Thomas Groß wirbt in „Warum sich Weiterlesen lohnt“ für das Lesen als kommunikative Erfahrung
„Im Lesen, in der Auseinandersetzung mit und über Künstlerisches, kommt Bewegung in die Literatur.“
Man könnte sie als Inselbegabungen bezeichnen, diese drei deutschen Dichter, denen Thomas Groß sein Essay widmet, wäre der Begriff nicht psychopathologisch belegt. Vielleicht läge man damit gar nicht so falsch? Immerhin hatten Hölderlin, Novalis und Kleist mit Problemen zu kämpfen, welche die moderne Psychologie nicht nur als Melancholie und Einzelgängertum betrachten würde. Alle drei prägten die Anfänge der modernen Literatur durch ihre empfindsamen Werke, denen man heute meist nur noch in Schule oder Theater begegnet. Oder im literaturhistorischen Seminar, womit ein kurzer Bogen zum vorliegenden Buch des promovierten Germanisten Groß geschlagen ist. Dass dieser vor seiner Tätigkeit als Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen als Dozent an den Universitäten Heidelberg und Mannheim lehrte, prägt den Duktus seiner Schrift.
Das Schlusskapitel hingegen, welches ich aus Bequemlichkeit und wegen des darin erwähnten Wilhelm Genazino zu Beginn gelesen habe, deckt auf kurzweilige Weise Gemeinsamkeiten modernen und zeitgenössischer Literaten auf. Modern beginnt hier allerdings bei Proust und Bulgakow und der Großteil der angeführten Zeitgenossen kann leider ebenfalls keine neuen Werke mehr vorlegen.
Einen langen Atem benötigt man für den Hauptteil des Essays, in dem Groß detaillierte Analysen und kenntnisreiche Einblicke in Leben und Werk von Friedrich Hölderlin, Novalis und Heinrich Kleist vorlegt. Engagiert plädiert er dafür, die Schriften dieser drei Dichter zu lesen.
Lesen versteht Groß dabei als einen Akt der Kommunikation. Autor und Leser treffen sich im „literarischen Raum“ und teilen dessen „poetische Realität“, auch wenn sie vielleicht unterschiedlich empfinden. Dazu sei es, so Gross, notwendig, ein Literaturverständnis zu entwickeln, Stilmittel zu erkennen und zu schätzen, um „im Miteinander von Autor-Ich und Leser-Du (…) grundlegende Fragen (zu) erörtern, die unser aller Sein als gemeinschaftliche Wesen betreffen“.
Groß nutzt für diese Heranführung drei Dichterporträts, die er ähnlich, doch nie schematisch anlegt. In an die 50 Seiten wirft er zunächst einen Blick auf die Lebens- und Bildungsgeschichte des jeweiligen Schriftstellers, wobei sein Augenmerk biographischen Prägungen gilt. So führten Hölderlin vielleicht seine schizophrenen Episoden in die Isolation, Kleist entwickelte sich eventuell aufgrund von Kriegserfahrungen zu einem exzentrischen Grenzgänger, während der hochbegabte Friedrich von Hardenberg, Jurist und Bergbauingenieur, der sich als Dichter den Namen Novalis gab, hypersensibel auf persönliches Unglück reagierte.
Diese Lebensereignisse beeinflussten nicht nur die Themenwahl der Autoren, sondern ebenso ihren unverkennbaren Stil. Groß analysiert Hölderlins „weit ausgreifende Gedankenlyrik“, seine „Geschichtsphilosophie in Versform“ an verschiedenen Werkbeispielen. Ausführlich zeigt er Hölderlins poetisches Vorgehen im Gedicht „Heidelberg“. „Bildlich-metaphorisch entwirft es einen Gang durchs Land, eine Wanderung hin zur Stadt und streift dabei die natürlichen und kulturellen Eigenschaften des Menschen, sein Werden als empfindungsfähiges und kunstsinniges Wesen.“ Seine Begeisterung für den Dichter steckt an. „Hölderlins Texte laden zur Auseinandersetzung ein, zum gemeinsamen Philosophieren, Fantasieren.“
Bei Kleist legt Groß zunächst den Fokus auf die Sprache, auf die eigenwillige Verwendung der Satzzeichen. Die Sprache „wirkt kompliziert und komplex und ist zumal im Theater, von der Bühne herunter gesprochen, in ihrem Bedeutungs- und Facettenreichtum nur schwer zu begreifen“, doch „Inhalt und Form erhellen sich gegenseitig, bringen eine Dialektik in Gang, in welcher die künstlerische Bildhaftigkeit, das Literarische an sich hier gründet“. Grund genug für Groß im Folgenden „Die heilige Cäcilie“ und „Prinz Friedrich von Homburg“ genau zu lesen.
Die Analyse von Novalis‘ Werk hingegen bietet Gelegenheit in die Epoche der Romantik einzutauchen, Wurzeln und Parallelen aufzuzeigen. Nebenbei weist Groß bei Novalis ebenso wie bei den beiden Dichterkollegen den Einfluss nach, den die Philosophen ihrer Zeit, Fichte, Hegel, aber auch Kant, auf sie hatten.
Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist und Novalis gelten als Wegbereiter der modernen Literatur. Sie offenbaren in ihren literarischen Werken „Selbstgefühl“ mehr noch als „Selbstbewusstsein“, was sie „zu idealen Repräsentanten eines in die Subjektivität verliebten Zeitalters macht.“ Ein stärkeres Argument ihre Texte zu lesen, wird sich wohl kaum finden!