Für Genießer und Nostalgiker

Ein Kochbuch?!

Rom - Das Kochbuch von Katie Parla
Rom — Das Kochbuch von Katie Parla

Einem Rom-Kochbuch kann ich einfach nicht widerstehen. Vorallem nicht diesem Exemplar, das nicht nur kulinarische Sehnsüchte stillen will, sondern auch jene Nostalgia, die einen in der Ferne befällt.

Verfasst wurde es von Katie Parla und Kristina Gill. Die Journalistin Parla lebt seit einigen Jahren in Rom und studiert als Kulturhistorikerin die Esskultur der Stadt. Sie berichtet darüber auf ihrem Blog katieparla.com . Kristina Gill arbeitet als Redakteurin kulinarischer Themen und als Food-Fotografin. Beide recherchierten in römischen Küchen, um den einzigartigen Geschmack der Metropole aufzuspüren.

Derartige Ankündigungen wecken in mir die Erwartung, neben Rezepten und Insidertipps auch Kulturelles in Wort und Bild vorzufinden. Ansprüche, die nicht einfach zu erfüllen sind, schließlich füllen Bücher über die Ewige Stadt nicht nur viele Regalmeter, sondern ganze Bibliotheken.

Der Aufbau überrascht angenehm. Anstatt sich an der klassischen Speisefolge zu orientieren, betten die Autorinnen diese in Kapitel wie Jüdische Küche, Quinto Quarto und „Für Genießer und Nostalgiker“ weiterlesen

Longlist-Kostproben 2016

Beziehungen, Bedrohungen, Selbsterkundungen

haendlerErnst-Wilhelm Händler konstatiert im Kurzporträt „Der Mensch ist ein in Geld eingewickeltes Stück Fleisch“. Ein schöne, wenn auch grausame Metapher, die jene Kälte vorwegnimmt, die in „München“ herrscht.

Im surrealen Ambiente eines neomodernen Architektenhauses folgen wir Thaddea, Ärztin für Psychosomatik, die im schicken Studio den ersten Klienten empfängt und daran scheitert. Er verkörpert mit seinem versehrten Gesicht genau die Leiden, deren Behandlung sie mit ihrer Spezialisierung meidet. Vielleicht will sie nicht an ihren eigenen Makel, das Humpeln, erinnert werden? Was offensichtlich wird, da ihre Freundin Kata, die Architektin ihres Stadthauses in Schwabing und des Greenhouse in Grünwald, viele Treppen einbauen ließ. Sprachlich überzeugt mich der Ausschnitt, aber ich habe keine Ahnung, wohin der Roman will. „Longlist-Kostproben 2016“ weiterlesen

Leseproben-Probelesen

Auch heute Hunde!

SU_Platzgumer_2.inddAls große Lebensbeichte wird Hans Platzgumers „Am Rand“ angekündigt. Schon der erste Satz führt uns zur kleinsten Form des Randzonengebiets, den Gipfel. Dort stehe, liege oder sitze schließlich jeder irgendwann einmal. Auf dem Gipfel liegen scheint mir allerdings nicht sonderlich bequem. Platzgumers Gipfel ist konkret, soviel ist klar. Er lässt seinen Erzähler dort sitzen und lässt ihm nur zehn Stunden für seinen Bericht. Ein Countdown, das klingt spannend. Dem Appetithäppchen folgt leider eine Auslassung, und der wiederum eine detaillierte Aufzeichnung vom Aufbruch eines Wanderers. Eine Rückkehr plant er nicht. Ordnung muss trotzdem sein, vielleicht betritt noch jemand seine Wohnung. Seine Leser fordert er ausdrücklich dazu auf. Der Aufmerksame merkt hingegen bald, daß dazu wohl kaum eine Chance besteht. Weltuntergangsstimmung verbreiten schon zweieinhalb des 208 Seiten fassenden Romans. Eine nicht geschwätzige Zivilisationflucht in die Berge. Mich erinnert es an die beeindruckende Dystopie Erwin Uhrmanns„Leseproben-Probelesen“ weiterlesen

Longlist-Lektüre: fortgesetzt

Vierpfotige Freunde

stadlerDie nächsten vier Romane sind haustierlastig. Allerdings macht die in vielerlei Hinsicht als Nummer eins zu betrachtende Stadler’sche Rauschzeit eine Ausnahme.

