Unter vier Augen – Sprachen des Porträts in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Kreative Kunstverdoppelung

Ei­ner der be­rühm­tes­ten Tex­te der deut­schen Li­te­ra­tur, die durch ein nicht min­der be­rühm­tes Kunst­werk in­spi­riert wur­den, ist wohl Les­sings Lao­koon. In die­sem nä­hert sich der Schreib­künst­ler der deut­schen Klas­sik em­pha­tisch dem To­des­kampf des Apol­lon­pries­ters und sei­ner Söh­ne, den ein Bild­künst­ler des Hel­le­nis­mus im 2. Jh. v. Chr.  meis­ter­haft in Sze­ne ge­setzt hat. Heu­te be­geg­nen wir in den Va­ti­ka­ni­schen Mu­se­en die­ser Mar­mor­skulp­tur im di­rek­ten Ge­gen­über und kön­nen un­se­re Ein­drü­cke mit de­nen Les­sings ver­glei­chen.

Ähn­li­che In­spi­ra­ti­ons­wel­ten öff­nen sich dem Be­su­cher in der ak­tu­el­len Aus­stel­lung „Un­ter vier Au­gen“. Noch bis zum 20. Ok­to­ber zeigt die Staat­li­che Kunst­hal­le Karls­ru­he 50 Por­träts und die ih­nen zu­ge­dach­ten Tex­te nam­haf­ter Sprach­kön­ner und Kunst­ken­ner. Die­se Kunst­be­geg­nung jen­seits ef­fekt­ha­schen­der Event­kul­tur ver­spricht Lust im dop­pel­ten Sin­ne. Se­hen und Hö­ren ste­hen gleich­be­rech­tigt ne­ben­ein­an­der und wol­len den Be­trach­ter, der zu­gleich auch Zu­hö­rer sein kann, in viel­fa­cher Wei­se an­re­gen.

Ich war ge­spannt auf die­se Kunst­ver­dop­pe­lung, bei der mich die mit­wir­ken­den Schrift­stel­ler noch et­was mehr reiz­ten als die mir we­ni­ger be­kann­ten Kunst­wer­ke. Gut in­for­miert durch den her­vor­ra­gen­den In­ter­net­auf­tritt der Aus­stel­lung hat­te ich mir be­reits ei­ni­ge mei­ner Lieb­lings­au­to­ren aus­ge­wählt, zu­gleich hoff­te ich auf neue Ent­de­ckun­gen in Schreib- und Bild­kunst.

Es wa­ren al­so Wil­helm Ge­n­azi­no, Bri­git­te Kro­nau­er, Ur­su­la Kre­chel, Mar­tin Wal­ser, Her­ta Mül­ler, Alain Clau­de Sul­zer, Ju­lie Zeh und Mar­kus Orths, um nur ei­ni­ge zu nen­nen, die mich in die Aus­stel­lung lock­ten. Al­ler­dings ha­be ich das ge­wähl­te Pen­sum nicht voll­stän­dig ab­sol­vie­ren kön­nen. Vie­le Bil­der ver­lock­ten zu Sei­ten­we­ge ab­seits der ge­plan­ten Rou­te, die fol­gen­der­ma­ßen ver­lief.

Die Mar­che­sa Ve­ro­ni­ca Spi­no­la Do­ria zog mich im ers­ten Raum so­fort in ih­ren Bann. Pe­ter Paul Ru­bens schuf 1606/07 die­ses Por­trät der thro­nen­den Her­zo­gin. Zart leuch­tet ihr jun­ges Ge­sicht aus dem von Schwarz und dunk­len Tö­nen do­mi­nier­ten Bild. Die­se Dis­kre­panz bringt auch An­ge­li­ka Over­ath in ih­rem Ge­walt und Ge­fie­der be­ti­tel­ten Text zum Aus­druck. Die Pracht der Klei­dung und Aus­stat­tung, ed­le Mö­bel, herr­schaft­li­che Ar­chi­tek­tur, ein Pa­pa­gei als exo­ti­sches Ele­ment, und da­zwi­schen die­ses Mäd­chen, er­schei­nen ihr als Zwang. Al­ler­dings ist die Au­to­rin sich ih­res mo­der­nen Blicks be­wusst. So sei da­hin ge­stellt, ob die Mar­che­sa sich tat­säch­lich ge­presst fühl­te, ob Ru­bens durch sei­ne Bild­kom­po­si­ti­on das Ehe-Ar­ran­ge­ment ver­ur­teil­te oder dies al­les nur aus heu­ti­ger Sicht so schei­nen mag.

