Wie man schreibt, daß man träumt, daß man schreibt

Jan Peter Bremer sucht in „Der amerikanische Investor“ nach dem perfekten ersten Satz

Ein Au­tor sitzt am Schreib­tisch und ima­gi­niert den ers­ten Satz. Auf den war­tet er schon lan­ge ver­geb­lich. Ein ty­pi­scher Fall von Schreib­hem­mung, so scheint es, die sich we­der durch den treu­en Blick ei­nes Hun­des noch durch Ab­len­kung durch­bre­chen lässt. Der ers­te Satz, des­sen ein­falls­rei­che Wort­ge­wandt­heit zum Mo­ti­va­tor für die rest­li­chen Sät­ze und Sei­ten des Ro­mans wer­den soll, kommt dem Dich­ter nicht in den Sinn. Viel­leicht weil der Sinn die­ses Er­zäh­lers, der wie Bre­mer nicht nur Bü­cher schreibt, son­dern mit Frau, Kin­dern und Hund in ei­ner Ber­li­ner Woh­nung lebt, von pri­va­ten Pro­ble­men be­setzt ist. Am dring­lichs­ten von dem Pro­blem mit sei­ner Woh­nung, die durch die Sa­nie­rungs­maß­nah­men ei­nes Im­mo­bi­li­en­in­ves­tors we­nigs­tens in Tei­len von Ein­sturz ge­fähr­det ist. Dies ist die wich­tigs­te Sa­che, um die sich der Krea­ti­ve auf Drän­gen sei­ner Frau zu küm­mern hat. Be­su­che bei der Mie­ter­be­ra­tung, Ge­sprä­che mit Ar­bei­tern und Haus­meis­tern, Er­wä­gung ei­nes Um­zu­ges, Aus­kund­schaf­ten even­tu­el­ler Wohn­op­tio­nen, dies al­les führt zu kei­nem Ziel. Es führt al­ler­dings zu der Idee, die­sem In­ves­tor ei­nen un­miss­ver­ständ­li­chen, al­les klä­ren­den Brief zu schrei­ben. Der Er­zäh­ler sitzt al­so wie­der mit sei­nem Hund am Schreib­tisch und war­tet auf den gu­ten ers­ten Satz.

Dies ist in al­ler Kür­ze der Plot des Ro­mans und er ist nicht son­der­lich auf­re­gend, wenn man nicht eben­falls in Ber­lin von ei­nem Miet­hai be­droht wird. In­ter­es­sant ist aber die Mach­art der Ge­schich­te. Die Su­che nach dem ers­ten Satz führt zu Re­flek­tio­nen, die nach kunst­vol­len Vol­ten stets zu ih­rem Aus­gangs­punkt zu­rück­keh­ren. Zu Hund und Herrn am Schreib­tisch und dem gro­ßen „Was wä­re wenn“. Was wä­re zum Bei­spiel, wenn der In­ves­tor, der der Le­se­rin als welt­fer­ner Be­woh­ner sei­nes Pri­vat­jets dar­ge­stellt wird und ihr als ro­ter Plas­tik­kopf im ro­ten Plas­tik­flie­ger vom Co­ver ent­ge­gen leuch­tet, dem Er­zäh­ler höchst­selbst  ei­nen Brief schrei­ben wür­de? Der In­ves­tor ent­wi­ckelt sich zur Be­dro­hung, die die Kin­der ver­führt und das Fa­mi­li­en­glück ge­fähr­det. Aber die­ses oder eher das Ehe­glück scheint so­wie­so so ei­ne Sa­che zu sein. Jan Pe­ter Bre­mer lässt sei­nen Schrift­stel­ler viel über des­sen Le­bens­um­stän­de grü­beln. Ge­schieht dies in zu­nächst sehr un­ter­halt­sa­mer Ma­nier, so dreht er sich da­bei doch auch im Kreis. Zum Glück dau­ert die­se Do­ku­men­ta­ti­on des Pro­kras­ti­nie­rens nur voll­kom­men aus­rei­chen­de 156 Sei­ten.

