Vom Hacken und Schreiben

In „Capricho. Ein Sommer in meinem Garten“ findet Beat Sterchi beim Prokrastinieren einen Schatz

Ge­ra­de als ich ein wei­te­res Stück des Ackers in An­griff neh­men woll­te, stand der al­te Mar­cos auf dem Weg oben auf der Mau­er ne­ben dem Be­wäs­se­rungs­ka­nal. Er nahm den Stroh­hut vom Kopf, kratz­te sich mit der glei­chen Hand in sei­nem di­cken, wei­ßen Haar und kicherte.
Nur so wei­ter!, sag­te er. Un­ver­hoh­len mus­ter­te er mei­ne Ar­beit. Dann sag­te er, er ha­be mir Saat­kar­tof­feln be­sorgt. Er ha­be den Korb an den Ein­gang mei­nes Hau­ses gestellt.
War­um hast du sie nicht gleich mit­ge­bracht?, frag­te ich.
Hombre, sag­te er. No es lu­na! Der Mond ste­het nicht rich­tig! Ich müs­se den Voll­mond ab­war­ten. Erst am Sams­tag kön­ne ich die Kar­tof­feln setzen.“

Was gibt es Schö­ne­res als im Gar­ten zu sein? Dort ist Luft und Le­ben und die Ar­beit for­dert den Kör­per. Der Geist bleibt frei, nicht über­mä­ßig be­an­sprucht vom Schnip­peln und Schnei­den, vom Ha­cken und Jä­ten. Din­ge, die ge­tan wer­den müs­sen und zu­gleich Flucht vor der Welt und den Auf­ga­ben er­lau­ben. Dicht am Bo­den fin­det der Geist In­spi­ra­tio­nen und denkt, was ihm ge­ra­de in den Sinn kommt.

Auch ich wä­re jetzt ger­ne in mei­nem Gar­ten. Er ruft. Es ist Früh­ling. Bun­te Blü­ten ent­de­cken, wild Wu­chern­des ent­fer­nen und die Ro­sen ein paar Köp­fe kür­zer ma­chen. All das muss war­ten, denn „Vom Ha­cken und Schrei­ben“ weiterlesen

Bilder, Blicke, Begegnungen in Tokio

In „Tage in Tokio“ hinterfragt Christoph Peters das westliche Japanideal

Wäh­rend Ku­me­ka­wa-san den Ta­xi­fah­rer be­zahlt, ste­he ich et­was ver­lo­ren auf der Stra­ße, ne­ben mir die bei­den Kof­fern, und schaue mich um. Ein Kon­glo­me­rat aus über Jahr­zehn­ten an­ge­sam­mel­ten Bil­dern ja­pa­ni­scher Le­bens­wel­ten schim­mert wie durch ei­ne Milch­glas­schei­be aus dem Hin­ter­kopf ins Be­wusst­sein. Mir däm­mert all­mäh­lich, dass ich das, was ich se­he, hö­re, rie­che, per­ma­nent mit ein­ge­la­ger­ten Vor­stel­lun­gen ab­glei­che und dem­entspre­chend in „ty­pisch“, „un­ge­wöhn­lich“ oder „er­staun­lich“ ein­tei­le. Zu­gleich führt mir das kla­re Licht des spä­ten Vor­mit­tags schlag­ar­tig vor Au­gen, dass jetzt nichts da­von mehr gilt und dass ich von dem, was ich bräuch­te, um mich si­cher und ele­gant durch die Stadt zu be­we­gen, nicht die ge­rings­te Ah­nung habe.“

Von ei­ner in­ter­kul­tu­rel­len Be­geg­nung zwi­schen Ja­pan und Deutsch­land er­zählt Chris­toph Pe­ters be­reits in sei­nem 2014 er­schie­nen Ro­man. Des­sen Ti­tel, Herr Ya­ma­s­hiro be­vor­zugt Kar­tof­feln, deu­tet an, daß man­ches ent­ge­gen den Er­war­tun­gen ver­läuft bei der Zu­sam­men­ar­beit des an Jan Koll­witz an­ge­lehn­ten Ke­ra­mik­künst­lers mit ei­nem ja­pa­ni­schen Ofen­bau­er in der nie­der­deut­schen Provinz.

Ja­pa­ni­sche Ke­ra­mik, das tra­di­tio­nel­le Tee­ze­re­mo­ni­ell und Jan Koll­witz fin­den auch in Pe­ters neu­em Buch Ta­ge in To­kio Ein­gang. Die Er­leb­nis­se, Er­fah­run­gen und Ge­dan­ken des Au­tors als Rei­se­be­richt zu be­zeich­nen, wä­re zu kurz ge­grif­fen. Für Pe­ters, den die Lei­den­schaft für ja­pa­ni­sche Cha­wan der Mo­moy­a­ma-Zeit (1573–1603) seit über drei­ßig Jah­ren nicht los­lässt, ist es der ers­te Be­such in dem Land, über das er so viel ge­le­sen und ge­hört hat. Sei­ne Be­geg­nun­gen in Kunst, Kul­tur und All­tag über­ra­schen den Rei­sen­den und ver­lei­ten ihn zu phi­lo­so­phi­schen Über­le­gun­gen. Da­zwi­schen fin­det er im­mer wie­der den Weg zur Ke­ra­mik, sei­nem Spe­zi­al­su­jet, dem wir nicht nur in Ge­stalt der Unoha­na­ga­ki be­geg­nen, ei­ner zum Kunst-Na­tio­nal­schatz Ja­pans er­ho­be­nen Tee­scha­le, die Pe­ters in To­kio bewundert.

Doch zu­nächst muss er erst ein­mal an­kom­men. Schon die ers­ten Bli­cke auf das Land sei­ner Träu­me, wie man es wohl nen­nen darf, kon­fron­tie­ren den durch Lek­tü­re und Ge­sprä­che ge­lehr­ten Be­trach­ter mit der „Bil­der, Bli­cke, Be­geg­nun­gen in To­kio“ weiterlesen