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Die Schatzinsel des Vegetariers

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Chris­tian Kracht erzählt vom Impe­rium der Kokosnuss

“Und hatte er schon vor lan­gem ent­schie­den sich nicht mehr durch Alko­hol besee­len zu las­sen, so war doch der Erre­gungs­zu­stand, in den er durch die Kokos­milch ver­setzt wurde, der­ar­tig, daß er selbst im Schlaf wahr­zu­neh­men schien, sein Blut werde suk­zzesiv durch Kokos­milch ersetzt, ja es war ihm, als ströme durch seine Adern kein roter, tie­ri­scher Lebens­saft mehr, son­dern der wesent­lich hoch­ent­wi­ckel­tere pflanz­li­che Most sei­ner Ide­al­frucht, der ihn der­einst befä­hi­gen werde, seine Evo­lu­ti­ons­stufe zu transzendieren.”

Ist dies nun ein His­to­ri­scher Roman, eine Aben­teu­er­ge­schichte, eine Refe­renz an die gro­ßen Lite­ra­ten des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts oder eine Per­si­flage auf die aktu­elle lite­ra­ri­sche Ver­wurs­tung des Vege­ta­ris­mus? Es ist von allem etwas, aber in deli­ka­tes­ter Aus­füh­rung. So unter­halt­sam zu lesen, daß man die­ses Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Mir erging es auf jeden Fall so.

Die Geschichte des August Engel­hardt, der im frü­hen 20. Jahr­hun­dert nach Aus­stei­ger­er­fah­run­gen auf dem Fest­land, nun in den neu erwor­be­nen Über­see­ge­bie­ten des Deut­schen Rei­ches seine eigene Koko­sko­lo­nie grün­den wollte, ist his­to­risch bekannt. Die Fak­ten um die­sen vege­ta­ri­schen Son­nen­or­den sind der­art skur­ril, daß sie sich als Roman­vor­lage gera­dezu anbie­ten. Als im letz­ten Jahr „Das Para­dies des August Engel­hardt“ von Marc Buhl erschien, habe ich mich mit gro­ßer Vor­freude auf die­ses Buch gestürzt und  hatte eine sehr ver­gnüg­li­che Lek­türe. Umso begeis­ter­ter war ich in der Früh­jahrs­vor­schau von Kie­pen­heuer &Witsch den neuen Roman Chris­tian Krachts zu entdecken.

Dass Kracht den glei­chen his­to­ri­schen Stoff mit aller dich­te­ri­schen Frei­heit fik­tio­na­li­siert, und dies wesent­lich stär­ker als Buhl, steht ihm zu. Er weist den Leser, damit ihm die­ses auch voll­ends bewusst werde, gleich zu Beginn dar­auf hin. Durch die Stimme sei­nes all­wis­sen­den und äußerst kom­men­tar­freu­di­gen Erzäh­lers erfah­ren wir, daß der Prot­ago­nist nicht genau so denkt wie der Autor oder der Erzäh­ler, son­dern „so oder so ähnlich“. Wir sind eben in einem Roman und nicht in einer his­to­ri­schen Abhand­lun­gen und das ist ein gro­ßes Glück. Erin­nert schon die Umschlag­ge­stal­tung an einen Aben­teu­er­ro­man ver­gan­ge­ner Jahr­zehnte, so fällt der Erzähl­ton noch um wei­tere Deka­den zurück. Dies jedoch in sehr ange­neh­mer Weise, wis­send und damit zwangs­läu­fig äußerst iro­nisch, denn der Erzäh­ler hat ja bereits aus der Geschichte gelernt, was die Gestal­ten des Roman erst noch mühe­voll selbst erle­ben müssen.

Kracht führt uns durch die Grals­su­che die­ses ver­schro­be­nen Vege­ta­ri­ers, den er als Exem­pel für die sich anbah­nende deut­sche Kata­stro­phe vor­stellt. Dies aller­dings mit mehr als einem Augen­zwin­kern. Die Kokos­nuss als theo­so­phi­scher Gral, dar­auf hätte schon längst einer kom­men kön­nen. War der Segen des Vege­ta­ris­mus nicht schon von ganz ande­ren Geis­tes­män­nern erkannt wor­den? Von Plut­arch, Rous­seau, Bur­nett, Scho­pen­hauer, Emer­son und Ein­stein. Dumm nur, daß auch der Grö­faz fleisch­los ter­ro­ri­sierte. Dies erscheint als größ­tes, aber nicht als ein­zi­ges Mene­te­kel. Die deut­schen Pflan­zer in den Schutz­ge­bie­ten, vul­gär, fett und beschmiert wie die Erd­fer­kel, ver­kör­pern im bes­ten Kli­schee das Bild des häss­li­chen Deutschen.

