Ein Coffee-Table voller Madeleines

Marcel Proust in Bildern und Dokumenten

Im Herbst des letz­ten Jah­res leg­te die Edi­ti­on Olms mit Mar­cel Proust in Bil­dern & Do­ku­men­ten ei­nen opu­len­ten Bild­band zu Eh­ren des be­rühm­ten Schrift­stel­lers auf recht­zei­tig zu sei­nem 90. To­des­tag am 18. No­vem­ber und vor dem Jah­res­tag des Erst­aus­ga­be des ers­ten Ban­des der Re­cher­che im Jah­re 1913. Die­ser groß­for­ma­ti­ge mit Bild­ma­te­ri­al reich aus­ge­stat­te­te Band kann als Cof­fee-Ta­ble-Book ne­ben ei­ner Eta­ge­re vol­ler Made­lei­nes Bel­la Fi­gu­ra ma­chen und die Emp­find­sam­keit sei­nes Be­sit­zers zur Schau stel­len. Er kann aber noch viel bes­ser die Welt der Re­cher­che ver­an­schau­li­chen, je­nes Le­bens­werks in sie­ben Bän­den mit den vie­len Sei­ten schö­ner Sät­ze. Die­ses zu il­lus­trie­ren, so­weit über­haupt mög­lich, ver­sam­melt der Band Fo­to­gra­fien, Do­ku­men­te, Kunst und De­kor. Es fin­den sich Por­träts von Proust, sei­ner Fa­mi­lie und den Freun­den. Wir kön­nen Brie­fe, Ur­kun­den und die be­rühm­ten Fra­ge­bö­gen stu­die­ren, Ab­bil­dun­gen der in der Re­cher­che er­wähn­ten Kunst­wer­ke be­trach­ten. Gra­phik und Ge­gen­stän­de des Fin de Siè­cle ver­voll­stän­di­gen das Zeit­ko­lo­rit und Made­lei­ne Le­mai­re, ei­ne Freun­din Prousts, die sich in Mme de Vil­le­pa­ri­sis und Mme Ver­du­rin wie­der­fin­det, streut ih­re Aqua­rell­blü­ten über vie­le Seiten.

Als Her­aus­ge­be­rin die­ser Il­lus­tra­ti­on fun­giert Pa­tri­zia Man­te-Proust, die Ur­groß­nich­te des Dich­ters. Vol­ler Fa­mi­li­en­stolz be­rich­tet sie über den be­rühm­ten On­kel ih­rer Groß­mutter Su­zy, der ein­zi­gen Toch­ter von Mar­cels Bru­der Ro­bert. Pa­tri­zia Man­te-Proust war elf Jah­re alt als die­se starb, und die stärks­te ih­rer Er­in­ne­run­gen gilt ne­ben dem Por­trät Prousts von Jac­ques-Èmi­le Blan­che, das im Sa­lon der Groß­mutter hing be­vor es in die Samm­lung des Mu­sée d’Orsay über­ging, der Ent­de­ckung des Ty­po­skripts von „Al­ber­ti­ne disparue“ im Jahr 1986. Auch wenn sie al­le Er­war­tun­gen hin­sicht­lich er­erb­ter li­te­ra­ri­scher Tief­grün­dig­keit be­schei­den ab­lehnt, äu­ßert sie doch das Bon­mot „Proust ist kei­ne Fra­ge des Le­sens, son­dern des Wie­der­le­sens!“. Zum Ab­schluss des Vor­worts er­weist sie ihm auch phä­no­ty­pisch Re­ve­renz auf ei­nem Por­trät mit künst­lich ver­han­ge­nem Blick und auf ei­nem Aqua­rell, das Ahn und Er­bin als Rad­fah­rer auf der Pro­me­na­de von Ca­bourg zeigt.

Der Haupt­teil des Ban­des teilt sich in Ka­pi­tel, de­ren Tex­te die Proust-For­sche­rin Mi­reil­le Na­tu­rel ver­fass­te. Sie lehrt an der Pa­ri­ser Uni­ver­si­tät Sor­bon­ne Nou­vel­le und ist Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der So­cié­té des Amis de Mar­cel Proust. Ein wei­te­res Ele­ment bil­den Pas­sa­gen der Re­cher­che, die mit aus­ge­wähl­ten Ab­bil­dun­gen kor­re­spon­die­ren. In sechs Ka­pi­teln wirft Na­tu­rel Schlag­lich­te auf die Be­deu­tung die­ses Ge­sell­schafts­ro­mans und er­in­nert zu­gleich an den ak­ti­ven, viel­sei­tig in­ter­es­sier­ten Proust.

Das ers­te Ka­pi­tel taucht ein in das Idyll der Kind­heit in Il­liers-Com­bray. Fa­mi­li­en­mit­glie­der, Aus­schnit­te aus Schul- und Stu­di­en­zeit, das frei­wil­li­ge Jahr beim Mi­li­tär, aber auch die frü­hen Fe­ri­en­auf­ent­hal­te in Ca­bourg ent­fal­ten ein „Ka­lei­do­skop des Le­bens“. Im zwei­ten Ka­pi­tel er­fah­ren wir von Prousts Be­geg­nun­gen und Be­zie­hun­gen zu an­de­ren Künst­lern, wie Jac­ques-Èmi­le Blan­che und Jean Coc­teau, aber auch von sei­nem Zu­sam­men­tref­fen mit dem Ver­le­ger Gas­ton Gal­li­mard. Das mon­dä­ne Le­ben des jun­gen Prousts in den Sa­lons be­ein­flusst un­mit­tel­bar das Ent­ste­hen sei­nes ers­ten li­te­ra­ri­schen Werks, Freu­den und Ta­ge. Die bei­den fol­gen­den Ka­pi­tel wid­men sich zwei ganz we­sent­li­chen Ele­men­ten, dem Le­sen und der Kunst. Zeigt das ei­ne, wie in Prousts Vor­wort zu sei­ner Über­set­zung von Rus­kins Sé­sam et les Lys, Grund­ge­dan­ken der Re­cher­che be­reits an­ge­legt sind, so be­rich­tet Na­tu­rel im fol­gen­den Ka­pi­tel von Prousts Kunst­ver­ständ­nis und sei­nem syn­äs­the­ti­schen Er­le­ben der Ein­drü­cke. Das Schluss­ka­pi­tel wid­met sich dem Ent­ste­hen des Ro­man­werks. Mit vie­len Ab­bil­dun­gen ver­folgt es die Aus­ar­bei­tung von No­ti­zen zum Ma­nu­skript. Die Über­ar­bei­tung des Ty­po­skripts mit den vie­len ein­ge­füg­ten Pa­pe­ro­les für die zahl­rei­chen Zu­sät­ze und Kor­rek­tu­ren könn­te fast als Kunst­werk für sich be­trach­tet wer­den. Ein kur­zer Ab­riss der Proust-Re­zep­ti­on be­en­det das Ka­pi­tel und Buch. Es schlie­ßen sich Li­te­ra­tur­ver­zeich­nis wie Ab­bil­dungs­nach­weis und ei­ne Tran­skrip­ti­on und Über­set­zung der Text­do­ku­men­te an so­wie, was an­schei­nend nie feh­len darf, ein Re­zept für Madeleines.

Ins Deut­sche über­setzt wur­de die­ser ins­ge­samt sehr schö­ne Bild­band von Ste­fa­nie Ku­bal­la-Cot­to­ne. Er bie­tet ei­ne gu­te Er­gän­zung zu Mar­cel Proust, sei­nem Werk und sei­ner Welt, der je­doch zwei klei­ne Aber hin­zu­fügt wer­den müs­sen. Nicht im­mer wirkt die Zu­sam­men­stel­lung der un­ter­schied­li­chen Ab­bil­dungs­for­ma­te ge­glückt. Klei­ne Fo­tos mit ab­ge­run­de­ten Ecken ne­ben ei­nem groß­for­ma­ti­gen Recht­eck oder al­te und neue Auf­nah­men auf ei­ner Blü­ten­ta­pis­se­rie er­in­nern an selbst­ge­mach­tes Fo­to­buch­sty­ling. Das mag Ge­schmacks­sa­che sein. Kei­ne Fra­ge des Ge­schmacks sind je­doch die ab­fär­ben­den Dru­cke, die auf den wei­ßen Flä­chen un­schö­ne Fle­cken hin­ter­las­sen. Das hät­te durch Sorg­falt bei der Her­stel­lung ver­mie­den wer­den können.

Nicht nur we­gen des Ti­tels darf die Re­zen­si­on von An­dre­as Platt­haus in der F.A.Z. nicht un­er­wähnt blei­ben, Im Schat­ten spä­ter Nicht­en­blü­ten.

Man­te-Proust, Pa­tri­cia; Na­tu­rel, Mi­reil­le (Hg.), Mar­cel Proust in Bil­dern & Do­ku­men­ten, übers. v. Ste­fa­nie Ku­bal­la-Cot­to­ne, Edi­ti­on Olms Zü­rich 2012.

Klamauk auf Skios

Verwechslungsklamotte mit guten Dialogen — „Willkommen auf Skios“ von Michael Frayn

Er­zäh­len Sie ihr, was Ih­nen ge­ra­de ein­fällt. Sie muss nur se­hen, dass je­mand sich be­müht. Sa­gen Sie ihr das klei­ne Ein­mal­eins auf. Sie wird es nicht ver­ste­hen. Ein Mund, der auf- und zu­geht. Mehr wol­len die meis­ten Leu­te hier nicht, wenn man es recht be­trach­tet. Und eins Ih­rer net­ten Lächeln. “

Auf ei­nem klei­nen, kar­gen In­sel­chen in der grie­chi­schen Ägä­is bahnt sich der Hö­he­punkt der Sai­son an. In ei­ner ex­klu­si­ven Kul­tur­stif­tung er­war­ten die nicht min­der ex­klu­si­ven Mit­glie­der aus Geld- und Bil­dungs­adel den Jah­res­vor­trag. Hal­ten wird ihn Dr. Nor­man Wil­fred, der als Vor­trags­rei­sen­der in Sa­chen Szi­en­to­me­trie sei­ne gut ge­reif­ten Er­kennt­nis­se schon seit Jah­ren welt­weit ver­wurs­tet. Sein Ant­ago­nist, der jun­ge, at­trak­ti­ve Oli­ver Fox will auf der In­sel ein Wo­chen­en­de mit sei­ner jüngs­ten Er­obe­rung ver­brin­gen, de­ren Freun­din Nik­ki wie­der­um als As­sis­ten­tin der Stif­tung den Vor­trag or­ga­ni­siert. Nik­ki war­tet am Flug­ha­fen als Wis­sen­schaft­ler und Nichts­nutz gleich­zei­tig dort ein­tref­fen. Von ih­rer adret­ten Net­tig­keit an­ge­zo­gen steu­ert der Nichts­nutz auf sie zu, gibt sich als er­war­te­ter Wis­sen­schaft­ler aus und die Ver­wick­lun­gen beginnen.

