Bachmannpreis 2012 –TDDL –Kränzler, Froehling

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt –Der Nachmittag, 6.7.2012

Li­sa Kränz­ler, die von Hu­bert Win­kels vor­ge­schla­ge­ne Kan­di­da­tin er­öff­ne­te die Le­sung am Nach­mit­tag. Sie über­zeug­te durch ei­nen sou­ve­rä­nen Vor­trag, in­dem sie die ver­schie­de­nen Hand­lungs­ebe­nen al­lei­ne durch die Mo­du­la­ti­on ih­rer Stim­me zu un­ter­schei­den wuss­te. Auch sprach­lich be­fin­det sich der Text auf höchs­tem Ni­veau. Dies passt al­ler­dings mei­ner An­sicht nach nicht zur Ich-Er­zäh­le­rin die­ser Ge­schich­te. Es han­delt sich um ein Mäd­chen im Kin­der­gar­ten­al­ter, das sich wohl kaum so elo­quent und re­fle­xi­ons­reich äu­ßern kann, wie ei­ne Kan­di­da­tin im Bach­mann-Wett­be­werb. Dass die­ses Kind im Al­ter zwi­schen drei und sechs auch noch sein se­xu­el­les Er­wa­chen er­lebt, macht die gan­ze Sa­che für mich um­so un­glaub­wür­di­ger. Scha­de, hät­te die Au­torin die Prot­ago­nis­tin nur um we­ni­ge Jah­re äl­ter ge­wählt, so daß wir viel­leicht ei­ner Fünft­kläss­le­rin oder ei­ner früh­rei­fen Grund­schü­le­rin fol­gen wür­den, wä­re die­se Ge­schich­te preisverdächtig.

Doch dies ist mei­ne Mei­nung, die Ju­ry äu­ßer­te Folgendes.

Spin­nen er­öff­net die Dis­kus­si­on mit der Er­kennt­nis, daß kei­ner von uns in die Kind­heit zu­rück­keh­ren kön­ne. Man­che Schrift­stel­ler schaf­fen es, daß kind­li­che Be­wußt­sein in ih­rem Wer­ken dar­zu­stel­len. Aber es stün­de nun mal nicht mehr zur Ver­fü­gung.  Er lobt die gro­ße sprach­li­che Sou­ve­rä­ni­tät des Tex­tes, die Sät­ze ha­ben die Au­ra des Per­fek­ten. Dies sei­en Mit­tel, über die man al­ler­dings erst ver­fü­ge, wenn die Kind­heit vor­bei sei.

Als bö­se Mäd­chen­ge­schich­te über Miss­brauch und frü­he Se­xua­li­sie­rung, in der vor al­lem auch der von den Me­di­en aus­ge­hen­de Miss­brauch deut­lich wer­de, deu­tet Mei­ke Feß­mann den Text. Er sei li­te­ra­risch gut ge­macht und sehr unheimlich.

Ca­duff hegt ge­spal­te­ne Ge­füh­le, da sie ei­ne gro­ße Dis­kre­panz zwi­schen Spra­che und In­halt sieht. Die Spra­che sei durch­ge­ar­bei­tet, sehr prä­zi­se und re­fle­xi­ons­ge­sät­tigt. Na­tür­lich sei auch die­ses The­ma sehr diskursiv.

Auch Kel­ler ver­weist auf die Schwie­rig­keit des Tex­tes das kind­li­che Be­wußt­sein glaub­wür­dig ab­zu­bil­den. Es wer­den Spie­le zwar so dar­ge­stellt, als sei die Fi­gur ein Kind, be­schrie­ben wer­den sie je­doch aus der Er­wach­se­nen­per­spek­ti­ve. Als Bei­spiel nann­te sie die Lö­sungs­mit­tel des Eddingstiftes.

Von der ero­ti­schen Ver­zü­ckung an­ge­tan zeigt sich Da­nie­la Stri­gl. Ihr ge­fällt, daß Na­men und Or­te als aus­tausch­bar dar­ge­stellt wur­den. Al­ler­dings hat der Text sie nicht an al­len Stel­len über­zeugt. So schei­ne das „Du“ un­ver­mu­tet aufzutauchen.

Win­kels wen­det ein, daß „Du“ tau­che auf als der Fi­gur klar wer­de, daß sie ver­liebt sei. Er sei auch ganz hin und weg ge­we­sen von dem Text, es ha­be ihn in den Ses­sel ge­drückt. Die Dis­kre­panz zwi­schen kind­li­cher Fi­gur und Spra­che dür­fe man ei­nem li­te­ra­ri­schen Text nicht vorwerfen.

Im wei­te­ren wird ein we­nig über die ver­schie­de­nen Tie­re ge­spro­chen, bis Feß­mann, zu Recht fin­de ich, ein­wirft, die Tie­re ver­wan­del­ten sich in die­sem Text al­le in Sexualobjekte.

Zum Schluss lobt Jandl das ho­he äs­the­ti­sche Re­fle­xi­ons­ni­veau, was über dem des Vor­mit­tags lie­ge. The­ma des Tex­tes sei das Chan­gie­ren zwi­schen Zärt­lich­keit und Ge­walt. Ein sprach­lich in­ten­siv durch­ge­ar­bei­te­ter Text.

Si­mon Froeh­ling las mit „Ich wer­de dich fin­den“ den Aus­zug aus ei­nem Ro­man, der die me­di­zi­nisch-tech­ni­schen und die ethisch-re­li­giö­sen Hin­ter­grün­de ei­ner Or­gan­spen­de zum The­ma hat. Er ist der Kan­di­dat von Co­rin­na Caduff.

Nach­dem Kel­ler ih­re Ver­si­on des Tex­tes nach­er­zählt hat, ge­steht die Re­li­gi­ons­wis­sen­schaft­le­rin, sie tei­le die Fas­zi­na­ti­on für Fi­gu­ren, die aus dem Jen­seits sprechen.

Stri­gl be­dau­ert, daß der Au­tor sich nicht an sein ei­ge­nes Sto­ry­l­ehr­buch ge­hal­ten ha­be, und zi­tiert: „Das Er­zäh­len von Sto­rys ist die schöp­fe­ri­sche De­mons­tra­ti­on von Wahr­heit. Ei­ne Sto­ry ist der le­ben­di­ge Be­weis ei­ner Idee, die Um­wand­lung ei­ner Idee in Hand­lung.“ Der Text dis­ku­tie­re die Trans­plan­ta­ti­ons­phi­lo­so­phie, be­ant­wor­te je­doch die in­ter­es­san­ten Fra­gen nicht be­frie­di­gend. Ei­gent­lich sei es ei­ne bie­de­re, haus­ba­cke­ne und vor­her­sag­ba­re Phi­lo­so­phie. Stri­gl ver­weist auf: Sa­bi­ne Gru­ber, Über Nacht.

Hu­bert Win­kels stört die brä­si­ge Schil­de­rung des Nie­ren­pa­ti­en­ten im Krankenhaus.

Paul Jandl amü­siert sich über die er­zäh­len­de Nie­re und kri­ti­siert bei die­ser „See­len­wan­de­rung qua Nie­re“ sei die See­le be­reits aus­ge­trie­ben. Kran­ken­haus­tech­ni­sche Din­ge wer­den im Über­fluss ge­nannt und die kit­schi­ge Grab­sze­ne ma­che es auch nicht besser.

Spin­nen greift das Stich­wort Trans­plan­ta­ti­ons­phi­lo­so­phie wie­der auf und über­legt, was E.T.A. Hoff­mann wohl dar­aus ge­macht hät­te. Der Text zei­ge die me­ta­phy­si­sche Her­aus­for­de­rung der Organspende.

Für Mei­ke Feß­mann funk­tio­niert der Text leid­lich gut. Ihr Li­te­ra­tur­hin­weis: Slaven­ka Dra­ku­lic, Le­ben spen­den.

Jetzt steu­ert auch Win­kels ei­nen Ti­tel bei: Da­vid Wag­ner, Für neue Le­ben, wo­für der Au­tor stan­te pe­de sei­nen Dank twit­tert (sprich­das­kind).

Die Text­ment­o­rin Co­rin­na Ca­duff be­grüßt leicht an­ge­säu­ert die zu­sam­men­ge­tra­ge­ne Li­te­ra­tur­samm­lung der Kol­le­gen. Dann kri­ti­siert sie selbst ih­ren Kan­di­da­ten, in dem sie ih­ren Lieb­lings­ein­wand, das The­ma sei sehr dis­kur­siv, ein­wirft. Aber die phan­tas­ma­ti­sche Be­zie­hung zum ver­stor­be­nen Spen­der sei die li­te­ra­ri­sche Auf­ga­be, der sich der Text ge­stellt habe.

Mir hat der Text nicht ge­fal­len, zu­viel Kran­ken­haus­pro­sa, fast schon Arzt­ro­man. Ir­ri­tiert hat mich au­ßer­dem, daß der Au­tor ganz an­ders aus­sah als auf sei­nen Fo­tos, zu­ge­ge­ben bes­ser, aber fast schon zu schön. Typ­be­ra­tung? Und dann die­ser An­ker auf der In­nen­sei­te des Un­ter­arms, zum Glück trug er kein blau­ge­streif­tes Hemd. Ja, gut, man muss sich da­von frei­ma­chen und soll­te auch die Vor­stel­lungs­vi­de­os bes­ser nicht be­ach­ten. Ei­nen Li­te­ra­tur­hin­weis möch­te ich nicht beisteuern.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Mahlke, Travnicek, Martynova

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt – Zweiter Vormittag, 6.7.2012

In­ger-Ma­ria Mahl­ke er­öff­ne­te mit der Le­sung ih­res sehr ein­dring­li­chen Tex­tes den zwei­ten Tag des Be­werbs. Vor­ge­schla­gen wur­de die Kan­di­da­tin von Burk­hard Spin­nen. Im vor­ge­stell­ten Ro­man­aus­schnitt er­zählt die Prot­ago­nis­tin in der Du-Form von ih­rem Sohn Lu­kas, den sie ver­las­sen will, von ih­rem Job im Back-Shop und der neu­en Kar­rie­re als Do­mi­na. Der Text nimmt mich so­fort ge­fan­gen. Es stellt sich ein ähn­li­ches Ge­fühl ein wie bei der Ha­der­lap-Le­sung im letz­ten Jahr. Für mich ist In­ger-Ma­ria Mahl­ke die Fa­vo­ri­tin auf den Bachmannpreis.

