Proust — Hoffnungshölle

Ach, Gilberte!

Unser Glaube, daß ein Wesen an einem unbekannten Leben teilhat, in das seine Liebe uns mit hineintragen würde, ist unter allem, was die Liebe zu ihrer Entstehung braucht, das Bedeutungsvollste, dem gegenüber alles andere nur noch wenig ins Gewicht fallen kann.“

Als Marcel Gilberte kennen lernt, wünscht er sich nichts sehnlicher als auch von Swann akzeptiert und in den Kreis der Personen aufgenommen zu werden, die von ihm und Odette empfangen werden. Dies gelingt ihm recht bald. Die Swanns sind sogar derart von ihm beeindruckt, daß sie einen positiven Einfluss auf ihre Tochter erhoffen. Je inniger sich jedoch dieses von Bewunderung und Vertrauen geprägte Verhältnis entwickelt, um so mehr distanziert sich Gilberte von ihrem Verehrer. Vielleicht fand sie es wie heutige Pubertierende einfach uncool von einem Jungen umschwärmt zu werden, der sich formidabel mit den Eltern versteht, von denen man sich doch gerade zu emanzipieren versucht?

Auf jeden Fall leidet man mit Marcel. Doch zunächst ist man zusammen mit ihm verliebt. Bei der ersten Einladung zum Tee verspürt man eine derartige Aufregung, daß das Gehirn wie „Proust — Hoffnungshölle“ weiterlesen

Voyeuristisches Putzen II.

Schweinereien in Anne B. Ragde, Das Lügenhaus – Literaturkreis 12/2010

Wenn Mütter im Sterben liegen versammeln sich in der Regel verlorene, verstossene und geliebte Kinder an ihrem Bett. Im vorliegenden Roman steht dieses in einer Klinik in Trondheim, ein ganzes Stück weit entfernt von dem Hof der Familie in Byneset. Diesen bewohnen Mutter, Vater und der alleinstehende Sohn Tor, der ein inniges Verhältnis zu den Schweinen seiner Zucht unterhält. Es ist kalt und man schweigt, so wie man es von Nordnorwegern erwartet. Bruder Margido arbeitet als Bestatter, was sich sowohl für den drastischen Romaneinstieg als auch für den Fortgang der Geschichte als äußerst praktisch erweist. Außerdem steigert es natürlich die depressive Atmosphäre, die der gemeine Leser in Nordnorwegen erwartet.

Die Schreiberin dieser Zeilen hätte das Buch nach diesem ersten Kapitel fast zur Seite gelegt. Doch nach einigen Tagen Pause und mehreren Selbstermunterungen wagte sie es noch einmal und wurde nach der Anfangskatastrophe in die heile Welt des jüngsten Sohnes geführt. Diese ist „Voyeuristisches Putzen II.“ weiterlesen

Voyeuristisches Putzen I.

Die Suche nach Nähe in Markus Orths’ Roman „Das Zimmermädchen“ — Literaturkreis 1/2011

Wer kennt dies nicht? Vor dem Verlassen des Hotelzimmers noch schnell das Nachthemd wieder in den Koffer stopfen, damit wenigstens dieses intime Kleidungsstück nicht von den Händen einer Fremden berührt wird? Dass diese Frau, denn immer noch handelt es sich in den seltensten Fällen um einen Mann, daß also diese für Reinigung und Ordnung des angemieteten Zimmers zuständige Person auch andere Intimitäten, nämlich den ganz persönlichen Schmutz beseitigt und die zerwühlten Bettlaken glattzieht, nimmt man hin. Noch mehr, es freut einen, wenn diese im Preis inbegriffene Putzaktion besonders sorgfältig durchgeführt wurde.

Unübertreffbar in dieser Disziplin gibt sich Orths Zimmermädchen im Hotel Eden seinen Aufgaben hin. Sie putzt zuerst das Bad, dann saugt sie die Böden, wischt mit einem feuchten Tuch den kaum sichtbaren Staub, wechselt die Bettwäsche nach Turnus und die Handtücher nach Bedarf.

Doch Lynn genügt dies nicht. „Wo andere Zimmermädchen nichts mehr sehen, fängt es bei Lynn erst an.“ Messer und Daumennägel kratzen den Schmutz aus Ritzen und von Armaturen, sie reinigt sogar den Spalt zwischen Spiegel und Kacheln. Sie putzt unsichtbare Flecken und würde am liebsten „Voyeuristisches Putzen I.“ weiterlesen