Abschied von Onkel Paul

Küchengespräche unter Schwestern in Gila Lustigers neuem Roman „Woran denkst du jetzt


„Sie hatte ein Geschick dafür entwickelt, sich von dem Sinn nicht behelligen zu lassen, und dass sie nach einer guten halben Stunde immer noch nicht herausgefunden hatte, worum es eigentlich ging, bereitete ihr Vergnügen.“

Der Leser verbringt womöglich mehr Zeit mit weniger Vergnügen, denn er läuft langsam an dieser Roman, der in einer Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von Onkel Paul. Seine beiden Nichten sind für diese Nacht in das Elternhaus zurückgekehrt. Dieses Haus hatte Paul vor Jahren seiner Schwester überlassen, als ihr Mann sie verließ und sie mit ihren beiden Töchtern eine Bleibe suchte. Onkel Paul war seitdem immer für sie da, in den letzten Monaten seines Krebsleidens hingegen kümmerten sie sich um ihn. Er wollte seine letzte Zeit mit ihnen verbringen, nicht mit seiner Frau, mit der er jahrzehntelang verheiratet war. Doch warum?

Dies ist eine der Fragen, die sich Lisa und ihrer Schwester Tanja in diesen Stunden stellen, den Stunden der Totenwache, die sie in der Küche des Hauses verbringen. Sie reden und streiten und stürzen sich mit dem ewigen „Woran denkst Du jetzt?“ in ihren eigenen Vergangenheitsfilm. Durch dieses alternierende Prinzip führt Gila Lustiger die jeweiligen Erinnerungen der unterschiedlichen Schwestern ein. So erlebt der Leser das Familiengeschehen einmal in der Analyse der Psychodramatherapeutin Lisa, dann aus der Sicht der pragmatischen Bankmanagerin Tanja. Lisa, das Empathiegenie, und Tanja, das Organisationstalent. Tanja, die sich ihre Probleme selbst macht und diese auch selbst lösen will. Lisa, die die Probleme anderer lösen möchte. Beide sind „wahre Meisterinnen im Darüberhinwegkommen“ damals wie heute.

Nachdem Tanjas Zeit im Ausland sie auch innerlich voneinander entfernt hatte, scheinen die Schwestern sich in diesen Stunden wieder anzunähern. Doch sie reden nicht miteinander, sie sinnieren nebeneinander über ihr Leben. Vor allem darüber, welche Rolle Onkel Paul darin spielte. Dieser erscheint als dandyhafter Zampano, der immer genau wusste, was gut und richtig war, und sie mit opulenten Geschenken und Lebensweisheiten überhäufte. Die Erinnerungen entlarven ihn schließlich als Manipulator.

In dieser psychologisch nicht uninteressant konstruierten Familiengeschichte vermisst der Leser jedoch lange das Motiv. So folgt man über die Hälfte des Romans geduldig den Erinnerungen und, da immer noch kein Geheimnis in Sicht, beginnt man bald sich selbst eines herbei zu spinnen. Schließlich zeigt sich weder Missbrauch, noch Inzest sondern ein banaler Ehebruch als causa scribendi. Dieser bestimmt folgenreich das Beziehungsgeflecht der Personen bis zum Tode von Onkel Paul, den man vielleicht in zweifacher Hinsicht als Hauptschuldigen bezeichnen könnte. Er hatte einst den künftigen Ehemann seiner Schwester als Freund ins Haus gebracht und viele Jahre später die Ehe durch seine Indiskretion zerstört. Weitere Geständnisse folgen und erlauben den Schwestern zu verzeihen, sich selbst und einander, und schließlich auch den Tod ihres Onkels zu betrauern.

Leider verfolgt dieser Roman die Frage nach Schuld und Verantwortung nicht intensiver und endet hoffnungsvoll milde. Dabei erzählt Gila Lustiger ihre Geschichte eines Verrats in einem durchaus anspruchsvollen Konstrukt aus Gefühlen und Erinnerungen, was den großen psychologischen Reiz ausmacht.

