Zwischen Kanälen und Karpfenluftmatratzen

In „Fische füttern” erzählt Fabio Genovesi vom Erwachsenwerden in der italienischen Provinz

Zu­ge­ge­ben we­der Sport­fi­schen noch Rad­ren­nen zäh­len zu den mich en­thu­si­as­mie­ren­den Be­schäf­ti­gun­gen, den­noch ha­be ich „Fi­sche füt­tern“ des ita­lie­ni­schen Au­tors Fa­bio Ge­no­ve­si ger­ne ge­le­sen. Auch die­ser Ro­man wid­met sich dem Lieb­lings­the­ma der dies­jäh­ri­gen Li­te­ra­tur, dem Er­wach­sen­wer­den.

Die gan­ze Ebe­ne ist von Ka­nä­len durch­zo­gen, Was­ser­grä­ben, die al­le mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Sie füh­ren mehr oder we­ni­ger das­sel­be Was­ser, sind schnur­ge­ra­de, schmal, voll Schlick und mit Schilf an den Ufern. Da­zwi­schen die Fel­der, auf de­nen nichts Grü­nes wächst. Tat­säch­lich spre­chen man­che von den „Ka­nä­len”, an­de­re vom „Ka­nal”. Wenn man je­des Teil­stück für sich nimmt, sind es vie­le, aber von oben be­trach­tet ist es ein rie­si­ges dunk­les Netz, das wie ein schwar­zes Git­ter über dem Ort und der Land­schaft liegt.“

Die Ge­schich­te spielt in ei­nem klei­nen Dorf in der von Ka­nä­len durch­zo­ge­nen Ebe­ne na­he Pi­sa. Ge­no­ve­si nennt sei­nen fik­ti­ven Hand­lungs­ort Muglio­ne, was wie er auf sei­nem Blog er­läu­tert mit Mur­meln, Brum­men, Rau­schen über­setzt wer­den kann. Muglio­ne exis­tiert al­so nicht, aber zahl­lo­se Or­te, die ihr Schick­sal mit ihm tei­len. Sie ha­ben we­der ih­ren Be­woh­nern noch Tou­ris­ten viel zu bie­ten, aber trotz­dem ei­nen spe­zi­el­len Reiz. Si­cher hat mir die­se Ge­schich­te auch ge­fal­len, weil ich das Buch in ei­nem ganz ähn­li­chen ita­lie­ni­schen Pro­vinz­nest ge­le­sen ha­be. Wäh­rend al­ler­dings dort noch zwei Bars als dörf­li­che Treff­punk­te dien­ten, so muss­te die ein­zi­ge Bar Muglio­nes schlie­ßen. Der Be­sit­zer war auf der Wild­schwein­jagd ver­un­glückt. Ein Trau­er­fall, be­son­ders für sei­ne vor­wie­gend äl­te­ren Stamm­kun­den. Sie fin­den je­doch bald ei­nen Er­satz­treff­punkt auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. Dort hat vor kur­zem un­ter der Lei­tung von Ti­zia­na der Ju­gend­treff er­öff­net. Ti­zia­na ist nach dem En­de ih­res Stu­di­ums in ih­ren Ort zu­rück­ge­kehrt, sie möch­te et­was für ihn tun und vor al­lem den Ju­gend­li­chen ei­ne Per­spek­ti­ve ge­ben. Zu die­sen zählt der 19-jäh­ri­ge Fio­ren­zo und wie sei­ne Al­ters­ge­nos­sen denkt er gar nicht dar­an den Ju­gend­treff zu be­tre­ten. Er trifft sich lie­ber mit den Jungs sei­ner Band, Me­tal De­vas­ta­ti­on. Ge­mein­sam träu­men sie vom gro­ßen Durch­bruch auf dem kom­men­den Rock­fes­ti­val in Pon­te­de­ra. Die rea­len Din­ge des Le­bens, Schu­le und Fa­mi­lie schei­nen Fio­ren­zo ab­han­den ge­kom­men. Vor al­lem die Be­zie­hung zu sei­nem Va­ter, mit dem er seit dem Tod der Mut­ter al­lei­ne aus­kom­men muss. Die­ser be­sitzt den ein­zi­gen An­gel­la­den  in Muglio­ne, das Ma­gic Fi­shing. Sei­ne zwei­te Lei­den­schaft ge­hört dem Rad­sport. Als Ju­gend­trai­ner gilt sei­ne be­son­de­re Auf­merk­sam­keit dem vier­zehn­jäh­ri­gen Mir­ko aus dem Mo­li­se. Un­ter skur­ri­len Um­stän­den hat­te er ihn dort ent­deckt und für sei­nen Ver­ein an­ge­wor­ben. Mir­ko wohnt nun in Fio­ren­zos Zim­mer, das die­ser un­ter Pro­test ge­gen das Hin­ter­zim­mer im Ma­gic Fi­shing ge­tauscht hat. Dort schläft er auf Sä­cken vol­ler Fisch­kö­der und träumt von der Zu­kunft.

Ich lag mit of­fe­nen Au­gen im Dun­keln, und es wur­de im­mer lau­ter. Zum Glück fing ab und zu der Kühl­schrank an zu brum­men, oder ein Au­to fuhr vor­bei und über­tön­te es kurz. Aber dann kam es wie­der, ein gleich­för­mi­ges Rau­schen, ver­mischt mit ei­nem leich­ten Krat­zen. Mil­lio­nen Wür­mer und Mil­li­ar­den Füß­chen schar­ren die gan­ze Nacht im Dun­keln in ih­ren klei­nen Kis­ten und su­chen nach ei­nem Aus­weg, den es nicht gibt.“

Was wie der un­spek­ta­ku­lä­re All­tag ei­ner Dorf­ju­gend klingt baut Ge­no­ve­si zu ei­ner span­nen­den Ge­schich­te aus, der es al­ler­dings nicht an nach­denk­li­chen Mo­men­ten fehlt. Er über­rascht mit un­er­war­te­ten Wen­dun­gen und amü­siert mit skur­ri­len De­tails. Wir er­fah­ren, wie die nächt­li­chen Ge­räu­sche von Fisch­fut­ter zu Ge­dan­ken an den To­de füh­ren kön­nen oder ge­fälsch­te Por­no­bil­der zu ei­nem Auf­trag für den Va­ti­kan. In sprit­zi­gen Dia­lo­gen ver­mag Ge­no­ve­si auf sehr ita­lie­ni­sche Art mit Iro­nie und Ge­fühl Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­ten sei­ner Fi­gu­ren zu schil­dern. Er be­glei­tet sie auf ih­rer Su­che nach den Din­gen, die sie wirk­lich tun möch­ten, selbst­be­stimmt oh­ne die Er­war­tun­gen der an­de­ren er­fül­len zu müs­sen.

Wich­ti­ge ge­sell­schaft­li­che The­men wie Mi­gra­ti­on, Spit­zen­sport und Jour­na­lis­mus wer­den kri­tisch an­ge­spro­chen. Ei­nen gro­ßen Raum nimmt die sehr le­ben­dig er­zähl­te Er­fah­rung der ers­ten Lie­be und Se­xua­li­tät ein.

Aber dies ist nicht nur ein Ro­man­zo di For­ma­zio­ne, der die Ori­en­tie­rungs­schwie­rig­kei­ten der jun­gen Ge­nera­ti­on auf­greift. Ge­no­ve­si zeigt in ihm sei­ne Lie­be zur Hei­mat und sei­ne Lei­den­schaf­ten. Das Ge­dicht Der Re­gen im Pi­ni­en­hain des ita­lie­ni­schen Li­te­ra­ten Ga­brie­le D’Annunzio wird durch Fio­ren­zos In­ter­pre­ta­ti­on zum Lie­bes­bo­ten und kul­mi­niert in ei­ner ge­träum­ten Pro­phe­tie.

Im Ori­gi­nal trägt der Ro­man den Ti­tel Esche vi­ve, Le­ben­de Kö­der. Die spie­len ganz kon­kret als Schlaf­stät­te im Ma­gic Fi­shing, aber auch im über­tra­ge­nen Sin­ne ei­ne Rol­le. Doch ich will nicht zu viel ver­ra­ten.

Der Au­tor Fa­bio Ge­no­ve­si, der in sei­nem Blog Esche vi­ve viel von sich und sei­nem Buch be­rich­tet, macht sei­ne Pas­sio­nen zu den Ge­gen­stän­den des Ro­mans. Er schreibt nicht nur Bü­cher und Thea­ter­stü­cke, son­dern auch für Mu­sik­jour­na­le. Au­ßer­dem ist er  Sport­ang­ler, Rad­sport­trai­ner und in­ter­es­siert sich für Hor­ror­fil­me.

Er kennt sich al­so aus mit den The­men des Le­bens.

Ein Un­ter­hal­tungs­ro­man mit Sub­stanz und viel Ita­lia­ni­tà, in dem nicht nur Ju­gend­li­che noch et­was ler­nen kön­nen.

Fa­bio Ge­no­ve­si, Fi­sche füt­tern (Esche vi­ve), über. v. Ri­ta Seuß u. Wal­ter Kög­ler, Lüb­be, 1. Aufl. 2012

Bachmannpreis 2012 — Rückschau

Kleine Kritik der Kritik

Der Wett­be­werb ist vor­bei, ge­won­nen hat ihn Ol­ga Mar­ty­n­o­va mit ih­rem Text „Ich wer­de sa­gen: Hi“. Wei­te­re Prei­se gin­gen an Nawrat, Kränz­ler und Mahl­ke. Trav­nicek er­hielt den Pu­bli­kums­preis, was we­nig über­rasch­te.

Eben­so we­nig über­ra­schen konn­ten ei­ni­ge Mit­glie­der der Kri­ti­ker­run­de, sie neig­ten zu den im­mer glei­chen Aus­sa­gen und Ver­hal­tens­mus­tern. So kris­tal­li­sier­ten sich be­reits am Nach­mit­tag des ers­ten Ta­ges spe­zi­fi­sche Re­ak­tio­nen der ein­zel­nen Ju­ry­mit­glie­der her­aus. Co­ri­na Ca­duff be­müh­te ger­ne das Ar­gu­ment der Dis­kur­si­vi­tät. Sie hin­ter­frag­te die The­men­stel­lung der Tex­te und ob Li­te­ra­tur da­zu noch et­was bei­tra­gen kön­ne. Soll­te man dann das li­te­ra­ri­sche Schrei­ben nicht ganz auf­ge­ben, und sich auf Sprach­ex­pe­ri­men­te ver­le­gen, wie sie in die­sem Jahr Has­sin­ger ein­reich­te? Da­zu hat aber auch Ca­duff we­der Zeit noch Lust. Lieb­lings­wort: „dis­kur­siv“.

Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler prä­sen­tier­te sich und ih­ren Zu­hö­rern meist ei­ne klei­ne Nach­er­zäh­lung des Ge­hör­ten. An­statt Ver­ständ­nis er­zeug­te dies bei  mir eher das Ge­fühl hilf­los dem Re­de­schwall ei­ner Leh­re­rin aus­ge­lie­fert zu sein. Tref­fens­tes Wort: „Le­bens­plau­der­ton“.

Burk­hard Spin­nen führ­te viel Ge­re­de zu­nächst in sei­ne ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit be­vor er zum Kern der Sa­che ge­lang­te. Wenn über­haupt. Ei­ni­ge Ma­le zö­ger­te er sei­ne Mei­nung zu äu­ßern  oder er­in­ner­te wei­se dar­an, daß je­der li­te­ra­ri­sche Text An­stren­gung er­for­de­re. Lieb­lings­satz: „Ich kann al­lem zu­stim­men, was bis­her ge­sagt wur­de.“

Die an­de­ren Mit­glie­der ver­blüff­ten durch­aus, so Mei­ke Feß­mann mit ih­ren so­zi­al­the­ra­peu­ti­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­an­sät­zen und den Ver­wei­sen auf Sur­rea­les. Kri­tischs­tes Wort: „Du“

Hu­bert Win­kels er­klär­te mit ei­nem in­ter­pre­ta­to­ri­schen Pfau­en­rad die In­fla­ti­on wil­der Hun­de­na­men. Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­lichs­te Ana­ly­se: „Kon­tra­fak­tur des Dschun­gel­buchs“

Da­nie­la Stri­gl und Paul Jandl hör­te ich am liebs­ten zu, weil sie be­grün­det und klar ih­re Mei­nung äu­ßer­ten. Jandl ge­bührt der Preis für die amü­san­tes­ten Kurz­kri­ti­ken und Stri­gl für ih­ren Da­ckel Mow­g­li und die Hüh­ner­kopf­ab­tren­nungs­all­er­gie. Die­se Bei­den müs­sen auf je­den Fall blei­ben, falls es im kom­men­den Jahr Än­de­run­gen in der Ju­ry­zu­sam­men­set­zung ge­ben soll­te.

Auch Än­de­run­gen am Re­gle­ment wür­de ich be­grü­ßen. War­um kön­nen die Tex­te nicht ei­ni­ge Stun­den vor der Le­sung on­line ge­stellt wer­den? So hät­ten Au­toren und Zu­hö­rer der Sprach­ex­pe­ri­men­te grö­ße­res Ver­ständ­nis.

Die Vor­stel­lungs­fil­me der Au­toren wir­ken meist pein­lich und aus der Not ge­bo­ren. Die be­ab­sich­tig­te Aus­sa­ge­kraft ist eher ge­ring. Kön­nen sich die Au­toren über­haupt da­mit iden­ti­fi­zie­ren? Ein gu­tes In­ter­view wä­re ei­ne Al­ter­na­ti­ve.

Ei­ne klei­ne Re­form wür­de auch der Ju­ryab­stim­mung nicht scha­den. Bis­her zieht sie sich um­ständ­lich in die Län­ge, weil je­der Ju­ror zu­nächst für seine(n) ei­ge­nen Kan­di­da­ten stimmt. Wä­re es nicht bes­ser die­se Op­ti­on aus­zu­schlie­ßen?

Ich er­war­te ge­spannt das nächs­te Jahr und hof­fe, daß die­ses Li­te­ra­tur­er­eig­nis wei­ter­hin live über­tra­gen wird.

Bis da­hin kann man sich auf fol­gen­den Blogs noch mal der bes­ten TDDL-Mo­men­te 2012 er­in­nern:

Die Bü­cher­säu­fer

Denk­ding

Jo­han­nes Stein­berg

Li­te­ra­tur­ca­fe

Vor­spei­sen­plat­te

walk-the-li­nes

Zei­len­ki­no

Bachmannpreis 2012 –TDDL – Federmair, Feimer

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Nachmittag, 7.7.2012

Leo­pold Fe­der­mair, li­te­ra­ri­scher Über­setz­ter und seit 2006 in Hi­ro­shi­ma le­bend, er­öff­ne­te den Nach­mit­tag des letz­ten Ta­ges mit dem Text „Aki”. Vor­ge­schla­gen wur­de der Kan­di­dat von Da­nie­la Stri­gl. Fe­der­mair ver­blüff­te durch die An­kün­di­gung den mitt­le­ren Ab­satz auf Sei­te neun aus­zu­las­sen. Wei­sungs­ge­mäß ha­be ich mich des Le­sens ent­hal­ten. Es gab schon ge­nug fruch­ti­ge Ge­schlechts­tei­le in die­sem pu­ber­tä­ren Ak­ne­text, der mich bei je­der Nah­auf­nah­me zu ei­nem Blick auf Fe­der­mairs Ge­sicht zwang. Bob Dyl­an hat’s nicht leich­ter ge­macht. Wäh­rend der Ju­ryrun­de film­te Fe­der­mair die­se mit ei­ner klei­nen Di­gi­tal­ka­me­ra. Das wirk­te auf mich wie ver­schäm­tes Fan­ver­hal­ten. Soll­te es ei­ne pro­vo­ka­ti­ve Per­for­mance wer­den, wä­re ein gro­ßer Cam­cor­der doch viel wir­kungs­vol­ler ge­we­sen.

Al­so ei­ne wei­te­re Co­m­ing-of-Age-Ge­schich­te, be­ginnt Win­kels, be­tont ein­fach.

Nicht ge­lun­gen, fin­det sie Mei­ke Feß­mann, weil sie durch die Mas­ke ei­ner weib­li­chen Er­zäh­le­rin ge­schil­dert wer­de. Die­se Tarn­fi­gur, die die Ge­schich­te spren­ge, kön­ne nicht über männ­li­ches Kör­per­wis­sen ver­fü­gen.

Auf die Kel­ler­sche Nach­er­zäh­lung folg­te die Fra­ge nach dem Er­zähl­mo­tiv der Fi­gur. Ver­schie­de­nes funk­tio­nie­re nicht so ganz, aber die Spra­che mit ih­ren poe­ti­schen Be­schrei­bun­gen und wun­der­ba­ren Pas­sa­gen ge­fällt Kel­ler gut. Sie zwei­felt al­ler­dings, ob das zu ei­ner Kell­ne­rin pas­se.

Spin­nen ver­bie­tet, Gen­der­pro­ble­me bei Er­zäh­ler­stim­men an­zu­mel­den und er­in­nert sich an die ir­ren Ty­pen bei Ke­rou­ac und in sei­ner Ju­gend.

Dass es durch­aus er­zäh­len­de Kell­ne­rin­nen ge­be, die dies so­gar sehr in­ter­es­sant könn­ten, dar­über klärt Da­nie­la Stri­gl auf. Ihr ge­fällt die ver­gif­te­te Nost­al­gie die­ser Ge­schich­te, die so schlecht rie­che und stark über die sinn­li­che Ebe­ne ar­bei­te­te.

Feß­mann ar­gu­men­tiert aber­mals mit dem un­lo­gi­schen Kör­per­wis­sen.

Dies sei, so Jandl, die Ge­schich­te ei­nes Span­nungs­ab­falls, trau­rig und mit zu we­nig Dra­ma­tik.

Ca­duff spricht end­lich den per­for­ma­ti­ven Akt des Au­tors an. Sie ge­steht sich ei­ne neu­tra­le Hal­tung zu, da sie an­fangs von ei­ner ja­pa­ni­schen Ge­schich­te aus­ging, und die­se Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on nicht mehr aus dem Kopf be­kä­me.

Wie­der ein­mal holt Spin­nen weit aus be­vor er zum Text kam. Die letz­ten Zei­len ge­fal­len ihm gut, sie bers­ten vor Be­deu­tung, im üb­ri­gen Text hin­ge­gen ge­be es zu vie­le Leer­stel­len.

Stri­gl wen­det ein, dies sug­ge­rie­re den münd­li­chen Er­zähl­ton der Fi­gur, was auch die vie­len Red­un­dan­zen zei­gen.

Nach Jandl sei der jun­ge Mann nicht mit Ta­lent, son­dern mit Ak­ne ge­schla­gen. Das sei kein Ir­rer-Ty­pen-Text, wie Spin­nen mei­ne, er spie­le im Pro­vinz­mi­lieu, weit weg von Ke­rou­ac.

Feß­mann kon­sta­tiert, die­se Kind­heits­ge­schich­te rei­ße al­le nicht vom Ho­cker. Sie hat­te, auf­grund der Aus­lands­er­fah­rung des Au­tors, et­was ganz er­war­tet, ähn­lich sei es ihr bei Mos­ter er­gan­gen. Die et­was ab­ge­stan­de­nen hei­mat­li­chen Er­in­ne­run­gen fin­de sie lang­wei­lig.

Dar­auf­hin kri­ti­siert Stri­gl, Feß­mann wol­le er­klä­ren, was sich der Au­tor ge­dacht ha­be. Au­ßer­dem sei ei­ne sti­cki­ge ja­pa­ni­sche Kind­heit kaum in­ter­es­san­ter als ei­ne sti­cki­ge ös­ter­rei­chi­sche Pro­vinz­kind­heit.

Mit Ge­plau­der schloss Spin­nen die Dis­kus­si­on.

Isa­bel­la Fei­mer be­en­de­te als Kan­di­da­tin von Co­rin­na Ca­duff den Wett­be­werb. Ihr Text „Ab­ge­trennt“ er­zählt vom Lie­bes­kum­mer ei­ner Frau.

Win­kels er­öff­net die Dis­kus­si­on mit der auf­mun­tern­den Kri­tik, dies hät­te ein gu­ter Text wer­den kön­nen. Ihm schien die Dra­ma­tik in der Be­zie­hung je­doch zu stark in­stru­men­ta­li­siert. Die hö­ri­ge Frau iden­ti­fi­zie­re sich mit dem kopf­lo­sen Huhn. Vie­les kön­ne sub­ti­ler sein.

Mei­ke Feß­mann in­ter­pre­tiert den Text an­ders. Dies sei die Ge­schich­te ei­nes un­nö­ti­gen Ab­schieds ei­ner neu­ro­ti­schen Frau. Die Frau le­be ei­gent­lich in ei­ner glück­li­chen Be­zie­hung, fürch­te aber ver­las­sen zu wer­den, und tren­ne sich des­halb.

Ca­duff führt den Deu­tungs­rei­gen fort, die Frau sei schon ver­las­sen wor­den. Sie spre­che von der Ver­let­zung her­aus in das En­de hin­ein. Der Text sei ein Brief oder ei­ne Re­tro­re­de.

Kel­ler lobt die kon­zep­tu­el­le Klar­heit, da­durch wis­se sie, was er­zählt wird und war­um. Trotz­dem fin­de sie die Ge­schich­te nicht be­son­ders be­rüh­rend, die Ab­hän­gig­keit ha­be sie nicht wahr­ge­nom­men.

