Von Bücherwürmern und anderem Unbill

Neuauflage des historischen Werkes „Bücherfeinde“ verfasst von William Blades

In der eng­li­schen Über­set­zung der Bi­bel von 1551 heißt es in Psalm 91,5: „Du sollst dich nicht fürch­ten vor ir­gend­ei­nem Kä­fer bei Nacht:“ Die­ser Vers ver­hallt un­ge­hört in den Oh­ren west­li­cher Bi­blio­the­ka­re, die ih­re Kä­fer so­wohl tags als auch nachts fürch­ten, denn sie krab­beln in hells­tem Son­nen­licht über al­les und in­fi­zie­ren je­de Ecke und Rit­ze der Bü­cher­re­ga­le, die sie als ih­re neue Hei­mat aus­er­ko­ren ha­ben. Es gibt ein Ge­gen­mit­tel in Form ei­nes Pu­ders, das In­sek­ti­zid heißt, auf Bü­chern und Re­ga­len al­ler­dings sehr un­an­ge­nehm ist. Nichts­des­to­we­ni­ger hat es auf die­se Schäd­lin­ge ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen. Au­ßer­dem sei zur Be­ru­hi­gung ge­sagt, dass das In­sekt, so­bald es ir­gend­wel­che An­zei­chen von Krank­heit an der Tag legt, von sei­nen un­er­sätt­li­chen Mit­brü­dern mit dem­sel­ben Ge­nuss ver­zehrt wird wie fri­scher Ku­chenteig.“

Vor Scha­ben und Bü­cher­wür­mern wer­den sich mo­der­ne eBook-Be­sit­zer wohl kaum fürch­ten, um­so mehr der tra­di­tio­nel­le User des Pa­pier­me­di­ums und erst recht der Ge­bil­de­te ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te. In ei­nem sol­chen, ge­nau­er dem vor­letz­ten und da­mit Neun­zehn­ten leb­te und ar­bei­te­te Wil­liam Bla­des (1824–1890) als Buch­dru­cker und Re­stau­ra­tor. Als Lieb­ha­ber al­ter und neu­er Bü­cher ver­fass­te er 1888 ein Pam­phlet un­ter dem Ti­tel „The En­emies of Books“. Die­ses wur­de jetzt von der Wis­sen­schaft­li­chen Buch­ge­sell­schaft neu auf­ge­legt un­ter dem Her­aus­ge­ber Ha­rald Haar­kö­ter, dem es auch Über­set­zung und Ein­füh­rung ver­dankt.

Wer dar­in je­doch die Iden­ti­tät des land­läu­fig als Bü­cher­wurm be­ti­tel­ten Schad­in­sekts sucht, wird nicht er­folg­reich sein. Dem Quer­le­ser wird zwar ei­ne der­ar­tig be­ti­tel­te Zeich­nung von Ro­bert Hoo­kes aus dem Jahr 1665 ins Au­ge fal­len. Doch vor und hin­ter die­ser Ab­bil­dung steht ge­schrie­ben, daß es sich um ein ge­mei­nes Sil­ber­fisch­chen han­delt. Auch die­ses pflegt sich manch­mal in Bü­chern zu tum­meln, rich­tet aber we­nig Übel an.

Der Bü­cher­wurm exis­tiert folg­lich nicht, er taugt nur als lai­en­haf­ter Ober­be­griff für ein gan­zes Pan­op­ti­kum fa­ser­fres­sen­der Vie­cher. Grau­sig ge­nug bil­den die­se je­doch nur ei­nen klei­nen Teil all der Pla­gen und Wid­rig­kei­ten, de­nen Bü­cher vor über hun­dert Jah­ren aus­ge­setzt wa­ren. So al­ter­tüm­lich man­che der Ge­fah­ren an­mu­ten, so ak­tu­ell er­schei­nen ei­ni­ge noch heu­te. Ne­ben­bei stößt man auf his­to­ri­sche Fund­stü­cke und lernt ei­ni­ges über be­rühm­te Wer­ke his­to­ri­scher Ty­po­gra­phie.