Wie hei­lig hebt sich da doch der unschul­dige August Engel­hardt ab, den der Anblick toten Flei­sches erschau­ern lässt, der sich vom Vege­ta­rier zum Fruk­tivoren gewan­delt, nun die höchste Stufe des Heils den Koko­vo­ris­mus erlangt. Kein Wun­der, daß sogar die ein­fluss­reichste Frau des dama­li­gen Süd­see­ar­chi­pels, Queen Emma, von die­sem „zar­ten Jesu­lein“ beein­druckt ist. Erscheint er ihr doch als fleisch­ge­wor­dene Kunst des Fra Ange­lico. Diese bewun­derte sie einst in Flo­renz, wo sie fast Engel­hardt begeg­net wäre, der dort in den Boboli-Gärten fast mit Her­mann Hesse gespro­chen hätte. Dies alles ist natür­lich dich­te­ri­sche Frei­heit, aber eine sehr amü­sante. Wei­tere fik­tive Begeg­nun­gen schlie­ßen sich an, wor­un­ter die mit Tho­mas Mann in den Dünen der Kuri­schen Neh­rung nicht die Unin­ter­es­san­teste ist. Doch nicht nur Hesse, Mann, Kafka, Ein­stein, Freud und vie­len ande­ren Grö­ßen des 20. Jahr­hun­derts wird Refe­renz erwie­sen. Die größte Ver­beu­gung erbie­tet der Autor Charles Dickens. Die Werke die­ses gro­ßen Erzäh­lers die­nen Engel­hardt als Rei­se­lek­türe und sie hel­fen bei der Bil­dung sei­nes Frei­tags. Auch der Erzähl­stil Chris­tian Krachts ist als Hom­mage an den Dichter-Jubilar zu wer­ten. Leicht anti­quiert im Ton ergänzt er das Gesche­hen durch Erläu­te­run­gen der Zeit– und Orts­um­stände, erklärt Neben­schick­sale und Sze­nen, ergänzt durch Rück-und Aus­bli­cke. Manch­mal fällt auch eine Neben­säch­lich­keit, die sich trans­po­niert als aktu­elle Zeit­geist­kri­tik ent­puppt. Seien es nun die sibi­ri­schen Händ­ler auf dem Ber­li­ner Alex­an­der­platz oder die Brat­wurst aus Abfällen.

Chris­tian Kracht schil­dert in „Impe­rium“ den Ver­such eines Ein­zel­nen sich ein Ideal­reich zu errich­ten und stellt einen Zusam­men­hang mit einer ähnlich halt­lo­sen, aber ungleich erfolg­rei­che­ren Phan­tas­ma­go­rie her. Dies gelingt ihm auf der­art intel­li­gente und gleich­zei­tig unter­halt­same Weise, daß ich das Buch unein­ge­schränkt als Lek­türe emp­feh­len möchte.

Der Koko­vore Engel­hardt war viel­fach Gegen­stand his­to­ri­scher For­schung und jour­na­lis­ti­scher Bericht­er­stat­tung. Ent­spre­chende Hin­weise und Links fin­den sich im Anhang mei­ner Rezen­sion zu Marc Buhls Roman.

Und zum Schluß fragt man sich nicht, ob ein Spie­gel­re­zen­sent zu viele Kokos­nüsse geges­sen hat, man fragt sich nur, wann mit einer Ver­fil­mung zu rech­nen sein wird? Und wen wir in den Haupt­rol­len sehen wer­den? Für Queen Emma stände viel­leicht Frau Neu­bauer zur Ver­fü­gung, wenn der Ver­trag mit Weight Wat­chers abge­gol­ten ist. Aber wer ver­kör­pert August Engel­hardt, Matthieu Car­riere oder Rai­ner Langhans?

 

Geschrieben von Atalante

15. Februar 2012 um 13:43

Das Glück beim Betrachten der Biber

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Kers­tin Ekman erkun­det das Hun­de­herz

„Lag er lange Zeit still, sah er manch­mal einen im Son­nen­licht glän­zen­den Biber­schä­del auf gera­dem Kurs durchs Was­ser. Er folgte ihm immer mit dem Blick, blieb aber gleich­mü­tig lie­gen (…) Die Biber und er hat­ten nichts mit­ein­an­der zu schaf­fen. Doch sie waren da, waren in der­sel­ben Abend­sonne, am sel­ben schwar­zen Was­ser, das im Son­nen­licht glühte. Er hatte ihre Geräu­sche gern, ihre Gesellschaft.“

Bei die­sem Buch geschah es zum ers­ten Mal, ich las den Schluss zuerst. Ich musste sicher sein, daß die Geschichte gut aus­geht für den Wel­pen, der sich im Wald ver­irrte. Erst dann konnte ich gemein­sam mit ihm die kalte Umge­bung erkun­den, mich unter einer Wur­zel schla­fen legen, eis­kalte Frost­nächte und boh­ren­den Hun­ger überstehen.

„Sich sprei­zende Äste, Pfo­ten und Kral­len. Sich duckende Baum­stümpfe mit Rückenzot­teln und Ohren. Schla­fende Stein­rü­cken. Schla­fen, an feuch­ten Flech­ten geschmiegt, zu Stein gefro­ren und schwin­de­lig. Irr­lich­ternde Punkte vor Augen. Hun­ger­schmerz und betäu­bende Angst. Weg­schla­fen. In die Sonne schla­fen. An Son­nen­zit­zen sau­gen. Weg­wär­men. Sau­gen. Wärme saugen.“

Ich erkun­dete die Natur durch die Sinne eines Hun­des. Er riecht, stö­bert auf, rät­selt und lernt. Kers­tin Ekman fin­det für alle diese Emp­fin­dun­gen und Reak­tio­nen eine poe­ti­sche Spra­che, die ganz nahe ist an den Geräu­schen, Düf­ten und Far­ben der Natur. Fast sind es Hun­de­worte, Hun­de­ge­dan­ken, ein Hun­de­be­wusst­sein, das uns die Reak­tio­nen die­ses Tie­res näher bringen.

„Seine Pfo­ten fin­gen zu lau­fen an. Auf der glat­ten Flä­che drau­ßen wurde sein Kör­per leicht. Er ver­fiel in einen schnel­len, rhyth­mi­schen Trab und nach einer Weile ins Ren­nen. Er rannte aus rei­nem Spaß an der Freude. In sei­nem Kör­per san­gen der Mond­schein, die Kälte und die Geschwin­dig­keit. Es gab keine Grenze, kei­nen Wald, kein Ufer.“

Doch wir wis­sen, es ist eine Erzäh­le­rin, die sich in das Geschöpf hin­ein­ver­setzt. Als Haus­tier gebo­ren ist es durch Unacht­sam­keit in die Wald­ein­sam­keit gera­ten und nun auf sich alleine gestellt. Der Welpe ent­deckt schnell, wo er trin­ken kann und was den Hun­ger stillt. Ein Elchka­da­ver sichert ihm das Über­le­ben. Im Ver­lauf eines Jah­res lernt er das Wich­tigste, wann er sich weg zu ducken hat und wann er sich behaup­ten muss. Bevor der Win­ter wie­der ein­bricht kommt es jedoch zu einer Begeg­nung, die aus dem ver­wil­der­ten Grauen wie­der einen Men­schen­hund macht.

