Vom Ende der Welt nach Arkadien

In „Wohin mit mir“ erinnert Sigrid Damm an ihre Entdeckung des Südens

dammIm ho­hen Nor­den füh­le ich mich so­fort auf mein gan­zes Le­ben be­ru­higt, bin mit­ten im Le­ben, mit­ten in die­ser Un­end­lich­keit, hier aber, in Rom, emp­fin­de ich mich am äu­ßers­ten Rand ei­ner be­gra­be­nen Zeit.“

Wo­hin mit mir“, die­ser Ti­tel er­in­nert an frau­en­be­weg­te Selbst­fin­dungs­li­te­ra­tur der Acht­zi­ger Jah­re, der­ar­ti­ges klingt in die­sem rö­mi­schen Rei­se­buch durch­aus an. Die aus der DDR stam­men­de Au­torin Sig­rid Damm wur­de mit Bü­chern über his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten der deut­schen Li­te­ra­tur be­kannt, vor al­lem mit ih­rem 1998 er­schie­nen Ti­tel „Chris­tia­ne und Goe­the“.

Die Fer­tig­stel­lung die­ses Wer­kes liegt 1999 ge­ra­de ein Jahr hin­ter ihr und sie plant be­reits ein neu­es Pro­jekt. In ih­rer neu­en Wahl­hei­mat Nord­schwe­den will sie zu­sam­men mit ih­ren bei­den Söh­nen ein Buch über Lapp­land schrei­ben, da er­hält sie ein Sti­pen­di­um der Ca­sa di Goe­the.

Ein hal­bes Jahr in Rom, grö­ßer könn­te der Ge­gen­satz zu ih­ren jet­zi­gen Le­bens­um­stän­den nicht sein. Er of­fen­bart sich auch in ih­ren Er­war­tun­gen und in den ers­ten „Vom En­de der Welt nach Ar­ka­di­en“ wei­ter­le­sen

Von Verlierern und Verkündern des wahren Denkens

Irgendwann ist Schluss“ – neue Erzählungen von Markus Orths über Wahn, Sehnsucht und Einsamkeit

Orths_Irgendwann_ist_SchlussUnd der Com­pu­ter bringt mir al­les ins Haus: Fil­me, In­for­ma­tio­nen, Neu­ig­kei­ten, Bü­cher, Thea­ter­stü­cke, al­les, was ich will. Ich muss nicht hin­aus in die Welt, die Welt kommt zu mir. Mein In­ter­es­se ist wie ein Schwamm. Es un­ter­schei­det nicht nach der Far­be des Was­sers, das es auf­saugt, oder ob es schmut­zig ist oder sau­ber.”

Span­nung, die an­fangs sub­til an­klingt und sich dann in un­ge­wöhn­li­chen Hand­lungs­ver­läu­fen ent­wi­ckelt, kenn­zeich­net das neue Buch von Mar­kus Orths. Nach dem Ro­man Die Tarn­kap­pe, der mir aus­ge­spro­chen gut ge­fal­len hat, liegt nun im Schöff­ling Ver­lag ein Band mit acht meist län­ge­ren Er­zäh­lun­gen vor, die in un­ge­heu­er­li­cher Art exis­ten­ti­el­le Fra­gen be­rüh­ren.

In je­der sei­ner Ge­schich­ten wirft Orths sei­ne Le­ser zu­nächst ins Un­ge­wis­se. Die Mo­ti­ve der Fi­gu­ren er­schei­nen un­klar, erst nach und nach wer­den In­di­zi­en auf­ge­deckt, die Hand­lung schlägt un­er­war­te­te Vol­ten und en­det sel­ten mit ei­ner ein­deu­ti­gen Lö­sung. Der Aus­gang ist eher ei­ne Auf­for­de­rung wei­ter zu den­ken, be­greif­bar als Tür zwi­schen der Phan­ta­sie des Au­tors und der Vor­stel­lung des Le­sers.

