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Abschied von Onkel Paul

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Küchen­ge­sprä­che unter Schwes­tern in Gila Lus­ti­gers neuem Roman “Woran denkst du jetzt

„Sie hatte ein Geschick dafür ent­wi­ckelt, sich von dem Sinn nicht behel­li­gen zu las­sen, und dass sie nach einer guten hal­ben Stunde immer noch nicht her­aus­ge­fun­den hatte, worum es eigent­lich ging, berei­tete ihr Vergnügen.“

Der Leser ver­bringt womög­lich mehr Zeit mit weni­ger Ver­gnü­gen, denn er läuft lang­sam an die­ser Roman, der in einer Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von Onkel Paul. Seine bei­den Nich­ten sind für diese Nacht in das Eltern­haus zurück­ge­kehrt. Die­ses Haus hatte Paul vor Jah­ren sei­ner Schwes­ter über­las­sen, als ihr Mann sie ver­ließ und sie mit ihren bei­den Töch­tern eine Bleibe suchte. Onkel Paul war seit­dem immer für sie da, in den letz­ten Mona­ten sei­nes Krebs­lei­dens hin­ge­gen küm­mer­ten sie sich um ihn. Er wollte seine letzte Zeit mit ihnen ver­brin­gen, nicht mit sei­ner Frau, mit der er jahr­zehn­te­lang ver­hei­ra­tet war. Doch warum?

Dies ist eine der Fra­gen, die sich Lisa und ihrer Schwes­ter Tanja in die­sen Stun­den stel­len, den Stun­den der Toten­wa­che, die sie in der Küche des Hau­ses ver­brin­gen. Sie reden und strei­ten und stür­zen sich mit dem ewi­gen „Woran denkst Du jetzt?“ in ihren eige­nen Ver­gan­gen­heits­film. Durch die­ses alter­nie­rende Prin­zip führt Gila Lus­ti­ger die jewei­li­gen Erin­ne­run­gen der unter­schied­li­chen Schwes­tern ein. So erlebt der Leser das Fami­li­en­ge­sche­hen ein­mal in der Ana­lyse der Psy­cho­dra­ma­the­ra­peu­tin Lisa, dann aus der Sicht der prag­ma­ti­schen Bank­ma­na­ge­rin Tanja. Lisa, das Empa­thie­ge­nie, und Tanja, das Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Tanja, die sich ihre Pro­bleme selbst macht und diese auch selbst lösen will. Lisa, die die Pro­bleme ande­rer lösen möchte. Beide sind „wahre Meis­te­rin­nen im Dar­über­hin­weg­kom­men“ damals wie heute.

Nach­dem Tan­jas Zeit im Aus­land sie auch inner­lich von­ein­an­der ent­fernt hatte, schei­nen die Schwes­tern sich in die­sen Stun­den wie­der anzu­nä­hern. Doch sie reden nicht mit­ein­an­der, sie sin­nie­ren neben­ein­an­der über ihr Leben. Vor allem dar­über, wel­che Rolle Onkel Paul darin spielte. Die­ser erscheint als dan­dy­haf­ter Zam­pano, der immer genau wusste, was gut und rich­tig war, und sie mit opu­len­ten Geschen­ken und Lebens­weis­hei­ten über­häufte. Die Erin­ne­run­gen ent­lar­ven ihn schließ­lich als Manipulator.

In die­ser psy­cho­lo­gisch nicht unin­ter­es­sant kon­stru­ier­ten Fami­li­en­ge­schichte ver­misst der Leser jedoch lange das Motiv. So folgt man über die Hälfte des Romans gedul­dig den Erin­ne­run­gen und, da immer noch kein Geheim­nis in Sicht, beginnt man bald sich selbst eines her­bei zu spin­nen. Schließ­lich zeigt sich weder Miss­brauch, noch Inzest son­dern ein bana­ler Ehe­bruch als causa scri­bendi. Die­ser bestimmt fol­gen­reich das Bezie­hungs­ge­flecht der Per­so­nen bis zum Tode von Onkel Paul, den man viel­leicht in zwei­fa­cher Hin­sicht als Haupt­schul­di­gen bezeich­nen könnte. Er hatte einst den künf­ti­gen Ehe­mann sei­ner Schwes­ter als Freund ins Haus gebracht und viele Jahre spä­ter die Ehe durch seine Indis­kre­tion zer­stört. Wei­tere Geständ­nisse fol­gen und erlau­ben den Schwes­tern zu ver­zei­hen, sich selbst und ein­an­der, und schließ­lich auch den Tod ihres Onkels zu betrauern.

Lei­der ver­folgt die­ser Roman die Frage nach Schuld und Ver­ant­wor­tung nicht inten­si­ver und endet hoff­nungs­voll milde. Dabei erzählt Gila Lus­ti­ger ihre Geschichte eines Ver­rats in einem durch­aus anspruchs­vol­len Kon­strukt aus Gefüh­len und Erin­ne­run­gen, was den gro­ßen psy­cho­lo­gi­schen Reiz ausmacht.

Man­ches trübte jedoch mein Lese­ver­gnü­gen. Der Auto­rin gelingt es nicht immer die bei­den cha­rak­ter­lich doch so ver­schie­den ange­leg­ten Schwes­tern deut­lich von­ein­an­der abzu­gren­zen. Beson­ders in der wört­li­chen Rede ist oft nicht ein­deu­tig aus­zu­ma­chen, wel­che Per­son spricht. Noch stö­ren­der emp­finde ich die sehr umgangs­sprach­li­che For­mu­lie­rung eini­ger Sätze, die dadurch oft unklar und miss­ver­ständ­lich sind. Wenn man jedoch dar­über hin­weg zu lesen ver­mag, öffnen sich für den an fami­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen Inter­es­sier­ten inten­sive Ein­bli­cke in eine nicht immer ein­fa­che Schwesternbeziehung.

Zum Schluss noch eine Bemer­kung zur Gestal­tung. Die Fuß­zeile ist ziem­lich breit, wäh­rend die Kopf­zeile und die Rand­be­rei­che sehr schmal blei­ben, in Kom­bi­na­tion mit dem wei­ten Zei­len­ab­stand emp­finde ich das als unschön. Inkon­se­quent wirkt, daß im ers­ten Kapi­tel die erin­ner­ten Gedan­ken kur­siv erschei­nen, dies jedoch im Fol­ge­text nicht wei­ter­ge­führt wird. Dafür gibt es als hüb­schen und zugleich nütz­li­chen Aus­gleich ein bor­deau­xro­tes Lesebändchen.

