Haus­ho­fer wi­der­spie­gelt. Lässt sich Die Wand tat­säch­lich als Ro­man ei­ner De­pres­si­on be­zeich­nen oder ist die­se oft kol­por­tier­te Mei­nung le­dig­lich Küchenpsychologie?

Ein­deu­tig wird sich dies wohl nie be­ant­wor­ten las­sen, so die Bio­gra­phin Stri­gl. Haus­ho­fer ha­be zwar re­gel­mä­ßig Ta­ge­buch ge­führt, die­se Hef­te je­doch ge­nau­so re­gel­mä­ßig ver­nich­tet. Es exis­tie­ren den­noch Do­ku­men­te und Auf­zeich­nun­gen, ku­rio­ser­wei­se ver­wal­tet von der zwei­ten Ehe­frau ih­res Man­nes, die auf­schluss­rei­che Ein­bli­cke er­lau­ben. In die­sen ver­rät Haus­ho­fer, „al­le Per­so­nen sind Tei­le von mir, so­zu­sa­gen ab­ge­spal­te­ne Per­sön­lich­kei­ten“, re­la­ti­viert dies je­doch im glei­chen Satz durch die si­cher zu­tref­fen­de, aber auch ver­all­ge­mei­nern­de Fest­stel­lung, daß „al­les, was ein Schrift­stel­ler schreibt, au­to­bio­gra­phisch sei“ (S. 11). Die­se Of­fen­ba­rung, die so­fort wie­der zu­rück­ge­nom­men wird, deu­tet auf die Wi­der­sprüch­lich­keit der Autorin.

Der Wald mit sei­ner Wei­te und sei­ner Ru­he ist ein wich­ti­ger Teil ih­rer Kind­heit als Förs­t­ertoch­ter. In die­se Welt kehrt sie auch in ih­ren Bü­chern im­mer wie­der zu­rück. Die Hand­lungs­or­te des Ro­mans sind die Or­te ih­rer Kind­heit. Die Jagd­hüt­te ist die ober­halb des Forst­hau­ses Ef­ferts­bach ge­le­ge­ne La­cken­hüt­te. Von dort aus ist die Hai­den­alm in 1300 Me­tern Hö­he nach wie vor nur für Wan­de­rer er­reich­bar. Al­ler­dings war die er­wach­se­ne Mar­len Haus­ho­fer kei­ne tier­lie­ben­de wan­dern­de Na­tur­freun­din, wie man es ver­mu­ten könn­te. In ei­nem Ra­dio­es­say wi­der­spricht sie die­ser Vor­stel­lung „ei­ner Ein­sied­le­rin(…), die das ein­fa­che Le­ben lieb­te und men­schen­scheu war“, sie lieb­te Pflan­zen, „weil Pflan­zen nicht Lärm schla­gen kön­nen und im­mer hübsch still sind“, aber „hat­te gro­ße Angst vor Hun­den“ (S.252). Das im Ro­man ge­schil­der­te Wis­sen um Flo­ra und Fau­na er­warb sie sich, Fra­gen zu De­tails be­ant­wor­te­te ihr Bru­der Ru­dolf, ein Forstwissenschaftler.

Die Frau in Die Wand darf folg­lich nicht als Cha­rak­ter­ab­bild der Mar­len Haus­ho­fer ge­deu­tet wer­den. In der ers­ten Ab­schrift des Ro­mans hat Stri­gl al­ler­dings vie­le au­to­bio­gra­phi­sche Hin­wei­se ent­de­cken kön­nen, die aus der end­gül­ti­gen Ver­si­on ge­tilgt wur­den. Dort denkt die Fi­gur noch in län­ge­ren Pas­sa­gen an ih­re Kin­der und ih­ren Mann. Das weit­ge­hen­de Feh­len die­ser Mo­men­te führ­te bei un­se­rer da­ma­li­gen Dis­kus­si­on zu ei­ni­gem Er­stau­nen und er­schien schwer nachvollziehbar.

Die ge­stri­che­nen Pas­sa­gen, dar­un­ter der Satz „Ei­gent­lich hät­te ich fast al­les was ich ge­tan ha­be lie­ber nicht ge­tan.“ füh­ren Stri­gl zu der Deu­tung „hier zieht ei­ne Vier­zig­jäh­ri­ge ei­ne ab­so­lut hoff­nungs­lo­se und un­er­bitt­li­che Bi­lanz“ (S.253). Ent­frem­dung sei das vor­herr­schen­de Ge­fühl der Haus­ho­fer ge­we­sen, das sie auch der Nur-Haus­frau der Erst­fas­sung zu­ge­schrie­ben ha­be. Auf sich selbst ge­stellt er­le­be die Haupt­fi­gur Frei­heit von Fremd­be­stim­mung, zu­gleich aber den Zwang zum Über­le­ben und die dar­aus er­wach­sen­de Ver­ant­wor­tung für Tie­re und Pflan­zen. „Die Ka­ta­stro­phe hat­te mir ei­ne gro­ße Ver­ant­wor­tung ab­ge­nom­men und, oh­ne daß ich es so­gleich merk­te, ei­ne neue Last auf­er­legt.“ (Die Wand, S. 75)

Ne­ben die­sem bio­gra­phi­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­satz lie­gen wei­te­re Deu­tungs­mög­lich­kei­ten. Ein Blick auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te zeigt, daß Haus­ho­fer ih­re In­spi­ra­ti­on viel­leicht ei­ner ganz an­de­ren Art von Es­ka­pis­mus ver­dankt, dem Sci­ence-Fic­tion-Ro­man. Haus­ho­fer las die­se sehr ger­ne und gab sie da­nach dem Sohn ei­ner Be­kann­ten. Die­ser er­wähn­te ge­gen­über Stri­gl ei­ne Ge­schich­te mit dem Ti­tel Die glä­ser­ne Kup­pel, die das Über­le­ben ei­ner Grup­pe un­ter ei­ner Glas­glo­cke schil­dert. Ei­ne ein­deu­ti­ge Zu­ord­nung ge­lang zwar nicht, doch auch oh­ne die­se lie­ße sich Die Wand kul­tur­pes­si­mis­tisch als Angst vor dem Atom­krieg deu­ten. Ei­ne an­de­re, psy­cho­lo­gi­sche In­ter­pre­ta­ti­on lie­fert die Au­torin selbst, „je­ne Wand, die ich mei­ne, ist ei­gent­lich ein see­li­scher Zu­stand, der nach au­ßen plötz­lich sicht­bar wird. Ha­ben wir nicht über­all Wän­de auf­ge­rich­tet? Trägt nicht je­der von uns ei­ne Wand zu­sam­men­ge­setzt aus Vor­ur­tei­len vor sich her?“ (S.264) Dies ist nicht haupt­säch­lich ne­ga­tiv ge­meint, son­dern ei­ne na­tür­li­che Fol­ge mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens. Woll­te Haus­ho­fer folg­lich eher ei­ne Pa­ra­bel über die Di­stanz, die nicht nur im ne­ga­ti­ven Sin­ne iso­liert, son­dern auch not­wen­dig ist, schrei­ben? Eben kei­ne Ge­schich­te, die mit dem Bild der un­sicht­ba­ren Wand die in­ne­re Emi­gra­ti­on ei­ner De­pres­si­ven dar­stellt? Oder ist es doch eher so, wie ih­re Freun­din Eri­ka Dan­nen­berg mit psy­cho­ana­ly­ti­schem Be­steck se­ziert, die Dar­stel­lung ei­nes schi­zo­phre­nen Schubs, der je­de emo­tio­na­le Be­zie­hung zur Au­ßen­welt zer­stört und in Ver­ach­tung des An­de­ren und tie­fer Ag­gres­si­on mündet?