Ver­wechs­lungs­ko­mö­di­en ha­ben mich noch nie be­son­ders be­geis­tert. Zwei Per­so­nen rut­schen in die fal­schen Rol­len und dann dau­ert es we­gen et­li­cher Ka­prio­len quä­lend lan­ge bis ir­gend­ei­ner da­hin­ter kommt. Al­le An­we­sen­den sind ge­blen­det von ih­ren ei­ge­nen Er­war­tun­gen. Sie hal­ten den Fal­schen für den Rich­ti­gen und selbst ein­deu­ti­ge Hin­wei­se brin­gen sie nicht auf die Spur. Sie ver­har­ren in Schafs­star­re, un­kri­tisch, leicht­gläu­big, groß­äu­gig und ver­trau­ens­se­lig. Das Funk­ti­ons­prin­zip sol­cher Ge­schich­ten ist die Scha­den­freu­de der Zu­schau­er und Le­ser. Sie be­ob­ach­ten das Ge­sche­hen von au­ßen, wis­sen mehr als die in­vol­vier­ten Fi­gu­ren und amü­sie­ren sich über de­ren Ge­schick. Mei­nem Hu­mor ent­spricht dies nicht. An­fangs ver­spü­re ich Mit­leid mit dem Be­nach­tei­lig­ten, der ne­ben dem Glücks­pilz zum Zwangs­in­ven­tar der­ar­ti­gen Kla­mauks zählt. Doch bald be­fällt mich der Wunsch die Sa­che auf­zu­klä­ren. We­gen der Un­er­füll­bar­keit die­ses An­sin­nens wer­de ich schließ­lich so ner­vös, daß ich Film, Stück oder Ro­man verlasse.

Will­kom­men auf Ski­os“ ha­be ich zu En­de ge­le­sen. Ein frü­he­rer Ro­man des Au­tors, „Das Spio­na­ge­spiel“ hat­te mich be­ein­druckt. Auch der neue Ro­man Frayns ist sti­lis­tisch sehr gut ge­macht. Wort­spie­le und An­spie­lun­gen ent­lar­ven die nicht nur aka­de­mi­schen Ei­tel­kei­ten. Die ra­schen Wech­sel von Per­spek­ti­ve und Schau­plät­zen en­den stets mit ei­nem Cliff­han­ger, der ho­hes Le­se­tem­po er­zeugt. Trotz­dem ver­moch­te der In­halt der Sto­ry nicht mein In­ter­es­se zu we­cken. Der Hu­mor wirkt nicht schwarz und eng­lisch son­dern plump und dick auf­ge­tra­gen. Im­mer­hin bie­ten ei­ni­ge bril­lan­te Dia­lo­ge Ver­gnü­gen. Aber das war’s dann auch. Die in­tel­lek­tu­el­le Her­aus­for­de­rung ei­ner ei­ni­ger­ma­ßen plau­si­blen Auf­lö­sung die­ses Kud­del­mud­dels spart sich Frayn. Sei­ne Bou­le­vard­ko­mö­die mün­det in ei­ner Slap­stick-Ex­plo­si­on. Üb­rig blei­ben Trüm­mer und hei­ße Luft.

Mi­cha­el Frayn, Will­kom­men auf Ski­os, Carl Han­ser Ver­lag, Mün­chen 2012 

Permutative Plot-Plagiate

Doris Brockmanns Kriminalroman entwickelt einen „Psychoterror der ganz eigenen Art“

Zwei­fel und Zau­dern zi­scheln, dass ihm jetzt nur noch zwei Ta­ge blie­ben, um sein groß­mau­li­ges Ver­spre­chen einzulösen.

Zu­ver­sicht und Zu­trau­en hal­ten da­ge­gen: Letz­te Nacht erst sei die Hand­lung ge­träumt wor­den! Laut Vor­ga­be lau­fe ab dann der Countdown.“

 

Als Tup­pes be­zeich­net der Rhein- bis Ruhr­län­der ei­nen durch­aus lie­bens­wür­di­gen Men­schen, der in vie­len Din­gen nicht der Al­ler­schnells­te ist. Viel­leicht war ein Vor­fah­re von Adri­an Tup­pek, der Haupt­fi­gur des Ro­mans „Das Schrei­ben die­ses Ro­mans war in­so­fern ein Glücks­fall“, auch von der­ar­ti­gem Ge­müt und epony­men Ein­fluss? Der Le­ser er­fährt es nicht. Da­für er­fährt er ei­ni­ges von den Ver­su­chen die­ses Schrift­stel­lers sei­ne chro­ni­sche Schreib­hem­mung zu über­win­den. Als men­ta­ler Coach dient Tup­pek der ös­ter­rei­chi­sche Au­tor Tho­mas Gla­vi­nic, der nach ei­ge­nem Be­kun­den sei­nen „Ka­me­ra­mör­der“ in nur sechs Ta­gen zu Pa­pier brach­te. Was die­ser schaff­te, das schaf­fe er auch, denkt Tup­pek. Und wie in man­chem Ro­man sei­nes Vor­bilds, der nicht nur mit der Me­ta­ebe­ne spielt, son­dern den Un­ter­schied zwi­schen die­ser und der Hand­lung bis­wei­len ver­wischt, treibt es auch Adri­an Tup­pek oder bes­ser Do­ris Brock­mann mit Adri­an Tup­pek. Die­ser er­lebt und er­lei­det ein „Sechs-Ta­ge-Ro­man-Pro­jekt“ vol­ler Zwei­fel, Zau­dern, Zu­ver­sicht und Zu­trau­en. Un­ter­stützt wird er von sei­nem „Le­bens­men­schen“ Le­na, Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin im Bä­cke­rei­ver­kaufs­be­reich, die um die phleg­ma­ti­schen Pro­blem­zo­nen ih­res Part­ners weiß. Zwar kann er durch­aus li­te­ra­ri­sche Aus­zeich­nun­gen wie das „Au­toren­sti­pen­di­um der Stadt­bi­blio­the­ken Ber­gi­sches Land“ vor­wei­sen, doch der Durch­bruch blieb ihm bis­her ver­wehrt. Jetzt scheint er na­he. Tup­pek ist der­art mo­ti­viert, daß er von Ro­man­an­fän­gen nur so sprüht, doch dann dräut das scheuß­lichs­te Schick­sal des Schrift­stel­lers, das Plagiat.

Die skur­ri­len Ideen und der iro­ni­sche Stil Brock­manns er­in­nern mich zu­wei­len an Her­bert Ro­sen­dor­fer, der vor al­lem mit der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Fi­nanz­be­am­tin sehr ein­ver­stan­den ge­we­sen wä­re. Be­son­ders die Ne­ben­fi­gu­ren er­fah­ren ei­nen gro­ßen Auf­tritt, ich hät­te ger­ne mehr ge­le­sen vom Kauf­haus­kas­sen-Tes­ter und sei­nen Ver­käu­fe­rin­nen. Aber für sie war viel­leicht nicht aus­rei­chend Platz bei all der Pro­mi­nenz, von der hier aus be­sag­ten Grün­den nur das Hem­den- und Bart­mo­del Jür­gen von der Lip­pe und der Kö­ter Brad Pitt(Bull) er­wähnt wer­den kön­nen, nicht zu ver­ges­sen die Welt­li­te­ra­ten Ro­bert Lou­is Ste­ven­son, Ge­or­ges Si­me­non und Ot­to Rombach.

Doch was ist die­ses Buch nun ei­gent­lich? Kri­mi­nal­ro­man? Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re? Schrift­stel­ler­sua­da? Schel­men­ro­man? Viel­leicht am ehes­ten ein kri­mi­na­lis­ti­scher Wei­ter­bil­dungs­ro­man, denn wer noch nie et­was von den re­nom­mier­ten Au­torin­nen Ca­rin Domb­s­kron, No­ra Mond­bricks oder gar vom Kri­mi­nal­schrift­stel­ler Bo­ris Monn­drack ge­hört ha­ben soll­te, der darf im Ro­man von Do­ris Brock­mann ih­re Be­kannt­schaft machen.

Die Kunst Liebesbriefe zu schreiben

Martin Walsers „Das dreizehnte Kapitel“ ist voll vollendet formulierter Verführungen

Das drei­zehn­te Ka­pi­tel“, die­ser an­spie­lungs­rei­che Ti­tel des Ro­mans ist ein Ge­schenk. Ba­sil Schlupp, der Schrift­stel­ler im Ro­man, er­hält es von sei­ner Frau Iris, ei­ner dreh­buch­schrei­ben­den stu­dier­ten Ve­te­ri­nä­rin, ei­ner der bei­den wich­ti­gen Ne­ben­fi­gu­ren des Ro­mans. Mit ih­rem Schrift­stel­ler­ge­heim­nis ver­rät Ba­sil sei­ne Ehe­frau und ge­winnt das Ver­trau­en von Ma­ja Schnei­lin, der zwei­ten Haupt­fi­gur des Romans.