Bla­des glie­der­te sei­ne Ab­hand­lung in zehn Ka­pi­tel, wel­che die zehn größ­ten Bü­cher­fein­de be­nen­nen. Dar­un­ter ne­ben den Ur­ge­wal­ten „Feu­er“ und „Was­ser“, auch „Gas und Hit­ze“, die mensch­li­chem Miss­brauch zu­zu­ord­nen­den „Staub und Ver­nach­läs­si­gung“, „Igno­ranz und Fa­na­tis­mus“. Er ent­larvt Schäd­lin­ge aus der Tier­welt „Der Bü­cher­wurm“ und „An­de­re Schäd­lin­ge“, so­wie mensch­li­che, „Buch­bin­der“, „Samm­ler“, „Dienst­bo­ten und Kin­der“.

Ge­lehrt und in amü­san­tem Ton­fall schreibt Bla­des ge­gen sie an. Er schil­dert die Ge­fahr der ers­ten Glüh­bir­nen, die in der Bi­blio­thek des Bri­ti­schen Mu­se­ums fun­ken­sprü­hend Lek­tü­re und Le­ser Brand­wun­den zu­füg­ten. Da die Al­ter­na­ti­ve Dun­kel­heit und da­mit Le­se­ver­zicht be­deu­tet hät­te, nahm der Bi­blio­phi­le das Ri­si­ko in Kauf.

Wir er­fah­ren, daß der Gold­schnitt nicht nur als Zier son­dern ei­gent­lich dem Staub­schutz dien­te und le­sen von ba­nau­sen­haf­ten Bi­blio­the­ka­ren in alt­ehr­wür­di­gen Col­le­ge­bi­blio­the­ken. Nicht nur die­sen wa­ren ih­re Schutz­be­foh­le­nen schnup­pe, noch üb­ler spiel­ten ge­wief­te Ver­wer­ter den Schrif­ten mit, die sie als Zünd­ma­te­ri­al oder Klo­pa­pier schän­de­ten. Doch Bla­des lobt in­mit­ten die­ser Hor­ror­mel­dun­gen auch die hel­den­haf­ten Ken­ner, die um den Wert der Tex­te wuss­ten und so man­ches Klein­od vor Scha­fott und Klo­sett ret­te­ten.

Herz­zer­rei­ßend er­schei­nen die Be­mü­hun­gen des Au­tors um sei­ne Wurm­brut. Um den Feind zu iden­ti­fi­zie­ren, sam­mel­te er Lar­ven, wo sie ihm zwi­schen den Sei­ten be­geg­ne­ten, und setz­te sie in klei­ne Schach­teln. Dort be­ob­ach­te­te er ei­nen „mit jü­di­scher Über­lie­fe­rung voll­ge­stopf­ten grie­chi­schen Wurm“, füt­ter­te an­de­re mit Boe­thi­us-Frag­men­ten und Caxt­on-Schnip­seln. Meist ver­star­ben sie schon nach we­ni­gen Wo­chen. Nur der Grie­che „gab sein Le­ben mit ex­tre­mer Ver­zö­ge­rung auf und ver­starb in­nig­lich be­trau­ert von sei­nem Hal­ter, der sich sehr auf sei­ne end­gül­ti­ge Ent­wick­lung ge­freut hät­te.“ Bes­ser ge­lingt dem For­scher ei­ne for­mi­da­ble Wurm­sta­tis­tik über Ka­li­ber und Durch­hal­te­ver­mö­gen der Wür­mer und trös­tet uns heu­ti­ge Noch-Buch­le­ser mit der Fest­stel­lung, daß mo­der­nes Pa­pier den Schäd­ling eke­le.

In den fol­gen­den Ka­pi­teln wen­det Bla­des sich dem Mensch als Schäd­ling zu. An ers­ter Stel­le nennt er die Buch­bin­der. Die Dru­cker hin­ge­gen spart er aus, nicht weil sie un­schul­dig wä­ren, son­dern weil Bla­des nicht als Nest­be­schmut­zer gel­ten möch­te. Da­bei hat­te er si­cher­lich auch für sei­ne Be­rufs­ge­nos­sen schon ei­ne dantesk’sche Be­stra­fung er­son­nen. Die Buch­bin­der, de­ren Un­tat die star­ke Rand­be­schnei­dung der Bü­cher sei, woll­te er am liebs­ten über de­ren ei­ge­nen Pa­pier­res­ten rös­ten.