Mich über­zeugt die The­se Stri­gls, die in dem Ro­man die „ra­di­kals­te Phan­ta­sie ei­nes selbst­be­stimm­ten Le­bens“(S. 261) sieht. Doch, um mich aber­mals dem Ur­teil die­ser Bio­gra­phin an­zu­schlie­ßen, „Man kann in die­ser auf den ers­ten Blick so ein­fa­chen Ge­schich­te im­mer noch ein biß­chen tie­fer gra­ben und wird da­bei auf neu­es Ge­stein, auf ei­ne neue Erz­ader sto­ßen.“( S. 261)

Mar­len Haus­ho­fer, Die Wand, List Ver­lag, 7. Aufl. 2005
Da­nie­la Stri­gl, „Wahr­schein­lich bin ich ver­rückt…” Mar­len Haus­ho­fer — die Bio­gra­phie, List Ver­lag, 3. Aufl. 2009

Steglitz fragt — Atalante antwortet

Auf „Ste­glitz­Mind“ bie­tet Ge­si­ne von Prit­t­witz poin­tier­te Bli­cke auf Haupt- und Ne­ben­schau­plät­ze der Buch­welt. Da­zu zäh­len In­ter­views, die sie mit bi­blio­phi­len Blog­gern führt.

Nun ha­be auch ich mich ih­ren Fra­gen zu Le­ben und Lei­den die­ser Spe­zi­es ge­stellt und die­se brav be­ant­wor­tet. Be­vor Shit­s­torm oder Kon­fet­ti­re­gen ein­set­zen ein letz­ter Gruß an Ge­si­ne und Herrn Flat­ter.

gordimerlesen

Nadine Gordimer — Ein Leseprojekt des Berlin Verlags

Ge­mein­sam le­sen und dar­über re­den ist ei­ne be­son­de­re Form der Lek­tü­re. Ver­schie­de­ne Men­schen fin­den ver­schie­de­ne Zu­gän­ge zu ei­nem Buch, ihr spe­zi­el­les Wis­sen und die un­ter­schied­li­chen Er­fah­run­gen flie­ßen ein. Von die­ser Dif­fe­renz pro­fi­tiert die Grup­pe und je­der Mitleser.

Nun hat der Ber­lin Ver­lag ein der­ar­ti­ges Le­se­pro­jekt ge­star­tet. Zu­sam­men mit sechs an­de­ren Blog­gern wer­de ich ab dem 8. Ok­to­ber auf dem Blog gor­di­mer­le­sen den neu­en Ro­man „Kei­ne Zeit wie die­se” der be­kann­ten No­bel­preis­trä­ge­rin le­sen und kommentieren.

Auf die­se an­re­gen­de Art des Aus­tauschs freue ich mich be­son­ders, da ich be­reits oft bei der­ar­ti­gen Le­se­pro­jek­ten da­bei war. Dar­un­ter wa­ren klei­ne­re Wer­ke wie Pa­trick Süs­kinds „Die Tau­be“, das ein­drucks­vol­le „Das Herz ist ein ein­sa­mer Jä­ger“ von Carson Mc­Cul­lers und der schwer­ge­wich­ti­ge Welt­klas­si­ker „An­na Ka­re­ni­na“. Bei die­sem Pro­jekt er­in­ne­re ich  mich noch gut an ei­nen gro­ßen Mit­le­ser­schwund. Zeit­gleich mit Wronskijs Gaul hat­ten fast al­le ins Gras ge­bis­sen, so daß wir An­na nur noch zu zweit bis zu ih­rem En­de be­glei­ten konnten.

Das wird dies­mal wohl kaum pas­sie­ren. Ers­tens gibt ver­mut­lich kein ein­zi­ges Pferd in die­sem Ro­man und zwei­tens sind aus.gelesen, die Bi­blio­phi­linBo­na­ven­turaBuzz­al­drin, die Klap­pen­tex­te­rin und Wort­ga­le­rie si­cher sattelfest.

Ge­le­sen wird in be­kömm­li­chen Ta­ges­por­tio­nen, die im Blog auch für in­ter­es­sier­te Be­su­cher ab­ruf­bar sind.

Ich ha­be üb­ri­gens schon mal ge­spickt, es wird in­ter­es­sant werden.

Herz am falschen Fleck

Fabelhafte Konfabulationen in Angelika Meiers „Heimlich, heimlich mich vergiss

Ja, wer­fen Sie noch ei­nen letz­ten Blick zu­rück, schau­en Sie nur, Dok­tor, da oben ha­ben wir Hy­per­bo­re­er ge­lebt, in azur­ner Ein­sam­keit, in Hö­hen, die kein Vo­gel je er­flog, auf dem Dach der kli­ni­schen Welt, um Er­lö­sung vom Ekel zu fin­den. Und ist es nicht schön, dass die­ses Dach zu­gleich auch schon das gan­ze Haus, par­don die gan­ze Welt war?“

Die­ser Satz, der ge­gen En­de fällt, for­mu­liert das Set­ting des Ro­mans. An ei­nem ent­ho­be­nen Ort, ei­ner als Well­ness-Ashram ge­tarn­ten psych­ia­tri­schen Kli­nik, le­ben Pa­ti­en­ten und Ärz­te in ei­gen­tüm­li­cher Sym­bio­se. Ab­ge­schot­tet von der üb­ri­gen Welt, so­fern sie noch exis­tiert, ver­brin­gen sie ih­re Ta­ge nach salut­o­ri­schen Maß­stä­ben. Yo­ga steht auf der Ta­ges­ord­nung ganz oben, die Lauf­bän­der im hell­ro­sa Am­bi­en­te ei­nes Ok­ta­gons. Abends wird stil­voll ge­speist, tags­über be­ru­hi­gen sich die Be­treu­ten mit Rha­bar­ber-Opi­um, die Be­treu­er mit ei­ner Zi­ga­ret­te. Zwi­schen dem Sport, wird Stim­men­hö­ren oder Sex ver­ord­net. Falls es gar nicht mehr geht, be­gibt man sich zwecks In­spek­ti­on zum Kern­ana­tom oder di­rekt auf die letz­te Reise.