Seit Ma­jas schö­ner An­blick sei­ne Auf­merk­sam­keit im gleich­na­mi­gen Schloss des Bun­des­prä­si­den­ten er­reg­te fühlt sich Ba­sil von ihr an­ge­zo­gen. Schließ­lich schickt der be­rühm­te Ver­fas­ser des Best­sel­lers „Strand­ha­fer“ ihr, der Phy­si­ker­gat­tin und Theo­lo­gie­pro­fes­so­rin, ei­nen Brief. Die der­art amü­sant und elo­quent An­ge­schrie­be­ne kann ei­ner Ant­wort nicht wi­der­ste­hen. Zwar fällt die­se zu­nächst zu­rück­hal­tend aus, aber der ers­te Schritt ist ge­tan. Der Brief­ro­man be­ginnt. Die bei­den Schrei­ben­den be­rich­ten in der fol­gen­den Kor­re­spon­denz von­ein­an­der, von ih­ren Ehe­part­nern, von Ge­heim­nis­sen und Wün­schen. Es ent­steht ei­ne Ge­schich­te zwi­schen ih­nen, die oh­ne die Ge­gen­wart des An­de­ren, oh­ne tie­fe Au­gen­bli­cke aus­kommt, Ver­trau­en und Ero­tik ent­steht al­lei­ne durch Ge­dan­ken, die sich in Zei­len auf dem Brief­pa­pier ma­ni­fes­tie­ren. „Un­se­re Buch­sta­ben­ket­ten sind Hän­ge­brü­cken über ei­nem Ab­grund na­mens Wirklichkeit.“

Ba­sil, der sich sei­ner Rol­le als „Zu­dring­lich­keits­ver­fas­ser“ im ers­ten Brief durch­aus be­wusst ist, ju­bi­liert nach dem ers­ten Ant­wort­schrei­ben sei­ner An­ge­be­te­ten: „So oft wie Ih­ren Brief ha­be ich noch nie Ge­schrie­be­nes ge­le­sen.“. Ei­ne Lie­bes­brief­plat­ti­tü­de mag man den­ken, die al­ler­dings von ei­nem Bild ab­ge­löst wird, das die Le­se­er­fah­rung der­ar­ti­ger Schrei­ben bes­ser nicht tref­fen könn­te. „Ihr Brief ist ei­ne Wie­se. Ich ha­be auf die­ser Wie­se gegrast.Tag und Nacht. Jetzt ver­ab­schie­de ich das Bild Wie­se und Gra­sen. Ich ha­be näm­lich noch ge­grast, als auf ei­ner wirk­li­chen Wie­se längt al­les ab­ge­grast ge­we­sen wä­re. In Ih­rem Brief aber wuchs al­les im­mer wie­der nach.“ Um Schlupp ist’s ge­schehn, im­mer­zu an die An­ge­schrie­be­ne den­kend, war­tet er auf Ant­wort. Ih­rer Ge­gen­wart ist er sich auch bei den ge­rings­ten All­tags­ver­rich­tun­gen be­wusst, er emp­fin­det sein ex­klu­si­ves In­nen­le­ben, wel­ches er mit die­ser noch Un­be­kann­ten tei­len möch­te, we­ni­ger mit sei­ner Ehe­frau, auch wenn er sie liebt. „Es geht in uns of­fen­bar an­dau­ernd et­was vor, was wir dem, der da ist, nicht sa­gen können.“

Bei Ma­ja meint er „die täg­li­che Last los­wer­den“ zu kön­nen. Was be­las­tet den Schrift­stel­ler? Ver­zweif­lung oder eher To­des­ah­nung, wie fol­gen­der Aus­ruf na­he­legt: „Wenn ich nur schon er­trun­ken wä­re! Im­mer noch die­se Schwimm­be­we­gun­gen ge­gen das Er­trin­ken. Die­ses Hin­aus­schie­ben des­sen, was kom­men muss.“ Die Ant­wort­schrei­ben der Theo­lo­gin ge­ra­ten phi­lo­so­phisch. Sie spricht mit Kier­ke­gaard von Ver­ant­wor­tung und wech­selt qua pro­fes­sio­ne auf re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sches Ter­rain, Bi­bel­zi­ta­te in­be­grif­fen. Schließ­lich er­öff­net sie Ba­sil ih­re gro­ße Lie­be zu Karl Barth, dem Re­form­theo­lo­gen, ih­rem Meis­ter. Ihr Ehe­mann, der Phy­si­ker Kor­bi­ni­an, ist ih­rem Idol ge­gen­über skep­tisch, die Theo­lo­gin fühlt sich her­aus­ge­for­dert, die­ses Ver­ständ­nis in ih­rem Mann noch zu er­we­cken. Ba­sil, dem Ma­ja zu­dem von der ne­ben­ehe­li­chen Lei­den­schaft Karl Barths zu Char­lot­te von Kirsch­baum be­rich­tet und die Lek­tü­re ih­rer Brie­fe emp­fiehlt, re­agiert mit Iro­nie. Er wer­de dem Re­for­mer ei­ne Mes­se le­sen las­sen. An­ders als das his­to­ri­sche Lie­bes­brief­paar wer­den sich Ba­sil und Ma­ja nur ein­mal wäh­rend ih­rer Kor­re­spon­denz be­geg­nen, auf dem Frank­fur­ter Flug­ha­fen. Auch das nur im Vor­rü­ber­ge­hen, die Zeit reicht ge­ra­de, sich die Mail­adres­se zu zu­ru­fen, sonst wird Ba­sil nie dort sein wo Ma­ja ist. „Ich sit­ze nir­gends. Nir­gends, wo sie sind. Denn es ist nichts. Und es war nichts. Und es wird sein: nichts.“. Trotz die­ser fast schon bi­bli­schen Sen­ten­zen, kommt es zur Un­ter­bre­chung ih­res Brief­ver­kehrs. Ba­sil schreibt, Ma­ja ant­wor­tet nicht. Ver­ant­wort­lich für das Von­ein­an­der­ent­fer­nen ist Ba­sils Ei­tel­keit, die von Ma­ja er­mög­licht das Wiederzusammenkommen.

So­weit ist die ge­neig­te Ro­man­le­se­rin sehr ein­ver­stan­den mit den schön ge­schrie­be­nen Brie­fen und den ver­ständ­li­chen Re­ak­tio­nen. Doch ein un­vor­her­ge­se­he­nes Er­eig­nis wen­det dies. Kor­bi­ni­an er­krankt, er braucht Zeit, Ma­ja nimmt sie sich für ihn. Nach ei­ner Ope­ra­ti­on bre­chen sie zu ei­ner Rad-Tour durch Ka­na­da auf. Wäh­rend die­ses Ex­trem­sports, dem sich Ma­ja ex­trem er­gibt, lässt sich be­reits das En­de ah­nen. Im­mer wie­der be­fragt Kor­bi­ni­an sei­ne Frau, ob sie bei ihm blei­be, und sie ant­wor­tet „Im­mer und ewig.“. Auch wenn der Traum vom Schier­lings­blü­ten­strauß das En­de klar vor­her­sagt, so hat es mich über­rascht und ein we­nig ent­täuscht. Ba­sil Schlupp wird kei­ne Brie­fe mehr schrei­ben und Mar­tin Wal­ser spart sich die Schwie­rig­keit, den wei­te­ren Ver­lauf die­ser Af­fä­re sei­nen Fi­gu­ren und sei­nen Le­sern zu erklären.

Die­ser klei­nen Ent­täu­schung un­ge­ach­tet, wer das Schrei­ben in­tel­li­gen­ter Lie­bes­brie­fe ler­nen will, der le­se diese.

Ei­ne Le­se­pro­be fin­det sich auf den Sei­ten des Ro­wohlt-Ver­la­ges.

Mar­tin Wal­ser, Das drei­zehn­te Ka­pi­tel, Ro­wohlt Ver­lag, 1.Aufl. 2012

Todesstern trifft Iguanodon

In „Die Elefanten meines Bruders” erzählt Helmut Pöll von besonderen Abenteuern

Quick­le­ben­di­ge, auf­ge­weck­te Kin­der sind fes­ter Be­stand­teil der Kin­der­buch­li­te­ra­tur. Sie hüp­fen neu­gie­rig durchs Le­ben und le­gen mit ih­ren Fra­gen bei Er­wach­se­nen Wis­sens­lü­cken und Ner­ven bloß. Ei­ner ih­rer be­kann­tes­ten Ver­tre­ter ist As­trid Lind­grens Mi­chel aus Lön­ne­ber­ga. Zu Be­ginn des vor­letz­ten Jahr­hun­derts hat­te man al­ler­dings nicht nur im fer­nen Schwe­den son­dern nir­gend­wo nichts von ADHS ge­hört. Es gab für Mi­chel kei­ne Pil­len und er ging auch nicht zu ei­nem The­ra­peu­ten, son­dern wie all­seits be­kannt in den Schup­pen. Heu­te, in Zei­ten des All-Over-Pro­tec­ting wür­de es Mi­chel mit Si­cher­heit ganz an­ders ergehen.

Viel­leicht so wie dem fast 12-jäh­ri­gen Bil­ly, dem Ich-Er­zäh­ler in Hel­mut Pölls neu­em Ro­man „Die Ele­fan­ten mei­nes Bru­ders“. Be­vor die­ser je­doch mit sei­nen Ma­cken raus­rückt, schil­dert er das trau­ma­ti­sche Er­leb­nis sei­ner frü­hen Kind­heit. Sein Bru­der Phil­lipp starb bei ei­nem Ver­kehrs­un­fall. Der für je­nen Abend ge­plan­te Zir­kus­be­such fand nie statt. Phil­lipp wür­de den Auf­tritt sei­ner Lieb­lings­tie­re, der Ele­fan­ten, nie mehr er­le­ben kön­nen. Sei­nem klei­nen Bru­der Bil­ly blei­ben als fass­ba­re Er­in­ne­rung ein­zig die Ein­tritts­kar­ten, die er wie ein Schatz hütet.