Geschrieben von Atalante

19. Dezember 2011 um 13:34

Zen oder die Kunst sich schweigend zu verlieben

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Pro­log

Um es vor­weg zu sagen, die­ser Autor beglei­tet schon seit lan­gem mein Lese­le­ben. Die Bekannt­schaft begann mit der römi­schen Goethe-Historie „Faus­ti­nas Küsse“. Es folg­ten die übri­gen die­ser Tri­lo­gie, „Die Nacht des Don Juan“ und „Im Licht der Lagune“. Bis auf wenige Aus­nah­men habe ich auch andere alte und neue Bücher Ortheils gele­sen. So auch nach „Die große Liebe“ und „Das Ver­lan­gen nach Liebe“ den letz­ten Band sei­ner Lie­bestri­lo­gie „Lie­bes­nähe“.

Fast eben solange stellt sich mir die Frage, was mir an sei­nen Büchern denn nun so gefällt. Sicher ist es die Liebe zu Ita­lien, viel­leicht auch eine gewisse roman­ti­sche Melan­cho­lie. Bis­her war ich, abge­se­hen von eini­gen Eitel­kei­ten des erwach­se­nen Johan­nes in „Die Erfin­dung des Lebens“ und von stär­ke­ren Arro­gan­zen in Ortheils Rom­füh­rer immer ange­nehm angetan.

Sich schwei­gend ver­lie­ben als Performance

„Wer ist diese Schwim­me­rin“ mit die­sem Notat läu­tet Hanns-Josef Ortheil ein, was der Titel sei­nes neuen Romans „Lie­bes­nähe“ bereits vor­weg nimmt.

Behut­sam ent­wi­ckelt der Autor die Annä­he­rung zweier sich zunächst unbe­kann­ter Ein­zel­gän­ger, die anschei­nend zufäl­lig im all­tags­fer­nen Milieu eines ein­sam gele­ge­nen Luxus­ho­tels ein­an­der bemer­ken. Der Schrift­stel­ler Johan­nes Kirch­ner und die Installations-Künstlerin Jule Dan­ner ver­mei­den zunächst direkte Begeg­nun­gen und bevor­zu­gen sich aus der Dis­tanz zu ent­de­cken. Kleine Bot­schaf­ten, die Ahnun­gen bestä­ti­gen, gehen tra­di­tio­nell als Zet­tel oder modern als SMS hin und her und füh­ren schließ­lich zum Gegen­über. Diese Bewe­gun­gen auf­ein­an­der zu wer­den äußerst vor­sich­tig aus­ge­führt, ein kunst­vol­ler Balz­tanz, des­sen Cho­reo­gra­fie mal den Insze­nie­run­gen der Video­künst­le­rin mal den Ein­fäl­len des Schrift­stel­lers folgt.

Nur eines fin­det nie­mals statt, das gespro­chene Wort. Die­ses rich­ten beide jeweils sepa­rat an Katha­rina, die die kleine Buch­hand­lung des Hotels führt. Sie berät ihre Kun­den nach deren Befind­lich­keit und führt außer die­ser Lite­ra­tur­the­ra­pie nur Bücher im Sor­ti­ment, die ihr per­sön­lich gut gefal­len. Sie unter­hält zu Bei­den eine ganz beson­dere Bezie­hung, man könnte sie als müt­ter­li­che Freun­din bezeich­nen. Die Details der Per­so­nen­kon­stel­la­tion offen­bart der Autor erst nach und nach lang­sam vor­an­schrei­tend wie in einer Zen-Meditation. Über­haupt gibt es viel Japa­ni­sches. Lite­ra­ri­sche Inspi­ra­tion bie­tet das Kopf­kis­sen­buch der Sei Shō­na­gon. Japa­ni­sche Trom­meln und Bam­bus­flö­ten, Kimono, Tusche, Tee und Kama­su­tra ergän­zen das Ambiente.

Als wech­sel­sei­tige Sicht sei­ner bei­den Haupt­per­so­nen kom­po­niert Ortheil sei­nen Roman. Mal kom­men­tiert Johan­nes, mal Jule ihr auf­ein­an­der Zuge­hen. Das so zwei­mal das Glei­che aus dem jeweils ande­ren Blick­win­kel erzählt wird, macht den Reiz der Idee aus. Wenn jedoch Ereig­nisse wie die berühmte Per­for­mance der Künst­le­rin Marina Abra­mo­vić, die als Vor­lage für eine Begeg­nung dem Leser  mehr­fach erklärt wer­den, wirkt dies redundant.

Was ich an die­sem Buch sehr mag

Wie Hanns-Josef Ortheil genaue Wahr­neh­mung und Beschrei­bung in Sätze ver­wan­delt. Er beherrscht diese Fähig­keit so gut, daß der Leser sich sofort in das Ambi­ente sei­ner Romane hin­ein­ver­setzt fühlt. Land­schaf­ten und Räume, Natur und Inte­ri­eur, Gau­men– und Lese­freu­den stellt er auf diese Weise zum unmit­tel­ba­ren Nach­voll­zug dar.

Wie rück­sichts­voll die Per­so­nen mit­ein­an­der umge­hen und wie empa­thisch Ortheil Gefühle zu schil­dern vermag.

Wie er die Lust und die Inspi­ra­tons­kraft von ein­sa­men Spa­zier­gän­gen dar­stellt. Bewe­gung bewegt auch den Geist. Das mit sich Allein­sein lässt Raum für Kreativität.

Wie Natur und Kunst in ihren ver­schie­de­nen For­men mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht werden.

Was ich an die­sem Buch über­haupt nicht mag

Wie die Wahl des Milieus das Gesche­hen weit über das nor­male Leben habt, ein eska­pis­ti­scher Wun­der­ort inmit­ten saf­tig grü­ner Almen, wo sogar Toast­brot­schei­ben stun­den­lang frisch gerös­tet bleiben.

Wie dadurch das Schloss­ho­tel Elmau, unver­kenn­ba­res Vor­bild die­ses Para­die­ses, als ein Ort irdi­scher Ver­hei­ßun­gen bewor­ben wird.

Wie die Rol­le­ne­be­nen gewahrt wer­den. Die Künst­ler blei­ben welt­fern. Die Hotel­an­ge­stell­ten die­nen als gute Geis­ter und wer­den von oben herab cha­rak­te­ri­siert. Die übri­gen Gäste sind läs­tige Geräusch­ku­lisse. Katha­rina ver­mit­telt zwi­schen allen und die junge Emp­fangs­dame des Hotels seufzt der gro­ßen Künst­ler­liebe in frem­den Laken nach.

Wie bei man­chen Beschrei­bun­gen doch des Guten zu viel gebo­ten wird. Der starke, gelbe Urin­strahl zählt nicht zu den Din­gen, von denen ich gerne lesen möchte.

