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Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wie­der­ent­de­ckung eines gro­ßen fran­zö­si­schen Romans

„Und was habe ich in die­sem Win­kel hier wie­der­ge­fun­den? Eine ver­fal­lene Kind­heit, eine nie­der­ge­hauene Land­schaft und über all dem eine wütende, rasende Nacht.“

Anläss­lich des hun­derts­ten Geburts­tags von Jean Cayrol (1911–2005) hat der Schöffling-Verlag des­sen Roman „Im Bereich einer Nacht“ neu auf­ge­legt, in der beein­dru­cken­den Über­set­zung durch Paul Celan.

Der drei­ßig­jäh­rige François ist aus Paris auf­ge­bro­chen um sei­nen Vater zu besu­chen. Die­ser wohnt in Sainte-Veyres, nach dem Krieg in Chau­vi­gny umbe­nannt. Man ahnt gleich zu Beginn, daß sich nicht ein freu­di­ges Wie­der­se­hen mit dem Ort und den Per­so­nen der Kind­heit anbahnt. François ver­lässt den Zug eine Sta­tion vor dem Ziel, um nicht von sei­nen Vater von Bahn­hof abge­holt zu wer­den und so eine öffent­li­che Umar­mung  zu ver­mei­den. Doch die­sen Ent­schluss bereut er bald. So sehr ihm vor der Begeg­nung mit dem Vater graut, ängs­tigt ihn der Fuß­weg durch die graue, dun­kelnde Herbst­land­schaft. Er ver­lässt die Straße wis­send sich in die­sem „Schier­lings– und Brom­beer­reich“ heil­los zu verlaufen.

Die Begeg­nung mit ein paar Jungs, die nach einen Schatz gra­ben, lösen Erin­ne­run­gen an seine eigene, vom Glück weit ent­fernte Kind­heit aus.

„Ich sah ein, daß es unmög­lich war, aus eige­nen Kräf­ten glück­lich zu wer­den: das war der kunst­reich errun­gene Sieg mei­nes Vaters, die harte Lek­tion einer knir­schen­den Mainacht.“

Wei­ter auf der Suche nach dem rech­ten Weg durch ein vom Krieg zer­stör­tes Dorf und sei­nen Wald, ver­folgt von einem her­ren­lo­sen Hund, erin­nert er sich an sei­nen letz­ten Besuch beim Vater, dem „Über­wit­wer“, der sei­nen bei­den Kin­dern die Trauer um ihre Mut­ter ver­bo­ten hatte.

„Arme Mut­ter, nie habe ich sie anders gekannt als ange­schmie­det an ihren Tod. Vater hatte sie ein­ge­ker­kert, ein­gesargt in einem unzu­gäng­li­chen Kum­mer. Nie­mand durfte ihrer geden­ken. Nur auf sei­nen Wink hin durf­ten die Trä­nen flie­ßen und die Seuf­zer laut wer­den. Er gehörte ihm und nur ihm allein, die­ser Tod.“

Als ein­zi­ger Licht­blick in die­ser Herbst­däm­me­rung voll schwar­zer Melan­cho­lie erscheint François sein Glück mit Juli­ette. Er denkt an ihre erste Begeg­nung, an ihre beschei­dene Woh­nung in Paris, in der sie glück­lich sein wol­len, vor allem, weil sie nicht „den ande­ren mit irgend­wel­chen alten Bin­dun­gen behel­li­gen“. Die Ver­gan­gen­heit muss ver­drängt wer­den, um glück­lich leben zu kön­nen. „Darf man den ande­ren Dinge auf­bür­den, die man selbst nicht mehr erträgt?“ François trägt nicht als Ein­zi­ger eine sol­che Last mit sich, auch Juli­ette hat eine Erin­ne­rung zu ver­schwei­gen. Deren Zeu­gen, die Briefe Fer­n­ands, könnte sie jedoch mit Leich­tig­keit ver­bren­nen. François hin­ge­gen holen seine Alb­träume an jedem Weg­wei­ser ein. Seine eins­ti­gen Selbst­mord­ge­dan­ken, die auch den ande­ren Mit­glie­dern die­ser unglück­li­chen Fami­lie nicht fern lagen, und die todes­nahe Atmo­sphäre, deren vor­herr­schen­des Ele­ment die Angst war.

