Vom Raum mit Riss zum Raum der Freundschaft

Ich nannte ihn Krawatte“ Milena Michiko Flasar erzählt von Formen der Ausgrenzung

Un­se­re Freund­schaft war der grö­ße­re Raum, in den ich ein­ge­tre­ten war. Sei­ne Wän­de hat­te ich mit den Bil­dern de­rer ta­pe­ziert, von de­nen wir ein­an­der er­zählt hatten.…“

Ei­gent­lich woll­te ich die­sen Band aus dem Wa­gen­bach-Ver­lag zu­nächst nicht le­sen. Die Ja­pan­be­geis­te­rung ist mei­ne Sa­che nicht und die Koi-Karp­fen auf dem Ti­tel schie­nen kli­schee­haf­te Vor­stel­lun­gen bes­tens zu be­die­nen. Doch die Be­geis­te­rung, die ich so­wohl in Buzz­al­d­rins Blog wie auch bei der Le­se­lust fand, mach­te mich neu­gie­rig. Vor al­lem dar­auf, in­wie­fern das ja­pa­ni­sche Phä­no­men der Hi­ki­ko­m­ori über­trag­bar auf eu­ro­päi­sche Ge­sell­schafts­er­schei­nun­gen sei. Die in Wien le­ben­de Au­torin, Toch­ter ei­ner Ja­pa­ne­rin und ei­nes Ös­ter­rei­chers, gibt in ih­rem Ro­man auf die­se Fra­ge ei­ne Antwort.

Sie er­zählt dar­in von Hi­ro, ei­nem jun­gen Mann, der seit zwei Jah­ren sein Zim­mer im Haus der El­tern nicht ver­las­sen hat. Aus Ekel vor der Welt, vor den An­de­ren und vor al­lem vor sich selbst ver­wei­gert er sich al­lem. Auch der Ab­len­kung. Er will für sich sein, nie­man­dem be­geg­nen, kei­nem Blick­kon­takt aus­ge­setzt sein. Sein ein­zi­ger ein­sa­mer Blick fällt auf ei­nen Riss in der Wand. „Hin­ter ge­schlos­se­nen Au­gen hat­te ich sei­ne ge­bro­che­ne Li­nie nach­ge­zeich­net. Sie war in mei­nem Kopf ge­we­sen, hat­te sich dar­in fort­ge­setzt, war mir ins Herz und die Adern eingegangen.“

Ei­nes Ta­ges wagt er sich den­noch hin­aus, druch­bricht den selbst­ge­schmie­de­ten Kä­fig und schafft es bis in den Park. Dort auf der Bank bei der Ze­der, wo er einst als klei­nes Kind ne­ben sei­ner Mut­ter saß, dort hält er sie aus, die Bli­cke und An­bli­cke der An­de­ren. Kaum er­träg­lich wird es ihm je­doch als die Bank ge­gen­über von ei­nem Ge­schäfts­mann, ei­nem die­ser Kra­wat­ten­trä­ger, be­setzt wird. Des­sen Seuf­zen ent­larvt ihn als Le­bens­mü­den, Hi­ro dul­det das Ge­gen­über ei­nes Gleich­ge­sinn­ten. Tag für Tag ver­brin­gen sie dort auf den Bän­ken. Vom scheu zu­ge­nick­ten Gruß bis zu ge­gen­sei­ti­gen Ge­ständ­nis­sen ent­steht schließ­lich Nä­he. Sie, die an der Er­war­tungs­hal­tung der An­de­ren und ih­rer ei­ge­nen fast zu Grun­de ge­gan­gen wä­ren, kom­men ins Ge­spräch und er­le­ben wie ih­re Be­geg­nung zu Ver­än­de­run­gen führt. Ih­re Er­fah­run­gen mit dem An­ders­sein, dem in­ne­ren, dem so­zia­len, dem phy­si­schen, be­din­gen das Ver­hal­ten. Sie sind al­le Hi­ki­ko­m­ori, denkt Hi­ro an ei­ner Stel­le. Zu vie­le wäh­len den Rück­zug, den ver­deck­ten, den zeit­wei­sen oder den finalen.

Trotz der The­ma­ti­sie­rung der Ver­ein­ze­lung in un­se­rer Ge­sell­schaft, die viel­leicht für die ja­pa­ni­sche noch stär­ker gel­ten mag, aber mir trotz­dem uni­ver­sal er­scheint, hat Fla­sar kein be­drü­cken­des Buch ge­schrie­ben. In ih­rer kla­ren Spra­che schil­dert sie un­pa­the­tisch und in prä­gnan­ten Sät­zen wie Freund­schaft ent­steht. In kur­zen Ka­pi­teln, die uns die Er­in­ne­rungs­mo­men­te der bei­den Prot­ago­nis­ten nä­her brin­gen, be­geg­nen wir die­ser An­nä­he­rung. Der schma­le aber schö­ne Ro­man en­det mit dem ANFANG, dort­hin kehrt man ger­ne noch ein­mal zu­rück um aber­mals die­ses Buch voll wah­rer Sät­ze zu lesen.

 

Mi­le­na Mi­chi­ko Fla­sar, Ich nann­te ihn Kra­wat­te, Ver­lag Klaus Wa­gen­bach, 1. Aufl. 2012

Damenroman

Was übrig bleibt” — Sigrid Combüchen erzählt von Frauen und Damen damals und heute

Was zum Teu­fel soll ein Da­men­ro­man sein und möch­te man et­was Der­ar­ti­ges über­haupt lesen?

Die in Schwe­den auf­ge­wach­se­ne deutsch­stäm­mi­ge Sig­rid Com­bü­chen lässt die­se Be­zeich­nung von ih­rer Er­zäh­le­rin fol­gen­der­ma­ßen erklären.

Ein Da­men­ro­man han­delt na­tür­lich von Klei­dern und Schmuck und Aus­se­hen und Il­lu­sio­nen über die Lie­be und „je­des Mäd­chen soll für ei­nen Tag im Le­ben ei­ne Prin­zes­sin sein dür­fen“.

Ei­ne Sei­te zu­vor wird der dä­ni­sche Li­te­rat Ge­org Bran­des (1842–1927) an­ge­führt, der mit die­sen Spott­be­griff ge­wis­se Frau­en­ro­ma­ne be­leg­te. Wir mö­gen an Ro­sa­mun­de Pil­cher den­ken, Herr Bran­des dach­te an Vic­to­ria Be­ne­dicts­son (1850–1888). Doch zu die­sem kli­schee­r­ei­chen tra­di­tio­nell­kon­ser­va­ti­ven Schick­sals­schil­de­run­gen zählt Com­bü­chens Ro­man keineswegs.

