Mittelalterliches Mirakel oder wie Piper mir ein Zeichen sandte

Die Welfenkaiserin“ – Martina Kempffs mittelalterliche Frauenpower

Uuaaaahhhh, zu Be­ginn hat’s mich ganz ge­wal­tig ge­graust. Nicht vor der im­mer noch als fins­te­res Mit­tel­al­ter in den Köp­fen her­um­schwir­ren­den Epo­che, son­dern vor dem His­to­ri­schen Ro­man, der letz­ten Le­se­auf­ga­be un­se­res Li­te­ra­tur-Krei­ses.

Mit der Wel­fen­kai­se­rin soll­te ich nun al­so ins frü­he Mit­tel­al­ter hin­ab­tau­chen ge­nau­er an den Hof des Ka­ro­lin­gers Lud­wigs I., ge­nannt der From­me. Mir schwan­te nichts Gu­tes. Ein­ge­schla­ge­ne Köp­fe, ver­ge­wal­tig­te Frau­en, tot­ge­bo­re­ne Kin­der, meist in die­ser Chro­no­lo­gie, auf­ge­lo­ckert von ex­pli­zi­ten Gräu­el­ta­ten und def­ti­gen Sex­sze­nen, sind das Holz aus dem His­to­ri­sche Ro­ma­ne ge­schnitzt sind. So die Ein­sich­ten, die mich längst zu­rück lie­gen­de Le­se­er­fah­run­gen lehr­ten. Die Ti­tel­ge­bung weckt zu­dem Re­mi­nis­zen­zen an Bü­cher, von de­nen ich ei­gent­lich über­haupt nichts wis­sen will.

Nun denn, es ward be­stellt und auf­ge­blät­tert. Dies je­doch nicht auf der ers­ten Sei­te, son­dern an ei­ner Stel­le, die der Ver­lag mir mar­kiert hat­te. Ge­nau zwi­schen Sei­te 116 und 117 lag das als Post­kar­te ge­tarn­te Zei­chen an die vor­ur­teils­rei­che His­to­ri­ke­rin.

Sprach­los blick­te der Kai­ser auf die nackt vor ihm ste­hen­de Frau. Nicht ein­mal der Schreck über den ho­hen Leib ver­hin­der­te das so­for­ti­ge Ein­set­zen sei­ner Be­gier­de.“

Sprach­los auch ich, Wun­der und Zei­chen in ei­nem Mit­tel­al­ter­ro­man, wer hät­te das ge­dacht.

Auch im wei­te­ren Ver­lauf la­gen die Lei­ber hie und da bei­ein­an­der, doch die an­de­ren Er­schei­nun­gen blie­ben weit­ge­hend aus. Köp­fe wur­den dis­kret ab­ge­schla­gen, Fol­ter­rei­en ne­ben­her er­le­digt, Ver­ge­wal­ti­gun­gen so­fort wie­der ver­ges­sen und schwe­re Ge­bur­ten fan­den hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren statt. Uf­fa!

Mar­ti­na Kempff stellt Ju­dith, die Toch­ter des Gra­fen Welf aus dem schwä­bi­schen Alt­dorf, in den Mit­tel­punkt ih­res Ro­mans. Sie zeich­net das Le­ben der an­ge­hen­den Kai­se­rin von der Braut­schau bis zu ih­rem Tod. Ei­ne Wel­fen­kai­se­rin war und wur­de sie al­ler­dings nicht, son­dern ei­ne Fran­ken­kai­se­rin oder bes­ten­falls Ka­ro­lin­ger­kai­se­rin. Die Frau­en­gestal­ten ste­hen in die­sem Ro­man im Vor­der­grund. Die po­li­ti­schen Zeit­läuf­te, Lud­wigs Rin­gen um die Ein­heit des von Karl dem Gro­ßen auf ihn ge­kom­me­nen Groß­rei­ches, Ver­wal­tungs­re­for­men und Erb­fol­ge­re­ge­lun­gen ein­ge­schlos­sen, bil­den das Ge­rüst. In die­ses bet­tet Kempff das Schick­sal der jun­gen, schö­nen aber oft viel zu mo­dern wir­ken­den Kai­se­rin. Nicht die In­tri­gen um Macht und Ge­winn bil­den die Es­senz die­ses Ro­mans son­dern das Per­sön­li­che. Wie füg­te sich die zwar durch­set­zungs­fä­hi­ge, aber un­er­fah­re­ne Frau in die Ge­folg­schaft des Kai­sers? Wie er­trug sie Ma­ni­pu­la­ti­on, Lie­be und Leid?