In die­ser Welt dok­tert Franz von Stern. Ganz auf sich al­lein ge­stellt ist er al­ler­dings nie. Sein ste­ter Be­glei­ter ist ein Re­fe­rent, Er­geb­nis ei­nes im­plan­tier­ten Über-Ichs, ein per­sön­li­cher Re­gu­la­tor, der den ge­ord­ne­ten Be­trieb durch­führt. Die­ser soll die Er­star­kung des al­ten Egos mit al­len sei­nen Er­in­ne­run­gen ver­hin­dern, wäh­rend Stern doch ge­ra­de dar­in her­um­wühlt um ei­nen gu­ten ers­ten Satz für den von der Kli­nik­lei­tung ge­for­der­ten Ei­gen­be­richt zu finden.

An­ge­li­ka Mei­er schil­dert in ih­rem zwei­ten Ro­man ei­ne Ge­sund­heits­dys­to­pie, de­ren Be­woh­ner nicht nur me­di­zi­nisch über­wacht und durch­leuch­tet wer­den. Dies un­ter­nimmt die pro­mo­vier­te Phi­lo­so­phin auf äu­ßerst an­re­gen­de Wei­se. Quer­ver­wei­se und Zi­ta­te aus al­len Be­rei­chen der Kul­tur­ge­schich­te for­dern den Le­ser und be­rei­ten gro­ßes Lesevergnügen.

Be­reits die Na­men der an­we­sen­den Göt­ter in Weiß amü­sie­ren. Wenn Dr. Tulp, „der bes­te Kern­ana­tom der kli­ni­schen Welt“, den Brust­korb zum Me­diat­or­check öff­net, fühlt man sich un­wei­ger­lich in die Haar­le­mer Ana­to­mie ver­setzt, die Rem­brandt einst ab­bil­de­te. Rem­brandts Tulp se­ziert ei­nen To­ten, auch die Kör­per un­ter dem Skal­pell von Mei­ers Tulp ha­ben kaum noch Le­ben in sich. Die ge­bro­che­nen Her­zen wur­den zwi­schen Där­me ge­bet­tet und durch ein Me­dia­tor-Sys­tem ersetzt.

Le­dig­lich bei Stern scheint die­ses nicht mehr rund zu lau­fen, er träumt so­gar sein frü­he­res Le­ben. Ver­stärkt wird dies durch die Be­geg­nung mit ei­ner neu­en, am­bu­lan­ten Pa­ti­en­tin, die er als sei­ne frü­he­re Frau er­kennt. Grund ih­rer Ein­wei­sung ist ei­ne aku­te man­geln­de Ge­sund­heits­ein­sicht und ein durch und durch sym­pa­thi­sches Ner­ven­sys­tem. Nach und nach wer­den auf dem Klinik­hü­gel wei­te­re Fa­mi­li­en­ban­de er­kenn­bar, Sohn, Groß­va­ter und Groß­mutter, die reins­te Idyl­le. Doch die­ser will Stern ent­flie­hen, weil sie eben nicht ge­lebt wer­den kann.

An­ge­li­ka Mei­ers Ro­man stellt für mich die kom­ple­xes­te Lek­tü­re seit lan­gem dar. In der An­la­ge ih­rer schi­zo­id an­mu­ten­den Fi­gur Stern er­gibt sich ei­ne dop­pel­te Er­zähl­per­spek­ti­ve. Mal be­rich­tet der Re­fe­rent, mal fühlt und er­in­nert der wah­re Stern. So ent­ste­hen  Rück­blen­den, in de­nen sich ver­meint­lich re­al Ge­sche­he­nes mit sur­re­al wir­ken­den Sze­nen ver­mischt. Mei­ers Spra­che ist geist­reich und fa­bel­haft for­mu­liert. Mit man­nig­fal­ti­gen Re­fe­ren­zen setzt sie ih­re Sa­ti­ren in ab­sur­des Licht. Dies for­dert und amü­siert zu­gleich. Kur­siv ge­setzt fin­den sich Zi­ta­te von Au­gus­ti­nus, der Bi­bel, Marx, Pusch­kin, Ril­ke und an­de­ren. Mit Ar­no Schmidt ka­lau­ert sie Goe­thes Ita­li­en­sehn­sucht zu Gen-ita­li­en. Ei­ne be­son­de­re Re­fe­renz er­weist die Au­torin Gott­fried Benn. Sie zi­tiert nicht nur vie­le sei­ner Wer­ke, sei­ner No­vel­le Ge­hir­ne schei­nen die hoch oben ge­le­ge­ne Kli­nik und der jun­ge Arzt entlehnt.

Mei­er ent­wi­ckelt in ih­rer Dys­to­pie ei­ne un­ge­heu­re Viel­falt an Hand­lungs- und Wort­ideen. Zwi­schen Hal­lod­rie­ge­dächt­nis und Him­mel­was­ser­blau ver­mischt sie irr­wit­zi­gen Me­di­zin­jar­gon mit The­ra­peu­ten­ge­fa­sel. Ein schö­ner Spott über den heil­brin­gen­den Ge­sund­heits­glau­ben und sei­ne Jün­ger. Er stößt je­doch im La­chen be­reits so bit­ter auf wie zu viel Opi­um-Rha­bar­ber-Saft. Die­ser galt üb­ri­gens an­no 1814 als Mit­tel ge­gen die Ruhr.  Dar­über kann man bei der Re­cher­che la­chen, vor­her, al­so wäh­rend des Le­sens lacht man laut und ga­ran­tiert über die Qual­len­pest der Aqua­gym­nas­tik und den am Be­cken­rand vor­tur­nen­den Arzt. Erst recht über Pfle­ger Pflü­gers Fuß­re­flex­zo­nen Fel­la­tio. So­wie schließ­lich und end­lich über die grün­schwarz tä­to­wier­ten schlan­gen­glei­chen Ar­me des Schlaf­for­schers und Wa­ch­of­fi­ziers Dr. Dan­ke­vicz, der sei­ne wah­re Be­ru­fung in der Phal­lo­lo­gie fand.