Ob die­ses Er­leb­nis Bil­lys Ver­hal­ten aus­ge­löst hat, lässt der Au­tor zu­nächst of­fen. Viel­leicht ist die­ses An­ders­sein ein­fach nur Bil­lys be­son­de­re In­di­vi­dua­li­tät? Er nimmt Me­di­ka­men­te, die al­ler­dings we­nig hel­fen, wenn Bil­ly sei­ne Ge­dan­ken nicht mehr bän­di­gen kann. Dann dreht er durch, läuft x‑mal um die Be­ton­säu­le bei der Tief­ga­ra­ge oder mit dem To­des­stern durch die Woh­nung. Bil­ly ist zu­dem ein Kind, das ge­nau be­ob­ach­tet, und mit Phan­ta­sie aus dem Ge­se­he­nen Ge­schich­ten formt. Die­se rei­chert er mit ei­nem für sein Al­ter er­staun­li­chen Film­wis­sen an. Sei­ne Film­da­ten­bank im Kopf hält schein­bar für je­de Si­tua­ti­on die pas­sen­de Sze­ne be­reit. So wun­dert es nicht, daß Bil­ly ei­nes Ta­ges ei­nen Mann in der U‑Bahn zu­nächst als Spi­on ver­däch­tigt und nach zwei­fels­frei­er Iden­ti­fi­zie­rung die Po­li­zei ver­stän­digt. Er­war­tungs­ge­mäß führt dies zu Un­ter­re­dun­gen mit den El­tern, den Po­li­zis­ten und Herrn Ser­ra­no, dem ent­tarn­ten Spi­on. Lo­gisch, daß die­se Er­wach­se­nen, die wenn nicht Spio­ne, viel­leicht Re­pli­kan­ten und auf je­den Fall voll­kom­men phan­ta­sie­los sind, mit ih­rer Fra­ge­rei Bil­lys Über­las­tungs-Schal­ter aus­lö­sen. Dann schreit er den Rain­man-Schrei, fällt in Ohn­macht oder springt über die Bet­ten. Sei­ne El­tern se­hen das als Pro­blem und schi­cken ihn zur Psy­cho­lo­gin, dem Igu­a­n­o­don. Wich­ti­ge Ge­sprä­che führt Bil­ly al­ler­dings lie­ber mit sei­ner Freun­din Mo­na. Bei ihr, ih­rer Mut­ter und  dem Cha­mä­le­on Ot­to ver­bringt Bil­ly viel Zeit. Was auch an Mo­nas Mut­ter lie­gen mag, die trotz oder viel­leicht ge­ra­de we­gen Mo­nas schwie­ri­gem pu­ber­tä­ren Bru­der Carl sicht­lich ent­spannt auf Bil­lys Ei­gen­hei­ten re­agiert. Mo­na und Bil­ly sam­meln die schlech­ten Lü­gen ih­rer El­tern und rät­seln über das selt­sa­me Ver­hal­ten der Er­wach­se­nen. Was sie spä­ter ein­mal wer­den wol­len, wis­sen wie noch nicht, viel­leicht Be­rufs-Spa­zier­gän­ger oder Film-An­se­her.

Pöll ge­lingt es gut die Ei­gen­art des jun­gen Ich-Er­zäh­lers dar­zu­stel­len, Bil­lys Er­leb­nis­se ent­wi­ckeln ei­nen ge­hö­ri­gen Dri­ve. Der Er­zähl­ton ist stets hu­mor­voll und er­füllt Un­ter­hal­tungs­an­sprü­che von Kin­dern wie Er­wach­se­nen. Le­dig­lich ei­ni­ge gram­ma­ti­ka­li­sche Un­stim­mig­kei­ten be­dür­fen ei­ner noch­ma­li­gen Überarbeitung.

Die ADHS-The­ma­tik wird zwar nicht über­pro­ble­ma­ti­siert, aber für mich hät­te die Ge­schich­te auch sehr gut oh­ne sie funktioniert.

Ob Bil­ly den Le­go-To­des­stern zu Weih­nach­ten be­kommt? Und ob Bil­lys El­tern vor dem Zu­sam­men­bau­en ein paar von Bil­lys Pil­len brau­chen? Die­se Fra­gen kann wohl nur ei­ne Fort­set­zung beantworten.

Neuer Haas Grotesk

Wolf Haas erzählt in „Verteidigung der Missionarsstellung“ von Lee Ben in Zeiten der Pandemie

Er­in­nern Sie sich noch an die Pa­nik­wel­le, die vor zwei Jah­ren das be­gin­nen­de Som­mer­loch öff­ne­te? Oder war es die vor­letz­te Angst vor An­ste­ckung? Ich weiß es nicht mehr so ge­nau, denn ge­schmack­lich fin­de ich Gur­ken eher fad und Spros­sen kaum ver­füh­re­ri­scher. Viel­leicht be­sa­ßen die aus Bie­nen­büt­tel ei­ne leich­te Ho­nig­sü­ße, wer weiß?

Wie ich dar­auf kom­me, bes­ser wie Wolf Haas über zahl­rei­che Sprach­ka­prio­len und Zei­len­schlen­ker schließ­lich beim EHEC-Herd lan­det, das le­sen Sie in sei­nem neu­en Ro­man. Doch be­gin­nen wir vor den Ter­ror­spros­sen, der Por­ca Paz­za, dem ver­rück­ten Huhn und der Kuhe­krank­heit, al­so ganz von vor­ne. Oder fast von vorn auf Sei­te 9.

Ei­gent­lich bin ich Ve­ge­ta­ri­er. Ich ha­be mir die­sen Beef­bur­ger über­haupt nur ge­kauft, um mit dir ins Ge­spräch zu kom­men“, hät­te er fast ge­sagt. „Weil ich von der ge­gen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te dei­ne Zäh­ne auf­blit­zen sah, als dir der Ver­käu­fer vom Le­der­ja­cken­stand et­was zu­ge­ru­fen hat, und ich dach­te, so stren­ger Ve­ge­ta­ri­er bin ich nicht, dass ich nicht auch mal ei­nen Beef­bur­ger es­sen kann; im­mer­hin la­che ich auch über Ve­ga­ner, die nicht ein­mal Ei­er es­sen, kei­ne Le­der­schu­he tra­gen, und ich fra­ge mich im­mer, ist es für ei­ne Ve­ga­ne­rin über­haupt er­laubt männ­li­ches Ei­weiß in sich auf­zu­neh­men oder greift da auch schon der Tierschutz?“

Die­ser in ei­ne Bur­ger­ver­käu­fe­rin ver­lieb­te Ve­ge­ta­ri­er und Sohn ei­nes Ho­pi-In­dia­ners und ei­ner Hip­pie-Ba­ju­wa­rin mit auf­fal­len­der Ähn­lich­keit mit dem be­rühm­tes­ten be­klopp­ten In­dia­ner der Film­ge­schich­te ist die Haupt­fi­gur in Wolf Haas’ neu­em Roman.

Haas per­sön­lich er­zählt von ihm, er lässt dies nicht sei­nen Er­zäh­ler ver­rich­ten, um die­sem dann, wie es ge­le­gent­lich Au­toren zu un­ter­neh­men pfle­gen, haar­sträu­ben­de Äu­ße­run­gen in die Zei­len zu le­gen, von de­nen sie sich mit dem Hin­weis, es wür­de ja nicht aus ih­rer Fe­der dort hin­e­inflie­ßen, son­dern aus dem Hirn der er­fun­de­nen Fi­gur, wie­der di­stan­zie­ren kön­nen. Al­so, nein, bei die­sem Haas gilt dies wie­der mal nicht, er tritt selbst als Schrift­stel­ler auf. Viel­leicht nicht au­then­tisch, wir wis­sen nicht, ob Wolf Haas tat­säch­lich ein­mal zur Un­ter­mie­te bei ei­ner gei­zi­gen Spie­ße­rin im Na­zi­vier­tel Salz­burgs ge­wohnt hat wie der Haas in sei­nem Ro­man. Die­ser hat dort auf je­den Fall Ben­ja­min Lee Baum­gart­ner, den Ho­pi-Hip­pie-Ab­kömm­ling, ken­nen­ge­lernt. So­wie auch des­sen zu­künf­ti­ge Frau, die der Kür­ze hal­ber bei Baum­gart­ner, Haas und im Ro­man nur als die Baum fir­miert. Über die­se be­rich­tet der Ich-Er­zäh­ler Wolf Haas in Ka­pi­teln, die er zwi­schen die ei­gent­li­che Hand­lung streut. Die­se wie­der­um ver­folgt das Le­ben und Lie­ben des Lee Ben, wie sei­ne Mut­ter den Sohn zu nen­nen pfleg­te, und die er­staun­li­che Ko­in­zi­denz, mit de­nen Amor Pfei­le auf Lee Ben und wel­cher Gott auch im­mer Pest­pfei­le auf den Rest der Mensch­heit abschiessen.

So wie Amor und wahr­schein­lich war’s mal wie­der Apoll ih­re Waf­fen, be­herrscht Haas die Waf­fe des Schrift­stel­lers der­art vir­tu­os, daß er nicht nur Pi­rou­et­ten dreht, son­dern den ge­sam­ten Ro­man als Sprach­akro­ba­tik auf­führt, die sich va­ri­an­ten­reich über Wort­spie­le bis zu ganz kon­kre­ter Poe­sie er­streckt. So schaut das be­cir­cen­de Bur­ger­mäd­chen in der Im­biss­bu­de am Green­wich Mar­ket aus ei­ner Öff­nung, die als Wunsch­hin­ein­sprech­fens­ter, Beefburgerherausreich‑, Geldhineinreich‑, Zwie­bel­her­aus­fra­ge- oder Hin­einstarr­fens­ter plötz­lich un­ver­mu­te­ten De­kor zeigt. Der­art prä­pa­riert wun­dert man sich kaum, wenn we­nig spä­ter nicht nur der sich ver­lau­fen­de Prot­ago­nist falsch ab­biegt, son­dern auch die Zei­le auf der Buch­sei­te. Wenn ei­ner „nichts“ sagt, stellt die­ses Wört­chen dies al­lei­ne auf ei­ner Sei­te dar, so­bald nicht ge­dacht wird, fehlt selbst dies, ein blan­kes Nichts als Sym­bol der Ge­hirn­lee­re. Dass sol­che im Hirn des Au­tors kaum herrsch­te, be­wei­sen der­ar­ti­ge Ideen. Dar­un­ter ei­ni­ge Sei­ten in Man­da­rin, die auf uns Eu­ro­pä­er spek­ta­ku­lär, da voll­kom­men chi­ne­sisch wir­ken, und die zu­dem wie ei­ni­ge Re­zen­sio­nen zei­gen zu den schöns­ten Spe­ku­la­tio­nen anregen.