Die­se Rol­len als Ge­lieb­te und als Mut­ter sind ty­pi­sche Frau­en­bil­der, die Kempff ihr je­doch in ei­ner viel zu eman­zi­pier­ten Wei­se auf den Leib schreibt. Das stört mich und das emp­fin­de ich als ahis­to­risch. Trotz al­ler Quel­len kön­nen wir nicht wis­sen, wie es da­mals zu­ge­gan­gen ist in den Kam­mern und Zel­ten des Pa­la­ti­ums. Aber Frau­en des frü­hen Mit­tel­al­ters, die wie toughe Ver­tre­te­rin­nen der Ge­nera­ti­on Face­book auf­tre­ten, wir­ken un­glaub­wür­dig. Das ist oft das größ­te Man­ko des His­to­ri­schen Ro­mans, des­sen Fans ger­ne die gu­te Re­cher­che ih­rer Au­toren an­füh­ren.

Die­se Au­torin hält sich an die Fak­ten aus Wi­ki­pe­dia und der äl­te­ren Se­kun­där­li­te­ra­tur, die sie als „Quel­len“ auf­führt. Ei­ne der pri­mä­ren Quel­len, der bio­gra­phi­sche Be­richt ei­nes an­ony­men Ver­fas­sers, des so­ge­nann­ten As­tro­no­mus, in­spi­rier­te sie wohl je­dem Ro­man­ka­pi­tel ei­ne Chro­nik vor­an­zu­stel­len. Die­se um­fasst die Er­eig­nis­se ei­ner an­ge­ge­be­nen Zeit­span­ne und setzt so das Ge­sche­hen in ei­nen his­to­ri­schen Zu­sam­men­hang. Ver­fas­se­rin die­ser auf mit­tel­alt ge­mach­ten, aber doch mit mo­der­nen Be­grif­fen aus­ge­stat­te­ten Chro­nik ist ei­ne eben­falls an­ony­me As­tro­no­ma ali­as Mar­ti­na Kempff.

Doch was will mir die­ses Buch ver­mit­teln? Le­se ich es um mich der his­to­ri­schen Epo­che an­zu­nä­hern? Dem Le­bens­ge­fühl „Mit­tel­al­ter“, oder bes­ser dem, was man land­läu­fig dar­un­ter ver­steht dank der Hor­den ost­eu­ro­päi­scher Schau­spiel­sta­tis­ten un­ter der Fan­ta­sie ei­nes ge­wis­sen Fern­seh­his­to­ri­kers?

Für mein Emp­fin­den blei­ben die Per­so­nen des Ro­mans selt­sam blass, sie durch­le­ben kaum ei­ne Ent­wick­lung und die­nen nur als Fi­gu­ren um die Il­lus­tra­ti­on des Mit­tel­al­ters zu be­völ­kern. Mich ha­ben sie kalt ge­las­sen, so kalt wie zu­ge­fro­re­ne Tei­che, in die sie äu­ßerst ger­ne auf me­ta­pho­ri­sche Wei­se bli­cken.

Wem die­ser Ro­man ge­fal­len hat, mag noch „Die Beu­te­frau“ le­sen, der das Le­ben Gers­winds und da­mit die An­fän­ge der Ka­ro­lin­ger­herr­schaft schil­dert.

Wer wis­sen möch­te, war­um Karl der Kah­le wirk­lich so hieß, bli­cke in „War Karl der Kah­le wirk­lich kahl?“ von Rein­hard Le­be.

Wer sich his­to­risch für die­se Zeit in­ter­es­siert, dem sei die Bio­gra­phie „Lud­wig, der From­me“ des His­to­ri­kers Egon Bos­hof emp­foh­len. Sie setzt sich kri­tisch, aber gut les­bar mit den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Quel­len und For­schun­gen zu die­sem Ka­ro­lin­ger aus­ein­an­der. Ga­ran­tiert gut re­cher­chiert.

