Deutscher Buchpreis 2011 — Die Shortlist

Drei Frau­en, drei Män­ner, was die Ge­schlech­ter­ver­tei­lung be­trifft, ist die Ju­ry in die­sem Jahr pc, aber nicht so kor­rekt, daß der lang­at­mi­ge Ker­ma­ni drin blieb. Ich bin zu­frie­den mit der Aus­wahl. Vier der Lon­g­list-Ti­tel ha­be ich bis­her ge­le­sen. Über­zeugt hat mich je­doch von die­sen nur ei­ner. Das wa­ren we­der Ge­n­azi­nos Tie­re, noch Mo­dicks Feucht­wan­ger-Brecht-Duo und schon gar nicht die ele­gi­schen Land­schafts­im­pres­sio­nen Kin­skys. Her­aus­fo­de­rung und je­de Men­ge li­te­ra­ri­schen Spaß be­rei­tet bis­her ein­zig und al­lein Si­byl­le Le­wit­schar­offs kul­tur­ge­schicht­li­che Lö­wen­re­tro­spek­ti­ve „Blu­men­berg”. Froh dar­über, daß die zwei ver­irr­ten Main­stream­ti­tel nicht mehr da­bei sind, nen­ne ich nun ger­ne die kur­ze Lis­te der ver­blie­be­nen sechs Kandidaten.

Banater Elegie

Reiseimpressionen einer Landschaft ‑Esther Kinskys neuer Roman „Banatsko

Da­bei gibt es hier nichts zu ge­win­nen. Nichts als die Lee­re, das War­ten. Al­le hier war­ten auf ir­gend­et­was, seit Jahr­hun­der­ten. Auf die Lie­be, auf den Tod, auf ein­an­der, auf den Krieg, auf das nächs­te Hoch­was­ser, auf die Fäh­re. Hier ist ein War­te­land.“ (S. 190)

Die 1956 in Bad Hon­nef ge­bo­re­ne, heu­te in Ber­lin und Batt­onya le­ben­de Au­torin Es­ther Kin­sky er­hielt 2006 das Grenz­gän­ger-Sti­pen­di­um der Ro­bert-Bosch-Stif­tung. Ei­ne Poe­tin be­reis­te das Ba­nat, die von Krieg und Ver­lust ge­präg­te Grenz­re­gi­on zwi­schen Ru­mä­ni­en, Ser­bi­en und Un­garn. Ein Er­geb­nis die­ser Re­cher­che ist ihr für den Deut­schen Buch­preis no­mi­nier­ter Ro­man „Ba­nats­ko”. Sie be­schreibt dar­in ih­re Rei­se­in­drü­cke, dies sind vor al­lem ih­re Be­geg­nun­gen mit der Land­schaft, für de­ren Zu­stand und de­ren Wan­del sie poe­tisch schö­ne Sät­ze er­schafft. Auch Men­schen trifft sie. Ei­ne ar­me, sprö­de und zu­rück­ge­las­se­ne Land­be­völ­ke­rung, die sonst nichts mehr hat au­ßer der Land­schaft und dem Wer­den und Ver­ge­hen der Jahreszeiten.

Kin­sky evo­ziert bei al­ler Schön­heit ih­rer Na­tur­bil­der kei­ne Idyl­le. Im ers­ten Teil ih­rer aus un­ver­ständ­li­chen Grün­den als Ro­man be­ti­tel­ten Im­pres­sio­nen wei­sen stets prä­sen­te Gren­zen und zer­fal­len­de Bahn­hö­fe auf schwer über­wind­ba­re Tris­tesse. Spä­tes­tens ab dem phan­ta­sie­voll mor­bi­den Ka­pi­tel „Der Ap­fel­baum“ wird der Tod zum Prot­ago­nis­ten. Er scheint all­ge­gen­wär­tig. Auf je­der Sei­te be­geg­net er dem Le­ser in an­de­rer Ge­stalt, über­fah­re­ne Hun­de, Kat­zen, ver­stor­be­ne Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge, ver­fau­len­de Fi­sche, schwar­ze Krä­hen. Ei­ni­ge Bin­nen­er­zäh­lun­gen wid­met Kin­sky voll­kom­men die­sem The­ma. Da ist der al­te Mann, der sich zum Ster­ben in sei­nen Ap­fel­baum zu­rück­zieht. Sein Kör­per ver­wit­tert im Win­ter­wet­ter bis im Früh­jahr nur noch die Stoff­strei­fen in den Äs­ten hän­gen. Oder der gro­ße Fisch, der wie vom Him­mel ge­fal­len auf der Stra­ße stirbt und des­sen schön schil­lern­de Schup­pen bin­nen Mi­nu­ten ih­ren Glanz ver­lie­ren. Die Na­tur ent­sorgt den Rest des Ka­da­vers. Kin­sky schil­dert dies mi­nu­ti­ös in ei­ner Art poe­ti­schem Zeit­raf­fer. Üb­rig bleibt von dem einst schö­nen Tier nur der zer­zaus­te Fisch­schwanz im Straßengraben.