Wie der Leser belehrt wird über die rich­tige Art Sekt zu trin­ken (Was­ser­glas), authen­tisch Cam­pari zu genie­ßen (ohne Eis, dafür rand­voll), über gute Würste (ins­be­son­dere die Milz­wurst), über das rich­tige Früh­stück, rich­ti­ges Spei­sen, den rich­ti­gen Zeit­punkt zu arbei­ten und mehr.

Wie der Autor sein Buch­kon­zept erklärt „eine ero­ti­sche und bei­nahe uner­träg­li­che Span­nung, die auf einer streng ein­ge­hal­te­nen Dis­tanz der bei­den Lie­ben­den basiert“ (S. 129).

Fazit

Weni­ger Eitel­keit wäre mir lie­ber gewe­sen und auch mehr Acht­sam­keit. Damit nicht aus blon­dem Haar mit roten Spit­zen am Ende blon­des Haar mit roten Ansät­zen wird, und aus einem hell­grü­nen Bade­man­tel inner­halb von drei Sei­ten ein dunkelgrüner.

So weit, so gut. Viel­leicht kommt ja noch­mal ein Roman wie „Hecke“ oder „Mosel­reise“ oder etwas Historisches.

Rät­sel­haft bleibt mir zuletzt noch die Abbil­dung auf dem Schutz­um­schlag. Die dun­kel­haa­rige Schöne kann weder die blonde Jule noch die japa­ni­sche Hof­dame sein.

Wer ist die Dargestellte?

 

 

Geschrieben von Atalante

22. November 2011 um 18:18

Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten

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Fluch und Trost der Gospa erfährt Tho­mas Gla­vi­nic in „Unter­wegs im Namen des Herrn“ 

„Wer nach Med­ju­g­o­rje fährt und auf kei­nen der Berge geht, der STOLPERT IM LEBENUND FALLT.“ (S. 77)

Begeis­tert vom Selbst­be­spie­ge­lungs­sar­kas­mus auf den Lite­ra­tur­be­trieb, den Gla­vi­nic in sei­nem 2007 erschie­ne­nen Roman „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu sei­nem neuen Buch. Schon der Titel „Unter­wegs im Namen des Herrn“ ver­spricht eine ähnlich amü­sante Annä­he­rung ans Pil­ger­mi­lieu. Denn, um es ehr­lich zu sagen, die­ses post­mo­derne Pil­gern, das mit dem Hape-Hype sei­nen Höhe­punkt aber lei­der nicht End­punkt erreicht hat, ist fad. Die Pil­ger­bü­cher sind Legion, wir brau­chen ein Anti­dot, wie Jean-Dominique Bau­bys Schil­de­run­gen des Sou­ve­nir­wahns in Lour­des oder der Film der öster­rei­chi­schen Regis­seu­rin Jes­sica Haus­ner.

Gla­vi­nic fin­det Lour­des zu teuer, wes­halb er sich beglei­tet von Freund und Foto­graf Ingo nach Med­ju­g­o­rje auf­macht. Die Bei­den pil­gern nicht per pedes, son­dern wer­den in einer from­men Bus­la­dung nach Bosnien-Herzegowina ver­frach­tet. Ein Bus vol­ler Pil­ger, die sich die vier­zehn­stün­dige Fahrt mit Beten und Fas­ten, mit Hei­li­gen­le­gen­den und Erwe­ckungs­ge­schich­ten zu ver­kür­zen suchen, kann zur Tor­tur wer­den. Beim ungläu­bi­gen Tho­mas und dem um nichts fröm­me­ren Ingo löst sie eine unstill­bare Sehn­sucht nach Schlaf, nach Auf­putsch– und Betäu­bungs­mit­teln aus. Und doch, schon im ers­ten Abschnitt der Reise fällt die­ser Bericht nicht ganz so bis­sig böse aus, wie es die Lese­rin erwar­tet. Spä­tes­tens nach der Ankunft in Med­ju­g­o­rje wird klar, daß es nicht nur darum gehen wird, die Absur­di­tä­ten des Pil­ger­pa­ra­die­ses auf­zu­de­cken. Gla­vi­nic, der auf­ge­klärte Athe­ist, schei­tert an den Ver­teu­fe­lun­gen der Anna­linda Anti­lopa, Nonne. Dar­auf hätte er gefasst sein kön­nen. Er rea­giert mit Abscheu und Angina, erliegt fast einer Anna­linda Hypo­chon­dria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Leser bringt er so um wei­tere Ein­bli­cke in örtli­che Kulte und Rituale. Den­noch schil­dert der Geplagte flott und unter­halt­sam seine Erfah­run­gen. Gla­vi­nic gibt Tipps wie man in Pil­ger­her­ber­gen gegen die nächt­li­che Aus­gangs­sperre revol­tiert und glänzt mit einer gehö­ri­gen Por­tion Apo­the­ker­wis­sen. Etli­che Xanor und andere Pil­len wei­ter, mit Nied­rig– und Hoch­pro­zen­ti­gem run­ter­ge­spült, ist es dann mit der halb­her­zi­gen Pil­ge­rei vor­bei. Schrift­stel­ler und Foto­graf ver­las­sen den Ort des gläu­bi­gen Irr­sinns, um sich vom ver­rück­ten Vater zum nächs­ten Flug brin­gen zu lassen.

Nur ein Nacht­quar­tier fehlt und die­ses fin­den sie schließ­lich bei einem Mann, des­sen Art und Anwe­sen nach dubio­sen Geschäf­ten riecht. Es folgt eine durch­ge­knallte Nacht, anstren­gend für den kran­ken Autor wie für die Lese­rin. Aber­wit­zi­gen Trost spen­den ein­zig die Zet­tel­bot­schaf­ten aus Med­ju­g­o­rje. Sind Krank­heit und Chaos tat­säch­lich der Fluch der Gospa, den der Kap­pen­mann den ungläu­bi­gen Pil­gern prophezeite?

Schließ­lich bringt ein tur­bu­len­ter Rück­flug die bei­den Blues Bro­thers zum Aus­gangs­punkt ihrer Mis­sion und an das Ende eines ebenso tur­bu­len­ten Fas­tan­ti­pil­ger­bu­ches. Der Gos­pa­se­gen ist auf­ge­braucht und einer Sache kön­nen wir ganz sicher sein. Bei Gla­vi­nic klin­gelt kein Glöck­chen, nirgends.

Eine Lese­probe und zwei Videos fin­den sich beim Hanser-Verlag.