Dies ist schon in der ers­ten Er­zäh­lung, Erich, Erich, er­fahr­bar. Ihr Prot­ago­nist „Von Ver­lie­rern und Ver­kün­dern des wah­ren Den­kens“ wei­ter­le­sen

Die Königin der Smartcrackers – Dorothy Parker

In „Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“ charakterisiert Michaela Karl die amüsanteste Kritikerin New Yorks


„If I ab­s­tain from fun and such, 

I’ll pro­bab­ly amount to much,

But I shall stay the way I am, 

Be­cau­se I do not gi­ve a damm.“ (Par­ker, Com­ple­te Po­ems)

Un­längst be­klag­te der ame­ri­ka­ni­sche Au­tor Dwight Gar­ner in The New York Times die Über­hand­nah­me von Ku­schel­kri­ti­ken. Viel­leicht dach­te er bei sei­nem Ruf nach wah­ren Re­zen­sen­ten, die ne­ben Lob auch har­te Kri­tik äu­ßern, an die be­rühm­tes­te Kri­ti­ke­rin New Yorks zu­rück, Do­ro­thy Par­ker? Ihr fiel es nie schwer ei­ne Re­zen­si­on fol­gen­der­ma­ßen zu be­en­den, „Die­sen Ro­man soll­te man nicht ein­fach so weg­le­gen, man soll­te ihn vol­ler Hin­ga­be in die Ecke feu­ern.“

Do­ro­thy Par­ker, die nicht nur Kri­ti­ken, son­dern auch Ge­dich­te, Dreh­bü­cher und Kurz­ge­schich­ten ver­fass­te, wid­met die Po­li­to­lo­gin und His­to­ri­ke­rin Mi­chae­la Karl ei­ne Bio­gra­phie, de­ren Ti­tel „Noch ein Mar­ti­ni und ich lieg un­term Gast­ge­ber sie nicht bes­ser hät­te wäh­len kön­nen. Er weist auf die gro­ßen Lei­den­schaf­ten Par­kers hin, den Hang zu Män­nern und die Lie­be zum Al­ko­hol, so­wie die Ga­be de­ren bei­der Nach­wir­kun­gen mit sar­kas­ti­schen Bon­mots zu ku­rie­ren. Wei­te­re Rol­len spiel­ten ne­ben dem Schrei­ben nur noch Hun­de und Hü­te.

Das trotz all die­ser Um­stän­de im­mer­hin über sieb­zig Jah­re wäh­ren­de Le­ben der 1893 ge­bo­re­nen Do­ro­thy Roth­schild ver­folgt Karl in zehn Ka­pi­teln auf 233 Sei­ten. Sie schil­dert in chro­no­lo­gi­scher Ab­fol­ge wie die scharf­zün­gi­ge Par­ker zur „geist­reichs­ten Frau New Yorks“ wur­de. Zu­dem zeigt sie an­hand zahl­rei­cher Zi­ta­te den in­tel­lek­tu­el­len Sar­kas­mus die­ser Au­torin, der das Ein­füh­len in das Un­glück nicht fremd war, da es sich oft ge­nug um ihr ei­ge­nes han­del­te.

Ih­re jour­na­lis­ti­sche Kar­rie­re be­ginnt Do­ro­thy Par­ker bei der Vogue mit äu­ßerst un­kon­ven­tio­nel­len Be­rich­ten über Ein­rich­tungs­sti­le und Mo­den­eu­hei­ten. Bei Va­ni­ty Fair wird sie als Nach­fol­ge­rin von P. G. Wo­de­house die ers­te weib­li­che Thea­ter­kri­ti­ke­rin der Stadt. Sie schreibt au­ßer­dem für Es­qui­re, Life und für The New Yor­ker. Dort ver­fasst sie als „The Con­stant Rea­der“ die Ko­lum­ne „Re­cent Books“. Ei­ni­ge der amü­san­tes­ten dort pu­bli­zier­ten Ver­ris­se zi­tiert die Bio­gra­phie.

Do­ro­thy Par­ker ist für ih­ren Sar­kas­mus be­rüch­tigt. Ein täg­li­ches Trai­ning in die­ser Dis­zi­plin war der Round-Ta­ble im Ho­tel Al­gon­quin, wo sie zur Hap­py Hour im Vicious Cir­cle mit be­freun­de­ten Jour­na­lis­ten und viel Spott die Ta­ges­er­eig­nis­se kom­men­tiert.