Als ers­te Stim­me der Ju­ry mel­det sich Hil­de­gard Kel­ler zu Wort. Nach­dem sie ih­re Ver­si­on des Tex­tes er­klär­te, sprach sie von Ein- und Aus­peit­sche­rei und stör­te sich sehr an dem „Du“. Die Au­torin scheue sich ins In­ne­re zu ge­hen. Kel­ler ver­miss­te ein Herz in der Geschichte.

Die­se ge­fiel Hu­bert Win­kels hin­ge­gen sehr gut. Be­son­ders die Nah­auf­nah­men der ver­schie­de­nen Wel­ten, sei es Back-Shop, Mut­ter­welt oder Sa­do­welt be­ein­druck­ten ihn. Ei­ni­ges blei­be je­doch un­klar, so die Be­weg­grün­de der Frau, ih­ren Sohn zu verlassen.

Spin­nen macht dar­auf auf­merk­sam, daß es sich ja nur um ei­nen Aus­schnitt aus ei­nem grö­ße­ren Text han­de­le. Die Frau tue Un­säg­li­ches und rin­ge darum.

Ca­duff wi­der­spricht Kel­lers Su­che nach dem Her­zen. Der Text zei­ge nur die Ober­flä­che, wol­le kei­ne Re­fle­xi­on und kei­ne Psy­cho­lo­gie. Sie fin­det ihn ganz toll. Ei­ne freud­lo­se Exis­tenz in Käl­te und Aus­weg­lo­sig­keit, die von Mahl­ke gna­den­los kon­se­quent dar­ge­stellt werde.

Mei­ke Feß­mann er­öff­net die „Du“-Interpretation. Sie be­zeich­net es als so­zi­al­the­ra­peu­ti­sche An­spra­che, die Kon­trol­le be­ab­sich­tigt. Sie fin­det den Text sprach­lich öde.

Spin­nen wi­der­spricht, das „Du“ sei not­wen­dig, um in die­ser Si­tua­ti­on am Le­ben zu bleiben.

Stri­gl, die im „Du“ ei­ne Selbst­an­spra­che sieht, emp­fin­det den Text wohl­tu­end, da er dem Le­ser nichts auf­drän­ge, nichts er­klä­re. Er funk­tio­nie­re nur mit die­sem „Du“ und er über­ra­sche auf meh­re­ren Ebenen.

Auch Jandl wi­der­spricht Feß­manns Du-Deu­tung. Dies sei kein Ikea-Du, es sei mo­ra­lisch bedingt.

Ca­duff führt die öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se an, die die­ses „Du“ dar­stel­le, sie wie­der­spricht Stri­gls Selbstansprache-Interpretation.

Die wei­te­re Du-De­bat­te lie­fert ein Karl-Marx-Du von Spin­nen und Kel­lers Web-Cam-Du. Feß­mann er­wei­tert ih­re Kri­tik an dem Text durch den Vor­wurf von Kli­schees und Un­ge­reimt­hei­ten. Sie bleibt aber die Ein­zi­ge in der Run­de, der die­se Le­sung nicht ge­fal­len hat.

Als zwei­te Kan­di­da­tin des Ta­ges trat die von Win­kels no­mi­nier­te Cor­ne­lia Trav­nicek auf. Ihr Text „Jun­ge Hun­de“ er­zählt vom Ab­schied ei­ner jun­gen Frau von ih­rer Kind­heit, die zu­gleich ein Ab­schied von El­tern, Haus­tie­ren und Hei­mat ist. Der Grund ist al­ler­dings kein Um­zug, son­dern der Tod. Gleich zu Be­ginn stirbt der Hund Bag­heera. Die­se Dschun­gel­buch­na­men, es taucht ein wei­te­rer Hund na­mens Ba­loo auf, ver­an­lass­te mich zu ei­ner über­flüs­si­gen Grü­be­lei über die Na­mens­fin­dung von Haus­tie­ren, die mich lei­der vom kon­zen­trier­ten Zu­hö­ren ab­lenk­te. Kur­ze Zeit spä­ter merk­te ich, daß ich nicht mehr rein­kam. Der Text ist mir fad.

Ganz an­ders er­geht es Mei­ke Feß­mann, sie zeigt gro­ßen Re­spekt für den war­men Prag­ma­tis­mus der Ge­schich­te, in der die Tie­re end­lich ein­fach Tie­re blei­ben dür­fen. (Mit Dschungelbuchnamen?)

Stri­gl fin­det ihn sym­pa­tisch, vor al­lem, weil sie einst den Da­ckel „Mowg­li“ be­saß. (Schlimm ist das ös­ter­rei­chi­scher Humor?)

Ca­duff be­män­gelt die Spra­che, sie ha­be sich ihr als Kunst­raum nicht er­schlos­sen. Der Text ha­be Po­ten­ti­al, müs­se aber über­ar­bei­tet wer­den. Das ein­ge­bau­te Mär­chen be­ur­teilt sie als in­ter­es­san­te Versuchsanlage.

Hu­bert Win­kels end­lich er­klärt die Psy­cho­lo­gie hin­ter der Dschun­gel­buch­me­ta­pher. Ernst sei wie Mowg­li ad­op­tiert. (Mowg­li war doch der Da­ckel von Da­nie­la Strigl.)

Paul Jandl ist nicht klar, wo im Text der Hund be­gra­ben lie­ge. Er fin­det die Spra­che ba­nal und sim­pel und kann die tie­fen Ge­heim­nis­se des Tex­tes nicht finden.

Hu­bert Win­kels deckt sie für ihn auf. Der Va­ter sei ab­trans­por­tiert, die Mut­ter tot, das Haus wer­de ver­kauft und der Hund auch schon verstorben.

Jandl ist mit der Er­klä­rung nicht zu­frie­den, die Ge­schich­te bil­de ein Kind­heits­kon­ti­nu­um ab, das der Li­te­ra­tur nicht nütz­lich sein muss.

Hier greift Hil­de­gard Kel­ler zur Ver­tei­di­gung ein. Die man­geln­de Tie­fe sei Pro­gramm, sie pas­se zum Le­bens­plau­der­ton. Au­ßer­dem ge­be es hier und da ei­ne schö­ne Metapher.

Auch Feß­mann tritt für Trav­nicek ein. Sie kri­ti­siert ih­re Kol­le­gen, die Sprach­ar­beit nur dann wahr­neh­men wür­den, wenn sie mar­kant wä­re. Der Text las­se sich sehr wohl my­tho­lo­gisch und iko­no­gra­phisch le­sen (Dschun­gel­buch!).

Spin­nen scheint sich am liebs­ten ei­nes Kom­men­tars zu ent­hal­ten. Er kön­ne al­lem, was ge­sagt wur­de, zu­stim­men. Der Text ha­be ihn nicht be­un­ru­higt. Wor­auf Win­kels fragt, ob Li­te­ra­tur denn heu­te noch be­un­ru­hi­gen müsse.

Die aus Russ­land stam­men­de Ol­ga Mar­ty­n­o­va las den Text „Ich wer­de sa­gen „Hi““. Vor­ge­schla­gen wur­de sie von Paul Jandl. Sie schil­dert die Er­leb­nis­se und Be­ob­ach­tun­gen des Ju­gend­li­chen Mo­ritz, der sich zö­ger­lich ver­liebt und sich Ge­dan­ken über das selt­sa­me Ver­hal­ten der Er­wach­se­nen macht. End­lich mal ein amü­san­ter Text, der mit un­ge­wöhn­li­chen Set­tings und Fi­gu­ren spielt und voll sub­ti­ler Iro­nie steckt.

Win­kels ge­fällt der Text sehr gut. Er fin­det es schön, wie Mo­ritz durch die Zei­ten mä­an­dert. Dies sei har­mo­nisch und ele­gant dargestellt.

Stri­gl er­freut der hin­ter­sin­ni­ge, la­ko­nisch-an­ar­chi­sche Witz. Sie er­in­nert an den ver­meint­lich harm­lo­sen Ho­lun­der­blü­ten­ge­ruch. Die An­häu­fung des Verbs „sag­te“ sei ein­deu­tig ein Stilmittel.

Auch Feß­mann be­wer­tet den Text po­si­tiv, er sei sou­ve­rän und luf­tig er­zählt. Mo­ritz be­ob­ach­te wie ein Spi­on das Ehe­le­ben von On­kel und Tan­te, was sie an die Fi­gur von Stich­mann erinnere.

Jandl ver­spürt durch den Text die ero­ti­sche Auf­la­dung des klei­nen Städt­chens. Die Ge­schich­te zei­ge die Lust am Schrei­ben in ver­schie­de­nen Varianten.

Ca­duff, die vor­ab wür­digt, daß die rus­si­sche Au­torin, die Deutsch nicht als Mut­ter­spra­che be­sit­ze, an dem Wett­be­werb teil­neh­me. Sie lobt die er­fri­schen­de Spra­che und  fin­det die Ge­schich­te au­ßer­or­dent­lich wit­zig, was sich ihr erst durch den Vor­trag er­schlos­sen ha­be. Sie kri­ti­siert je­doch die Ver­wen­dung von Versatzstücken.

