Sushi Murakami – Luxus bei Lexus

Das 10. Kapitel

Ende Mai fährt Tsukuru in seine Heimatstadt. Er will sich um die Familie und um das Geheimnis kümmern. Einen Tag nach der Gedenkfeier für den Vater geht er zu Lexus, er hofft, Ao dort anzutreffen, der die Filiale des Autohauses leitet. Ao reagiert überrascht als sie sich begegnen. Sowohl die starken äußeren Veränderungen an dem einstigen Freund erstaunen ihn, als auch die nach so vielen Jahren geforderte Erklärung. Zu einem Gespräch hat er wegen eines Außentermins und einer Teamsitzung erst in der kurzen Mittagspause Zeit.

Der Besuch findet an einem Sonntag statt, da, wie der Leser erfährt, an diesem Tag die Autohäuser entgegen der üblichen Geschäftszeiten geöffnet haben. Sie erwarten Kunden, die diesen freien Tag nutzen. Macht man dann Außentermine und Teamsitzungen?

Egal, eigentlich ist dieses ganze Setting im Autohaus reichlich überflüssig. Allerdings erfährt der wissbegierige Leser endlich Neues, Lexus ist von Luxus abgeleitet. Welche der unzähligen Cappuccino-Varianten der Lexus-Händler später bei Starbucks wählt, bleibt jedoch im Dunkeln des Pappbechers verborgen. Auch über das Wetter gibt es wenig Interessantes zu berichten. „Am Himmel hingen Wolken, es war kein Blau zu sehen, aber nach Regen sah es auch nicht aus.“

Der Autor steigert subtil die Spannung bis Tsukuru d i e Frage stellt.

„Ich möchte den Grund wissen.“ Denn, „die Wunde von damals scheint immer noch nicht geheilt. Sie blutet vielleicht sogar.“

Bei mir blutet schon längst anderes. Schnell zu Aos-Antwort, die wieder um etliche Zeilen hinausgezögert wird und mit bedeutungsschwer nach unten hängenden Trauerweidenruten Ungutes heraufbeschwört.

„Du hast wirklich überhaupt keine Ahnung, was der Grund gewesen sein könnte?“
„Sechzehn Jahre habe ich überlegt. Aber herausgefunden habe ich ihn nicht.“

Ao bröckelt betreten Brot für Tauben. Schließlich:Foto

„Du hast wirklich keine Ahnung?“
„Nein, wirklich nicht.“

Noch muss das Handy klingeln mit einem Song von Elvis, auch der schon tot, bevor endlich, endlich d i e Antwort kommt.

„Shiro sagte, du hättest sie vergewaltigt. (…) Du hättest sie gegen ihren Willen zum Sex gezwungen.“

Soviel Information war selten. Wir wissen nun, was damals geschehen ist, und was eine Vergewaltigung ist. Der arme Tsukuru ist schockiert und beteuert, dies weder getan zu haben noch dazu überhaupt fähig zu sein. Ao räumt ein, sie haben Shiro auch kaum glauben können, aber die Tat habe sie so detailreich geschildert, daß es einfach wahr sein müsse. Shiro sei damals nach Tokio gefahren, um das Konzert eines berühmten ausländischen Pianisten zu hören, –war Midorigawa ein Ausländer?-. Die Nacht hätte sie bei Tsukuru verbracht, da sei es geschehen.

Auf Tsukurus Verwunderung, warum sie ihn nicht befragt hätten, antwortet Ao lapidar, die Stimmung sei nicht danach gewesen, Kuro hätte sie unter Druck gesetzt. Ratlos ist er jedoch nach wie vor. Nach Abschweifungen analysiert Ao die Konstellationen in der Clique. Tsukuru sei damals der informelle Führer der Gruppe gewesen, von allen geschätzt, notwendig für ihren Zusammenhalt. Deshalb sei sie nach diesem Vorfall rasch auseinander gefallen. Tsukuru kann ihm dies kaum glauben. Mir geht es ähnlich.

Aber es ist ja so eine Sache mit dem autobiographischen Gedächtnis, und er recht mit demjenigen dieses Sportlers (s.o.). An eines erinnert er sich aber doch, damals vor sechszehn Jahren war er in Kuro verliebt. Heute ist er gebunden durch Haus und Hund, Frau und Familie, sonst würde er Tsukuru gerne auf seiner Reise nach Finnland begleiten. Zuvor will dieser noch Aka besuchen, von dem Ao keine gute Meinung hat.

„Nicht dass ich an ihm als Mensch zweifle. Ich zweifle nur an dem, was er tut. (…) Ich kann mich einfach nicht mit seiner Art zu denken anfreunden.“ (?)

Sie sehen sich kaum noch, und auch Tsukuru und Ao werden einander wohl nicht mehr begegnen.

Gegen Ende erfährt Tsukuru Details über den Mord an Shiro. Sie wurde in ihrer Wohnung in Hamamatsu erwürgt. Seine Gefühle bei der Beerdigung schildert Ao klischeehaft, „Ich konnte überhaupt nicht aufhören zu weinen. Es fühlte sich an, als sei ein Teil von mir gestorben und zu Stein geworden.“

Tsukuru verabschiedet sich, er möchte in der Bücherei nach alten Zeitungsartikeln über den Mord suchen.

Musik: Antonio Carlos Jobin; Elvis Presley, Viva Las Vegas

Weisheit: „Ein Handy ist unpraktisch, weil es so praktisch ist.“

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