Archiv für die ‘Lauter Lob’ Kategorie
Die Schatzinsel des Vegetariers
Christian Kracht erzählt vom Imperium
der Kokosnuss
“Und hatte er schon vor langem entschieden sich nicht mehr durch Alkohol beseelen zu lassen, so war doch der Erregungszustand, in den er durch die Kokosmilch versetzt wurde, derartig, daß er selbst im Schlaf wahrzunehmen schien, sein Blut werde sukzzesiv durch Kokosmilch ersetzt, ja es war ihm, als ströme durch seine Adern kein roter, tierischer Lebenssaft mehr, sondern der wesentlich hochentwickeltere pflanzliche Most seiner Idealfrucht, der ihn dereinst befähigen werde, seine Evolutionsstufe zu transzendieren.”
Ist dies nun ein Historischer Roman, eine Abenteuergeschichte, eine Referenz an die großen Literaten des vergangenen Jahrhunderts oder eine Persiflage auf die aktuelle literarische Verwurstung des Vegetarismus? Es ist von allem etwas, aber in delikatester Ausführung. So unterhaltsam zu lesen, daß man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte. Mir erging es auf jeden Fall so.
Die Geschichte des August Engelhardt, der im frühen 20. Jahrhundert nach Aussteigererfahrungen auf dem Festland, nun in den neu erworbenen Überseegebieten des Deutschen Reiches seine eigene Kokoskolonie gründen wollte, ist historisch bekannt. Die Fakten um diesen vegetarischen Sonnenorden sind derart skurril, daß sie sich als Romanvorlage geradezu anbieten. Als im letzten Jahr „Das Paradies des August Engelhardt“ von Marc Buhl erschien, habe ich mich mit großer Vorfreude auf dieses Buch gestürzt und hatte eine sehr vergnügliche Lektüre. Umso begeisterter war ich in der Frühjahrsvorschau von Kiepenheuer &Witsch den neuen Roman Christian Krachts zu entdecken.
Dass Kracht den gleichen historischen Stoff mit aller dichterischen Freiheit fiktionalisiert, und dies wesentlich stärker als Buhl, steht ihm zu. Er weist den Leser, damit ihm dieses auch vollends bewusst werde, gleich zu Beginn darauf hin. Durch die Stimme seines allwissenden und äußerst kommentarfreudigen Erzählers erfahren wir, daß der Protagonist nicht genau so denkt wie der Autor oder der Erzähler, sondern „so oder so ähnlich“. Wir sind eben in einem Roman und nicht in einer historischen Abhandlungen und das ist ein großes Glück. Erinnert schon die Umschlaggestaltung an einen Abenteuerroman vergangener Jahrzehnte, so fällt der Erzählton noch um weitere Dekaden zurück. Dies jedoch in sehr angenehmer Weise, wissend und damit zwangsläufig äußerst ironisch, denn der Erzähler hat ja bereits aus der Geschichte gelernt, was die Gestalten des Roman erst noch mühevoll selbst erleben müssen.
Kracht führt uns durch die Gralssuche dieses verschrobenen Vegetariers, den er als Exempel für die sich anbahnende deutsche Katastrophe vorstellt. Dies allerdings mit mehr als einem Augenzwinkern. Die Kokosnuss als theosophischer Gral, darauf hätte schon längst einer kommen können. War der Segen des Vegetarismus nicht schon von ganz anderen Geistesmännern erkannt worden? Von Plutarch, Rousseau, Burnett, Schopenhauer, Emerson und Einstein. Dumm nur, daß auch der Gröfaz fleischlos terrorisierte. Dies erscheint als größtes, aber nicht als einziges Menetekel. Die deutschen Pflanzer in den Schutzgebieten, vulgär, fett und beschmiert wie die Erdferkel, verkörpern im besten Klischee das Bild des hässlichen Deutschen.