Denn richtige Tiere treten in der Textprobe nicht in Erscheinung, aber ein Professor Pfotenhauer und verwirrenderweise eine doppelte Portion Mausi. Die eine Mausi ist um die 40, weibliche Hauptfigur und Gefährtin von Alain, dem Ich-Erzähler. Das erste Kapitel gilt ihr, auch wenn sie nicht selbst zu Wort kommt. Diese Mausi hatte eine Tante Mausi. Das verwirrt ein wenig. Beide sind und waren Liebes und Glücks zugewandt, im Leben wie in der Oper.

Alain hingegen fühlt mit Jean Paul „Ich war immer zu spät glücklich, nie zur rechten Zeit“. Wenn er nicht gerade von Mausi getrennt ist, wie im Moment, er fuhr nach Köln, sie blieb in Berlin, haben sie ein komfortables Miteinanderleben, gesichert durch eine Binnentür, die ihre Wohnungen verbindet.

„Longlist-Lektüre: fortgesetzt“ weiterlesen

Longlist-Leseproben

Bitte ein Buchpreisheft!

20160908_120701_resizedOh, hatte ich doch vor zwei Wochen noch frohlockt, daß es heuer viel einfacher sei an die Longlist-Leseproben zu kommen als dereinst. Pustekuchen! Dabei hatte ich mich präpariert und mit dem Link zur Lagerstätte bereits die richtige Buchhandlung in einer sehr nördlichen Stadt Deutschlands geortet. Auf der Fahrt dorthin vernahm ich die frohe Kunde, daß die Broschüren in einem Berliner Buchgeschäft bereit liegen. Also bin ich gleich samstags in die Fußgängerzone gestürmt, doch auf dem Holm gab es nicht nur keinen Genazino und keinen Käsebier, sondern auch kein einziges Longlistheft. Schlimmer, man wunderte sich dort, ob und daß es schon gedruckt wäre, versprach mir jedoch eines bei Abholung meiner Bestellung. Genaues Zuhören ergab, zu spät geordert und alle schon reserviert.

Skeptisch machte ich mich am folgenden Montag auf den Weg, der von der mitreisenden Mischpoke durch einen Abstecher in die nördlichste Filiale einer  „Longlist-Leseproben“ weiterlesen

Die Kunst, Orangen zu entblättern

Anna Katharina Hahn erzählt in ihrem neuen Roman „Das Kleid meiner Mutter“ von der Generación Cero, den Persönlichkeitsrechten des Schriftstellers und dem „nicht wissen, was Wirklichkeit und Fantasie war“

42516Es ist ein Roman über Spanien und Deutschland, über Sprachverlust ebenso wie die Ohnmacht der Worte, über den Wunsch, sich die Maske aus Haut vom Gesicht zu reißen und ein anderer zu werden. Wer sonst vermag das? Nur die Kunst, in besonderem Maße die Literatur: Allein durch sie sind wir in der Lage, uns anderen Menschen anzuverwandeln, in ihre Körper, ihre Seelen zu schlüpfen, durch ihre Augen zu sehen.“

Die Rede ist von „Das fließende Licht“, dem Roman des Schriftstellers Gert de Ruit, einer der Hauptfiguren im vorliegenden Roman. Doch auf diese neueste Veröffentlichung Anna Katharina Hahns scheint die Charakterisierung ebenso zu passen.

Anna Katharina Hahn hat mich bereits mit ihren Vorgängerromanen beeindruckt, darunter Am schwarzen Berg, in dem sie die Psychologie einer Beziehung mit politischen Ereignissen und Literaturhistorie verknüpft. Was dort Stuttgart 21 und Hölderlin, sind in Das Kleid meiner Mutter die Verlorene Generation in Spanien und ein anonymer Autor. Nach der Romantik weisen Hahns stilistische und literaturhistorische Reminiszenzen nun Spuren von Magischem Realismus auf.

In Madrid, der Hauptstadt des durch die Eurokrise ruinierten Spaniens, herrscht „Die Kunst, Orangen zu entblättern“ weiterlesen