Was von den Men­schen die­ses Land­stri­ches üb­rig­ge­blie­ben ist, fin­det sich auf den Fried­hö­fen, je­der Ort hat ei­nen und fast auch je­des Ka­pi­tel des Ro­mans, Stra­ßen­fried­hö­fe mit ver­blass­ten Por­träts der To­ten auf den Me­tall­kreu­zen. Die, die noch le­ben, tun dies in zer­zaus­ten Um­stän­den, morsch und mit letz­ter Kraft, sich der Sterb­lich­keit bewusst.

Das Aus­ster­ben ei­ner Land­schaft und ih­rer Be­woh­nern formt die Dich­te­rin zu ei­nem ein­zi­gen Me­men­to Mo­ri, to­te Tie­re in Stra­ßen­grä­ben, Fried­hö­fe, un­zu­gäng­lich um­zäunt, Grab­schmuck aus Plas­tik, al­te Men­schen, die sich mit der Kar­tof­fel­ern­te ab­mü­hen, jun­ge Men­schen oh­ne Per­spek­ti­ve. Die ein­zi­ge Er­lö­sung bie­ten das Ak­kor­de­on­spiel und der Al­ko­hol. Ar­ran­giert ha­ben sich nur die Ro­ma, „die Zi­geu­ner“, die Müll­fürs­ten, die mit ih­ren pfer­de­be­spann­ten Sarg­wä­gen die Über­res­te ein­sam­meln. Wie mö­gen sich wohl die Be­woh­ner der be­reis­ten Or­te füh­len, wenn sie je die­se Dar­stel­lung ih­rer Hei­mat und ih­res Le­bens lesen?

Kin­skys mor­bi­de Ele­gie be­schreibt ein Um­her­schwei­fen. Sie reist mal hier mal dort­hin, kehrt im­mer wie­der nach Batt­onya zu­rück. Kaum gibt es In­ter­ak­ti­on zwi­schen den Men­schen, dann doch ein Ka­pi­tel, in dem ge­spro­chen wird. Weil mir die poe­ti­sche Spra­che so gut ge­fal­len hat, ha­be ich das Buch ger­ne ge­le­sen. Aber die Me­lan­cho­lie brei­tet sich auch über den Le­ser aus. Ein Heft vol­ler phan­tas­ti­scher Sät­ze, Wort­schöp­fun­gen vol­ler Poe­sie, aber auch Fried­hofs­li­te­ra­tur, die ich nur in klei­nen Do­sen ge­nie­ßen kann.

Deutscher Buchpreis 2011 — Die Longlist

Die Jagd beginnt

Zum sieb­ten Mal wird in die­sem Jahr der Deut­sche Buch­preis ver­lie­hen. Er gilt dem Ro­man, dem man den größ­ten Pu­bli­kums­er­folg wünscht. Durch­aus als Mar­ke­ting­maß­nah­me er­dacht soll die­ser Preis den li­te­ra­ri­schen deut­schen Buch­markt be­le­ben. Den Le­sern wird so jen­seits der Best­sel­ler­türm­chen ein In­di­ka­tor ge­bo­ten, der ih­nen den Weg zum Gu­ten Buch weist. Seit Au­gust 2005 er­stellt ei­ne wech­seln­de, aber im­mer sie­ben­köp­fi­ge Ju­ry zu­nächst ei­ne Lon­g­list, die ei­nen Mo­nat spä­ter auf ei­ne Short­list von sechs Ti­teln ein­ge­dampft wird. Der Ge­win­ner wird pünkt­lich zur Frank­fur­ter Buch­mes­se verkündet.