Es fol­gen die Samm­ler, die Sau­ber­ma­cher und schließ­lich ei­ne Pla­ge, die wohl je­der schon er­lebt hat, die Kin­der. So­fort stimmt man Bla­des und mit ihm Ho­raz zu, „Gro­ßer Ekel schlägt auf den Ma­gen, wenn ein Kna­be Bü­cher mit fet­ti­gen Hän­den be­grapscht“.

Kennt­nis­reich er­läu­tert Hek­tor Haar­köt­ter zu Be­ginn Per­son und Werk Wil­liam Bla­des. Au­ßer die­ser 20-sei­ti­gen Ein­füh­rung nebst Bi­blio­gra­phie, er­stell­te er zu­dem ei­nen An­mer­kungs­ap­pa­rat. Das Buch sei Bü­cher­wür­mern und ih­ren Fein­den emp­foh­len.

Wil­liam Bla­des, Bü­cher­fein­de (1888), hrsg. u. übers. v. Hek­tor Haar­köt­ter, 1. Aufl. 2012 Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft Darm­stadt

Die Sicht der kleinen Schwester

Ab jetzt ist Ruhe“ — Marion Braschs Roman ihrer fabelhaften Familie

Das ist ein Ro­man, ein so­ge­nann­ter bio­gra­phi­scher. Ei­ne Au­to­bio­gra­phie soll er par­tout nicht sein, ob­wohl die Au­torin Ma­ri­on Brasch von sich und ih­rer Fa­mi­lie er­zählt. War­um? Zu vie­le Aus­las­sun­gen, Un­ge­nau­ig­kei­ten, Phan­ta­sie? Viel­leicht, weil nicht al­le und al­les ex­akt be­nannt wur­de? Viel­leicht, weil man­che, der knapp Ver­klau­su­lier­ten noch le­ben und Un­ge­nau­es be­kla­gen könn­ten? Wohl kaum.

Der Ro­man, der sei­ne Haupt­fi­gur Ma­ri­on Brasch in chro­no­lo­gi­scher Fol­ge von ih­ren El­tern, ih­ren Brü­dern und na­tür­lich von sich selbst er­zäh­len lässt, liest sich wie die Ge­schich­te ei­ner Ju­gend in den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern.

Nur fand die­se Ju­gend in der DDR statt, dort wur­de Ma­ri­on Brasch 1961 ge­bo­ren. Ih­re El­tern, über­zeug­te Kom­mu­nis­ten, die sich im Lon­do­ner Exil ken­nen­ge­lernt hat­ten, emi­grier­ten 1946 in die DDR. Der Va­ter Horst Brasch mach­te po­li­ti­sche Kar­rie­re als stell­ver­tre­ten­der Kul­tur­mi­nis­ter, wäh­rend sei­ne drei her­an­wach­sen­den Söh­ne im­mer stär­ker ge­gen das Re­gime der SED re­bel­lier­ten. Die um et­li­che Jah­re jün­ge­re Ma­ri­on Brasch schil­dert die­se kon­flikt­rei­che Fa­mi­li­en­ent­wick­lung aus der Sicht der klei­nen Schwes­ter. Fast über die gan­ze Län­ge des Buchs spricht ein Kind, ei­ne Ju­gend­li­che, ei­ne jun­ge Er­wach­se­ne. Über Po­li­tik oder das Le­ben in der DDR wird folg­lich kaum re­flek­tiert. Eben­so we­nig ste­hen die Be­weg­grün­de des Va­ters, des­sen po­li­ti­sche Über­zeu­gun­gen im Vor­der­grund. Über die Brü­der, Tho­mas Brasch, den Schrift­stel­ler und Re­gis­seur, den Schau­spie­ler Klaus Brasch und den Dra­ma­ti­ker Pe­ter Brasch, die sie nicht beim Na­men nennt, son­dern als äl­te­rer, mitt­le­rer und jün­ge­rer Bru­der be­zeich­net, er­fah­ren wir nicht mehr als be­reits be­kannt. Im Vor­der­grund steht die Ent­wick­lung der jun­gen Frau, ih­re Pu­ber­tät, der Tod der Mut­ter und das Zu­sam­men­le­ben mit dem Va­ter nach­dem die Brü­der aus­ge­zo­gen wa­ren. Der Al­ko­hol- und Dro­gen­kon­sum der drei Künst­ler­brü­der nimmt im Buch grö­ße­ren Raum ein als po­li­ti­sche Ein­stel­lung oder be­ruf­li­che Er­fol­ge. Auch die Frau­en der Brü­der wer­den mit kind­li­chem Blick ge­schil­dert. Die Schau­spie­le­rin mit den wun­der­schö­nen, tie­fen Au­gen, die mit war­men Ar­men und ei­ner kind­li­chen Stim­me, die hel­le Tän­ze­rin und die mit vie­len dunk­len Lo­cken und schö­nem Ge­sicht, sie tau­chen nur am Ran­de auf. Die flüch­ti­gen Be­schrei­bun­gen, de­nen ei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung fehlt, ma­chen sie aus­tausch­bar. Eben­so wie die vie­len Lieb­schaf­ten der jun­gen Prot­ago­nis­tin, de­ren En­de stets auf die glei­che Wei­se er­zählt wird. „Als das Jahr zu En­de ging, lie­ßen wir uns los.”