„Der Mann gab ein Geräusch von sich, er atmete aus. Der Graue bewegte erneut den Schwanz. Er hielt den Kopf schräg und hatte die Ohren gesenkt. Sie lagen jetzt ein­ge­schla­gen zu bei­den Sei­ten der fla­chen Stirn. Er wackelte mit dem Kör­per und bewegte sich im Halb­kreis auf den Mann zu, sodass er sich ihm näherte und zugleich auf Abstand blieb. Obwohl unge­übt, wirkte er unver­hoh­len freund­lich. Das gesträubte Rücken­haar hatte sich gelegt, seine Würde und Fas­sung hatte er aber nicht ver­lo­ren. Der halb ent­rollte Schwanz­krin­gel bewegte sich.“

Trotz die­ses guten Endes fin­det sich in kei­ner Zeile Kitsch. Kers­tin Ekman fühlt sich in ihren Hel­den sehr genau ein und über­setzt dies in ihre Wald­poe­sie. Indem man liest taucht man tief ein in das grüne Geknurp­schel, Geziepe und Geflat­ter. Lang­sam liest man die Sätze, vor­sich­tig um kein Geräusch zu machen und zu stö­ren. Gleich­zei­tig wird man von einem unge­heu­ren Sog erfasst, atem­los, hechelnd.

Ein Buch, das einem Lust auf den Wald macht, auf einen Hund und auf die poe­ti­sche Spra­che die­ser schwe­di­schen Auto­rin, die Hed­wig M. Bin­der kunst­voll ins Deut­sche über­tra­gen hat.

Geschrieben von Atalante

2. Februar 2012 um 14:24

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Surreale Odyssee

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Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wie­der­ent­de­ckung eines gro­ßen fran­zö­si­schen Romans

„Und was habe ich in die­sem Win­kel hier wie­der­ge­fun­den? Eine ver­fal­lene Kind­heit, eine nie­der­ge­hauene Land­schaft und über all dem eine wütende, rasende Nacht.“

Anläss­lich des hun­derts­ten Geburts­tags von Jean Cayrol (1911–2005) hat der Schöffling-Verlag des­sen Roman „Im Bereich einer Nacht“ neu auf­ge­legt, in der beein­dru­cken­den Über­set­zung durch Paul Celan.

Der drei­ßig­jäh­rige François ist aus Paris auf­ge­bro­chen um sei­nen Vater zu besu­chen. Die­ser wohnt in Sainte-Veyres, nach dem Krieg in Chau­vi­gny umbe­nannt. Man ahnt gleich zu Beginn, daß sich nicht ein freu­di­ges Wie­der­se­hen mit dem Ort und den Per­so­nen der Kind­heit anbahnt. François ver­lässt den Zug eine Sta­tion vor dem Ziel, um nicht von sei­nen Vater von Bahn­hof abge­holt zu wer­den und so eine öffent­li­che Umar­mung  zu ver­mei­den. Doch die­sen Ent­schluss bereut er bald. So sehr ihm vor der Begeg­nung mit dem Vater graut, ängs­tigt ihn der Fuß­weg durch die graue, dun­kelnde Herbst­land­schaft. Er ver­lässt die Straße wis­send sich in die­sem „Schier­lings– und Brom­beer­reich“ heil­los zu verlaufen.

Die Begeg­nung mit ein paar Jungs, die nach einen Schatz gra­ben, lösen Erin­ne­run­gen an seine eigene, vom Glück weit ent­fernte Kind­heit aus.

„Ich sah ein, daß es unmög­lich war, aus eige­nen Kräf­ten glück­lich zu wer­den: das war der kunst­reich errun­gene Sieg mei­nes Vaters, die harte Lek­tion einer knir­schen­den Mainacht.“

Wei­ter auf der Suche nach dem rech­ten Weg durch ein vom Krieg zer­stör­tes Dorf und sei­nen Wald, ver­folgt von einem her­ren­lo­sen Hund, erin­nert er sich an sei­nen letz­ten Besuch beim Vater, dem „Über­wit­wer“, der sei­nen bei­den Kin­dern die Trauer um ihre Mut­ter ver­bo­ten hatte.

„Arme Mut­ter, nie habe ich sie anders gekannt als ange­schmie­det an ihren Tod. Vater hatte sie ein­ge­ker­kert, ein­gesargt in einem unzu­gäng­li­chen Kum­mer. Nie­mand durfte ihrer geden­ken. Nur auf sei­nen Wink hin durf­ten die Trä­nen flie­ßen und die Seuf­zer laut wer­den. Er gehörte ihm und nur ihm allein, die­ser Tod.“

Als ein­zi­ger Licht­blick in die­ser Herbst­däm­me­rung voll schwar­zer Melan­cho­lie erscheint François sein Glück mit Juli­ette. Er denkt an ihre erste Begeg­nung, an ihre beschei­dene Woh­nung in Paris, in der sie glück­lich sein wol­len, vor allem, weil sie nicht „den ande­ren mit irgend­wel­chen alten Bin­dun­gen behel­li­gen“. Die Ver­gan­gen­heit muss ver­drängt wer­den, um glück­lich leben zu kön­nen. „Darf man den ande­ren Dinge auf­bür­den, die man selbst nicht mehr erträgt?“ François trägt nicht als Ein­zi­ger eine sol­che Last mit sich, auch Juli­ette hat eine Erin­ne­rung zu ver­schwei­gen. Deren Zeu­gen, die Briefe Fer­n­ands, könnte sie jedoch mit Leich­tig­keit ver­bren­nen. François hin­ge­gen holen seine Alb­träume an jedem Weg­wei­ser ein. Seine eins­ti­gen Selbst­mord­ge­dan­ken, die auch den ande­ren Mit­glie­dern die­ser unglück­li­chen Fami­lie nicht fern lagen, und die todes­nahe Atmo­sphäre, deren vor­herr­schen­des Ele­ment die Angst war.