Wer lie­ber hö­ren und se­hen und nicht le­sen möch­te, der sei auf die „Ein­füh­rungs­vor­le­sung Mit­tel­al­ter“ von Stuart Jenks ver­wie­sen, die die­ser an der Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-Nürn­berg ge­hal­ten hat. Sie ist in der Me­dia­thek der Uni­ver­si­tät als Au­dio- und Vi­deo­down­load ab­ruf­bar.

Jenks be­rich­tet fun­diert und kurz­wei­lig von der bun­ten Viel­falt der an­geb­lich so dunk­len Zei­ten und zieht zu­dem Ver­glei­che zu äu­ßerst mo­der­nen Vor­komm­nis­sen, sei­en es Ban­ken- oder Fuß­ball­kri­sen.

Mar­ti­na Kempff, Die Wel­fen­kai­se­rin, Pi­per Ver­lag, 2009

Von Pans Arkadien zu Pans Labyrinth

Wie die Manipulation eines Einzelnen zur manipulierten Gesellschaft führt zeigt Benjamin Stein in „Replay

Ei­ne schö­ne Ge­schich­te. Aber wor­auf, fra­ge ich Man­ta­na, willst du ei­gent­lich hin­aus? Auf nichts, ant­wor­tet er prompt. Aber das ist na­tür­lich ge­lo­gen. Ich ha­be noch nie er­lebt, dass er so weit aus­ge­holt hät­te, oh­ne mir et­was Be­stimm­tes mit­tei­len zu wol­len.“

Gleich zu Be­ginn be­geg­nen wir ihm schon, Pan, dem Wald­gott der grie­chi­schen My­tho­lo­gie, der in sei­ner Gier Zie­gen, Nym­phen und Kna­ben be­springt, al­so al­les, was nicht bei drei auf den Bäu­men ist. Ed Ro­sen, der Prot­ago­nist von Ben­ja­min Steins Uto­pie er­blickt ihn zum ers­ten Mal in ei­ner Kunst­aus­stel­lung. Viel­mehr er­in­nert er sich, wie er die Ab­bil­dung des trieb­haf­ten Na­tur­got­tes auf den Bil­dern des Künst­lers Hay­man be­wun­der­te. Ro­sen be­wegt sich wäh­rend des gan­zen Ge­sche­hens in sei­nen Er­in­ne­rungs­bil­dern und stat­tet dar­über Be­richt ab. Er­staunt über die Leich­tig­keit mit der sich selbst ein in­tel­li­gen­ter Mensch ma­ni­pu­lie­ren lässt, ver­fol­gen wir sei­ne Ver­wand­lung. Aus dem äu­ßer­lich ver­nach­läs­sig­ten, aber den­noch ge­nia­len Wis­sen­schaft­ler wird nach ei­nem Vor­her-Nach­her-Pro­gramm, das wahl­wei­se dem Mär­chen oder ei­ner Frau­en­zeit­schrift ent­stam­men könn­te, ein fit­ness­ge­stähl­ter Kör­per- oder bes­ser Fuß­fi­xier­ter. Auch sein Hirn, wel­ches sei­nem neu­en Chef und Ma­ni­pu­la­tor Man­ta­na zu­nächst zur Ent­wick­lung der all­macht­ver­hei­ßen­den Tech­no­lo­gie Uni­Com ver­hilft, ver­än­dert sich all­mäh­lich. Als Trä­ger des Uni­Com, ei­nes Im­plan­tats, das so­wohl ei­ge­ne Er­in­ne­run­gen als auch die an­de­rer Trä­ger spei­chern und ver­net­zen kann, scheint Ro­sen all­mäh­lich die Kon­trol­le über sich und über die Un­ter­schei­dung zwi­schen rea­ler und vir­tu­el­ler Welt zu ver­lie­ren.

Ben­ja­min Stein schil­dert die Me­ta­mor­pho­sen sei­nes Hel­den auf sehr span­nen­de Wei­se. Be­son­ders die ers­ten bei­den Drit­tel der Ge­schich­te ha­ben mir gut ge­fal­len. Sie re­gen an sich mit ver­schie­de­nen For­men der Ma­ni­pu­la­ti­on aus­ein­an­der zu set­zen, die ge­ra­de auch in den neu­en Tech­no­lo­gien ver­bor­gen lie­gen. Al­ler­dings geht es nicht sehr in die Tie­fe. Über psy­cho­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Wahr­neh­mungs­theo­rien hät­te ich ger­ne mehr er­fah­ren. Die um­ständ­li­chen tech­no­lo­gi­schen Er­klä­run­gen hin­ge­gen ha­ben mich et­was er­mü­det. Nerds und Ge­eks wer­den sie er­freu­en und die­se Spe­zi­es wird sich wohl auch wie wei­land bei Ro­bert A. Wil­sons und Ro­bert She­as Il­lu­mi­na­tus-Tri­lo­gie an den ero­ti­schen Sze­nen de­lek­tie­ren.