Geschrieben von Atalante

18. Oktober 2011 um 13:04

Das Kuscheltier des Philosophen

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Sibylle Lewitscharoffs Trost­ge­stalt mit Löwenmähne

„Am lin­ken Ohr des Löwen zeigte sich ein klei­ner Makel im Fell, offen­bar eine Ver­let­zung, die Blu­men­berg bis­her noch gar nicht auf­ge­fal­len war.“ (S. 148)

Er „war dazu da, sein, Blu­men­bergs, Ver­trauen in die Welt, zumin­dest bei Nacht, zu fes­ti­gen.“ (S. 126)

Wer auf Artigo, einer kunst­his­to­ri­schen Daten­bank, die Stich­worte Löwe und Hie­rony­mus ein­gibt, erhält eine Viel­zahl bild­künst­le­ri­scher Inter­pre­ta­tio­nen die­ses Sujets. Eine lite­ra­ri­sche legt Sibylle Lewitscharoff in ihrem Roman „Blu­men­berg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blu­men­berg (1920–1996), der als Phi­lo­soph an der Uni­ver­si­tät Müns­ter lehrte, wird von ihr zum Hei­li­gen sti­li­siert. Zu einem agnos­ti­schen Hei­li­gen wohl­ge­merkt, der nicht an Bibel­tex­ten, son­dern an sei­nen eige­nen Gedan­ken feilt. Dann eines Nachts im pro­fes­so­ra­len Gehäus, vulgo Arbeits­zim­mer, mate­ria­li­siert sich ein Löwe, oder bes­ser, er erscheint. Das Mate­ri­elle bleibt frag­lich, bis zum Schluss. Denn außer ihm nimmt kein ande­rer das Tier war, kein ande­rer nor­ma­ler Mensch, eine Nonne aus­ge­nom­men, was dem lite­ra­ri­schen Blu­men­berg und dem Leser zu Den­ken geben sollte. Oder bes­ser zu Glauben?

Die Geschichte die­ser Erschei­nung ist gekonnt und ver­gnüg­lich erzählt. Im ers­ten Teil des Romans habe ich sie auch gerne gele­sen. Dazu trug die Rät­se­lei um die Viel­zahl der lite­ra­ri­schen und kunst­his­to­ri­schen Zitate bei, die Fabu­lier­kunst und der sub­tile Witz der Auto­rin. Beson­ders die Schil­de­rung des Stu­den­ten­mi­lieus der Acht­zi­ger und die vier stu­den­ti­schen Exem­pel laden ein zur Nost­al­gie. Ja, so war’s. Streb­sam, ver­klemmte Stu­den­ten­jün­ger, femi­nis­ti­sches WG-Teetrinken, Knei­pen­bar­den und Glücks­su­cher. Auf den grü­nen Zweig schafft es nur einer, doch auch der beißt wie die ande­ren drei viel zu früh ins Gras.

Lewitscharoffs Blu­men­berg hin­ge­gen, des­sen rea­les Vor­bild übri­gens etli­che Minia­tu­ren zum Löwen an und für sich ver­fasst hat, phi­lo­so­phiert aus­führ­lich über sei­nen Löwen. Fünf ent­spre­chend durch­num­me­rierte Leo­ka­pi­tel erschei­nen im Roman. Blu­men­berg, der in Rea­li­tät doch eher der eige­nen Phi­lo­so­phie als dem christ­li­chen Glau­ben zuge­neigt war, inter­pre­tiert die Erschei­nung als Aus­zeich­nung von OBen.

Das finde ich trotz aller dich­te­ri­schen Frei­heit frag­lich. Mir per­sön­lich würde es wenig gefal­len, wenn ein Roman mich erwe­cken würde oder gar dazu ver­don­nern als fromme Nonne Klos­ter­he­cken zu stut­zen. Aus die­sem Grund fiel meine anfäng­li­che Begeis­te­rung zum Erde hin etwas ab. Klar, es gibt noch jede Menge Zita­ten­schätze zu ent­de­cken. Von Pla­ton bis Hei­deg­ger, alte und moderne Dich­ter, auch zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler­kol­le­gen wie Mose­bach und Gena­zino blit­zen um die Ecke. Dies alles häuft sich zu einer sehr gelehr­sa­men Sache um am Ende den Weg aller Gläu­bi­gen zu gehen. In einer Höhle, gestal­tet von Pla­ton, Dante und Beckett, lagern die Ver­stor­be­nen des Romans, unter ihnen der Phi­lo­soph mit sei­nem Beglei­ter. In die­sem War­te­zim­mer nach OBen voll­zieht sich schließ­lich eine mys­ti­sche Trans­for­ma­tion, die allen eso­te­risch Auf­ge­schlos­se­nen viel Freude machen mag.

Ob auch „Blu­men­berg, Sohn einer Jüdin,…, katho­lisch getauf­ter Agnos­ti­ker, der in der Zeit der Not, als keine Uni­ver­si­tät ihn auf­nahm, einige Semes­ter am Frank­fur­ter Jesui­ten­kol­leg,…, hatte stu­die­ren dür­fen und nie aus der Kir­che aus­ge­tre­ten war“ (S. 87) sei dahin gestellt.

Vor­sorg­lich ent­schul­digt sich die Auto­rin in ihrem Nach­wort beim Ver­stor­be­nen. Das bringt mir das Buch wie­der näher. Auch nimmt sie sich nie voll­kom­men ernst. Und den Löwen, Blu­men­bergs Trost– und Heils­brin­ger schon gar nicht. Der war viel­leicht doch nur ein übergro­ßes Kuschel­tier, in Trost­an­ge­le­gen­hei­ten somit bes­tens versiert.

Sibylle Lewitscharoff erhält für ihren Roman den dies­jäh­ri­gen Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.

Zudem war sie auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses vertreten.

Geschrieben von Atalante

11. Oktober 2011 um 14:00

Banater Elegie

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Rei­se­im­pres­sio­nen einer Land­schaft –Esther Kins­kys neuer Roman “Banatsko

„Dabei gibt es hier nichts zu gewin­nen. Nichts als die Leere, das War­ten. Alle hier war­ten auf irgend­et­was, seit Jahr­hun­der­ten. Auf die Liebe, auf den Tod, auf ein­an­der, auf den Krieg, auf das nächste Hoch­was­ser, auf die Fähre. Hier ist ein War­te­land.“ (S. 190)

Die 1956 in Bad Hon­nef gebo­rene, heute in Ber­lin und Bat­t­o­nya lebende Auto­rin Esther Kinsky erhielt 2006 das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. Eine Poe­tin bereiste das Banat, die von Krieg und Ver­lust geprägte Grenz­re­gion zwi­schen Rumä­nien, Ser­bien und Ungarn. Ein Ergeb­nis die­ser Recher­che ist ihr für den Deut­schen Buch­preis nomi­nier­ter Roman “Banatsko”. Sie beschreibt darin ihre Rei­s­ein­drü­cke, dies sind vor allem ihre Begeg­nun­gen mit der Land­schaft, für deren Zustand und deren Wan­del sie poe­tisch schöne Sätze erschafft. Auch Men­schen trifft sie. Eine arme, spröde und zurück­ge­las­sene Land­be­völ­ke­rung, die sonst nichts mehr hat außer der Land­schaft und dem Wer­den und Ver­ge­hen der Jahreszeiten.