Für ei­nen Aus­zug aus die­sem im Ber­lin Ver­lag er­schie­ne­nen Ro­man er­hielt Bre­mer den Al­fred-Dö­blin-Preis 2011. In ei­nem Aspek­te-In­ter­view, das von der er­staun­li­chen Par­al­le­li­tät des wah­ren Le­bens zu die­sem Bu­ches zeugt, er­zählt der Schrift­stel­ler von sei­nem Woh­nen in Ber­lin.

Deutscher Buchpreis 2011 — Die Longlist

Die Jagd beginnt

Zum sieb­ten Mal wird in die­sem Jahr der Deut­sche Buch­preis ver­lie­hen. Er gilt dem Ro­man, dem man den größ­ten Pu­bli­kums­er­folg wünscht. Durch­aus als Mar­ke­ting­maß­nah­me er­dacht soll die­ser Preis den li­te­ra­ri­schen deut­schen Buch­markt be­le­ben. Den Le­sern wird so jen­seits der Best­sel­ler­türm­chen ein In­di­ka­tor ge­bo­ten, der ih­nen den Weg zum Gu­ten Buch weist. Seit Au­gust 2005 er­stellt ei­ne wech­seln­de, aber im­mer sie­ben­köp­fi­ge Ju­ry zu­nächst ei­ne Lon­g­list, die ei­nen Mo­nat spä­ter auf ei­ne Short­list von sechs Ti­teln ein­ge­dampft wird. Der Ge­win­ner wird pünkt­lich zur Frank­fur­ter Buch­mes­se ver­kün­det.

Die zwan­zig im Au­gust no­mi­nier­ten Ti­tel wer­den in ei­nem Le­se­buch den po­ten­ti­el­len Käu­fern und Le­sern vor­ge­stellt. Die­ses Heft soll­te der Buch­han­del sei­ner wer­ten Kund­schaft of­fe­rie­ren. Doch in den An­fangs­jah­ren ge­stal­te­te sich die Su­che nach die­sen Le­se­pro­ben zu ei­ner wah­ren Jagd. Selt­sam, denn die­ser Preis ist doch ganz zum Zwe­cke des Li­te­ra­tur­kon­sums er­dacht. In vie­len Buch­hand­lun­gen fan­den sich je­doch we­der ne­ben der Kas­se ei­nes die­ser Heft­chen noch auf ei­nem Son­der­tisch die No­mi­nier­ten. Da­für stieß man, nicht nur im ers­ten, son­dern auch im zwei­ten, drit­ten, vier­ten, fünf­ten und sechs­ten Jahr re­gel­mä­ßig auf ver­ständ­nis­lo­se Ge­sich­ter. Der Preis mit­samt sei­nem Heft war nicht nur in klei­nen Pro­vinz­buch­hand­lun­gen un­be­kannt. Nein, auch in den sich selbst als Li­te­ra­tur­hand­lun­gen be­ti­teln­den Lä­den in Karls­ru­he und Hei­del­berg war au­ßer er­staun­ten Bli­cken nicht viel zu er­gat­tern. Die Li­te­ra­tur­jä­ge­rin fand den­noch ihr Wild und das aus­ge­rech­net im Mu­sen­hain. Die Tha­lia­fi­lia­len in Karls­ru­he, Mann­heim, Hei­del­berg hat­ten nicht nur das be­gehr­te Ob­jekt, son­dern un­er­war­te­ter­wei­se auch Ah­nung von der Sa­che. Un­glaub­lich, aber wahr.

Im letz­tem Jahr stan­den die Le­se­pro­ben als frei­es Down­load auf Libre­ka zur Ver­fü­gung. Trotz­dem wer­de ich wie­der im Jagd­fie­ber sein. Wer weiß, viel­leicht kom­me ich dies­mal auch ganz oh­ne Pfer­de­stär­ken zu mei­nem Schuss in der klei­nen, aber fei­nen Dorf­buch­hand­lung.