Wie heilig hebt sich da doch der unschuldige August Engelhardt ab, den der Anblick toten Fleisches erschauern lässt, der sich vom Vegetarier zum Fruktivoren gewandelt, nun die höchste Stufe des Heils den Kokovorismus erlangt. Kein Wunder, daß sogar die einflussreichste Frau des damaligen Südseearchipels, Queen Emma, von diesem „zarten Jesulein“ beeindruckt ist. Erscheint er ihr doch als fleischgewordene Kunst des Fra Angelico. Diese bewunderte sie einst in Florenz, wo sie fast Engelhardt begegnet wäre, der dort in den Boboli-Gärten fast mit Hermann Hesse gesprochen hätte. Dies alles ist natürlich dichterische Freiheit, aber eine sehr amüsante. Weitere fiktive Begegnungen schließen sich an, worunter die mit Thomas Mann in den Dünen der Kurischen Nehrung nicht die Uninteressanteste ist. Doch nicht nur Hesse, Mann, Kafka, Einstein, Freud und vielen anderen Größen des 20. Jahrhunderts wird Referenz erwiesen. Die größte Verbeugung erbietet der Autor Charles Dickens. Die Werke dieses großen Erzählers dienen Engelhardt als Reiselektüre und sie helfen bei der Bildung seines Freitags. Auch der Erzählstil Christian Krachts ist als Hommage an den Dichter-Jubilar zu werten. Leicht antiquiert im Ton ergänzt er das Geschehen durch Erläuterungen der Zeit– und Ortsumstände, erklärt Nebenschicksale und Szenen, ergänzt durch Rück-und Ausblicke. Manchmal fällt auch eine Nebensächlichkeit, die sich transponiert als aktuelle Zeitgeistkritik entpuppt. Seien es nun die sibirischen Händler auf dem Berliner Alexanderplatz oder die Bratwurst aus Abfällen.
Christian Kracht schildert in „Imperium“ den Versuch eines Einzelnen sich ein Idealreich zu errichten und stellt einen Zusammenhang mit einer ähnlich haltlosen, aber ungleich erfolgreicheren Phantasmagorie her. Dies gelingt ihm auf derart intelligente und gleichzeitig unterhaltsame Weise, daß ich das Buch uneingeschränkt als Lektüre empfehlen möchte.
Der Kokovore Engelhardt war vielfach Gegenstand historischer Forschung und journalistischer Berichterstattung. Entsprechende Hinweise und Links finden sich im Anhang meiner Rezension zu Marc Buhls Roman.
Und zum Schluß fragt man sich nicht, ob ein Spiegelrezensent zu viele Kokosnüsse gegessen hat, man fragt sich nur, wann mit einer Verfilmung zu rechnen sein wird? Und wen wir in den Hauptrollen sehen werden? Für Queen Emma stände vielleicht Frau Neubauer zur Verfügung, wenn der Vertrag mit Weight Watchers abgegolten ist. Aber wer verkörpert August Engelhardt, Matthieu Carriere oder Rainer Langhans?
Das Glück beim Betrachten der Biber
Kerstin Ekman erkundet das Hundeherz
„Lag er lange Zeit still, sah er manchmal einen im Sonnenlicht glänzenden Biberschädel auf geradem Kurs durchs Wasser. Er folgte ihm immer mit dem Blick, blieb aber gleichmütig liegen (…) Die Biber und er hatten nichts miteinander zu schaffen. Doch sie waren da, waren in derselben Abendsonne, am selben schwarzen Wasser, das im Sonnenlicht glühte. Er hatte ihre Geräusche gern, ihre Gesellschaft.“
Bei diesem Buch geschah es zum ersten Mal, ich las den Schluss zuerst. Ich musste sicher sein, daß die Geschichte gut ausgeht für den Welpen, der sich im Wald verirrte. Erst dann konnte ich gemeinsam mit ihm die kalte Umgebung erkunden, mich unter einer Wurzel schlafen legen, eiskalte Frostnächte und bohrenden Hunger überstehen.
„Sich spreizende Äste, Pfoten und Krallen. Sich duckende Baumstümpfe mit Rückenzotteln und Ohren. Schlafende Steinrücken. Schlafen, an feuchten Flechten geschmiegt, zu Stein gefroren und schwindelig. Irrlichternde Punkte vor Augen. Hungerschmerz und betäubende Angst. Wegschlafen. In die Sonne schlafen. An Sonnenzitzen saugen. Wegwärmen. Saugen. Wärme saugen.“
Ich erkundete die Natur durch die Sinne eines Hundes. Er riecht, stöbert auf, rätselt und lernt. Kerstin Ekman findet für alle diese Empfindungen und Reaktionen eine poetische Sprache, die ganz nahe ist an den Geräuschen, Düften und Farben der Natur. Fast sind es Hundeworte, Hundegedanken, ein Hundebewusstsein, das uns die Reaktionen dieses Tieres näher bringen.