Die für die Ro­mani­dee Auf­schluss­reichs­te of­fen­bart sich auf den Sei­ten 127 bis 133. Dort zwin­gen dia­go­nal ver­lau­fen­de Zei­len zum Quer­le­sen und er­läu­tern mit we­ni­gen Wor­ten Tar­skis An­ti­no­mie-Pro­blem, die Schwie­rig­keit Ob­jekt- und Me­ta­spra­che zu ver­mi­schen. Für Wolf Haas ist es kein Ta­bu, „dass ein Satz nicht über sich selbst spre­chen darf, und wie schön es ist, dass die­ses Ver­bot nur für die Wis­sen­schaft gilt“ be­weist er in sei­nem Ro­man zum gro­ßen Ver­gnü­gen sei­nes Ver­fas­sers wie sei­ner Le­ser. Ein Sprach­spaß, dem es auch an in­halt­li­cher Iro­nie nie fehlt. Vie­les gilt es zu ent­de­cken in die­ser Kon­struk­ti­on aus Ro­man- und Me­ta­ebe­ne, die bei­na­he mit ei­ner Be­geg­nung des Au­tors mit ei­ner Le­se­rin im noch nicht be­en­de­ten Ro­man en­det, tat­säch­lich dann aber fast mit dem Rat­schlag an al­le Win­ter­de­pres­si­ven mit ei­nem Buch anzufangen.

Wenn Sie das le­sen­der­wei­se tun wol­len, neh­men sie die­ses, ge­setzt aus der Sa­bon und Al­te Haas Grotesk.

 

Wolf Haa­se, Ver­tei­di­gung der Mis­sio­nars­stel­lung, Hoff­mann und Cam­pe Ver­lag, 2. Aufl. 2012

gordimerlesen — Resümee eines Leseprojekts

Zu wenig Zeit für dieses?

Der neue Ro­man der 89-jäh­ri­gen No­bel­preis­trä­ge­rin Na­di­ne Gor­di­mer spielt wie al­le ih­re Ro­ma­ne in Süd­afri­ka. Die­ser Staat, die Hei­mat die­ser sich selbst als wei­ße Süd­afri­ka­ne­rin emp­fin­den­den Au­torin, ist auch die Haupt­fi­gur in „Kei­ne Zeit wie die­se“. Als wei­te­re tritt ein Ehe­paar auf, der Wei­ße Ste­ve und die Schwar­ze Ja­bu­li­le. Die­ses Mi­schung und ih­re Zug­hö­rig­keit zum An­ti­apart­heids­kampf mach­te sie zu ei­nem klan­des­ti­nen Paar, zu­nächst leb­ten sie als Ge­nos­sen in Swa­si­land, dann il­le­gal in ei­ner Sied­lung am Rand ei­ner Stadt ih­res Hei­mat­staa­tes. Hier setzt die Er­zäh­lung ein und schil­dert, wie die Bei­den die­se Wohn­la­ge zu Guns­ten ei­nes klei­nen Häus­chens in der Vor­stadt auf­ge­ben. Dort le­ben sie in der al­ter­na­ti­ven Ge­mein­schaft der Ex-Ge­nos­sen, eher als Bo­hè­me denn als Bour­geois. Doch dies än­dert sich, Kin­der wer­den ge­bo­ren, Kar­rie­ren ver­folgt. Die Le­bens­um­stän­de und Be­zie­hun­gen ver­än­dern sich ge­nau so wie die po­li­ti­schen Zu­stän­de sich ver­schlech­tern. Es of­fen­bart sich, daß die Zie­le des Kamp­fes nicht er­reicht wur­den. Ent­ge­gen al­ler Idea­le hat sich ei­ne neue Un­ge­rech­tig­keit ent­wi­ckelt, die nicht auf un­ter­schied­li­cher Haut­far­be ba­siert, son­dern auf der Kluft zwi­schen arm und reich, ge­för­dert und nicht ver­hin­dert von kor­rup­ten Po­li­ti­kern. Gor­di­mer wirft über ei­ne Span­ne von 16 Jah­ren Schlag­lich­ter auf die Ent­wick­lun­gen von Ehe, Fa­mi­lie und dem Freun­des­kreis der Ge­nos­sen, für die­se gilt eben­so wie für die Po­li­tik Süd­afri­kas, „Nichts ist wie es scheint“.

Ei­ne har­te Kri­tik an der süd­afri­ka­ni­schen Re­gie­rung, die Gor­di­mer ne­ben der bür­ger­li­chen In­tel­li­genz für die ka­ta­stro­pha­len Zu­stän­de ih­res Lan­des ver­ant­wort­lich macht, ist der An­trieb für die­sen Ro­man. Sein Ziel ist es die­se Miß­stän­de be­wusst zu ma­chen. Dies ist Gor­di­mer ge­lun­gen, doch auf ei­ne an­stren­gen­de Wei­se. Stil und Spra­che er­schwe­ren den Zu­gang. Satz­teil­ket­ten, nicht im­mer lo­gisch auf­ein­an­der­fol­gend, doch mit zahl­lo­sen Kom­ma­ta von­ein­an­der ge­trennt, sind mal Ge­dan­ken, mal Ge­re­de, nicht im­mer ein­deu­tig zu zu­ord­nen. Man­che Über­set­zungs- oder Sinn­feh­ler kom­men da­zu. Das mag man hin­neh­men. Viel­leicht ge­bie­tet es auch die Ehr­furcht vor ei­ner alt­ehr­wür­di­gen No­bel­preis­trä­ge­rin, ihr den Wunsch nach kei­nem Lek­tor zu ge­wäh­ren. Das Ver­ständ­nis der Le­ser ver­wirrt es eher.

Nach ei­ner Wei­le, bei mir hat es un­ge­fähr die Hälf­te der im­mer­hin 506 Sei­ten ge­dau­ert, liest man sich ein und wun­dert sich nicht mehr über Sät­ze, wie „In der Part­ner­schaft der Idea­le Lie­be, se­xu­el­le Er­fül­lung und Zu­kunfts­pfand Kin­der, die das Mys­te­ri­um na­mens Ehe ist, ist die Bil­dung Ste­ves Ab­tei­lung. Fel­sen ist un­ter ih­ren Fü­ßen, un­ter der un­ter­schied­li­chen Ar­beit, die je­der tut; ih­re ge­mein­sa­men Überzeugungen.”

Viel stär­ker hat mich der deut­lich er­ho­be­ne Zei­ge­fin­ger ge­stört. Wenn man nach ei­ner Wei­le mit den süd­afri­ka­ni­schen Zu­stän­den und Gor­di­mers Kri­tik dar­an ver­traut ist, und sie sich durch ei­ge­ne Re­cher­chen er­schlos­sen hat, ‑hier wä­re ein Glos­sar dem we­ni­ger kun­di­gen Le­ser hilfreich‑, fällt die Ab­sicht der Au­torin ins Au­ge. Die ei­gent­li­che Hand­lung mit ih­ren Per­so­nen dient als Ex­em­pel um Gor­di­mers po­li­ti­sche Mei­nung zu trans­por­tie­ren. Dass die­se durch­aus be­rech­tigt ist, möch­te ich ihr als ehe­ma­li­gem Mit­glied des ANC kei­nes­falls in Ab­re­de stel­len. Al­ler­dings ist sie durch­schau­bar und macht die Ent­wick­lun­gen im Ro­man vorhersehbar.

Ein wei­te­res Man­ko ist die un­ge­heu­re Red­un­danz. Wenn der aus­wan­de­rungs­wil­li­ge Ste­ve sich In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al über Aus­tra­li­en durch­liest, ist es er­mü­dend die glei­chen Fak­ten meh­re­re hun­dert Sei­ten spä­ter noch­mals von Ja­bu re­pe­tie­ren zu las­sen. Dies nur ein Bei­spiel un­ter vie­len, die mich po­si­tiv dar­an er­in­ner­ten, daß ich noch nicht ver­gess­lich bin. In ei­nem Ro­man är­gert mich das je­doch sehr, denn im­mer­hin hät­te er mir nach Kür­zung die­ser Wie­der­ho­lun­gen we­ni­ger Le­se­zeit gestohlen.

Viel­mehr hät­te ich we­ni­ger Le­se­zeit schen­ken müs­sen, dem Ro­man und dem Ber­lin Ver­lag. Die­ser hat­te an­läss­lich des Er­schei­nens ein vir­tu­el­les Le­se­pro­jekt in­iti­iert, an dem ich mit sie­ben wei­te­ren Blog­ge­rin­nen und Blog­gern teil­neh­men durfte.

Ich weiß nicht ge­nau, wel­che Vor­stel­lun­gen die an­de­ren Teil­neh­mer oder der Ver­lag hat­ten, ich hat­te an­schei­nend andere.

Zwar fand ich es in­ter­es­sant die Ein­zel­bei­trä­ge zu den Ab­schnit­ten zu le­sen. Al­ler­dings hat­te ich mir ei­ne stär­ke­re Dis­kus­si­ons­freu­dig­keit er­hofft. Manch­mal ent­wi­ckel­te sich ein Ge­spräch, bis­wei­len so­gar ein Dis­put, was durch­aus an­re­gend war, aber mit dem Ab­zug ei­ni­ger Teil­neh­mer abnahm.