Und hier die dies­jäh­ri­gen No­mi­nie­run­gen:

•   Vol­ker Har­ry Alt­was­ser, Letz­te Fi­scher (Mat­thes und Seitz Ber­lin, Sep­tem­ber 2011)

•   Jan Brandt, Ge­gen die Welt  (Du­Mont, Au­gust 2011)

•   Mi­cha­el Bu­sel­mei­er, Wun­sie­del(Das Wun­der­horn, März 2011)

•   Alex Ca­pus, Lé­on und Loui­se (Han­ser, Fe­bru­ar 2011)

•   Wil­helm Ge­n­azi­no, Wenn wir Tie­re wä­ren (Han­ser, Ju­li 2011)

•   Na­vid Ker­ma­ni, Dein Na­me (Han­ser, Au­gust 2011)

•   Es­ther Kin­sky, Ba­nats­ko (Mat­thes und Seitz Ber­lin, Ja­nu­ar 2011)

•   An­ge­li­ka Klüs­sen­dorf, Das Mäd­chen (Kie­pen­heu­er & Witsch, Au­gust 2011)

•   Do­ris Knecht, Gru­ber geht (Rowohlt.Berlin, März 2011)

•   Pe­ter Kurz­eck, Vor­abend(Stro­em­feld, März 2011)

•   Lud­wig La­her, Ver­fah­ren (Hay­mon, Fe­bru­ar 2011)

•   Si­byl­le Le­wit­schar­off, Blu­men­berg (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2011)

•   Tho­mas Mel­le, Sicks­ter (Rowohlt.Berlin, Sep­tem­ber 2011)

•   Klaus Mo­dick, Sun­set (Eich­born, Fe­bru­ar 2011)

•   As­trid Ro­sen­feld, Adams Er­be (Dio­ge­nes, Fe­bru­ar 2011)

•   Eu­gen Ru­ge, In Zei­ten des ab­neh­men­den Lichts (Ro­wohlt, Sep­tem­ber 2011)

•   Ju­dith Schalan­sky, Der Hals der Gi­raf­fe (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2011)

•   Jens Stei­ner, Ha­sen­le­ben (Dör­le­mann, Fe­bru­ar 2011)

•   Mar­le­ne Stree­ru­witz, Die Schmerz­ma­che­rin (S. Fi­scher, Sep­tem­ber 2011)

•   Ant­je Rá­vic Stru­bel, Sturz der Ta­ge in die Nacht (S. Fi­scher, Au­gust 2011)

Geschichten aus der Wirklichkeit

Unsere Geschichte beginnt” — neue Shortstories von Tobias Wolff

Wer noch nie ein in­tri­gan­tes Be­ru­fungs­ver­fah­ren er­lebt hat, wer noch nie voll Be­trof­fen­heit und Hilf­lo­sig­keit nach­bar­schaft­li­chen Ge­walt­tä­tig­kei­ten zu­hö­ren muss­te und wer sich noch nie von ei­nem Hund bes­ser ver­stan­den fühl­te als von ei­nem Mensch, der grei­fe zu den neu­en Short Sto­ries von To­bi­as Wolff.