„Seine Pfoten fingen zu laufen an. Auf der glatten Fläche draußen wurde sein Körper leicht. Er verfiel in einen schnellen, rhythmischen Trab und nach einer Weile ins Rennen. Er rannte aus reinem Spaß an der Freude. In seinem Körper sangen der Mondschein, die Kälte und die Geschwindigkeit. Es gab keine Grenze, keinen Wald, kein Ufer.“
Doch wir wissen, es ist eine Erzählerin, die sich in das Geschöpf hineinversetzt. Als Haustier geboren ist es durch Unachtsamkeit in die Waldeinsamkeit geraten und nun auf sich alleine gestellt. Der Welpe entdeckt schnell, wo er trinken kann und was den Hunger stillt. Ein Elchkadaver sichert ihm das Überleben. Im Verlauf eines Jahres lernt er das Wichtigste, wann er sich weg zu ducken hat und wann er sich behaupten muss. Bevor der Winter wieder einbricht kommt es jedoch zu einer Begegnung, die aus dem verwilderten Grauen wieder einen Menschenhund macht.
„Der Mann gab ein Geräusch von sich, er atmete aus. Der Graue bewegte erneut den Schwanz. Er hielt den Kopf schräg und hatte die Ohren gesenkt. Sie lagen jetzt eingeschlagen zu beiden Seiten der flachen Stirn. Er wackelte mit dem Körper und bewegte sich im Halbkreis auf den Mann zu, sodass er sich ihm näherte und zugleich auf Abstand blieb. Obwohl ungeübt, wirkte er unverhohlen freundlich. Das gesträubte Rückenhaar hatte sich gelegt, seine Würde und Fassung hatte er aber nicht verloren. Der halb entrollte Schwanzkringel bewegte sich.“
Trotz dieses guten Endes findet sich in keiner Zeile Kitsch. Kerstin Ekman fühlt sich in ihren Helden sehr genau ein und übersetzt dies in ihre Waldpoesie. Indem man liest taucht man tief ein in das grüne Geknurpschel, Geziepe und Geflatter. Langsam liest man die Sätze, vorsichtig um kein Geräusch zu machen und zu stören. Gleichzeitig wird man von einem ungeheuren Sog erfasst, atemlos, hechelnd.
Ein Buch, das einem Lust auf den Wald macht, auf einen Hund und auf die poetische Sprache dieser schwedischen Autorin, die Hedwig M. Binder kunstvoll ins Deutsche übertragen hat.
Surreale Odyssee
Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht
“ — Die Wiederentdeckung eines großen französischen Romans
„Und was habe ich in diesem Winkel hier wiedergefunden? Eine verfallene Kindheit, eine niedergehauene Landschaft und über all dem eine wütende, rasende Nacht.“
Anlässlich des hundertsten Geburtstags von Jean Cayrol (1911–2005) hat der Schöffling-Verlag dessen Roman „Im Bereich einer Nacht“ neu aufgelegt, in der beeindruckenden Übersetzung durch Paul Celan.
Der dreißigjährige François ist aus Paris aufgebrochen um seinen Vater zu besuchen. Dieser wohnt in Sainte-Veyres, nach dem Krieg in Chauvigny umbenannt. Man ahnt gleich zu Beginn, daß sich nicht ein freudiges Wiedersehen mit dem Ort und den Personen der Kindheit anbahnt. François verlässt den Zug eine Station vor dem Ziel, um nicht von seinen Vater von Bahnhof abgeholt zu werden und so eine öffentliche Umarmung zu vermeiden. Doch diesen Entschluss bereut er bald. So sehr ihm vor der Begegnung mit dem Vater graut, ängstigt ihn der Fußweg durch die graue, dunkelnde Herbstlandschaft. Er verlässt die Straße wissend sich in diesem „Schierlings– und Brombeerreich“ heillos zu verlaufen.
Die Begegnung mit ein paar Jungs, die nach einen Schatz graben, lösen Erinnerungen an seine eigene, vom Glück weit entfernte Kindheit aus.
„Ich sah ein, daß es unmöglich war, aus eigenen Kräften glücklich zu werden: das war der kunstreich errungene Sieg meines Vaters, die harte Lektion einer knirschenden Mainacht.“
Weiter auf der Suche nach dem rechten Weg durch ein vom Krieg zerstörtes Dorf und seinen Wald, verfolgt von einem herrenlosen Hund, erinnert er sich an seinen letzten Besuch beim Vater, dem „Überwitwer“, der seinen beiden Kindern die Trauer um ihre Mutter verboten hatte.