Ei­ne klit­ze­klei­ne Kri­tik ha­be ich den­noch an die­sem Buch, wel­ches ich si­cher­lich noch ein­mal le­sen wer­de, da ich längst nicht al­les ver­stan­den ha­be. As­kle­pi­os, der grie­chi­sche Gott der Heil­kunst, und so­mit in die­sem Ro­man gut plat­ziert auf S. 32, be­saß zwar den Stab mit der Schlan­ge, ei­gent­lich war er ja selbst ei­ne, aber ganz be­stimmt wur­de er nicht mit sei­nen bei­den Söh­nen, die er nicht be­saß, von Schlan­gen er­würgt. Das war Lao­ko­on, den As­kle­pi­os hat Zeus blitz­schnell er­le­digt mit ei­nem Schlag.

An­ge­li­ka Mei­er, Heim­lich, heim­lich mich ver­giss, dia­pha­nes, Zü­rich, 1. Aufl. 2012
 

Vor­läu­fi­ges Ver­zeich­nis der Zitate

 

Donau vs. America

 In „Tod auf der Donau“ schildert Michal Hvorecky eine handlungsreiche Donauflussfahrt

Nicht nur in der Slo­wa­kei sind die Ver­dienst­mög­lich­kei­ten li­te­ra­ri­scher Über­set­zer rar und schlecht. Dies treibt man­chen Jung­aka­de­mi­ker un­ter ein be­rufs­fer­nes, aber pe­ku­ni­är ein­träg­li­ches Joch jen­seits sei­nes geis­ti­gen Ni­veaus. Auch Mar­tin Roy, der Prot­ago­nist in Mi­ch­al Hvor­eckys Do­nau­ro­man, ist trotz be­ruf­li­cher Er­fol­ge ge­zwun­gen ei­nen der­ar­ti­gen Job an­zu­neh­men. Die­ser bringt Geld, ihn je­doch oft ge­nug an den Rand sei­ner Ge­duld. An­statt sich um Wor­te und In­ten­tio­nen von Dich­tern zu küm­mern, bin­det er nun Ba­nau­sen Bä­ren auf den Wohl­stands­bauch. Ist Mar­tin der Fähr­mann über den Ache­ron? Je­de Men­ge Tod­ge­weih­ter nimmt er in sei­nen Na­chen auf und lässt sich dies in Mün­ze und gu­ten Be­wer­tun­gen ver­gel­ten. Nur das si­chert sei­nen Pos­ten. Sei­ne wah­ren Pas­sio­nen ver­leug­net er pro­fes­sio­nell und ver­dingt sich als Kreuz­fahrt­knecht. Freund­lichst zu Diens­ten, je­der­zeit ein ex­zel­lent säu­selnd, or­ga­ni­siert und er­klärt er, hilft wei­ter, auch wo es kaum mehr geht, be­sorgt über­ge­wich­ti­gen Be­hin­der­ten hel­fen­de Hän­de für die Trieb­ab­fuhr und er­läu­tert den Ah­nungs­lo­sen ver­blüf­fen­de Fakten.

Mar­tin, bit­te, was ist Ba­rock? Die Frau Rei­se­füh­re­rin hat es ei­ni­ge Ma­le er­wähnt“, fragt Jef­frey und beugt sich über den Schalter.

Dar­über brauchst du dir nicht den Kopf zu zer­bre­chen. Das habt ihr in Ame­ri­ka nicht.“

Wirk­lich nicht?“

Ba­rock war ei­ne ita­lie­nisch-po­li­ti­sche Dik­ta­tur, die noch vor der Go­tik in Eu­ro­pa herrsch­te. Sehr bö­se, ob­skur und gefährlich!“

Gut, dass wir das in Ame­ri­ka nicht ha­ben! So was brau­chen wir auch nicht. Was wir jetzt brau­chen ist ei­ne gu­te Wirt­schafts­la­ge und Ordnung.“

Sein Sar­kas­mus scheint die ein­zi­ge Not­wehr ge­gen die ver­ord­ne­te zu­cker­sü­ße Freund­lich­keit. Die­se stößt ihm je­doch um­so bit­te­rer auf je län­ger die Rei­se von Re­gens­burg bis zum Schwar­zen Meer dau­ert. Auch un­ter der Be­sat­zung fühlt sich Mar­tin fremd.

An Bord leb­te Mar­tin in ei­ner Män­ner­ge­sell­schaft. Von mor­gens bis abends at­me­te er ei­ne Luft, die mit Män­ner­ge­rü­chen ge­sät­tigt war. Er ge­wöhn­te sich an ih­re Ges­ten, den schnel­len Gang, die ver­rauch­ten Stim­men und ver­sof­fe­nen Au­gen. Die meis­ten moch­te er auch auf ge­wis­se Art und Wei­se, al­ler­dings war dies mehr ei­ne Zweck­ge­mein­schaft, ihm blieb gar nichts an­de­res üb­rig, er woll­te nicht ver­rückt werden.“

Ein­zig der Fluss, die Do­nau, ent­schä­digt ihn. Sie ver­strömt ei­ne An­zie­hung, die er seit sei­ner Kind­heit in Bra­tis­la­va ge­spürt hat.

Die Do­nau er­in­ner­te an ei­ne lang ge­zo­ge­nen Schlan­ge, de­ren Kopf im Schwar­zen Meer lag, ihr Kör­per brei­te­te sich über den ge­sam­ten Kon­ti­nent aus, und die Schwanz­spit­ze ver­lor sich ir­gend­wo im Schwarz­wald. Der Fluss fas­zi­nier­te ihn. Dort­hin muss­te er mal fah­ren! Die Schlan­ge hat­te ihn fasziniert.“

Mar­tin taucht ein in die Er­in­ne­run­gen an sei­ne Kind­heit in Bra­tis­la­va, sein Ver­steck an der Ufer­bö­schung, sei­ne Lie­be zum Fluss und zu ei­ner Frau. Ge­nau die­se er­scheint plötz­lich an Bord, Mo­na, die Mar­tin noch mehr de­mü­tig­te als sei­ne Pas­sa­gie­re es je ver­mö­gen, und de­ren vi­ta­le Ero­tik auf die­sem Grei­sen­schiff kei­nen un­pas­sen­de­re Büh­ne hät­te fin­den kön­nen. Sie löst nicht nur in Mar­tin ein Cha­os aus. Ihr Han­deln führt ins Ab­sur­de, ist un­be­re­chen­bar und ge­fähr­lich wie die Stru­del der Donau.