„Als Kind war ihm kaum etwas ande­res beige­bracht wor­den als Angst; eine Angst, der man mit kei­ner­lei Argu­men­ten, mit kei­ner­lei Mut bei­kam.“ Früchte einer streng reli­giö­sen Erzie­hung. „Die­ses Fri­kas­see von Teu­fe­leien, das man uns täg­lich auftischte.“

Schließ­lich wird der mitt­ler­weile von Kälte, Hun­ger und Erin­ne­run­gen zer­mürbte François von einer Auto­fah­re­rin auf­ge­le­sen. In deren Haus erhält er zwar ein wenig Wärme und einen Cognac, gerät aber zugleich in einen Streit zwi­schen Vater und Toch­ter, der ihn schnell sei­nen Weg fort­set­zen lässt. Doch welchen?

„Es gibt immer zwei Wege neben­ein­an­der, einen fal­schen und einen rich­ti­gen. Und Sie – Sie schla­gen immer nur die Wege ein, von denen kein Mensch etwas wis­sen will. Der rich­tige Weg läuft an den Glei­sen ent­lang. Sie ren­nen da auf Wegen herum, als ob Sie auf Amseln aus wären, wie die Kinder.“

François’ Weg zurück führt wei­ter durch seine Kind­heit, die er gemein­sam mit sei­ner Schwes­ter hin­ter ver­schlos­se­nen Türen ver­brin­gen musste, nur ein­mal durf­ten sie einen unbe­schwer­ten Tag in Frei­heit erleben. Da zeigt sich dem erwach­se­nen François plötz­lich ein Licht in der Dun­kel­heit, er wähnt sich in Sicher­heit, ima­gi­niert eine „anhei­melnde, rege, hei­tere Wohn­stätte“, for­mu­liert schon den Bericht sei­ner nächt­li­chen, unheim­li­che Irr­fahrt an Juli­ette, als er beim Betre­ten des Hau­ses gefragt wird, ob er wegen des Toten komme. Vol­ler Schreck, von aber­ma­li­gen Erin­ne­run­gen über­wäl­tig, ver­liert er das Bewusst­sein. Die Bewoh­ner bet­ten ihn auf ein Sofa und bie­ten ihm an über Nacht zu blei­ben. Vom Neben­raum aus lauscht er den Gesprä­chen der Frauen, erfährt von ihrem Unglück und, daß der Tote nur zu Besuch war. Sein Unwohl­sein lässt ihn in Fie­ber­phan­ta­sien fal­len, die seine Kind­heit her­auf­be­schwö­ren und ihn fra­gen las­sen, ob der Tod sei­nes Vaters ihn end­gül­tig  befreien würde, ob er dann mit Juli­ette ein neues Leben anfan­gen könne oder ob er durch die Befrei­ung vom Ver­ur­sa­cher sei­nes Kind­heits­un­glücks gleich­zei­tig auch seine Kind­heit selbst ver­lie­ren würde.

Wie­der erwacht hört er die Schnei­de­rin Ray­monde und ihre Toch­ter Claire, spä­ter trifft Simon ein, und bringt Unfrie­den in seine Fami­lie. Eine Fami­lie, die wie sich zei­gen wird, schon längst zer­stört ist. Auf dem Höhe­punkt des Strei­tes mit ihrem Vater Simon, flieht Claire aus dem Haus. François wird auf­ge­for­dert bei der Suche zu hel­fen. Diese gilt aller­dings mehr dem teu­ren Hoch­zeits­kleid, daß Claire zur Probe über­ge­wor­fen hatte, als dem jun­gen Mäd­chen selbst. François irrt wie­der durch die Nacht und fin­det Claire schließ­lich in dem Haus, wel­ches ihm als Kna­ben Zuflucht gebo­ten hat. Das Haus des alten, lie­ben Leh­rers Jean.

Die Lösung sei­ner Fra­gen und damit das Ende die­ser Nacht erschließt sich ihm und damit auch dem Leser auf der vor­letz­ten Seite des Romans.

Jean Cayrol beschreibt in sei­nem Werk die nächt­li­che Odys­see sei­nes Prot­ago­nis­ten François zu einem Ziel, wel­ches er eigent­lich gar nicht errei­chen will. Immer wie­der unter­bre­chen Erin­ne­run­gen an die Schre­cken sei­ner Kind­heit die Suche. Fet­zen, die sich nach und nach zusam­men fügen. Dane­ben gibt es Gedan­ken an sein jet­zi­ges Leben, seine Liebe zu Juli­ette. Von ihrer Situa­tion berich­tet der Autor in zwei kur­zen Kapi­teln. Sie zei­gen, wie auch sie von einer Erin­ne­rung belas­tet wird.