„Arme Mutter, nie habe ich sie anders gekannt als angeschmiedet an ihren Tod. Vater hatte sie eingekerkert, eingesargt in einem unzugänglichen Kummer. Niemand durfte ihrer gedenken. Nur auf seinen Wink hin durften die Tränen fließen und die Seufzer laut werden. Er gehörte ihm und nur ihm allein, dieser Tod.“
Als einziger Lichtblick in dieser Herbstdämmerung voll schwarzer Melancholie erscheint François sein Glück mit Juliette. Er denkt an ihre erste Begegnung, an ihre bescheidene Wohnung in Paris, in der sie glücklich sein wollen, vor allem, weil sie nicht „den anderen mit irgendwelchen alten Bindungen behelligen“. Die Vergangenheit muss verdrängt werden, um glücklich leben zu können. „Darf man den anderen Dinge aufbürden, die man selbst nicht mehr erträgt?“ François trägt nicht als Einziger eine solche Last mit sich, auch Juliette hat eine Erinnerung zu verschweigen. Deren Zeugen, die Briefe Fernands, könnte sie jedoch mit Leichtigkeit verbrennen. François hingegen holen seine Albträume an jedem Wegweiser ein. Seine einstigen Selbstmordgedanken, die auch den anderen Mitgliedern dieser unglücklichen Familie nicht fern lagen, und die todesnahe Atmosphäre, deren vorherrschendes Element die Angst war.
„Als Kind war ihm kaum etwas anderes beigebracht worden als Angst; eine Angst, der man mit keinerlei Argumenten, mit keinerlei Mut beikam.“ Früchte einer streng religiösen Erziehung. „Dieses Frikassee von Teufeleien, das man uns täglich auftischte.“
Schließlich wird der mittlerweile von Kälte, Hunger und Erinnerungen zermürbte François von einer Autofahrerin aufgelesen. In deren Haus erhält er zwar ein wenig Wärme und einen Cognac, gerät aber zugleich in einen Streit zwischen Vater und Tochter, der ihn schnell seinen Weg fortsetzen lässt. Doch welchen?
„Es gibt immer zwei Wege nebeneinander, einen falschen und einen richtigen. Und Sie – Sie schlagen immer nur die Wege ein, von denen kein Mensch etwas wissen will. Der richtige Weg läuft an den Gleisen entlang. Sie rennen da auf Wegen herum, als ob Sie auf Amseln aus wären, wie die Kinder.“
François’ Weg zurück führt weiter durch seine Kindheit, die er gemeinsam mit seiner Schwester hinter verschlossenen Türen verbringen musste, nur einmal durften sie einen unbeschwerten Tag in Freiheit erleben. Da zeigt sich dem erwachsenen François plötzlich ein Licht in der Dunkelheit, er wähnt sich in Sicherheit, imaginiert eine „anheimelnde, rege, heitere Wohnstätte“, formuliert schon den Bericht seiner nächtlichen, unheimliche Irrfahrt an Juliette, als er beim Betreten des Hauses gefragt wird, ob er wegen des Toten komme. Voller Schreck, von abermaligen Erinnerungen überwältig, verliert er das Bewusstsein. Die Bewohner betten ihn auf ein Sofa und bieten ihm an über Nacht zu bleiben. Vom Nebenraum aus lauscht er den Gesprächen der Frauen, erfährt von ihrem Unglück und, daß der Tote nur zu Besuch war. Sein Unwohlsein lässt ihn in Fieberphantasien fallen, die seine Kindheit heraufbeschwören und ihn fragen lassen, ob der Tod seines Vaters ihn endgültig befreien würde, ob er dann mit Juliette ein neues Leben anfangen könne oder ob er durch die Befreiung vom Verursacher seines Kindheitsunglücks gleichzeitig auch seine Kindheit selbst verlieren würde.
Wieder erwacht hört er die Schneiderin Raymonde und ihre Tochter Claire, später trifft Simon ein, und bringt Unfrieden in seine Familie. Eine Familie, die wie sich zeigen wird, schon längst zerstört ist. Auf dem Höhepunkt des Streites mit ihrem Vater Simon, flieht Claire aus dem Haus. François wird aufgefordert bei der Suche zu helfen. Diese gilt allerdings mehr dem teuren Hochzeitskleid, daß Claire zur Probe übergeworfen hatte, als dem jungen Mädchen selbst. François irrt wieder durch die Nacht und findet Claire schließlich in dem Haus, welches ihm als Knaben Zuflucht geboten hat. Das Haus des alten, lieben Lehrers Jean.
Die Lösung seiner Fragen und damit das Ende dieser Nacht erschließt sich ihm und damit auch dem Leser auf der vorletzten Seite des Romans.
Jean Cayrol beschreibt in seinem Werk die nächtliche Odyssee seines Protagonisten François zu einem Ziel, welches er eigentlich gar nicht erreichen will. Immer wieder unterbrechen Erinnerungen an die Schrecken seiner Kindheit die Suche. Fetzen, die sich nach und nach zusammen fügen. Daneben gibt es Gedanken an sein jetziges Leben, seine Liebe zu Juliette. Von ihrer Situation berichtet der Autor in zwei kurzen Kapiteln. Sie zeigen, wie auch sie von einer Erinnerung belastet wird.
