Literaturkreis 6/2010 — Heldejaads hellije Böcher

Schöne Wörter, schöne Sätze” — Das verborgene Wort von Ulla Hahn

Wie es ist die Liebe zur Sprache in einem bildungsfernen Elternhaus zu finden und durchzusetzen und sich in den fünfziger Jahren von Arbeitermilieu und katholischem Provinzialismus zu emanzipieren, zeigt Ulla Hahn eindrucksvoll in ihrem Roman Das verborgene Wort. In diesem ersten Teil einer Trilogie, erleben wir die bewegend emotionale Entwicklungsgeschichte der Hildegard Palm, dem wort- und satzbegeisterten Mädchen, das in früher Kindheit durch die Phantasie des Großvaters die tröstende Kraft von Buch- und Wutsteinen entdeckt. In der gegen den Willen der Eltern durchgesetzten Realschule lernt Hildegard die Literatur der Klassiker lieben. In deren Sprache findet sie oft neue Hoffnung nach den Schlägen des Vaters. Die Passagen im rheinischen Dialekt, der von Familie und Nachbarn, aber immer weniger von „Literaturkreis 6/2010 — Heldejaads hellije Böcher“ weiterlesen

Proust — Entflammt, erobert, eifersüchtig, egal

Ein liebender Swann

Wer hat nicht schon einmal wie erstarrt und zu einem vernünftigen Gedanken unfähig sein Telefon hypnotisiert, damit es endlich klingeln möge, vielmehr damit der Angebetete endlich spüren möge, daß sein Anruf sehnlich erwartet wird, oder besser, damit dieser sich sehne anzurufen. Heutzutage ist dank des mobilen Telefonierens eine stunden- oder gar tagelange Quarantäne obsolet. Auch wenn Odette ‑überflüssig es zu erwähnen- natürlich noch nicht mal einen Festnetzanschluss hatte, so hätte sie sich doch auch zur Zeit der steten und allgegenwärtigen Erreichbarkeit für Swann unerreichbar zu machen gewusst. Einfach weggedrückt oder am besten das Teil direkt im Bois verloren, an einem Regentag natürlich.

Die moderne Technik hätte das Liebesleid des Monsieur Swann also sehr wahrscheinlich auch nicht lindern können. Doch hätte er dies überhaupt gewünscht? Was gibt es Schöneres als „Proust — Entflammt, erobert, eifersüchtig, egal“ weiterlesen

Dino fliegt ins All

Vorliebe, der neue Roman von Ulrike Draesner

Eine Jugendliebe, sei es nun eine unausgelebte oder gar eine große, wieder zu treffen nachdem man sein ganzes Erwachsenenleben anderweitig geliebt hat, mag passieren, in Romanen sogar nicht selten.

Auch Ulrike Draesner baut in ihrem neuen, und mit dem Solothurner Literaturpreis ausgelobten Roman Vorliebe, auf eben diese Idee. Gespannt verfolgt die Leserin, wie eine Unachtsamkeit im Straßenverkehr einen Unfall verursacht, dessen Spätfolgen fatal um nicht zu sagen tödlich sind.

Ein Stoff aus dem Pilcherträume erwachsen? Mitnichten. Zwar gibt es auch hier exotische Namen, Saramandipur und Olvaeus, und sogar einen rothaarigen Engländer, Ashley. Es gibt eifersüchtige „Dino fliegt ins All“ weiterlesen

Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guermantes

Promenaden

Nach einem tränenreichen Abschied vom Weißdorn schildert uns der Erzähler  die beiden Hauptspazierwege von Combray (S. 194–248). Der Erste führt ihn in Richtung des Swannschen Besitzes und dehnt sich weiter zur Seite von Méséglise-la-Vineuse hin aus. Das Spazierengehen in der Natur ist ihm notwendiger Ausgleich zur  Lektüre und gleichzeitig eine nie versiegende Inspirationsquelle. Naturerscheinungen wie der Wind treten als Lokalgeist von Combray auf, die grandiosen Auftritte der Schauspielerin „La lune“ werden erlebbar, vor Regen bietet das Wäldchen von Roussainville Schutz. Diesen Unterschlupf nutzte man wohl oft, da sich dieser Weg wegen seiner Kürze bei aufziehenden Regenwolken anbot. Vorbei an Tansonville, dem von einem Park umgebenen schlossartigen Anwesen Swanns, führt er zur Feldkirche von Saint-André-des-Champs, in dessen gotischen Skulpturen der Knabe die Gestalten der naiven Phantasie Françoises und „Proust — Du côté de chez Swann – Du côté de Guermantes“ weiterlesen