Tata Jesus ist bängala!

Barbara Kingsolver erzählt in Die Giftholzbibel vom Clash of Cultures

giftholzbibelDas Cover ist von der Art, daß man das Buch, hätte man es unbedacht zur Hand genommen wie ein Blatt der titelgebenden Giftholzpflanze mit Furcht fallen ließe. In apricotfarbenes Licht getaucht, bietet sich dem Betrachter ein Blick auf Wälder und Wiesen einer Flussebene. Eine Bergkette begrenzt den Horizont, während im Vordergrund zwei Lehmhütten mit Strohdach und grünumrankten Zaun ein afrikanisches Idyll mit Aussicht evozieren. Darüber erheben sich die Gesichter zweier Mädchen, die engelsgleich und blondgelockt ihrem Schicksal entgegen harren. In einer Buchhandlung hätte ich diesem Roman keinen weiteren Blick gegönnt und ihm damit bitter Unrecht getan. Zum Glück wurde er mir von einer begeisterten Leserin empfohlen, die mein Interesse an der kolonialen Geschichte Afrikas kennt.

 

Richtig. Trinken wir auf die Bibel, sagte Leah und stieß mit ihrer Bierflasche an meine an.
„Tata Jesus ist bängala! sagte Adah und hob ebenfalls ihre Flasche. Sie und Leah sahen einander eine Sekunde lang an , dann brachen sie in hyäneneartiges Geheul aus.
„Jesus ist Giftholz! sagte Leah. „Ich trinke auf den Prediger des Giftholzes. Und auf seine fünf Frauen!

Den Indern ein Inder sein“ war das Motto des Missionars Ferdinand Kittel, der „Tata Jesus ist bängala!“ weiterlesen

Empfindsamer Epigone

Enthüllungen und Anekdoten in Helene und Wolfgang Beltracchis Selbstporträt

U1_978-3-498-06063-3.inddDenn das ist die Wahrheit: Ich hing an meinem Beruf, auch wenn er unter moralischen Gesichtspunkten keiner sein dürfte. Auf der Liste der üblichen Berufsbezeichnungen sucht man ihn vergeblich. Vielleicht lag mein Anspruch gerade darin, mich künstlerisch immer neu zu suchen, mich in immer wieder anderen Stilen und Darstellungsweisen auszudrücken, mich nicht auf den Wiedererkennungswert beschränken zu müssen, den der normale Kunstbetrieb von mir verlangen würde.“

Wolfgang Beltracchi, den die Medien als „Kunstfälscher des Jahrhunderts“ bezeichnen, wurde als solcher 2010 zusammen mit seiner Frau und zwei weiteren Personen verhaftet. Ein Jahr später erhielt das Ehepaar nach einem umfassenden Geständnis Haftstrafen von sechs und vier Jahren. Wolfgang Beltracchi verbüßte sie im offenen Vollzug, seine Frau Helene wurde vorzeitig aus der Haft entlassen.

Das Besondere an dem Fälscher Beltracchi ist, daß er die Originale anderer Maler nicht kopierte, also keine Replik eines bereits existenten Kunstwerks anfertigte. Mit großem Talent glich er „Empfindsamer Epigone“ weiterlesen

Dilemma

In Was gewesen wäre erzählt Gregor Sander von der Unfreiheit im Leben wie in der Liebe

SanderIch würde wirklich gern raus aus diesem Land“, sagt Margarete, während sie die Pässe vom ungarischen Zöllner wieder in Empfang nimmt. „Aber das ist mit Jósef nicht zu machen. Das kannst du vergessen. Ohne sein Ungarn ist der nichts.“

Was wäre gewesen, wäre Astrid Jana nicht auf dieses Sommerfest gefolgt? Astrid hätte Julius vielleicht nie kennengelernt. Was wäre gewesen, wenn Julius’ Vater nicht im Westen gelebt hätte? Sein Westbruder hätte Julius vielleicht nie zur Flucht überredet. Was wäre gewesen, wenn Astrid ihren Westbesuch nie beendet hätte? Aus den Beiden wäre vielleicht ein Paar geworden und sie wären sich nicht 25 Jahre später in einem Budapester Hotel begegnet.

Was gewesen wäre, diese Überlegung kennt wahrscheinlich jeder. Gregor Sander macht sie zum Titel und Konzept seines neuen Romans. Im ersten Kapitel erzählt er wie die Liebe zwischen Julius und „Dilemma“ weiterlesen

Proust — Sich rar machen

Einladung von der Herzogin (Bd. 3, 520–536)

GuermantesSelbst im einzelnen Ablauf einer Neigung hilft eine Abwesenheit, die Ablehnung einer Einladung, eine unfreiwillig, unbewußte Strenge weit mehr als alle Schönheitsmittel und die gewählteste Kleidung.“ 

Auf der Matinée-Villeparisis ist das Bild, was sich der junge Erzähler von Mme de Guermantes machte, zerbröckelt. Das aus der Ferne verehrte Idol entpuppt sich bei näherer Betrachtung als „dumme Pute“. Marcel verzichtet auf seine tägliche Pirsch, er habe, so seine Mutter, „wirklich Ernsteres zu tun, als (sich) am Weg einer Frau zu postieren, die auf (ihn) pfeift“.

Die Morgenspaziergänge werden unbeschwert. Der Druck, dem Objekt der Begierde begegnen zu müssen, entfällt und befreit seine Wahrnehmung. Marcel erkennt, daß auch andere nicht in ewiger Glückseligkeit leben, und freut sich an den kleinen Zuneigungen, wie dem Zwinkern einer Passantin. Zuvor hinterließen solche Momente keine Spuren. Die Fixierung auf Mme de Guermantes hatte „Proust — Sich rar machen“ weiterlesen