Doch die MS Ame­ri­ca hält un­be­irr­bar ih­ren Kurs seit Re­gens­burg, der Stadt mit der Stei­ner­nen Brü­cke an den drei Flüs­sen, die sehr wohl weiß, was Ba­rock be­deu­tet. Auf all ih­rer schö­nen Ge­schich­te prangt je­doch ein Ma­kel, dem Hvor­ecky im Ver­lauf sei­nes Bu­ches nach­geht, die Ver­fol­gung der Ju­den. Die Do­nau spielt als Ret­te­rin wie als töd­li­ches Ver­häng­nis ei­ne schick­sal­haf­te Rol­le. Es über­zeu­gen die stil­len his­to­ri­schen Me­men­ti. Er­schüt­tern­de Er­in­ne­run­gen von Ver­fol­gung und Angst, in de­nen die schö­ne, blaue Do­nau oft schwarz und häss­lich wirkt.

Viel­fäl­tig sind auch die li­te­ra­ri­schen Zi­ta­te, dar­un­ter sei vor al­lem Do­nau, Bio­gra­phie ei­nes Flus­ses von Clau­dio Magris genannt.

Al­ler­dings fragt man sich ge­gen En­de, ob die Mor­de nicht eher ein Ne­ben­bei sind. Schließ­lich lö­sen sie sich zwar nicht in Wohl­ge­fal­len aber in ele­men­ta­rer Wei­se auf. Er­freu­li­cher als die ver­ein­zel­ten Schwarz-Weiß-Fo­tos wä­re ei­ne Do­nau­kar­te gewesen.

Doch das sind nur äu­ße­re Kri­tik­punk­te an die­sem er­fri­schend an­ders­ar­ti­gen Do­nau­ro­man, des­sen Lek­tü­re fast je­dem emp­foh­len sei.

Mit dem Buch­ti­tel, im Ori­gi­nal „Dunaj v Ame­ri­ke“, der nicht wie sei­ne deut­sche Ver­si­on auf den be­kann­ten Klas­si­ker Aga­tha Christies an­spielt, evo­ziert Hvor­ecky ei­nen Wett­kampf. Des­sen Ver­lauf, die Kon­tra­hen­ten, ih­re Auf und Ab, er­zählt er mit vie­len Ne­ben­strän­gen, nicht oh­ne ein ful­mi­nan­tes Show­down auszusparen.

Der von der Ro­bert Bosch Stif­tung Grenz­gän­ger ge­för­der­te Ro­man ist bei Tro­pen/Klett-Cot­ta er­schie­nen und von Mi­ch­al Sta­va­ric aus dem Slo­wa­ki­schen übersetzt.

In­ter­views und wei­te­re De­tails zum Ro­man fin­den sich auf dem Blog des Au­tors zum Buch.

Mi­ch­al Hvor­ecky, Tod auf der Do­nau, übers. v. Mi­ch­al Sta­va­ric, Tro­pen/Klett-Cot­ta, 1. Aufl. 2012

Bachmannpreis 2012 — Rückschau

Kleine Kritik der Kritik

Der Wett­be­werb ist vor­bei, ge­won­nen hat ihn Ol­ga Mar­ty­n­o­va mit ih­rem Text „Ich wer­de sa­gen: Hi“. Wei­te­re Prei­se gin­gen an Nawrat, Kränz­ler und Mahl­ke. Trav­nicek er­hielt den Pu­bli­kums­preis, was we­nig überraschte.

Eben­so we­nig über­ra­schen konn­ten ei­ni­ge Mit­glie­der der Kri­ti­ker­run­de, sie neig­ten zu den im­mer glei­chen Aus­sa­gen und Ver­hal­tens­mus­tern. So kris­tal­li­sier­ten sich be­reits am Nach­mit­tag des ers­ten Ta­ges spe­zi­fi­sche Re­ak­tio­nen der ein­zel­nen Ju­ry­mit­glie­der her­aus. Co­ri­na Ca­duff be­müh­te ger­ne das Ar­gu­ment der Dis­kur­si­vi­tät. Sie hin­ter­frag­te die The­men­stel­lung der Tex­te und ob Li­te­ra­tur da­zu noch et­was bei­tra­gen kön­ne. Soll­te man dann das li­te­ra­ri­sche Schrei­ben nicht ganz auf­ge­ben, und sich auf Sprach­ex­pe­ri­men­te ver­le­gen, wie sie in die­sem Jahr Has­sin­ger ein­reich­te? Da­zu hat aber auch Ca­duff we­der Zeit noch Lust. Lieb­lings­wort: „dis­kur­siv“.

Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler prä­sen­tier­te sich und ih­ren Zu­hö­rern meist ei­ne klei­ne Nach­er­zäh­lung des Ge­hör­ten. An­statt Ver­ständ­nis er­zeug­te dies bei  mir eher das Ge­fühl hilf­los dem Re­de­schwall ei­ner Leh­re­rin aus­ge­lie­fert zu sein. Tref­fens­tes Wort: „Le­bens­plau­der­ton“.

Burk­hard Spin­nen führ­te viel Ge­re­de zu­nächst in sei­ne ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit be­vor er zum Kern der Sa­che ge­lang­te. Wenn über­haupt. Ei­ni­ge Ma­le zö­ger­te er sei­ne Mei­nung zu äu­ßern  oder er­in­ner­te wei­se dar­an, daß je­der li­te­ra­ri­sche Text An­stren­gung er­for­de­re. Lieb­lings­satz: „Ich kann al­lem zu­stim­men, was bis­her ge­sagt wurde.“

Die an­de­ren Mit­glie­der ver­blüff­ten durch­aus, so Mei­ke Feß­mann mit ih­ren so­zi­al­the­ra­peu­ti­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­sät­zen und den Ver­wei­sen auf Sur­rea­les. Kri­tischs­tes Wort: „Du“

Hu­bert Win­kels er­klär­te mit ei­nem in­ter­pre­ta­to­ri­schen Pfau­en­rad die In­fla­ti­on wil­der Hun­de­na­men. Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lichs­te Ana­ly­se: „Kon­tra­fak­tur des Dschungelbuchs“

Da­nie­la Stri­gl und Paul Jandl hör­te ich am liebs­ten zu, weil sie be­grün­det und klar ih­re Mei­nung äu­ßer­ten. Jandl ge­bührt der Preis für die amü­san­tes­ten Kurz­kri­ti­ken und Stri­gl für ih­ren Da­ckel Mowg­li und die Hüh­ner­kopf­ab­tren­nungs­all­er­gie. Die­se Bei­den müs­sen auf je­den Fall blei­ben, falls es im kom­men­den Jahr Än­de­run­gen in der Ju­ry­zu­sam­men­set­zung ge­ben sollte.