Ma­ri­on Braschs Ju­gend war kei­ne be­lie­bi­ge Ju­gend in den letz­ten Jahr­zehn­ten des letz­ten Jahr­hun­derts, kei­ne Ju­gend ist dies je. Aber sie war tra­gisch, denn das Schick­sal be­stimm­te sie zur Ein­zi­gen noch Le­ben­den ih­rer Fa­mi­lie.

Ih­re Schil­de­run­gen glei­chen ta­ge­buch­ar­ti­gen Er­in­ne­run­gen, sie mö­gen der Auf­ar­bei­tung die­nen, aber es fehlt an Tie­fe. Sie en­den da, wo man ger­ne mehr ge­wusst hät­te. Un­ver­ständ­lich wirkt die Be­zeich­nung Ro­man. In ei­nem In­ter­view be­zeich­net die Ra­dio­jour­na­lis­tin Ma­ri­on Brasch ih­re Angst vor der feh­len­den Ob­jek­ti­vi­tät als Grund kei­ne Bio­gra­phie ge­wagt zu ha­ben. Als ob ei­ne Au­to­bio­gra­phie ei­ne ob­jek­ti­ve An­ge­le­gen­heit wä­re. Mehr Sub­jek­ti­vi­tät hin­ge­gen hät­te nicht ge­scha­det, ein we­nig da­von fin­det man in ih­rem Web­log, der Bil­der und Na­men der im Buch er­wähn­ten Freun­de und Künst­ler nach­lie­fert.

Ein leicht les­ba­rer Ro­man, der mich ent­fernt an die Bü­cher der von mir sehr ge­schätz­ten ös­ter­rei­chi­schen Au­torin Chris­ti­ne Nöst­lin­ger er­in­nert. Viel­leicht ist es aber auch die­ser Sound des Deutsch­pops, der in Sät­zen mit­schwingt wie „Wir lieb­ten uns im Dun­keln und dann ver­lieb­ten wir uns im Hel­len“ oder „Al­les war gut, bis es nicht mehr gut war“ und den Le­ser in die Zeit der Acht­zi­ger ver­setzt. Da der Gret­chen Sack­mei­er-Ho­ri­zont kaum über­schrit­ten wird, eig­net sich der Ro­man auch sehr gut als Lek­tü­re für Ju­gend­li­che.

 

Sieben — Deutscher Buchpreis 2012

Kaum Überraschendes in der Longlist

Im Jahr 2005 wur­de der Deut­sche Buch­preis ins Le­ben ge­ru­fen. Ich fand es da­mals sehr span­nend als mit­ten im Hoch­som­mer vor der Frank­fur­ter Buch­mes­se die Lis­te mit den 20 Kan­di­da­ten für den bes­ten deut­schen Ro­man ver­öf­fent­licht wur­de. Wir jag­ten nach dem Le­se­pro­ben­heft, tausch­ten Ti­tel und grün­de­ten Le­serun­den, spe­ku­lier­ten und dis­ku­tier­ten. In­zwi­schen sind sie­ben Jah­re ver­gan­gen, in de­nen für mich die Luft raus und die Lust dar­an nicht mehr so groß ist.

