Lesestoff für Lesekreise

Lek­tü­re­tipps mit Diskussionspotential

Als wir vor eini­gen Jah­ren unse­ren Lite­ra­tur­kreis grün­de­ten, stellte sich uns alle sechs Wochen die Frage, was lesen. Das Buch sollte nicht zu umfang­reich und bereits als Taschen­buch erhält­lich sein. Eine erfüll­bare Vor­aus­set­zung. Schwie­ri­ger war es da schon die Lese­vor­lie­ben oder bes­ser die Lese­ab­nei­gun­gen der Teil­neh­mer zu berück­sich­ti­gen. Also, kein Kitsch, keine Gewalt, keine Orgien. Da wir meist unbe­kannte Bücher lesen, lässt sich natür­lich genau das nicht immer ver­mei­den. Manch­mal erweist es sich sogar als gelun­ge­ner „Fehl­griff“, denn genau diese Ver­stö­run­gen füh­ren oft zu ange­reg­ter Diskussion.

Da ich oft gefragt werde, wel­che Bücher nun den bes­ten Stoff für ein gelun­ge­nes gemein­sa­mes Lesen und Dis­ku­tie­ren bie­ten, habe ich mich zu einer klei­nen Liste mit Lese­tipps entschlossen.

Wohl wis­send, daß eine gelun­gene Dis­kus­sion über ein Buch von den Lesern, ihrem Lese­le­ben und dem gan­zen ande­ren Rest abhän­gig ist.


Paul Aus­ter, Unsicht­bar

Lüge, Inzest, Mord?  Eine rät­sel­hafte und mys­te­riöse Geschichte, die viel­leicht nicht immer die Wahr­heit erzählt.

 

 


Jean Cayrol, Im Bereich einer Nacht
Emp­find­sa­mer Roman eines fran­zö­si­schen Surrealisten

 

 

 


Urs Faes, Lie­bes­ar­chiv
Liebe — Unvergessen.

 

 

 


Michael Frayn, Das Spio­na­ge­spiel
Wer lange genug beob­ach­tet, kann eini­ges entdecken.

 

 

 


Wil­helm Gena­zino, Die Lie­bes­blö­dig­keit
Liebe — Entscheidungsschwäche.

 

 

 


Anna Katha­rina Hahn, Kür­zere Tage
Drei Frauen, drei Lebensmodelle.

 

 

 


Mar­kus Orths, Das Zim­mer­mäd­chen
Voy­eu­ris­ti­sches Putzen.

 

 

 


Mar­kus Orths, Die Tarn­kappe
Exis­ten­zia­lis­ti­sches Gruseln.

 

 

 


Mar­cel Proust, Com­bray
Kindheitserinnerungen

 

 

 


Her­bert Rosen­dor­fer, Gro­ßes Solo für Anton
Endzeitroman

 

 

 


Phil­ipp Roth, Der mensch­li­che Makel
Urteile und Vorurteile

 

 

 


Mar­tin Wal­ser, Ein lie­ben­der Mann
Alter schützt vor Liebe nicht.

 

 

 


Oskar Wilde, Das Bild­nis des Dorian Grey
Voll anti­ker Mythologie

 

 

 


Judith Zan­der, Dinge, die wir heute sag­ten
Sissy meets Beatle

 

 

 

Dies sind also meine Vor­schläge, die auf Ergän­zun­gen warten.

Auf Kom­men­tare mit euren ganz spe­zi­el­len, erprob­ten Lese­emp­feh­lun­gen sind die Leser wie die Schrei­be­rin die­ses Blogs sehr gespannt.

2 Responses to Lesestoff für Lesekreise

  1. Bookbird sagt:

    Eine schöne Aus­wahl an Büchern! In unse­rem Lese­kreis haben wir auf­grund Dei­ner Anre­gung bereits “Dinge, die wir heute sag­ten” von Judith Zan­der gele­sen und dies sehr genossen.