Jean Cayrol schil­dert die Suche nach dem rech­ten Weg, der sich in einer vom Krieg trau­ma­ti­sier­ten Gesell­schaft nur schwer­lich fin­den lässt. Er führt durch zer­störte Orte und ver­wil­derte Natur, vor­bei an ver­fal­le­nen Häu­sern und obsku­ren Begeg­nun­gen. Trotz sei­nes bedrü­cken­den Inhalts, fes­selt der Roman, leicht und flie­ßend for­mu­liert. Meh­rere Bewusst­seins­ströme kom­bi­nie­rend ent­wi­ckelt Cayrol ein inten­si­ves Psy­cho­gramm des Prot­ago­nis­ten. Erfah­rung und Phan­ta­sie, Fie­ber und Traum bil­den die Wirk­lich­keit die­ser dunk­len Nacht der Erin­ne­rung. So erzeugt die­ser Roman, dem ich noch viele wei­tere Leser wün­sche, einen unge­heu­ren Lesesog.

Im Nach­wort wür­digt die Roma­nis­tin Ursula Hen­nig­feld den Dich­ter und Ver­le­ger Jean Cayrol. Cayrol wurde als Mit­glied der Résis­tance 1943 im Lager Maut­hau­sen inter­niert, wo er den Mit­in­haf­tier­ten Gedichte von Racine und Rim­baud, sowie eigene Werke vor­trug. Diese erschie­nen 1997 unter dem Titel „Schat­ten­alarm“. Seit 1949 war Cayrol ver­le­ge­risch tätig. 1973 wurde er Mit­glied der Aca­dé­mie Goncourt.

In ihrer Ana­lyse des Romans betont Hen­nig­feld des­sen sur­rea­lis­ti­sche Struk­tur, sowie die sub­text­ua­len Anspie­lun­gen auf die Erin­ne­rungs­po­li­tik des fran­zö­si­schen Staa­tes. Cayrol hat in allen sei­nen Wer­ken seine Erfah­run­gen mit Krieg und Shoah ver­ar­bei­tet, diese aber immer im Lite­ra­ri­schen belassen.

Die Freund­schaft zwi­schen Jean Cayrol und Paul Celan, geprägt durch die gemein­same Arbeit gegen das Ver­ges­sen, führte dazu, daß Cayrol Celan um die Über­set­zung sei­nes Buches bat. Wel­che dich­te­ri­sche Frei­heit er ihm hier­bei ließ, erläu­tert die Autorin.

Geschrieben von Atalante

2. Januar 2012 um 19:01

Abschied von Onkel Paul

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Küchen­ge­sprä­che unter Schwes­tern in Gila Lus­ti­gers neuem Roman “Woran denkst du jetzt

„Sie hatte ein Geschick dafür ent­wi­ckelt, sich von dem Sinn nicht behel­li­gen zu las­sen, und dass sie nach einer guten hal­ben Stunde immer noch nicht her­aus­ge­fun­den hatte, worum es eigent­lich ging, berei­tete ihr Vergnügen.“

Der Leser ver­bringt womög­lich mehr Zeit mit weni­ger Ver­gnü­gen, denn er läuft lang­sam an die­ser Roman, der in einer Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von Onkel Paul. Seine bei­den Nich­ten sind für diese Nacht in das Eltern­haus zurück­ge­kehrt. Die­ses Haus hatte Paul vor Jah­ren sei­ner Schwes­ter über­las­sen, als ihr Mann sie ver­ließ und sie mit ihren bei­den Töch­tern eine Bleibe suchte. Onkel Paul war seit­dem immer für sie da, in den letz­ten Mona­ten sei­nes Krebs­lei­dens hin­ge­gen küm­mer­ten sie sich um ihn. Er wollte seine letzte Zeit mit ihnen ver­brin­gen, nicht mit sei­ner Frau, mit der er jahr­zehn­te­lang ver­hei­ra­tet war. Doch warum?

Dies ist eine der Fra­gen, die sich Lisa und ihrer Schwes­ter Tanja in die­sen Stun­den stel­len, den Stun­den der Toten­wa­che, die sie in der Küche des Hau­ses ver­brin­gen. Sie reden und strei­ten und stür­zen sich mit dem ewi­gen „Woran denkst Du jetzt?“ in ihren eige­nen Ver­gan­gen­heits­film. Durch die­ses alter­nie­rende Prin­zip führt Gila Lus­ti­ger die jewei­li­gen Erin­ne­run­gen der unter­schied­li­chen Schwes­tern ein. So erlebt der Leser das Fami­li­en­ge­sche­hen ein­mal in der Ana­lyse der Psy­cho­dra­ma­the­ra­peu­tin Lisa, dann aus der Sicht der prag­ma­ti­schen Bank­ma­na­ge­rin Tanja. Lisa, das Empa­thie­ge­nie, und Tanja, das Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Tanja, die sich ihre Pro­bleme selbst macht und diese auch selbst lösen will. Lisa, die die Pro­bleme ande­rer lösen möchte. Beide sind „wahre Meis­te­rin­nen im Dar­über­hin­weg­kom­men“ damals wie heute.