Jean Cayrol schildert die Suche nach dem rechten Weg, der sich in einer vom Krieg traumatisierten Gesellschaft nur schwerlich finden lässt. Er führt durch zerstörte Orte und verwilderte Natur, vorbei an verfallenen Häusern und obskuren Begegnungen. Trotz seines bedrückenden Inhalts, fesselt der Roman, leicht und fließend formuliert. Mehrere Bewusstseinsströme kombinierend entwickelt Cayrol ein intensives Psychogramm des Protagonisten. Erfahrung und Phantasie, Fieber und Traum bilden die Wirklichkeit dieser dunklen Nacht der Erinnerung. So erzeugt dieser Roman, dem ich noch viele weitere Leser wünsche, einen ungeheuren Lesesog.
Im Nachwort würdigt die Romanistin Ursula Hennigfeld den Dichter und Verleger Jean Cayrol. Cayrol wurde als Mitglied der Résistance 1943 im Lager Mauthausen interniert, wo er den Mitinhaftierten Gedichte von Racine und Rimbaud, sowie eigene Werke vortrug. Diese erschienen 1997 unter dem Titel „Schattenalarm“. Seit 1949 war Cayrol verlegerisch tätig. 1973 wurde er Mitglied der Académie Goncourt.
In ihrer Analyse des Romans betont Hennigfeld dessen surrealistische Struktur, sowie die subtextualen Anspielungen auf die Erinnerungspolitik des französischen Staates. Cayrol hat in allen seinen Werken seine Erfahrungen mit Krieg und Shoah verarbeitet, diese aber immer im Literarischen belassen.
Die Freundschaft zwischen Jean Cayrol und Paul Celan, geprägt durch die gemeinsame Arbeit gegen das Vergessen, führte dazu, daß Cayrol Celan um die Übersetzung seines Buches bat. Welche dichterische Freiheit er ihm hierbei ließ, erläutert die Autorin.
Survival of the Fittest?
Von verödeten Biotopen und vereinsamten Frauen — Judith Schalansky in “Der Hals der Giraffe
”
„Gar keine Staatsform wäre das Allerbeste. Es würde sich alles schon von alleine organisieren.“
Die Biologielehrerin Inge Lohmark, 55, verheiratet, ein Kind, klassifiziert ihre Umgebung mit einem durch Darwin geschulten Blick. Sie ist die forschende Beobachterin, ihr bevorzugtes Areal das Biotop Schule. Dieses liegt in Vorpommern, nur noch Wenige, die kaum Nachwuchs erzeugen, wohnen dort. Die Schule schrumpft und wird demnächst schließen.
Wie in einem alten Naturkundebuch hat Judith Schalansky ihren Roman gestaltet. Die Kapitel Naturhaushalte, Vererbungsvorgänge und Entwicklungslehre, werden durch Kolumnentitel differenziert. Dazwischen finden sich Zeichnungen der Autorin, die Schemata, Tiere und viel Biologie zeigen.
All’ das erinnert an die Schulzeit. Auch die verschiedenen Typen von Schülern und Lehrern die Schalansky via Lohmark so genüsslich seziert als lägen sie auf den Plättchen eines Mikroskops, sind nicht unvertraut. Man genießt die ersten Seiten voller sarkastischer Bonmots in der Erleichterung diese Phase seines Lebens nun endgültig hinter sich zu haben. Doch wir befinden uns nicht in einer Schulsatire. Immer stärker offenbart Inge Lohmark ihre Einsamkeit. Ihr darwinscher Zynismus ist nur ein Mittel zur Distanz. Sie will Abstand schaffen, Abstand zu den Menschen, vor allem aber zu sich selbst. Nur hin und wieder lässt sie in ihren Reflektionen den einzig wahren Grund aufscheinen. Es ist die Sehnsucht nach ihrer Tochter Claudia. Diese lebt in Amerika und meldet sich höchstens noch in kurzen Mails. Selbst von ihrer Hochzeit erfährt Inge Lohmark nur auf diese unpersönliche Weise. Sie leidet unter dem Verlust ihrer Tochter und kann die Ursache kaum erkennen. Liegt es an ihrem Mann Wolfgang? Der züchtet zwar jetzt Strauße, die dümmer als Schüler sind, war jedoch einst auch abgehauen, eine Frau und Kinder zurücklassend. Oder liegt es an ihrem eigenen Reproduktionsgeiz? Hätte sie mehr Kinder bekommen, wäre ihr vielleicht eines geblieben.