Da­nie­al Stri­gl fin­det das von Win­kels ein­ge­führ­te At­tri­but „hö­rig“ durch­aus pas­send. Ihr Haupt­pro­blem sei, daß der Text zu viel Ge­fühl zei­ge, der Vor­trag ha­be dies noch be­tont, und da­mit eher ge­scha­det. Au­ßer­dem ge­steht sie ih­re All­er­gie ge­gen die im­mer wie­der auf­tau­chen­den Hüh­ner­kopf­ab­tren­nungs­ge­schich­ten in der Li­te­ra­tur. Es sei auch kei­ne glück­li­che Idee, die Ge­lieb­te mit ei­nem kopf­lo­sen Huhn gleich zu set­zen.

Jandl kri­ti­siert den Text als kleb­ri­ge Schla­ger­poe­sie.

Ca­duff er­klärt, die Ich-Er­zäh­le­rin su­che ih­re Ich-Stim­me, die sie erst in der Poe­sie der Schlus­ses wie­der­ge­win­ne.

Nach­fra­ge Jandls, ob sie ge­le­sen ha­be, um wel­che Poe­sie es sich han­de­le.

Win­kels be­zeich­net es als Ma­so­chis­mus-Poe­sie.

Kel­ler hat kei­ne Poe­sie ge­fun­den und bit­tet um Hin­wei­se.

Spin­nen dankt Stri­gl we­gen der Hüh­ner-All­er­gie und gab zum Schluss der dies­jäh­ri­gen Le­sun­gen Jandl ein­mal recht, auch wenn er mit der har­ten Form der For­mu­lie­rung nicht ein­ver­stan­den sei.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Nawrat, Senkel

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Dritter Tag, Vormittag, 7.7.2012

Nach ei­ner sehr bier­phi­lo­so­phi­schen Film­vor­stel­lung er­öff­ne­te Mat­thi­as Nawrat den Vor­mit­tag des drit­ten Wett­be­werb­ta­ges. Der Kan­di­dat von Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler las den Text „Un­ter­neh­mer“. Ich-Er­zäh­le­rin ist die pu­ber­tie­ren­de Toch­ter ei­nes Elek­tro­schrott­aus­schlach­tungs­fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens im süd­li­chen Schwarz­wald. Zu­nächst schil­dert Nawrat die pre­kä­ren, le­bens­ge­fähr­li­chen Zu­stän­de die­ser Ar­beit mit vie­len me­tall­ur­gi­schen De­tails, dann kon­zen­triert sich der Text auf die früh­se­xu­el­len Kör­per­er­fah­run­gen sei­ner Fi­gur.

Stri­gl in­ter­pre­tiert die­se merk­wür­di­ge Fa­mi­lie, die ein Klein­un­ter­neh­men der spe­zi­el­len Art be­trei­be, als Par­odie auf das Fa­mi­li­en­idyll. Ele­men­te des Schel­men­ro­mans ent­de­cke sie, wenn selbst exis­ten­ti­el­le Nie­der­la­gen glo­ri­fi­ziert wer­den. Gleich­zei­tig sei es ei­ne Pu­ber­täts­ge­schich­te. Sie wür­dig­te die be­son­de­re Spra­che die­ses süß­schmerz­haf­ten Tex­tes, der ihr ge­fal­le.

Auch Jandl wer­tet den Text po­si­tiv. Die Spra­che sei zart, der Text ori­gi­nell, er kön­ne ans Herz ge­hen.

Al­len bis­he­ri­gen po­si­ti­ven Ur­tei­len kann Spin­nen fol­gen. Er fragt nach, ob es sich um ei­nen ab­ge­schlos­se­nen Text han­de­le. Denn die Dar­stel­lung der schlich­ten selt­sam be­hü­te­ten Welt von ka­put­ten Din­gen schwen­ke un­ver­mit­telt in ei­ne sehr schlich­te Pu­ber­täts­ge­schich­te.

Win­kels be­stä­tig­te die­sen Ein­druck. Er emp­fand Un­ein­heit­lich­keit, der Text sei ver­rutscht und zu dis­pa­rat.

Kel­ler er­greift das Wort um ih­ren bei­den Kol­le­gen auf die Sprün­ge zu hel­fen. (Pu­bli­kums­ap­plaus) Es gin­ge um die Rol­le des Mäd­chens in­ner­halb der Fa­mi­lie, die für die­ses Un­ter­neh­men als Fir­men­spre­che­rin fun­gie­re. Sie iden­ti­fi­zie­re sich so stark mit die­ser Auf­ga­be, daß sie auch die tech­ni­sier­te Spra­che über­neh­me. Die­se Kin­der­per­spek­ti­ve wer­de fast bis zum En­de durch­ge­hal­ten. Erst die Lie­be öff­ne ihr ein Fens­ter aus der Trost­lo­sig­keit. Ver­gleich mit John Stein­beck, Von Mäu­sen und Men­schen.

Schwie­rig­kei­ten, die Ebe­nen aus­zu­lo­ten, hat Co­rin­na Ca­duff. Sie be­kennt che­mi­sche Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, die sie durch Goog­le zu be­he­ben such­te. Toll fand sie die af­fir­ma­ti­ve Er­zähl­per­spek­ti­ve der Toch­ter. Sprach­lich sei der Text sehr in­ter­es­sant, nicht zu­letzt, weil der Au­tor ei­nen Lehr­gang in Biel be­legt ha­be. Sie be­grü­ße je­den Au­tor, der sich ei­ner li­te­ra­ri­schen Aus­bil­dung un­ter­zie­he.

Mei­ke Feß­mann hat in dem Text ei­ne mo­der­ne Va­ri­an­te von Hän­sel und Gre­tel ent­deckt. Sie wi­der­spricht der Par­odiein­ter­pre­ta­ti­on Stri­gls. Als li­te­ra­ri­sche Par­al­le­le sieht sie ei­ne ins mär­chen­haft ge­wan­del­te Ago­ta Kris­tof.

Stri­gl weist dar­auf hin, daß die­se Fa­mi­lie, die ei­ne Ge­sund­heits­ge­fähr­dung ih­rer Mit­glie­der hin­nimmt, kei­nes­falls rea­lis­tisch ge­meint sein kön­ne. Ihr ge­fal­le die­ser Hu­mor.

Paul Jandl kri­ti­siert Feß­manns Kris­tof-Ver­gleich. Auch Kel­lers In­ter­pre­ta­tio­nen miss­fal­len ihm.

Spin­nen kri­ti­siert zum En­de der Dis­kus­si­on noch ein mal, daß die Ge­schich­te der Fa­ve­la-Fa­mi­lie mit Kem­pow­ski-Sprü­chen nicht wei­ter ge­führt wird, son­dern in ei­ne Pu­ber­täts­ge­schich­te über­geht.

Mat­thi­as Sen­kel stell­te mit „Auf­zeich­nun­gen aus der Kur­an­stalt“ die noch feh­len­de Li­te­ra­tur­be­triebs­sa­ti­re die­ses Wett­be­werbs zur Dis­kus­si­on. No­mi­niert wur­de er von Paul Jandl.

Hu­bert Win­kels ge­fällt die klu­ge und wit­zi­ge Ge­schich­te. Die Li­te­ra­tur­be­trieb-Sa­ti­re der klas­si­schen Art sei wie ein Mö­bi­us­band kon­stru­iert. Al­les, was Au­ßen­welt sein könn­te, könn­te auch in der An­stalt ge­schrie­ben wor­den sein. So ent­ste­he die End­los­schlei­fe, in der Rea­li­tät und Phan­ta­sie ab­wech­seln. Der Pro­to­koll­stil je­doch hat Win­kels auf Dau­er ein we­nig ver­dros­sen. Er räumt al­ler­dings ein, daß die star­re Spra­che der Preis sei, da­mit die Sa­ti­re funk­tio­nie­re.

Dies sei die ty­pi­sche Kla­gen­furt-Schreib­ge­schich­te, so Feß­mann. Sie ver­mis­se al­ler­dings den gu­ten Sprach­stil. Da der Sprach­witz feh­le, sei die Ge­schich­te lang­wei­lig.

Hin­ge­gen hät­te Ca­duff ger­ne mehr von Sen­kel ge­hört, aber in ei­nem 200-sei­ti­gen Ro­man. In der Idee lie­ge ganz viel Po­ten­ti­al.

Jandl er­klärt, daß der Pro­to­koll­stil Mit­tel der Sa­ti­re sei. Dies ma­che den Witz erst deut­lich. Ge­schil­det wer­de ein pa­ra­nor­ma­ler Li­te­ra­tur­be­trieb.

Mei­ke Feß­mann glaubt, Rein­hard Lettau hät­te ei­ne sol­che Ge­schich­te bes­ser ge­schrie­ben.

Jandl ver­wehrt sich über Rein­hard Lettau zu spre­chen. Der Stil ha­be sei­ne Be­rech­ti­gung, sei eben nur sehr sub­til.

Feß­mann wirft ein, er sei sprach­lich arm. Ca­duff un­ter­stützt sie, Jandl ha­be ei­ne ganz an­de­re Les­art.

Stri­gl be­en­det den Dis­put mit der Fra­ge, war­um sie im­mer mehr von den Au­toren woll­ten als de­ren Tex­te be­inhal­ten. Die­ser sei sehr raf­fi­niert ge­macht. Die Spra­che kön­ne man dem Text nicht vor­wer­fen. Sie räumt ein, daß die Ge­schich­te al­ler­dings et­was an Fahrt ver­lie­re.

Der Text schenkt Kel­ler vie­le Aha-Ef­fek­te, ihr ge­fällt, daß er im­mer wie­der ei­ne neue Rich­tung ein­schlug.

In­ten­ti­on der Ge­schich­te sei es, die Künst­lich­keit von Li­te­ra­tur sicht­bar zu ma­chen und ein Nach­den­ken über die­se aus­zu­lö­sen, so Jandl.

Spin­nen hob zum Schluss­wort an, in­dem er sich wie­der ein­mal mit al­len Äu­ße­run­gen ein­ver­stan­den er­klär­te. Er lie­be zwar Tex­te über Schaf­fens­nö­te nicht, da sie sei­ne ei­ge­ne Si­tua­ti­on wie­der­spie­geln, le­se sie aber aus Be­rufs­in­ter­es­se den­noch. Es folgt ein lan­ger Ver­gleich mit ei­ner Zir­kus­vor­stel­lung, den Jandl mit der Aus­sa­ge „Ihr In­ter­es­se an In­tel­li­genz ist mir ge­läu­fig“ be­en­de­te.