Al­te und neue My­then, Li­te­ra­tur- und Film­zi­ta­te so­wie zahl­rei­che phi­lo­so­phi­sche Ver­wei­se über­schwem­men die­sen schma­len Ro­man. Viel­leicht regt er zur wei­te­ren Lek­tü­re an, mei­net­we­gen auch in vir­tu­el­len Bü­chern.

Dem un­ter­halt­sa­men Ro­man fehlt es nicht an Iro­nie, wie die zahl­rei­chen Sei­ten­hie­be auf Life­sty­ler, Lat­te-Mac­chia­to-Kon­su­men­ten und Dis­li­ke-But­ton-Be­tä­ti­ger zei­gen.

Nur ob das pul­sie­ren­de blaue Licht an den Schlä­fen der Uni­Com-Trä­ger ei­ne Hom­mage oder ei­ne Ver­apple­ung sein soll, bleibt un­klar. Mich er­in­nert es je­den­falls an mein klei­nes schla­fen­des Mac­Book.

Ben­ja­min Stein, Re­play, Beck Ver­lag, 1. Aufl. 2012

Ehen eines Empfindsamen

Aufschlussreiche Beziehungsbiographie — „Hesses Frauen“ von Bärbel Reetz

Für den Künst­ler, über­haupt für den be­gab­ten Phan­ta­sie­men­schen, ist die Ehe bei­na­he im­mer ei­ne Ent­täu­schung. Im bes­ten Fall ist es ei­ne lang­sa­me, er­träg­li­che, mit der man sich halt ab­fin­det, aber es stirbt da­bei, oh­ne viel Schmer­zen, ein Stück See­le und Le­bens­kraft ab, und wir sind nach­her är­mer, wäh­rend wir nach dem Er­le­ben ei­nes ech­ten gro­ßen Schmer­zes eher rei­cher sind.“ Her­mann Hes­se, nach Reetz, S. 288.

Ei­ne Ju­gend oh­ne Her­mann Hes­se ist denk­bar aber un­wahr­schein­lich. Auch ich kann mich an die Lek­tü­re von „Nar­ziß und Gold­mund“ er­in­nern und ver­bin­de da­mit ge­gen­sei­ti­ges Vor­le­sen in ei­ner ei­gen­tüm­lich schwär­me­ri­schen Stim­mung, die mich seit­dem kaum noch be­fal­len hat. Vie­le Jah­re spä­ter be­geg­ne­te mir der Au­tor in sei­nem pie­tis­ti­schen Mi­lieu, das mich aus his­to­ri­schen Grün­den in­ter­es­sier­te. Zu die­ser Zeit las ich ei­ni­ge bio­gra­phi­sche Wer­ke und wun­der­te mich oft über die Dar­stel­lung von Hes­ses ers­ter Ehe­frau Mia. Dass die psy­chisch Kran­ke eher un­ter ih­rer Ehe als un­ter Neu­ro­sen oder Psy­cho­sen litt, schien sehr wahr­schein­lich.

Bär­bel Reetz lie­fert nun die Fak­ten. In gründ­li­cher Re­cher­che und Quel­len­ar­beit hat sie Her­mann Hes­ses Be­zie­hun­gen zu sei­nen Frau­en durch­leuch­tet und legt mit „Hes­ses Frau­en“ ei­ne span­nend ge­schil­der­te Be­zie­hungs­bio­gra­phie vor. Der chro­no­lo­gi­sche Auf­bau folgt Hes­ses Ehen, 1904 mit Ma­ria Ber­noul­li, 1924 mit Ruth Wen­ger und 1931 mit Ni­n­on Dol­bin. Auch die nicht of­fi­zi­ell An­ge­trau­ten, den­noch kaum als Ge­lieb­te zu be­zeich­nen­den, fin­den Er­wäh­nung, Eli­se, Ju­lie Hell­mann, Eli­sa­beth La Ro­che, Eli­sa­beth Rupp.