Stri­gl stellt dar­auf­hin zur Fra­ge, ob wir ei­nen Text an­ders le­sen, wenn er von ei­nem Au­tor mit aus­län­di­schen Wur­zeln ver­fasst wor­den sei. Sie er­klärt, der Text ste­he in sla­wi­scher Tra­di­ti­on und er­in­ne­re sie an den leicht skur­ri­len tsche­chi­schen Witz.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Stichmann, Hassinger

5.7.2012 — Der Nachmittag des ersten Wettbewerbtages

Es la­sen An­dre­as Stich­mann, no­mi­niert von Mei­ke Feß­mann, und die von Da­nie­la Stri­gl vor­ge­schla­ge­ne Au­torin Sa­bi­ne Has­sin­ger.

An­dre­as Stich­mann, der am Leip­zi­ger Li­te­ra­tur­in­sti­tut stu­dier­te, er­zählt in sei­nem Text „Der Ein­stei­ger“ von ei­nem Ein­bre­cher, der zum teil­neh­men­den Be­ob­ach­ter wird.

Ei­ne schö­ne Ge­schich­te, wie Hu­bert Win­kels fin­det, mit Thril­ler­ele­men­ten ver­setzt. Ob die Fi­gur das Ge­sche­hen wirk­lich er­lebt oder nur ima­gi­niert blei­be of­fen. (An­schei­nend möch­te er sich nicht mehr dem Vor­wurf aus­setz­ten, ei­nen sur­rea­len Text nicht er­kannt zu ha­ben.) Win­kels fin­det viel Ge­fal­len an der Ge­schich­te und be­wun­dert den prä­zi­sen Ein­satz der Gram­ma­tik, um das Er­in­nern der Fi­gur an ih­re Ver­gan­gen­heit und die gleich­zei­ti­ge Zu­kunfts­phan­ta­sie mit­ein­an­der zu verknüpfen.

Paul Jandl weist sei­nem Ein­druck den Kurz­ti­tel „ Ein­schleich­dieb ins bür­ger­li­che Glück“ zu, sei­ner Mei­nung nach sei es ein schö­ner, stim­mi­ger und stich­hal­tig er­zähl­ter Text.

Dem Lob schließt sich Kel­ler an, mit der Ein­schrän­kung, daß sich der Hand­lungs­im­puls ver­flüs­si­ge. Da­durch ge­win­ne die Fi­gur kein Pro­fil, man kom­me ihr nicht nahe.

Ei­ne tem­po­rei­che Er­zäh­lung mit in­ter­es­san­ten Stel­len, die sie je­doch kaum wei­ter be­schäf­ti­gen wird, wer­tet Caduff.

Da­nie­la Stri­gl hin­ge­gen fühlt sich an Hans-Chris­ti­an An­der­sen er­in­nert, an sei­ne Be­wun­de­rung der war­men Stu­be, und über­legt, ob es sich nur um ei­nen Tag­traum han­de­le. (s.o. surreal)

Die Ein­fach­heit täu­sche, er­klärt Feß­mann, die Men­to­rin des Tex­tes, die rea­lis­ti­sche Si­tua­ti­on des Ein­bruchs ver­mi­sche sich mit den Wunsch­träu­men der Fi­gur (sur­rea­le Dro­hung). Dar­auf­hin ent­wi­ckel­te sich ei­ne Dis­kus­si­on zwi­schen Jandl, Stri­gl und Ca­duff, in der Jandl den schö­nen Schein an­führt, Ca­duff die über­ge­ne­ra­tio­nel­le Fra­ge im ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Kon­text auf­ruft und Stri­gl den Text als haar­scharf an der Kli­sche­ei­dyl­le vor­bei phan­ta­siert bezeichnet.

Burk­hard Spin­nen ord­net Stich­manns Text als klas­sisch vam­pi­ris­tisch ein, da der Prot­ago­nist sich die Iden­ti­tät der An­de­ren an­eig­ne. Der­ar­ti­ge Tex­te ha­be er je­doch schon so vie­le ge­le­sen, daß ihm die Be­son­der­heit die­ses Werks un­klar bleibe.

Mein Fa­vo­rit ist der Text nicht, er lässt mich ziem­lich kalt.

Zum Ab­schluss des Nach­mit­tags las Sa­bi­ne Has­sin­ger, die als Bild­haue­rin und Mu­sik­the­ra­peu­tin in der Psych­ia­trie ar­bei­te­te. Ih­ren In­tro­film hat sie selbst ge­stal­tet, auf­fal­lend wa­ren die vie­len selt­sam skur­ri­len Pa­pier­bas­te­lei­en. Eben­so selt­sam wirk­te der Text „Die Ta­ten und Lau­te des Ta­ges“, der ei­nem Dra­ma gleich mit der Be­set­zungs­lis­te der Fi­gu­ren be­ginnt. Dass dies ein schwie­ri­ger Text wer­den wird, war klar. Da­nie­la Stri­gl hat die Au­torin vor­ge­schla­gen, mich er­in­ner­te der Text an Ra­bi­no­wichs Erd­fres­se­rin vom letz­ten Jahr. Als er on­line war, ver­such­te ich mit zu le­sen, was mich al­ler­dings noch mehr ver­wirr­te, da die In­ter­punk­ti­on wohl ei­ne Has­sin­ge­ri­sche war. Frau­en, ein to­ter Va­ter, Kno­chen in Schach­teln mit Sand, mehr kam nicht bei mir an. Auch im Pu­bli­kum mach­te sich Un­ru­he breit. Als die Le­sung be­en­det war, dräng­ten sich nicht wie sonst die Ju­ro­ren zu Wort, son­dern ein zö­ger­li­ches Zau­dern brei­te­te sich aus. Je­der schien je­dem ger­ne den Vor­tritt las­sen zu wollen.

Hu­bert Win­kels geht rit­ter­lich als ers­ter ins Tur­nier und ge­steht sein Pro­blem mit dem Text. Be­son­ders die Per­so­nal­pro­no­men ha­ben ihn so ge­nervt, daß er sich ihm nicht ent­spannt hin­ge­ben konnte.

Kel­ler er­in­nert an die Vi­ta der Au­torin, an ih­re Tä­tig­keit in ei­ner psych­ia­tri­schen Kli­nik. Sie ge­he an­ders mit der Spra­che um, ver­las­se die Ebe­ne der Se­man­tik, er­zeu­ge kei­nen Kon­sens. Als Sprech­par­ti­tur sei der schwer zu­gäng­li­che Text geeignet.

Der Text sei kom­pli­ziert, so Stri­gl, und müs­se eben mehr­mals ge­le­sen wer­den. Er hand­le von Glück und Un­glück, ei­ne Art To­ten­buch, ei­ne Kran­ken­ge­schich­te im Ir­ren­haus. Sie ha­be über die In­ter­pre­ta­ti­on nicht mit der Au­torin gesprochen.

Mei­ke Feß­mann ver­sucht dem Pu­bli­kum vor Ort und drau­ßen den In­halt zu ent­schlüs­seln. Er­klärt den et­was zer­rupf­ten Ton mit der stän­di­gen Zwi­schen­re­de­rei der Mut­ter. Die Ka­lau­er emp­fin­det sie als störend.

Co­rin­ne Ca­duff be­grüßt es zwar ei­nen sprach­ex­pe­ri­men­tel­len Text im Wett­be­werb zu ha­ben, aber sie hat kei­ne Lust da­zu. Das Le­sen sei zu zeit­auf­wen­dig. Ob Der­ar­ti­ges noch zeit­ge­mäß sei? Oder sei der Text gar ein An­griff auf das ak­tu­el­le Timemanagement?

Die­ses Fra­ge weist Jandl zu­rück. Es sei ein schö­ner poe­ti­scher Text, ‑Win­kels möch­te ger­ne die Poe­tik er­klärt haben‑, bei dem nicht al­les ver­stan­den wer­den muss. Man kön­ne ihn le­sen wie ei­nen Rohrschachtest.

Burk­hard Spin­nen weist dar­auf­hin, daß je­der li­te­ra­ri­sche Text ei­ne An­stren­gung erfordere.

Mehr fällt mir da­zu auch nicht ein.

Da­mit ist der ers­te Tag sehr an­stren­gend zu En­de ge­gan­gen. Ei­nen po­ten­ti­el­len Preis­trä­ger ha­be ich noch nicht ver­spürt und bin ge­spannt auf morgen.

Bachmannpreis 2012 –TDDL ‑Moster, Ramnek, Richner

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Der 36. Bachmannpreis 2012

Der ers­te Le­se­vor­mit­tag ist be­en­det. Es la­sen Ste­fan Mos­ter, no­mi­niert von Burk­hard Spin­nen, Hu­go Ram­nek, der Kan­di­dat von Hil­de­gard Kel­ler so­wie Mir­jam Rich­ner, die Mei­ke Feß­mann vor­ge­schla­gen hatte.

Ste­fan Mos­ter, der seit 10 Jah­ren in Finn­land lebt und laut In­tro schreibt, um die Welt zu ver­ste­hen, liest ei­nen Text mit dem Ti­tel „Der Hund von Sa­lo­ni­ki“, der ver­schie­de­ne Er­zähl­ebe­nen durch viel­fäl­ti­ge Ver­wei­se mit­ein­an­der ver­knüpft. Die Er­in­ne­rung an ei­nen Kampf mit ei­nem Hund, den der Prot­ago­nist als Acht­zehn­jäh­ri­ger auf sei­ner ers­ten Rei­se nach Grie­chen­land er­leb­te und ei­gent­lich schon ver­ges­sen glaub­te, taucht nach Jahr­zehn­ten wie­der auf. Aus­lö­ser ist die Be­ob­ach­tung in Is­tan­bul, dort wer­fen Män­ner zu ih­rer Be­lus­ti­gung Hun­de ins Was­ser. Sei­ner Toch­ter, die ihn be­glei­tet, tischt er ei­ne kin­di­sche Er­klä­rung für die­ses Tun auf. Die Zu­hö­re­rin ver­mu­te­te, daß die Toch­ter noch recht klein sei, und bil­ligt so die Not­lü­ge. Kur­ze Zeit spä­ter stellt sich her­aus, daß sie be­reits sech­zehn Jah­re alt ist. Zwi­schen die­se bei­den Er­zähl­strän­ge schiebt sich ein Tram­pen nach Grie­chen­land mit al­len denk­ba­ren Hindernissen.

