Schwindelnde Höhen der Literatur

In ihrem neuen Roman „Schwindlerinnen“ spielt Kerstin Ekman mit den Lügen der Schriftsteller

Ekman, SchwindlerinnenVom Schwindel befallen weiß man nicht wo oben und unten. Ob links oder rechts, alles dreht sich, die Orientierung ist verwirrt, manchmal ganz und gar verloren. Als Schwindel werden auch Lügen bezeichnet, harmlose, lässliche. Sie offenbaren nicht jedem alles, bergen mindestens ein Geheimnis, sei es auch nur ein kleiner Trick. Aber wer kann schon ohne diese kleinen Tricks leben?  Sie dienen der Lebensbewältigung und nicht selten sind sie ein wichtiger Bestandteil des Metiers. Auch Schriftsteller bedienen sich als Illusionskünstler kreativer Schwindeleien, die nicht nur ihr Werk sondern auch ihre Person betreffen. Wenn auch der Großteil der Schreibkünstler inzwischen ihr öffentliches Ego als Bestandteil der Erfolgsstrategie begreift, so gibt es immer noch Autoren, die ihre Anonymität zu wahren wissen. Das Geheimnis um ihre Person scheint der Selbstschutz, ohne den keine Kunst entstehen kann.

So ergeht es auch Babro Andersson, kurz Babba, der Schriftstellerin in Kerstin Ekmans „Schwindlerinnen“. Von unattraktivem Äußeren bewegt sich die in einer Arbeiterfamilie großgewordene Babba unsicher zwischen Menschen. Als studierte Philologin bevorzugt sie die Gegenwart der Bücher. Sie arbeitet als Bibliothekarin in der Stadtbücherei, auf deren Karteikarten sie ihre Schreibideen notiert. Als sie eines Tages aus diesen Einfällen eine Geschichte spinnt, schickt ihr Freund diese ohne ihr Wissen an eine Zeitschrift. Das Ablehnungsschreiben offenbart ihr nicht nur den Verrat, sondern ebenso die Erkenntnis, daß sie, Babba Andersson, so wie sie wirklich ist, niemals als Schriftstellerin zu Ruhm gelangen könne. Dazu sei sie nun mal einfach weder flott noch attraktiv genug. „Leute, die schriftstellernde Frauen rühmten, liebten dieses Wort. Frauen sollten flott schreiben. Und rank und schlank sein.“

Hier kommt die andere Hauptfigur des Romans ins Spiel, Lillemor Troj. Sie erfüllt die aufgestellten Kriterien, weshalb Babba sie zur Stellvertreterin wählt. Sie wird ihr öffentliches Alias, unter ihrem Namen und mit ihrem Gesicht erscheint Babbas Literatur. Lillemor ist nicht nur äußerst vorzeigbar. Als Tochter aus gutem Haus weiß sie sich auf öffentlichem Parkett zu bewegen. Perfekt in Mode wie Manieren bewältigt sie den schriftstellerischen Smalltalk. Zudem tippt und redigiert sie, was Babba auf die Seiten des Spiralblocks schreibt. Lillemor achtet auf Logik und Struktur und spätestens, wenn beide Frauen die Ferienwochen in einer entlegenen Kate im Wald verbringen, wird Lillemor zu Babbas Co-Autorin.

Allerdings erfordert ihre gemeinsame Autorschaft immer stärkere Geheimhaltung. Nicht nur die Männer der beiden erweisen sich als Gefahr, auch ihre eigenen Mütter. Immer verdeckt vordergründig die Wahrheitsliebe die eigentlichen egoistischen Antriebe der Neugierigen. Dennoch gelingt es Beiden die Preisgabe ihres Tricks zu verhindern bis sie selbst zu Verrätern werden. In ihrem neuesten Romanentwurf enthüllt Babba die wahre Geschichte und sendet sie unter ihrem eigenen Namen an einen Verlag. Dieser vermutet Lillemor Troj hätte unter Pseudonym ihre Biographie verfasst und vermittelt den Text an deren Verlag, der wiederrum die vermeintliche Autorin damit konfrontiert.