Der Ti­tel „Un­se­re Ge­schich­te be­ginnt“ hat­te in mir ganz an­de­re Er­war­tun­gen er­weckt, die scho­nungs­lo­se Dar­stel­lung har­ter Rea­li­tät riss mich je­doch schnell dar­aus her­aus. Auf we­ni­gen Sei­ten er­zählt Wolff eher All­täg­li­ches als Groß­ar­ti­ges. Sei­ne Prot­ago­nis­ten er­le­ben vie­les, was we­der leicht zu er­tra­gen noch zu er­zäh­len ist. Man möch­te das Buch aus der Hand le­gen und doch bleibt man dran. Man­che Din­ge sind sehr bru­tal. Au­ßer­dem scheint Wolff un­ter ei­nem aus­ge­präg­ten Hun­det­rau­ma zu lei­den. In ei­ni­gen Ge­schich­ten wer­den die ar­men Krea­tu­ren miss­han­delt, in an­de­ren lie­ben die Ehe­frau­en ih­re Hun­de mehr als ih­re Män­ner und die Hun­de lie­ben die Ehe­frau­en mehr als de­ren Män­ner dies tun soll­ten. Un­ter­schied­li­che The­men fin­den sich in sei­nen Sto­ries, die Re­inte­gra­ti­on von Kriegs­heim­keh­rern, Mi­gra­ti­on, Bil­dungs­be­nach­tei­li­gung, aber auch Nächs­ten­lie­be und un­er­füll­te Lie­be. Schuld­fra­gen wer­den dis­ku­tiert, doch die Un­ter­schei­dung zwi­schen Op­fer und Tä­ter ist nie ein­deu­tig. Wolff lässt uns an den Ge­dan­ken sei­ner Per­so­nen teil­ha­ben, wäh­rend wir ei­nem kur­zen Aus­schnitt ih­res Le­bens fol­gen. Auf­fäl­lig sind häu­fig wie­der­keh­ren­de Mo­ti­ve wie der Tod des Va­ters und die ver­spä­tet ein­set­zen­de Trau­er. Man­che wir­ken al­ler­dings im wie­der­hol­ten Ge­brauch wie Ver­satz­stü­cke, so taucht mehr­mals ein Mut­ter­mal am Frau­en­hals auf, eben­so Per­so­nen mit platt­fü­ßi­gem Gang. Man­che Wort­wahl fin­de ich schwie­rig, denn was soll ich mir un­ter fip­si­gen Slip­pern, ei­nem ver­fitz­ten Busch­knäu­el oder ei­ner ga­ke­li­gen Bund­nes­sel vor­stel­len?

Den­noch, der kla­re und tem­po­rei­che Er­zähl­stil zieht den Le­ser so­fort in das Ge­sche­hen hin­ein. An­spie­lun­gen er­gän­zen das Un­ge­sag­te und re­gen zum Wei­ter­den­ken an, so daß es nie­mals lang­wei­lig wird. Span­nung trägt die Ge­schich­ten bis zum Schluss, wo den Le­ser meist ein über­ra­schen­des En­de er­war­tet. Wolff voll­zieht er­neu­te Vol­ten, lässt vie­les of­fen und manch­mal die Le­se­rin rat­los zu­rück. Schil­dert uns der Er­zäh­ler in „Ne­ben­an“ ei­ne Sui­zid­phan­ta­sie, ist er im Dro­gen­rausch, gläu­big, ver­rückt oder al­les zu­sam­men?

Der Ber­lin-Ver­lag hat die­sen Band mit neu­en und äl­te­ren Er­zäh­lun­gen des ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­lers To­bi­as Wolff in der Über­set­zung von Frank Hei­bert vor­ge­legt. Die An­ga­ben der Ent­ste­hungs­da­ten der ein­zel­nen Er­zäh­lun­gen feh­len lei­der. Eben­so hat es die auf der Ver­lags­sei­te an­ge­kün­dig­te Ein­füh­rung Ja­kob Ar­jou­nis lei­der nicht bis in das Buch ge­schafft.

To­bi­as Wolff un­ter­rich­tet seit 1997 an der Stan­ford Uni­ver­si­ty Crea­ti­ve Wri­ting. Ne­ben sei­nen Short Sto­ries sind die Ro­ma­ne „This Boy’s Life“ und „Al­te Schu­le“ ei­nem grö­ße­ren Pu­bli­kum be­kannt.

Povero Patatone — Hunde und Bücher in Mailand

In ihrem Debüt „Italienisch für Liebhaber” erzählt Hilary Belle Walker vom Leben einer amerikanischen Buchhändlerin in Italien

Was bringt mich da­zu ein Buch le­sen zu wol­len, des­sen Co­ver ei­nen Aus­schnitt aus ei­nem Film mit Do­ris Day ent­nom­men zu sein scheint, das den Ti­tel „Ita­lie­nisch für Lieb­ha­ber“ trägt, und zu­dem von ei­ner in Mai­land le­ben­den Ame­ri­ka­ne­rin ver­fasst wur­de? Es muss wohl tat­säch­lich so sein, daß ich mich von al­lem Ita­lie­ni­schem ger­ne ver­füh­ren las­se, we­nigs­tens was Li­te­ra­ri­sches und Ku­li­na­ri­sches an­geht.