Die Ju­ry ist frisch und sehr dis­kus­si­ons­be­reit. Win­kels lobt den Text Mos­ters als schö­ne Er­öff­nung der Bach­mann­ta­ge. Er emp­fin­det ihn ru­hig und gleich­zei­tig in­ten­siv, er bie­te zahl­rei­che Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten für den Le­ser. Trotz der sehr gu­ten Kon­struk­ti­on mit vie­len Ver­kno­tun­gen der Er­zähl­ebe­nen, scheint er ihm ein we­nig gleich­för­mig. Win­kels deu­tet ihn als Me­di­ta­ti­on über Er­in­nern und Ver­ges­sen am Bei­spiel ei­nes exis­ten­ti­el­len Ereignisses.

Kel­ler ver­weist auf die li­te­ra­tur­ge­schicht­li­che Di­men­si­on des Hun­de­mo­tivs. Ihr ge­fällt die Ver­zah­nung der ein­zel­nen Ge­schich­ten. Mos­ter sei das Wie­der­fin­den der Er­in­ne­rung sehr schön ge­lun­gen, in­dem er ei­ne stark rea­lis­tisch er­zähl­te Ebe­ne als Traum ein­ge­scho­ben ha­be. Spä­ter er­gänzt sie, daß sich die Be­wusst­seins­ebe­nen der ver­schie­de­nen Fi­gu­ren kaum un­ter­schei­den würden.

Auch Ca­duff wür­digt den Hund als li­te­ra­ri­sches Mo­tiv, eben­so die fei­ne und ein­dring­li­che Wort­wahl. Die Tram­per­ge­schich­te im Mit­tel­teil klingt ihr je­doch zu sehr nach Freud und Leid der Interrailgeneration.

Die Spra­che Mos­ters hat auch Da­nie­la Stri­gl be­ein­druckt. Sie greift als Bei­spiel den „Hund der sich trau­rig troll­te“ auf. Al­ler­dings ver­spürt sie ei­ne ge­wis­se Harm­lo­sig­keit und stört sich auf der rea­len Ebe­ne an der nicht ein­tre­ten­den Toll­wut­angst nach dem Biss. Auch sie be­tont ihr Ver­ständ­nis des Hun­de­sym­bols, das sie psy­cho­ana­ly­tisch als un­heim­li­ches Tier des Eros interpretiert.

Zur Ver­tei­di­gung des Tex­tes ver­wirft Spin­nen zu­nächst die Ge­gen­ar­gu­men­te. Der Text sei nicht harm­los, son­dern von sub­ti­lem er­zäh­le­ri­schen Auf­wand. Er zeich­ne sich durch die Gleich­zei­tig­keit von Re­fle­xi­on und Er­le­ben aus. Spin­nen plau­dert ein we­nig aus dem ei­ge­nen bio­gra­phi­schen Näh­käst­chen, und schließt mit dem Fa­zit, dies sei ein un­end­lich me­lan­cho­lisch, trau­ri­ger Text.

Mei­ke Feß­mann sieht vor al­lem die sprach­li­chen Qua­li­tä­ten des Tex­tes, der al­ler­dings in­halt­lich des Gu­ten zu viel wol­le. Auch ihr fällt auf, daß die Toch­ter wie ein Klein­kind be­han­delt wird. Ihr miss­fiel das Hun­de­mo­tiv, wie ihr der ge­sam­te Text sym­bo­lisch zu über­frach­tet sei.

Mo­ti­vi­sche Aus­le­ge­wa­re“ ur­teilt Jandl, der Au­tor hät­te sich reich­lich am Mo­tiv­vor­rat der Li­te­ra­tur be­dient und die­se, wie am Bei­spiel Hund zu se­hen sei, exis­ten­zia­lis­tisch hoch­ge­ju­belt. Das Ver­ges­sen des Hun­de­bis­ses hält er für un­glaub­wür­dig, die zu­rück­blei­ben­de Nar­be hät­te die Fi­gur doch stets an das Er­eig­nis er­in­nern müs­sen. Die man­geln­de Dif­fe­ren­zie­rung der Er­zähl­stim­men ist in sei­nen Au­gen ein wei­te­rer Kritikpunkt.

Ziem­lich auf­ge­bracht wirft ihm Spin­nen die Stren­ge ei­nes „sta­li­nis­ti­schen Zoll­be­am­ten“ vor, was Jandl zu dem amü­san­ten Kon­ter ver­an­lasst, Spin­nen hät­te sein Ur­teil über den Text „auf­grund ei­ge­ner bio­gra­phi­scher Er­fah­rung pa­the­tisch aufgepimt“.

Viel­leicht geht es mir ja ähn­lich wie Spin­nen? Je­den­falls war Mos­ters Text, trotz ei­ni­ger Kri­tik­punk­te in der Er­zähl­lo­gik, für mich der an­ge­nehms­te des heu­ti­gen Ta­ges. Ins­ge­samt ist es ei­ne strin­gent und span­nend er­zähl­te Ge­schich­te. Be­son­ders ein­drucks­voll schil­dert Mos­ter den Kampf mit dem Hund. Angst und Ekel auf Sei­ten des jun­gen Man­nes sind eben­so gut nach­voll­zieh­bar, wie Schmerz und Elend des Hundes.

Es folg­te der aus Kärn­ten stam­men­de und in Zü­rich le­ben­de und un­ter­rich­ten­de Hu­go Ram­nek. Sein Text „Ket­ten­ka­rus­sell“ wur­de von Hil­de­gard Kel­ler vor­ge­schla­gen und schil­dert drei Ta­ge ei­nes länd­li­chen Jahr­mark­tes, im Text als Wie­sen­markt be­zeich­net. Hand­lungs­ort ist das Grenz­ge­biet zwi­schen Slo­we­ni­en und Kärn­ten. In den Er­in­ne­run­gen ei­nes Ju­gend­li­chen an die­sen Fest­rausch spie­len die eth­ni­schen und so­zia­len Kon­flik­te der Be­woh­ner ei­ne er­heb­li­che Rol­le. Die Ge­schich­te en­det mit ei­ner pa­the­ti­schen Ka­rus­sell­phan­ta­sie, sich über al­le Gren­zen hin­weg he­ben zu können.

Win­kels, der the­ma­tisch ei­ne Ähn­lich­keit mit der An­la­ge des Tex­tes von Mos­ter er­kennt, ist vom Sprach­stil Ramn­eks, der in kur­zen Sät­zen und Ex­kla­ma­tio­nen den In­halt die­ses Jahr­markt­trei­bens trans­por­tiert, an­ge­tan. Al­ler­dings ge­be der Au­tor manch­mal zu viel Gas und nei­ge zu Über­trei­bun­gen. Be­son­ders das Sym­bol der se­xu­el­len Er­re­gung, die Kel­ler­e­ch­se,  wer­de zu oft wie­der­holt. Zu­dem stel­le Ram­nek die so­zia­len Un­ter­schie­de in die­ser eth­nisch zwei­ge­teil­ten Welt zu dras­tisch und mas­siv dar.

Auch Stri­gl fin­det die Kel­ler­e­ch­se zu dick auf­ge­tra­gen. Hin­ge­gen sei der Aus­nah­me­zu­stand des Wie­sen­markts sehr gut in sprach­li­che Bil­der um­ge­setzt. Schau­keln, Krei­seln und Rausch wür­den auch in der Sprach­rhyth­mik gespiegelt.

Co­rin­na Ca­duff fragt, was Li­te­ra­tur zum stark dis­kur­si­ven The­ma Hei­mat und Frem­de noch bei­tra­gen kann. Sie sucht nach dem An­lie­gen, die­ses ih­rer Mei­nung nach sym­bo­lisch über­stra­pa­zier­ten Textes.

Jandl in­ter­pre­tiert die Kel­ler­e­ch­se nicht nur als se­xu­el­les Sym­bol. Der gan­ze Text sei für ihn ein li­te­ra­ri­scher Rum­mel, vol­ler En­thu­si­as­mie­run­gen, al­les dre­he und be­we­ge sich.

Ge­spal­ten in ih­rem Ur­teil ist Mei­ke Feß­mann. Ei­ner­seits be­sit­ze der Text schö­ne Bil­der und Aus­drü­cke, an­de­rer­seits er­zeu­ge der star­ke Sym­bol­cha­rak­ter ei­nen pa­ra­do­xen Ef­fekt. Die Se­xua­li­tät sprin­ge ei­nem ge­ra­de­zu an je­der Stel­le ins Gesicht.

Spin­nen kon­sta­tiert, dies sei ein Text, der schön sein wol­le, und er he­ge Vor­be­hal­te ge­gen ei­ne der­ar­ti­ge In­ten­ti­on. Zu vie­le ba­ro­cke Wort­schöp­fun­gen, lau­te und viel­stim­mi­ge Bil­der, die manch­mal ins Kli­schee ab­drif­ten, stö­ren ihn. Dem Kunst­werk als sprachim­pres­sio­nis­ti­sches Ge­bil­de zeu­ge er je­doch Re­spekt und Anerkennung.

Eher ex­pres­sio­nis­tisch als ba­rock wirkt auf Kel­ler die­ser Text. Sei­ne Be­son­der­heit sei die  Rhyth­mik, die sehr gut in der heu­ti­gen Per­for­mance zum Aus­druck ge­kom­men sei. Sie be­trach­tet ihn als poe­ti­sche Su­che nach der Kind­heit. Sie er­in­nert sich an ih­re ei­ge­nen kind­li­chen Jahr­markt­er­leb­nis­se und schaut durch Ramnecks Sät­ze „aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve auf den Jahrmarkt“.