„Als Kind war ihm kaum etwas ande­res beige­bracht wor­den als Angst; eine Angst, der man mit kei­ner­lei Argu­men­ten, mit kei­ner­lei Mut bei­kam.“ Früchte einer streng reli­giö­sen Erzie­hung. „Die­ses Fri­kas­see von Teu­fe­leien, das man uns täg­lich auftischte.“

Schließ­lich wird der mitt­ler­weile von Kälte, Hun­ger und Erin­ne­run­gen zer­mürbte François von einer Auto­fah­re­rin auf­ge­le­sen. In deren Haus erhält er zwar ein wenig Wärme und einen Cognac, gerät aber zugleich in einen Streit zwi­schen Vater und Toch­ter, der ihn schnell sei­nen Weg fort­set­zen lässt. Doch welchen?

„Es gibt immer zwei Wege neben­ein­an­der, einen fal­schen und einen rich­ti­gen. Und Sie – Sie schla­gen immer nur die Wege ein, von denen kein Mensch etwas wis­sen will. Der rich­tige Weg läuft an den Glei­sen ent­lang. Sie ren­nen da auf Wegen herum, als ob Sie auf Amseln aus wären, wie die Kinder.“

François’ Weg zurück führt wei­ter durch seine Kind­heit, die er gemein­sam mit sei­ner Schwes­ter hin­ter ver­schlos­se­nen Türen ver­brin­gen musste, nur ein­mal durf­ten sie einen unbe­schwer­ten Tag in Frei­heit erleben. Da zeigt sich dem erwach­se­nen François plötz­lich ein Licht in der Dun­kel­heit, er wähnt sich in Sicher­heit, ima­gi­niert eine „anhei­melnde, rege, hei­tere Wohn­stätte“, for­mu­liert schon den Bericht sei­ner nächt­li­chen, unheim­li­che Irr­fahrt an Juli­ette, als er beim Betre­ten des Hau­ses gefragt wird, ob er wegen des Toten komme. Vol­ler Schreck, von aber­ma­li­gen Erin­ne­run­gen über­wäl­tig, ver­liert er das Bewusst­sein. Die Bewoh­ner bet­ten ihn auf ein Sofa und bie­ten ihm an über Nacht zu blei­ben. Vom Neben­raum aus lauscht er den Gesprä­chen der Frauen, erfährt von ihrem Unglück und, daß der Tote nur zu Besuch war. Sein Unwohl­sein lässt ihn in Fie­ber­phan­ta­sien fal­len, die seine Kind­heit her­auf­be­schwö­ren und ihn fra­gen las­sen, ob der Tod sei­nes Vaters ihn end­gül­tig  befreien würde, ob er dann mit Juli­ette ein neues Leben anfan­gen könne oder ob er durch die Befrei­ung vom Ver­ur­sa­cher sei­nes Kind­heits­un­glücks gleich­zei­tig auch seine Kind­heit selbst ver­lie­ren würde.

Wie­der erwacht hört er die Schnei­de­rin Ray­monde und ihre Toch­ter Claire, spä­ter trifft Simon ein, und bringt Unfrie­den in seine Fami­lie. Eine Fami­lie, die wie sich zei­gen wird, schon längst zer­stört ist. Auf dem Höhe­punkt des Strei­tes mit ihrem Vater Simon, flieht Claire aus dem Haus. François wird auf­ge­for­dert bei der Suche zu hel­fen. Diese gilt aller­dings mehr dem teu­ren Hoch­zeits­kleid, daß Claire zur Probe über­ge­wor­fen hatte, als dem jun­gen Mäd­chen selbst. François irrt wie­der durch die Nacht und fin­det Claire schließ­lich in dem Haus, wel­ches ihm als Kna­ben Zuflucht gebo­ten hat. Das Haus des alten, lie­ben Leh­rers Jean.

Die Lösung sei­ner Fra­gen und damit das Ende die­ser Nacht erschließt sich ihm und damit auch dem Leser auf der vor­letz­ten Seite des Romans.

Jean Cayrol beschreibt in sei­nem Werk die nächt­li­che Odys­see sei­nes Prot­ago­nis­ten François zu einem Ziel, wel­ches er eigent­lich gar nicht errei­chen will. Immer wie­der unter­bre­chen Erin­ne­run­gen an die Schre­cken sei­ner Kind­heit die Suche. Fet­zen, die sich nach und nach zusam­men fügen. Dane­ben gibt es Gedan­ken an sein jet­zi­ges Leben, seine Liebe zu Juli­ette. Von ihrer Situa­tion berich­tet der Autor in zwei kur­zen Kapi­teln. Sie zei­gen, wie auch sie von einer Erin­ne­rung belas­tet wird.