Auch im zwei­ten Raum zieht mich Un­ge­plan­tes an. Mar­tin Lu­ther auf dem To­ten­bett aus der Werk­statt Lu­kas Cra­nachs, um 1600, gibt Karl-Heinz Ott Ge­le­gen­heit über das Ster­ben und das Le­ben des Re­for­ma­tors nach zu sin­nen. Ott ge­lingt dies in Mit­ten im Le­ben auf äu­ßerst ge­witz­te Wei­se. Un­ty­pisch für Lu­ther, den Be­grün­der des doch so lust­fer­nen Pro­tes­tan­tis­mus? Nein, ganz und gar nicht. Aus­ge­hend von ei­ner Si­tua­ti­on, die Ott aus­ge­rech­net vor des­sen eins­ti­gen Wir­kungs­ort, der Schloß­kir­che zu Wit­ten­berg, fast aus dem Le­ben be­för­dert hät­te, mahnt der Au­tor an die End­lich­keit und dar­an es dem um­trie­bi­gen Kir­chen­kri­ti­ker, der die welt­li­chen Ge­nüs­se schätz­te, gleich zu tun.

Im nächs­ten Raum las­se ich mich durch mei­nen Le­se­ge­schmack zu dem Por­trät füh­ren, das Wil­helm Ge­n­azi­no aus­ge­wählt hat. Es stellt ei­nen Bär­ti­gen dar und ent­stand um 1530 in der Werk­statt des Meis­ters des Ben­son-Ma­lers. Ge­n­azi­no sin­niert über die Funk­ti­on und den Sta­tus des Dar­ge­stell­ten. Die Bil­dat­tri­bu­te mil­dern in sei­nen Au­gen „die Roh­heit der Phy­sis“, er er­kennt dar­in die Ma­ni­pu­la­ti­on des Künst­lers, der mit Hil­fe die­ser De­ko­ra­tio­nen die Per­son sti­li­sie­ren möch­te. Das Por­trät in der Kunst ist ihm zu­fol­ge Ab­bil­dung aber auch Ent­frem­dung. Die­se ver­spür­te Ge­n­azi­no an­ge­sichts ei­ner Fo­to­auf­nah­me, die vor gut zehn Jah­ren von ihm an­ge­fer­tigt wur­de. Schein­bar im Au­gen­blick ent­stan­den, wur­de auch die­ses Por­trät von der Künst­le­rin mit den Zu­ta­ten Zei­tung, Stift, Schal, so auch der Ti­tel des Bild­tex­tes, de­ko­riert. Ge­n­azi­no be­geg­net die­ser Ver­frem­dung nicht mit Ge­las­sen­heit, son­dern nimmt sie zum An­lass über das Al­ter und sein Le­ben als Schrift­stel­ler nach­zu­den­ken. Ein wei­ter Bo­gen, der zeigt, was die Be­trach­tung von Kunst be­wir­ken kann. Im Fal­le ei­nes Por­träts so­gar Selbst­er­kennt­nis, denn „je­der Por­trä­tier­te (ent­deckt) in sei­nem Bild die Ein­zig­ar­tig­keit sei­nes Ichs“.

Nach zwei we­ni­ger ge­lun­ge­nen Bild­tex­ten, der ei­ne er­mat­te­te mich durch die lang­at­mi­ge An­ein­an­der­rei­hung von Jah­res­zah­len, der an­de­re durch kru­de Dich­ter­phan­ta­sie, stand ich  vor ei­nem Ru­bens. Das Brust­bild des Phi­lo­so­phen Se­ne­ca, ent­stan­den um 1614, hat der Phi­lo­soph Pe­ter Slo­ter­di­jk zum Ge­gen­stand ge­wählt. Auf­bli­ckend zur Weis­heit wid­met er sich sei­nen Be­trach­tun­gen, die auch den kunst­his­to­ri­schen Ver­gleich be­rück­sich­ti­gen. Vor­bei an Ne­ben­wer­ken mir un­be­kann­ter Künst­ler ge­he ich durch die Räu­me, wun­de­re mich über die stei­le Licht­füh­rung, die so man­chen Rah­men zum Schlag­schat­ten­spen­der wer­den lässt. Auf­ge­hal­ten wer­de ich er­neut von ei­nem mich aus gro­ßen brau­nen Au­gen an­bli­cken­den Jun­gen. Der in das Jahr 1836 da­tier­te Le­sen­de Kna­be ist das Werk ei­nes le­dig­lich als Mo­no­gram­mist C. Fr. be­zeich­ne­ten Ma­lers. Wel­che psy­cho­lo­gi­sche Bio­gra­phie Pau­lus Hoch­gat­te­rer die­sem Kind zu­schreibt, deu­tet be­reits der Ti­tel Spä­ter ein Mör­der an. Mit dem Bild­ge­gen­stand an sich hat die span­nen­de Er­zäh­lung al­ler­dings we­nig zu tun. Der Le­sen­de Kna­be lie­fert le­dig­lich die In­spi­ra­ti­on zu ei­ner phan­ta­sie­vol­len Per­spek­ti­ve auf in­ne­re Vor­gän­ge. Ei­ne freie li­te­ra­ri­sche Fik­ti­on, fast voll­kom­men los­ge­löst vom Bild­in­halt. An­de­re Schreib­künst­ler wer­den zu kunst­his­to­ri­schen Es­says oder phi­lo­so­phi­schen Be­trach­tun­gen in­spi­riert. Auch Ge­dich­te und kur­ze Col­la­gen, wie die von Her­ta Mül­ler zu ei­nem Mäd­chen­bild­nis von Ge­org Phil­ipp Schmitt, sind in der Aus­stel­lung an­zu­tref­fen.

