Kunstgeschichtliche Mystifizierungen“

In „Dius“ erzählt Stefan Hertmans von einer Freundschaft, die von schöpferischen und geistigen Kunsterfahrungen geprägt wird

Darf ich rein­kom­men? Ich ha­be ei­ne Über­ra­schung für Sie.

Dass ein Stu­dent an der Tür des Do­zen­ten klin­gelt, als wä­re er ein rei­cher, frei­gie­bi­ger On­kel, war der­art un­ge­wöhn­lich, dass es mich ei­nen Mo­ment lang ver­wirr­te. Di­us sah mich mit ei­nem An­flug hei­te­rer Ar­ro­ganz ab­war­tend an. Ich hät­te ihn jetzt höf­lich weg­schi­cken und streng ta­deln kön­nen, dass es höchst un­an­ge­bracht sei, auf die­se Wei­se in die Pri­vat­sphä­re ei­nes Do­zen­ten ein­zu­drin­gen, doch be­vor ich merk­te, was ich tat, hat­te ich ihn mit ei­ner Ges­te, die zum Aus­druck brin­gen soll­te, dass ich wohl kei­ne an­de­re Wahl hät­te, schon auf­ge­for­dert ein­zu­tre­ten. Da­mit war der Ton gesetzt.“

In un­wi­der­steh­li­cher Selbst­ge­wiss­heit tritt Di­us in Ste­fan Hertmans gleich­na­mi­gen Ro­man sei­nem Do­zen­ten An­ton ge­gen­über. Bei­de ken­nen sich aus der Kunst­aka­de­mie. Wäh­rend der me­lan­cho­li­sche An­ton Vor­le­sun­gen in Kunst­phi­lo­so­phie hält und an sei­ner Dis­ser­ta­ti­on ar­bei­tet, ver­steht sich der 15 Jah­re Jün­ge­re als künst­le­ri­sches Ge­nie. Sie­ges­ge­wiss und wie selbst­ver­ständ­lich trägt er An­ton sei­ne Freund­schaft an und bie­tet dem in sei­nen Au­gen hoff­nungs­los über­ar­bei­te­ten Aka­de­mi­ker sein Ate­lier an. „Ich ha­be in den Pol­dern ein Mal­ate­lier, sag­te er, es ist ein al­tes Dorf­haus, das nicht mehr be­nutzt wird. Es grenzt an ei­nen ver­wahr­los­ten Park mit ei­nem klei­nen Schloss.“ Der sonst so zau­dern­de An­ton er­liegt und emp­fin­det „ein ver­hei­ßungs­vol­les Auf­schim­mern un­ver­hoff­ter Mög­lich­kei­ten“.

Die Le­se­rin er­staunt dies nicht, denn Di­us Pra­ti, wie sich der Kunst­stu­dent Egi­di­us De Blae­ser nennt, um­gibt ei­ne gött­li­che All­machts-Au­ra. Kein Wun­der, lässt sich sein Na­me doch mit Gott der Wie­sen über­set­zen. Dass ein sol­cher sich in ei­nem wil­den Wäld­chen na­he den Über­schwem­mungs­wie­sen der bel­gi­schen Küs­te wohl­fühlt, liegt nicht fern.

An­ton be­folgt, was Di­us wünscht. „Ich ha­be kei­ne Ah­nung, was mich ritt – ich konn­te mir Nou­kas be­denk­li­ches Kopf­schüt­teln be­reits blen­dend vor­stel­len; sie wür­de mich fra­gen, ob ich noch al­le Tas­sen im Schrank hät­te: Ich, der über­ar­bei­te­te Do­zent, der für nichts Zeit hat­te, und schon gar nicht für ro­man­ti­sche Aus­flü­ge mit ihr, plan­te ei­ne Land­par­tie, und das no­ta be­ne mit ei­nem Stu­den­ten, statt die wert­vol­le Zeit für et­was Sinn­vol­le­res zu nutzen?“ 

Der aka­de­mi­sche Theo­re­ti­ker fin­det im Do­mi­zil des schöp­fungs­wü­ti­gen Künst­lers in­ne­re Ru­he und In­spi­ra­ti­on. Dort, in dem bau­fäl­li­gen Häus­chen mit Heu­bo­den, des­sen Am­bi­en­te und La­ge Hertmans so sinn­lich be­schreibt, daß es vor Au­gen steht, ist es an­ders als in An­tons ak­ku­ra­tem Stu­dier­zim­mer. Un­zäh­li­ge Werk­zeu­ge fin­den sich dort, ein Schin­ken hängt von der De­cke, auf dem Tisch lie­gen „zwei exo­ti­sche Kris, ein klei­ner Schä­del, wohl von ei­ner Zie­ge, da­ne­ben der grö­ße­re ei­nes Men­schen; ein rau­er, wie ei­ne Ing­wer­knol­le ge­form­ter Gra­nit­stein, auf dem ein di­ckes Brett aus un­be­ar­bei­te­tem Holz lag – das al­les kam mir in sei­ner zu­fäl­li­gen Form und Will­kür wie ei­ne ge­hei­me Schatz­kam­mer vor.“

An­ton, der in Form und Ord­nung Äs­the­tik und Er­kennt­nis sucht, trifft auf ei­ne At­mo­sphä­re sinn­li­cher Schöp­fungs­lust. Die­se Ge­gen­sät­ze, die doch so gut zu­sam­men­pas­sen, füh­ren zur Freund­schaft zwi­schen dem Künst­ler und dem Kunst­phi­lo­so­phen. Im Mot­to sei­nes Ro­mans greift Hertmans die­ser Ent­wick­lung vor und zi­tiert Tho­mas von Aquin, „Nichts ist im Ver­stand, was nicht vor­her in den Sin­nen wä­re“.