Hier setzt „Schwindlerinnen“ ein. Wir lesen mit Lillemor Kapitel um Kapitel der ungeheuerlichen Wahrheit, die Babba Anderson in der Ich-Perspektive erzählt. Dazwischen erfahren wir, was Lillemor darüber denkt. Ihre Version schildert der allwissende Erzähler. Die Gegenüberstellung dieser beiden Wahrheiten erzeugt nicht nur den großen Reiz der Konstruktion, sondern auch eine Spannung, die durch den immerhin an die 500 Seiten starken Roman trägt. Kerstin Ekman, die in diesem Jahr achtzig Jahre alt wird, und deren vollständiger Name Kerstin Lillemor Hjorth Ekman aus Gründen der Wahrheit nicht unerwähnt bleiben soll, hat einen umfangreichen Roman geschrieben. Immerhin schildert sie über sechzig Jahre eines erfolgreichen Autorinnenlebens oder besser dreier erfolgreicher Autorinnenleben, Babbas, Lillemors, wie ihr eigenes, welches in Facetten in denen ihrer Stellvertreterinnen aufscheint. Wie Lillemor wurde auch Ekman zum Mitglied der Schwedischen Akademie erkoren, besitzt also ausreichende Information um diesen Aspekt in ihrer Literaturbetriebssatire subtil auszuleuchten. Sie zeigt, wie nicht nur in diesem Gremium Preise vergeben und anhand welcher Kriterien Preisträger gemacht werden. In diesem letztendlich politischen Geschäft zählt mehr Schein als Sein. Dies ist wahrlich keine neue Erkenntnis, wird aber in diesem Roman sehr schön in Szene gesetzt. Gleichzeitig gelingt Ekman ein Gesellschaftspanorama, in dem sie ihre Heldinnen von den restriktiven Fünfzigern über die Alternativkultur der nachfolgenden Jahrzehnte bis in die heutige Zeit begleitet. In eine Zeit, in der das Lesen eines richtigen Buches zu einem subversiven Akt werden kann, vor dessen Folgen Babba Anderson warnt:

Literatur schädigt das Gehirn und vermindert die Fruchtbarkeit.“

Kerstin Ekman, Schwindlerinnen, übers. v. Hedwig Binder, Piper Verlag, 1. Aufl. 2012

Ein Coffee-Table voller Madeleines

Marcel Proust in Bildern und Dokumenten

Im Herbst des letzten Jahres legte die Edition Olms mit Marcel Proust in Bildern & Dokumenten einen opulenten Bildband zu Ehren des berühmten Schriftstellers auf rechtzeitig zu seinem 90. Todestag am 18. November und vor dem Jahrestag des Erstausgabe des ersten Bandes der Recherche im Jahre 1913. Dieser großformatige mit Bildmaterial reich ausgestattete Band kann als Coffee-Table-Book neben einer Etagere voller Madeleines Bella Figura machen und die Empfindsamkeit seines Besitzers zur Schau stellen. Er kann aber noch viel besser die Welt der Recherche veranschaulichen, jenes Lebenswerks in sieben Bänden mit den vielen Seiten schöner Sätze. Dieses zu illustrieren, soweit überhaupt möglich, versammelt der Band Fotografien, Dokumente, Kunst und Dekor. Es finden sich Porträts von Proust, seiner Familie und den Freunden. Wir können Briefe, Urkunden und die berühmten Fragebögen studieren, Abbildungen der in der Recherche erwähnten Kunstwerke betrachten. Graphik und Gegenstände des Fin de Siècle vervollständigen das Zeitkolorit und Madeleine Lemaire, eine Freundin Prousts, die sich in Mme de Villeparisis und Mme Verdurin wiederfindet, streut ihre Aquarellblüten über viele Seiten.