Frü­he Bio­gra­phen spa­ren Hes­ses Frau­en­be­zie­hun­gen aus oder las­sen le­dig­lich Maria/Mia, sei­ne ers­te Frau und Mut­ter der drei ge­mein­sa­men Söh­ne, in wenn auch frag­li­chem Licht er­schei­nen. Um vie­les prä­zi­ser ana­ly­siert Reetz ge­ra­de die­se ers­te Ehe Hes­ses. Ist man zu Be­ginn scho­ckiert über die an­schei­nen­de Ge­fühls­käl­te Hes­ses ge­gen­über sei­ner Frau und fast noch mehr ge­gen­über den von ihm als stö­rend oder zu­min­dest gleich­gül­tig emp­fun­den Kin­dern, so er­lebt man am En­de des Bu­ches, wie Hes­se sich im Al­ter um so stär­ker Mia und sei­nen Söh­nen zu­wen­det. Es war al­so wohl we­ni­ger ei­ne Ge­fühls­käl­te als ei­ne Ge­fühls­un­ter­drü­ckung. Letzt­lich mag sie dem pie­tis­ti­schen Mi­lieu sei­ner Kind­heit und Ju­gend ge­schul­det sein, das ihn nach­hal­tig präg­te.

Die­se Schluss­fol­ge­rung klingt auch in Reetz’ Über­le­gun­gen zum Ver­hal­ten Her­mann Hes­ses an. Be­zie­hun­gen zu Frau­en un­ter­hielt er lie­ber aus der Di­stanz, zu viel Nä­he emp­fand er als stö­rend, von Ero­tik kaum ei­ne Spur. Ein as­ke­ti­sches, fast ein­sied­le­ri­sches Künst­ler­le­ben, in dem es durch­aus re­gen Aus­tausch mit Freun­den und Ge­sel­lig­keit gab. Aber im­mer wie­der auch Rück­zug und Flucht. Zu­viel Nä­he, auch ero­ti­sche, muss er als be­droh­lich emp­fun­den ha­ben. Um­so mehr er­staunt es, daß sich Frau­en von ihm an­ge­zo­gen fühl­ten. Viel­leicht wird dies ver­ständ­lich, wenn wir uns dar­an er­in­nern, daß Hes­ses Schrif­ten vor al­lem im ori­en­tie­rungs­su­chen­den Al­ter der Pu­ber­tät als Or­te des Ver­ste­hens emp­fun­den wer­den. Hes­se als Men­schen­ver­ste­her, der die­sen dann doch nicht all­zu na­he kom­men möch­te?

Bär­bel Reetz schil­dert wie er sich von sei­nen bei­den spä­te­ren Frau­en Ruth und Ni­n­on, bei­de we­sent­lich jün­ger als er, ge­ra­de­zu ein­ge­fan­gen fühl­te. Ein ge­fan­ge­ner Vo­gel, der sich ei­nem Kä­fig der Zwei­sam­keit ver­wei­gert, um das un­ab­hän­gi­ge Le­ben ei­nes Ein­zel­nen zu füh­ren. Wor­auf auch beim Be­woh­nen ei­nes ge­mein­sa­men Hau­ses ge­ach­tet wird. War­um er sich trotz­dem hei­ra­ten ließ, lässt sich aus den viel­fäl­ti­gen An­ga­ben, die die Au­torin har­mo­nisch und schlüs­sig zu die­ser Be­zie­hungs­bio­gra­phie kom­po­niert, er­ah­nen. Al­len drei Frau­en war ge­mein­sam, daß sie, je­de auf ih­re Wei­se, dem Dich­ter den schnö­den All­tag und des­sen ba­na­le Sor­gen vom Leib hiel­ten.