Für mich war es kein nost­al­gi­scher Jahr­markts­gang, eher ein sehr rus­ti­ka­les Er­leb­nis, bei dem plötz­lich die Gren­ze zwi­schen zwei pe­ni­bel ge­trenn­ten Sphä­ren ver­wischt. In der Spra­che war es mir al­ler­dings zu derb.

Die letz­te Le­sung am Vor­mit­tag be­stritt die jun­ge Mir­jam Rich­ner. Die Kan­di­da­tin wur­de von Mei­ke Feß­mann vor­ge­schla­gen. Der Vor­stel­lungs­film ver­rät ih­re Nei­gung Träu­me und Ge­dich­te in ih­re Pro­sa ein­zu­bau­en, was sich an ih­rem Text mit dem Ti­tel „Bett­lä­ge­ri­ge Ge­heim­nis­se“ deut­lich ab­le­sen lässt. Er er­zählt die dra­ma­ti­sche Ge­schich­te zwei­er jun­ger Frau­en und Leh­rer­kol­le­gin­nen, die ver­su­chen sich aus ei­nem von ei­ner La­wi­ne ver­schüt­te­ten Haus zu befreien.

Ge­wis­se Nö­te mit dem Text“ mel­det Da­nie­la Stri­gl. Sie hat gra­vie­ren­de Glaub­wür­dig­keits­pro­ble­me mit dem Er­zähl­vor­gang und fin­det den Text nicht geglückt.

Win­kels hin­ter­fragt, ob es sich tat­säch­lich um ein rea­les La­wi­nen­un­glück han­de­le. Un­un­ter­bro­chen wür­den in­ne­re Vor­gän­ge dargestellt.

Als Text ei­nes Wahns wer­tet Jandl das Vor­ge­tra­ge­ne. Dass die La­wi­ne le­dig­lich Ein­bil­dung sei, ver­rie­ten die vie­len Selbst­aus­künf­te der Fi­gur. Ei­ner­seits kön­ne ein sol­cher Text al­les er­zäh­len und das tue er auch. An­de­rer­seits müs­se Wahn­sinn in der Li­te­ra­tur auch wie­der ver­nünf­tig wer­den und das tue er nicht. Jandl fragt, was von Text üb­rig bleibe.

Ca­duff be­zeich­net den Text als Hin- und Her­ge­wei­ne im Han­ni-und-Nan­ni-Stil, der auf ein erns­tes The­ma ap­pli­ziert sei. Die Spra­che sei sa­lopp, la­pi­dar, Main­stream säu­selnd. Sie ver­steht die Funk­ti­on der Ge­dich­te nicht und rät Rich­ner, de­ren Aus­sa­ge bes­ser in die Pro­sa zu integrieren.

Laut Kel­ler be­inhal­tet der Text ei­nen un­er­hör­ten, wu­chern­den Reich­tum, sei aber „ir­gend­wo auf dem Weg“. Sie emp­fiehlt ei­ne Be­ra­tung und über­nimmt die­se gleich selbst, wenn sie über die Be­zie­hung zwi­schen Au­toren und ih­ren Fi­gu­ren doziert.

Da er­greift Feß­mann die Ver­tei­di­gung mit der Er­öff­nung, die­ses sei ein sur­rea­ler Text, was kei­ner ih­rer Vor­red­ner er­kannt ha­be. Da­mit dür­fe die Au­torin al­les, je­de Kri­tik an un­lo­gi­scher Hand­lung sei ob­so­let. Es ent­wi­ckelt sich ein klei­ner Dis­put zwi­schen Feß­mann, Stri­gl und Jandl, den letz­te­rer mit „ich mach’s mal sur­re­al, dann darf ich al­les, geht nicht“ beendet.

Die kur­ze Zeit, die Spin­nen vor dem Be­ginn der Mit­tags­pau­se bleibt, nutzt er zur Sym­pa­thie­be­kun­dung für die gir­ly­haf­te Jung­leh­rer­all­tags­rea­li­tät mit sur­rea­len Gedankengängen.

Ich emp­fand den Text als sehr tem­po­reich. Beim In­halt soll­te man un­be­dingt das Al­ter der 1988 ge­bo­re­nen Au­torin und da­mit si­cher­lich auch das der Ziel­grup­pe be­rück­sich­ti­gen. Die an­ge­ris­se­nen phi­lo­so­phisch-ethi­schen Dis­kus­sio­nen schei­nen mir in der Hin­sicht angemessen.

Das war mein Rück­blick auf den Vor­mit­tag, al­le Zi­ta­te nach bes­tem Wis­sen und Hö­ren, al­so oh­ne Gewähr.

Die Ju­ry bil­den in die­sem Jahr Co­ri­na Ca­duff, Paul Jandl, Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler, Mei­ke Feß­mann, Burk­hard Spin­nen, Cla­ris­sa Stad­ler, Da­nie­la Stri­gl und Hu­bert Win­kels. Ei­ne schö­ne Rang­lis­te hat die So­pra­nis­se parat.

Von al­len bis­he­ri­gen Le­sun­gen ist ein Vi­deo abrufbar.

3sat über­trägt Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen live:

5. Ju­li: 10.15 bis 15.15 Uhr

6. Ju­li: 10.15 bis 15.15 Uhr

7. Ju­li: 9.45 bis 14 .00 Uhr

8. Ju­li: 11.00 bis 12.00 Uhr – Preisverleihung

Mit der Snip­py-App gibt es die Smartphonvariante.

In cervisia amicitia

Männer-WG mit Trinkzwang” — Bier bringt Burschen zum Singen

Wel­ches Buch wä­re ge­eig­ne­ter bei ei­nem Ur­laub mit Amici und Mo­ret­ti am Fu­ße des Sas­so di Si­mo­ne ge­le­sen zu wer­den als das ei­nes Geo­lo­gen über Freund­schaft und Bier?  “Män­ner-WG mit Trink­zwang”, der neu er­schie­ne­ne Ro­man des von Ge­steins­for­ma­tio­nen in Soft­ware­sphä­ren ge­wech­sel­te und als Poet­ry Slam­mer be­kannt ge­wor­de­nen Kars­ten Ho­ha­ge ist dies al­le Mal.

Stellt euch al­so schon mal ei­ne Kis­te Bier kalt, die­se Lek­tü­re macht durs­tig. Nicht weil sie so tro­cken wä­re, son­dern weil sie Ap­pe­tit macht, Bier­ap­pe­tit. Ka­pi­tel um Ka­pi­tel lässt sich ei­ne Fla­sche lee­ren, auf Ex ver­steht sich. Wer auch zwi­schen­durch Durst ver­spürt, grei­fe ru­hig zu. Das Buch hat 45 kurz­wei­lig ver­fass­te Ka­pi­tel, die in au­then­ti­schem Set­ting ge­nos­sen wer­den wollen.

Au­ßer Un­men­gen an Bier, dem wir in Form des Ge­mäß be­geg­nen, tref­fen wir auf Müt­zen, Schär­pen, Fah­nen und Chor­damen. Ge­nau, wir be­fin­den uns in der Welt der Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen. Be­wusst und durch die Lek­tü­re be­lehrt wäh­le ich nicht den Be­griff Bur­schen­schaft. Ho­ha­ge war Mit­glied ei­ner Sän­ger­schaft und schreibt als sol­cher ge­gen die im­mer­wäh­ren­de Ver­wechs­lung an. Dies un­ter­nimmt er in ei­ner Art fik­tio­na­li­sier­ten Bio­gra­phie. Der Ich-Er­zäh­ler trägt zwar den glei­chen Na­men wie der Au­tor, der Na­me der Sän­ger­schaft wur­de je­doch ver­klau­su­liert und der Stu­di­en­ort ver­birgt sich hin­ter der lie­be­vol­len Be­zeich­nung “schnu­cke­li­ge Uni­ver­si­täts­stadt”. Wir er­fah­ren von den ers­ten Stu­di­en­jah­ren ei­nes Ver­bin­dungs­stu­den­ten, der ei­gent­lich nur ein Zim­mer such­te und “auf dem Haus” doch viel mehr fand. Ei­nen Freund­schafts­bund, den er nach et­li­chen Mut­pro­ben und Räu­schen, eth­no­lo­gisch be­trach­tet ger­ma­nisch-ro­man­ti­sier­ten In­itia­ti­ons­ri­ten des frü­hen 18. Jahr­hun­derts, nicht mehr mis­sen möchte.

Die­ses Kon­glo­me­rat aus Ent­wick­lungs­ro­man und In­si­der­be­richt ist ei­ne durch­aus un­ter­halt­sa­me Lek­tü­re, ei­ne Er­in­ne­rung an die Stu­den­ten­zeit als vie­le Pro­ble­me noch so ge­ring wa­ren, daß sie in ei­ner hin­rei­chen­den Men­ge Bier er­tränkt wer­den konn­ten. Grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten hin­ge­gen be­wäl­tig­te man ge­mein­sam. Der Ro­man er­zählt Out­si­dern, al­so Frau­en und an­der­wei­tig Eman­zi­pier­ten, wie es so zu­geht auf dem Haus. Ver­spür­te man nicht die sym­pa­thisch wir­ken­de Nost­al­gie für den durch Gers­ten­saft ge­ne­rier­ten Grup­pen­zu­sam­men­halt, so könn­te man lei­se lä­chelnd den­ken, daß man es sich schon im­mer so ge­dacht ha­be. Oder hat­te man es sich nicht viel schlim­mer vor­ge­stellt? Das Kli­schee der na­tio­na­lis­tisch kon­ser­va­ti­ven Ver­bin­dungs­ty­pen be­stä­tigt Ho­ha­ges Ro­man nicht. Er wi­der­spricht ihm ve­he­ment, vor al­lem was die ge­schil­der­te Sän­ger­schaft be­trifft. Ho­ha­ge er­wähnt al­ler­dings, daß es durch­aus an­de­re Fäl­le gibt.

Sein Plä­doy­er für ein ver­al­te­tes WG-Mo­dell, das zwar mit­un­ter pu­ber­tär wirkt, aber auf Freund­schaft und Ver­trau­en ba­siert, ist ein neu­es, et­was an­de­res Cam­pus­buch über ein al­tes Phänomen.