In „Was üb­rig bleibt“ schil­dert sie die Ent­wick­lung der jun­gen Hed­da, die für sich, im länd­lich-bür­ger­li­chen Mi­lieu der Drei­ßi­ger­jah­re schwie­rig ge­nug, ei­ne Aus­bil­dung in Stock­holm durch­setzt. Sie nimmt al­ler­dings kein Stu­di­um auf, was „Da­men­ro­man“ wei­ter­le­sen

Stadtluft macht frei

In „Eine Sache wie die Liebe” erzählt Hans Bender von einer Jugend nach dem Krieg

Nach all” den mo­der­nen Co­m­ing-of-Age Ge­schich­ten lohnt sich ein Blick zu­rück. Wie fühl­te es sich an in der nach­kriegs­deut­schen Pro­vinz der Fünf­zi­ger­jah­re er­wach­sen zu wer­den? Wel­che For­men der Ab­gren­zung nutz­te ein Ju­gend­li­cher da­mals? Wel­che Er­fah­run­gen macht er mit Lie­be, Se­xua­li­tät und vor al­lem mit sich selbst? Da­von er­zählt Hans Ben­der in sei­nem 1954 er­schie­ne­nen De­büt „Ei­ne Sa­che wie die Lie­be“. Die da­ma­li­ge Kri­tik be­zeich­ne­te den Ro­man als den Lie­bes­ro­man der Nach­kriegs­li­te­ra­tur. Doch er ist viel mehr als nur das.

Lie­be ist ein zeit­lo­ses Phä­no­men, un­ab­hän­gig von Ort und Zeit blei­ben die Auf­wüh­lun­gen, die sie im In­ne­ren der Be­tei­lig­ten aus­lö­sen, im­mer nach­voll­zieh­bar, weil man sie selbst er­lebt hat. Doch könn­te man sie auch so in­ten­siv zu Pa­pier brin­gen wie dies Hans Ben­der ge­lang? In sei­nem schma­len, vor knapp 60 Jah­ren er­schie­nen Ro­man schil­dert er die Ge­schich­te ei­ner ers­ten Lie­be. Dar­an be­tei­ligt sind Ro­bert und Mar­gret. Bei­de le­ben in ei­nem klei­nen Ort in der süd­deut­schen Pro­vinz. Ro­bert als Sohn des Be­sit­zers der Dorf­wirt­schaft schon im­mer. Mar­gret hin­ge­gen hat zu­sam­men mit ih­rer Mut­ter „Stadt­luft macht frei“ wei­ter­le­sen

Die Schatzinsel des Vegetariers

Christian Kracht erzählt vom Imperium der Kokosnuss


„Und hat­te er schon vor lan­gem ent­schie­den sich nicht mehr durch Al­ko­hol be­see­len zu las­sen, so war doch der Er­re­gungs­zu­stand, in den er durch die Ko­kos­milch ver­setzt wur­de, der­ar­tig, daß er selbst im Schlaf wahr­zu­neh­men schien, sein Blut wer­de sukzze­siv durch Ko­kos­milch er­setzt, ja es war ihm, als strö­me durch sei­ne Adern kein ro­ter, tie­ri­scher Le­bens­saft mehr, son­dern der we­sent­lich hoch­ent­wi­ckel­te­re pflanz­li­che Most sei­ner Ide­al­frucht, der ihn der­einst be­fä­hi­gen wer­de, sei­ne Evo­lu­ti­ons­stu­fe zu transzendieren.”

Ist dies nun ein His­to­ri­scher Ro­man, ei­ne Aben­teu­er­ge­schich­te, ei­ne Re­fe­renz an die gro­ßen Li­te­ra­ten des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts oder ei­ne Per­si­fla­ge auf die ak­tu­el­le li­te­ra­ri­sche Ver­wurs­tung des Ve­ge­ta­ris­mus? Es ist von al­lem et­was, aber in de­li­ka­tes­ter Aus­füh­rung. So un­ter­halt­sam zu le­sen, daß man die­ses Buch nicht mehr aus der Hand le­gen möch­te. Mir er­ging es auf je­den Fall so.

Die Ge­schich­te des Au­gust En­gel­hardt, der im frü­hen 20. Jahr­hun­dert nach Aus­stei­gerer­fah­run­gen auf dem Fest­land, nun in den neu er­wor­be­nen Über­see­ge­bie­ten des Deut­schen Rei­ches sei­ne ei­ge­ne Ko­kosko­lo­nie grün­den woll­te, ist his­to­risch be­kannt. Die Fak­ten um die­sen ve­ge­ta­ri­schen Son­nen­or­den sind der­art skur­ril, daß sie sich als Ro­man­vor­la­ge ge­ra­de­zu an­bie­ten. Als im letz­ten Jahr „Das Pa­ra­dies des Au­gust En­gel­hardtvon Marc Buhl er­schien, ha­be ich mich mit gro­ßer Vor­freu­de auf die­ses Buch ge­stürzt und  hat­te ei­ne sehr ver­gnüg­li­che Lek­tü­re. Um­so be­geis­ter­ter war ich in der Früh­jahrs­vor­schau von Kie­pen­heu­er &Witsch den neu­en Ro­man Chris­ti­an Krachts zu entdecken.

Dass Kracht den glei­chen his­to­ri­schen Stoff mit al­ler dich­te­ri­schen Frei­heit fik­tio­na­li­siert, und dies we­sent­lich stär­ker als Buhl, steht ihm zu. Er weist den Le­ser, da­mit ihm die­ses auch voll­ends be­wusst wer­de, gleich zu Be­ginn dar­auf hin. Durch die Stim­me sei­nes all­wis­sen­den und äu­ßerst kom­men­tar­freu­di­gen Er­zäh­lers er­fah­ren wir, daß der Prot­ago­nist nicht ge­nau so denkt wie der Au­tor oder der Er­zäh­ler, son­dern „so oder so ähn­lich“. Wir sind eben in ei­nem Ro­man und nicht in ei­ner his­to­ri­schen Ab­hand­lun­gen und das ist ein gro­ßes Glück. Er­in­nert schon die Um­schlag­ge­stal­tung an ei­nen Aben­teu­er­ro­man ver­gan­ge­ner Jahr­zehn­te, so fällt der Er­zähl­ton noch um wei­te­re De­ka­den zu­rück. Dies je­doch in sehr an­ge­neh­mer Wei­se, wis­send und da­mit zwangs­läu­fig äu­ßerst iro­nisch, denn der Er­zäh­ler hat ja be­reits aus der Ge­schich­te ge­lernt, was die Ge­stal­ten des Ro­man erst noch mü­he­voll selbst er­le­ben müssen.

Kracht führt uns durch die Grals­su­che die­ses ver­schro­be­nen Ve­ge­ta­ri­ers, den er als Ex­em­pel für die sich an­bah­nen­de deut­sche Ka­ta­stro­phe vor­stellt. Dies al­ler­dings mit mehr als ei­nem Au­gen­zwin­kern. Die Ko­kos­nuss als theo­so­phi­scher Gral, dar­auf hät­te schon längst ei­ner kom­men kön­nen. War der Se­gen des Ve­ge­ta­ris­mus nicht schon von ganz an­de­ren Geis­tes­män­nern er­kannt wor­den? Von Plut­arch, Rous­se­au, Bur­nett, Scho­pen­hau­er, Emer­son und Ein­stein. Dumm nur, daß auch der Gröfaz fleisch­los ter­ro­ri­sier­te. Dies er­scheint als größ­tes, aber nicht als ein­zi­ges Me­ne­te­kel. Die deut­schen Pflan­zer in den Schutz­ge­bie­ten, vul­gär, fett und be­schmiert wie die Erd­fer­kel, ver­kör­pern im bes­ten Kli­schee das Bild des häss­li­chen Deutschen.