Als Herausgeberin dieser Illustration fungiert Patrizia Mante-Proust, die Urgroßnichte des Dichters. Voller Familienstolz berichtet sie über den berühmten Onkel ihrer Großmutter Suzy, der einzigen Tochter von Marcels Bruder Robert. Patrizia Mante-Proust war elf Jahre alt als diese starb, und die stärkste ihrer Erinnerungen gilt neben dem Porträt Prousts von Jacques-Èmile Blanche, das im Salon der Großmutter hing bevor es in die Sammlung des Musée d’Orsay überging, der Entdeckung des Typoskripts von „Albertine disparue“ im Jahr 1986. Auch wenn sie alle Erwartungen hinsichtlich ererbter literarischer Tiefgründigkeit bescheiden ablehnt, äußert sie doch das Bonmot „Proust ist keine Frage des Lesens, sondern des Wiederlesens!“. Zum Abschluss des Vorworts erweist sie ihm auch phänotypisch Reverenz auf einem Porträt mit künstlich verhangenem Blick und auf einem Aquarell, das Ahn und Erbin als Radfahrer auf der Promenade von Cabourg zeigt.

Der Hauptteil des Bandes teilt sich in Kapitel, deren Texte die Proust-Forscherin Mireille Naturel verfasste. Sie lehrt an der Pariser Universität Sorbonne Nouvelle und ist Generalsekretärin der Société des Amis de Marcel Proust. Ein weiteres Element bilden Passagen der Recherche, die mit ausgewählten Abbildungen korrespondieren. In sechs Kapiteln wirft Naturel Schlaglichte auf die Bedeutung dieses Gesellschaftsromans und erinnert zugleich an den aktiven, vielseitig interessierten Proust.

Das erste Kapitel taucht ein in das Idyll der Kindheit in Illiers-Combray. Familienmitglieder, Ausschnitte aus Schul- und Studienzeit, das freiwillige Jahr beim Militär, aber auch die frühen Ferienaufenthalte in Cabourg entfalten ein „Kaleidoskop des Lebens“. Im zweiten Kapitel erfahren wir von Prousts Begegnungen und Beziehungen zu anderen Künstlern, wie Jacques-Èmile Blanche und Jean Cocteau, aber auch von seinem Zusammentreffen mit dem Verleger Gaston Gallimard. Das mondäne Leben des jungen Prousts in den Salons beeinflusst unmittelbar das Entstehen seines ersten literarischen Werks, Freuden und Tage. Die beiden folgenden Kapitel widmen sich zwei ganz wesentlichen Elementen, dem Lesen und der Kunst. Zeigt das eine, wie in Prousts Vorwort zu seiner Übersetzung von Ruskins Sésam et les Lys, Grundgedanken der Recherche bereits angelegt sind, so berichtet Naturel im folgenden Kapitel von Prousts Kunstverständnis und seinem synästhetischen Erleben der Eindrücke. Das Schlusskapitel widmet sich dem Entstehen des Romanwerks. Mit vielen Abbildungen verfolgt es die Ausarbeitung von Notizen zum Manuskript. Die Überarbeitung des Typoskripts mit den vielen eingefügten Paperoles für die zahlreichen Zusätze und Korrekturen könnte fast als Kunstwerk für sich betrachtet werden. Ein kurzer Abriss der Proust-Rezeption beendet das Kapitel und Buch. Es schließen sich Literaturverzeichnis wie Abbildungsnachweis und eine Transkription und Übersetzung der Textdokumente an sowie, was anscheinend nie fehlen darf, ein Rezept für Madeleines.

Ins Deutsche übersetzt wurde dieser insgesamt sehr schöne Bildband von Stefanie Kuballa-Cottone. Er bietet eine gute Ergänzung zu Marcel Proust, seinem Werk und seiner Welt, der jedoch zwei kleine Aber hinzufügt werden müssen. Nicht immer wirkt die Zusammenstellung der unterschiedlichen Abbildungsformate geglückt. Kleine Fotos mit abgerundeten Ecken neben einem großformatigen Rechteck oder alte und neue Aufnahmen auf einer Blütentapisserie erinnern an selbstgemachtes Fotobuchstyling. Das mag Geschmackssache sein. Keine Frage des Geschmacks sind jedoch die abfärbenden Drucke, die auf den weißen Flächen unschöne Flecken hinterlassen. Das hätte durch Sorgfalt bei der Herstellung vermieden werden können.