Jean Cayrol schil­dert die Suche nach dem rech­ten Weg, der sich in einer vom Krieg trau­ma­ti­sier­ten Gesell­schaft nur schwer­lich fin­den lässt. Er führt durch zer­störte Orte und ver­wil­derte Natur, vor­bei an ver­fal­le­nen Häu­sern und obsku­ren Begeg­nun­gen. Trotz sei­nes bedrü­cken­den Inhalts, fes­selt der Roman, leicht und flie­ßend for­mu­liert. Meh­rere Bewusst­seins­ströme kom­bi­nie­rend ent­wi­ckelt Cayrol ein inten­si­ves Psy­cho­gramm des Prot­ago­nis­ten. Erfah­rung und Phan­ta­sie, Fie­ber und Traum bil­den die Wirk­lich­keit die­ser dunk­len Nacht der Erin­ne­rung. So erzeugt die­ser Roman, dem ich noch viele wei­tere Leser wün­sche, einen unge­heu­ren Lesesog.

Im Nach­wort wür­digt die Roma­nis­tin Ursula Hen­nig­feld den Dich­ter und Ver­le­ger Jean Cayrol. Cayrol wurde als Mit­glied der Résis­tance 1943 im Lager Maut­hau­sen inter­niert, wo er den Mit­in­haf­tier­ten Gedichte von Racine und Rim­baud, sowie eigene Werke vor­trug. Diese erschie­nen 1997 unter dem Titel „Schat­ten­alarm“. Seit 1949 war Cayrol ver­le­ge­risch tätig. 1973 wurde er Mit­glied der Aca­dé­mie Goncourt.

In ihrer Ana­lyse des Romans betont Hen­nig­feld des­sen sur­rea­lis­ti­sche Struk­tur, sowie die sub­text­ua­len Anspie­lun­gen auf die Erin­ne­rungs­po­li­tik des fran­zö­si­schen Staa­tes. Cayrol hat in allen sei­nen Wer­ken seine Erfah­run­gen mit Krieg und Shoah ver­ar­bei­tet, diese aber immer im Lite­ra­ri­schen belassen.

Die Freund­schaft zwi­schen Jean Cayrol und Paul Celan, geprägt durch die gemein­same Arbeit gegen das Ver­ges­sen, führte dazu, daß Cayrol Celan um die Über­set­zung sei­nes Buches bat. Wel­che dich­te­ri­sche Frei­heit er ihm hier­bei ließ, erläu­tert die Autorin.

Geschrieben von Atalante

2. Januar 2012 um 19:01

Survival of the Fittest?

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Von ver­öde­ten Bio­to­pen und ver­ein­sam­ten Frauen — Judith Schal­ansky in “Der Hals der Giraffe

„Gar keine Staats­form wäre das Aller­beste. Es würde sich alles schon von alleine organisieren.“

Die Bio­lo­gie­leh­re­rin Inge Loh­mark, 55, ver­hei­ra­tet, ein Kind, klas­si­fi­ziert ihre Umge­bung mit einem durch Dar­win geschul­ten Blick. Sie ist die for­schende Beob­ach­te­rin, ihr bevor­zug­tes Areal das Bio­top Schule. Die­ses liegt in Vor­pom­mern, nur noch Wenige, die kaum Nach­wuchs erzeu­gen, woh­nen dort. Die Schule schrumpft und wird dem­nächst schließen.

Wie in einem alten Natur­kun­de­buch hat Judith Schal­ansky ihren Roman gestal­tet. Die Kapi­tel Natur­haus­halte, Ver­er­bungs­vor­gänge und Ent­wick­lungs­lehre, wer­den durch Kolum­nen­ti­tel dif­fe­ren­ziert. Dazwi­schen fin­den sich Zeich­nun­gen der Auto­rin, die Sche­mata, Tiere und viel Bio­lo­gie zeigen.

All’ das erin­nert an die Schul­zeit. Auch die ver­schie­de­nen Typen von Schü­lern und Leh­rern die Schal­ansky via Loh­mark so genüss­lich seziert als lägen sie auf den Plätt­chen eines Mikro­skops, sind nicht unver­traut. Man genießt die ers­ten Sei­ten vol­ler sar­kas­ti­scher Bon­mots in der Erleich­te­rung diese Phase sei­nes Lebens nun end­gül­tig hin­ter sich zu haben. Doch wir befin­den uns nicht in einer Schul­sa­tire. Immer stär­ker offen­bart Inge Loh­mark ihre Ein­sam­keit. Ihr dar­win­scher Zynis­mus ist nur ein Mit­tel zur Dis­tanz. Sie will Abstand schaf­fen, Abstand zu den Men­schen, vor allem aber zu sich selbst. Nur hin und wie­der lässt sie in ihren Reflek­tio­nen den ein­zig wah­ren Grund auf­schei­nen. Es ist die Sehn­sucht nach ihrer Toch­ter Clau­dia. Diese lebt in Ame­rika und mel­det sich höchs­tens noch in kur­zen Mails. Selbst von ihrer Hoch­zeit erfährt Inge Loh­mark nur auf diese unper­sön­li­che Weise. Sie lei­det unter dem Ver­lust ihrer Toch­ter und kann die Ursa­che kaum erken­nen. Liegt es an ihrem Mann Wolf­gang? Der züch­tet zwar jetzt Strauße, die düm­mer als Schü­ler sind, war jedoch einst auch abge­hauen, eine Frau und Kin­der zurück­las­send. Oder liegt es an ihrem eige­nen Repro­duk­ti­ons­geiz? Hätte sie mehr Kin­der bekom­men, wäre ihr viel­leicht eines geblieben.

Inge Loh­marks Schick­sal spie­gelt sich in dem ihrer ver­hass­ten Kol­le­gin Schwan­neke. Diese beklagt ihre Kin­der­lo­sig­keit ohne zu ahnen, daß die Bio­lo­gie­leh­re­rin ihre Trauer teilt. Die eine kann keine Kin­der bekom­men, die andere hat zwei ver­lo­ren, ein gebo­re­nes und ein unge­bo­re­nes. Doch Loh­mark lässt keine Gefühle zu. Weder die posi­ti­ven, wenn sie zu einer Schü­le­rin eine beson­dere Zunei­gung ver­spürt, noch die nega­ti­ven, wenn sie gegen das Mob­bing eines Mäd­chens nicht ein­schrei­ten will. Sie ver­traut auf die Selbst­re­gu­lie­rungs­kräfte der Natur.