Acht Mal wech­sel­te die Zu­sam­men­set­zung der Ju­ry. Ih­re jet­zi­gen sie­ben Mit­glie­der, An­dre­as Isen­schmid, Dirk Knipp­hals, Ste­phan Lohr, Jut­ta Per­son, Oli­ver Jun­gen, Chris­tia­ne Schmidt und Sil­ke Grund­mann-Schlei­cher ha­ben auf Face­book ih­re Ent­schei­dungs­fin­dung be­bil­dert. Das wirkt put­zig und mag zeit­ge­mäß sein. Das Re­sul­tat ih­rer Be­mü­hun­gen fällt je­doch we­nig über­ra­schend aus.

Die Hälf­te der Au­toren ist vor 1960 ge­bo­ren, zwar ver­birgt sich in die­ser Li­ga al­ter Li­te­ra­ten auch ein De­bü­tant, der aus Ös­ter­reich stam­men­de Ar­gen­ti­ni­er Ger­mán Kra­toch­wil, die üb­ri­gen sind längst be­rühmt. Auch un­ter den Jün­ge­ren fin­den sich et­li­che, die be­reits ein­mal für den Deut­schen Buch­preis oder sei­nen Zwil­ling aus Leip­zig no­mi­niert wa­ren oder ei­nen der bei­den gar ge­won­nen ha­ben, von an­de­ren re­nom­mier­ten Li­te­ra­tur­prei­sen nicht zu re­den. Ei­ne auf­fäl­li­ge Schnitt­men­ge er­gibt sich auch mit der SWR-Bes­ten­lis­te, auf der sie­ben der Ro­ma­ne im ent­spre­chen­den Zeit­raum ver­zeich­net wa­ren.

Vie­le der Ro­ma­ne sind al­so in den Räu­cher­kam­mern der Li­te­ra­tur­bei­la­gen und Sen­dun­gen gut ab­ge­han­gen. So er­fuh­ren wir dank Wolf­gang Her­les wie es in Au­gus­tins blau­em Haus aus­sieht oder lie­ßen uns von An­dre­as Platt­haus in der F.A.Z. ei­ni­ge der Bü­cher emp­feh­len. So­gar in der Blog­welt kur­sier­ten et­li­che der Neu­erschei­nun­gen.

Ne­ben die­ser satt­sam ge­lob­ten Feuil­le­ton­wa­re fin­det sich zum Glück auch we­ni­ger Be­kann­tes. Ger­mán Kra­toch­wills Scher­ben­ge­richt, Mi­cha­el Roes Die Lau­te und Ulf Erd­mann Zieg­ler Nichts Wei­ßes. An­ge­li­ka Mei­ers zwei­ter Ro­man Heim­lich, heim­lich mich ver­giss klingt für mich so in­ter­es­sant, daß ich ihn als Nächs­tes le­sen wer­de.

Ei­ne App mit al­len Le­se­pro­ben so­wie das aus den Vor­jah­ren be­kann­te Heft­chen sol­len En­de Au­gust er­schei­nen. Gu­te Buch­hand­lun­gen wer­den es im sieb­ten Jahr wohl end­lich vor­rä­tig ha­ben. Bei der Mu­se auf dem Best­sel­ler­berg ar­bei­tet man si­cher schon am dbp-Sta­pel.

Wel­chen der Ti­tel die Bü­cher­ab- oder bes­ser Be­stim­mer auf der Short­list be­las­sen, ver­öf­fent­li­chen sie am 12. Sep­tem­ber. Die Preis­ver­lei­hung er­folgt am 8. Ok­to­ber.

