Der Tod  und das Mädchen

Tomas Espedal verzeichnet in „Wider die Natur“ die Liebe zwischen Sehnsucht und Selbstzweifel

Ist das Unglück eine Voraussetzung für das Glück? Nein, das Glück kommt jäh und unerwartet, es ist eine ganz selbstständige, unabhängige Größe, es tritt ein ohne Vorboten, wie ein Naturereignis, ein Regenbogen, eine Sternschnuppe, ein Blitzschlag oder ein Feuer, furchteinflößend und schön; auch das Glück wirft alles über den Haufen.“

 

Am Ende schließt sich der Kreis dieses autobiographischen Romans, der die Liebe des 48-jährigen Autors zu der 24-jährigen Janne zum Thema hat. Genauer, das Scheitern dieser Liebe und das der vorherigen Beziehungen sowie Espedals Leiden daran.

Zu Beginn steht der Spontan-Sex der beiden, die sich gerade erst auf einer Party erblickt hatten, in der Bibliothek des Gastgebers.  Welch’ besserer Orte könnte ein Schriftsteller für die Initiation seiner Liebesbesessenheit wählen? Doch sein Staunen über die Erfüllung kühner Midlife-Männer-Sehnsüchte begleitet Espedal mit wehmütiger Vanitas. Diese Paarung eines abgekämpften Alten mit der blühenden „Der Tod  und das Mädchen“ weiterlesen

Werwölfe und Frankensteinexperten — Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017

Mein bestes Buchpreis-Jahr und die aktuelle Liste

Der Deutsche Buchpreis wird am 9. Oktober zum 13. Mal vergeben. Die Regularien sind hinreichend bekannt und können im Zweifel auf der eigens eingerichteten Buchpreis-Seite des Börsenvereins nachgelesen werden. Propagiert als Preis für den besten deutschsprachigen Roman, gedacht als Marketingstrategie für den deutschen Buchhandel und realisiert von einer jährlich wechselnden Jury, bescheren die Nominierungen mitten im Sommerloch Gesprächsstoff für Blogs und Feuilleton.

Ich verfolge den Buchpreis von Beginn an. Auf meiner 2010 gegründeten Seite erschien 2011 der erste Buchpreis-Beitrag. Im Jahr 2013 nahm ich als „offizielle“ Buchpreisbloggerin teil. Mein bestes Buchpreis-Jahr war allerdings 2009, da viele meiner Lieblingsschriftsteller antraten. Mit Interesse las „Werwölfe und Frankensteinexperten — Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2017“ weiterlesen

Hummel und Orchidee

Jähe Enthüllung der wahren Natur des Monsieur de Charlus“ — Proust 4. Band, I.

Zudem begriff ich jetzt, wieso ich vorhin, als ich Monsieur de Charlus von Madame de Villeparisis hatte herauskommen sehen, finden konnte, er sehe aus wie eine Frau: Er war eine! Er gehörte zu der Rasse jener Menschen (sie sind weniger widerspruchsvoll, als es den Anschein hat), deren Ideal männlich ist, gerade weil sie von weiblichem Temperament sind, und sie im Leben nur scheinbar den anderen Männern gleichen; (…) eine Rasse auf der ein Fluch liegt und die in Lüge und Meineid leben muß, da sie weiß, daß ihr Verlangen, das, was für jedes Geschöpf die höchste Beseeligung im Dasein ausmacht, für sträflich und schmachvoll, für ganz uneingestehbar gilt.“ (Keller 4, 26f., Suhrkamp)

Wer hätte gedacht, daß Proust diese Enthüllung, ‑für die endgülige Ausgabe verwarf er den obigen Titel des Kapitels, das auf den Essays „Über die Päderastie“ zurückgeht‑, mit der bekannten Metapher von Blüte und Bienchen bebildern würde? Beides spezifiziert er, aus der Blüte wird eine Orchidee, wenn nicht gar ein Knabenkraut, und aus der Biene eine Hummel. Es ist klar, worum es geht. Um die Befruchtung, oder um wieder vom Spezifischen ins Allgemeine zu kommen, um die Sexualität. Würden wir uns hier über die französische Originalausgabe unterhalten, wüssten wir, daß Proust ‑aber das wissen wir sowieso- auch im Allgemeinen das Besondere sieht. So müssen die Kommentare, den vierten Band der Recherche lese ich in der Reclam- und in der Suhrkamp-Ausgabe, helfen.

Marcel steht am Treppenhausfenster des Palais, weil er die herzögliche Ankunft abpassen will. Wir erinnern uns, er möchte die Einladung bei der Fürstin sondieren. Während er wartet, schweift sein Blick im Hof umher und fällt auf eine Orchidee, die ihrerseits auf eine Hummel wartet. Diese Boudon, das Wort bezeichnet im Französischen auch Penis, erscheint zunächst nicht, um ihren Rüssel in die Blütenöffnung zu stecken. Dafür taucht Baron de Charlus auf, dessen hintere Partie hummelartig ausragt. Marcel duckt sich, er möchte auf keinen Fall von Charlus aufgespürt werden, hatte der sich doch ihm gegenüber in der Vergangenheit mehrfach seltsam verhalten. Wie erinnern uns an seinen schon etwas länger zurückliegenden abendlichen Besuch in Marcels Zimmer im Grand-Hotel sowie an den kürzlich erfolgten Besuch Marcels bei Charlus.

Marcel späht erneut durchs Fenster und sieht, daß seine Vorsicht gar nicht von Nöten gewesen wäre. Charlus’ Aufmerksamkeit ist vollkommen von anderem gefangen. Es ist Jupien, der auf dem Weg ins Büro, vom Blick auf den Baron in einen balzähnlichen Zustand versetzt wurde. Die beiden, könnte man sagen, „Hummel und Orchidee“ weiterlesen

Ghostbusters

Christine Wunnicke lässt in ihrer Wissenschaftssatire „Katie“ Empirie gegen Esoterik antreten

Der Schrank war ihr Heiligtum, ihr Arbeitsplatz, das Zentrum ihres Ruhms. Am Schrank hing alles. Der Schrank war der Grund, warum Florence zu Mutters großer Qual nie mehr im Salon und nur stets im Wohnzimmer empfing. In den Schrank trat sie hinein, wenn die Gäste bereitsaßen, hier ließ sie sich fesseln und noch einmal fesseln, ihre Zöpfe an die Wandhaken binden, ihren Kopf in Tücher und Schals wickeln, bis sie kaum noch Luft bekam. Hier hauchte sie ihr „fester, fester”, wenn man zimperlich mit ihr umging, was man leider oft tat, vor lauter Respekt. Hier verharrte sie schweigend, zuweilen auch leise seufzend, während Mutter draußen den Hymnengesang anleitete, und wartete.“

Seit Menschengedenken ist der Geisterglaube ein Produkt des Haderns mit der Vergänglichkeit alles Irdischen. Aus dem Wunsch mit dem Jenseits und den Toten in Kontakt zu treten entwickelte sich im 19. Jahrhundert ein regelrechten Boom, der Spiritismus. Ausgelöst wurde er durch Ereignisse, wie die Klopf-Kommunikation mit einem Ermordeten, die Familie Fox in ihrem Haus in Hydesville trieb und die 1848 „Ghostbusters“ weiterlesen