Kinsky evo­ziert bei aller Schön­heit ihrer Natur­bil­der keine Idylle. Im ers­ten Teil ihrer aus unver­ständ­li­chen Grün­den als Roman beti­tel­ten Impres­sio­nen wei­sen stets prä­sente Gren­zen und zer­fal­lende Bahn­höfe auf schwer über­wind­bare Tris­tesse. Spä­tes­tens ab dem phan­ta­sie­voll mor­bi­den Kapi­tel „Der Apfel­baum“ wird der Tod zum Prot­ago­nis­ten. Er scheint all­ge­gen­wär­tig. Auf jeder Seite begeg­net er dem Leser in ande­rer Gestalt, über­fah­rene Hunde, Kat­zen, ver­stor­bene Fami­li­en­an­ge­hö­rige, ver­fau­lende Fische, schwarze Krä­hen. Einige Bin­nen­er­zäh­lun­gen wid­met Kinsky voll­kom­men die­sem Thema. Da ist der alte Mann, der sich zum Ster­ben in sei­nen Apfel­baum zurück­zieht. Sein Kör­per ver­wit­tert im Win­ter­wet­ter bis im Früh­jahr nur noch die Stoff­strei­fen in den Ästen hän­gen. Oder der große Fisch, der wie vom Him­mel gefal­len auf der Straße stirbt und des­sen schön schil­lernde Schup­pen bin­nen Minu­ten ihren Glanz ver­lie­ren. Die Natur ent­sorgt den Rest des Kada­vers. Kinsky schil­dert dies minu­tiös in einer Art poe­ti­schem Zeit­raf­fer. Übrig bleibt von dem einst schö­nen Tier nur der zer­zauste Fisch­schwanz im Straßengraben.

Was von den Men­schen die­ses Land­stri­ches übrig­ge­blie­ben ist, fin­det sich auf den Fried­hö­fen, jeder Ort hat einen und fast auch jedes Kapi­tel des Romans, Stra­ßen­fried­höfe mit ver­blass­ten Por­träts der Toten auf den Metallkreuzen. Die, die noch leben, tun dies in zer­zaus­ten Umstän­den, morsch und mit letz­ter Kraft, sich der Sterb­lich­keit bewusst.

Das Aus­ster­ben einer Land­schaft und ihrer Bewoh­nern formt die Dich­te­rin zu einem ein­zi­gen Memento Mori, tote Tiere in Stra­ßen­grä­ben, Fried­höfe, unzu­gäng­lich umzäunt, Grab­schmuck aus Plas­tik, alte Men­schen, die sich mit der Kar­tof­fel­ernte abmü­hen, junge Men­schen ohne Per­spek­tive. Die ein­zige Erlö­sung bie­ten das Akkor­de­on­spiel und der Alko­hol. Arran­giert haben sich nur die Roma, „die Zigeu­ner“, die Müll­fürs­ten, die mit ihren pfer­de­be­spann­ten Sarg­wä­gen die Über­reste ein­sam­meln. Wie mögen sich wohl die Bewoh­ner der bereis­ten Orte füh­len, wenn sie je diese Dar­stel­lung ihrer Hei­mat und ihres Lebens lesen?

Kins­kys mor­bide Ele­gie beschreibt ein Umher­schwei­fen. Sie reist mal hier mal dort­hin, kehrt immer wie­der nach Bat­t­o­nya zurück. Kaum gibt es Inter­ak­tion zwi­schen den Men­schen, dann doch ein Kapi­tel, in dem gespro­chen wird. Weil mir die poe­ti­sche Spra­che so gut gefal­len hat, habe ich das Buch gerne gele­sen. Aber die Melan­cho­lie brei­tet sich auch über den Leser aus. Ein Heft vol­ler phan­tas­ti­scher Sätze, Wort­schöp­fun­gen vol­ler Poe­sie, aber auch Fried­hofs­li­te­ra­tur, die ich nur in klei­nen Dosen genie­ßen kann.

Geschrieben von Atalante

9. September 2011 um 17:32

Paul Auster — Unsichtbar

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Eine Geschichte der Verführung

In sei­nem neuen Roman “Unsicht­bar” schil­dert Paul Aus­ter eine Geschichte der Ver­füh­rung. Wie meist, so beinhal­tet auch diese Geheim­nisse und Erwar­tun­gen, die nicht immer ein­ge­löst wer­den. Es gibt Opfer und Täter und eine Schuld, wel­che die Gren­zen zwi­schen den Rol­len in der Unein­deu­tig­keit belässt.

Zu Beginn des ers­ten Kapi­tels scheint es noch klar. Der eher scheue Lite­ra­tur­stu­dent Adam Wal­ker erzählt von dem unglaub­li­chen Ange­bot Her­aus­ge­ber einer neuen Lite­ra­tur­zeit­schrift zu wer­den. Idee und Geld zu die­sem Pro­jekt stam­men von Born, einem euro­päi­schen Gast­pro­fes­sor, den er zufäl­lig auf einer Party ken­nen gelernt hatte.  Doch bereits kurze Zeit spä­ter weiß Adam nicht mehr, ob der domi­nante Geld­ge­ber ihn nicht ledig­lich als Opfer eines per­fi­den Psy­cho­spie­les aus­er­ko­ren hat. Wer ist die­ser Born? Etwa der „Besit­zer einer süd­ame­ri­ka­ni­schen Kaf­fee­plan­tage, der nach zu vie­len Jah­ren im Dschun­gel wahn­sin­nig gewor­den“ ist, wie Adam ver­mu­tet? Aus­ter cha­rak­te­ri­siert ihn ohne Zwei­fel als moder­nen Mephisto, der auf seine Mit­men­schen absto­ßend und anzie­hend zugleich wirkt. „Er war geist­reich, exzen­trisch und unbe­re­chen­bar, aber wer behaup­tete, der Krieg sei die reinste Abrech­nung der mensch­li­chen Seele, ver­bannt sich aus dem Reich des Guten.“ (S. 19)

Die ungu­ten Vor­ah­nun­gen Wal­kers bestä­ti­gen sich wäh­rend einer Abend­ein­la­dung. Dort trifft der Stu­dent auch Borns Geliebte Mar­got wie­der, eine Fran­zö­sin, die laut Born um den jun­gen Mann besorgt sei. Noch mehr, sie fände den gut­aus­se­hen­den Jun­gen so anzie­hend, daß Born sie ihm, der Roman spielt im New York der spä­ten Sech­zi­ger­jahre, gene­rös zum Nach­tisch anbie­tet. Wal­ker fühlt sich ver­un­si­chert. Bei der Ankunft in Borns Woh­nung hatte er die­sen bei einem hef­ti­gen Wut­aus­bruch erlebt. Born ent­puppt sich als Mann, der an sei­ner Wut Freude hatte.