Viel­leicht hät­te die Mo­de­ra­ti­on durch den Ver­lag dies ver­bes­sern kön­nen. Auf vie­le Fra­gen und An­re­gun­gen wur­de nicht ein­ge­gan­gen. Um ein sol­ches Pro­jekt sinn­voll durch­zu­füh­ren, muss man Zeit in­ves­tie­ren, sonst ist es für die Katz. Mit feh­len­der Zeit mag sich auch mein Ein­druck be­grün­den, daß nicht al­le Blog­ger die Bei­trä­ge ih­rer Kol­le­gen ge­le­sen haben.

Auch scheint mir Word­Press nicht die idea­le Form für ein der­ar­ti­ges Le­se­pro­jekt zu bie­ten. Ei­ni­ge au­ßen ste­hen­de Le­ser ha­ben sich bei mir über die Un­über­sicht­lich­keit beklagt.

Für das Pro­jekt fin­de ich das al­les sehr scha­de, denn an sich war es ei­ne sehr gu­te Idee.

Durch Ak­ti­on und Ro­man ha­be ich auf je­den Fall ei­nen Ein­blick in süd­afri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se er­hal­ten. Nicht zu­letzt auch durch die im Blog ge­pos­te­ten In­ter­views mit Na­di­ne Gor­di­mer. Ih­rem le­bens­lan­gen An­schrei­ben ge­gen so­zia­le Un­ge­rech­tig­keit und po­li­ti­sche Miß­stän­de zol­le ich gro­ßen Re­spekt, ih­ren The­sen be­geg­ne ich al­ler­dings lie­ber im In­ter­view oder Es­say.

Sensation Seeking im Hinterland

Das Leben, wie es wirklich ist — „Grenzgang“ von Stephan Thome

Die fi­na­le Ant­wort gibt es so­wie­so nicht, hat er frü­her sei­nen Stu­den­ten ge­sagt. Kei­ne For­mel, in die sich fas­sen lie­ße, was wir tun und war­um. Es gibt nur die Su­che und manch­mal das Finden.“

Sen­sa­ti­on See­king ist ein Be­griff aus der Per­sön­lich­keits­psy­cho­lo­gie. Er be­schreibt die Ver­hal­tens­dis­po­si­ti­on von Men­schen, de­ren Wohl­ge­fühl von sti­mu­lie­ren­den Rei­zen ab­hängt. Dies kön­nen ris­kan­te Sport­ar­ten sein, Rei­sen ins Un­be­kann­te, un­kon­ven­tio­nel­le Sex- oder Dro­gen­er­fah­run­gen oder auch so­zi­al ent­hemm­te Sauf­ge­la­ge. Sol­che Sen­sa­ti­on See­kers sind die Haupt­fi­gu­ren in Ste­phan Tho­mes Ro­man „Grenz­gang“ nicht. Sie sind scheu zu­rück­hal­tend und su­chen doch Kicks aus ih­rem als lang­wei­lig emp­fun­de­nen Le­ben. Sie be­ge­hen Klein­de­lik­te, kau­fen sich die Schrän­ke voll, tref­fen Ver­ab­re­dun­gen auf Sing­le­sei­ten oder er­kun­den ei­nen Swin­ger-Club. Wer die­se Art von Span­nungs­stei­ge­rung nicht be­nö­tigt, und das wird der Groß­teil der Ber­gen­städ­ter sein, fin­det sei­nen Aus­gleich im Grenz­gang. Bei die­sem Volks­fest wird drei Ta­ge lang viel ge­wan­dert und ge­trun­ken. Es bil­det den Hand­lungs­rah­men und prägt die Struk­tur des Ro­mans. In sei­nem Sie­ben-Jah­res-Rhyth­mus wer­den die Ent­wick­lun­gen der Er­eig­nis­se und der Per­so­nen be­leuch­tet. Al­ler­dings be­gnügt sich Thome nicht mit ei­ner chro­no­lo­gi­schen Er­zähl­fol­ge. Der Grenz­gang gibt le­dig­lich die Zeit­sprün­ge vor, mit de­nen die Er­in­ne­run­gen durch das Ge­sche­hen navigieren.

Ber­gen­stadt, der Hand­lungs­ort des Ro­mans, ist die Fik­ti­on von Bie­den­kopf, ei­nem Ort im hes­si­schen Hin­ter­land na­he Mar­burg. Ste­phan Thome ist dort ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen. Er kennt sich aus mit den Ge­pflo­gen­hei­ten des Grenz­gangs, aber auch mit dem Ge­fühl, in die­sem Hin­ter­land zu le­ben. Zwar liegt die Uni­ver­si­täts­stadt Mar­burg nicht weit ent­fernt, bleibt al­ler­dings be­schau­lich hin­ter Frank­furt und Köln zu­rück. Wer et­was er­le­ben will, muss dort hin oder am bes­ten gleich nach Ber­lin. Wie es ist von dort kom­mend in Ber­gen­stadt zu stran­den, er­fah­ren wir wech­sel­wei­se von der ein­ge­hei­ra­te­ten Kers­tin Wer­ner und von Tho­mas Weid­mann, ei­nem Mann, der an Welt und Wis­sen­schaft ge­schei­tert sich auf sein Kind­heits­ter­rain be­sinnt, um „ein Le­ben (zu) be­gin­nen, das er nie ge­wollt hatte“.

Kers­tin lernt 1985, beim ers­ten Grenz­gang des Ro­mans, der wie al­le fol­gen­den aus er­zäh­le­ri­schen Grün­den dem rea­len ein Jahr vor­aus eilt, ih­ren künf­ti­gen Ehe­mann Jür­gen ken­nen. Oder bes­ser ih­ren Ex-Mann, denn nach ei­nem Kind und zwei wei­te­ren Grenz­gän­gen trennt sich das Paar. Kers­tin bleibt in Ber­gen­stadt. Sie küm­mert sich um ih­re de­men­te Mut­ter und sorgt sich um den pu­ber­tie­ren­den Sohn. Just auf dem Grenz­gang, der das En­de ih­rer Ehe be­sie­gelt, kommt sie Tho­mas nä­her. Die­ser war nach dem Aus sei­ner aka­de­mi­schen Kar­rie­re Hals über Kopf nach Ber­gen­stadt auf­ge­bro­chen. Dort trifft er beim Er­klim­men der steils­ten Grenz­etap­pe auf Kers­tin. Nach dem Fest ver­lie­ren sich aus den Au­gen. Erst beim fol­gen­den Grenz­gang neh­men sie den Kon­takt wie­der auf. Es ist 2006, das Jahr der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft, ein Er­eig­nis, das Thome spöt­tisch streift. „Ge­set­ze schei­nen am Werk zu sein in der Art, wie die Leu­te plötz­lich die­se Welt­meis­ter­schaft nicht fei­ern, son­dern sich ihr hin­ge­ben, als wä­re der freie Wil­le ei­ne Er­fin­dung, die der Welt noch be­vor­steht.“ Die­ses Jahr ist die Aus­gangs­ba­sis der Hand­lung, von dort folgt der Er­zäh­ler den Er­fah­run­gen von Kers­tin und Thomas.

Thome schil­dert das Er­le­ben sei­ner Fi­gu­ren sehr ein­dring­lich. Es wird nach­voll­zieh­bar, wel­che Ge­füh­le Tho­mas da­zu trei­ben die Fens­ter­schei­be des In­sti­tuts ein­zu­wer­fen, eben­so wie Kers­tin den Mut zu ei­nem Be­such beim scheu­en Tho­mas fasst. Die Zeich­nung der Fi­gu­ren ge­schieht mit gro­ßer Em­pa­thie. Dies wird je­doch nie­mals ge­füh­lig, son­dern bleibt mit fei­ner Iro­nie auf dem Bo­den des Lebensnahen.

Dies be­ein­druckt mich sehr. Noch grö­ße­ren Re­spekt ver­langt die durch­dach­te Kon­struk­ti­on des Ro­mans. Die Fä­den zwi­schen den Grenz­gän­gen wer­den fein hin und her ge­spon­nen, oh­ne wir­re Kno­ten er­ge­ben sie ein aus­ge­fal­le­nes Mus­ter, dem man ger­ne folgt.

Die Ge­schich­te en­det im Jahr 2013. Den Ro­man be­en­det ein Epi­log, der die wich­tigs­te Se­quenz in die­sem lan­gen Su­chen und Zu­ein­an­der­fin­den er­zählt. Ganz un­sen­ti­men­tal aber spek­ta­ku­lär folk­lo­ris­tisch, ein über­zeu­gen­der Ab­schluss des kunst­vol­len Konstrukts.

Ste­phan Thome be­fand sich mit die­sem Ti­tel 2009 auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses. Auch in die­sem Jahr war er dort ver­tre­ten mit sei­nem zwei­ten Ro­man „Flieh­kräf­te“.

Ei­ne wei­te­re Re­zen­si­on und ei­ne en­ga­gier­te Teil­neh­men­de Be­ob­ach­tung des dies­jäh­ri­gen Grenz­gangs fin­det sich bei Schö­ne­Sei­ten.

Die Wand — Innere Emigration oder radikale Selbstbestimmung

Mit Daniela Strigl auf den Spuren Marlen Haushofers(1920–1970)

Den Ro­man Die Wand ha­be ich nicht wie vie­le Frau­en mei­ner Ge­ne­ra­ti­on in den Acht­zi­gern ken­nen­ge­lernt, son­dern erst vor we­ni­gen Jah­ren. Als Lek­tü­re des Li­te­ra­tur­krei­ses dis­ku­tier­ten wir ihn teil­wei­se sehr kon­tro­vers, be­son­ders die Mei­nun­gen über den töd­li­chen Schuß auf den Ein­dring­ling gin­gen weit auseinander.

Die Wand ist das be­kann­tes­te Buch der mit knapp fünf­zig Jah­ren an Krebs ver­stor­be­nen Mar­len Haus­ho­fer. Der Ro­man der eher scheu­en Schrift­stel­le­rin er­reg­te be­reits kurz nach Er­schei­nen li­te­ra­ri­sches Auf­se­hen und wur­de in meh­re­re Spra­chen über­setzt. Gro­ßen Ruhm er­lang­te er je­doch erst als Kult­buch der fe­mi­nis­ti­schen Frau­en­li­te­ra­tur nach über ei­nem Jahrzehnt.