Wie hei­lig hebt sich da doch der un­schul­di­ge Au­gust En­gel­hardt ab, den der An­blick to­ten Flei­sches er­schau­ern lässt, der sich vom Ve­ge­ta­ri­er zum Fruk­tivo­ren ge­wan­delt, nun die höchs­te Stu­fe des Heils den Ko­ko­vo­ris­mus er­langt. Kein Wun­der, daß so­gar die ein­fluss­reichs­te Frau des da­ma­li­gen Süd­see­ar­chi­pels, Queen Em­ma, von die­sem „zar­ten Je­su­lein“ be­ein­druckt ist. Er­scheint er ihr doch als fleisch­ge­wor­de­ne Kunst des Fra An­ge­li­co. Die­se be­wun­der­te sie einst in Flo­renz, wo sie fast En­gel­hardt be­geg­net wä­re, der dort in den Bobo­li-Gär­ten fast mit Her­mann Hes­se ge­spro­chen hät­te. Dies al­les ist na­tür­lich dich­te­ri­sche Frei­heit, aber ei­ne sehr amü­san­te. Wei­te­re fik­ti­ve Be­geg­nun­gen schlie­ßen sich an, wor­un­ter die mit Tho­mas Mann in den Dü­nen der Ku­ri­schen Neh­rung nicht die Un­in­ter­es­san­tes­te ist. Doch nicht nur Hes­se, Mann, Kaf­ka, Ein­stein, Freud und vie­len an­de­ren Grö­ßen des 20. Jahr­hun­derts wird Re­fe­renz er­wie­sen. Die größ­te Ver­beu­gung er­bie­tet der Au­tor Charles Di­ckens. Die Wer­ke die­ses gro­ßen Er­zäh­lers die­nen En­gel­hardt als Rei­s­e­lek­tü­re und sie hel­fen bei der Bil­dung sei­nes Frei­tags. Auch der Er­zähl­stil Chris­ti­an Krachts ist als Hom­mage an den Dich­ter-Ju­bi­lar zu wer­ten. Leicht an­ti­quiert im Ton er­gänzt er das Ge­sche­hen durch Er­läu­te­run­gen der Zeit- und Orts­um­stän­de, er­klärt Ne­ben­schick­sa­le und Sze­nen, er­gänzt durch Rück-und Aus­bli­cke. Manch­mal fällt auch ei­ne Ne­ben­säch­lich­keit, die sich trans­po­niert als ak­tu­el­le Zeit­geist­kri­tik ent­puppt. Sei­en es nun die si­bi­ri­schen Händ­ler auf dem Ber­li­ner Alex­an­der­platz oder die Brat­wurst aus Abfällen.

Chris­ti­an Kracht schil­dert in „Im­pe­ri­um“ den Ver­such ei­nes Ein­zel­nen sich ein Ide­al­reich zu er­rich­ten und stellt ei­nen Zu­sam­men­hang mit ei­ner ähn­lich halt­lo­sen, aber un­gleich er­folg­rei­che­ren Phan­tas­ma­go­rie her. Dies ge­lingt ihm auf der­art in­tel­li­gen­te und gleich­zei­tig un­ter­halt­sa­me Wei­se, daß ich das Buch un­ein­ge­schränkt als Lek­tü­re emp­feh­len möchte.

Der Ko­ko­vo­re En­gel­hardt war viel­fach Ge­gen­stand his­to­ri­scher For­schung und jour­na­lis­ti­scher Be­richt­erstat­tung. Ent­spre­chen­de Hin­wei­se und Links fin­den sich im An­hang mei­ner Re­zen­si­on zu Marc Buhls Roman.

Und zum Schluß fragt man sich nicht, ob ein Spie­gel­re­zen­sent zu vie­le Ko­kos­nüs­se ge­ges­sen hat, man fragt sich nur, wann mit ei­ner Ver­fil­mung zu rech­nen sein wird? Und wen wir in den Haupt­rol­len se­hen wer­den? Für Queen Em­ma stän­de viel­leicht Frau Neu­bau­er zur Ver­fü­gung, wenn der Ver­trag mit Weight Wat­chers ab­ge­gol­ten ist. Aber wer ver­kör­pert Au­gust En­gel­hardt, Mat­t­hieu Car­rie­re oder Rai­ner Langhans?

Zur De­bat­te, die die­se Re­zen­si­on aus­ge­löst hat, sei auf den kri­tisch ab­wä­gen­den Bei­trag von Jan Sü­se­l­beck auf Li­te­ra­tur­kri­tik verwiesen.

 

Das Glück beim Betrachten der Biber

Kerstin Ekman erkundet das Hundeherz


„Lag er lan­ge Zeit still, sah er manch­mal ei­nen im Son­nen­licht glän­zen­den Bi­ber­schä­del auf ge­ra­dem Kurs durchs Was­ser. Er folg­te ihm im­mer mit dem Blick, blieb aber gleich­mü­tig lie­gen (…) Die Bi­ber und er hat­ten nichts mit­ein­an­der zu schaf­fen. Doch sie wa­ren da, wa­ren in der­sel­ben Abend­son­ne, am sel­ben schwar­zen Was­ser, das im Son­nen­licht glüh­te. Er hat­te ih­re Ge­räu­sche gern, ih­re Gesellschaft.“

Bei die­sem Buch ge­schah es zum ers­ten Mal, ich las den Schluss zu­erst. Ich muss­te si­cher sein, daß die Ge­schich­te gut aus­geht für den Wel­pen, der sich im Wald ver­irr­te. Erst dann konn­te ich ge­mein­sam mit ihm die kal­te Um­ge­bung er­kun­den, mich un­ter ei­ner Wur­zel schla­fen le­gen, eis­kal­te Frost­näch­te und boh­ren­den Hun­ger überstehen.