Die zwan­zig im Au­gust no­mi­nier­ten Ti­tel wer­den in ei­nem Le­se­buch den po­ten­ti­el­len Käu­fern und Le­sern vor­ge­stellt. Die­ses Heft soll­te der Buch­han­del sei­ner wer­ten Kund­schaft of­fe­rie­ren. Doch in den An­fangs­jah­ren ge­stal­te­te sich die Su­che nach die­sen Le­se­pro­ben zu ei­ner wah­ren Jagd. Selt­sam, denn die­ser Preis ist doch ganz zum Zwe­cke des Li­te­ra­tur­kon­sums er­dacht. In vie­len Buch­hand­lun­gen fan­den sich je­doch we­der ne­ben der Kas­se ei­nes die­ser Heft­chen noch auf ei­nem Son­der­tisch die No­mi­nier­ten. Da­für stieß man, nicht nur im ers­ten, son­dern auch im zwei­ten, drit­ten, vier­ten, fünf­ten und sechs­ten Jahr re­gel­mä­ßig auf ver­ständ­nis­lo­se Ge­sich­ter. Der Preis mit­samt sei­nem Heft war nicht nur in klei­nen Pro­vinz­buch­hand­lun­gen un­be­kannt. Nein, auch in den sich selbst als Li­te­ra­tur­hand­lun­gen be­ti­teln­den Lä­den in Karls­ru­he und Hei­del­berg war au­ßer er­staun­ten Bli­cken nicht viel zu er­gat­tern. Die Li­te­ra­tur­jä­ge­rin fand den­noch ihr Wild und das aus­ge­rech­net im Mu­sen­hain. Die Tha­lia­fi­lia­len in Karls­ru­he, Mann­heim, Hei­del­berg hat­ten nicht nur das be­gehr­te Ob­jekt, son­dern un­er­war­te­ter­wei­se auch Ah­nung von der Sa­che. Un­glaub­lich, aber wahr.

Im letz­tem Jahr stan­den die Le­se­pro­ben als frei­es Down­load auf Libre­ka zur Ver­fü­gung. Trotz­dem wer­de ich wie­der im Jagd­fie­ber sein. Wer weiß, viel­leicht kom­me ich dies­mal auch ganz oh­ne Pfer­de­stär­ken zu mei­nem Schuss in der klei­nen, aber fei­nen Dorfbuchhandlung.

Und hier die dies­jäh­ri­gen Nominierungen:

•   Vol­ker Har­ry Alt­was­ser, Letz­te Fi­scher (Mat­thes und Seitz Ber­lin, Sep­tem­ber 2011)

•   Jan Brandt, Ge­gen die Welt  (Du­Mont, Au­gust 2011)

•   Mi­cha­el Bu­sel­mei­er, Wun­sie­del(Das Wun­der­horn, März 2011)

•   Alex Ca­pus, Lé­on und Loui­se (Han­ser, Fe­bru­ar 2011)

•   Wil­helm Ge­n­azi­no, Wenn wir Tie­re wä­ren (Han­ser, Ju­li 2011)

•   Na­vid Ker­ma­ni, Dein Na­me (Han­ser, Au­gust 2011)

•   Es­ther Kin­sky, Ba­nats­ko (Mat­thes und Seitz Ber­lin, Ja­nu­ar 2011)

•   An­ge­li­ka Klüs­sen­dorf, Das Mäd­chen (Kie­pen­heu­er & Witsch, Au­gust 2011)

•   Do­ris Knecht, Gru­ber geht (Rowohlt.Berlin, März 2011)

•   Pe­ter Kurz­eck, Vor­abend(Stro­em­feld, März 2011)

•   Lud­wig La­her, Ver­fah­ren (Hay­mon, Fe­bru­ar 2011)

•   Si­byl­le Le­wit­schar­off, Blu­men­berg (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2011)

•   Tho­mas Mel­le, Sicks­ter (Rowohlt.Berlin, Sep­tem­ber 2011)

•   Klaus Mo­dick, Sun­set (Eich­born, Fe­bru­ar 2011)

•   As­trid Ro­sen­feld, Adams Er­be (Dio­ge­nes, Fe­bru­ar 2011)

•   Eu­gen Ru­ge, In Zei­ten des ab­neh­men­den Lichts (Ro­wohlt, Sep­tem­ber 2011)

•   Ju­dith Schalan­sky, Der Hals der Gi­raf­fe (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2011)

•   Jens Stei­ner, Ha­sen­le­ben (Dör­le­mann, Fe­bru­ar 2011)

•   Mar­le­ne Stree­ru­witz, Die Schmerz­ma­che­rin (S. Fi­scher, Sep­tem­ber 2011)

•   Ant­je Rá­vic Stru­bel, Sturz der Ta­ge in die Nacht (S. Fi­scher, Au­gust 2011)