Inge Lohmarks Schicksal spiegelt sich in dem ihrer verhassten Kollegin Schwanneke. Diese beklagt ihre Kinderlosigkeit ohne zu ahnen, daß die Biologielehrerin ihre Trauer teilt. Die eine kann keine Kinder bekommen, die andere hat zwei verloren, ein geborenes und ein ungeborenes. Doch Lohmark lässt keine Gefühle zu. Weder die positiven, wenn sie zu einer Schülerin eine besondere Zuneigung verspürt, noch die negativen, wenn sie gegen das Mobbing eines Mädchens nicht einschreiten will. Sie vertraut auf die Selbstregulierungskräfte der Natur.
Dass auch die Natur, insbesondere ihre entwickelte Form der Lebewesen, das Recht auf Schutz und Fürsorge hat, erkennt sie nicht. Oder erst ganz zum Schluss, in der Erinnerung an ein längst zurückliegendes Ereignis.
Judith Schalansky schildert in ihrem Roman sehr einfühlsam, was die Unfähigkeit Gefühle zu zeigen anrichten kann, mit dem anderen und mit einem selbst. Auch die Psyche unterliegt dem Kreislauf der Natur.
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Zur Thematik der verlassenen Eltern sei auf das Buch und die Website von Angelika Kindt verwiesen.
Paul Auster — Unsichtbar
Eine Geschichte der Verführung
In seinem neuen Roman “Unsichtbar” schildert Paul Auster eine Geschichte der Verführung. Wie meist, so beinhaltet auch diese Geheimnisse und Erwartungen, die nicht immer eingelöst werden. Es gibt Opfer und Täter und eine Schuld, welche die Grenzen zwischen den Rollen in der Uneindeutigkeit belässt.
Zu Beginn des ersten Kapitels scheint es noch klar. Der eher scheue Literaturstudent Adam Walker erzählt von dem unglaublichen Angebot Herausgeber einer neuen Literaturzeitschrift zu werden. Idee und Geld zu diesem Projekt stammen von Born, einem europäischen Gastprofessor, den er zufällig auf einer Party kennen gelernt hatte. Doch bereits kurze Zeit später weiß Adam nicht mehr, ob der dominante Geldgeber ihn nicht lediglich als Opfer eines perfiden Psychospieles auserkoren hat. Wer ist dieser Born? Etwa der „Besitzer einer südamerikanischen Kaffeeplantage, der nach zu vielen Jahren im Dschungel wahnsinnig geworden“ ist, wie Adam vermutet? Auster charakterisiert ihn ohne Zweifel als modernen Mephisto, der auf seine Mitmenschen abstoßend und anziehend zugleich wirkt. „Er war geistreich, exzentrisch und unberechenbar, aber wer behauptete, der Krieg sei die reinste Abrechnung der menschlichen Seele, verbannt sich aus dem Reich des Guten.“ (S. 19)
Die unguten Vorahnungen Walkers bestätigen sich während einer Abendeinladung. Dort trifft der Student auch Borns Geliebte Margot wieder, eine Französin, die laut Born um den jungen Mann besorgt sei. Noch mehr, sie fände den gutaussehenden Jungen so anziehend, daß Born sie ihm, der Roman spielt im New York der späten Sechzigerjahre, generös zum Nachtisch anbietet. Walker fühlt sich verunsichert. Bei der Ankunft in Borns Wohnung hatte er diesen bei einem heftigen Wutausbruch erlebt. Born entpuppt sich als Mann, der an seiner Wut Freude hatte.
Im zweiten Kapitel erfährt der Leser durch den neuen Ich-Erzähler Jim, einem Collegefreund Walkers, daß das erste Kapitel Teil eines Romans sei. Adam bittet den erfolgreichen Schriftsteller sein Manuskript zu lesen. Aufgeteilt ist dieser autobiographische Roman in vier Kapitel, Frühling, Sommer, Herbst und Winter des Jahres 1967. Der Schriftsteller wird Beichtvater und Schreibberater zugleich. Er erfährt von Walkers Krankheit, seinem Kindheitstrauma und einem Geschwistergeheimnis. Dinge, die bislang nicht nur für ihn im Verborgenen lagen.