Sich sprei­zen­de Äs­te, Pfo­ten und Kral­len. Sich du­cken­de Baum­stümp­fe mit Rü­cken­zot­teln und Oh­ren. Schla­fen­de Stein­rü­cken. Schla­fen, an feuch­ten Flech­ten ge­schmiegt, zu Stein ge­fro­ren und schwin­de­lig. Irr­lich­tern­de Punk­te vor Au­gen. Hun­ger­schmerz und be­täu­ben­de Angst. Weg­schla­fen. In die Son­ne schla­fen. An Son­nen­zit­zen sau­gen. Weg­wär­men. Sau­gen. Wär­me saugen.“

Ich er­kun­de­te die Na­tur durch die Sin­ne ei­nes Hun­des. Er riecht, stö­bert auf, rät­selt und lernt. Kers­tin Ek­man fin­det für al­le die­se Emp­fin­dun­gen und Re­ak­tio­nen ei­ne poe­ti­sche Spra­che, die ganz na­he ist an den Ge­räu­schen, Düf­ten und Far­ben der Na­tur. Fast sind es Hun­de­wor­te, Hun­de­ge­dan­ken, ein Hun­de­be­wusst­sein, das uns die Re­ak­tio­nen die­ses Tie­res nä­her bringen.

Sei­ne Pfo­ten fin­gen zu lau­fen an. Auf der glat­ten Flä­che drau­ßen wur­de sein Kör­per leicht. Er ver­fiel in ei­nen schnel­len, rhyth­mi­schen Trab und nach ei­ner Wei­le ins Ren­nen. Er rann­te aus rei­nem Spaß an der Freu­de. In sei­nem Kör­per san­gen der Mond­schein, die Käl­te und die Ge­schwin­dig­keit. Es gab kei­ne Gren­ze, kei­nen Wald, kein Ufer.“

Doch wir wis­sen, es ist ei­ne Er­zäh­le­rin, die sich in das Ge­schöpf hin­ein­ver­setzt. Als Haus­tier ge­bo­ren ist es durch Un­acht­sam­keit in die Wald­ein­sam­keit ge­ra­ten und nun auf sich al­lei­ne ge­stellt. Der Wel­pe ent­deckt schnell, wo er trin­ken kann und was den Hun­ger stillt. Ein Elch­ka­da­ver si­chert ihm das Über­le­ben. Im Ver­lauf ei­nes Jah­res lernt er das Wich­tigs­te, wann er sich weg zu du­cken hat und wann er sich be­haup­ten muss. Be­vor der Win­ter wie­der ein­bricht kommt es je­doch zu ei­ner Be­geg­nung, die aus dem ver­wil­der­ten Grau­en wie­der ei­nen Men­schen­hund macht.

Der Mann gab ein Ge­räusch von sich, er at­me­te aus. Der Graue be­weg­te er­neut den Schwanz. Er hielt den Kopf schräg und hat­te die Oh­ren ge­senkt. Sie la­gen jetzt ein­ge­schla­gen zu bei­den Sei­ten der fla­chen Stirn. Er wa­ckel­te mit dem Kör­per und be­weg­te sich im Halb­kreis auf den Mann zu, so­dass er sich ihm nä­her­te und zu­gleich auf Ab­stand blieb. Ob­wohl un­ge­übt, wirk­te er un­ver­hoh­len freund­lich. Das ge­sträub­te Rü­cken­haar hat­te sich ge­legt, sei­ne Wür­de und Fas­sung hat­te er aber nicht ver­lo­ren. Der halb ent­roll­te Schwanz­krin­gel be­weg­te sich.“

Trotz die­ses gu­ten En­des fin­det sich in kei­ner Zei­le Kitsch. Kers­tin Ek­man fühlt sich in ih­ren Hel­den sehr ge­nau ein und über­setzt dies in ih­re Wald­poe­sie. In­dem man liest taucht man tief ein in das grü­ne Ge­knur­pschel, Ge­zie­pe und Ge­flat­ter. Lang­sam liest man die Sät­ze, vor­sich­tig um kein Ge­räusch zu ma­chen und zu stö­ren. Gleich­zei­tig wird man von ei­nem un­ge­heu­ren Sog er­fasst, atem­los, hechelnd.

Ein Buch, das ei­nem Lust auf den Wald macht, auf ei­nen Hund und auf die poe­ti­sche Spra­che die­ser schwe­di­schen Au­torin, die Hed­wig M. Bin­der kunst­voll ins Deut­sche über­tra­gen hat.

Surreale Odyssee

Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wiederentdeckung eines großen französischen Romans


„Und was ha­be ich in die­sem Win­kel hier wie­der­ge­fun­den? Ei­ne ver­fal­le­ne Kind­heit, ei­ne nie­der­ge­haue­ne Land­schaft und über all dem ei­ne wü­ten­de, ra­sen­de Nacht.“

An­läss­lich des hun­derts­ten Ge­burts­tags von Jean Ca­y­rol (1911–2005) hat der Schöff­ling-Ver­lag des­sen Ro­man „Im Be­reich ei­ner Nacht“ neu auf­ge­legt, in der be­ein­dru­cken­den Über­set­zung durch Paul Celan.

Der drei­ßig­jäh­ri­ge Fran­çois ist aus Pa­ris auf­ge­bro­chen um sei­nen Va­ter zu be­su­chen. Die­ser wohnt in Sain­te-Vey­res, nach dem Krieg in Chau­vi­gny um­be­nannt. Man ahnt gleich zu Be­ginn, daß sich nicht ein freu­di­ges Wie­der­se­hen mit dem Ort und den Per­so­nen der Kind­heit an­bahnt. Fran­çois ver­lässt den Zug ei­ne Sta­ti­on vor dem Ziel, um nicht von sei­nen Va­ter von Bahn­hof ab­ge­holt zu wer­den und so ei­ne öf­fent­li­che Um­ar­mung  zu ver­mei­den. Doch die­sen Ent­schluss be­reut er bald. So sehr ihm vor der Be­geg­nung mit dem Va­ter graut, ängs­tigt ihn der Fuß­weg durch die graue, dun­keln­de Herbst­land­schaft. Er ver­lässt die Stra­ße wis­send sich in die­sem „Schier­lings- und Brom­beer­reich“ heil­los zu verlaufen.

Die Be­geg­nung mit ein paar Jungs, die nach ei­nen Schatz gra­ben, lö­sen Er­in­ne­run­gen an sei­ne ei­ge­ne, vom Glück weit ent­fern­te Kind­heit aus.

Ich sah ein, daß es un­mög­lich war, aus ei­ge­nen Kräf­ten glück­lich zu wer­den: das war der kunst­reich er­run­ge­ne Sieg mei­nes Va­ters, die har­te Lek­ti­on ei­ner knir­schen­den Mainacht.“

Wei­ter auf der Su­che nach dem rech­ten Weg durch ein vom Krieg zer­stör­tes Dorf und sei­nen Wald, ver­folgt von ei­nem her­ren­lo­sen Hund, er­in­nert er sich an sei­nen letz­ten Be­such beim Va­ter, dem „Über­wit­wer“, der sei­nen bei­den Kin­dern die Trau­er um ih­re Mut­ter ver­bo­ten hatte.