    Hier ein Vor­schlag für ein Buch, das sich gut in einer Lese­runde dis­ku­tie­ren lässt:

    Wir müs­sen über Kevin reden“
    von Lio­nel Shriver

    Das Buch ist in Form von Brie­fen, die Kevins Mut­ter Eva an ihren abwe­sen­den Ehe­mann Fran­klin schreibt, ver­fasst. Kevin, der in einem Jugend­ge­fäng­nis inhaf­tiert ist, hat an sei­ner High­school wäh­rend eines Amok­lau­fes neun Men­schen umge­bracht. Wer nun glaubt, dass es sich hier­bei um eine Art Betrof­fen­heits­li­te­ra­tur han­delt oder das Shri­ver das lei­der immer wie­der aktu­elle Thema des Amok­laufs an Schu­len exploi­tiert, liegt falsch.

    Eva unter­sucht in die­sen Brie­fen die Bezie­hung zu ihrem Sohn (aber auch zu ihrem Ehe­mann) ab dem Ent­schluss, ein Kind in die Welt zu set­zen, bis hin zu ihren spä­te­ren Besu­chen im Gefäng­nis. Von Geburt an fin­det keine innige Bin­dung zwi­schen Mut­ter und Kind statt; der Sohn ent­wi­ckelt sich aus Evas Sicht zur Belas­tung für ihre Ehe, den Fort­be­stand des von ihr selbst gestar­te­ten erfolg­rei­chen Rei­se­ver­la­ges und schafft es, Eva jeg­li­cher Lebens­per­spek­ti­ven zu berau­ben, jeden­falls so lange, wie sie für ihn sor­gen muss. Sie ver­sucht einer­seits immer wie­der scho­nungs­los offen gegen­über sich selbst ihre eige­nen Unzu­läng­lich­kei­ten zu ana­ly­sie­ren; ande­rer­seits lehnt sie jeg­li­che Ver­ant­wor­tung für Kevins Bös­ar­tig­kei­ten ab, die ihrer Mei­nung nach auf sei­nem ange­bo­re­nen Natu­rell beru­hen. Eva fühlt sich von ihrem Mann im Stich gelas­sen, weil er sich auf die Seite Kevins schlägt und des­sen Defi­zite nicht sehen will. Fran­klin kann den “Tabu­bruch” gegen­über der Vor­stel­lung, dass Eltern ihre Kin­der auto­ma­tisch bedin­gungs­los lie­ben müs­sen, nicht begehen.

    Der Leser ver­folgt die übli­chen Sta­tio­nen eines Fami­li­en­le­bens (bis hin zum Tag des besag­ten Amok­lau­fes), auf die hier nicht näher ein­ge­gan­gen wer­den soll, da dies den Span­nungs­bo­gen beim Lesen zer­stö­ren würde. Er bekommt am Ende jedoch keine schlüs­sige Ant­wort dar­auf, was genau Kevin zu die­ser Tat bewegt hat.

    Wir müs­sen über Kevin reden” hat in unse­rem Lese­kreis für lange Debat­ten gesorgt. Auch die kin­der­lo­sen Mit­glie­der unter uns konn­ten alle Zugang zu der The­ma­tik fin­den oder haben sich in irgend­ei­ner Weise in Evas Cha­rak­ter wie­der­ge­fun­den. Aber auch außer­halb der Mutter-Sohn-Problematik waren so viele inter­es­sante Dis­kus­si­ons­punkte zu fin­den, die alle dazu beige­tra­gen habe, dass uns diese Lek­türe noch lange in Erin­ne­rung blei­ben wird.

  2. Atalante sagt:

    Das Buch scheint wirk­lich viel Dis­kus­si­ons­stoff zu bieten.

    Ich werde es direkt auf die Liste mei­ner poten­ti­el­len Lesekreis-Kandidaten set­zen. Lei­der dau­ert es noch ein Weil­chen bis ich wie­der ein Buch vor­schla­gen darf.

    Danke für Dei­nen aus­führ­li­chen Buch­tipp, bookbird.

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