Dass auch die Natur, ins­be­son­dere ihre ent­wi­ckelte Form der Lebe­we­sen, das Recht auf Schutz und Für­sorge hat, erkennt sie nicht. Oder erst ganz zum Schluss, in der Erin­ne­rung an ein längst zurück­lie­gen­des Ereignis.

Judith Schal­ansky schil­dert in ihrem Roman sehr ein­fühl­sam, was die Unfä­hig­keit Gefühle zu zei­gen anrich­ten kann, mit dem ande­ren und mit einem selbst. Auch die Psy­che unter­liegt dem Kreis­lauf der Natur.

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Zur The­ma­tik der ver­las­se­nen Eltern sei auf das Buch und die Web­site von Ange­lika Kindt verwiesen.

Geschrieben von Atalante

19. Oktober 2011 um 23:59

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Paul Auster — Unsichtbar

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Eine Geschichte der Verführung

In sei­nem neuen Roman “Unsicht­bar” schil­dert Paul Aus­ter eine Geschichte der Ver­füh­rung. Wie meist, so beinhal­tet auch diese Geheim­nisse und Erwar­tun­gen, die nicht immer ein­ge­löst wer­den. Es gibt Opfer und Täter und eine Schuld, wel­che die Gren­zen zwi­schen den Rol­len in der Unein­deu­tig­keit belässt.

Zu Beginn des ers­ten Kapi­tels scheint es noch klar. Der eher scheue Lite­ra­tur­stu­dent Adam Wal­ker erzählt von dem unglaub­li­chen Ange­bot Her­aus­ge­ber einer neuen Lite­ra­tur­zeit­schrift zu wer­den. Idee und Geld zu die­sem Pro­jekt stam­men von Born, einem euro­päi­schen Gast­pro­fes­sor, den er zufäl­lig auf einer Party ken­nen gelernt hatte.  Doch bereits kurze Zeit spä­ter weiß Adam nicht mehr, ob der domi­nante Geld­ge­ber ihn nicht ledig­lich als Opfer eines per­fi­den Psy­cho­spie­les aus­er­ko­ren hat. Wer ist die­ser Born? Etwa der „Besit­zer einer süd­ame­ri­ka­ni­schen Kaf­fee­plan­tage, der nach zu vie­len Jah­ren im Dschun­gel wahn­sin­nig gewor­den“ ist, wie Adam ver­mu­tet? Aus­ter cha­rak­te­ri­siert ihn ohne Zwei­fel als moder­nen Mephisto, der auf seine Mit­men­schen absto­ßend und anzie­hend zugleich wirkt. „Er war geist­reich, exzen­trisch und unbe­re­chen­bar, aber wer behaup­tete, der Krieg sei die reinste Abrech­nung der mensch­li­chen Seele, ver­bannt sich aus dem Reich des Guten.“ (S. 19)

Die ungu­ten Vor­ah­nun­gen Wal­kers bestä­ti­gen sich wäh­rend einer Abend­ein­la­dung. Dort trifft der Stu­dent auch Borns Geliebte Mar­got wie­der, eine Fran­zö­sin, die laut Born um den jun­gen Mann besorgt sei. Noch mehr, sie fände den gut­aus­se­hen­den Jun­gen so anzie­hend, daß Born sie ihm, der Roman spielt im New York der spä­ten Sech­zi­ger­jahre, gene­rös zum Nach­tisch anbie­tet. Wal­ker fühlt sich ver­un­si­chert. Bei der Ankunft in Borns Woh­nung hatte er die­sen bei einem hef­ti­gen Wut­aus­bruch erlebt. Born ent­puppt sich als Mann, der an sei­ner Wut Freude hatte.

Im zwei­ten Kapi­tel erfährt der Leser durch den neuen Ich-Erzähler Jim, einem Col­le­ge­freund Wal­kers, daß das erste Kapi­tel Teil eines Romans sei. Adam bit­tet den erfolg­rei­chen Schrift­stel­ler sein Manu­skript zu lesen. Auf­ge­teilt ist die­ser auto­bio­gra­phi­sche Roman in vier Kapi­tel, Früh­ling, Som­mer, Herbst und Win­ter des Jah­res 1967. Der Schrift­stel­ler wird Beicht­va­ter und Schreib­be­ra­ter zugleich. Er erfährt von Wal­kers Krank­heit, sei­nem Kind­heits­trauma und einem Geschwis­ter­ge­heim­nis. Dinge, die bis­lang nicht nur für ihn im Ver­bor­ge­nen lagen.