Ar­me Mut­ter, nie ha­be ich sie an­ders ge­kannt als an­ge­schmie­det an ih­ren Tod. Va­ter hat­te sie ein­ge­ker­kert, ein­ge­sargt in ei­nem un­zu­gäng­li­chen Kum­mer. Nie­mand durf­te ih­rer ge­den­ken. Nur auf sei­nen Wink hin durf­ten die Trä­nen flie­ßen und die Seuf­zer laut wer­den. Er ge­hör­te ihm und nur ihm al­lein, die­ser Tod.“

Als ein­zi­ger Licht­blick in die­ser Herbst­däm­me­rung voll schwar­zer Me­lan­cho­lie er­scheint Fran­çois sein Glück mit Ju­li­et­te. Er denkt an ih­re ers­te Be­geg­nung, an ih­re be­schei­de­ne Woh­nung in Pa­ris, in der sie glück­lich sein wol­len, vor al­lem, weil sie nicht „den an­de­ren mit ir­gend­wel­chen al­ten Bin­dun­gen be­hel­li­gen“. Die Ver­gan­gen­heit muss ver­drängt wer­den, um glück­lich le­ben zu kön­nen. „Darf man den an­de­ren Din­ge auf­bür­den, die man selbst nicht mehr er­trägt?“ Fran­çois trägt nicht als Ein­zi­ger ei­ne sol­che Last mit sich, auch Ju­li­et­te hat ei­ne Er­in­ne­rung zu ver­schwei­gen. De­ren Zeu­gen, die Brie­fe Fer­nands, könn­te sie je­doch mit Leich­tig­keit ver­bren­nen. Fran­çois hin­ge­gen ho­len sei­ne Alb­träu­me an je­dem Weg­wei­ser ein. Sei­ne eins­ti­gen Selbst­mord­ge­dan­ken, die auch den an­de­ren Mit­glie­dern die­ser un­glück­li­chen Fa­mi­lie nicht fern la­gen, und die to­des­na­he At­mo­sphä­re, de­ren vor­herr­schen­des Ele­ment die Angst war.

Als Kind war ihm kaum et­was an­de­res bei­gebracht wor­den als Angst; ei­ne Angst, der man mit kei­ner­lei Ar­gu­men­ten, mit kei­ner­lei Mut bei­kam.“ Früch­te ei­ner streng re­li­giö­sen Er­zie­hung. „Die­ses Fri­kas­see von Teu­fe­lei­en, das man uns täg­lich auftischte.“

Schließ­lich wird der mitt­ler­wei­le von Käl­te, Hun­ger und Er­in­ne­run­gen zer­mürb­te Fran­çois von ei­ner Au­to­fah­re­rin auf­ge­le­sen. In de­ren Haus er­hält er zwar ein we­nig Wär­me und ei­nen Co­gnac, ge­rät aber zu­gleich in ei­nen Streit zwi­schen Va­ter und Toch­ter, der ihn schnell sei­nen Weg fort­set­zen lässt. Doch welchen?

Es gibt im­mer zwei We­ge ne­ben­ein­an­der, ei­nen fal­schen und ei­nen rich­ti­gen. Und Sie – Sie schla­gen im­mer nur die We­ge ein, von de­nen kein Mensch et­was wis­sen will. Der rich­ti­ge Weg läuft an den Glei­sen ent­lang. Sie ren­nen da auf We­gen her­um, als ob Sie auf Am­seln aus wä­ren, wie die Kinder.“

Fran­çois’ Weg zu­rück führt wei­ter durch sei­ne Kind­heit, die er ge­mein­sam mit sei­ner Schwes­ter hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren ver­brin­gen muss­te, nur ein­mal durf­ten sie ei­nen un­be­schwer­ten Tag in Frei­heit er­le­ben. Da zeigt sich dem er­wach­se­nen Fran­çois plötz­lich ein Licht in der Dun­kel­heit, er wähnt sich in Si­cher­heit, ima­gi­niert ei­ne „an­hei­meln­de, re­ge, hei­te­re Wohn­stät­te“, for­mu­liert schon den Be­richt sei­ner nächt­li­chen, un­heim­li­che Irr­fahrt an Ju­li­et­te, als er beim Be­tre­ten des Hau­ses ge­fragt wird, ob er we­gen des To­ten kom­me. Vol­ler Schreck, von aber­ma­li­gen Er­in­ne­run­gen über­wäl­tig, ver­liert er das Be­wusst­sein. Die Be­woh­ner bet­ten ihn auf ein So­fa und bie­ten ihm an über Nacht zu blei­ben. Vom Ne­ben­raum aus lauscht er den Ge­sprä­chen der Frau­en, er­fährt von ih­rem Un­glück und, daß der To­te nur zu Be­such war. Sein Un­wohl­sein lässt ihn in Fie­ber­phan­ta­sien fal­len, die sei­ne Kind­heit her­auf­be­schwö­ren und ihn fra­gen las­sen, ob der Tod sei­nes Va­ters ihn end­gül­tig  be­frei­en wür­de, ob er dann mit Ju­li­et­te ein neu­es Le­ben an­fan­gen kön­ne oder ob er durch die Be­frei­ung vom Ver­ur­sa­cher sei­nes Kind­heits­un­glücks gleich­zei­tig auch sei­ne Kind­heit selbst ver­lie­ren würde.

Wie­der er­wacht hört er die Schnei­de­rin Ray­mon­de und ih­re Toch­ter Clai­re, spä­ter trifft Si­mon ein, und bringt Un­frie­den in sei­ne Fa­mi­lie. Ei­ne Fa­mi­lie, die wie sich zei­gen wird, schon längst zer­stört ist. Auf dem Hö­he­punkt des Strei­tes mit ih­rem Va­ter Si­mon, flieht Clai­re aus dem Haus. Fran­çois wird auf­ge­for­dert bei der Su­che zu hel­fen. Die­se gilt al­ler­dings mehr dem teu­ren Hoch­zeits­kleid, daß Clai­re zur Pro­be über­ge­wor­fen hat­te, als dem jun­gen Mäd­chen selbst. Fran­çois irrt wie­der durch die Nacht und fin­det Clai­re schließ­lich in dem Haus, wel­ches ihm als Kna­ben Zu­flucht ge­bo­ten hat. Das Haus des al­ten, lie­ben Leh­rers Jean.

Die Lö­sung sei­ner Fra­gen und da­mit das En­de die­ser Nacht er­schließt sich ihm und da­mit auch dem Le­ser auf der vor­letz­ten Sei­te des Romans.

Jean Ca­y­rol be­schreibt in sei­nem Werk die nächt­li­che Odys­see sei­nes Prot­ago­nis­ten Fran­çois zu ei­nem Ziel, wel­ches er ei­gent­lich gar nicht er­rei­chen will. Im­mer wie­der un­ter­bre­chen Er­in­ne­run­gen an die Schre­cken sei­ner Kind­heit die Su­che. Fet­zen, die sich nach und nach zu­sam­men fü­gen. Da­ne­ben gibt es Ge­dan­ken an sein jet­zi­ges Le­ben, sei­ne Lie­be zu Ju­li­et­te. Von ih­rer Si­tua­ti­on be­rich­tet der Au­tor in zwei kur­zen Ka­pi­teln. Sie zei­gen, wie auch sie von ei­ner Er­in­ne­rung be­las­tet wird.