Be­reits Mia macht sehr vie­le, zu vie­le Zu­ge­ständ­nis­se. Ih­re Be­dürf­nis­se und die der Kin­der soll­ten sei­ner künst­le­ri­schen Krea­ti­vi­tät nicht im We­ge ste­hen. Der an Me­nin­gi­tis er­krank­te Mar­tin wird kur­zer­hand in Pfle­ge ge­ge­ben, da­mit er nicht die Dich­ter­ru­he stö­re. Dass Hes­se da­durch er­heb­lich die Ge­füh­le Mi­as und sei­nes Soh­nes ver­letzt, scheint ihn nicht zu hem­men. Dies em­pört be­son­ders, da er die meis­te Zeit un­ter­wegs ist. Er ent­zieht sich, lässt Mia al­lei­ne mit Ar­beit und Sor­gen und be­schreibt ihr auf Post­kar­ten, wie schön er es doch an sei­nen Rei­se­zie­len ha­be. Dass sei­ne Frau schließ­lich nach lang­jäh­ri­gem Er­tra­gen die­ser Zu­stän­de de­pres­si­ve Zu­sam­men­brü­che er­lei­det, ver­wun­dert nicht.

Ge­fan­ge­ner Vo­gel, be­mut­ter­tes Kind, emp­find­li­cher Hy­po­chon­der, ins­ge­samt ist der Dich­ter kein ein­fa­cher Mensch. Sucht er in sei­nen Ehe­frau­en sei­ne Mut­ter Ma­rie Hes­se? Die Toch­ter des Sprach­for­schers und Mis­sio­nars Her­mann Gun­dert und der von Cal­vi­nis­ten ab­stam­men­den Ju­lie Du­bo­is be­schreibt Hu­go Ball, der ers­ter Bio­graph Hes­ses, als stren­ge kon­trol­lier­te Pie­tis­tin, die ihr Ge­fühls­le­ben und ih­re Per­sön­lich­keit der Ver­brei­tung des Evan­ge­li­ums un­ter­ord­ne­te. Der schma­le Weg führt ins Him­mel­reich, Ge­nuss und Selbst­ver­wirk­li­chung lie­gen nicht an sei­ner Sei­te. Hes­se ver­sucht sich von die­sem pie­tis­ti­schen Ein­fluss zu be­frei­en, wir le­sen dies in sei­nen Ro­ma­nen. Un­ter­stüt­zung sucht er bei sei­nen The­ra­peu­ten Fra­en­kel, Lang und Nohl. Als sei­ne Frau eben­falls die Hil­fe Nohls in An­spruch nimmt, zeigt er we­nig Ver­ständ­nis. Sie, die zur Be­wäl­ti­gung ih­rer Pro­ble­me ei­gent­lich sei­ne Un­ter­stüt­zung be­nö­tigt hät­te, be­zeich­net er auch Jah­re spä­ter als Wahn­sin­ni­ge, die durch ih­re Zu­stän­de die Ehe zer­stört ha­be.

Ruth Wen­ger, ei­ne rei­che Bür­gers­toch­ter wird Hes­ses zwei­te Frau. Sie schwärmt für ihn seit dem Ken­nen­ler­nen in Mon­ta­gno­la. Er ver­sucht im­mer wie­der sich ihr zu ent­zie­hen, bleibt aber schließ­lich in ih­ren Fän­gen haf­ten. Nur zäh­men lässt er sich kei­nes­wegs. Er wehrt sich ve­he­ment ge­gen al­le Bür­ger­lich­keit, ver­wei­gert sich aber­mals dem Fa­mi­li­en- und Zu­sam­men­le­ben. Ih­ren un­er­füll­ten Kin­der­wunsch kom­pen­siert Ruth mit ei­ner Me­na­ge­rie. Sie be­klagt sich, weil Hes­se sich wei­gert ein ge­mein­sa­mes Le­ben zu füh­ren, ei­ne rich­ti­ge Ehe. Und kon­sta­tiert, die idea­le Part­ne­rin müs­se sehr stark oder hün­disch sein.

Was Hes­se von der Fer­ne liebt, mei­det er in der Nä­he. Ver­wand­te oder Ehe­leu­te emp­fin­det er als stö­rend, zu Freun­den pflegt er bes­se­re Be­zie­hun­gen. Er sei „ein schlech­ter und un­ge­eig­ne­ter Ver­wand­ter, da­ge­gen ein gu­ter und treu­er Freund“. HH, nach Reetz, S. 234.