Manches trübte jedoch mein Lesevergnügen. Der Autorin gelingt es nicht immer die beiden charakterlich doch so verschieden angelegten Schwestern deutlich voneinander abzugrenzen. Besonders in der wörtlichen Rede ist oft nicht eindeutig auszumachen, welche Person spricht. Noch störender empfinde ich die sehr umgangssprachliche Formulierung einiger Sätze, die dadurch oft unklar und missverständlich sind. Wenn man jedoch darüber hinweg zu lesen vermag, öffnen sich für den an familiären Konstellationen Interessierten intensive Einblicke in eine nicht immer einfache Schwesternbeziehung.

Zum Schluss noch eine Bemerkung zur Gestaltung. Es ist inkonsequent, daß im ersten Kapitel die erinnerten Gedanken kursiv erscheinen, dies jedoch im Folgetext nicht weitergeführt wird. Dafür gibt es als hübschen und zugleich nützlichen Ausgleich ein bordeauxrotes Lesebändchen.

Mythos Kilimandscharo

Koloniales Wettklettern

Mit ihrem im Wagenbach-Verlag erschienenen Buch „Kilimandscharo“ legen die beiden Autoren, der Germanist und Historiker Christof Hamann und der Literaturwissenschaftler Alexander Honold die „deutsche Geschichte eines afrikanischen Berges“ vor.

In zehn Kapiteln stellen sie die verschiedenen Aspekte der Faszination heraus, die dieser Berg von der Antike bis in die heutige Zeit ausübt. Wie der Berg als Mikrokosmos verschiedenste Bedürfnisse vereint, Natur- und Selbsterfahrung, die Sehnsucht nach dem Ideal und die Abkehr von der Zivilisation zeigt das Anfangskapitel. Der symbolische Gehalt mythischer Bergphantasien, sei es nun der Olymp oder der Parnass, der eine Sitz der Götter, der andere Hain der Musen, werden ebenso wie Dantes Läuterungsberg berücksichtigt. Die im 18. Jahrhundert sich ausbildende Stilisierung der Alpen zum „Hochgebirge der Empfindsamkeit“ zeigen die Autoren anhand der Spuren von Albrecht von Haller und Jean-Jacques Rousseau. Als weitere Pioniere der Entdeckerlust bleiben selbstverständlich auch Francesco Petrarca und Alexander von Humboldt nicht ungenannt.

Das zweite Kapitel führt in die Vorgeschichte des „Schneeberges“ ein. Mythen, aber auch geographische Beobachtungen, die in der antiken Überlieferung von Herodot bis Ptolemaios von Alexandria fassbar sind, werden einander gegenübergestellt und durch anekdotenhaft anmutende Berichte antiker Expeditionstrupps ergänzt.

Welche Rolle das Prestige eines Erstentdeckers gerade während des „Run of Africa“ einnimmt zeigt das dritte Kapitel. Geographie wurde zwar weniger als Wissenschaft denn als Feuilletonthema wahrgenommen, dennoch war das Interesse gerade am unentdeckten afrikanischen Kontinent enorm. Mit Spannung verfolgte das deutsche Lesepublikum in zahlreichen Publikationen wie „Die Gartenlaube“ und  „Westermann’s Monatshefte“ den Wettlauf zu den Quellen des Nigers. Beliebte Lektüre waren auch die Berichte deutscher und englischer Missionare, die auf ihren Wegen zu den „Ungläubigen“ bis in unbekannte Regionen vordrangen. So berichteten die Missionare Johannes Rebmann und sein Kollege Johann Ludwig Krapf über ihre Unternehmungen im Church Missionary Intelligenzer. Sie beschrieben als erste neuzeitliche Europäer einen Schneegipfel in Äquatornähe. Doch das trug den Missionaren mehr Spott als Anerkennung ein. Der englische Gelehrte William Deborough Cooley wirft ihnen überbordende Phantasie und Unprofessionalität vor und verwies hämisch auf die Kurzsichtigkeit der beiden Brillenträger.