Wer bei den Stich­wor­ten Ver­stand und Sin­ne an das Apol­li­ni­sche und das Dio­ny­si­sche Prin­zip denkt, liegt da­mit nicht falsch. Nicht nur er­wähnt Hertmans in sei­nem von Ver­wei­sen ge­ra­de­zu über­quel­len­den Ro­man Nietz­sche so­wie die an­ti­ken dio­ny­si­schen Ri­tua­le, sei­ne bei­den Prot­ago­nis­ten äh­neln auch den Göt­ter­fi­gu­ren. Mit Haa­ren „wie ein dunk­ler Strah­len­kranz“, dem Ha­bi­tus ei­nes „Kleinkriminelle(n) mit der Hal­tung ei­nes Aris­to­kra­ten­sohns“ er­scheint Di­us mit At­tri­bu­ten und Ver­hal­ten des Dio­ny­sos. Zwar ist er nicht der Sohn ei­nes Got­tes und ei­ner Kö­nigs­toch­ter, son­dern nur der ei­nes si­zi­lia­ni­schen Ge­la­tie­re und ei­ner bel­gi­schen Schuh­ver­käu­fe­rin, ist aber wie sein gött­li­ches Ur­bild Sin­nen­freu­den al­ler Art äu­ßerst zu­ge­neigt. Manch­mal al­ler­dings wird Di­us auch zum Lamm Got­tes, „Bes­ser ich als du, sag­te er, (…) Erst da sah ich das ge­ron­ne­ne Blut in sei­ner Hand­flä­che.“ Oder in con­tra­rio zum Dia­vo­lo. „Im nächt­li­chen Däm­mer er­blick­te ich in ihm die Frat­ze ei­nes al­ten Ge­mäl­des und um sein Ge­sicht mit dem däm­li­chen Grin­sen ei­nen Kranz aus schwar­zem Haar. Der Teu­fel. Ich hat­te es schon im­mer ge­ahnt: Me­phis­to, der leib­haf­ti­ge Teu­fel.

An­ton hin­ge­gen lei­det wie einst Apoll an der Lie­be. Nicht al­lei­ne sei­ne Un­ent­schlos­sen­heit ver­hin­dert de­ren Er­fül­lung. Wie bei Apoll und Daph­ne sind es die Pfei­le Amors, die in An­ton nicht en­den wol­len­de Lie­be er­zeu­gen, sei­ne An­ge­be­te­te je­doch in die Flucht schlagen.

Ei­ner der Schwer­punk­te des Ro­mans liegt auf den tie­f­emo­tio­na­len Be­zie­hun­gen Freund­schaft und Lie­be. Hertmans lässt kei­ne ih­rer viel­fäl­ti­gen Fa­cet­ten aus. Sein Er­zäh­ler An­ton be­ob­ach­tet und fühlt An­zie­hung und Ab­sto­ßung, Sehn­sucht und Streit, Ero­tik und Ei­fer­sucht. Und macht sich sei­ne Ge­dan­ken. „Da­bei emp­fand ich den Ver­rat der Freund­schaft viel in­ten­si­ver und schmerz­vol­ler als den der Lie­be; schließ­lich wis­sen wir, dass uns die Lie­be blind macht, dass wir vom Eros ge­trie­ben sind und dass das, was wir er­stre­ben, letzt­end­lich nur auf Il­lu­si­on und Selbst­täu­schung be­ruht. Die Freund­schaft aber, vor al­lem je­ne, die auf dem ge­mein­sa­men Emp­fin­den von Schön­heit und Frei­heit grün­det, hal­ten wir für rein, un­ge­trübt von Lei­den­schaft und Begehren.“

Hier kommt die an­de­re Spe­zia­li­tät des Buchs und sei­nes Au­tors in Spiel, die Kunst in al­len ih­ren For­men. An­ton, der Kunst­ken­ner und Phi­lo­soph, kann ein­fach nichts be­trach­ten, sei es ei­ne Land­schaft, ei­ne Per­son, ei­ne Si­tua­ti­on oder ein Ge­fühl, oh­ne ein pas­sen­des Kunst­werk zu as­so­zi­ie­ren. „Ganz lang­sam ver­wan­del­te sich der Him­mel in das pracht­vol­le Fir­ma­ment ei­nes nie­der­län­di­schen Ge­mäl­des aus dem 17. Jahr­hun­dert. Ich kann nur noch in Ge­mäl­den den­ken, dach­te ich mir. Ähn­lich wie der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Stendhal nur die­je­ni­gen Land­schaf­ten als sol­che wahr­nahm, die er vor­her auf Kup­fer­sti­chen ge­se­hen hat­te.“ Die Frau sei­nes Le­bens be­zeich­net dies als „kunst­ge­schicht­li­che Mys­ti­fi­zie­run­gen“.