Ne­ben ih­ren jour­na­lis­ti­schen Schrif­ten ver­fasst sie Ge­dich­te und Kurz­ge­schich­ten. Sie schreibt über Ab­hän­gig­kei­ten in Lie­bes­be­zie­hun­gen, über die Dumm­heit der Män­ner wie die der Frau­en, nimmt die Ver­hal­tens­wei­sen  der Up­per Class aufs Korn, bei­des mit Selbst­iro­nie, denn auch sie strau­chelt oft in Lie­bes­wir­ren und lebt die Ri­tua­le der Groß­stadt. Gleich­zei­tig kämpft sie ge­gen Ras­sis­mus an, sam­melt für jü­di­sche Flücht­lin­ge, un­ter­stützt ih­re un­ter Mc­Car­thy ver­folg­ten Kol­le­gen. Die Rech­te an ih­ren Schrif­ten ver­erbt sie Mar­tin Lu­ther King, sie ge­hen nach des­sen Tod an die schwar­ze Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on NAACP.

In der vor­lie­gen­den Bio­gra­phie schil­dert Karl auch die pri­va­ten Be­zie­hun­gen Par­kers. Es er­staunt wie vie­le li­te­ra­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten mit ihr in Kon­takt stan­den, un­ter ih­nen Fitz­ge­rald, So­merset Maug­ham und He­ming­way. Die in­ti­men Be­zie­hun­gen zu ih­ren Män­nern und Lieb­ha­bern blei­ben na­tür­lich nicht un­er­wähnt. Lei­der sind die­se Dar­stel­lun­gen manch­mal von Wie­der­ho­lun­gen und kü­chen­psy­cho­lo­gisch an­mu­ten­den Pau­schal­ur­tei­le durch­zo­gen, wie „Wie so vie­le Frau­en fühlt sich Do­ro­thy Par­ker an­ge­zo­gen von gut­aus­se­hen­den Män­nern, die ihr in­tel­lek­tu­ell nicht das Was­ser rei­chen kön­nen“. Den­noch bie­tet sich ei­ne in­ter­es­san­te Lek­tü­re vol­ler In­for­ma­tio­nen, de­ren Be­leg­stel­len in den an­ge­häng­ten An­mer­kun­gen auf­ge­führt sind. Hier hät­te die Le­se­rin sich noch man­che wei­ter­füh­ren­de Er­läu­te­rung ge­wünscht. Aber viel­leicht hät­te dies den Rah­men die­ser Bio­gra­phie ge­sprengt, die im­mer­hin noch ei­ne um­fang­rei­che Li­te­ra­tur­lis­te und ein Per­so­nen­re­gis­ter bie­tet. Ob al­ler­dings Ge­org Cloo­ney und so manch” an­de­re mo­der­ne Be­rühmt­heit et­was in ei­ner Bio­gra­phie über Do­ro­thy Par­ker zu su­chen ha­ben, sei be­zwei­felt.

Es ist si­cher­lich nicht ver­kehrt, die­se Bio­gra­phie zu le­sen. Voll­kom­men rich­tig ist aber die Lek­tü­re der Wer­ke Do­ro­thy Par­kers. Bei ih­ren Ge­dich­ten muss man zum Ori­gi­nal grei­fen. Die Kurz­ge­schich­ten sind bei Kein&Aber neu auf­ge­legt. Ei­ni­ge fin­den sich in ei­ner von El­ke Hei­den­reich ge­le­se­nen Hör­buch­fas­sung.

Last but not least, für al­le, die we­der le­sen noch hö­ren möch­ten, sei auf den 1994 er­schie­ne­nen Film von Alan Ru­dolph „Mrs. Par­ker and the Vicious Cir­cle“ ver­wie­sen.

 

Mi­chae­la Karl, Noch ein Mar­ti­ni und ich lieg un­term Gast­ge­ber. Do­ro­thy Par­ker. Ei­ne Bio­gra­phie. Re­si­denz Ver­lag, 4. Aufl. 2011