Das Buch schmeckt zu­nächst wie ei­ne Piz­za. Ein schnel­ler Hap­pen, der et­was von al­lem hat, was man in Ita­li­en ger­ne vor­fin­den möch­te. Doch es ent­wi­ckelt sich ganz an­ders. Hil­ary Wal­ker schreibt ih­rer Prot­ago­nis­tin, die wie die Par­al­le­li­tät von Le­bens­da­ten und Um­stän­den ver­ra­ten stark au­to­bio­gra­phisch an­ge­legt ist, nicht den Weg ei­ner ita­lie­ni­schen So­zia­li­sa­ti­on auf den at­trak­ti­ven Leib. Sie ser­viert uns we­sent­li­che Sta­tio­nen in ei­ner Vi­ta al­la Mi­la­ne­se, stück­wei­se an­ge­rich­tet, die zum Glück nicht mit ei­ner durch­gän­gi­gen Chro­no­lo­gie lang­wei­len. Man be­tritt das Le­ben die­ser jun­gen, im teu­ren Mai­land fast mit­tel­lo­sen Buch­händ­le­rin, die sich und ih­ren Hund mit Tor­tel­li­ni und Ten­nis­bäl­len ganz gut über die Run­den bringt. In den ver­schie­de­nen Ge­schich­ten ge­sel­len sich wei­te­re Haupt­per­so­nen zu die­sen bei­den, mal ist es ein blau­es Fahr­rad, mal ein jun­ger Er­folgs­au­tor, mal ei­ne un­wi­der­steh­li­che Stadt­vil­la. Un­se­re Hel­din schwankt zwi­schen Do­ris-Day-Nai­vi­tät und Sin­gle-Selbst­be­wusst­sein und schil­dert all’ die Fall­stri­cke und Fett­näpf­chen, die die Mai­län­der Dis­tin­gu­iert­heit für ih­ren ame­ri­ka­ni­schen Über­schwang be­reit hält.

Wal­ker ge­lingt es das manch­mal slap­s­tik­ar­ti­ge Ver­hal­ten ent­spre­chend mit Iro­nie zu un­ter­le­gen. Ih­re Ge­schich­ten wer­de so zu ei­nem amü­san­ten, leich­ten, aber nicht ober­fläch­li­chen Le­se­ge­nuss, der al­ler­dings auch trau­ri­ge Mo­men­te be­reit hält. Ei­nen Kri­tik­punkt gibt es den­noch. Die Ge­schich­ten, vor al­lem die ers­ten, wir­ken wie ver­schie­de­ne zu un­ter­schied­li­chen Zeit­punk­ten ver­fass­te Im­pres­sio­nen. Dem­entspre­chend fin­det sich auf der Rück­sei­te des Co­vers auch die Be­zeich­nung Epi­so­den­ro­man. Das Ori­gi­nal er­schien 2009 in Ita­li­en un­ter dem Ti­tel „Ca­se al­trui“. Der Kunst­mann-Ver­lag hat es in der Über­set­zung von Ant­je Hö­fer un­ter dem an­schei­nend nichts sa­gen­den, aber wie oben ge­schil­dert sei­ne Wir­kung nicht ver­feh­len­den Ti­tel „Ita­lie­nisch  für An­fän­ger“ her­aus­ge­bracht.

Ich emp­feh­le das Buch je­dem Ita­li­en­lieb­ha­ber. Es ist nicht nur un­ter­halt­sam und lin­dert die Nost­al­gie, son­dern es lehrt auch, wie man am nächs­ten Se­ma­fo­ro mit ei­nem treu­bli­cken­den Pa­ta­to­ne ins Ge­spräch kom­men kann.