Im zwei­ten Kapi­tel erfährt der Leser durch den neuen Ich-Erzähler Jim, einem Col­le­ge­freund Wal­kers, daß das erste Kapi­tel Teil eines Romans sei. Adam bit­tet den erfolg­rei­chen Schrift­stel­ler sein Manu­skript zu lesen. Auf­ge­teilt ist die­ser auto­bio­gra­phi­sche Roman in vier Kapi­tel, Früh­ling, Som­mer, Herbst und Win­ter des Jah­res 1967. Der Schrift­stel­ler wird Beicht­va­ter und Schreib­be­ra­ter zugleich. Er erfährt von Wal­kers Krank­heit, sei­nem Kind­heits­trauma und einem Geschwis­ter­ge­heim­nis. Dinge, die bis­lang nicht nur für ihn im Ver­bor­ge­nen lagen.

Unsicht­bar, so lau­tet der Titel des Romans, der zugleich sein Motto ist. Schein und Wirk­lich­keit, Ober­flä­che und Inne­res, das Offen­sicht­li­che und das Ver­bor­gene, alles Wort­paare, deren jeweils zwei­ter Teil unsicht­bar bleibt. Wie Paul Aus­ter diese Dop­pel­bö­dig­keit von Per­so­nen, aber auch von Ereig­nis­sen, Orten und Din­gen in die­ser Geschichte durch­spielt, finde ich gran­dios. Wal­ker erscheint zunächst als ehr­gei­zi­ger Stu­dent, der von Born ver­führt und kor­rum­piert, schließ­lich durch die Mord­ge­schichte sogar bedroht und in sei­ner Kar­riere behin­dert wird. Durch seine auto­bio­gra­phi­schen Offen­ba­run­gen erfährt der Leser jedoch, daß er kei­nes­falls so tugend­haft ist, wie er zu Beginn erscheint. Das betrifft nicht nur seine puber­tä­ren Erkun­dun­gen mit sei­ner Schwes­ter und den spä­te­ren Inzest. Es betrifft auch sein Ver­hal­ten in Paris, sei­nen nai­ven Rache­plan, der Born kei­nes­wegs einer gerech­ten Strafe zufüh­ren würde. Wenn die­ser denn über­haupt bestraft wer­den muss. Denn wir wer­den nie wis­sen, was wirk­lich geschah, ob Born tat­säch­lich ein Mör­der ist. Das ist sicher das pla­ka­tivste Bei­spiel für einen anschei­nend kla­ren Vor­gang mit mög­li­cher­weise ver­bor­ge­nen Details.

Wer lügt, wer sagt die Wahr­heit? Wie­viel Wah­res steckt in all unse­ren Erin­ne­run­gen? For­men wir sie nicht stän­dig um, for­mu­lie­ren sie neu, machen aus ver­meint­li­chen Fak­ten unse­ren eige­nen, indi­vi­du­el­len Roman?

Unsicht­bar, geheim­nis­voll, im Dun­keln so belässt Aus­ter vor allem das Ende sei­nes Buches. In der Schluss­szene schil­dert er die Flucht einer Frau auf einer Insel. Schon von wei­tem hört sie ein Geräusch, das sie nicht zu deu­ten weiß. Erst als sie unmit­tel­bar davor steht, erkennt sie Arbei­ter, die Steine aus dem har­ten Fels schla­gen. Die Ursa­che des Geräuschs ist sicht­bar gewor­den. Die Fron die­ser Men­schen wird auf­ge­deckt. Das Ergeb­nis ziert zahl­lose Plätze der soge­nann­ten Zivi­li­sa­tion. Doch was will der Autor damit sagen? Ein Apell an das soziale Gewis­sen? Oder ent­larvt Aus­ter mit der Illu­sion des ver­meint­li­chen Idylls wie­der­rum eine wei­tere Facette Borns?

Hilf­reich für die Beant­wor­tung dürf­ten die lite­ra­ri­schen Spu­ren sein, die Aus­ter gelegt hat. Sie füh­ren von der rät­sel­rei­chen Kas­san­dra­va­ri­ante des Lyko­phron, über die Kriegs­ge­sänge Ber­tran de Borns und des­sen Bestra­fung in der Divina Com­me­dia zu Mil­tons Ver­füh­rung des Adam bis zu Samuel Beckett. Die Wahr­heit jedoch bleibt unsichtbar.

 

Lite­ra­tur in der Literatur:

Lyko­phron, Alex­an­dra (ca. 190 v. Chr.)

Ber­tran de Born, Sir­ven­tes (1181)

Dante Ali­ghieri, Divina Com­me­dia (1307)

John Mil­ton, Para­dise Lost (1667)

Samuel Beckett, Krapp’s Last Tape (1958)

Geschrieben von Atalante

6. September 2011 um 16:39

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Wie man schreibt, daß man träumt, daß man schreibt

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Jan Peter Bre­mer sucht in „Der ame­ri­ka­ni­sche Inves­tor“ nach dem per­fek­ten ers­ten Satz

