Bachmannpreis 2011 — Praßler, Baum

Den gest­ri­gen Nach­mit­tag er­öff­ne­te An­na Ma­ria Praß­ler mit ih­rem Text „Das An­de­re“.

Wer his­to­ri­sche Be­zü­ge in li­te­ra­ri­sche Tex­te ein­bringt, soll­te sich be­wusst sein, was er tut, und sei­ne Be­le­ge gut re­cher­chiert ha­ben. Was Praß­ler über den Usus im an­ti­ken Rom sag­te wird man­cher Ar­chäo­lo­ge und His­to­ri­ker so nicht hin­neh­men wol­len, und wer aus Sue­tons De Vi­ta Cae­sar­um zi­tiert soll­te des­sen iro­ni­schen Stil er­ken­nen. Nun gut, ei­ne Ne­ben­sa­che, sie brach­te mich aber zu der Fra­ge, was die Prot­ago­nis­tin des Stü­ckes denn stu­die­re — Ge­schich­te, Ar­chäo­lo­gie, Thea­ter­wis­sen­schaf­ten?  Neh­men wir doch den neu­en Ba­che­lor-Stu­di­en­gang Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, der passt im­mer und nimmt es viel­leicht auch nicht so ge­nau. Die­ses gan­ze Wis­sen­schafts­at­mo­sphä­re er­zeu­gen­de Bei­werk hät­te es mei­ner Mei­nung nach gar nicht ge­braucht. Die Ge­schich­te der ge­schei­ter­ten Be­zie­hung funk­tio­niert auch so. Die Grün­de der jun­gen Frau, war­um sie sich von Björn ent­liebt hat­te, sind sehr gut nach­voll­zieh­bar. Macht und Do­mi­nanz bil­den kei­ne gu­te Ba­sis. Da­bei hat­te doch al­les, wie es im­mer in der Lie­be so geht, gut an­ge­fan­gen. Win­kels be­zeich­ne­te die Ken­nen­lern-Sze­ne als ori­gi­nel­le Be­zie­hungs­an­knüp­fungs­ge­schich­te. Glaub­wür­dig und po­si­tiv wer­te­te Kel­ler die Ent­wick­lung der jun­gen Frau, die durch ih­re sub­jek­ti­ve Er­fah­rung mit dem Tod ih­re bis­her aus­schließ­lich wis­sen­schaft­li­che An­nä­he­rung an die­ses Su­jet durch­dringt. Die üb­ri­gen Ju­ro­ren fan­den den Text schwä­cher. Zu vie­le The­men sei­en wie in ei­nem Dreh­buch auf­ge­reiht, so Feß­mann. Sul­zer und Jandl mo­nier­ten Tri­via­li­tä­ten. Zur Ver­tei­di­gung des Tex­tes führ­te Spin­nen, der Praß­lers Text no­mi­niert hat­te, die psy­cho­lo­gi­sche Dar­stel­lung der Fi­gu­ren und der Ab­hän­gig­kei­ten in de­ren Be­zie­hungs­ge­fü­ge an.

Die von Hu­bert Win­kels nach Kla­gen­furt ge­la­de­ne An­to­nia Baum schloss mit der Le­sung ih­res Tex­tes „Voll­kom­men leb­los, bes­ten­falls tot“ an.

In drei Ka­pi­teln er­zähl­te sie mal in ta­ge­buch­ar­ti­ger Form, mal in ei­ner Art Be­wusst­seins­strom die Lei­den ei­ner jun­gen Frau, der Schu­le, El­tern­haus, aber auch die spä­te­re Be­zie­hung zu ei­nem Mann zu viel ist. Sie will aus al­lem aus­bre­chen und schafft es doch nicht. Der Bauch hält sie ge­fan­gen.

Be­son­ders stö­rend fand ich das im­mer wie­der ein­ge­scho­be­ne „Denk Ich“, wel­ches im ers­ten Ka­pi­tel ja noch als Rol­len­pro­sa ei­ner Spät­pu­ber­tie­ren­den durch ge­hen mag. Beim Zu­hö­ren der wei­te­ren Ka­pi­tel ver­führ­te es aber fast da­zu, ei­ne Strich­lis­te an­zu­le­gen. Auch die Pro­ble­ma­tik der Prot­ago­nis­tin hat mich nicht er­reicht.

Die Ju­ro­ren fühl­ten sich zum gro­ßen Teil an Tho­mas Bern­hard er­in­nert. Strigl lei­te­te die Dis­kus­si­on mit der Fra­ge ein, ob es sich um ei­ne TB-Par­odie han­de­le. Ge­fal­len ha­be ihr der Text da, wo Baum TB ver­ges­sen ha­be. We­der ei­ne Imi­ta­ti­on noch ei­ne Par­odie des gro­ßen ös­ter­rei­chi­schen Schrift­stel­lers sei, laut Feß­mann, ge­ge­ben. Die Bern­hard­sche Sua­da sei un­be­wusst ge­wählt. Win­kels er­klär­te, daß die­ses Stil­zi­tat von der Au­to­rin wis­send ge­wählt sei, um der spät­pu­ber­tä­ren Grund­welt­ab­leh­nung ei­ne Form zu ge­ben. Im Ge­gen­satz zu dem vor­her­ge­hen­den Text sah Kel­ler die Ent­wick­lung der Prot­ago­nis­tin ge­schei­tert.

 

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