Würgende Tauben und anderes Getier

Wenn wir Tiere wären”– ein neuer Fluchtroman von Wilhelm Genazino

Wenn wir flug­fä­hi­ge Tie­re ge­we­sen wä­ren, hät­ten wir dann und wann mit den Flü­geln schla­gen kön­nen. Aber wir wa­ren Men­schen und ver­hiel­ten uns, trotz al­ler Of­fen­heit, verhüllend.“(S. 74)

Der Er­zäh­ler des neu­en Ro­mans von Wil­helm Ge­n­azi­no ver­dient sein Geld we­der mit dem Test ed­len Schuh­werks noch als Do­zent für Apo­ka­lyp­tik. Er ar­bei­tet als frei­er Ar­chi­tekt, sein Spe­zi­al­ge­biet ist die Sta­tik von Hän­ge­brü­cken. So wie die­se hängt auch er in der Land­schaft des Le­bens her­um. Be­hin­dert von sei­nem „heim­li­chen Grund­ge­fühl“ spürt er „nur man­geln­des Ta­lent zum so­ge­nann­ten nor­ma­len Le­ben“. Schon als Kind fühl­te er sich „er­schöpft und von der Welt an­ge­wi­dert“. Sei­nem Le­bens­ge­fühl, ei­nem Ge­misch aus Gleich­gül­tig­keit, Über­druss, Ekel, Me­lan­cho­lie und Angst, ver­sucht er zu ent­flie­hen. Meist ver­ge­bens, im Schei­tern sei­ner Flucht­ver­su­che trifft er höchs­tens auf an­de­re Ge­schei­ter­te. Zu die­sen zählt auch Ma­ria, sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin, die ei­ne ei­ge­ne Woh­nung und ein Rot­wein­pro­blem be­sitzt. Sie scheint ihn we­nigs­tens zum Teil zu ver­ste­hen und ver­sorgt ihn mit Un­ter­wä­sche und Sex. Als sein bes­ter Freund, Ar­chi­tekt und Auf­trags­ver­mitt­ler Autz, dem zum Kau­tz nur der ers­te Buch­sta­be des Vor­na­mens sei­ner Frau fehlt, ver­stirbt, tritt ei­ne Ver­än­de­rung ein. Der noch Le­ben­de rutscht sach­te in das Le­bens­ar­ran­ge­ment des To­ten hin­ein bis er schließ­lich dar­in zu ver­sin­ken droht wie in ei­nem al­ten durch­ge­ses­se­nen So­fa. „Ich hat­te jetzt zwei Ge­braucht­frau­en, ei­nen Ge­braucht­job, ei­nen Ge­braucht­wa­gen und jetzt auch noch ei­nen Ge­braucht­schreib­tisch.“ Als An­ge­stell­ter des Ar­chi­tek­tur­bü­ros be­schwich­tigt er zwar sei­ne Exis­tenz­angst, fühlt sich aber von der Un­frei­heit ge­lähmt. Er über­nimmt schließ­lich noch die Ge­braucht­be­trü­ge­rei­en sei­nes Vor­gän­gers. Durch die selbst in­sze­nier­te Frei­heits­be­rau­bung ent­geht er dem Ge­fäng­nis des An­ge­stell­ten­da­seins.