Dies schil­dert die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Da­nie­la Stri­gl im Vor­wort zu ih­rer 2007 er­schie­ne­nen Bio­gra­phie über Mar­len Haus­ho­fer Wahr­schein­lich bin ich ver­rückt. Der An­laß mich in die­se Un­ter­su­chung zu ver­tie­fen liegt nicht al­lein bei Da­nie­la Stri­gl, die mich stets als Ju­ro­rin des Bach­mann-Wett­be­werbs be­ein­druckt. Es ist die ak­tu­el­le Ver­fil­mung des Ro­mans un­ter der Re­gie von Ro­man Pöls­ler, in der Mar­ti­na Ge­deck auf über­zeu­gen­de Wei­se die ein­zi­ge mensch­li­chen Haupt­rol­le verkörpert.

Ei­ne Frau fährt mit ei­nem be­freun­de­ten Ehe­paar zu ei­ner Jagd­hüt­te in den Ber­gen. Als am Abend die Freun­de zum Gast­haus im Dorf ge­hen, bleibt die Frau mit dem Hund zu­rück. Erst am nächs­ten Mor­gen be­merkt sie, daß ih­re Freun­de nicht zu­rück ge­kehrt sind. Sie bricht ins Dorf auf, er­reicht die­ses je­doch nie, da ihr ei­ne un­sicht­ba­re Wand den Weg ver­sperrt. Die­se Wand schließt sie groß­räu­mig ge­gen den Rest der Welt ab, der ver­stei­nert und leb­los da liegt. Die Frau rich­tet sich ein in ih­rem Über­le­ben in der Na­tur, nur be­glei­tet durch den Hund und an­de­re Tiere.

Wäh­rend der ers­ten Sze­nen war ich sehr skep­tisch, ob die fil­mi­sche Um­set­zung die­ses stark in der In­nen­welt der Fi­gur spie­len­den Ge­sche­hens funk­tio­nie­ren wür­de. Ein Kam­mer­spiel in der frei­en Na­tur, in dem als wei­te­re Part­ner aus­schließ­lich Tie­re mit­spie­len. Die Ge­dan­ken, die der Ein­sied­le­rin durch den Kopf ge­hen und die sie als Be­richt no­tiert, spricht ei­ne Stim­me im Hin­ter­grund. Doch je län­ger die­ser ru­hi­ge Fluss der Wor­te das Fort­schrei­ten des Films be­glei­tet, um­so stär­ker schlug er mich in sei­nen Bann. Die in un­se­rem Kreis lan­ge dis­ku­tier­te Fra­ge, war­um die Frau den ein­zi­gen Men­schen, den sie nach Jah­ren in ih­rem Re­ser­vat trifft, tö­tet, be­ant­wor­tet der Film auch für den letz­ten Zweif­ler ein­deu­tig. Weil es eben kein Mensch war, der dort plötz­lich in ih­re Welt ein­brach, son­dern ein Unmensch.

Mich hat die­ser Film sehr be­ein­druckt und er warf er­neut die Fra­ge auf, in­wie­weit sei­ne Vor­la­ge die in­ne­re Be­find­lich­keit der Au­torin Mar­len Haus­ho­fer wi­der­spie­gelt. Lässt sich Die Wand tat­säch­lich als Ro­man ei­ner De­pres­si­on be­zeich­nen oder ist die­se oft kol­por­tier­te Mei­nung le­dig­lich Küchenpsychologie?

Ein­deu­tig wird sich dies wohl nie be­ant­wor­ten las­sen, so die Bio­gra­phin Stri­gl. Haus­ho­fer ha­be zwar re­gel­mä­ßig Ta­ge­buch ge­führt, die­se Hef­te je­doch ge­nau­so re­gel­mä­ßig ver­nich­tet. Es exis­tie­ren den­noch Do­ku­men­te und Auf­zeich­nun­gen, ku­rio­ser­wei­se ver­wal­tet von der zwei­ten Ehe­frau ih­res Man­nes, die auf­schluss­rei­che Ein­bli­cke er­lau­ben. In die­sen ver­rät Haus­ho­fer, „al­le Per­so­nen sind Tei­le von mir, so­zu­sa­gen ab­ge­spal­te­ne Per­sön­lich­kei­ten“, re­la­ti­viert dies je­doch im glei­chen Satz durch die si­cher zu­tref­fen­de, aber auch ver­all­ge­mei­nern­de Fest­stel­lung, daß „al­les, was ein Schrift­stel­ler schreibt, au­to­bio­gra­phisch sei“ (S. 11). Die­se Of­fen­ba­rung, die so­fort wie­der zu­rück­ge­nom­men wird, deu­tet auf die Wi­der­sprüch­lich­keit der Autorin.

Der Wald mit sei­ner Wei­te und sei­ner Ru­he ist ein wich­ti­ger Teil ih­rer Kind­heit als Förs­t­ertoch­ter. In die­se Welt kehrt sie auch in ih­ren Bü­chern im­mer wie­der zu­rück. Die Hand­lungs­or­te des Ro­mans sind die Or­te ih­rer Kind­heit. Die Jagd­hüt­te ist die ober­halb des Forst­hau­ses Ef­ferts­bach ge­le­ge­ne La­cken­hüt­te. Von dort aus ist die Hai­den­alm in 1300 Me­tern Hö­he nach wie vor nur für Wan­de­rer er­reich­bar. Al­ler­dings war die er­wach­se­ne Mar­len Haus­ho­fer kei­ne tier­lie­ben­de wan­dern­de Na­tur­freun­din, wie man es ver­mu­ten könn­te. In ei­nem Ra­dio­es­say wi­der­spricht sie die­ser Vor­stel­lung „ei­ner Ein­sied­le­rin(…), die das ein­fa­che Le­ben lieb­te und men­schen­scheu war“, sie lieb­te Pflan­zen, „weil Pflan­zen nicht Lärm schla­gen kön­nen und im­mer hübsch still sind“, aber „hat­te gro­ße Angst vor Hun­den“ (S.252). Das im Ro­man ge­schil­der­te Wis­sen um Flo­ra und Fau­na er­warb sie sich, Fra­gen zu De­tails be­ant­wor­te­te ihr Bru­der Ru­dolf, ein Forstwissenschaftler.

Die Frau in Die Wand darf folg­lich nicht als Cha­rak­ter­ab­bild der Mar­len Haus­ho­fer ge­deu­tet wer­den. In der ers­ten Ab­schrift des Ro­mans hat Stri­gl al­ler­dings vie­le au­to­bio­gra­phi­sche Hin­wei­se ent­de­cken kön­nen, die aus der end­gül­ti­gen Ver­si­on ge­tilgt wur­den. Dort denkt die Fi­gur noch in län­ge­ren Pas­sa­gen an ih­re Kin­der und ih­ren Mann. Das weit­ge­hen­de Feh­len die­ser Mo­men­te führ­te bei un­se­rer da­ma­li­gen Dis­kus­si­on zu ei­ni­gem Er­stau­nen und er­schien schwer nachvollziehbar.

Die ge­stri­che­nen Pas­sa­gen, dar­un­ter der Satz „Ei­gent­lich hät­te ich fast al­les was ich ge­tan ha­be lie­ber nicht ge­tan.“ füh­ren Stri­gl zu der Deu­tung „hier zieht ei­ne Vier­zig­jäh­ri­ge ei­ne ab­so­lut hoff­nungs­lo­se und un­er­bitt­li­che Bi­lanz“ (S.253). Ent­frem­dung sei das vor­herr­schen­de Ge­fühl der Haus­ho­fer ge­we­sen, das sie auch der Nur-Haus­frau der Erst­fas­sung zu­ge­schrie­ben ha­be. Auf sich selbst ge­stellt er­le­be die Haupt­fi­gur Frei­heit von Fremd­be­stim­mung, zu­gleich aber den Zwang zum Über­le­ben und die dar­aus er­wach­sen­de Ver­ant­wor­tung für Tie­re und Pflan­zen. „Die Ka­ta­stro­phe hat­te mir ei­ne gro­ße Ver­ant­wor­tung ab­ge­nom­men und, oh­ne daß ich es so­gleich merk­te, ei­ne neue Last auf­er­legt.“ (Die Wand, S. 75)

Ne­ben die­sem bio­gra­phi­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­satz lie­gen wei­te­re Deu­tungs­mög­lich­kei­ten. Ein Blick auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te zeigt, daß Haus­ho­fer ih­re In­spi­ra­ti­on viel­leicht ei­ner ganz an­de­ren Art von Es­ka­pis­mus ver­dankt, dem Sci­ence-Fic­tion-Ro­man. Haus­ho­fer las die­se sehr ger­ne und gab sie da­nach dem Sohn ei­ner Be­kann­ten. Die­ser er­wähn­te ge­gen­über Stri­gl ei­ne Ge­schich­te mit dem Ti­tel Die glä­ser­ne Kup­pel, die das Über­le­ben ei­ner Grup­pe un­ter ei­ner Glas­glo­cke schil­dert. Ei­ne ein­deu­ti­ge Zu­ord­nung ge­lang zwar nicht, doch auch oh­ne die­se lie­ße sich Die Wand kul­tur­pes­si­mis­tisch als Angst vor dem Atom­krieg deu­ten. Ei­ne an­de­re, psy­cho­lo­gi­sche In­ter­pre­ta­ti­on lie­fert die Au­torin selbst, „je­ne Wand, die ich mei­ne, ist ei­gent­lich ein see­li­scher Zu­stand, der nach au­ßen plötz­lich sicht­bar wird. Ha­ben wir nicht über­all Wän­de auf­ge­rich­tet? Trägt nicht je­der von uns ei­ne Wand zu­sam­men­ge­setzt aus Vor­ur­tei­len vor sich her?“ (S.264) Dies ist nicht haupt­säch­lich ne­ga­tiv ge­meint, son­dern ei­ne na­tür­li­che Fol­ge mensch­li­chen Zu­sam­men­le­bens. Woll­te Haus­ho­fer folg­lich eher ei­ne Pa­ra­bel über die Di­stanz, die nicht nur im ne­ga­ti­ven Sin­ne iso­liert, son­dern auch not­wen­dig ist, schrei­ben? Eben kei­ne Ge­schich­te, die mit dem Bild der un­sicht­ba­ren Wand die in­ne­re Emi­gra­ti­on ei­ner De­pres­si­ven dar­stellt? Oder ist es doch eher so, wie ih­re Freun­din Eri­ka Dan­nen­berg mit psy­cho­ana­ly­ti­schem Be­steck se­ziert, die Dar­stel­lung ei­nes schi­zo­phre­nen Schubs, der je­de emo­tio­na­le Be­zie­hung zur Au­ßen­welt zer­stört und in Ver­ach­tung des An­de­ren und tie­fer Ag­gres­si­on mündet?