 

Lon­g­list Deut­scher Buch­preis 2012:

Donau vs. America

 In „Tod auf der Donau“ schildert Michal Hvorecky eine handlungsreiche Donauflussfahrt

Nicht nur in der Slo­wa­kei sind die Ver­dienst­mög­lich­kei­ten li­te­ra­ri­scher Über­set­zer rar und schlecht. Dies treibt man­chen Jung­aka­de­mi­ker un­ter ein be­rufs­fer­nes, aber pe­ku­ni­är ein­träg­li­ches Joch jen­seits sei­nes geis­ti­gen Ni­veaus. Auch Mar­tin Roy, der Prot­ago­nist in Mi­chal Hvor­eckys Do­nau­ro­man, ist trotz be­ruf­li­cher Er­fol­ge ge­zwun­gen ei­nen der­ar­ti­gen Job an­zu­neh­men. Die­ser bringt Geld, ihn je­doch oft ge­nug an den Rand sei­ner Ge­duld. An­statt sich um Wor­te und In­ten­tio­nen von Dich­tern zu küm­mern, bin­det er nun Ba­nau­sen Bä­ren auf den Wohl­stands­bauch. Ist Mar­tin der Fähr­mann über den Ache­ron? Je­de Men­ge Tod­ge­weih­ter nimmt er in sei­nen Na­chen auf und lässt sich dies in Mün­ze und gu­ten Be­wer­tun­gen ver­gel­ten. Nur das si­chert sei­nen Pos­ten. Sei­ne wah­ren Pas­sio­nen ver­leug­net er pro­fes­sio­nell und ver­dingt sich als Kreuz­fahrt­knecht. Freund­lichst zu Diens­ten, je­der­zeit ein ex­zel­lent säu­selnd, or­ga­ni­siert und er­klärt er, hilft wei­ter, auch wo es kaum mehr geht, be­sorgt über­ge­wich­ti­gen Be­hin­der­ten hel­fen­de Hän­de für die Trieb­ab­fuhr und er­läu­tert den Ah­nungs­lo­sen ver­blüf­fen­de Fak­ten.

Mar­tin, bit­te, was ist Ba­rock? Die Frau Rei­se­füh­re­rin hat es ei­ni­ge Ma­le er­wähnt“, fragt Jef­frey und beugt sich über den Schal­ter.

Dar­über brauchst du dir nicht den Kopf zu zer­bre­chen. Das habt ihr in Ame­ri­ka nicht.“

Wirk­lich nicht?“

Ba­rock war ei­ne ita­lie­nisch-po­li­ti­sche Dik­ta­tur, die noch vor der Go­tik in Eu­ro­pa herrsch­te. Sehr bö­se, ob­skur und ge­fähr­lich!“

Gut, dass wir das in Ame­ri­ka nicht ha­ben! So was brau­chen wir auch nicht. Was wir jetzt brau­chen ist ei­ne gu­te Wirt­schafts­la­ge und Ord­nung.“

Sein Sar­kas­mus scheint die ein­zi­ge Not­wehr ge­gen die ver­ord­ne­te zu­cker­sü­ße Freund­lich­keit. Die­se stößt ihm je­doch um­so bit­te­rer auf je län­ger die Rei­se von Re­gens­burg bis zum Schwar­zen Meer dau­ert. Auch un­ter der Be­sat­zung fühlt sich Mar­tin fremd.

An Bord leb­te Mar­tin in ei­ner Män­ner­ge­sell­schaft. Von mor­gens bis abends at­me­te er ei­ne Luft, die mit Män­ner­ge­rü­chen ge­sät­tigt war. Er ge­wöhn­te sich an ih­re Ges­ten, den schnel­len Gang, die ver­rauch­ten Stim­men und ver­sof­fe­nen Au­gen. Die meis­ten moch­te er auch auf ge­wis­se Art und Wei­se, al­ler­dings war dies mehr ei­ne Zweck­ge­mein­schaft, ihm blieb gar nichts an­de­res üb­rig, er woll­te nicht ver­rückt wer­den.“

Ein­zig der Fluss, die Do­nau, ent­schä­digt ihn. Sie ver­strömt ei­ne An­zie­hung, die er seit sei­ner Kind­heit in Bra­tis­la­va ge­spürt hat.