Wir be­glei­ten An­ton auf sei­nen Ge­dan­ken­flü­gen und be­geg­nen Wer­ken der Bil­den­den Kunst, der Mu­sik und der Li­te­ra­tur. Ih­re kur­siv ge­setz­ten Ti­tel ma­chen den Ro­man mit di­gi­ta­ler Hil­fe zu ei­nem im­mersi­ven Kunst­er­leb­nis. Hertmans, der als Kunst­do­zent lehr­te, ge­lin­gen nicht nur an­schau­li­che Dar­stel­lun­gen der ein­zel­nen Kunst­wer­ke, sei­en es der Rit­ter des Re­nais­sance-Ma­lers Vit­to­re Car­pac­cio oder ein mo­der­nes Ge­mäl­de von As­ger Jorn, er in­te­griert sie in die Hand­lung sei­nes Ro­mans. „Ich be­trach­te­te die gan­ze Kunst­ge­schich­te als ei­nen ein­zi­gen in­ter­ak­ti­ven Raum, in dem al­les auf al­les ein­wirkt. (…) In mei­nen Au­gen bil­de­te al­les ein gro­ßes Gan­zes, und je län­ger ich dar­über nach­dach­te, des­to un­zu­läng­li­cher fand ich das his­to­ri­sche Den­ken in Strö­mun­gen, Rich­tun­gen, in Ma­ni­fes­ten und al­ler­lei Ka­te­go­rien – die­se führ­ten mei­ner Mei­nung nach nur zu Vor­ur­tei­len, die die Men­schen dar­an hin­der­ten, auf­merk­sam und ganz kon­kret zu be­trach­ten.“, legt er sei­nem Kunst­phi­lo­so­phen in den Mund.

Wäh­rend An­ton über Kunst sin­niert, zeigt Di­us, wie er sie macht. Un­ter sei­nen Hän­den ent­ste­hen die un­ter­schied­lichs­ten Ar­te­fak­te. Sein be­son­de­res Au­gen­merk gilt der per­fek­ten Il­lu­si­on des In­kar­nats, des von der Haut um­ge­be­nen Fleischs. Er kre­iert Mö­bel­stü­cke in aus­ge­fal­le­nem De­sign und fer­tigt sie, was ihm ei­nes Ta­ges zum Ver­häng­nis wer­den wird. Ein be­son­de­res Stück, der Schreib­tisch mit Vo­gel­au­gen-Ahorn-Fur­nier, wird sei­ne Freund­schafts­ga­be für An­ton. In der Plat­te hat Di­us ei­ne un­sicht­ba­re Bot­schaft für den Freund versteckt.

Es gibt noch wei­te­re Rät­sel und Fra­gen in die­sem Ro­man. Man­che er­schlie­ßen sich oder wer­den vom Au­tor im Nach­wort ge­löst. An­de­re blei­ben An­ge­bo­te zum Nach­den­ken. „Was ich tue, be­stim­me nicht ich, es sieht nur so aus, als ob ich selbst ent­schei­de und hand­le.“ Oder „Wo und wann wohl der An­fang der Küns­te ge­we­sen sein mag?“

Dass der Au­tor sei­ne Le­ser nicht aus den Au­gen ver­liert, zeigt er in der di­rek­ten An­spra­che. Nicht nur die­se spo­ra­di­schen Äu­ße­run­gen be­wei­sen Hu­mor. Wir be­geg­nen ihm auch in der Cha­rak­te­ri­sie­rung ei­nes igno­ran­ten Prü­fers, der sich schließ­lich aufs Pein­lichs­te selbst ent­larvt, in der Schil­de­rung ei­ner ver­lust­rei­chen, aber äu­ßerst krea­ti­ven Haus­halts­tei­lung nach dem En­de ei­ner Be­zie­hung so­wie in den Sei­ten­hie­ben auf zeit­ge­nös­si­sche For­men der Kunst.

Ste­fan Hertmans legt sein Ro­man-Kunst­werk als Rück­blick sei­nes Er­zäh­lers An­ton an, der als Kunst­wis­sen­schaft­ler und Freund über das Le­ben und Werk ei­nes Kunst­ge­nies schreibt und so­mit zum Va­sa­ri für Di­us Pra­ti wird.

In sol­chen Mo­men­ten weiß ich, war­um Di­us in mein Le­ben tre­ten muss­te: weil wir bei­de den Durst nach längst ver­gan­ge­nen Zei­ten tei­len, die uns durch die frü­hen Er­in­ne­run­gen ir­gend­wie in die Kör­per ein­ge­schrie­ben sind und uns un­be­haust wer­den las­sen im Lärm un­se­rer Gegenwart.“

Ste­fan Hertmans, Di­us, Dio­ge­nes Ver­lag 2026

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