Ni­n­on Aus­län­der sen­det als jun­ges Mäd­chen nach der Lek­tü­re von „Pe­ter Ca­menzind“ dem Au­tor ei­nen be­geis­ter­ten Brief. Hes­se lässt den Brief­kon­takt zu, ein Tref­fen lehnt er je­doch ab. Nach Hei­rat mit Do­b­lin und lan­gen Jah­ren War­te­zeit wird auch Ni­n­on Frau Hes­se. Sie hat ihr Idol er­obert, doch sei­ne Lau­nen und Wut­aus­brü­che wird auch sie er­tra­gen ler­nen. Sie woh­nen in den ers­ten Jah­ren ge­mein­sam in der Ca­sa Ca­muz­zi, aber in un­ter­schied­li­chen Zim­mern auf un­ter­schied­li­chen Stock­wer­ken in un­ter­schied­li­chen Flü­geln. Zet­tel­bot­schaf­ten re­geln die spär­li­che Zwei­sam­keit. Ein Ehe­le­ben lässt sich das kaum nen­nen. Auch Ni­n­on ent­zieht sich, folgt ih­ren kunst­his­to­ri­schen und ar­chäo­lo­gi­schen In­ter­es­sen auf Rei­sen rund ums Mit­tel­meer. Im­mer­hin liest sie je­den Abend vor, bis zu sei­nem Tod aus 1447 Bü­chern.

Hes­ses Frau­en­be­zie­hun­gen bil­den den Schwer­punkt des Bu­ches, aber man er­fährt bei der Lek­tü­re vie­les mehr. Reetz ver­knüpft die bio­gra­phi­schen De­tails mit Schlüs­sel­sze­nen und –fi­gu­ren aus Hes­ses Ro­ma­nen und er­in­nert an sei­nen lo­cke­ren Um­gang mit Per­sön­lich­keits­rech­ten. Den Mensch Hes­se er­le­ben wir in sei­nen Selbst­zwei­feln und sei­nen Pro­ble­men. Im­mer wie­der bre­chen sei­ne jä­hen Ge­füh­le aus, de­nen die je­wei­li­gen Be­glei­te­rin­nen als Blitz­ab­lei­ter die­nen müs­sen. Ih­re un­ter­stüt­zen­de Wirk­sam­keit weiß er al­ler­dings oft nicht zu wür­di­gen.

Und doch ist er ei­nem auch wie­der sym­pa­thisch, der ein­sa­me Dich­ter, der sich fremd fühlt, ge­ra­de dann, wenn er un­ter Men­schen ist, auf Le­se­rei­sen aus sei­nen Wer­ken vor­liest, um da­nach mit an­se­hen zu müs­sen „wie sie Schnit­zel und Blut­wurst fres­sen und sitzt so fremd und ent­behr­lich da­zwi­schen, daß ei­nem das in­ners­te Herz friert“, HH, nach Reetz, S. 286.

Mit „Hes­ses Frau­en“ hat Bär­bel Reetz ei­ne auf­schluß­rei­che Er­gän­zung zur Hes­se-Bio­gra­phie vor­ge­legt, die in Hes­ses 50. To­des­jahrs dar­an er­in­nert, daß auch no­bel­preis­tra­gen­de Dich­ter nur Men­schen sind.

Er­schie­nen ist der Ti­tel als In­sel Ta­schen­buch in be­son­de­rer Auf­ma­chung. Ori­gi­nal­zi­ta­te er­gän­zen als „Stim­men“ die Ka­pi­tel. Fo­tos, auch aus Pri­vat­ar­chi­ven der Hes­se Nach­fah­ren il­lus­trie­ren den Text­teil. Im An­hang bie­ten ne­ben ei­ner aus­führ­li­chen Zeit­ta­fel, Personen‑, Literatur‑, Quel­len- und In­halts­ver­zeich­nis, wei­te­re Er­läu­te­run­gen Ein­bli­cke in die Re­cher­che­ar­beit der Au­torin.

Bär­bel Reetz, Hes­ses Frau­en, In­sel Ver­lag, 1. Aufl. 2012
 

Hin­ge­wie­sen sei noch auf ei­nen Auf­tritt der Au­torin Bär­bel Reetz in „Li­te­ra­tur im Foy­er”. Dort dis­ku­tiert sie un­ter der Lei­tung von Fe­li­ci­tas von Lo­ven­berg mit Jo Bai­er, Pe­ter Härt­ling und Hei­mo Schwilk über Her­mann Hes­se.