Jean Ca­y­rol schil­dert die Su­che nach dem rech­ten Weg, der sich in ei­ner vom Krieg trau­ma­ti­sier­ten Ge­sell­schaft nur schwer­lich fin­den lässt. Er führt durch zer­stör­te Or­te und ver­wil­der­te Na­tur, vor­bei an ver­fal­le­nen Häu­sern und ob­sku­ren Be­geg­nun­gen. Trotz sei­nes be­drü­cken­den In­halts, fes­selt der Ro­man, leicht und flie­ßend for­mu­liert. Meh­re­re Be­wusst­seins­strö­me kom­bi­nie­rend ent­wi­ckelt Ca­y­rol ein in­ten­si­ves Psy­cho­gramm des Prot­ago­nis­ten. Er­fah­rung und Phan­ta­sie, Fie­ber und Traum bil­den die Wirk­lich­keit die­ser dunk­len Nacht der Er­in­ne­rung. So er­zeugt die­ser Ro­man, dem ich noch vie­le wei­te­re Le­ser wün­sche, ei­nen un­ge­heu­ren Lesesog.

Im Nach­wort wür­digt die Ro­ma­nis­tin Ur­su­la Hen­nig­feld den Dich­ter und Ver­le­ger Jean Ca­y­rol. Ca­y­rol wur­de als Mit­glied der Ré­sis­tance 1943 im La­ger Maut­hau­sen in­ter­niert, wo er den Mit­in­haf­tier­ten Ge­dich­te von Ra­ci­ne und Rim­baud, so­wie ei­ge­ne Wer­ke vor­trug. Die­se er­schie­nen 1997 un­ter dem Ti­tel „Schat­ten­alarm“. Seit 1949 war Ca­y­rol ver­le­ge­risch tä­tig. 1973 wur­de er Mit­glied der Aca­dé­mie Goncourt.

In ih­rer Ana­ly­se des Ro­mans be­tont Hen­nig­feld des­sen sur­rea­lis­ti­sche Struk­tur, so­wie die sub­tex­tua­len An­spie­lun­gen auf die Er­in­ne­rungs­po­li­tik des fran­zö­si­schen Staa­tes. Ca­y­rol hat in al­len sei­nen Wer­ken sei­ne Er­fah­run­gen mit Krieg und Sho­ah ver­ar­bei­tet, die­se aber im­mer im Li­te­ra­ri­schen belassen.

Die Freund­schaft zwi­schen Jean Ca­y­rol und Paul Ce­lan, ge­prägt durch die ge­mein­sa­me Ar­beit ge­gen das Ver­ges­sen, führ­te da­zu, daß Ca­y­rol Ce­lan um die Über­set­zung sei­nes Bu­ches bat. Wel­che dich­te­ri­sche Frei­heit er ihm hier­bei ließ, er­läu­tert die Autorin.

Survival of the Fittest?

Von verödeten Biotopen und vereinsamten Frauen — Judith Schalansky in „Der Hals der Giraffe

Gar kei­ne Staats­form wä­re das Al­ler­bes­te. Es wür­de sich al­les schon von al­lei­ne organisieren.“

Die Bio­lo­gie­leh­re­rin In­ge Loh­mark, 55, ver­hei­ra­tet, ein Kind, klas­si­fi­ziert ih­re Um­ge­bung mit ei­nem durch Dar­win ge­schul­ten Blick. Sie ist die for­schen­de Be­ob­ach­te­rin, ihr be­vor­zug­tes Are­al das Bio­top Schu­le. Die­ses liegt in Vor­pom­mern, nur noch We­ni­ge, die kaum Nach­wuchs er­zeu­gen, woh­nen dort. Die Schu­le schrumpft und wird dem­nächst schließen.

Wie in ei­nem al­ten Na­tur­kun­de­buch hat Ju­dith Schalan­sky ih­ren Ro­man ge­stal­tet. Die Ka­pi­tel Na­tur­haus­hal­te, Ver­er­bungs­vor­gän­ge und Ent­wick­lungs­leh­re, wer­den durch Ko­lum­nen­ti­tel dif­fe­ren­ziert. Da­zwi­schen fin­den sich Zeich­nun­gen der Au­torin, die Sche­ma­ta, Tie­re und viel Bio­lo­gie zeigen.

All’ das er­in­nert an die Schul­zeit. Auch die ver­schie­de­nen Ty­pen von Schü­lern und Leh­rern die Schalan­sky via Loh­mark so ge­nüss­lich se­ziert als lä­gen sie auf den Plätt­chen ei­nes Mi­kro­skops, sind nicht un­ver­traut. Man ge­nießt die ers­ten Sei­ten vol­ler sar­kas­ti­scher Bon­mots in der Er­leich­te­rung die­se Pha­se sei­nes Le­bens nun end­gül­tig hin­ter sich zu ha­ben. Doch wir be­fin­den uns nicht in ei­ner Schul­sa­ti­re. Im­mer stär­ker of­fen­bart In­ge Loh­mark ih­re Ein­sam­keit. Ihr dar­win­scher Zy­nis­mus ist nur ein Mit­tel zur Di­stanz. Sie will Ab­stand schaf­fen, Ab­stand zu den Men­schen, vor al­lem aber zu sich selbst. Nur hin und wie­der lässt sie in ih­ren Re­flek­tio­nen den ein­zig wah­ren Grund auf­schei­nen. Es ist die Sehn­sucht nach ih­rer Toch­ter Clau­dia. Die­se lebt in Ame­ri­ka und mel­det sich höchs­tens noch in kur­zen Mails. Selbst von ih­rer Hoch­zeit er­fährt In­ge Loh­mark nur auf die­se un­per­sön­li­che Wei­se. Sie lei­det un­ter dem Ver­lust ih­rer Toch­ter und kann die Ur­sa­che kaum er­ken­nen. Liegt es an ih­rem Mann Wolf­gang? Der züch­tet zwar jetzt Strau­ße, die düm­mer als Schü­ler sind, war je­doch einst auch ab­ge­hau­en, ei­ne Frau und Kin­der zu­rück­las­send. Oder liegt es an ih­rem ei­ge­nen Re­pro­duk­ti­ons­geiz? Hät­te sie mehr Kin­der be­kom­men, wä­re ihr viel­leicht ei­nes geblieben.

In­ge Loh­marks Schick­sal spie­gelt sich in dem ih­rer ver­hass­ten Kol­le­gin Schwan­ne­ke. Die­se be­klagt ih­re Kin­der­lo­sig­keit oh­ne zu ah­nen, daß die Bio­lo­gie­leh­re­rin ih­re Trau­er teilt. Die ei­ne kann kei­ne Kin­der be­kom­men, die an­de­re hat zwei ver­lo­ren, ein ge­bo­re­nes und ein un­ge­bo­re­nes. Doch Loh­mark lässt kei­ne Ge­füh­le zu. We­der die po­si­ti­ven, wenn sie zu ei­ner Schü­le­rin ei­ne be­son­de­re Zu­nei­gung ver­spürt, noch die ne­ga­ti­ven, wenn sie ge­gen das Mob­bing ei­nes Mäd­chens nicht ein­schrei­ten will. Sie ver­traut auf die Selbst­re­gu­lie­rungs­kräf­te der Natur.