Wir schei­nen ihn be­reits gut zu ken­nen, den Er­zäh­ler des Ro­mans. Wie sei­ne Vor­gän­ger aus den Vor­gän­ger­ro­ma­nen ist auch er zu le­bens­emp­find­lich und zwei­felt vor al­lem an ei­nem, an sich selbst. Zu den Mög­lich­kei­ten die­sen Über­druss zu be­schwich­ti­gen zäh­len die be­ru­hi­gen­de Wir­kung von Bu­sen al­ler Art und das Ver­har­ren im Au­gen­blick. Die­se me­lan­cho­li­schen Mo­men­te fin­det der Held des neu­en Ro­mans oft beim An­blick von Tie­ren, in de­ren In­stinkt für ihn un­ver­fälsch­te Schön­heit zu lie­gen scheint. Sie ru­hen in sich selbst, aut­ark und zu­frie­den, wäh­rend Ge­n­azi­no sei­nen Prot­ago­nis­ten an ei­ge­nen und frem­den An­sprü­chen lei­den lässt. Dies führt zu iro­ni­schen Hö­he­punk­ten wie dem der mit 42 Le­bens­jah­ren und Ge­biss ein­deu­tig zu spä­ten Mut­ter Thea. Na­tür­lich auch zu Me­lan­cho­lie, wenn der An­blick der Par­fü­me­rie-Ver­käu­fe­rin­nen qua­si als proust­sche Mé­moi­re in­vo­lon­taire die Ar­mut der Kind­heit her­auf­be­schwört. Auch Selbst­kri­tik scheint auf, wenn Ge­n­azi­no den Chef des Ar­chi­tek­tur­bü­ros über den Zu­sam­men­hang zwi­schen Me­lan­cho­lie und ab­wei­chen­dem Ver­hal­ten sin­nie­ren lässt. Schließ­lich wird man­cher Le­ser, mal an­ge­nehm mal un­an­ge­nehm be­rührt, sich in man­chen Ma­rot­ten selbst er­ken­nen.

Es gibt al­so auch in die­sem ech­ten Ge­n­azi­no, der den iro­ni­schen Blick auf die Zu­stän­de der Ge­sell­schaft und des In­di­vi­du­ums öff­net, durch­aus Neu­es zu ent­de­cken. Da­zu zäh­len schö­ne Wort­schöp­fun­gen wie „Blei­be­wunsch“ und zahl­rei­che zi­tie­rens­wer­te Sät­ze. Den­noch bin ich zwie­ge­spal­ten, da der Ro­man im letz­ten Drit­tel deut­lich schwä­cher wird. Die Bu­sen-Ob­ses­si­on zu der sich die Scham­haar-Schil­de­run­gen hin­zu ge­sel­len ha­ben mich et­was „an­ge­mü­det“, von an­de­ren dies­be­züg­li­chen Be­zeich­nun­gen und der Re­vier­mar­kie­rung von Ge­fäng­nis­zel­len ganz zu schwei­gen.

 

Über Schönheit:

Denn merkwürdig an der Schönheit ist, dass man sie immer nur anschauen kann. Man kann nichts davon mit nach Hause nehmen oder ein kleines Teil von ihr an einer besonderen Stelle aufbewahren. Man kann Schönheit immer nur anstarren, mehr ist nicht zu holen. Wenn man sie lange angeschaut hat, muss man wieder gehen.“ (S. 17)

 

Über Staub und Schmutz:

Stau­big wird et­was von selbst, sag­te ich, durch Teil­ha­be an dem gro­ßen Staub, in dem wir al­le le­ben müs­sen. Schmutz hin­ge­gen ist ein selbst­stän­di­ges Ein­tau­chen in ein Kon­zen­trat von Aus­schei­dun­gen, das durch die stän­di­ge Um­wand­lung der Na­tur ent­steht.“ (S. 23)

 

Über den Hauptlebenstrieb:

Der Wunsch nach Flucht war ver­mut­lich der be­stän­digs­te Im­puls mei­nes Le­bens. Es gab so gut wie nichts, wo­vor ich nicht hat­te flie­hen wol­len: vor mei­nen El­tern, vor dem Kin­der­gar­ten, vor der Schu­le, vor Thea, vor Woh­nun­gen, vor der Kul­tur, vor dem Mi­li­tär, vor der Fest­an­stel­lung, vor Ma­ria.“ (S. 126)

 

Über das Gefängnis:

Ich trau­te mich end­lich zu den­ken, dass ich die an­de­ren nicht ver­stand. Das hat­te ich schon im nor­ma­len Le­ben oft emp­fun­den, aber ich hat­te mich nicht ge­traut, es auch zu den­ken.“ (S. 130)