Nunc est bibendum!

Auf der vom Au­tor ein­ge­rich­te­ten Sei­te zum Buch lässt sich die Re­zep­ti­on bei Pres­se, Buch­han­del und Be­trof­fe­nen verfolgen.

Kars­ten Ho­ha­ge, Män­ner-WG mit Trink­zwang: Wie ich in ei­ner Ver­bin­dung lan­de­te und war­um das gar nicht so schlimm war, rororo, 1. Aufl. 2012

Literarisches Kuriositätenkabinett

Von „A.“ bis „Zylinder“ — Rainer Schmitz über Wissenswertes und Skurriles der literarischen Welt

So kann es ge­hen, man hört von ei­ner Neu­erschei­nung und wird da­durch auf ein längst er­schie­ne­nes Werk des­sel­ben Au­tors auf­merk­sam. Man hofft, die­ses sei ge­eig­net ei­ni­ge der un­zäh­li­gen Wis­sens­lü­cken zu stop­fen, be­sorgt es sich um­ge­hend und kommt dann nicht mehr los davon.

So ein Buch ist das Li­te­ra­tur­kom­pen­di­um von Rai­ner Schmitz „Was ge­schah mit Schil­lers Schä­del?“. Ein sol­cher Ti­tel pro­phe­zeit, daß man nach dem Le­sen nicht nur gut un­ter­hal­ten son­dern auch schlau­er sein wird. Der Un­ter­ti­tel „Al­les, was Sie über Li­te­ra­tur nicht wis­sen“ er­zwingt die so­for­ti­ge Probe.

Und tat­säch­lich, dach­te die ver­blüff­te Le­se­rin doch bis­her, daß der Sand­ku­chen we­gen sei­ner un­aus­weich­lich stau­bi­gen Kon­sis­tenz die­sen Na­men zu Recht tra­ge, so weiß sie nun, wel­che Schrift­stel­le­rin dem Tee­ge­bäck ih­ren Na­men lieh. Dass es sich bei die­sem ei­gent­lich um ein Pseud­onym han­delt, war auch der li­te­ra­risch hin­läng­lich Ge­bil­de­ten be­kannt. Wie die­se Ge­org ei­gent­lich hieß, er­fährt sie un­ter dem gleich­lau­ten­den Eintrag.

Über 1200 Stich­wör­ter hat der Jour­na­list und Au­tor Rai­ner Schmitz un­ter Mit­wir­kung von Nic­las De­witz und Wolf­gang Hoer­ner ge­sam­melt. Sie fül­len 1828 Ko­lum­nen, gut hun­dert da­von um­fasst al­lei­ne das um­fang­rei­che Re­gis­ter al­ler er­wähn­ten Autoren.

Un­wei­ger­lich ha­be ich mich fest­ge­le­sen. Mei­ne Neu­gier­de schwang sich von Stich­wort zu Ver­weis und blieb beim Blät­tern un­wei­ger­lich an Ku­rio­sem hän­gen. So könn­te ich nun ei­ni­ges er­zäh­len, über die er­dich­te­te Bi­li­tis, über ab­ge­lehn­te Best­sel­ler und sol­che, die nie­mand mehr kennt. Es fin­det sich Merk­wür­di­ges wie „Hun­de­fut­ter“ und Nach­denk­li­ches wie „Grab­in­schrif­ten“.

Am bes­ten macht man sich aber mit dem Buch be­kannt, in­dem man ei­nen Schrift­stel­ler her­aus­pickt und des­sen Ein­trä­ge ver­folgt. Mei­ne Wahl fiel auf Mar­cel Proust, für ihn weist das Re­gis­ter 33 Fund­stel­len aus. Sie rei­chen von „Ab­ge­lehnt“ bis „längs­ter Zeit­raum“. Un­ter „Ab­ge­lehnt“ er­fah­ren wir, daß nicht nur die „Re­cher­che“ von Ver­la­gen ei­ne Ab­fuhr be­kam, son­dern auch Ke­rou­acs „On the Road“, Süs­kinds „Das Par­fum“ und Row­lings „Har­ry Pot­ter“.

Nicht nur Proust dien­te das „Bett“ als li­te­ra­ri­sche Wirk­stät­te, auch Mark Twa­in zog sich ger­ne an die­sen Ort der In­spi­ra­ti­on zu­rück, meist mit ei­ner Zi­gar­re. Wir le­sen von ge­leb­tem und li­te­ra­ri­schem „Dan­dy­is­mus“ und wun­dern uns nur we­nig, daß die­ser in Deutsch­land sel­ten an­zu­tref­fen war. In­ter­es­siert ver­folgt man den poe­ti­schen Ein­fluss des „Darms“ bei Proust, Mann und Schil­ler, wäh­rend He­ming­way auch dies sei­nem Ruf ge­mäß lös­te. Un­ter „Du­ell­ver­wei­ge­rung“ le­sen wir von Prousts Är­ger mit ei­nem Pap­pa­raz­zo, des­sen Ver­däch­ti­gung un­ter „Schwul in 14 Ko­lum­nen er­läu­tert wird.

Na­tür­lich fin­det Mar­cel Proust mit sei­nem Werk Ein­gang in den  „Ka­non“, bei­spiels­wei­se in den der Pa­ri­ser Aka­de­mie Gon­court und in die ZEIT-Bi­blio­thek der 100 Bü­cher. Wie sei­ne Ka­non­kol­le­gen Kaf­ka, Joy­ce und Ke­rouac, fin­det sich auch ei­nes sei­ner Ma­nu­skrip­te, ge­nau­er die Kor­rek­tur­fah­nen des ers­ten Teils der Re­cher­che, un­ter den „teu­ers­ten Ma­nu­skrip­ten“ der Welt. Mit Kaf­ka teilt er au­ßer­dem noch den Ein­trag „Lun­ge“, wei­te­re be­rühm­te Lei­dens­ge­nos­sen sind Fjo­dor Dos­to­jew­ski und Tho­mas Bernhard.

Das Stich­wort „Lin­den­blü­ten­tee“ be­legt er ganz al­lei­ne, aber die ei­gent­lich un­be­dingt zu­ge­hö­ri­ge Made­lei­ne fehlt un­ver­ständ­li­cher­wei­se. Dar­über mag die Be­kannt­schaft mit dem Verb „prou­sti­fier“ hin­weg trös­ten, un­ter „Prousta­ta“ er­fah­ren wir vom chir­ur­gi­schen Ge­schick sei­nes Bruders.

Zwei­mal macht der ver­ehr­te Dich­ter den zwei­ten Platz, beim „längs­ten Ro­man“ und beim „längs­tens Satz“, die­ser ist je­doch in Ge­gen­satz zum Sie­ger voll­stän­dig ab­ge­druckt, na­tür­lich über zwei Ko­lum­nen. Mü­ßig zu sa­gen, daß Mar­cel Proust in ei­ner Le­ser­be­fra­gung von fünf gro­ßen eu­ro­päi­schen Zeit­schrif­ten an sieb­ter Stel­le stand. Wer sich für die üb­ri­gen Ge­nann­ten in­ter­es­siert, der schla­ge selbst nach.

Die­ses li­te­ra­ri­sche Ku­rio­si­tä­ten­ka­bi­nett sei je­dem Li­te­ra­tur­lieb­ha­ber emp­foh­len, es ist lehr­reich, amü­sant, span­nend und skurril.

Rai­ner Schmitz, Was ge­schah mit Schil­lers Schä­del?, Hey­ne Ver­lag, 12/2008

Zen oder die Kunst sich schweigend zu verlieben

Prolog

Um es vor­weg zu sa­gen, die­ser Au­tor be­glei­tet schon seit lan­gem mein Le­se­le­ben. Die Be­kannt­schaft be­gann mit der rö­mi­schen Goe­the-His­to­rie „Faus­ti­nas Küs­se“. Es folg­ten die üb­ri­gen die­ser Tri­lo­gie, „Die Nacht des Don Ju­an“ und „Im Licht der La­gu­ne“. Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men ha­be ich auch an­de­re al­te und neue Bü­cher Ort­heils ge­le­sen. So auch nach „Die gro­ße Lie­be“ und „Das Ver­lan­gen nach Lie­be“ den letz­ten Band sei­ner Lie­bes­tri­lo­gie „Lie­bes­nä­he“.

Fast eben­so­lan­ge stellt sich mir die Fra­ge, was mir an sei­nen Bü­chern denn nun so ge­fällt. Si­cher ist es die Lie­be zu Ita­li­en, viel­leicht auch ei­ne ge­wis­se ro­man­ti­sche Me­lan­cho­lie. Bis­her war ich, ab­ge­se­hen von ei­ni­gen Ei­tel­kei­ten des er­wach­se­nen Jo­han­nes in „Die Er­fin­dung des Le­bens“ und von stär­ke­ren Ar­ro­gan­zen in Ort­heils Rom­füh­rer im­mer an­ge­nehm angetan.

Sich schweigend verlieben als Performance

Wer ist die­se Schwim­me­rin“ mit die­sem No­tat läu­tet Hanns-Jo­sef Ort­heil ein, was der Ti­tel sei­nes neu­en Ro­mans „Lie­bes­nä­he“ be­reits vor­weg nimmt.