Ein Autor sitzt am Schreib­tisch und ima­gi­niert den ers­ten Satz. Auf den war­tet er schon lange ver­geb­lich. Ein typi­scher Fall von Schreib­hem­mung, so scheint es, die sich weder durch den treuen Blick eines Hun­des noch durch Ablen­kung durch­bre­chen lässt. Der erste Satz, des­sen ein­falls­rei­che Wort­ge­wandt­heit zum Moti­va­tor für die rest­li­chen Sätze und Sei­ten des Romans wer­den soll, kommt dem Dich­ter nicht in den Sinn. Viel­leicht weil der Sinn die­ses Erzäh­lers, der wie Bre­mer nicht nur Bücher schreibt, son­dern mit Frau, Kin­dern und Hund in einer Ber­li­ner Woh­nung lebt, von pri­va­ten Pro­ble­men besetzt ist. Am dring­lichs­ten von dem Pro­blem mit sei­ner Woh­nung, die durch die Sanie­rungs­maß­nah­men eines Immo­bi­li­en­in­ves­tors wenigs­tens in Tei­len von Ein­sturz gefähr­det ist. Dies ist die wich­tigste Sache, um die sich der Krea­tive auf Drän­gen sei­ner Frau zu küm­mern hat. Besu­che bei der Mie­ter­be­ra­tung, Gesprä­che mit Arbei­tern und Haus­meis­tern, Erwä­gung eines Umzu­ges, Aus­kund­schaf­ten even­tu­el­ler Wohn­op­tio­nen, dies alles führt zu kei­nem Ziel. Es führt aller­dings zu der Idee, die­sem Inves­tor einen unmiss­ver­ständ­li­chen, alles klä­ren­den Brief zu schrei­ben. Der Erzäh­ler sitzt also wie­der mit sei­nem Hund am Schreib­tisch und war­tet auf den guten ers­ten Satz.

Dies ist in aller Kürze der Plot des Romans und er ist nicht son­der­lich auf­re­gend, wenn man nicht eben­falls in Ber­lin von einem Miet­hai bedroht wird. Inter­es­sant ist aber die Mach­art der Geschichte. Die Suche nach dem ers­ten Satz führt zu Reflek­tio­nen, die nach kunst­vol­len Vol­ten stets zu ihrem Aus­gangs­punkt zurück­keh­ren. Zu Hund und Herrn am Schreib­tisch und dem gro­ßen „Was wäre wenn“. Was wäre zum Bei­spiel, wenn der Inves­tor, der der Lese­rin als welt­fer­ner Bewoh­ner sei­nes Pri­vat­jets dar­ge­stellt wird und ihr als roter Plas­tik­kopf im roten Plas­tik­flie­ger vom Cover ent­ge­gen leuch­tet, dem Erzäh­ler höchst­selbst  einen Brief schrei­ben würde? Der Inves­tor ent­wi­ckelt sich zur Bedro­hung, die die Kin­der ver­führt und das Fami­li­en­glück gefähr­det. Aber die­ses oder eher das Ehe­glück scheint sowieso so eine Sache zu sein. Jan Peter Bre­mer lässt sei­nen Schrift­stel­ler viel über des­sen Lebens­um­stände grü­beln. Geschieht dies in zunächst sehr unter­halt­sa­mer Manier, so dreht er sich dabei doch auch im Kreis. Zum Glück dau­ert diese Doku­men­ta­tion des Pro­kras­ti­nie­rens nur voll­kom­men aus­rei­chende 156 Seiten.

Für einen Aus­zug aus die­sem im Ber­lin Ver­lag erschie­ne­nen Roman erhielt Bre­mer den Alfred-Döblin-Preis 2011. In einem Aspekte-Interview, das von der erstaun­li­chen Par­al­le­li­tät des wah­ren Lebens zu die­sem Buches zeugt, erzählt der Schrift­stel­ler von sei­nem Woh­nen in Berlin.

Geschrieben von Atalante

30. August 2011 um 12:33

Würgende Tauben und anderes Getier

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“Wenn wir Tiere wären”– ein neuer Flucht­ro­man von Wil­helm Genazino

„Wenn wir flug­fä­hige Tiere gewe­sen wären, hät­ten wir dann und wann mit den Flü­geln schla­gen kön­nen. Aber wir waren Men­schen und ver­hiel­ten uns, trotz aller Offen­heit, verhüllend.“(S. 74)

Der Erzäh­ler des neuen Romans von Wil­helm Gena­zino ver­dient sein Geld weder mit dem Test edlen Schuh­werks noch als Dozent für Apo­ka­lyp­tik. Er arbei­tet als freier Archi­tekt, sein Spe­zi­al­ge­biet ist die Sta­tik von Hän­ge­brü­cken. So wie diese hängt auch er in der Land­schaft des Lebens herum. Behin­dert von sei­nem „heim­li­chen Grund­ge­fühl“ spürt er „nur man­geln­des Talent zum soge­nann­ten nor­ma­len Leben“. Schon als Kind fühlte er sich „erschöpft und von der Welt ange­wi­dert“. Sei­nem Lebens­ge­fühl, ein Gemisch aus Gleich­gül­tig­keit, Über­druss, Ekel, Melan­cho­lie und Angst, ver­sucht er zu ent­flie­hen. Meist ver­ge­bens, im Schei­tern sei­ner Flucht­ver­su­che trifft er höchs­tens auf andere Geschei­terte. Zu die­sen zählt auch Maria, seine Lebens­ge­fähr­tin, die eine eigene Woh­nung und ein Rot­wein­pro­blem besitzt. Sie scheint ihn wenigs­tens zum Teil zu ver­ste­hen und ver­sorgt ihn mit Unter­wä­sche und Sex. Als sein bes­ter Freund, Archi­tekt und Auf­trags­ver­mitt­ler Autz, dem zum Kautz nur der erste Buch­stabe des Vor­na­mens sei­ner Frau fehlt, ver­stirbt, tritt eine Ver­än­de­rung ein. Der noch Lebende rutscht sachte in das Lebens­ar­ran­ge­ment des Toten hin­ein bis er schließ­lich darin zu ver­sin­ken droht wie in einem alten durch­ge­ses­se­nen Sofa. „Ich hatte jetzt zwei Gebraucht­frauen, einen Gebraucht­job, einen Gebraucht­wa­gen und jetzt auch noch einen Gebraucht­schreib­tisch.“ Als Ange­stell­ter des Archi­tek­tur­bü­ros beschwich­tigt er zwar seine Exis­tenz­angst, fühlt sich aber von der Unfrei­heit gelähmt. Er über­nimmt schließ­lich noch die Gebraucht­be­trü­ge­reien sei­nes Vor­gän­gers. Durch die selbst insze­nierte Frei­heits­be­rau­bung ent­geht er dem Gefäng­nis des Angestelltendaseins.