Dass auch die Na­tur, ins­be­son­de­re ih­re ent­wi­ckel­te Form der Le­be­we­sen, das Recht auf Schutz und Für­sor­ge hat, er­kennt sie nicht. Oder erst ganz zum Schluss, in der Er­in­ne­rung an ein längst zu­rück­lie­gen­des Ereignis.

Ju­dith Schalan­sky schil­dert in ih­rem Ro­man sehr ein­fühl­sam, was die Un­fä­hig­keit Ge­füh­le zu zei­gen an­rich­ten kann, mit dem an­de­ren und mit ei­nem selbst. Auch die Psy­che un­ter­liegt dem Kreis­lauf der Natur.

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Zur The­ma­tik der ver­las­se­nen El­tern sei auf das Buch und die Web­site von An­ge­li­ka Kindt verwiesen.

Paul Auster — Unsichtbar

Eine Geschichte der Verführungen

In sei­nem neu­en Ro­man „Un­sicht­bar” schil­dert Paul Aus­ter ei­ne Ge­schich­te der Ver­füh­rung. Wie meist, so be­inhal­tet auch die­se Ge­heim­nis­se und Er­war­tun­gen, die nicht im­mer ein­ge­löst wer­den. Es gibt Op­fer und Tä­ter und ei­ne Schuld, wel­che die Gren­zen zwi­schen den Rol­len in der Un­ein­deu­tig­keit belässt.

Zu Be­ginn des ers­ten Ka­pi­tels scheint es noch klar. Der eher scheue Li­te­ra­tur­stu­dent Adam Wal­ker er­zählt von dem un­glaub­li­chen An­ge­bot Her­aus­ge­ber ei­ner neu­en Li­te­ra­tur­zeit­schrift zu wer­den. Idee und Geld zu die­sem Pro­jekt stam­men von Born, ei­nem eu­ro­päi­schen Gast­pro­fes­sor, den er zu­fäl­lig auf ei­ner Par­ty ken­nen ge­lernt hat­te.  Doch be­reits kur­ze Zeit spä­ter weiß Adam nicht mehr, ob der do­mi­nan­te Geld­ge­ber ihn nicht le­dig­lich als Op­fer ei­nes per­fi­den Psy­cho­spie­les aus­er­ko­ren hat. Wer ist die­ser Born? Et­wa der „Be­sit­zer ei­ner süd­ame­ri­ka­ni­schen Kaf­fee­plan­ta­ge, der nach zu vie­len Jah­ren im Dschun­gel wahn­sin­nig ge­wor­den“ ist, wie Adam ver­mu­tet? Aus­ter cha­rak­te­ri­siert ihn oh­ne Zwei­fel als mo­der­nen Me­phis­to, der auf sei­ne Mit­men­schen ab­sto­ßend und an­zie­hend zu­gleich wirkt. „Er war geist­reich, ex­zen­trisch und un­be­re­chen­bar, aber wer be­haup­te­te, der Krieg sei die reins­te Ab­rech­nung der mensch­li­chen See­le, ver­bannt sich aus dem Reich des Gu­ten.“ (S. 19)

Die un­gu­ten Vor­ah­nun­gen Wal­kers be­stä­ti­gen sich wäh­rend ei­ner Abend­ein­la­dung. Dort trifft der Stu­dent auch Borns Ge­lieb­te Mar­got wie­der, ei­ne Fran­zö­sin, die laut Born um den jun­gen Mann be­sorgt sei. Noch mehr, sie fän­de den gut­aus­se­hen­den Jun­gen so an­zie­hend, daß Born sie ihm, der Ro­man spielt im New York der spä­ten Sech­zi­ger­jah­re, ge­ne­rös zum Nach­tisch an­bie­tet. Wal­ker fühlt sich ver­un­si­chert. Bei der An­kunft in Borns Woh­nung hat­te er die­sen bei ei­nem hef­ti­gen Wut­aus­bruch er­lebt. Born ent­puppt sich als Mann, der an sei­ner Wut Freu­de hat.

Im zwei­ten Ka­pi­tel er­fährt der Le­ser durch den neu­en Ich-Er­zäh­ler Jim, ei­nen Col­le­ge­freund Wal­kers, daß das ers­te Ka­pi­tel Teil ei­nes Ro­mans sei. Adam bit­tet den er­folg­rei­chen Schrift­stel­ler sein Ma­nu­skript zu le­sen. Auf­ge­teilt ist die­ser au­to­bio­gra­phi­sche Ro­man in vier Ka­pi­tel, Früh­ling, Som­mer, Herbst und Win­ter des Jah­res 1967. Der Schrift­stel­ler wird Beicht­va­ter und Schreib­be­ra­ter zu­gleich. Er er­fährt von Wal­kers Krank­heit, sei­nem Kind­heits­trau­ma und ei­nem Ge­schwis­ter­ge­heim­nis. Din­ge, die bis­lang nicht nur für ihn im Ver­bor­ge­nen lagen.

Un­sicht­bar, so lau­tet der Ti­tel des Ro­mans, der zu­gleich sein Mot­to ist. Schein und Wirk­lich­keit, Ober­flä­che und In­ne­res, das Of­fen­sicht­li­che und das Ver­bor­ge­ne, al­les Wort­paa­re, de­ren je­weils zwei­ter Teil un­sicht­bar bleibt. Wie Paul Aus­ter die­se Dop­pel­bö­dig­keit von Per­so­nen, aber auch von Er­eig­nis­sen, Or­ten und Din­gen in die­ser Ge­schich­te durch­spielt, fin­de ich gran­di­os. Wal­ker er­scheint zu­nächst als ehr­gei­zi­ger Stu­dent, der von Born ver­führt und kor­rum­piert, schließ­lich durch die Mord­ge­schich­te so­gar be­droht und in sei­ner Kar­rie­re be­hin­dert wird. Durch sei­ne au­to­bio­gra­phi­schen Of­fen­ba­run­gen er­fährt der Le­ser je­doch, daß er kei­nes­falls so tu­gend­haft ist, wie er zu Be­ginn er­scheint. Das be­trifft nicht nur sei­ne pu­ber­tä­ren Er­kun­dun­gen mit sei­ner Schwes­ter und den spä­te­ren In­zest. Es be­trifft auch sein Ver­hal­ten in Pa­ris, sei­nen nai­ven Ra­che­plan, der Born kei­nes­wegs ei­ner ge­rech­ten Stra­fe zu­füh­ren wür­de. Falls die­ser über­haupt be­straft wer­den muss. Denn wir wer­den nie wis­sen, was wirk­lich ge­schah, ob Born tat­säch­lich ein Mör­der ist. Das ist si­cher das pla­ka­tivs­te Bei­spiel für ei­nen an­schei­nend kla­ren Vor­gang mit mög­li­cher­wei­se ver­bor­ge­nen Details.