Nicht nur wegen des Titels darf die Rezension von Andreas Platthaus in der F.A.Z. nicht unerwähnt bleiben, Im Schatten später Nichtenblüten.

Mante-Proust, Patricia; Naturel, Mireille (Hg.), Marcel Proust in Bildern & Dokumenten, übers. v. Stefanie Kuballa-Cottone, Edition Olms Zürich 2012.

Klamauk auf Skios

Verwechslungsklamotte mit guten Dialogen — „Willkommen auf Skios“ von Michael Frayn

Erzählen Sie ihr, was Ihnen gerade einfällt. Sie muss nur sehen, dass jemand sich bemüht. Sagen Sie ihr das kleine Einmaleins auf. Sie wird es nicht verstehen. Ein Mund, der auf- und zugeht. Mehr wollen die meisten Leute hier nicht, wenn man es recht betrachtet. Und eins Ihrer netten Lächeln. “

Auf einem kleinen, kargen Inselchen in der griechischen Ägäis bahnt sich der Höhepunkt der Saison an. In einer exklusiven Kulturstiftung erwarten die nicht minder exklusiven Mitglieder aus Geld- und Bildungsadel den Jahresvortrag. Halten wird ihn Dr. Norman Wilfred, der als Vortragsreisender in Sachen Szientometrie seine gut gereiften Erkenntnisse schon seit Jahren weltweit verwurstet. Sein Antagonist, der junge, attraktive Oliver Fox will auf der Insel ein Wochenende mit seiner jüngsten Eroberung verbringen, deren Freundin Nikki wiederum als Assistentin der Stiftung den Vortrag organisiert. Nikki wartet am Flughafen als Wissenschaftler und Nichtsnutz gleichzeitig dort eintreffen. Von ihrer adretten Nettigkeit angezogen steuert der Nichtsnutz auf sie zu, gibt sich als erwarteter Wissenschaftler aus und die Verwicklungen beginnen.

Verwechslungskomödien haben mich noch nie besonders begeistert. Zwei Personen rutschen in die falschen Rollen und dann dauert es wegen etlicher Kapriolen quälend lange bis irgendeiner dahinter kommt. Alle Anwesenden sind geblendet von ihren eigenen Erwartungen. Sie halten den Falschen für den Richtigen und selbst eindeutige Hinweise bringen sie nicht auf die Spur. Sie verharren in Schafsstarre, unkritisch, leichtgläubig, großäugig und vertrauensselig. Das Funktionsprinzip solcher Geschichten ist die Schadenfreude der Zuschauer und Leser. Sie beobachten das Geschehen von außen, wissen mehr als die involvierten Figuren und amüsieren sich über deren Geschick. Meinem Humor entspricht dies nicht. Anfangs verspüre ich Mitleid mit dem Benachteiligten, der neben dem Glückspilz zum Zwangsinventar derartigen Klamauks zählt. Doch bald befällt mich der Wunsch die Sache aufzuklären. Wegen der Unerfüllbarkeit dieses Ansinnens werde ich schließlich so nervös, daß ich Film, Stück oder Roman verlasse.

Willkommen auf Skios“ habe ich zu Ende gelesen. Ein früherer Roman des Autors, „Das Spionagespiel“ hatte mich beeindruckt. Auch der neue Roman Frayns ist stilistisch sehr gut gemacht. Wortspiele und Anspielungen entlarven die nicht nur akademischen Eitelkeiten. Die raschen Wechsel von Perspektive und Schauplätzen enden stets mit einem Cliffhanger, der hohes Lesetempo erzeugt. Trotzdem vermochte der Inhalt der Story nicht mein Interesse zu wecken. Der Humor wirkt nicht schwarz und englisch sondern plump und dick aufgetragen. Immerhin bieten einige brillante Dialoge Vergnügen. Aber das war’s dann auch. Die intellektuelle Herausforderung einer einigermaßen plausiblen Auflösung dieses Kuddelmuddels spart sich Frayn. Seine Boulevardkomödie mündet in einer Slapstick-Explosion. Übrig bleiben Trümmer und heiße Luft.

Michael Frayn, Willkommen auf Skios, Carl Hanser Verlag, München 2012