Mich über­zeugt die The­se Stri­gls, die in dem Ro­man die „ra­di­kals­te Phan­ta­sie ei­nes selbst­be­stimm­ten Le­bens“(S. 261) sieht. Doch, um mich aber­mals dem Ur­teil die­ser Bio­gra­phin an­zu­schlie­ßen, „Man kann in die­ser auf den ers­ten Blick so ein­fa­chen Ge­schich­te im­mer noch ein biß­chen tie­fer gra­ben und wird da­bei auf neu­es Ge­stein, auf ei­ne neue Erz­ader sto­ßen.“( S. 261)

Mar­len Haus­ho­fer, Die Wand, List Ver­lag, 7. Aufl. 2005
Da­nie­la Stri­gl, „Wahr­schein­lich bin ich ver­rückt…” Mar­len Haus­ho­fer — die Bio­gra­phie, List Ver­lag, 3. Aufl. 2009

Von alten Säcken und roten Ferraris

Sex ist verboten“ und nicht nur das — der neue Meditationsroman von Tim Parks

Stun­den­lang Sit­zen, bei Räu­cher­werk und Sphä­ren­klän­gen auf den nack­ten Bauch ei­nes über­ge­wich­ti­gen Glatz­kop­fes star­ren um in Trance zu fal­len? Me­di­ta­ti­on liegt aus mei­ner Sicht öst­lich und sehr fern. Trotz­dem wähl­te ich die­sen Ti­tel bei ei­ner Vor­stel­lung neu­er Bü­cher. Er soll­te den erns­ten Hi­ki­ko­m­ori-Ro­man Fla­sars be­glei­ten, als leicht­fü­ßi­ge Lek­tü­re in iro­ni­schem Ton. Wäh­rend des Le­sens wan­del­ten sich gleich­sam im Fluss der Me­di­ta­ti­on die­se Er­war­tun­gen in über­ra­schen­der Weise.

Wir be­fin­den uns im Das­gupta-In­sti­tut, ei­nem bud­dhis­ti­schen Me­di­ta­ti­ons­zen­trum in Eng­land. Dort leis­tet Eli­sa­beth Mar­ri­ot, die jun­ge, weib­lich wohl ge­run­de­te Haupt­fi­gur be­reits seit neun Mo­na­ten ih­ren Dham­ma-Ser­vice. Sie ar­bei­tet als Hel­fe­rin in der Kü­che, wäscht Sa­lat und Tel­ler. So me­di­tiert sie nur nach­mit­tags, wäh­rend die an­de­ren Teil­neh­mer des Retre­ats den gan­zen Tag da­mit ver­brin­gen sich im Still­sit­zen, At­men und Nicht­den­ken zu üben. Ein Retre­at dau­ert zehn Ta­ge, da­nach keh­ren al­le wie­der in ihr stres­si­ges west­li­ches Le­ben zu­rück. Beth je­doch bleibt, frei­wil­lig und un­schlüs­sig, die Un­ord­nung in ih­rem Le­ben, in der Lie­be und mit den Män­nern hat sich noch nicht in Er­kennt­nis gelöst.

Me­di­ta­ti­ons­pra­xis und Ta­ges­ab­lauf im Das­gupta-In­sti­tut schil­dert Tim Parks de­tail­reich nach ei­ge­nen Er­fah­run­gen. Der Au­tor litt lan­ge un­ter chro­ni­schen Schmer­zen. Me­di­ta­ti­on war sein letz­ter und er­folg­rei­cher Ver­such sich von ih­nen zu be­frei­en. In dem Buch „Die Kunst still­zu­sit­zen“ be­schreibt er die­sen Prozess.

Sex ist kei­ne Lö­sung“ ist die fik­tio­na­le Frucht die­ser Hei­lung. Im eng­li­schen Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel „The Ser­ver“. Der deut­sche Ti­tel ist eben­so pas­send, denn die dem Sex ge­nuß­voll zu­ge­neig­ten Beth denkt ger­ne an das Ver­bo­te­ne. Zu­gleich führt er in die Re­geln des In­sti­tuts ein, die je­de Ab­len­kung ver­hin­dern sol­len. Nach au­ßen herrscht Kon­takt­sper­re. Im Zen­trum wird die­se durch Schwei­ge­ge­bot, Ge­schlech­ter­tren­nung und Be­rüh­rungs­ver­bot ge­re­gelt. Als ein­zi­ge da­von aus­ge­nom­men sind die Hel­fer in der Kü­che. Dort hält al­ler­dings die Zu­be­rei­tung ve­ge­ta­ri­schen Es­sens an­de­re Kom­pen­sa­tio­nen be­reit. Das Wa­schen von Reis und gel­ben Boh­nen ent­wi­ckelt sich zur ero­ti­schen Be­rüh­rung, wäh­rend Ag­gres­sio­nen beim Ha­cken und Schnet­zeln schwin­den. Au­ßer­dem er­for­dert die Ar­beit Wor­te. Um die­se ist Beth trotz al­ler Vor­schrif­ten nie ver­le­gen, sie kom­men­tiert iro­nisch die klei­nen Re­gel­ver­stö­ße ih­rer Kol­le­gen und das ego­is­ti­sche Stre­ben der Selbst­los­ler­ner im Kampf um die Ba­na­nen. Beth be­zeich­net sich als bö­ses Mäd­chen, war­um er­fah­ren wir wäh­rend der Meditation.

Die­se fin­det mehr­mals täg­lich un­ter An­lei­tung Das­gupt­as statt, der via CD sei­nen Adep­ten den Atem­fluss lei­tet. Wie schwie­rig und lä­cher­lich dies sein kann teilt uns ein Ta­ge­buch­schrei­ber mit.

Er pre­digt ge­gen den Ego­is­mus, er er­rich­tet ein re­li­giö­ses Sys­tem ge­gen den Ego­is­mus, und be­frie­digt da­bei sein ei­ge­nes Ego, in­dem er Schü­ler um sich schart und ih­nen völ­li­ge Hin­ga­be ab­ver­langt. Die be­ring­ten Fin­ger, die wei­ßen Kis­sen, der di­cke Bauch un­ter der sau­be­ren Baum­woll­klei­dung. Mei­ne Freun­de hier, mei­ne Freun­de da. KAUM ZU GLAUBEN, DASS WIR ALLE ABEND FÜR ABEND DA SITZEN UND DIESEM WICHSER ZUHÖREN.“

Die Auf­zeich­nun­gen die­ses Me­di­ta­ti­ons­an­fän­gers ent­deckt Beth als sie ver­bo­te­ner­wei­se den Män­ner­trakt be­tritt und in sein Zim­mer blickt. Aus dem Kof­fer leuch­ten ro­te Schul­hef­te und Beth kann der Ver­su­chung nicht ver­ste­hen. Sie liest sich fest und ent­wen­det seit­dem re­gel­mä­ßig ein Heft zur ge­hei­men Klo­lek­tü­re. Selbst­iro­nisch va­ri­iert ihr Ver­fas­ser in Klap­pen­tex­ten die Grün­de für sein Me­di­ta­ti­ons­be­dürf­nis. Sei­ne Ein­trä­ge bie­ten zu­dem ei­ne sar­kas­ti­sche Sicht auf die Heils­ver­spre­chun­gen nicht nur bud­dhis­ti­scher Erlöser.

Beth ist be­geis­tert, die Le­se­rin stimmt zu. Wäh­rend sie mit dem Ta­ge­buch­schrei­ber zwei­felt, ob Still­sit­zen und At­men der rich­ti­ge Weg zur ei­ge­nen Klar­heit sei, er­lebt sie Beth, die im­pul­siv und di­rekt ist, aber gleich­zei­tig vol­ler Selbstzweifel.

Über­ra­schend wirkt, daß Parks ei­ne weib­li­che Ich-Er­zäh­le­rin wählt. Ein äl­te­rer Mann, der sich in die Ge­füh­le und Ge­dan­ken und in den Kör­per ei­ner jun­gen Frau hin­ein­lebt? Es funk­tio­niert meist ganz gut. Die star­ke Fi­xie­rung auf ih­re bei­den ro­ten Fer­ra­ris neh­me ich al­ler­dings eher dem äl­te­ren Schrift­stel­ler als sei­ner Prot­ago­nis­tin ab. Sein Ro­man spie­le, so Tim Parks, „das Ver­lan­gen nach Stil­le und Be­frei­ung von sich selbst ge­gen die äl­tes­te und nächst­lie­gen­de al­ler Ge­schich­ten (aus), Mann trifft Frau.“

Beth er­zählt von ih­ren Män­nern und dem Sex, von ih­rer Band und der Trau­er, vom Reis­wa­schen und der Lek­tü­re ro­ter Ta­ge­buch­hef­te. Von den dar­in zu fin­den­den iro­ni­schen Selbst- und Fremd­ana­ly­sen hät­te ich ger­ne mehr ge­le­sen, viel­leicht folgt ja noch ein Buch von Mr. Tagebuchschreiber.?

Tim Parks, Sex ist ver­bo­ten, Kunst­mann Ver­lag, 1. Aufl. 2012