Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus

Judith Hermann erzählt in „Daheim“ von der Schwierigkeit sich im Leben einzurichten

Ich weiß, dass Arild längere Geschichten schwierig findet. Sprache scheint seine Instinkte zu verwirren, sie erschwert das blind Verstehen, das Finden, darüber hinaus fehlt ihm die Geduld, er hat keine Nerven für eine längere Geschichte, letztlich hat er vielleicht schlicht keine Lust. Aber er hat den Blick für das Wesentliche, er kann auf den Punkt kommen.“

Diese Aussage der Ich-Erzählerin in Judith Hermanns neuem Roman klingt wie das Konzept der Autorin. Daheim ist wie schon ihre vorigen Bücher ein Roman der kurzen Strecke. Auf knapp zweihundert Seiten erzählt er eine Geschichte, deren seltsam sedierte Stimmung sich in der Sprache spiegelt. Hier schlagen Sätze keine Kapriolen, sondern kommen in karger Notwendigkeit daher. Die sprachliche Lakonie entlarvt erschreckend kluge Ansichten über die Beziehungen zwischen Menschen, darin liegt die Kunst.

Die Erinnerungen der unzuverlässigen Ich-Erzählerin, „möglicherweise träume ich und habe alles nur geträumt“, stehen am Anfang. Sie blickt zurück auf ihr Leben in einer kleinen Wohnung an der Ausfallstraße und der Arbeit in der Zigarettenfabrik. Eines Tages unterbricht ein abenteuerliches Angebot die „Zuhause als Zuflucht und Zuchthaus“ weiterlesen

Baumwollbeutel-Boheme gegen Saatkartoffel-Solitüde

Juli Zeh erzählt in „Über Menschen“ von der Widersprüchlichkeit

Dora mag keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt etwas, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein.“

Eine Seuche schleudert eine Frau in die Einsamkeit, wo sie als Selbstversorgerin zunächst gegen die Natur kämpfen muss und später gegen einen großen, aggressiven Mann. Ach ja, ein Hund ist auch mit von der Partie. Die Parallelen zu Die Wand scheinen offensichtlich, doch Juli Zeh setzt in ihrem neuen Roman Über Menschen andere Maxime als Marlen Haushofer in ihrer berühmten Dystopie.

Die Werbe-Texterin Dora tauscht die Kreuzberger Baumwollbeutel-Boheme gegen eine Saatkartoffel-Solitüde im Brandenburgischen. Dort hatte sie vor Ausbruch der Pandemie preiswert ein altes Gutsverwalterhaus erstanden. Es wird zum neuen Zuhause als Dora aus der gemeinsamen Wohnung flieht. Robert, der doch für alle nur das Beste will, hat Dora das Leben schwer gemacht. Der nachhaltige Veganer achtet auf eine korrekte Lebensführung und seit dem Auftauchen des Virus „Baumwollbeutel-Boheme gegen Saatkartoffel-Solitüde“ weiterlesen