Bis mor­gen die Preis­trä­ger ge­kürt wer­den, lohnt sich ein Blick auf die Au­to­ma­ti­sche Li­te­ra­tur­kri­tik der Rie­sen­ma­schi­ne.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Kränzler, Froehling

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt –Der Nachmittag, 6.7.2012

Li­sa Kränz­ler, die von Hu­bert Win­kels vor­ge­schla­ge­ne Kan­di­da­tin er­öff­ne­te die Le­sung am Nach­mit­tag. Sie über­zeug­te durch ei­nen sou­ve­rä­nen Vor­trag, in­dem sie die ver­schie­de­nen Hand­lungs­ebe­nen al­lei­ne durch die Mo­du­la­ti­on ih­rer Stim­me zu un­ter­schei­den wuss­te. Auch sprach­lich be­fin­det sich der Text auf höchs­tem Ni­veau. Dies passt al­ler­dings mei­ner An­sicht nach nicht zur Ich-Er­zäh­le­rin die­ser Ge­schich­te. Es han­delt sich um ein Mäd­chen im Kin­der­gar­ten­al­ter, das sich wohl kaum so elo­quent und re­fle­xi­ons­reich äu­ßern kann, wie ei­ne Kan­di­da­tin im Bach­mann-Wett­be­werb. Dass die­ses Kind im Al­ter zwi­schen drei und sechs auch noch sein se­xu­el­les Er­wa­chen er­lebt, macht die gan­ze Sa­che für mich um­so un­glaub­wür­di­ger. Scha­de, hät­te die Au­torin die Prot­ago­nis­tin nur um we­ni­ge Jah­re äl­ter ge­wählt, so daß wir viel­leicht ei­ner Fünft­kläss­le­rin oder ei­ner früh­rei­fen Grund­schü­le­rin fol­gen wür­den, wä­re die­se Ge­schich­te preis­ver­däch­tig.

Doch dies ist mei­ne Mei­nung, die Ju­ry äu­ßer­te Fol­gen­des.

Spin­nen er­öff­net die Dis­kus­si­on mit der Er­kennt­nis, daß kei­ner von uns in die Kind­heit zu­rück­keh­ren kön­ne. Man­che Schrift­stel­ler schaf­fen es, daß kind­li­che Be­wußt­sein in ih­rem Wer­ken dar­zu­stel­len. Aber es stün­de nun mal nicht mehr zur Ver­fü­gung.  Er lobt die gro­ße sprach­li­che Sou­ve­rä­ni­tät des Tex­tes, die Sät­ze ha­ben die Au­ra des Per­fek­ten. Dies sei­en Mit­tel, über die man al­ler­dings erst ver­fü­ge, wenn die Kind­heit vor­bei sei.

Als bö­se Mäd­chen­ge­schich­te über Miss­brauch und frü­he Se­xua­li­sie­rung, in der vor al­lem auch der von den Me­di­en aus­ge­hen­de Miss­brauch deut­lich wer­de, deu­tet Mei­ke Feß­mann den Text. Er sei li­te­ra­risch gut ge­macht und sehr un­heim­lich.

Ca­duff hegt ge­spal­te­ne Ge­füh­le, da sie ei­ne gro­ße Dis­kre­panz zwi­schen Spra­che und In­halt sieht. Die Spra­che sei durch­ge­ar­bei­tet, sehr prä­zi­se und re­fle­xi­ons­ge­sät­tigt. Na­tür­lich sei auch die­ses The­ma sehr dis­kur­siv.

Auch Kel­ler ver­weist auf die Schwie­rig­keit des Tex­tes das kind­li­che Be­wußt­sein glaub­wür­dig ab­zu­bil­den. Es wer­den Spie­le zwar so dar­ge­stellt, als sei die Fi­gur ein Kind, be­schrie­ben wer­den sie je­doch aus der Er­wach­se­nen­per­spek­ti­ve. Als Bei­spiel nann­te sie die Lö­sungs­mit­tel des Ed­ding­stif­tes.

Von der ero­ti­schen Ver­zü­ckung an­ge­tan zeigt sich Da­nie­la Stri­gl. Ihr ge­fällt, daß Na­men und Or­te als aus­tausch­bar dar­ge­stellt wur­den. Al­ler­dings hat der Text sie nicht an al­len Stel­len über­zeugt. So schei­ne das „Du“ un­ver­mu­tet auf­zu­tau­chen.

Win­kels wen­det ein, daß „Du“ tau­che auf als der Fi­gur klar wer­de, daß sie ver­liebt sei. Er sei auch ganz hin und weg ge­we­sen von dem Text, es ha­be ihn in den Ses­sel ge­drückt. Die Dis­kre­panz zwi­schen kind­li­cher Fi­gur und Spra­che dür­fe man ei­nem li­te­ra­ri­schen Text nicht vor­wer­fen.

Im wei­te­ren wird ein we­nig über die ver­schie­de­nen Tie­re ge­spro­chen, bis Feß­mann, zu Recht fin­de ich, ein­wirft, die Tie­re ver­wan­del­ten sich in die­sem Text al­le in Se­xu­al­ob­jek­te.

Zum Schluss lobt Jandl das ho­he äs­the­ti­sche Re­fle­xi­ons­ni­veau, was über dem des Vor­mit­tags lie­ge. The­ma des Tex­tes sei das Chan­gie­ren zwi­schen Zärt­lich­keit und Ge­walt. Ein sprach­lich in­ten­siv durch­ge­ar­bei­te­ter Text.

Si­mon Fro­eh­ling las mit „Ich wer­de dich fin­den“ den Aus­zug aus ei­nem Ro­man, der die me­di­zi­nisch-tech­ni­schen und die ethisch-re­li­giö­sen Hin­ter­grün­de ei­ner Or­gan­spen­de zum The­ma hat. Er ist der Kan­di­dat von Co­rin­na Ca­duff.

Nach­dem Kel­ler ih­re Ver­si­on des Tex­tes nach­er­zählt hat, ge­steht die Re­li­gi­ons­wis­sen­schaft­le­rin, sie tei­le die Fas­zi­na­ti­on für Fi­gu­ren, die aus dem Jen­seits spre­chen.

Stri­gl be­dau­ert, daß der Au­tor sich nicht an sein ei­ge­nes Sto­ry­lehr­buch ge­hal­ten ha­be, und zi­tiert: „Das Er­zäh­len von Sto­rys ist die schöp­fe­ri­sche De­mons­tra­ti­on von Wahr­heit. Ei­ne Sto­ry ist der le­ben­di­ge Be­weis ei­ner Idee, die Um­wand­lung ei­ner Idee in Hand­lung.“ Der Text dis­ku­tie­re die Trans­plan­ta­ti­ons­phi­lo­so­phie, be­ant­wor­te je­doch die in­ter­es­san­ten Fra­gen nicht be­frie­di­gend. Ei­gent­lich sei es ei­ne bie­de­re, haus­ba­cke­ne und vor­her­sag­ba­re Phi­lo­so­phie. Stri­gl ver­weist auf: Sa­bi­ne Gru­ber, Über Nacht.

Hu­bert Win­kels stört die brä­si­ge Schil­de­rung des Nie­ren­pa­ti­en­ten im Kran­ken­haus.

Paul Jandl amü­siert sich über die er­zäh­len­de Nie­re und kri­ti­siert bei die­ser „See­len­wan­de­rung qua Nie­re“ sei die See­le be­reits aus­ge­trie­ben. Kran­ken­haus­tech­ni­sche Din­ge wer­den im Über­fluss ge­nannt und die kit­schi­ge Grab­sze­ne ma­che es auch nicht bes­ser.

Spin­nen greift das Stich­wort Trans­plan­ta­ti­ons­phi­lo­so­phie wie­der auf und über­legt, was E.T.A. Hoff­mann wohl dar­aus ge­macht hät­te. Der Text zei­ge die me­ta­phy­si­sche Her­aus­for­de­rung der Or­gan­spen­de.

Für Mei­ke Feß­mann funk­tio­niert der Text leid­lich gut. Ihr Li­te­ra­tur­hin­weis: Slaven­ka Dra­ku­lic, Le­ben spen­den.

Jetzt steu­ert auch Win­kels ei­nen Ti­tel bei: Da­vid Wag­ner, Für neue Le­ben, wo­für der Au­tor stan­te pe­de sei­nen Dank twit­tert (sprich­daskind).

Die Text­ment­o­rin Co­rin­na Ca­duff be­grüßt leicht an­ge­säu­ert die zu­sam­men­ge­tra­ge­ne Li­te­ra­tur­samm­lung der Kol­le­gen. Dann kri­ti­siert sie selbst ih­ren Kan­di­da­ten, in dem sie ih­ren Lieb­lings­ein­wand, das The­ma sei sehr dis­kur­siv, ein­wirft. Aber die phan­tas­ma­ti­sche Be­zie­hung zum ver­stor­be­nen Spen­der sei die li­te­ra­ri­sche Auf­ga­be, der sich der Text ge­stellt ha­be.

Mir hat der Text nicht ge­fal­len, zu­viel Kran­ken­haus­pro­sa, fast schon Arzt­ro­man. Ir­ri­tiert hat mich au­ßer­dem, daß der Au­tor ganz an­ders aus­sah als auf sei­nen Fo­tos, zu­ge­ge­ben bes­ser, aber fast schon zu schön. Typ­be­ra­tung? Und dann die­ser An­ker auf der In­nen­sei­te des Un­ter­arms, zum Glück trug er kein blau­ge­streif­tes Hemd. Ja, gut, man muss sich da­von frei­ma­chen und soll­te auch die Vor­stel­lungs­vi­de­os bes­ser nicht be­ach­ten. Ei­nen Li­te­ra­tur­hin­weis möch­te ich nicht bei­steu­ern.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Mahlke, Travnicek, Martynova

Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt – Zweiter Vormittag, 6.7.2012

In­ger-Ma­ria Mahl­ke er­öff­ne­te mit der Le­sung ih­res sehr ein­dring­li­chen Tex­tes den zwei­ten Tag des Be­werbs. Vor­ge­schla­gen wur­de die Kan­di­da­tin von Burk­hard Spin­nen. Im vor­ge­stell­ten Ro­man­aus­schnitt er­zählt die Prot­ago­nis­tin in der Du-Form von ih­rem Sohn Lu­kas, den sie ver­las­sen will, von ih­rem Job im Back-Shop und der neu­en Kar­rie­re als Do­mi­na. Der Text nimmt mich so­fort ge­fan­gen. Es stellt sich ein ähn­li­ches Ge­fühl ein wie bei der Ha­der­lap-Le­sung im letz­ten Jahr. Für mich ist In­ger-Ma­ria Mahl­ke die Fa­vo­ri­tin auf den Bach­mann­preis.

Als ers­te Stim­me der Ju­ry mel­det sich Hil­de­gard Kel­ler zu Wort. Nach­dem sie ih­re Ver­si­on des Tex­tes er­klär­te, sprach sie von Ein- und Aus­peit­sche­rei und stör­te sich sehr an dem „Du“. Die Au­torin scheue sich ins In­ne­re zu ge­hen. Kel­ler ver­miss­te ein Herz in der Ge­schich­te.