Die Do­nau er­in­ner­te an ei­ne lang ge­zo­ge­nen Schlan­ge, de­ren Kopf im Schwar­zen Meer lag, ihr Kör­per brei­te­te sich über den ge­sam­ten Kon­ti­nent aus, und die Schwanz­spit­ze ver­lor sich ir­gend­wo im Schwarz­wald. Der Fluss fas­zi­nier­te ihn. Dort­hin muss­te er mal fah­ren! Die Schlan­ge hat­te ihn fas­zi­niert.“

Mar­tin taucht ein in die Er­in­ne­run­gen an sei­ne Kind­heit in Bra­tis­la­va, sein Ver­steck an der Ufer­bö­schung, sei­ne Lie­be zum Fluss und zu ei­ner Frau. Ge­nau die­se er­scheint plötz­lich an Bord, Mo­na, die Mar­tin noch mehr de­mü­tig­te als sei­ne Pas­sa­gie­re es je ver­mö­gen, und de­ren vi­ta­le Ero­tik auf die­sem Grei­sen­schiff kei­nen un­pas­sen­de­re Büh­ne hät­te fin­den kön­nen. Sie löst nicht nur in Mar­tin ein Cha­os aus. Ihr Han­deln führt ins Ab­sur­de, ist un­be­re­chen­bar und ge­fähr­lich wie die Stru­del der Do­nau.

Doch die MS Ame­ri­ca hält un­be­irr­bar ih­ren Kurs seit Re­gens­burg, der Stadt mit der Stei­ner­nen Brü­cke an den drei Flüs­sen, die sehr wohl weiß, was Ba­rock be­deu­tet. Auf all ih­rer schö­nen Ge­schich­te prangt je­doch ein Ma­kel, dem Hvor­ecky im Ver­lauf sei­nes Bu­ches nach­geht, die Ver­fol­gung der Ju­den. Die Do­nau spielt als Ret­te­rin wie als töd­li­ches Ver­häng­nis ei­ne schick­sal­haf­te Rol­le. Es über­zeu­gen die stil­len his­to­ri­schen Me­men­ti. Er­schüt­tern­de Er­in­ne­run­gen von Ver­fol­gung und Angst, in de­nen die schö­ne, blaue Do­nau oft schwarz und häss­lich wirkt.

Viel­fäl­tig sind auch die li­te­ra­ri­schen Zi­ta­te, dar­un­ter sei vor al­lem Do­nau, Bio­gra­phie ei­nes Flus­ses von Clau­dio Magris ge­nannt.

Al­ler­dings fragt man sich ge­gen En­de, ob die Mor­de nicht eher ein Ne­ben­bei sind. Schließ­lich lö­sen sie sich zwar nicht in Wohl­ge­fal­len aber in ele­men­ta­rer Wei­se auf. Er­freu­li­cher als die ver­ein­zel­ten Schwarz-Weiß-Fo­tos wä­re ei­ne Do­nau­kar­te ge­we­sen.

Doch das sind nur äu­ße­re Kri­tik­punk­te an die­sem er­fri­schend an­ders­ar­ti­gen Do­nau­ro­man, des­sen Lek­tü­re fast je­dem emp­foh­len sei.

Mit dem Buch­ti­tel, im Ori­gi­nal „Dun­aj v Ame­ri­ke“, der nicht wie sei­ne deut­sche Ver­si­on auf den be­kann­ten Klas­si­ker Aga­tha Chris­ties an­spielt, evo­ziert Hvor­ecky ei­nen Wett­kampf. Des­sen Ver­lauf, die Kon­tra­hen­ten, ih­re Auf und Ab, er­zählt er mit vie­len Ne­ben­strän­gen, nicht oh­ne ein ful­mi­nan­tes Show­down aus­zu­spa­ren.

Der von der Ro­bert Bosch Stif­tung Grenz­gän­ger ge­för­der­te Ro­man ist bei Tro­pen/­Klett-Cot­ta er­schie­nen und von Mi­chal Sta­va­ric aus dem Slo­wa­ki­schen über­setzt.

In­ter­views und wei­te­re De­tails zum Ro­man fin­den sich auf dem Blog des Au­tors zum Buch.

Mi­chal Hvor­ecky, Tod auf der Do­nau, übers. v. Mi­chal Sta­va­ric, Tro­pen/­Klett-Cot­ta, 1. Aufl. 2012