Unsichtbar, so lautet der Titel des Romans, der zugleich sein Motto ist. Schein und Wirklichkeit, Oberfläche und Inneres, das Offensichtliche und das Verborgene, alles Wortpaare, deren jeweils zweiter Teil unsichtbar bleibt. Wie Paul Auster diese Doppelbödigkeit von Personen, aber auch von Ereignissen, Orten und Dingen in dieser Geschichte durchspielt, finde ich grandios. Walker erscheint zunächst als ehrgeiziger Student, der von Born verführt und korrumpiert, schließlich durch die Mordgeschichte sogar bedroht und in seiner Karriere behindert wird. Durch seine autobiographischen Offenbarungen erfährt der Leser jedoch, daß er keinesfalls so tugendhaft ist, wie er zu Beginn erscheint. Das betrifft nicht nur seine pubertären Erkundungen mit seiner Schwester und den späteren Inzest. Es betrifft auch sein Verhalten in Paris, seinen naiven Racheplan, der Born keineswegs einer gerechten Strafe zuführen würde. Wenn dieser denn überhaupt bestraft werden muss. Denn wir werden nie wissen, was wirklich geschah, ob Born tatsächlich ein Mörder ist. Das ist sicher das plakativste Beispiel für einen anscheinend klaren Vorgang mit möglicherweise verborgenen Details.
Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Wieviel Wahres steckt in all unseren Erinnerungen? Formen wir sie nicht ständig um, formulieren sie neu, machen aus vermeintlichen Fakten unseren eigenen, individuellen Roman?
Unsichtbar, geheimnisvoll, im Dunkeln so belässt Auster vor allem das Ende seines Buches. In der Schlussszene schildert er die Flucht einer Frau auf einer Insel. Schon von weitem hört sie ein Geräusch, das sie nicht zu deuten weiß. Erst als sie unmittelbar davor steht, erkennt sie Arbeiter, die Steine aus dem harten Fels schlagen. Die Ursache des Geräuschs ist sichtbar geworden. Die Fron dieser Menschen wird aufgedeckt. Das Ergebnis ziert zahllose Plätze der sogenannten Zivilisation. Doch was will der Autor damit sagen? Ein Apell an das soziale Gewissen? Oder entlarvt Auster mit der Illusion des vermeintlichen Idylls wiederrum eine weitere Facette Borns?
Hilfreich für die Beantwortung dürften die literarischen Spuren sein, die Auster gelegt hat. Sie führen von der rätselreichen Kassandravariante des Lykophron, über die Kriegsgesänge Bertran de Borns und dessen Bestrafung in der Divina Commedia zu Miltons Verführung des Adam bis zu Samuel Beckett. Die Wahrheit jedoch bleibt unsichtbar.
Literatur in der Literatur:
Lykophron, Alexandra (ca. 190 v. Chr.)
Bertran de Born, Sirventes (1181)
Dante Alighieri, Divina Commedia (1307)
John Milton, Paradise Lost (1667)
Samuel Beckett, Krapp’s Last Tape (1958)
Sex and Drugs and Literature
Gwendoline Riley erzählt in ihrem neuem Roman „Joshua Spassky
“ vom Drumherumreden
Ein Mädchen trifft einen Jungen, besser, eine junge Schriftstellerin trifft einen jungen Theaterautor. Sie verbringen einige Tage miteinander, sie fühlen sich zueinander hingezogen, sie sind vielleicht verliebt. Doch das kann keiner der beiden sagen oder vielleicht wagen sie es auch einfach nicht. Denn sie sind cool und bockig, sehr jung und wahrscheinlich sehr verletzt. Nicht nur gute Erfahrungen liegen hinter ihnen, nur in den wenigsten Familien ist es immer ganz einfach. Doch wer nichts erlitten hat, hat auch nicht den Drang etwas zu erzählen. Dies und die Liebe zur Literatur verbindet sie.
Trotzdem gehen sie wieder auseinander. Joshua kehrt zurück nach Amerika, Natalie bleibt in Manchester. Die versprochenen Briefe und Telefonanrufe werden seltener, der angekündigte Besuch Joshuas fällt aus. Natalie bekämpft ihren Schmerz mit dem Inhalt all’ der Flaschen, die für die gemeinsamen weiterlesen »
“Kream Korner is Dream Korner”
Anna Katharina Fröhlich besingt in ihrem neuen Roman die Sehnsucht nach Indien
„Der Versuch zu begreifen, weshalb man Indien liebt, ist ebenso sinnlos wie der Versuch zu erklären, weshalb man das Leben liebt.“
Kream Korner ist nicht nur der blumige Name einer Garküche auf dem Dach in einer indischen Provinzstadt, Kream Korner wird nach der Lektüre des gleichnamigen Romans zum Inbegriff für ganz Indien. Doch bevor die Leser gegen Ende des Buches die wackligen Installationen dieses Etablissement betreten, führt die Autorin sie in die dekadente Welt der indischen Oberschicht. Prunkvolle Stadtpaläste begegnen uns dort, in denen eine „nach nassem Dackelfell und Mottenkugeln riechende Kühle“ herrscht und der Hausherr sich in Gondelpantoffeln vor einem anachronistisch anmutenden Flachbildschirm rekelt. Es handelt sich um Maripal Singh Bill, das Oberhaupt einer überaus wohlhabenden Sikh-Familie, mit der Lord Leslie, der verstorbene Onkel der Ich-Erzählerin, eine diplomatische Freundschaft verband. Früher waren sie häufig Gäste der Bills, welche die Tante gerne als eine „Bande verwöhnter Faulpelze“ bezeichnet, von denen mancher „derart von seinen Privilegien verblödet war, dass er nur noch die Wetterlage klar einzuschätzen verstand“.