Unsicht­bar, so lau­tet der Titel des Romans, der zugleich sein Motto ist. Schein und Wirk­lich­keit, Ober­flä­che und Inne­res, das Offen­sicht­li­che und das Ver­bor­gene, alles Wort­paare, deren jeweils zwei­ter Teil unsicht­bar bleibt. Wie Paul Aus­ter diese Dop­pel­bö­dig­keit von Per­so­nen, aber auch von Ereig­nis­sen, Orten und Din­gen in die­ser Geschichte durch­spielt, finde ich gran­dios. Wal­ker erscheint zunächst als ehr­gei­zi­ger Stu­dent, der von Born ver­führt und kor­rum­piert, schließ­lich durch die Mord­ge­schichte sogar bedroht und in sei­ner Kar­riere behin­dert wird. Durch seine auto­bio­gra­phi­schen Offen­ba­run­gen erfährt der Leser jedoch, daß er kei­nes­falls so tugend­haft ist, wie er zu Beginn erscheint. Das betrifft nicht nur seine puber­tä­ren Erkun­dun­gen mit sei­ner Schwes­ter und den spä­te­ren Inzest. Es betrifft auch sein Ver­hal­ten in Paris, sei­nen nai­ven Rache­plan, der Born kei­nes­wegs einer gerech­ten Strafe zufüh­ren würde. Wenn die­ser denn über­haupt bestraft wer­den muss. Denn wir wer­den nie wis­sen, was wirk­lich geschah, ob Born tat­säch­lich ein Mör­der ist. Das ist sicher das pla­ka­tivste Bei­spiel für einen anschei­nend kla­ren Vor­gang mit mög­li­cher­weise ver­bor­ge­nen Details.

Wer lügt, wer sagt die Wahr­heit? Wie­viel Wah­res steckt in all unse­ren Erin­ne­run­gen? For­men wir sie nicht stän­dig um, for­mu­lie­ren sie neu, machen aus ver­meint­li­chen Fak­ten unse­ren eige­nen, indi­vi­du­el­len Roman?

Unsicht­bar, geheim­nis­voll, im Dun­keln so belässt Aus­ter vor allem das Ende sei­nes Buches. In der Schluss­szene schil­dert er die Flucht einer Frau auf einer Insel. Schon von wei­tem hört sie ein Geräusch, das sie nicht zu deu­ten weiß. Erst als sie unmit­tel­bar davor steht, erkennt sie Arbei­ter, die Steine aus dem har­ten Fels schla­gen. Die Ursa­che des Geräuschs ist sicht­bar gewor­den. Die Fron die­ser Men­schen wird auf­ge­deckt. Das Ergeb­nis ziert zahl­lose Plätze der soge­nann­ten Zivi­li­sa­tion. Doch was will der Autor damit sagen? Ein Apell an das soziale Gewis­sen? Oder ent­larvt Aus­ter mit der Illu­sion des ver­meint­li­chen Idylls wie­der­rum eine wei­tere Facette Borns?

Hilf­reich für die Beant­wor­tung dürf­ten die lite­ra­ri­schen Spu­ren sein, die Aus­ter gelegt hat. Sie füh­ren von der rät­sel­rei­chen Kas­san­dra­va­ri­ante des Lyko­phron, über die Kriegs­ge­sänge Ber­tran de Borns und des­sen Bestra­fung in der Divina Com­me­dia zu Mil­tons Ver­füh­rung des Adam bis zu Samuel Beckett. Die Wahr­heit jedoch bleibt unsichtbar.

 

Lite­ra­tur in der Literatur:

Lyko­phron, Alex­an­dra (ca. 190 v. Chr.)

Ber­tran de Born, Sir­ven­tes (1181)

Dante Ali­ghieri, Divina Com­me­dia (1307)

John Mil­ton, Para­dise Lost (1667)

Samuel Beckett, Krapp’s Last Tape (1958)

Geschrieben von Atalante

6. September 2011 um 16:39

Veröffentlicht in Lauter Lob,Rezensionen

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Sex and Drugs and Literature

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Gwen­do­line Riley erzählt in ihrem neuem Roman „Jos­hua Spassky“ vom Drumherumreden

Ein Mäd­chen trifft einen Jun­gen, bes­ser, eine junge Schrift­stel­le­rin trifft einen jun­gen Thea­ter­au­tor. Sie ver­brin­gen einige Tage mit­ein­an­der, sie füh­len sich zuein­an­der hin­ge­zo­gen, sie sind viel­leicht ver­liebt. Doch das kann kei­ner der bei­den sagen oder viel­leicht wagen sie es auch ein­fach nicht. Denn sie sind cool und bockig, sehr jung und wahr­schein­lich sehr ver­letzt. Nicht nur gute Erfah­run­gen lie­gen hin­ter ihnen, nur in den wenigs­ten Fami­lien ist es immer ganz ein­fach. Doch wer nichts erlit­ten hat, hat auch nicht den Drang etwas zu erzäh­len. Dies und die Liebe zur Lite­ra­tur ver­bin­det sie.

Trotz­dem gehen sie wie­der aus­ein­an­der. Jos­hua kehrt zurück nach Ame­rika, Nata­lie bleibt in Man­ches­ter. Die ver­spro­che­nen Briefe und Tele­fon­an­rufe wer­den sel­te­ner, der ange­kün­digte Besuch Jos­huas fällt aus. Nata­lie bekämpft ihren Schmerz mit dem Inhalt all’ der Fla­schen, die für die gemein­sa­men wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

8. Mai 2011 um 18:25

Kream Korner is Dream Korner”

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Anna Katha­rina Fröh­lich besingt in ihrem neuen Roman die Sehn­sucht nach Indien

„Der Ver­such zu begrei­fen, wes­halb man Indien liebt, ist ebenso sinn­los wie der Ver­such zu erklä­ren, wes­halb man das Leben liebt.“

Kream Kor­ner ist nicht nur der blu­mige Name einer Gar­kü­che auf dem Dach in einer indi­schen Pro­vinz­stadt, Kream Kor­ner wird nach der Lek­türe des gleich­na­mi­gen Romans zum Inbe­griff für ganz Indien. Doch bevor die Leser gegen Ende des Buches die wack­li­gen Instal­la­tio­nen die­ses Eta­blis­se­ment betre­ten, führt die Auto­rin sie in die deka­dente Welt der indi­schen Ober­schicht. Prunk­volle Stadt­pa­läste begeg­nen uns dort, in denen eine „nach nas­sem Dackel­fell und Mot­ten­ku­geln rie­chende Kühle“ herrscht und der Haus­herr sich in Gon­del­pan­tof­feln vor einem ana­chro­nis­tisch anmu­ten­den Flach­bild­schirm rekelt. Es han­delt sich um Mari­pal Singh Bill, das Ober­haupt einer über­aus wohl­ha­ben­den Sikh-Familie, mit der Lord Les­lie, der ver­stor­bene Onkel der Ich-Erzählerin, eine diplo­ma­ti­sche Freund­schaft ver­band. Frü­her waren sie häu­fig Gäste der Bills, wel­che die Tante gerne als eine „Bande ver­wöhn­ter Faul­pelze“ bezeich­net, von denen man­cher „der­art von sei­nen Pri­vi­le­gien ver­blö­det war, dass er nur noch die Wet­ter­lage klar ein­zu­schät­zen ver­stand“.

