Klimawandel der Gefühle

Wiederentdeckt: L. P. Hartleys EntwicklungsromanEin Sommer in Brandham-Hall

Meine Vorstellungen von Schicklichkeit waren vage und unbestimmt, wie all meine Vorstellungen dessen, was mit Geschlechtlichkeit zu tun hatte. Aber sie waren bestimmt genug, dass ich mich danach sehnte, sie zusammen mit meinen Sachen abzuwerfen und wie ein Baum oder eine Blume zu sein, nackt, mit nichts mehr zwischen mir und der Natur.“

Ich war verliebt in die Hitze, ich empfand für sie dasselbe wie ein Konvertit für seine neue Religion.“

Nein, als Antidot gegen die aufziehende Gluthitze empfehle ich nichts, was auf eisigen Höhen oder im tiefen Winter spielt. Gemäß der homöopathischen Maxime, Gleiches mit Gleichen zu behandeln, rate ich zu „Ein Sommer in Brandham Hall“. Der Roman von Leslie Poles Hartley erschien im Jahr 1953 unter dem Titel „The Go-Between“ und wurde zum größten Erfolg des bekannten Literaturkritikers und Schriftstellers. In der Neuübersetzung von Wibke Kuhn liegt er nun im Eisele Verlag vor und ist das Sommerbuch schlechthin. Leicht, voller Charme und stets stilvoll.

Hartleys Geschichte über den Sommer des Jahres 1900 im englischen Norfolk wird besonders Fans von Downtown Abbey gefallen. Wie die bekannte Serie spielt auch er auf einem weitläufigen Anwesen, unter dessen Bewohnern, Bediensteten und der umliegenden Dorfbevölkerung.

In diese sozial streng sortierten Verhältnisse gerät der 12-jährige Leo Colston auf Einladung seines Freundes Marcus. Für Leo öffnet sich eine neue, teilweise bedrohlich „Klimawandel der Gefühle“ weiterlesen

Trauerschwestern und Flügelwesen

Kerstin Hensel gelingt mit ihrer Novelle „Regenbeins Farben“ ein kunstvolles Trauerbuch

Im Halbdurchsichtigen drei Nereiden, aus ihren Höhlen am Grunde des Meeres gestiegen, hoch zu ihrem Gott, der auf einem Fabelwesen über Wellen reitet, vorne Pferd, hinten Fisch. Nymphen umkreisen ihn, und er erfleht ihre Gesellschaft, spielt den Schiffbrüchigen, den sie beschützen, besingen, begleiten sollten. Doch die Nymphen treiben andere Spiele. Im Wasser schwesterlich schwebend, sind die Seefrauen, die nur sich selbst unterhalten, in kecken Spielen plaudernd, mit Delfinen singend. Während der Gott um Rettung seiner Mächtigkeit fleht, zwingt er sein Reittier zu einer schaumschlagenden Levade. Poseidon, der Poser! Der Hippokamp trägt in durch die brodelnde Brühe der Geschichte (…)“

Diese laut- und wortschönen Sätze verraten Kerstin Hensel als Lyrikerin, die ihre poetische Sprache auch in der Novelle „Regenbeins Farben“ verwendet. Darin vereint sie vier Personen zu einer besonderen Gemeinschaft. Fast ein volles Jahr währt diese, lediglich drei Minuten fehlen, wie die punktgenauen Datierungen im ersten und letzten Kapitel zeigen.

Auch wenn der Tod als Motiv diese Novelle durchzieht und ein Teil der Handlung kammerspielartig auf einem Friedhof stattfindet, handelt es sich keineswegs um ein trauriges Buch. Als Trauerbuch hingegen ließe es sich sehr wohl bezeichnen, denn es erzählt, wie man Trauer bewältigt und sich von der Vergangenheit befreit. Die Kunst ist dabei das Mittel der Wahl. Dies zeigen schon die ersten Kapitel, in denen uns die Friedhofsgemeinschaft vorgestellt wird.

Die Malerin Karline Regenbein ist die Jüngste, an Alter wie an der Dauer ihrer Trauer gemessen. Es folgen Eduard Wettengel, der Galerist, Lore Müller-Kilian, die ihr Mäzenatentum dem verstorbenen Gatten verdankt und schließlich die Älteste, Ziva Schlott, die Kunstprofessorin mit „Kippchen“. Alle vier „Trauerschwestern und Flügelwesen“ weiterlesen