Vatersorgen

Vermurkste Winterreise in Thomas Hettches Roman „Die Liebe der Väter

Ein Va­ter reist mit sei­ner Toch­ter nach Sylt, um die Win­ter­fe­ri­en im an­ge­mie­te­ten Reet­dach­do­mi­zil von Be­kann­ten zu ver­brin­gen. Das dor­ti­ge Kli­ma ist zu die­ser Jah­res­zeit rauh und un­ge­müt­lich und lässt die ent­ste­hen­de At­mo­sphä­re in der be­son­de­ren Fa­mi­li­en­kon­stel­la­ti­on zwi­schen dem un­ver­hei­ra­te­ten Va­ter und sei­ner zwi­schen den sich nicht lie­ben­den El­tern zer­rie­be­nen Toch­ter be­reits er­ah­nen. Zu­dem spielt die Hand­lung aus­ge­rech­net an den Ta­gen, de­ren Näch­te eben­falls die­ses un­heil­ver­hei­ßen­de Prä­fix tragen.

Die drei­zehn­jäh­ri­ge An­ni­ka und Pe­ter ver­le­ben die­se dem All­tag ab­ge­run­ge­ne ge­mein­sa­me Zeit als Zaun­gäs­te in ei­ner Bil­der­buch­fa­mi­lie aus Va­ter, Mut­ter, Toch­ter, Sohn und BMW. Zwi­schen Su­san­ne, der Ehe­frau des Or­tho­pä­den Achim, und Pe­ter be­stand einst ei­ne Schü­ler­lie­be, die sich „Va­ter­sor­gen“ wei­ter­le­sen

Sissy meets Beatle

Eine Komposition aus Stimmen — Judith Zanders neuer Roman „Dinge, die wir heute sagten

Tris­tesse be­geg­net uns nicht nur in der ost­deut­schen Pro­vinz, son­dern über­all in Deutsch­land und wahr­schein­lich auch an­ders­wo. Doch ist die­ses Le­ben wirk­lich so er­eig­nis­los und oh­ne Span­nung. Gibt es wirk­lich über­haupt nichts?

Ju­dith Zan­der ver­setzt den Le­ser durch Spra­che und Zeit­ge­schich­te in die DDR einst und das neue Bun­des­land jetzt, vor­ge­führt an Bre­se­kow, ei­nem „häss­li­chen End­lein der Welt“. Die Um­stän­de ha­ben sich ge­än­dert, die Ver­hält­nis­se je­doch nicht, was der Blick auf die drei Ge­nera­tio­nen des Or­tes zeigt.

Die al­te An­na Hans­ke ist nicht mehr und In­grid, die ver­lo­re­ne Toch­ter, kehrt pflicht­ge­mäß heim um „Sis­sy meets Beat­le“ wei­ter­le­sen

Lüge oder Wahrheit

Madalyn — ein Lügengespinst von Michael Köhlmeier

Zu Be­ginn die­ses klei­nen, fa­bel­haft for­mu­lier­ten und äu­ßerst span­nend kon­stru­ier­ten Ro­mans er­zählt uns sein Au­tor, Mi­cha­el Köhl­mei­er, wor­auf tie­fes Ver­trau­en grün­den kann. Auf ei­ner Le­bens­ret­tung zum Bei­spiel wie in die­ser Ge­schich­te, ver­übt durch den Er­zäh­ler Se­bas­ti­an Lu­kas­ser an dem Mäd­chen Ma­da­lyn. Die­ser Akt steht am An­fang ei­ner be­son­de­ren Be­zie­hung zwi­schen ei­nem er­wach­se­nen Mann und ei­nem Kind. Köhl­mei­er in­sze­niert dies mit ei­ner Blut­la­che aus der Un­ter­arm­wun­de au­gen­fäl­lig als Blutsbruderschaft .

Die­ser Ein­stieg in den Ro­man er­laubt dem Au­tor ei­ne ta­ge­buch­ar­ti­ge Schil­de­rung des an­schlie­ßen­den Ge­sche­hens, oh­ne daß die un­glei­che Freund­schaft zu ei­ner Rah­men­hand­lung ver­küm­mert. De­ren Mot­to of­fen­bart sich in dem zu­nächst ver­wor­fe­nen Satz „Ein Herz ist dem an­de­ren ein Spie­gel“, denn das Ver­trau­en liegt nicht nur auf der Sei­te der Ge­ret­te­ten. Auch Lu­kas­ser ver­spürt die „Lü­ge oder Wahr­heit“ wei­ter­le­sen