Auch Än­de­run­gen am Re­gle­ment wür­de ich be­grü­ßen. War­um kön­nen die Tex­te nicht ei­ni­ge Stun­den vor der Le­sung on­line ge­stellt wer­den? So hät­ten Au­toren und Zu­hö­rer der Sprach­ex­pe­ri­men­te grö­ße­res Verständnis.

Die Vor­stel­lungs­fil­me der Au­toren wir­ken meist pein­lich und aus der Not ge­bo­ren. Die be­ab­sich­tig­te Aus­sa­ge­kraft ist eher ge­ring. Kön­nen sich die Au­toren über­haupt da­mit iden­ti­fi­zie­ren? Ein gu­tes In­ter­view wä­re ei­ne Alternative.

Ei­ne klei­ne Re­form wür­de auch der Ju­ry­ab­stim­mung nicht scha­den. Bis­her zieht sie sich um­ständ­lich in die Län­ge, weil je­der Ju­ror zu­nächst für seine(n) ei­ge­nen Kan­di­da­ten stimmt. Wä­re es nicht bes­ser die­se Op­ti­on auszuschließen?

Ich er­war­te ge­spannt das nächs­te Jahr und hof­fe, daß die­ses Li­te­ra­tur­er­eig­nis wei­ter­hin live über­tra­gen wird.

Bis da­hin kann man sich auf fol­gen­den Blogs noch mal der bes­ten TDDL-Mo­men­te 2012 erinnern:

Die Bü­cher­säu­fer

Denk­ding

Jo­han­nes Steinberg

Li­te­ra­tur­ca­fe

Vor­spei­sen­plat­te

walk-the-li­nes

Zei­len­ki­no

Bachmannpreis 2012 –TDDL – Federmair, Feimer

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Nachmittag, 7.7.2012

Leo­pold Fe­der­mair, li­te­ra­ri­scher Über­setz­ter und seit 2006 in Hi­ro­shi­ma le­bend, er­öff­ne­te den Nach­mit­tag des letz­ten Ta­ges mit dem Text „Aki”. Vor­ge­schla­gen wur­de der Kan­di­dat von Da­nie­la Stri­gl. Fe­der­mair ver­blüff­te durch die An­kün­di­gung den mitt­le­ren Ab­satz auf Sei­te neun aus­zu­las­sen. Wei­sungs­ge­mäß ha­be ich mich des Le­sens ent­hal­ten. Es gab schon ge­nug fruch­ti­ge Ge­schlechts­tei­le in die­sem pu­ber­tä­ren Ak­ne­text, der mich bei je­der Nah­auf­nah­me zu ei­nem Blick auf Fe­der­mairs Ge­sicht zwang. Bob Dy­lan hat’s nicht leich­ter ge­macht. Wäh­rend der Ju­ry­run­de film­te Fe­der­mair die­se mit ei­ner klei­nen Di­gi­tal­ka­me­ra. Das wirk­te auf mich wie ver­schäm­tes Fan­ver­hal­ten. Soll­te es ei­ne pro­vo­ka­ti­ve Per­for­mance wer­den, wä­re ein gro­ßer Cam­cor­der doch viel wir­kungs­vol­ler gewesen.

Al­so ei­ne wei­te­re Co­ming-of-Age-Ge­schich­te, be­ginnt Win­kels, be­tont einfach.

Nicht ge­lun­gen, fin­det sie Mei­ke Feß­mann, weil sie durch die Mas­ke ei­ner weib­li­chen Er­zäh­le­rin ge­schil­dert wer­de. Die­se Tarn­fi­gur, die die Ge­schich­te spren­ge, kön­ne nicht über männ­li­ches Kör­per­wis­sen verfügen.

Auf die Kel­ler­sche Nach­er­zäh­lung folg­te die Fra­ge nach dem Er­zähl­mo­tiv der Fi­gur. Ver­schie­de­nes funk­tio­nie­re nicht so ganz, aber die Spra­che mit ih­ren poe­ti­schen Be­schrei­bun­gen und wun­der­ba­ren Pas­sa­gen ge­fällt Kel­ler gut. Sie zwei­felt al­ler­dings, ob das zu ei­ner Kell­ne­rin passe.

Spin­nen ver­bie­tet, Gen­der­pro­ble­me bei Er­zäh­ler­stim­men an­zu­mel­den und er­in­nert sich an die ir­ren Ty­pen bei Ke­rouac und in sei­ner Jugend.

Dass es durch­aus er­zäh­len­de Kell­ne­rin­nen ge­be, die dies so­gar sehr in­ter­es­sant könn­ten, dar­über klärt Da­nie­la Stri­gl auf. Ihr ge­fällt die ver­gif­te­te Nost­al­gie die­ser Ge­schich­te, die so schlecht rie­che und stark über die sinn­li­che Ebe­ne arbeitete.

Feß­mann ar­gu­men­tiert aber­mals mit dem un­lo­gi­schen Körperwissen.

Dies sei, so Jandl, die Ge­schich­te ei­nes Span­nungs­ab­falls, trau­rig und mit zu we­nig Dramatik.

Ca­duff spricht end­lich den per­for­ma­ti­ven Akt des Au­tors an. Sie ge­steht sich ei­ne neu­tra­le Hal­tung zu, da sie an­fangs von ei­ner ja­pa­ni­schen Ge­schich­te aus­ging, und die­se Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on nicht mehr aus dem Kopf bekäme.

Wie­der ein­mal holt Spin­nen weit aus be­vor er zum Text kam. Die letz­ten Zei­len ge­fal­len ihm gut, sie bers­ten vor Be­deu­tung, im üb­ri­gen Text hin­ge­gen ge­be es zu vie­le Leerstellen.

Stri­gl wen­det ein, dies sug­ge­rie­re den münd­li­chen Er­zähl­ton der Fi­gur, was auch die vie­len Red­un­dan­zen zeigen.

Nach Jandl sei der jun­ge Mann nicht mit Ta­lent, son­dern mit Ak­ne ge­schla­gen. Das sei kein Ir­rer-Ty­pen-Text, wie Spin­nen mei­ne, er spie­le im Pro­vinz­mi­lieu, weit weg von Kerouac.