Mei­ne nächs­te Sta­ti­on ist das Selbst­bild­nis der Ma­rie El­len­rie­der von 1818 und Mar­tin Wal­sers kur­zer, den­noch ein­drück­li­cher Text „an al­le, die mich an­schau­en“. Der Dich­ter lässt die Ma­le­rin zu ih­ren Be­trach­tern spre­chen. Ein Mo­no­log oder doch eher ein Selbst­ge­spräch, das sie mit ih­rem ei­ge­nen Spie­gel­bild führt? Auch Wal­ser stellt die Fra­ge nach Schein und Wirk­lich­keit, nach dem Mo­tiv des Künst­lers. Ein klei­ner Sei­ten­hieb rich­tet er an die Re­zen­sen­ten und an ihr Recht zur In­ter­pre­ta­ti­on. Ein An­lass sich mal die ak­tu­el­len Re­zen­sio­nen zu Wal­ser in der Welt an­zu­se­hen.

Flugs geht’s wei­ter in Raum und Zeit. Im vor­letz­ten Saal ist Ernst Lud­wigs Kirch­ners Selbst­por­trät von 1920 schön grün. Oder eher gif­tig grün be­droh­lich, wenn man dem zu­ge­hö­ri­gen Text {[( Wei­le, Wei­le)]} von Mar­kus Orths lauscht. Orths greift ein­zel­ne Bild­ele­men­te auf. Die Pflan­ze, die sich aus ih­rer Va­se win­det, droht aus sei­ner Sicht den Kör­per des Künst­lers zu um­schlin­gen, das Ofen­rohr wird zum Ab­hör­or­gan ei­ner He­xe, die blaue Stuhl­kan­te zur Ti­ger­pran­ke. Die Si­tua­ti­on des Künst­lers scheint hoch ge­fähr­lich. Für mich ei­ner der sug­ges­tivs­ten Tex­te der Aus­stel­lung, Orths nimmt die ver­scho­be­ne Per­spek­ti­ve des ex­pres­sio­nis­ti­schen Mal­stils auf und ent­wi­ckelt dar­aus ei­ne ver­scho­be­ne Rea­li­tät.

Der letz­te Blick mei­nes Be­suchs fällt auf die Dar­stel­lung ei­ner Schwan­ge­ren von Ot­to Dix. An­hand die­ses 1930 ent­stan­de­nen Por­träts ent­wi­ckelt Ju­li Zeh in Tra­gen ei­ne Kri­tik am Kon­troll­wahn un­se­rer Ge­sell­schaft.

Die Idee, Bil­den­de Kunst und Li­te­ra­tur der­art mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen, hat mir sehr gut ge­fal­len. Aber trotz mei­ner Be­geis­te­rung war es nicht mög­lich al­le Bil­der und Tex­te in­ner­halb ei­nes Be­su­ches wahr zu neh­men. Im­mer­hin be­trägt al­lei­ne die Dau­er des Hör­tex­tes acht Stun­den. Wer sich den schön ge­stal­te­ten Aus­stel­lungs­band zu­legt, kann Tex­te und Ab­bil­dun­gen in hand­li­chem For­mat nach Hau­se tra­gen und spart den Ein­tritts­preis. Wäh­rend des Gangs durch die Aus­stel­lung emp­fiehlt es sich je­doch den Wäl­zer in der Gar­de­ro­be zu ver­stau­en, der Be­gleit­band liegt in je­dem Raum auf ei­ner der Sitz­ge­le­gen­hei­ten zur An­sicht be­reit.

Wer in nicht all­zu wei­ter Fer­ne von Karls­ru­he wohnt, soll­te sich die­se von Kirs­ten Voigt ku­ra­tier­te Aus­stel­lung nicht ent­ge­hen las­sen.

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