Dass nicht nur geographische Neugier und religiöses Sendungsbewußtsein, sondern auch kolonialpolitischer Ehrgeiz bei der weiteren Erforschung Afrikas und insbesondere des Kilimandscharos eine Rolle spielten, schildern die Autoren im Folgenden. „Die Besteigung des Schneeberges bleibt ein wichtiges wissenschaftliches und politisches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erstbesteigung des Kilimandscharo–Gipfels Kibo eine Unterdisziplin im „Wettlauf um Afrika“. Neben den Deutschen Carl Claus von der Decken, Eduard Vogel und Gustav Adolf Fischer traten die Briten Joseph Thomson und Harry Johnston an. Alle scheiterten. Erst Hans Meyer und Ludwig Purtscheller erreichten 1889 im dritten Anlauf den Gipfel und machten ihn mit Deutscher Flagge und einem dreifachen Hurra zur Kaiser-Wilhelm-Spitze und damit zum höchsten Berg Deutschlands. In Meyers Darstellungen zeigt sich die große Faszination, die der Kilimandscharo ausübte, das schneebedeckte Hochgebirge in Äquatornähe, seine singuläre Erhebung in der Landschaft, der wolkenverhangene Gipfel und seine unterschiedlichen Klimate und Vegetationszonen. Wie die geschickte mediale Präsentation den Berg im fernen Afrika zu einem Symbol deutschen Nationalstolzes werden lässt, zeigen die Autoren in den nachfolgenden Kapiteln. Seien es nun die umfassende literarische Rezeption, unter denen Jules Vernes Fünf Wochen im Ballon das populärste Beispiel darstellen mag, oder die Auswirkungen auf die Werke der Bildenden Künste. Besonders deutsche Künstler trugen dazu bei, daß kolonialromantische Sehnsüchte noch lange nach Ende der kurzen deutschen Kolonialphase weiterlebten. Und das bis heute, wie Fernsehdramoletts vor der Kulisse des Kilimandscharo beweisen.

Die beiden Wissenschaftler, die sich selbst als Flachlandautoren bezeichnen, und doch mitunter bei gemeinsamen Bergwanderungen die Konzeption ihres Buches diskutierten, bieten vielfältige Aspekte des berühmtesten Berges Ostafrikas. Sie analysieren die koloniale Geschichte des Gipfels und werfen zudem einem Blick auf die kulturelle Bedeutung des Bergsteigens und die Motive der Akteure. Dem Leser öffnet sich so die historische aber auch die literarische Perspektive.

Zahlreiche Abbildungen und ein ebenso nützlich wie ausführlicher Anmerkungsapparat ergänzen diesen Band aus der schön gestalteten kulturgeschichtlichen Reihe des Wagenbach-Verlages.

Zur Rolle Rebmanns und Krapfs als erste europäische Schneegipfel-Boten sei folgende Begebenheit ergänzend erzählt. Es war nicht nur der Brite Beke, wie Hamann und Honold berichten, der die Aussagen von Rebmann und Krapf ernst nahm. Die in den neugegründeten geographischen Zeitschriften „Petermanns Mitteilungen“, Globus“, „Zeitschrift für allgemeine Erdkunde“ heiß diskutierten Schneeberge setzten die beiden derart in den Fokus, daß ihnen zu Beginn des Jahres 1851, wie Jochen Eber in seiner Biographie über Krapf berichtet, eine Audienz bei Friedrich-Wilhelm IV. gewährt wurde. Dort schilderten sie ihre Entdeckungen den preußischen Gelehrten Carl Ritter und Alexander von Humboldt, worauf sich letzterer „wie ein kleines Kind über ein neues Spielzeug“ gefreut haben soll (Eber, S. 148).