Feß­mann kon­sta­tiert, die­se Kind­heits­ge­schich­te rei­ße al­le nicht vom Ho­cker. Sie hat­te, auf­grund der Aus­lands­er­fah­rung des Au­tors, et­was ganz er­war­tet, ähn­lich sei es ihr bei Mos­ter er­gan­gen. Die et­was ab­ge­stan­de­nen hei­mat­li­chen Er­in­ne­run­gen fin­de sie langweilig.

Dar­auf­hin kri­ti­siert Stri­gl, Feß­mann wol­le er­klä­ren, was sich der Au­tor ge­dacht ha­be. Au­ßer­dem sei ei­ne sti­cki­ge ja­pa­ni­sche Kind­heit kaum in­ter­es­san­ter als ei­ne sti­cki­ge ös­ter­rei­chi­sche Provinzkindheit.

Mit Ge­plau­der schloss Spin­nen die Diskussion.

Isa­bel­la Fei­mer be­en­de­te als Kan­di­da­tin von Co­rin­na Ca­duff den Wett­be­werb. Ihr Text „Ab­ge­trennt“ er­zählt vom Lie­bes­kum­mer ei­ner Frau.

Win­kels er­öff­net die Dis­kus­si­on mit der auf­mun­tern­den Kri­tik, dies hät­te ein gu­ter Text wer­den kön­nen. Ihm schien die Dra­ma­tik in der Be­zie­hung je­doch zu stark in­stru­men­ta­li­siert. Die hö­ri­ge Frau iden­ti­fi­zie­re sich mit dem kopf­lo­sen Huhn. Vie­les kön­ne sub­ti­ler sein.

Mei­ke Feß­mann in­ter­pre­tiert den Text an­ders. Dies sei die Ge­schich­te ei­nes un­nö­ti­gen Ab­schieds ei­ner neu­ro­ti­schen Frau. Die Frau le­be ei­gent­lich in ei­ner glück­li­chen Be­zie­hung, fürch­te aber ver­las­sen zu wer­den, und tren­ne sich deshalb.

Ca­duff führt den Deu­tungs­rei­gen fort, die Frau sei schon ver­las­sen wor­den. Sie spre­che von der Ver­let­zung her­aus in das En­de hin­ein. Der Text sei ein Brief oder ei­ne Retrorede.

Kel­ler lobt die kon­zep­tu­el­le Klar­heit, da­durch wis­se sie, was er­zählt wird und war­um. Trotz­dem fin­de sie die Ge­schich­te nicht be­son­ders be­rüh­rend, die Ab­hän­gig­keit ha­be sie nicht wahrgenommen.

Da­nie­al Stri­gl fin­det das von Win­kels ein­ge­führ­te At­tri­but „hö­rig“ durch­aus pas­send. Ihr Haupt­pro­blem sei, daß der Text zu viel Ge­fühl zei­ge, der Vor­trag ha­be dies noch be­tont, und da­mit eher ge­scha­det. Au­ßer­dem ge­steht sie ih­re All­er­gie ge­gen die im­mer wie­der auf­tau­chen­den Hüh­ner­kopf­ab­tren­nungs­ge­schich­ten in der Li­te­ra­tur. Es sei auch kei­ne glück­li­che Idee, die Ge­lieb­te mit ei­nem kopf­lo­sen Huhn gleich zu setzen.

Jandl kri­ti­siert den Text als kleb­ri­ge Schlagerpoesie.

Ca­duff er­klärt, die Ich-Er­zäh­le­rin su­che ih­re Ich-Stim­me, die sie erst in der Poe­sie der Schlus­ses wiedergewinne.

Nach­fra­ge Jandls, ob sie ge­le­sen ha­be, um wel­che Poe­sie es sich handele.

Win­kels be­zeich­net es als Masochismus-Poesie.

Kel­ler hat kei­ne Poe­sie ge­fun­den und bit­tet um Hinweise.

Spin­nen dankt Stri­gl we­gen der Hüh­ner-All­er­gie und gab zum Schluss der dies­jäh­ri­gen Le­sun­gen Jandl ein­mal recht, auch wenn er mit der har­ten Form der For­mu­lie­rung nicht ein­ver­stan­den sei.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Nawrat, Senkel

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Tag, Vormittag, 7.7.2012

Nach ei­ner sehr bier­phi­lo­so­phi­schen Film­vor­stel­lung er­öff­ne­te Mat­thi­as Nawrat den Vor­mit­tag des drit­ten Wett­be­werb­ta­ges. Der Kan­di­dat von Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler las den Text „Un­ter­neh­mer“. Ich-Er­zäh­le­rin ist die pu­ber­tie­ren­de Toch­ter ei­nes Elek­tro­schrott­aus­schlach­tungs­fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens im süd­li­chen Schwarz­wald. Zu­nächst schil­dert Nawrat die pre­kä­ren, le­bens­ge­fähr­li­chen Zu­stän­de die­ser Ar­beit mit vie­len me­tall­ur­gi­schen De­tails, dann kon­zen­triert sich der Text auf die früh­sexu­el­len Kör­per­er­fah­run­gen sei­ner Figur.

Stri­gl in­ter­pre­tiert die­se merk­wür­di­ge Fa­mi­lie, die ein Klein­un­ter­neh­men der spe­zi­el­len Art be­trei­be, als Par­odie auf das Fa­mi­li­en­idyll. Ele­men­te des Schel­men­ro­mans ent­de­cke sie, wenn selbst exis­ten­ti­el­le Nie­der­la­gen glo­ri­fi­ziert wer­den. Gleich­zei­tig sei es ei­ne Pu­ber­täts­ge­schich­te. Sie wür­dig­te die be­son­de­re Spra­che die­ses süß­schmerz­haf­ten Tex­tes, der ihr gefalle.

Auch Jandl wer­tet den Text po­si­tiv. Die Spra­che sei zart, der Text ori­gi­nell, er kön­ne ans Herz gehen.

Al­len bis­he­ri­gen po­si­ti­ven Ur­tei­len kann Spin­nen fol­gen. Er fragt nach, ob es sich um ei­nen ab­ge­schlos­se­nen Text han­de­le. Denn die Dar­stel­lung der schlich­ten selt­sam be­hü­te­ten Welt von ka­put­ten Din­gen schwen­ke un­ver­mit­telt in ei­ne sehr schlich­te Pubertätsgeschichte.

Win­kels be­stä­tig­te die­sen Ein­druck. Er emp­fand Un­ein­heit­lich­keit, der Text sei ver­rutscht und zu disparat.