Wir schei­nen ihn bereits gut zu ken­nen, den Erzäh­ler des Romans. Wie seine Vor­gän­ger aus den Vor­gän­ger­ro­ma­nen ist auch er zu lebens­emp­find­lich und zwei­felt vor allem an einem, an sich selbst. Zu den Mög­lich­kei­ten die­sen Über­druss zu beschwich­ti­gen zäh­len die beru­hi­gende Wir­kung von Busen aller Art und das Ver­har­ren im Augen­blick. Diese melan­cho­li­schen Momente fin­det der Held des neuen Romans oft beim Anblick von Tie­ren, in deren Instinkt für ihn unver­fälschte Schön­heit zu lie­gen scheint. Sie ruhen in sich selbst, aut­ark und zufrie­den, wäh­rend Gena­zino sei­nen Prot­ago­nis­ten an eige­nen und frem­den Ansprü­chen lei­den lässt. Dies führt zu iro­ni­schen Höhe­punk­ten wie dem der mit 42 Lebens­jah­ren und Gebiss ein­deu­tig zu spä­ten Mut­ter Thea. Natür­lich auch zu Melan­cho­lie, wenn der Anblick der Parfümerie-Verkäuferinnen quasi als proust­sche Mémoire invo­lon­taire die Armut der Kind­heit her­auf­be­schwört. Auch Selbst­kri­tik scheint auf, wenn Gena­zino den Chef des Archi­tek­tur­bü­ros über den Zusam­men­hang zwi­schen Melan­cho­lie und abwei­chen­dem Ver­hal­ten sin­nie­ren lässt. Schließ­lich wird man­cher Leser, mal ange­nehm mal unan­ge­nehm berührt, sich in man­chen Marot­ten selbst erkennen.

Es gibt also auch in die­sem ech­ten Gena­zino, der den iro­ni­schen Blick auf die Zustände der Gesell­schaft und des Indi­vi­du­ums öffnet, durch­aus Neues zu ent­de­cken. Dazu zäh­len schöne Wort­schöp­fun­gen wie „Blei­be­wunsch“ und zahl­rei­che zitie­rens­werte Sätze. Den­noch bin ich zwie­ge­spal­ten, da der Roman im letz­ten Drit­tel deut­lich schwä­cher wird. Die Busen-Obsession zu der sich die Schamhaar-Schilderungen hinzu gesel­len haben mich etwas „ange­mü­det“, von ande­ren dies­be­züg­li­chen Bezeich­nun­gen und der Revier­mar­kie­rung von Gefäng­nis­zel­len ganz zu schweigen.

 

Über Schön­heit:

„Denn merk­wür­dig an der Schön­heit ist, dass man sie immer nur anschauen kann. Man kann nichts davon mit nach Hause neh­men oder ein klei­nes Teil von ihr an einer beson­de­ren Stelle auf­be­wah­ren. Man kann Schön­heit immer nur anstar­ren, mehr ist nicht zu holen. Wenn man sie lange ange­schaut hat, muss man wie­der gehen.“ (S. 17)

 

Über Staub und Schmutz:

„Stau­big wird etwas von selbst, sagte ich, durch Teil­habe an dem gro­ßen Staub, in dem wir alle leben müs­sen. Schmutz hin­ge­gen ist ein selbst­stän­di­ges Ein­tau­chen in ein Kon­zen­trat von Aus­schei­dun­gen, das durch die stän­dige Umwand­lung der Natur ent­steht.“ (S. 23)

 

Über den Hauptlebenstrieb:

„Der Wunsch nach Flucht war ver­mut­lich der bestän­digste Impuls mei­nes Lebens. Es gab so gut wie nichts, wovor ich nicht hatte flie­hen wol­len: vor mei­nen Eltern, vor dem Kin­der­gar­ten, vor der Schule, vor Thea, vor Woh­nun­gen, vor der Kul­tur, vor dem Mili­tär, vor der Fest­an­stel­lung, vor Maria.“ (S. 126)

 

Über das Gefängnis:

„Ich traute mich end­lich zu den­ken, dass ich die ande­ren nicht ver­stand. Das hatte ich schon im nor­ma­len Leben oft emp­fun­den, aber ich hatte mich nicht getraut, es auch zu den­ken.“ (S. 130)

Geschrieben von Atalante

5. August 2011 um 14:49

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LOVOS in der Jurte — Manufacere versus Intellegere

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Bir­git Van­der­beke lobt in ihrem Roman “Das lässt sich ändern” das ein­fa­che Leben

„Ich hab nix, und du hast nix, lass uns was draus machen.“–Ton, Steine, Scherben

„Wer feige ist hat Mut, nur was bil­lig scheint, ist gut.“ –Die Ärzte

„Deine Sehn­sucht hat jetzt Sinn, nimm sie mit, du weißt, wohin.“ –Ton, Steine, Scherben

Und noch mehr die­ser unsäg­li­chen Reime, die einst die Müs­libar­den dich­te­ten, drän­gen sich auf den knapp 150 Sei­ten des neuen Romans von Bir­git Van­der­beke. Er spielt in den frü­hen Acht­zi­gern, als sie begann, die Renais­sance der guten, ein­fa­chen Dinge, und er erzählt die Lie­bes­ge­schichte zwi­schen einem LOVOS und einer Stu­den­tin, die sich nach der Repa­ra­tur eines ver­stopf­ten Wasch­be­ckens zum bewuss­ten Leben bekeh­ren lässt. Ein biss­chen viel Alt-68ziger und 80ziger Jahre Flo­ka­tis­ten mutet Van­der­beke ihrer Lese­rin zu. Gut­men­schen, die die wah­ren Werte auf dem Floh­markt fin­den, Lager von viel­leicht wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

15. Juni 2011 um 20:22

Sex and Drugs and Literature

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Gwen­do­line Riley erzählt in ihrem neuem Roman „Jos­hua Spassky“ vom Drumherumreden

Ein Mäd­chen trifft einen Jun­gen, bes­ser, eine junge Schrift­stel­le­rin trifft einen jun­gen Thea­ter­au­tor. Sie ver­brin­gen einige Tage mit­ein­an­der, sie füh­len sich zuein­an­der hin­ge­zo­gen, sie sind viel­leicht ver­liebt. Doch das kann kei­ner der bei­den sagen oder viel­leicht wagen sie es auch ein­fach nicht. Denn sie sind cool und bockig, sehr jung und wahr­schein­lich sehr ver­letzt. Nicht nur gute Erfah­run­gen lie­gen hin­ter ihnen, nur in den wenigs­ten Fami­lien ist es immer ganz ein­fach. Doch wer nichts erlit­ten hat, hat auch nicht den Drang etwas zu erzäh­len. Dies und die Liebe zur Lite­ra­tur ver­bin­det sie.

Trotz­dem gehen sie wie­der aus­ein­an­der. Jos­hua kehrt zurück nach Ame­rika, Nata­lie bleibt in Man­ches­ter. Die ver­spro­che­nen Briefe und Tele­fon­an­rufe wer­den sel­te­ner, der ange­kün­digte Besuch Jos­huas fällt aus. Nata­lie bekämpft ihren Schmerz mit dem Inhalt all’ der Fla­schen, die für die gemein­sa­men wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

8. Mai 2011 um 18:25