Die­se ge­fiel Hu­bert Win­kels hin­ge­gen sehr gut. Be­son­ders die Nah­auf­nah­men der ver­schie­de­nen Wel­ten, sei es Back-Shop, Mut­ter­welt oder Sa­do­welt be­ein­druck­ten ihn. Ei­ni­ges blei­be je­doch un­klar, so die Be­weg­grün­de der Frau, ih­ren Sohn zu ver­las­sen.

Spin­nen macht dar­auf auf­merk­sam, daß es sich ja nur um ei­nen Aus­schnitt aus ei­nem grö­ße­ren Text han­de­le. Die Frau tue Un­säg­li­ches und rin­ge dar­um.

Ca­duff wi­der­spricht Kel­lers Su­che nach dem Her­zen. Der Text zei­ge nur die Ober­flä­che, wol­le kei­ne Re­fle­xi­on und kei­ne Psy­cho­lo­gie. Sie fin­det ihn ganz toll. Ei­ne freud­lo­se Exis­tenz in Käl­te und Aus­weg­lo­sig­keit, die von Mahl­ke gna­den­los kon­se­quent dar­ge­stellt wer­de.

Mei­ke Feß­mann er­öff­net die „Du“-Interpretation. Sie be­zeich­net es als so­zi­al­the­ra­peu­ti­sche An­spra­che, die Kon­trol­le be­ab­sich­tigt. Sie fin­det den Text sprach­lich öde.

Spin­nen wi­der­spricht, das „Du“ sei not­wen­dig, um in die­ser Si­tua­ti­on am Le­ben zu blei­ben.

Stri­gl, die im „Du“ ei­ne Selbst­an­spra­che sieht, emp­fin­det den Text wohl­tu­end, da er dem Le­ser nichts auf­drän­ge, nichts er­klä­re. Er funk­tio­nie­re nur mit die­sem „Du“ und er über­ra­sche auf meh­re­ren Ebe­nen.

Auch Jandl wi­der­spricht Feß­manns Du-Deu­tung. Dies sei kein Ikea-Du, es sei mo­ra­lisch be­dingt.

Ca­duff führt die öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se an, die die­ses „Du“ dar­stel­le, sie wie­der­spricht Stri­gls Selbst­an­spra­che-In­ter­pre­ta­ti­on.

Die wei­te­re Du-De­bat­te lie­fert ein Karl-Marx-Du von Spin­nen und Kel­lers Web-Cam-Du. Feß­mann er­wei­tert ih­re Kri­tik an dem Text durch den Vor­wurf von Kli­schees und Un­ge­reimt­hei­ten. Sie bleibt aber die Ein­zi­ge in der Run­de, der die­se Le­sung nicht ge­fal­len hat.

Als zwei­te Kan­di­da­tin des Ta­ges trat die von Win­kels no­mi­nier­te Cor­ne­lia Trav­nicek auf. Ihr Text „Jun­ge Hun­de“ er­zählt vom Ab­schied ei­ner jun­gen Frau von ih­rer Kind­heit, die zu­gleich ein Ab­schied von El­tern, Haus­tie­ren und Hei­mat ist. Der Grund ist al­ler­dings kein Um­zug, son­dern der Tod. Gleich zu Be­ginn stirbt der Hund Bag­hee­ra. Die­se Dschun­gel­buch­na­men, es taucht ein wei­te­rer Hund na­mens Ba­loo auf, ver­an­lass­te mich zu ei­ner über­flüs­si­gen Grü­be­lei über die Na­mens­fin­dung von Haus­tie­ren, die mich lei­der vom kon­zen­trier­ten Zu­hö­ren ab­lenk­te. Kur­ze Zeit spä­ter merk­te ich, daß ich nicht mehr rein­kam. Der Text ist mir fad.

Ganz an­ders er­geht es Mei­ke Feß­mann, sie zeigt gro­ßen Re­spekt für den war­men Prag­ma­tis­mus der Ge­schich­te, in der die Tie­re end­lich ein­fach Tie­re blei­ben dür­fen. (Mit Dschun­gel­buch­na­men?)

Stri­gl fin­det ihn sym­pa­tisch, vor al­lem, weil sie einst den Da­ckel „Mow­g­li“ be­saß. (Schlimm ist das ös­ter­rei­chi­scher Hu­mor?)

Ca­duff be­män­gelt die Spra­che, sie ha­be sich ihr als Kunst­raum nicht er­schlos­sen. Der Text ha­be Po­ten­ti­al, müs­se aber über­ar­bei­tet wer­den. Das ein­ge­bau­te Mär­chen be­ur­teilt sie als in­ter­es­san­te Ver­suchs­an­la­ge.

Hu­bert Win­kels end­lich er­klärt die Psy­cho­lo­gie hin­ter der Dschun­gel­buch­me­ta­pher. Ernst sei wie Mow­g­li ad­op­tiert. (Mow­g­li war doch der Da­ckel von Da­nie­la Stri­gl.)

Paul Jandl ist nicht klar, wo im Text der Hund be­gra­ben lie­ge. Er fin­det die Spra­che ba­nal und sim­pel und kann die tie­fen Ge­heim­nis­se des Tex­tes nicht fin­den.

Hu­bert Win­kels deckt sie für ihn auf. Der Va­ter sei ab­trans­por­tiert, die Mut­ter tot, das Haus wer­de ver­kauft und der Hund auch schon ver­stor­ben.

Jandl ist mit der Er­klä­rung nicht zu­frie­den, die Ge­schich­te bil­de ein Kind­heits­kon­ti­nu­um ab, das der Li­te­ra­tur nicht nütz­lich sein muss.

Hier greift Hil­de­gard Kel­ler zur Ver­tei­di­gung ein. Die man­geln­de Tie­fe sei Pro­gramm, sie pas­se zum Le­bens­plau­der­ton. Au­ßer­dem ge­be es hier und da ei­ne schö­ne Me­ta­pher.

Auch Feß­mann tritt für Trav­nicek ein. Sie kri­ti­siert ih­re Kol­le­gen, die Sprach­ar­beit nur dann wahr­neh­men wür­den, wenn sie mar­kant wä­re. Der Text las­se sich sehr wohl my­tho­lo­gisch und iko­no­gra­phisch le­sen (Dschun­gel­buch!).

Spin­nen scheint sich am liebs­ten ei­nes Kom­men­tars zu ent­hal­ten. Er kön­ne al­lem, was ge­sagt wur­de, zu­stim­men. Der Text ha­be ihn nicht be­un­ru­higt. Wor­auf Win­kels fragt, ob Li­te­ra­tur denn heu­te noch be­un­ru­hi­gen müs­se.

Die aus Russ­land stam­men­de Ol­ga Mar­ty­n­o­va las den Text „Ich wer­de sa­gen „Hi““. Vor­ge­schla­gen wur­de sie von Paul Jandl. Sie schil­dert die Er­leb­nis­se und Be­ob­ach­tun­gen des Ju­gend­li­chen Mo­ritz, der sich zö­ger­lich ver­liebt und sich Ge­dan­ken über das selt­sa­me Ver­hal­ten der Er­wach­se­nen macht. End­lich mal ein amü­san­ter Text, der mit un­ge­wöhn­li­chen Set­tings und Fi­gu­ren spielt und voll sub­ti­ler Iro­nie steckt.

Win­kels ge­fällt der Text sehr gut. Er fin­det es schön, wie Mo­ritz durch die Zei­ten mä­an­dert. Dies sei har­mo­nisch und ele­gant dar­ge­stellt.

Stri­gl er­freut der hin­ter­sin­ni­ge, la­ko­nisch-an­ar­chi­sche Witz. Sie er­in­nert an den ver­meint­lich harm­lo­sen Ho­lun­der­blü­ten­ge­ruch. Die An­häu­fung des Verbs „sag­te“ sei ein­deu­tig ein Stil­mit­tel.

Auch Feß­mann be­wer­tet den Text po­si­tiv, er sei sou­ve­rän und luf­tig er­zählt. Mo­ritz be­ob­ach­te wie ein Spi­on das Ehe­le­ben von On­kel und Tan­te, was sie an die Fi­gur von Stich­mann er­in­ne­re.

Jandl ver­spürt durch den Text die ero­ti­sche Auf­la­dung des klei­nen Städt­chens. Die Ge­schich­te zei­ge die Lust am Schrei­ben in ver­schie­de­nen Va­ri­an­ten.

Ca­duff, die vor­ab wür­digt, daß die rus­si­sche Au­torin, die Deutsch nicht als Mut­ter­spra­che be­sit­ze, an dem Wett­be­werb teil­neh­me. Sie lobt die er­fri­schen­de Spra­che und  fin­det die Ge­schich­te au­ßer­or­dent­lich wit­zig, was sich ihr erst durch den Vor­trag er­schlos­sen ha­be. Sie kri­ti­siert je­doch die Ver­wen­dung von Ver­satz­stü­cken.

Stri­gl stellt dar­auf­hin zur Fra­ge, ob wir ei­nen Text an­ders le­sen, wenn er von ei­nem Au­tor mit aus­län­di­schen Wur­zeln ver­fasst wor­den sei. Sie er­klärt, der Text ste­he in sla­wi­scher Tra­di­ti­on und er­in­ne­re sie an den leicht skur­ri­len tsche­chi­schen Witz.

Bachmannpreis 2012 –TDDL –Stichmann, Hassinger

5.7.2012 — Der Nachmittag des ersten Wettbewerbtages

Es la­sen An­dre­as Stich­mann, no­mi­niert von Mei­ke Feß­mann, und die von Da­nie­la Stri­gl vor­ge­schla­ge­ne Au­torin Sa­bi­ne Has­sin­ger.

An­dre­as Stich­mann, der am Leip­zi­ger Li­te­ra­tur­in­sti­tut stu­dier­te, er­zählt in sei­nem Text „Der Ein­stei­ger“ von ei­nem Ein­bre­cher, der zum teil­neh­men­den Be­ob­ach­ter wird.

Ei­ne schö­ne Ge­schich­te, wie Hu­bert Win­kels fin­det, mit Thril­ler­ele­men­ten ver­setzt. Ob die Fi­gur das Ge­sche­hen wirk­lich er­lebt oder nur ima­gi­niert blei­be of­fen. (An­schei­nend möch­te er sich nicht mehr dem Vor­wurf aus­setz­ten, ei­nen sur­rea­len Text nicht er­kannt zu ha­ben.) Win­kels fin­det viel Ge­fal­len an der Ge­schich­te und be­wun­dert den prä­zi­sen Ein­satz der Gram­ma­tik, um das Er­in­nern der Fi­gur an ih­re Ver­gan­gen­heit und die gleich­zei­ti­ge Zu­kunfts­phan­ta­sie mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen.

Paul Jandl weist sei­nem Ein­druck den Kurz­ti­tel „ Ein­schleich­dieb ins bür­ger­li­che Glück“ zu, sei­ner Mei­nung nach sei es ein schö­ner, stim­mi­ger und stich­hal­tig er­zähl­ter Text.