Gemeinsam mit ihrer Tante trifft die junge Frau nun anlässlich einer Hochzeitseinladung erneut bei den Bills ein. Sie hatte sich nach der Aufgabe ihres Theologiestudiums auf das südfranzösische weiterlesen »
Der Tennisballwecker des Zeitungsdompteurs
Existenzialistisches Grauen in Markus Orths’ neuem Roman „Die Tarnkappe
“
„Man ist in den Knast des Lebens geboren und tigert darin auf und ab, lebenslänglich, und wartet auf den Tag der Entlassung, den Tod, man wartet mit Schrecken darauf und mit Sehnsucht.“ (S. 100)
Auch Simon Bloch wartet nur noch darauf, daß ihm sein eigener Ziegel auf den Kopf fällt. Der 45-jährige, vor kurzem verwitwet und als Beschwerdebeschwichtiger tätig, hat bereits mit seinem Leben abgeschlossen. Als einziges Überraschungsmoment bleibt ihm die Reihenfolge der einzeln gefalteten Zeitungsblätter bei der morgendlichen Lektüre im Bus.
Vor etlichen Jahren bereits hatte er seinen Lebenstraum vom Filmkomponisten aufgegeben. Damals, bei der Beobachtung eines Paares, das in „ödester Mittelmäßigkeit“ bei Apfelsaftschorle und Kirsch-Bananensaft seinen Improvisationen in der Jazzkneipe Walfisch lauschte. Er fühlte sich entlarvt, erkannte weiterlesen »
Tschick und Maik auf Lada-Tour
Skurrile Abenteuer zweier Jungs in Wolfgang Herrndorfs neuem Roman “Tschick
”
Dies ist ein gutes Buch, ein unterhaltsames Buch, flott und amüsant, an manchen Stellen nachdenklich. Ein Buch für Jugendliche, welche den ewigen Vampirschmonzes leid sind. Ein Buch eben nicht nur für Mädchen, sondern auch für Jungs. Denn um diese geht es.
Genauer, um zwei Vierzehnjährige, die im wirklich nicht leichten Zustand der Pubertät ihre Identitätssuche bewältigen. Beide sind Außenseiter. Aus unterschiedlichen Gründen sind sie weder in ihrer Klasse noch in einer Clique integriert und besitzen auch keinen stabilen familiären Rückhalt. Sie kämpfen mit den Leiden der unerwiderten ersten Liebe, trinken sich die Schule schön und wollen nie so werden wie ihre Eltern. Sie glauben, anders zu sein als alle anderen, und dies führt sie in den großen Ferien schließlich zueinander.
Der passive Maik, der Haus, Swimmingpool, Tiefkühltruhe und vor allem sich weiterlesen »
Wenn der Vater mit dem Sohne
Eine gelungene Moselreise des jungen Hanns-Josef Ortheil
Wäre es bereits Frühling, würde ich am liebsten sofort zu einer kleinen Moselwanderung aufbrechen. Es wäre eine Nostalgiefahrt, denn in Trier aufgewachsen und in einem Moselstädtchen geboren verbrachte ich viele Jahre zwischen Römern, Weinbergen und Burgen.
Im vorliegenden Buch mit dem schnörkellosen Titel „Die Moselreise“ handelt es sich um ein Reisetagebuch, welches der junge Hanns-Josef Ortheil im Jahr 1963 verfasst hat. Der Text entstand aus Beschreibungen, Aufzeichnungen und Gesprächsnotizen, die der Elfjährigen am Ende der Reise zusammenfügte. Ortheil beschreibt die Genese des Textes, der auch als Ergänzung seines autobiographischen Romans „Die Erfindung des Lebens“ gelesen werden kann, ausführlich im Vor– und Nachwort.
Die Reise beginnt mit einer Bahnfahrt nach Koblenz. Seine vertraute Heimatstadt Köln mit dem prächtigen Dom und der geliebten Mutter lässt der Junge zurück und tauscht sie gegen weiterlesen »