Gemein­sam mit ihrer Tante trifft die junge Frau nun anläss­lich einer Hoch­zeits­ein­la­dung erneut bei den Bills ein. Sie hatte sich nach der Auf­gabe ihres Theo­lo­gie­stu­di­ums auf das süd­fran­zö­si­sche wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

10. April 2011 um 16:48

Der Tennisballwecker des Zeitungsdompteurs

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Exis­ten­zia­lis­ti­sches Grauen in Mar­kus Orths’ neuem Roman „Die Tarn­kappe

„Man ist in den Knast des Lebens gebo­ren und tigert darin auf und ab, lebens­läng­lich, und war­tet auf den Tag der Ent­las­sung, den Tod, man war­tet mit Schre­cken dar­auf und mit Sehn­sucht.“ (S. 100)

Auch Simon Bloch war­tet nur noch dar­auf, daß ihm sein eige­ner Zie­gel auf den Kopf fällt. Der 45-jährige, vor kur­zem ver­wit­wet und als Beschwer­de­be­schwich­ti­ger tätig, hat bereits mit sei­nem Leben abge­schlos­sen. Als ein­zi­ges Über­ra­schungs­mo­ment bleibt ihm die Rei­hen­folge der ein­zeln gefal­te­ten Zei­tungs­blät­ter bei der mor­gend­li­chen Lek­türe im Bus.

Vor etli­chen Jah­ren bereits hatte er sei­nen Lebens­traum vom Film­kom­po­nis­ten auf­ge­ge­ben. Damals, bei der Beob­ach­tung eines Paa­res, das in „ödes­ter Mit­tel­mä­ßig­keit“ bei Apfel­saft­schorle und Kirsch-Bananensaft sei­nen Impro­vi­sa­tio­nen in der Jazz­kneipe Wal­fisch lauschte. Er fühlte sich ent­larvt, erkannte wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

1. März 2011 um 19:11

Tschick und Maik auf Lada-Tour

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Skur­rile Aben­teuer zweier Jungs in Wolf­gang Herrn­dorfs neuem Roman “Tschick

Dies ist ein gutes Buch, ein unter­halt­sa­mes Buch, flott und amü­sant, an man­chen Stel­len nach­denk­lich. Ein Buch für Jugend­li­che, wel­che den ewi­gen Vam­pirschmon­zes leid sind. Ein Buch eben nicht nur für Mäd­chen, son­dern auch für Jungs. Denn um diese geht es.

Genauer, um zwei Vier­zehn­jäh­rige, die im wirk­lich nicht leich­ten Zustand der Puber­tät ihre Iden­ti­täts­su­che bewäl­ti­gen. Beide sind Außen­sei­ter. Aus unter­schied­li­chen Grün­den sind sie weder in ihrer Klasse noch in einer Cli­que inte­griert und besit­zen auch kei­nen sta­bi­len fami­liä­ren Rück­halt. Sie kämp­fen mit den Lei­den der uner­wi­der­ten ers­ten Liebe, trin­ken sich die Schule schön und wol­len nie so wer­den wie ihre Eltern. Sie glau­ben, anders zu sein als alle ande­ren, und dies führt sie in den gro­ßen Ferien schließ­lich zueinander.

Der pas­sive Maik, der Haus, Swim­ming­pool, Tief­kühl­truhe und vor allem sich wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

24. Februar 2011 um 12:18

Wenn der Vater mit dem Sohne

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Eine gelun­gene Mosel­reise des jun­gen Hanns-Josef Ortheil

Wäre es bereits Früh­ling, würde ich am liebs­ten sofort zu einer klei­nen Mosel­wan­de­rung auf­bre­chen. Es wäre eine Nost­al­gie­fahrt, denn in Trier auf­ge­wach­sen und in einem Mosel­städt­chen gebo­ren ver­brachte ich viele Jahre zwi­schen Römern, Wein­ber­gen und Burgen.

Im vor­lie­gen­den Buch mit dem schnör­kel­lo­sen Titel „Die Mosel­reise“ han­delt es sich um ein Rei­se­ta­ge­buch, wel­ches der junge Hanns-Josef Ortheil im Jahr 1963 ver­fasst hat. Der Text ent­stand aus Beschrei­bun­gen, Auf­zeich­nun­gen und Gesprächs­no­ti­zen, die der Elf­jäh­ri­gen am Ende der Reise zusam­men­fügte. Ortheil beschreibt die Genese des Tex­tes, der auch als Ergän­zung sei­nes auto­bio­gra­phi­schen Romans „Die Erfin­dung des Lebens“ gele­sen wer­den kann, aus­führ­lich im Vor– und Nachwort.

Die Reise beginnt mit einer Bahn­fahrt nach Koblenz. Seine ver­traute Hei­mat­stadt Köln mit dem präch­ti­gen Dom und der gelieb­ten Mut­ter lässt der Junge zurück und tauscht sie gegen wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

15. Januar 2011 um 15:59