Dem Lob schließt sich Kel­ler an, mit der Ein­schrän­kung, daß sich der Hand­lungs­im­puls ver­flüs­si­ge. Da­durch ge­win­ne die Fi­gur kein Pro­fil, man kom­me ihr nicht na­he.

Ei­ne tem­po­rei­che Er­zäh­lung mit in­ter­es­san­ten Stel­len, die sie je­doch kaum wei­ter be­schäf­ti­gen wird, wer­tet Ca­duff.

Da­nie­la Stri­gl hin­ge­gen fühlt sich an Hans-Chris­ti­an An­der­sen er­in­nert, an sei­ne Be­wun­de­rung der war­men Stu­be, und über­legt, ob es sich nur um ei­nen Tag­traum han­de­le. (s.o. sur­re­al)

Die Ein­fach­heit täu­sche, er­klärt Feß­mann, die Men­to­rin des Tex­tes, die rea­lis­ti­sche Si­tua­ti­on des Ein­bruchs ver­mi­sche sich mit den Wunsch­träu­men der Fi­gur (sur­rea­le Dro­hung). Dar­auf­hin ent­wi­ckel­te sich ei­ne Dis­kus­si­on zwi­schen Jandl, Stri­gl und Ca­duff, in der Jandl den schö­nen Schein an­führt, Ca­duff die über­ge­nera­tio­nel­le Fra­ge im ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Kon­text auf­ruft und Stri­gl den Text als haar­scharf an der Kli­sche­eidyl­le vor­bei phan­ta­siert be­zeich­net.

Burk­hard Spin­nen ord­net Stich­manns Text als klas­sisch vam­pi­ris­tisch ein, da der Prot­ago­nist sich die Iden­ti­tät der An­de­ren an­eig­ne. Der­ar­ti­ge Tex­te ha­be er je­doch schon so vie­le ge­le­sen, daß ihm die Be­son­der­heit die­ses Werks un­klar blei­be.

Mein Fa­vo­rit ist der Text nicht, er lässt mich ziem­lich kalt.

Zum Ab­schluss des Nach­mit­tags las Sa­bi­ne Has­sin­ger, die als Bild­haue­rin und Mu­sik­the­ra­peu­tin in der Psych­ia­trie ar­bei­te­te. Ih­ren In­tro­film hat sie selbst ge­stal­tet, auf­fal­lend wa­ren die vie­len selt­sam skur­ri­len Pa­pier­bas­te­lei­en. Eben­so selt­sam wirk­te der Text „Die Ta­ten und Lau­te des Ta­ges“, der ei­nem Dra­ma gleich mit der Be­set­zungs­lis­te der Fi­gu­ren be­ginnt. Dass dies ein schwie­ri­ger Text wer­den wird, war klar. Da­nie­la Stri­gl hat die Au­torin vor­ge­schla­gen, mich er­in­ner­te der Text an Ra­bi­nowichs Erd­fres­se­rin vom letz­ten Jahr. Als er on­line war, ver­such­te ich mit zu le­sen, was mich al­ler­dings noch mehr ver­wirr­te, da die In­ter­punk­ti­on wohl ei­ne Has­sin­ge­ri­sche war. Frau­en, ein to­ter Va­ter, Kno­chen in Schach­teln mit Sand, mehr kam nicht bei mir an. Auch im Pu­bli­kum mach­te sich Un­ru­he breit. Als die Le­sung be­en­det war, dräng­ten sich nicht wie sonst die Ju­ro­ren zu Wort, son­dern ein zö­ger­li­ches Zau­dern brei­te­te sich aus. Je­der schien je­dem ger­ne den Vor­tritt las­sen zu wol­len.

Hu­bert Win­kels geht rit­ter­lich als ers­ter ins Tur­nier und ge­steht sein Pro­blem mit dem Text. Be­son­ders die Per­so­nal­pro­no­men ha­ben ihn so ge­nervt, daß er sich ihm nicht ent­spannt hin­ge­ben konn­te.

Kel­ler er­in­nert an die Vi­ta der Au­torin, an ih­re Tä­tig­keit in ei­ner psych­ia­tri­schen Kli­nik. Sie ge­he an­ders mit der Spra­che um, ver­las­se die Ebe­ne der Se­man­tik, er­zeu­ge kei­nen Kon­sens. Als Sprech­par­ti­tur sei der schwer zu­gäng­li­che Text ge­eig­net.

Der Text sei kom­pli­ziert, so Stri­gl, und müs­se eben mehr­mals ge­le­sen wer­den. Er hand­le von Glück und Un­glück, ei­ne Art To­ten­buch, ei­ne Kran­ken­ge­schich­te im Ir­ren­haus. Sie ha­be über die In­ter­pre­ta­ti­on nicht mit der Au­torin ge­spro­chen.

Mei­ke Feß­mann ver­sucht dem Pu­bli­kum vor Ort und drau­ßen den In­halt zu ent­schlüs­seln. Er­klärt den et­was zer­rupf­ten Ton mit der stän­di­gen Zwi­schen­re­de­rei der Mut­ter. Die Ka­lau­er emp­fin­det sie als stö­rend.

Co­rin­ne Ca­duff be­grüßt es zwar ei­nen sprach­ex­pe­ri­men­tel­len Text im Wett­be­werb zu ha­ben, aber sie hat kei­ne Lust da­zu. Das Le­sen sei zu zeit­auf­wen­dig. Ob Der­ar­ti­ges noch zeit­ge­mäß sei? Oder sei der Text gar ein An­griff auf das ak­tu­el­le Time­ma­nage­ment?

Die­ses Fra­ge weist Jandl zu­rück. Es sei ein schö­ner poe­ti­scher Text, ‑Win­kels möch­te ger­ne die Poe­tik er­klärt haben‑, bei dem nicht al­les ver­stan­den wer­den muss. Man kön­ne ihn le­sen wie ei­nen Rohr­schach­test.

Burk­hard Spin­nen weist dar­auf­hin, daß je­der li­te­ra­ri­sche Text ei­ne An­stren­gung er­for­de­re.

Mehr fällt mir da­zu auch nicht ein.

Da­mit ist der ers­te Tag sehr an­stren­gend zu En­de ge­gan­gen. Ei­nen po­ten­ti­el­len Preis­trä­ger ha­be ich noch nicht ver­spürt und bin ge­spannt auf mor­gen.

Bachmannpreis 2012 –TDDL ‑Moster, Ramnek, Richner

Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – Der 36. Bachmannpreis 2012

Der ers­te Le­se­vor­mit­tag ist be­en­det. Es la­sen Ste­fan Mos­ter, no­mi­niert von Burk­hard Spin­nen, Hu­go Ram­nek, der Kan­di­dat von Hil­de­gard Kel­ler so­wie Mir­jam Rich­ner, die Mei­ke Feß­mann vor­ge­schla­gen hat­te.

Ste­fan Mos­ter, der seit 10 Jah­ren in Finn­land lebt und laut In­tro schreibt, um die Welt zu ver­ste­hen, liest ei­nen Text mit dem Ti­tel „Der Hund von Sa­lo­ni­ki“, der ver­schie­de­ne Er­zähl­ebe­nen durch viel­fäl­ti­ge Ver­wei­se mit­ein­an­der ver­knüpft. Die Er­in­ne­rung an ei­nen Kampf mit ei­nem Hund, den der Prot­ago­nist als Acht­zehn­jäh­ri­ger auf sei­ner ers­ten Rei­se nach Grie­chen­land er­leb­te und ei­gent­lich schon ver­ges­sen glaub­te, taucht nach Jahr­zehn­ten wie­der auf. Aus­lö­ser ist die Be­ob­ach­tung in Is­tan­bul, dort wer­fen Män­ner zu ih­rer Be­lus­ti­gung Hun­de ins Was­ser. Sei­ner Toch­ter, die ihn be­glei­tet, tischt er ei­ne kin­di­sche Er­klä­rung für die­ses Tun auf. Die Zu­hö­re­rin ver­mu­te­te, daß die Toch­ter noch recht klein sei, und bil­ligt so die Not­lü­ge. Kur­ze Zeit spä­ter stellt sich her­aus, daß sie be­reits sech­zehn Jah­re alt ist. Zwi­schen die­se bei­den Er­zähl­strän­ge schiebt sich ein Tram­pen nach Grie­chen­land mit al­len denk­ba­ren Hin­der­nis­sen.

Die Ju­ry ist frisch und sehr dis­kus­si­ons­be­reit. Win­kels lobt den Text Mos­ters als schö­ne Er­öff­nung der Bach­mann­ta­ge. Er emp­fin­det ihn ru­hig und gleich­zei­tig in­ten­siv, er bie­te zahl­rei­che Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten für den Le­ser. Trotz der sehr gu­ten Kon­struk­ti­on mit vie­len Ver­kno­tun­gen der Er­zähl­ebe­nen, scheint er ihm ein we­nig gleich­för­mig. Win­kels deu­tet ihn als Me­di­ta­ti­on über Er­in­nern und Ver­ges­sen am Bei­spiel ei­nes exis­ten­ti­el­len Er­eig­nis­ses.

Kel­ler ver­weist auf die li­te­ra­tur­ge­schicht­li­che Di­men­si­on des Hun­de­mo­tivs. Ihr ge­fällt die Ver­zah­nung der ein­zel­nen Ge­schich­ten. Mos­ter sei das Wie­der­fin­den der Er­in­ne­rung sehr schön ge­lun­gen, in­dem er ei­ne stark rea­lis­tisch er­zähl­te Ebe­ne als Traum ein­ge­scho­ben ha­be. Spä­ter er­gänzt sie, daß sich die Be­wusst­seins­ebe­nen der ver­schie­de­nen Fi­gu­ren kaum un­ter­schei­den wür­den.

Auch Ca­duff wür­digt den Hund als li­te­ra­ri­sches Mo­tiv, eben­so die fei­ne und ein­dring­li­che Wort­wahl. Die Tram­per­ge­schich­te im Mit­tel­teil klingt ihr je­doch zu sehr nach Freud und Leid der In­ter­rail­ge­nera­ti­on.

Die Spra­che Mos­ters hat auch Da­nie­la Stri­gl be­ein­druckt. Sie greift als Bei­spiel den „Hund der sich trau­rig troll­te“ auf. Al­ler­dings ver­spürt sie ei­ne ge­wis­se Harm­lo­sig­keit und stört sich auf der rea­len Ebe­ne an der nicht ein­tre­ten­den Toll­wut­angst nach dem Biss. Auch sie be­tont ihr Ver­ständ­nis des Hun­de­sym­bols, das sie psy­cho­ana­ly­tisch als un­heim­li­ches Tier des Eros in­ter­pre­tiert.

Zur Ver­tei­di­gung des Tex­tes ver­wirft Spin­nen zu­nächst die Ge­gen­ar­gu­men­te. Der Text sei nicht harm­los, son­dern von sub­ti­lem er­zäh­le­ri­schen Auf­wand. Er zeich­ne sich durch die Gleich­zei­tig­keit von Re­fle­xi­on und Er­le­ben aus. Spin­nen plau­dert ein we­nig aus dem ei­ge­nen bio­gra­phi­schen Näh­käst­chen, und schließt mit dem Fa­zit, dies sei ein un­end­lich me­lan­cho­lisch, trau­ri­ger Text.

