Unüberwundener Abschied

Kristine Bilkau erzählt in „Eine Liebe in Gedanken“ von dem, was nach einem Verlust bleibt

Ich wollte Edgar Janssen dazu bringen, sich an meine Mutter zu erinnern, an seine und ihre gemeinsame Zeit. An die Liebe zwischen Toni und Edgar, die von so kurzer Dauer gewesen war und für meine Mutter doch ein Leben lang gehalten hat.“

Eine Liebe in Gedanken“, der Titel des aktuellen Romans von Kristine Bilkau ist zugleich sein Thema: Eine große Liebe, die unerfüllt bleiben wird. Doch würde das Attribut noch treffen, wenn die Liebe gelebt worden wäre, über alle Schrecken des Alltags hinweg? Große Liebe, ‑im Roman selbst fällt dieser Ausdruck nie‑, so könnten sie es genannt haben, die Tochter, die davon erzählt, wie die Mutter, die es erlebt hat.

Antonia Weber hat ihren Heimatort an der Küste verlassen und in Hamburg ihr unabhängiges Leben begonnen.  Die 22-jährige arbeitet als Sekretärin und wohnt bei der Zigarillo rauchenden Frau Konrad zur Untermiete, wie dies 1964 für unverheiratete Frauen üblich war. Doch Toni bleibt nicht lange allein. Eine zufällige Bekanntschaft bringt sie mit Edgar zusammen und schnell ist für beide klar, daß sie „Unüberwundener Abschied“ weiterlesen

Unter dem Vulkan

Verena Carls sprachschöner Roman „Die Lichter unter uns“ erstickt stilsicher am Pathos

Wer will was von wem woraus.“ 

Dieser im Roman zitierte juristische Merksatz könnte als sein Leitmotiv durchgehen, denn fast alle Figuren in Verena Carls „Die Lichter unter uns“ befinden sich auf der Suche. Wonach scheint ihnen jedoch selbst verborgen.

Anna sucht Aufmerksamkeit, ihr Mann Jo Sicherheit, Alexander seine Vitalität und seine junge Geliebte sowie sein erwachsener Sohn suchen nicht unähnlich der 11-jährigen Judith, Tochter von Anna und Jo, den Ausweg aus dem Dschungel des Erwachsenwerdens. Einzig Bruno, Judiths kleiner Bruder, sucht und findet mit kindlicher Sorglosigkeit in einer Taucherbrille mit Schnorchel sein einstweiliges Glück.

Anna, die nach zwölf Jahren Ehe, mit ihrer Familie einige Tage in Taormina verbringt, dem Ort ihrer Flitterwochen, steht im Mittelpunkt der multiperspektiv erzählten Geschichte. Sie sondiert ihre Befindlichkeiten, ‑wann fände man besser Zeit als im Urlaub‑, und stellt ihr Familienleben wie „Unter dem Vulkan“ weiterlesen

Mein Ich ist ein Anderer

Seinen neuen Roman „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ weiht Peter Stamm der Macht des Erzählens

Wieviel meiner Geschichte mit mir zu tun hat, gab ich nie zu.“

Peter Stamm bevorzugt in seinem Schreiben das Spiel mit den Ebenen. Seine Figuren changieren in ihren Funktionen, bewusst oder unbewusst. Der Protagonist wird zum Erzähler, der Erzähler zur Figur, zuweilen sogar mit den Zügen des Autors. So entsteht eine Mischung aus Fiktion und Metafiktion, die Literaturliebhabern Lesefreude bereitet, und mit der sich seit geraumer Zeit auch viele Schüler und deren Lehrer auseinandersetzen müssen. Nachdem Agnes zumindest in den Schulen hier im Ländle turnusbedingt als Abi-Stoff aussortiert wurde, bietet sich Stamms neuer Roman als Nachfolger an, denn „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ nimmt deutlich Bezug auf Stamms berühmtes Debüt. Hier wie dort verschieben sich Erzählebenen und Figuren in parallelen Welten. Hier wie dort steht ein Schriftsteller im Mittelpunkt, der seine Liebe zum Gegenstand seiner Fiktion macht.

Stamm stellt wie so oft in seinen Romanen die Frage nach der Authentizität von Erinnerung. Können wir ihr und damit uns selbst vertrauen? Oder formen wir, indem wir uns erinnern, nicht ständig alles um? Welche Rolle spielt dabei die Literatur?

In seiner Rede zum Solothurner Literaturpreis, bietet Peter Stamm einen Schlüssel „Mein Ich ist ein Anderer“ weiterlesen