Kel­ler er­greift das Wort um ih­ren bei­den Kol­le­gen auf die Sprün­ge zu hel­fen. (Pu­bli­kums­ap­plaus) Es gin­ge um die Rol­le des Mäd­chens in­ner­halb der Fa­mi­lie, die für die­ses Un­ter­neh­men als Fir­men­spre­che­rin fun­gie­re. Sie iden­ti­fi­zie­re sich so stark mit die­ser Auf­ga­be, daß sie auch die tech­ni­sier­te Spra­che über­neh­me. Die­se Kin­der­per­spek­ti­ve wer­de fast bis zum En­de durch­ge­hal­ten. Erst die Lie­be öff­ne ihr ein Fens­ter aus der Trost­lo­sig­keit. Ver­gleich mit John Stein­beck, Von Mäu­sen und Men­schen.

Schwie­rig­kei­ten, die Ebe­nen aus­zu­lo­ten, hat Co­rin­na Ca­duff. Sie be­kennt che­mi­sche Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, die sie durch Goog­le zu be­he­ben such­te. Toll fand sie die af­fir­ma­ti­ve Er­zähl­per­spek­ti­ve der Toch­ter. Sprach­lich sei der Text sehr in­ter­es­sant, nicht zu­letzt, weil der Au­tor ei­nen Lehr­gang in Biel be­legt ha­be. Sie be­grü­ße je­den Au­tor, der sich ei­ner li­te­ra­ri­schen Aus­bil­dung unterziehe.

Mei­ke Feß­mann hat in dem Text ei­ne mo­der­ne Va­ri­an­te von Hän­sel und Gre­tel ent­deckt. Sie wi­der­spricht der Par­odie­inter­pre­ta­ti­on Stri­gls. Als li­te­ra­ri­sche Par­al­le­le sieht sie ei­ne ins mär­chen­haft ge­wan­del­te Ago­ta Kristof.

Stri­gl weist dar­auf hin, daß die­se Fa­mi­lie, die ei­ne Ge­sund­heits­ge­fähr­dung ih­rer Mit­glie­der hin­nimmt, kei­nes­falls rea­lis­tisch ge­meint sein kön­ne. Ihr ge­fal­le die­ser Humor.

Paul Jandl kri­ti­siert Feß­manns Kris­tof-Ver­gleich. Auch Kel­lers In­ter­pre­ta­tio­nen miss­fal­len ihm.

Spin­nen kri­ti­siert zum En­de der Dis­kus­si­on noch ein mal, daß die Ge­schich­te der Fa­ve­la-Fa­mi­lie mit Kem­pow­ski-Sprü­chen nicht wei­ter ge­führt wird, son­dern in ei­ne Pu­ber­täts­ge­schich­te übergeht.

Mat­thi­as Sen­kel stell­te mit „Auf­zeich­nun­gen aus der Kur­an­stalt“ die noch feh­len­de Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re die­ses Wett­be­werbs zur Dis­kus­si­on. No­mi­niert wur­de er von Paul Jandl.

Hu­bert Win­kels ge­fällt die klu­ge und wit­zi­ge Ge­schich­te. Die Li­te­ra­tur­be­trieb-Sa­ti­re der klas­si­schen Art sei wie ein Mö­bi­us­band kon­stru­iert. Al­les, was Au­ßen­welt sein könn­te, könn­te auch in der An­stalt ge­schrie­ben wor­den sein. So ent­ste­he die End­los­schlei­fe, in der Rea­li­tät und Phan­ta­sie ab­wech­seln. Der Pro­to­koll­stil je­doch hat Win­kels auf Dau­er ein we­nig ver­dros­sen. Er räumt al­ler­dings ein, daß die star­re Spra­che der Preis sei, da­mit die Sa­ti­re funktioniere.

Dies sei die ty­pi­sche Kla­gen­furt-Schreib­ge­schich­te, so Feß­mann. Sie ver­mis­se al­ler­dings den gu­ten Sprach­stil. Da der Sprach­witz feh­le, sei die Ge­schich­te langweilig.

Hin­ge­gen hät­te Ca­duff ger­ne mehr von Sen­kel ge­hört, aber in ei­nem 200-sei­ti­gen Ro­man. In der Idee lie­ge ganz viel Potential.

Jandl er­klärt, daß der Pro­to­koll­stil Mit­tel der Sa­ti­re sei. Dies ma­che den Witz erst deut­lich. Ge­schil­det wer­de ein pa­ra­nor­ma­ler Literaturbetrieb.

Mei­ke Feß­mann glaubt, Rein­hard Lettau hät­te ei­ne sol­che Ge­schich­te bes­ser geschrieben.

Jandl ver­wehrt sich über Rein­hard Lettau zu spre­chen. Der Stil ha­be sei­ne Be­rech­ti­gung, sei eben nur sehr subtil.

Feß­mann wirft ein, er sei sprach­lich arm. Ca­duff un­ter­stützt sie, Jandl ha­be ei­ne ganz an­de­re Lesart.

Stri­gl be­en­det den Dis­put mit der Fra­ge, war­um sie im­mer mehr von den Au­toren woll­ten als de­ren Tex­te be­inhal­ten. Die­ser sei sehr raf­fi­niert ge­macht. Die Spra­che kön­ne man dem Text nicht vor­wer­fen. Sie räumt ein, daß die Ge­schich­te al­ler­dings et­was an Fahrt verliere.

Der Text schenkt Kel­ler vie­le Aha-Ef­fek­te, ihr ge­fällt, daß er im­mer wie­der ei­ne neue Rich­tung einschlug.

In­ten­ti­on der Ge­schich­te sei es, die Künst­lich­keit von Li­te­ra­tur sicht­bar zu ma­chen und ein Nach­den­ken über die­se aus­zu­lö­sen, so Jandl.

Spin­nen hob zum Schluss­wort an, in­dem er sich wie­der ein­mal mit al­len Äu­ße­run­gen ein­ver­stan­den er­klär­te. Er lie­be zwar Tex­te über Schaf­fens­nö­te nicht, da sie sei­ne ei­ge­ne Si­tua­ti­on wie­der­spie­geln, le­se sie aber aus Be­rufs­in­ter­es­se den­noch. Es folgt ein lan­ger Ver­gleich mit ei­ner Zir­kus­vor­stel­lung, den Jandl mit der Aus­sa­ge „Ihr In­ter­es­se an In­tel­li­genz ist mir ge­läu­fig“ beendete.

Bis mor­gen die Preis­trä­ger ge­kürt wer­den, lohnt sich ein Blick auf die Au­to­ma­ti­sche Li­te­ra­tur­kri­tik der Rie­sen­ma­schi­ne.