Nach­dem Tan­jas Zeit im Aus­land sie auch inner­lich von­ein­an­der ent­fernt hatte, schei­nen die Schwes­tern sich in die­sen Stun­den wie­der anzu­nä­hern. Doch sie reden nicht mit­ein­an­der, sie sin­nie­ren neben­ein­an­der über ihr Leben. Vor allem dar­über, wel­che Rolle Onkel Paul darin spielte. Die­ser erscheint als dan­dy­haf­ter Zam­pano, der immer genau wusste, was gut und rich­tig war, und sie mit opu­len­ten Geschen­ken und Lebens­weis­hei­ten über­häufte. Die Erin­ne­run­gen ent­lar­ven ihn schließ­lich als Manipulator.

In die­ser psy­cho­lo­gisch nicht unin­ter­es­sant kon­stru­ier­ten Fami­li­en­ge­schichte ver­misst der Leser jedoch lange das Motiv. So folgt man über die Hälfte des Romans gedul­dig den Erin­ne­run­gen und, da immer noch kein Geheim­nis in Sicht, beginnt man bald sich selbst eines her­bei zu spin­nen. Schließ­lich zeigt sich weder Miss­brauch, noch Inzest son­dern ein bana­ler Ehe­bruch als causa scri­bendi. Die­ser bestimmt fol­gen­reich das Bezie­hungs­ge­flecht der Per­so­nen bis zum Tode von Onkel Paul, den man viel­leicht in zwei­fa­cher Hin­sicht als Haupt­schul­di­gen bezeich­nen könnte. Er hatte einst den künf­ti­gen Ehe­mann sei­ner Schwes­ter als Freund ins Haus gebracht und viele Jahre spä­ter die Ehe durch seine Indis­kre­tion zer­stört. Wei­tere Geständ­nisse fol­gen und erlau­ben den Schwes­tern zu ver­zei­hen, sich selbst und ein­an­der, und schließ­lich auch den Tod ihres Onkels zu betrauern.

Lei­der ver­folgt die­ser Roman die Frage nach Schuld und Ver­ant­wor­tung nicht inten­si­ver und endet hoff­nungs­voll milde. Dabei erzählt Gila Lus­ti­ger ihre Geschichte eines Ver­rats in einem durch­aus anspruchs­vol­len Kon­strukt aus Gefüh­len und Erin­ne­run­gen, was den gro­ßen psy­cho­lo­gi­schen Reiz ausmacht.

Man­ches trübte jedoch mein Lese­ver­gnü­gen. Der Auto­rin gelingt es nicht immer die bei­den cha­rak­ter­lich doch so ver­schie­den ange­leg­ten Schwes­tern deut­lich von­ein­an­der abzu­gren­zen. Beson­ders in der wört­li­chen Rede ist oft nicht ein­deu­tig aus­zu­ma­chen, wel­che Per­son spricht. Noch stö­ren­der emp­finde ich die sehr umgangs­sprach­li­che For­mu­lie­rung eini­ger Sätze, die dadurch oft unklar und miss­ver­ständ­lich sind. Wenn man jedoch dar­über hin­weg zu lesen ver­mag, öffnen sich für den an fami­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen Inter­es­sier­ten inten­sive Ein­bli­cke in eine nicht immer ein­fa­che Schwesternbeziehung.

Zum Schluss noch eine Bemer­kung zur Gestal­tung. Die Fuß­zeile ist ziem­lich breit, wäh­rend die Kopf­zeile und die Rand­be­rei­che sehr schmal blei­ben, in Kom­bi­na­tion mit dem wei­ten Zei­len­ab­stand emp­finde ich das als unschön. Inkon­se­quent wirkt, daß im ers­ten Kapi­tel die erin­ner­ten Gedan­ken kur­siv erschei­nen, dies jedoch im Fol­ge­text nicht wei­ter­ge­führt wird. Dafür gibt es als hüb­schen und zugleich nütz­li­chen Aus­gleich ein bor­deau­xro­tes Lesebändchen.

Geschrieben von Atalante

19. Dezember 2011 um 13:34