Mei­ke Feß­mann sieht vor al­lem die sprach­li­chen Qua­li­tä­ten des Tex­tes, der al­ler­dings in­halt­lich des Gu­ten zu viel wol­le. Auch ihr fällt auf, daß die Toch­ter wie ein Klein­kind be­han­delt wird. Ihr miss­fiel das Hun­de­mo­tiv, wie ihr der ge­sam­te Text sym­bo­lisch zu über­frach­tet sei.

Mo­ti­vi­sche Aus­le­ge­wa­re“ ur­teilt Jandl, der Au­tor hät­te sich reich­lich am Mo­tiv­vor­rat der Li­te­ra­tur be­dient und die­se, wie am Bei­spiel Hund zu se­hen sei, exis­ten­zia­lis­tisch hoch­ge­ju­belt. Das Ver­ges­sen des Hun­de­bis­ses hält er für un­glaub­wür­dig, die zu­rück­blei­ben­de Nar­be hät­te die Fi­gur doch stets an das Er­eig­nis er­in­nern müs­sen. Die man­geln­de Dif­fe­ren­zie­rung der Er­zähl­stim­men ist in sei­nen Au­gen ein wei­te­rer Kri­tik­punkt.

Ziem­lich auf­ge­bracht wirft ihm Spin­nen die Stren­ge ei­nes „sta­li­nis­ti­schen Zoll­be­am­ten“ vor, was Jandl zu dem amü­san­ten Kon­ter ver­an­lasst, Spin­nen hät­te sein Ur­teil über den Text „auf­grund ei­ge­ner bio­gra­phi­scher Er­fah­rung pa­the­tisch auf­ge­pimt“.

Viel­leicht geht es mir ja ähn­lich wie Spin­nen? Je­den­falls war Mos­ters Text, trotz ei­ni­ger Kri­tik­punk­te in der Er­zähl­lo­gik, für mich der an­ge­nehms­te des heu­ti­gen Ta­ges. Ins­ge­samt ist es ei­ne strin­gent und span­nend er­zähl­te Ge­schich­te. Be­son­ders ein­drucks­voll schil­dert Mos­ter den Kampf mit dem Hund. Angst und Ekel auf Sei­ten des jun­gen Man­nes sind eben­so gut nach­voll­zieh­bar, wie Schmerz und Elend des Hun­des.

Es folg­te der aus Kärn­ten stam­men­de und in Zü­rich le­ben­de und un­ter­rich­ten­de Hu­go Ram­nek. Sein Text „Ket­ten­ka­rus­sell“ wur­de von Hil­de­gard Kel­ler vor­ge­schla­gen und schil­dert drei Ta­ge ei­nes länd­li­chen Jahr­mark­tes, im Text als Wie­sen­markt be­zeich­net. Hand­lungs­ort ist das Grenz­ge­biet zwi­schen Slo­we­ni­en und Kärn­ten. In den Er­in­ne­run­gen ei­nes Ju­gend­li­chen an die­sen Fest­rausch spie­len die eth­ni­schen und so­zia­len Kon­flik­te der Be­woh­ner ei­ne er­heb­li­che Rol­le. Die Ge­schich­te en­det mit ei­ner pa­the­ti­schen Ka­rus­sell­phan­ta­sie, sich über al­le Gren­zen hin­weg he­ben zu kön­nen.

Win­kels, der the­ma­tisch ei­ne Ähn­lich­keit mit der An­la­ge des Tex­tes von Mos­ter er­kennt, ist vom Sprach­stil Ramneks, der in kur­zen Sät­zen und Ex­kla­ma­tio­nen den In­halt die­ses Jahr­markt­trei­bens trans­por­tiert, an­ge­tan. Al­ler­dings ge­be der Au­tor manch­mal zu viel Gas und nei­ge zu Über­trei­bun­gen. Be­son­ders das Sym­bol der se­xu­el­len Er­re­gung, die Kel­ler­e­ch­se,  wer­de zu oft wie­der­holt. Zu­dem stel­le Ram­nek die so­zia­len Un­ter­schie­de in die­ser eth­nisch zwei­ge­teil­ten Welt zu dras­tisch und mas­siv dar.

Auch Stri­gl fin­det die Kel­ler­e­ch­se zu dick auf­ge­tra­gen. Hin­ge­gen sei der Aus­nah­me­zu­stand des Wie­sen­markts sehr gut in sprach­li­che Bil­der um­ge­setzt. Schau­keln, Krei­seln und Rausch wür­den auch in der Sprach­rhyth­mik ge­spie­gelt.

Co­rin­na Ca­duff fragt, was Li­te­ra­tur zum stark dis­kur­si­ven The­ma Hei­mat und Frem­de noch bei­tra­gen kann. Sie sucht nach dem An­lie­gen, die­ses ih­rer Mei­nung nach sym­bo­lisch über­stra­pa­zier­ten Tex­tes.

Jandl in­ter­pre­tiert die Kel­ler­e­ch­se nicht nur als se­xu­el­les Sym­bol. Der gan­ze Text sei für ihn ein li­te­ra­ri­scher Rum­mel, vol­ler En­thu­si­as­mie­run­gen, al­les dre­he und be­we­ge sich.

Ge­spal­ten in ih­rem Ur­teil ist Mei­ke Feß­mann. Ei­ner­seits be­sit­ze der Text schö­ne Bil­der und Aus­drü­cke, an­de­rer­seits er­zeu­ge der star­ke Sym­bol­cha­rak­ter ei­nen pa­ra­do­xen Ef­fekt. Die Se­xua­li­tät sprin­ge ei­nem ge­ra­de­zu an je­der Stel­le ins Ge­sicht.

Spin­nen kon­sta­tiert, dies sei ein Text, der schön sein wol­le, und er he­ge Vor­be­hal­te ge­gen ei­ne der­ar­ti­ge In­ten­ti­on. Zu vie­le ba­ro­cke Wort­schöp­fun­gen, lau­te und viel­stim­mi­ge Bil­der, die manch­mal ins Kli­schee ab­drif­ten, stö­ren ihn. Dem Kunst­werk als sprachim­pres­sio­nis­ti­sches Ge­bil­de zeu­ge er je­doch Re­spekt und An­er­ken­nung.

Eher ex­pres­sio­nis­tisch als ba­rock wirkt auf Kel­ler die­ser Text. Sei­ne Be­son­der­heit sei die  Rhyth­mik, die sehr gut in der heu­ti­gen Per­for­mance zum Aus­druck ge­kom­men sei. Sie be­trach­tet ihn als poe­ti­sche Su­che nach der Kind­heit. Sie er­in­nert sich an ih­re ei­ge­nen kind­li­chen Jahr­markt­er­leb­nis­se und schaut durch Ramnecks Sät­ze „aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve auf den Jahr­markt“.

Für mich war es kein nost­al­gi­scher Jahr­markts­gang, eher ein sehr rus­ti­ka­les Er­leb­nis, bei dem plötz­lich die Gren­ze zwi­schen zwei pe­ni­bel ge­trenn­ten Sphä­ren ver­wischt. In der Spra­che war es mir al­ler­dings zu derb.

Die letz­te Le­sung am Vor­mit­tag be­stritt die jun­ge Mir­jam Rich­ner. Die Kan­di­da­tin wur­de von Mei­ke Feß­mann vor­ge­schla­gen. Der Vor­stel­lungs­film ver­rät ih­re Nei­gung Träu­me und Ge­dich­te in ih­re Pro­sa ein­zu­bau­en, was sich an ih­rem Text mit dem Ti­tel „Bett­lä­ge­ri­ge Ge­heim­nis­se“ deut­lich ab­le­sen lässt. Er er­zählt die dra­ma­ti­sche Ge­schich­te zwei­er jun­ger Frau­en und Leh­rer­kol­le­gin­nen, die ver­su­chen sich aus ei­nem von ei­ner La­wi­ne ver­schüt­te­ten Haus zu be­frei­en.

Ge­wis­se Nö­te mit dem Text“ mel­det Da­nie­la Stri­gl. Sie hat gra­vie­ren­de Glaub­wür­dig­keits­pro­ble­me mit dem Er­zähl­vor­gang und fin­det den Text nicht ge­glückt.

Win­kels hin­ter­fragt, ob es sich tat­säch­lich um ein rea­les La­wi­nen­un­glück han­de­le. Un­un­ter­bro­chen wür­den in­ne­re Vor­gän­ge dar­ge­stellt.

Als Text ei­nes Wahns wer­tet Jandl das Vor­ge­tra­ge­ne. Dass die La­wi­ne le­dig­lich Ein­bil­dung sei, ver­rie­ten die vie­len Selbst­aus­künf­te der Fi­gur. Ei­ner­seits kön­ne ein sol­cher Text al­les er­zäh­len und das tue er auch. An­de­rer­seits müs­se Wahn­sinn in der Li­te­ra­tur auch wie­der ver­nünf­tig wer­den und das tue er nicht. Jandl fragt, was von Text üb­rig blei­be.

Ca­duff be­zeich­net den Text als Hin- und Her­ge­wei­ne im Han­ni-und-Nan­ni-Stil, der auf ein erns­tes The­ma ap­pli­ziert sei. Die Spra­che sei sa­lopp, la­pi­dar, Main­stream säu­selnd. Sie ver­steht die Funk­ti­on der Ge­dich­te nicht und rät Rich­ner, de­ren Aus­sa­ge bes­ser in die Pro­sa zu in­te­grie­ren.

Laut Kel­ler be­inhal­tet der Text ei­nen un­er­hör­ten, wu­chern­den Reich­tum, sei aber „ir­gend­wo auf dem Weg“. Sie emp­fiehlt ei­ne Be­ra­tung und über­nimmt die­se gleich selbst, wenn sie über die Be­zie­hung zwi­schen Au­toren und ih­ren Fi­gu­ren do­ziert.

Da er­greift Feß­mann die Ver­tei­di­gung mit der Er­öff­nung, die­ses sei ein sur­rea­ler Text, was kei­ner ih­rer Vor­red­ner er­kannt ha­be. Da­mit dür­fe die Au­torin al­les, je­de Kri­tik an un­lo­gi­scher Hand­lung sei ob­so­let. Es ent­wi­ckelt sich ein klei­ner Dis­put zwi­schen Feß­mann, Stri­gl und Jandl, den letz­te­rer mit „ich mach’s mal sur­re­al, dann darf ich al­les, geht nicht“ be­en­det.

Die kur­ze Zeit, die Spin­nen vor dem Be­ginn der Mit­tags­pau­se bleibt, nutzt er zur Sym­pa­thie­be­kun­dung für die gir­ly­haf­te Jung­leh­rer­all­tags­rea­li­tät mit sur­rea­len Ge­dan­ken­gän­gen.