Be­hut­sam ent­wi­ckelt der Au­tor die An­nä­he­rung zwei­er sich zu­nächst un­be­kann­ter Ein­zel­gän­ger, die an­schei­nend zu­fäl­lig im all­tags­fer­nen Mi­lieu ei­nes ein­sam ge­le­ge­nen Lu­xus­ho­tels ein­an­der be­mer­ken. Der Schrift­stel­ler Jo­han­nes Kirch­ner und die In­stal­la­ti­ons-Künst­le­rin Ju­le Dan­ner ver­mei­den zu­nächst di­rek­te Be­geg­nun­gen und be­vor­zu­gen sich aus der Di­stanz zu ent­de­cken. Klei­ne Bot­schaf­ten, die Ah­nun­gen be­stä­ti­gen, ge­hen tra­di­tio­nell als Zet­tel oder mo­dern als SMS hin und her und füh­ren schließ­lich zum Ge­gen­über. Die­se Be­we­gun­gen auf­ein­an­der zu wer­den äu­ßerst vor­sich­tig aus­ge­führt, ein kunst­vol­ler Balz­tanz, des­sen Cho­reo­gra­fie mal den In­sze­nie­run­gen der Vi­deo­künst­le­rin mal den Ein­fäl­len des Schrift­stel­lers folgt.

Nur ei­nes fin­det nie­mals statt, das ge­spro­che­ne Wort. Die­ses rich­ten bei­de je­weils se­pa­rat an Ka­tha­ri­na, die die klei­ne Buch­hand­lung des Ho­tels führt. Sie be­rät ih­re Kun­den nach de­ren Be­find­lich­keit und führt au­ßer die­ser Li­te­ra­tur­the­ra­pie nur Bü­cher im Sor­ti­ment, die ihr per­sön­lich gut ge­fal­len. Sie un­ter­hält zu Bei­den ei­ne ganz be­son­de­re Be­zie­hung, man könn­te sie als müt­ter­li­che Freun­din be­zeich­nen. Die De­tails der Per­so­nen­kon­stel­la­ti­on of­fen­bart der Au­tor erst nach und nach lang­sam vor­an­schrei­tend wie in ei­ner Zen-Me­di­ta­ti­on. Über­haupt gibt es viel Ja­pa­ni­sches. Li­te­ra­ri­sche In­spi­ra­ti­on bie­tet das Kopf­kis­sen­buch der Sei Shō­na­gon. Ja­pa­ni­sche Trom­meln und Bam­bus­flö­ten, Ki­mo­no, Tu­sche und Tee er­gän­zen das Ambiente.

Als wech­sel­sei­ti­ge Sicht sei­ner bei­den Haupt­per­so­nen kom­po­niert Ort­heil sei­nen Ro­man. Mal kom­men­tiert Jo­han­nes, mal Ju­le ihr auf­ein­an­der Zu­ge­hen. Das so zwei­mal das Glei­che aus dem je­weils an­de­ren Blick­win­kel er­zählt wird, macht den Reiz der Idee aus. Wenn je­doch Er­eig­nis­se wie die be­rühm­te Per­for­mance der Künst­le­rin Ma­ri­na Abra­mo­vić, die als Vor­la­ge für ei­ne Be­geg­nung dient, dem Le­ser  mehr­fach er­klärt wer­den, wirkt dies redundant.

Was ich an diesem Buch sehr mag:

Wie Hanns-Jo­sef Ort­heil ge­naue Wahr­neh­mung und Be­schrei­bung in Sät­ze ver­wan­delt. Er be­herrscht die­se Fä­hig­keit so gut, daß der Le­ser sich so­fort in das Am­bi­en­te sei­ner Ro­ma­ne hin­ein­ver­setzt fühlt. Land­schaf­ten und Räu­me, Na­tur und In­te­ri­eur, Gau­men- und Le­se­freu­den stellt er auf die­se Wei­se zum un­mit­tel­ba­ren Nach­voll­zug dar.

Wie rück­sichts­voll die Per­so­nen mit­ein­an­der um­ge­hen und wie em­pa­thisch Ort­heil Ge­füh­le zu schil­dern vermag.

Wie er die Lust und die In­spi­ra­tons­kraft von ein­sa­men Spa­zier­gän­gen dar­stellt. Be­we­gung be­wegt auch den Geist. Das mit sich Al­lein­sein lässt Raum für Kreativität.

Wie Na­tur und Kunst in ih­ren ver­schie­de­nen For­men mit­ein­an­der in Ein­klang ge­bracht werden.

Was ich an diesem Buch überhaupt nicht mag:

Wie die Wahl des Mi­lieus das Ge­sche­hen weit über das nor­ma­le Le­ben hebt, ein es­ka­pis­ti­scher Wun­der­ort in­mit­ten saf­tig grü­ner Al­men, wo so­gar Toast­brot­schei­ben stun­den­lang frisch ge­rös­tet bleiben.

Wie da­durch das Schloss­ho­tel El­mau, un­ver­kenn­ba­res Vor­bild die­ses Pa­ra­die­ses, als ein Ort ir­di­scher Ver­hei­ßun­gen be­wor­ben wird.

Wie die Rol­len­ebe­nen ge­wahrt wer­den. Die Künst­ler blei­ben welt­fern. Die Ho­tel­an­ge­stell­ten die­nen als gu­te Geis­ter und wer­den von oben her­ab cha­rak­te­ri­siert. Die üb­ri­gen Gäs­te sind läs­ti­ge Ge­räusch­ku­lis­se. Ka­tha­ri­na ver­mit­telt zwi­schen al­len und die jun­ge Emp­fangs­da­me des Ho­tels seufzt der gro­ßen Künst­ler­lie­be in frem­den La­ken nach.

Wie bei man­chen Be­schrei­bun­gen doch des Gu­ten zu viel ge­bo­ten wird. Der star­ke, gel­be Urin­strahl zählt nicht zu den Din­gen, von de­nen ich ger­ne le­sen möchte.

Wie der Le­ser be­lehrt wird über die rich­ti­ge Art Sekt zu trin­ken (Was­ser­glas), au­then­tisch Cam­pa­ri zu ge­nie­ßen (oh­ne Eis, da­für rand­voll), über gu­te Würs­te (ins­be­son­de­re die Milz­wurst), über das rich­ti­ge Früh­stück, rich­ti­ges Spei­sen, den rich­ti­gen Zeit­punkt zu ar­bei­ten und mehr.

Wie der Au­tor sein Buch­kon­zept er­klärt „ei­ne ero­ti­sche und bei­na­he un­er­träg­li­che Span­nung, die auf ei­ner streng ein­ge­hal­te­nen Di­stanz der bei­den Lie­ben­den ba­siert“ (S. 129).

Fazit

We­ni­ger Ei­tel­keit wä­re mir lie­ber ge­we­sen und auch mehr Acht­sam­keit. Da­mit nicht aus blon­dem Haar mit ro­ten Spit­zen am En­de blon­des Haar mit ro­ten An­sät­zen wird, und aus ei­nem hell­grü­nen Ba­de­man­tel in­ner­halb von drei Sei­ten ein dunkelgrüner.

So weit, so gut. Viel­leicht kommt ja noch­mal ein Ro­man wie „He­cke“ oder „Mo­sel­rei­se“ oder et­was Historisches.

Rät­sel­haft bleibt mir zu­letzt noch die Ab­bil­dung auf dem Schutz­um­schlag. Die dun­kel­haa­ri­ge Schö­ne kann we­der die blon­de Ju­le noch die ja­pa­ni­sche Hof­da­me sein.

Wer ist die Dargestellte?

 

 

Resümäum-Jubilee

Zwan­zig Mo­na­te gibt es nun die­ses Blog. Mir macht es im­mer noch Spaß.

Wie es de­nen er­geht, die sich hier­her ver­wir­ren, weiß ich nicht im­mer. Sie sind so schweig­sam. Ei­ni­ge Be­su­cher ge­ste­hen mir im rea­len Le­ben manch­mal, daß es ge­fällt. Was soll­ten sie auch sonst sa­gen, wenn sie mir ge­gen­über stehen?

Mein ers­ter Ama­zo­nobo­lus ist eben­falls vor ein paar Ta­gen ein­ge­trof­fen. Wä­re ich dar­auf an­ge­wie­sen, könn­te ich ge­nau ein Buch pro Jahr be­spre­chen. Aber das bin ich ja nicht, zum Glück. Zu­dem gibt es net­te Ver­la­ge, die auf höf­li­che An­fra­ge ein Le­se­ex­em­plar schi­cken. Ge­nannt sei­en zu die­sem An­lass be­son­ders der Wa­gen­bach-Ver­lag, weil er un­über­trof­fen schnell ist und un­be­dingt auch der Ber­lin-Ver­lag, der so­gar nach­frag­te, ob Be­darf da sei. Ist er, wenn auch nicht für al­les. Wei­te­re Ti­tel ka­men von Schöff­ling, Ant­je Kunst­mann, Kne­se­beck, Eich­born, Hey­ne und dem Han­ser Ver­lag. Ein­zig ein von mir an­ge­ti­cker­ter Rie­se be­kann­te of­fen, nichts an Blog­ger zu ver­schi­cken. Kann ich auch ver­ste­hen, bei man­chem Web­log-Re­zen­sen­ten geht ja die Pus­te be­reits nach dem Klap­pen­text aus. Von der Kon­di­ti­on der Schrei­ber könn­te man sich al­ler­dings mit ei­nem kur­zen Klick überzeugen.

Viel in­ter­es­san­ter ist die Fra­ge nach der meist be­such­ten Sei­te. Das war lan­ge Zeit  aus­ge­rech­net „Die Bü­cher­die­bin“. Ein Buch, wel­ches mir nicht ganz so gut ge­fiel und mit dem ich mir aus die­sem Grund ei­nen klei­nen Jux er­laub­te. Die­ser er­wies sich wie­der­rum als äu­ßerst ge­fragt. Wer woll­te nicht al­les wis­sen, wel­che Bü­cher die Bü­cher­die­bin er­beu­tet? Es ent­spann sich so­gar ei­ne klei­ne Dis­kus­si­on, so daß aus Spaß dann plötz­lich doch Ernst wur­de. Soll ja passieren.