Wer lügt, wer sagt die Wahr­heit? Wie­viel Wah­res steckt in all un­se­ren Er­in­ne­run­gen? For­men wir sie nicht stän­dig um, for­mu­lie­ren sie neu, ma­chen aus ver­meint­li­chen Fak­ten un­se­ren ei­ge­nen, in­di­vi­du­el­len Roman?

Un­sicht­bar, ge­heim­nis­voll, im Dun­keln so be­lässt Aus­ter vor al­lem das En­de sei­nes Bu­ches. In der Schluss­sze­ne schil­dert er die Flucht ei­ner Frau auf ei­ner In­sel. Schon von wei­tem hört sie ein Ge­räusch, das sie nicht zu deu­ten weiß. Erst als sie un­mit­tel­bar da­vor steht, er­kennt sie Ar­bei­ter, die Stei­ne aus dem har­ten Fels schla­gen. Die Ur­sa­che des Ge­räuschs ist sicht­bar ge­wor­den. Die Fron die­ser Men­schen wird auf­ge­deckt. Das Er­geb­nis ziert zahl­lo­se Plät­ze der so­ge­nann­ten Zi­vi­li­sa­ti­on. Doch was will der Au­tor da­mit sa­gen? Ein Apell an das so­zia­le Ge­wis­sen? Oder ent­larvt Aus­ter mit der Il­lu­si­on des ver­meint­li­chen Idylls wie­der­rum ei­ne wei­te­re Fa­cet­te Borns?

Hilf­reich für die Be­ant­wor­tung dürf­ten die li­te­ra­ri­schen Spu­ren sein, die Aus­ter ge­legt hat. Sie füh­ren von der rät­sel­rei­chen Kas­san­dra­va­ri­an­te des Ly­ko­phron, über die Kriegs­ge­sän­ge Ber­tran de Borns und des­sen Be­stra­fung in der Di­vina Commedia zu Mil­tons Ver­füh­rung des Adam bis zu Sa­mu­el Be­ckett. Die Wahr­heit je­doch bleibt unsichtbar.

 

Li­te­ra­tur in der Literatur:

Ly­ko­phron, Alex­an­dra (ca. 190 v. Chr.)

Ber­tran de Born, Sir­ven­tes (1181)

Dan­te Ali­ghie­ri, Di­vina Commedia (1307)

John Mil­ton, Pa­ra­di­se Lost (1667)

Sa­mu­el Be­ckett, Krapp’s Last Tape (1958)

Sex and Drugs and Literature

Gwendoline Riley erzählt in ihrem neuem Roman „Joshua Spassky“ vom Drumherumreden

Ein Mäd­chen trifft ei­nen Jun­gen, bes­ser, ei­ne jun­ge Schrift­stel­le­rin trifft ei­nen jun­gen Thea­ter­au­tor. Sie ver­brin­gen ei­ni­ge Ta­ge mit­ein­an­der, sie füh­len sich zu­ein­an­der hin­ge­zo­gen, sie sind viel­leicht ver­liebt. Doch das kann kei­ner der bei­den sa­gen oder viel­leicht wa­gen sie es auch ein­fach nicht. Denn sie sind cool und bo­ckig, sehr jung und wahr­schein­lich sehr ver­letzt. Nicht nur gu­te Er­fah­run­gen lie­gen hin­ter ih­nen, nur in den we­nigs­ten Fa­mi­li­en ist es im­mer ganz ein­fach. Doch wer nichts er­lit­ten hat, hat auch nicht den Drang et­was zu er­zäh­len. Dies und die Lie­be zur Li­te­ra­tur ver­bin­det sie.

Trotz­dem ge­hen sie wie­der aus­ein­an­der. Joshua kehrt zu­rück nach Ame­ri­ka, Na­ta­lie bleibt in Man­ches­ter. Die ver­spro­che­nen Brie­fe und Te­le­fon­an­ru­fe wer­den sel­te­ner, der an­ge­kün­dig­te Be­such Joshuas fällt aus. Na­ta­lie be­kämpft ih­ren Schmerz mit dem In­halt all’ der Fla­schen, die für die ge­mein­sa­men „Sex and Drugs and Li­te­ra­tu­re“ wei­ter­le­sen

Kream Korner is Dream Korner”

Anna Katharina Fröhlich besingt in ihrem neuen Roman die Sehnsucht nach Indien

Der Ver­such zu be­grei­fen, wes­halb man In­di­en liebt, ist eben­so sinn­los wie der Ver­such zu er­klä­ren, wes­halb man das Le­ben liebt.“

Kream Kor­ner ist nicht nur der blu­mi­ge Na­me ei­ner Gar­kü­che auf dem Dach in ei­ner in­di­schen Pro­vinz­stadt, Kream Kor­ner wird nach der Lek­tü­re des gleich­na­mi­gen Ro­mans zum In­be­griff für ganz In­di­en. Doch be­vor die Le­ser ge­gen En­de des Bu­ches die wack­li­gen In­stal­la­tio­nen die­ses Eta­blis­se­ment be­tre­ten, führt die Au­torin sie in die de­ka­den­te Welt der in­di­schen Ober­schicht. Prunk­vol­le Stadt­pa­läs­te be­geg­nen uns dort, in de­nen ei­ne „nach nas­sem Da­ckel­fell und Mot­ten­ku­geln rie­chen­de Küh­le“ herrscht und der Haus­herr sich in Gon­del­pan­tof­feln vor ei­nem ana­chro­nis­tisch an­mu­ten­den Flach­bild­schirm re­kelt. Es han­delt sich um Ma­ri­pal Singh Bill, das Ober­haupt ei­ner über­aus wohl­ha­ben­den Sikh-Fa­mi­lie, mit der Lord Les­lie, der ver­stor­be­ne On­kel der Ich-Er­zäh­le­rin, ei­ne di­plo­ma­ti­sche Freund­schaft ver­band. Frü­her wa­ren sie häu­fig Gäs­te der Bills, wel­che die Tan­te ger­ne als ei­ne „Ban­de ver­wöhn­ter Faul­pel­ze“ be­zeich­net, von de­nen man­cher „der­art von sei­nen Pri­vi­le­gi­en ver­blö­det war, dass er nur noch die Wet­ter­la­ge klar ein­zu­schät­zen ver­stand“.

Ge­mein­sam mit ih­rer Tan­te trifft die jun­ge Frau nun an­läss­lich ei­ner Hoch­zeits­ein­la­dung er­neut bei den Bills ein. Sie hat­te sich nach der Auf­ga­be ih­res Theo­lo­gie­stu­di­ums auf das süd­fran­zö­si­sche Kream Kor­ner is Dream Kor­ner”“ wei­ter­le­sen