Ich emp­fand den Text als sehr tem­po­reich. Beim In­halt soll­te man un­be­dingt das Al­ter der 1988 ge­bo­re­nen Au­torin und da­mit si­cher­lich auch das der Ziel­grup­pe be­rück­sich­ti­gen. Die an­ge­ris­se­nen phi­lo­so­phisch-ethi­schen Dis­kus­sio­nen schei­nen mir in der Hin­sicht an­ge­mes­sen.

Das war mein Rück­blick auf den Vor­mit­tag, al­le Zi­ta­te nach bes­tem Wis­sen und Hö­ren, al­so oh­ne Ge­währ.

Die Ju­ry bil­den in die­sem Jahr Co­ri­na Ca­duff, Paul Jandl, Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler, Mei­ke Feß­mann, Burk­hard Spin­nen, Cla­ris­sa Stad­ler, Da­nie­la Stri­gl und Hu­bert Win­kels. Ei­ne schö­ne Rang­lis­te hat die So­pra­nis­se pa­rat.

Von al­len bis­he­ri­gen Le­sun­gen ist ein Vi­deo ab­ruf­bar.

3sat über­trägt Le­sun­gen und Dis­kus­sio­nen live:

5. Ju­li: 10.15 bis 15.15 Uhr

6. Ju­li: 10.15 bis 15.15 Uhr

7. Ju­li: 9.45 bis 14 .00 Uhr

8. Ju­li: 11.00 bis 12.00 Uhr – Preis­ver­lei­hung

Mit der Snip­py-App gibt es die Smart­phon­va­ri­an­te.

Darauf einen Bitter!

Enttäuschte Erwartungen erzeugt James Hamilton-Paterson mit “Kochen mit Fernet-Branca

Dio mio, das wird Schlä­ge ge­ben. Ich zit­te­re vor mei­nem nächs­ten Li­te­ra­tur­kreis­tref­fen und be­fürch­te, daß selbst ei­ne gro­ße Men­ge des Ti­tel­ge­söffs den an­de­ren Teil­neh­mer nicht zur Ver­dau­ung die­ser Lek­tü­re rei­chen wird.

Da­bei hat­te ich es doch nur gut ge­meint. Dies­mal soll­te es et­was Amü­san­tes wer­den, kei­ne Pro­blem­wäl­ze­rei, kei­ne nor­di­sche Fa­mi­li­en­ge­schich­te, kein In­zest, kein Mit­tel­al­ter und schon gar kein Be­zie­hungs­dra­ma. Zu­dem kam die Emp­feh­lung aus Tho­mas Böhms Le­se­kreis­buch, er wie­der­hol­te sie so­gar vor kur­zem noch­mals im Ra­dio.

Der Au­tor des Kat­zen­koch­bu­ches, und das ist hier wört­lich zu neh­men, Ja­mes Ha­mil­ton-Pa­ter­son, ist bri­ti­scher Jour­na­list und bis­her mit durch­aus Ernst­haf­tem über das Meer und fer­ne Län­der in Er­schei­nung ge­tre­ten. Für sei­nen ers­ten hu­mo­ri­gen Ro­man wur­de er ge­lobt. Bis über den grü­nen Klee so­gar, wenn man ei­ne No­mi­nie­rung für den Boo­ker Pri­ze so in­ter­pre­tie­ren darf. Trotz­dem las ich pro­be­hal­ber die ers­ten Sei­ten des Bu­ches, denn nach lang­jäh­ri­ger Le­se­krei­ser­fah­rung weiß ich, was Fehl­schlä­ge sind, und die­se soll­ten ge­ra­de bei stei­gen­dem Le­se- und Le­bens­al­ter un­be­dingt ver­mie­den wer­den. Tem­pus fu­git!

Tat­säch­lich hat mich die­se Mi­schung aus Ita­li­en und Mon­ty Py­thon zu­nächst schwer be­geis­tert. Ich lag abends la­chend im Bett, was sel­ten vor­kommt, und den Mit­be­nut­zer die­ses Mö­bels zu ei­nem, Da wird sich der Le­se­kreis aber freu­en, hin­rei­ßen ließ. Der kom­men­de Kan­di­dat war ge­kürt, ich setz­te so­gar die bei­den Nach­fol­ge­bän­de die­ses Ro­mans so­fort auf mei­ne Wunsch­lis­te.

Ver­gnügt las ich wei­ter, woll­te wei­ter mei­nen Spaß ha­ben an den kru­den Er­fah­run­gen die­ses Eng­län­ders in der tos­ka­ni­schen Pro­vinz. Dort hat Ge­rald Sam­per sich in der Ber­g­ein­sam­keit der apua­ni­schen Al­pen ein Häus­chen auf­schwat­zen las­sen, um un­ge­stört als Ghost­wri­ter für grenz­de­bi­le Spit­zen­sport­ler zu ar­bei­ten. In die­ser krea­ti­ven Stil­le taucht un­ver­mit­telt Mar­ta auf, die nicht wie der Mak­ler, Ita­lie­ner und ge­wer­be­be­ding­tes Schlitz­ohr, ver­si­chert hat nur sel­ten, son­dern ste­tig sei­ne neue Nach­ba­rin sein wird. Sie ar­bei­tet an Mu­sikar­ran­ge­ments für die Film­bran­che. Der Kon­flikt zwi­schen Ru­he­be­dürf­nis und Mu­sik, al­so Krach, ist ge­legt. Ge­löst wird er in 47 Ka­pi­teln auf 359 Sei­ten, auf­ge­lo­ckert von Re­zep­ten aus Sam­pers krea­ti­ver Kü­che. Dar­un­ter ver­lo­cken „Mu­scheln in Scho­ko­la­de” so­wie der „Fisch­ku­chen” zum Ex­pe­ri­men­tie­ren. (Bett­nach­bar: Du bist ver­rückt! Ata­lan­te: Und wenn wir den Zu­cker­guß weg­las­sen?)

Ge­nüss­lich las ich al­so wei­ter, da tauch­ten ers­te Un­ap­pe­tit­lich­kei­ten auf. Es wa­ren al­ler­dings nicht, wie die Ken­ner des Bu­ches ver­mu­ten mö­gen, die bis ins Ab­son­der­li­che ge­stei­ger­ten Re­zep­te des gu­ten Sam­per. Nein, we­der Knob­lauch­eis noch Kat­zen­ku­chen, ge­mäß Ti­tel ge­hö­rig mit Ma­gen­bit­ter ge­sät­tigt, er­zeug­ten Le­se­ü­bel­keit. Es war eher das Ab­glei­ten in die dunk­len Re­gio­nen des Ver­dau­ungs­wit­zes, die mich beim Plumps­klo noch zum La­chen reiz­ten, bei den fla­tu­len­ten Ne­ben­wir­kun­gen der Koch­küns­te merk­li­ches Des­in­ter­es­se und beim Pups­bär nur noch Mit­leid er­zeug­ten. Ehr­lich, wer fin­det jen­seits der Pu­ber­tät ei­nen Pups­bär auf dem Klo lus­tig?

Na­tür­lich ist der vom Au­tor ge­schil­der­te Ger­ry Sam­per ein eit­ler Ego­zen­tri­ker, gründ­lich von sich selbst ge­blen­det, was zu ei­ner kunst­ge­rech­ten An­wen­dung von Sar­kas­mus un­ab­ding­bar ist. Aber war­um hat er sei­nen bri­ti­schen Hu­mor in­ner­halb we­ni­ger Sei­ten ver­lo­ren? Da­zu kommt die Fi­gur sei­ner Nach­ba­rin und Ge­gen­spie­le­rin Mar­ta. Na­tür­lich wur­de sie ge­wählt, um so ein her­vor­ra­gen­des Ex­em­pel zu der Dif­fe­renz von Ei­gen- und Fremd­bild durch zu spie­len. Auch tre­ten die we­ni­gen Ita­lie­ner vor al­lem des­halb als gut­aus­se­hend, ge­ris­sen, be­stech­lich oder ar­ro­gant auf, um den Le­ser un­miss­ver­ständ­lich mit sei­nen ei­ge­nen Kli­schees zu kon­fron­tie­ren. Aber war­um ist das al­les nur so lang­wei­lig ge­ra­ten? Die Fi­gur der Mar­ta und ih­re mu­si­ka­li­schen Tä­tig­kei­ten ha­ben mich nicht die Boh­ne in­ter­es­sie­ren. Der Auf­tritt be­rühm­ter ita­lie­ni­scher Re­gis­seu­re eben­so we­nig. Die Idee ein Feu­er­werks­in­fer­no zu ent­zün­den war we­nig über­ra­schend. Die ab­stru­se Kon­struk­ti­on von Mar­tas ma­fia­ähn­li­chem ost­eu­ro­päi­schen Her­kunsfts­hin­ter­grund tat kaum et­was zur Sa­che.

Da­zu kom­men sti­lis­ti­sche Män­gel. Ha­mil­ton-Pa­ter­son kon­stru­iert den Ro­man in al­ter­nie­ren­der Er­zähl­per­spek­ti­ve. Das kann bei ge­konn­ter Aus­füh­rung durch­aus den Le­se­genuß stei­gern. Wenn aber die un­ter­schied­li­chen Er­zähl­fi­gu­ren kaum durch Sprach­stil und Ge­dan­ken­gän­ge von­ein­an­der zu un­ter­schei­den sind, er­zeugt es mehr denn Ver­wir­rung Lan­ge­wei­le. Zum zwei­ten Mal ver­wen­de ich nun die­ses Wort in mei­nen Zei­len über die­sen ver­meint­lich so hu­mor­vol­len Ro­man. Da wird fol­gen­des Ge­ständ­nis kei­ne Über­ra­schung sein. Ich ha­be kaum noch ge­lacht und le­dig­lich aus Pflicht­be­wusst­sein mei­nen ei­ge­nen Buch­vor­schlag run­ter­ge­würgt. Und das oh­ne ei­nen ein­zi­gen Fer­net-Bran­ca, den be­nö­ti­ge ich noch für den Li­te­ra­tur­kreis.

Al­ler­dings hat mich Sam­pers Koch­kunst doch noch ein­mal zum La­chen ge­reizt. Als ich un­längst auf ei­nem Au­to die Auf­schrift „Nor­we­gi­sche Wild­kat­zen aus dem Naab­tal” las, hät­te ich mich dort ger­ne er­kun­digt, ob sie auch räu­chern wür­den.

Viel­leicht war es ja doch gar nicht so ein schlech­tes Buch?

Trotz­dem su­che ich im­mer noch DEN amü­san­ten Ro­man. Hin­wei­se wer­den ger­ne ent­ge­gen ge­nom­men.

Ja­mes Ha­mil­ton-Pa­ter­son, Ko­chen mit Fer­net-Bran­ca, übers. von Hans-Ul­rich Möh­ring, Klett-Cot­ta, 1. Aufl. 2005