Über­trof­fen wur­de die Klick­quo­te die­ses Ar­ti­kels je­doch von „Tschick“. Lie­be Schö­ler, die ihr no­lens vo­lens jetzt auch hier lan­den wer­det, lest es doch selbst, das Buch. Es er­scheint mir, im Ver­gleich zur „Ver­su­chung des Pes­ca­ra” ei­ne we­sent­lich und in je­der Hin­sicht an­ge­neh­me­re Auf­ga­be. In die­sem In­ter­view vom 31.01.2011 stell­te Kath­rin Pas­sig dem Au­tor Wolf­gang Herrn­dorf die Fra­ge, was er da­von hiel­te, wenn sein Ro­man in 30 Jah­ren zum Schul­stoff aus­er­ko­ren sein wer­de. Drei­ßig Jah­re? Such­an­fra­gen von „Zu­sam­men­fas­sung“ bis „In­ter­pre­ta­ti­on“ kün­den an­de­res. Und noch eins, ko­piert doch nicht ein­fach mei­nen Ein­trag. Ers­tens ist er viel zu mick­rig und zwei­tens kann eu­er Leh­rer auch goo­geln. Oder wollt ihr Bun­des­mi­nis­ter wer­den? Dann will ich nichts ge­sagt haben.

Neu­es­te Neue­run­gen sind nun end­lich ein „Blogroll“, in dem sich nicht nur die Blogs be­fin­den, die ich tat­säch­lich ne­ben all’ den Bü­chern auch le­se, son­dern auch „Die Le­se­lust“, in de­ren Fo­rum es sich an­ge­regt dis­ku­tie­ren lässt.

Dis­ku­tie­ren könn­te man auch hier, die Kom­men­tar­funk­ti­on steht im­mer al­len of­fen, nur Do­sen­fleisch wird entsorgt.

Dan­ke für den Be­such und nur Mut. 😉

Sofa oder Planschbecken — Literatur im TV

In ge­sel­li­ger Run­de Ex­per­ten über Li­te­ra­tur dis­ku­tie­ren zu las­sen wie wei­land im Li­te­ra­ri­schen Quar­tett reicht dem deut­schen Fern­se­hen schon lan­ge nicht mehr. Um den Zu­schau­er und Nicht­ex­per­ten vom Switch zum nächst­bes­ten Sen­der ab­zu­hal­ten, muss auch die Bü­cher­sen­dung am spä­ten Abend et­was bie­ten. Das neue von Wolf­gang Her­les mo­de­rier­te Ma­ga­zin „Das blaue So­fa“ schleppt eben­die­ses auf der Su­che nach Un­ter­hal­tung durch die Na­tur. Als sei es die Ve­nus­flie­gen­fal­le für den Schrift­stel­ler, der im Am­bi­en­te sei­nes Ro­mans dar­auf war­tet end­lich zu die­sem be­fragt zu wer­den. In der ers­ten So­fa­sit­zung traf Her­les auf Tro­ja­now und sei­nen Ro­man „Eis­Tau“, um auf ei­nem Glet­scher des­sen men­schen­ge­mach­tes Ab­schmel­zen schild­bür­ger­schlau in Son­nen­bril­le und Go­re­tex­ja­cke zu be­kla­gen. Ein Jack-Wolfs­kin-Spot vor der Sen­dung hät­te sich an­ge­bo­ten. Das Gan­ze ge­riet je­doch lei­der so an­re­gend wie die An­spra­che des bay­ri­schen Be­ne­dikt im Bun­des­tag. Der hat­te zwar kein blau­es So­fa, aber ro­te Schu­he, was bei mir eben­falls re­gel­mä­ßig für Ver­wir­rung sorgt, zählt der be­rühm­tes­te Pra­da­trä­ger doch zur an­de­ren Frak­ti­on. Es müss­te al­so schon mit dem Teu­fel zu­ge­hen, De­bat­ten, sei es über Li­te­ra­tur oder we­ni­ger Wich­ti­ges, ganz oh­ne spek­ta­ku­lä­re Lo­ca­ti­on statt­fin­den zu las­sen. Auch De­nis Scheck reist druck­frisch durch die Lan­de, und das äu­ßerst char­mant. Manch­mal ein we­nig un­kri­tisch ge­gen­über sei­nen Au­toren, was ver­ständ­lich sein mag, weil er nur das prä­sen­tiert, was ihm ge­fällt. Doch muss Be­geis­te­rung für ein Buch im­mer mit­tels ei­nes Ko­taus ge­sche­hen? Her­les war da kri­ti­scher, was lei­der in dem lan­gen Fluss der Fra­gen un­ter­ging. Viel­leicht fehlt Herrn Scheck ein­fach die Zeit zur Kri­tik? Bis der Feu­er­lö­scher plat­ziert und die weiß-ro­ten Bän­der ge­schlun­gen sind, braucht’s eben ein Weil­chen und vor al­lem die Ge­duld der Zu­schau­er. In der letz­ten Sen­dung, wir be­fin­den uns mal wie­der im wel­len­um­spiel­ten Is­land, sa­ßen dann zwei Jungs im Plansch­be­cken, der ei­ne, ha­ha, mit An­zug, der nicht bil­lig ge­we­sen sein wird, sonst wä­re für den an­de­ren auch ei­ner drin ge­we­sen. Das hat mich ver­wirrt. Ich kann mich kaum noch an Bü­cher und Au­toren er­in­nern. Von Ma­rio Var­gas Llosas „Der Traum des Kel­ten“ bleibt nur noch glei­ßen­des Son­nen­licht und der Feu­er­lö­scher. Vom Rest noch ei­ne Lah­me Ton­nen­täu­schung. War­um nur, warum?

Al­so bit­te mehr char­man­te Kri­tik, we­ni­ger Mö­bel und Setu­ten­si­li­en und nie mehr be­haar­te Bäuche.

Povero Patatone — Hunde und Bücher in Mailand

In ihrem Debüt „Italienisch für Liebhaber” erzählt Hilary Belle Walker vom Leben einer amerikanischen Buchhändlerin in Italien

Was bringt mich da­zu ein Buch le­sen zu wol­len, des­sen Co­ver ei­nen Aus­schnitt aus ei­nem Film mit Do­ris Day ent­nom­men zu sein scheint, das den Ti­tel „Ita­lie­nisch für Lieb­ha­ber“ trägt, und zu­dem von ei­ner in Mai­land le­ben­den Ame­ri­ka­ne­rin ver­fasst wur­de? Es muss wohl tat­säch­lich so sein, daß ich mich von al­lem Ita­lie­ni­schem ger­ne ver­füh­ren las­se, we­nigs­tens was Li­te­ra­ri­sches und Ku­li­na­ri­sches angeht.

Das Buch schmeckt zu­nächst wie ei­ne Piz­za. Ein schnel­ler Hap­pen, der et­was von al­lem hat, was man in Ita­li­en ger­ne vor­fin­den möch­te. Doch es ent­wi­ckelt sich ganz an­ders. Hi­la­ry Wal­ker schreibt ih­rer Prot­ago­nis­tin, die wie die Par­al­le­li­tät von Le­bens­da­ten und Um­stän­den ver­ra­ten stark au­to­bio­gra­phisch an­ge­legt ist, nicht den Weg ei­ner ita­lie­ni­schen So­zia­li­sa­ti­on auf den at­trak­ti­ven Leib. Sie ser­viert uns we­sent­li­che Sta­tio­nen in ei­ner Vi­ta al­la Mi­la­ne­se, stück­wei­se an­ge­rich­tet, die zum Glück nicht mit ei­ner durch­gän­gi­gen Chro­no­lo­gie lang­wei­len. Man be­tritt das Le­ben die­ser jun­gen, im teu­ren Mai­land fast mit­tel­lo­sen Buch­händ­le­rin, die sich und ih­ren Hund mit Tor­tel­li­ni und Ten­nis­bäl­len ganz gut über die Run­den bringt. In den ver­schie­de­nen Ge­schich­ten ge­sel­len sich wei­te­re Haupt­per­so­nen zu die­sen bei­den, mal ist es ein blau­es Fahr­rad, mal ein jun­ger Er­folgs­au­tor, mal ei­ne un­wi­der­steh­li­che Stadt­vil­la. Un­se­re Hel­din schwankt zwi­schen Do­ris-Day-Nai­vi­tät und Sin­gle-Selbst­be­wusst­sein und schil­dert all’ die Fall­stri­cke und Fett­näpf­chen, die die Mai­län­der Di­stin­gu­iert­heit für ih­ren ame­ri­ka­ni­schen Über­schwang be­reit hält.

Wal­ker ge­lingt es das manch­mal slaps­tik­ar­ti­ge Ver­hal­ten ent­spre­chend mit Iro­nie zu un­ter­le­gen. Ih­re Ge­schich­ten wer­de so zu ei­nem amü­san­ten, leich­ten, aber nicht ober­fläch­li­chen Le­se­ge­nuss, der al­ler­dings auch trau­ri­ge Mo­men­te be­reit hält. Ei­nen Kri­tik­punkt gibt es den­noch. Die Ge­schich­ten, vor al­lem die ers­ten, wir­ken wie ver­schie­de­ne zu un­ter­schied­li­chen Zeit­punk­ten ver­fass­te Im­pres­sio­nen. Dem­entspre­chend fin­det sich auf der Rück­sei­te des Co­vers auch die Be­zeich­nung Epi­so­den­ro­man. Das Ori­gi­nal er­schien 2009 in Ita­li­en un­ter dem Ti­tel „Ca­se al­trui“. Der Kunst­mann-Ver­lag hat es in der Über­set­zung von Ant­je Hö­fer un­ter dem an­schei­nend nichts sa­gen­den, aber wie oben ge­schil­dert sei­ne Wir­kung nicht ver­feh­len­den Ti­tel „Ita­lie­nisch  für An­fän­ger“ herausgebracht.

Ich emp­feh­le das Buch je­dem Ita­li­en­lieb­ha­ber. Es ist nicht nur un­ter­halt­sam und lin­dert die Nost­al­gie, son­dern es lehrt auch, wie man am nächs­ten Se­ma­fo­ro mit ei­nem treubli­cken­den Pa­ta­to­ne ins Ge­spräch kom­men kann.