Archiv für die ‘Gut zu lesen’ Kategorie
Sex an Drugs and Boring School
Nachts werden wir erwachsen
– Ben Brooks neuer Roman über die Bewältigungsstrategien der heutigen Jugend
„Ich höre, dass Die Antwoord im Wohnzimmer läuft. Die Antwoord ist Rap aus Südafrika. Sie sagen Sachen wie „next-level shit“. In der Berufsberatung wollte ich das in meinem „Erwartungen für die Zukunft“-Fragebogen schreiben. Tenaya sagte, wenn ich das täte, würde die Berufsberaterin denken, ich hätte LSD genommen, und Mum anrufen. Ich nickte und schrieb stattdessen „Moderator beim Kinderfernsehn“.
Ist dies nun die britische Antwort auf „ Axolotl Roadkill“, oder besser auf „Strobo
“, oder sollte man den vierten Roman des 19-jährigen Briten Ben Brooks als Nachfolger von „Der Fänger im Roggen
“ betrachten? Auf Houlden Cowfield bezieht sich der Erzähler Jasper selbst am Ende des Romans. Doch zunächst schildert er Tage und vor allem Nächte, in denen er die Schwierigkeiten der Pubertät auf Partys weg feiern will. Zahlreiche Betäubungsmittel und sexuelle Kontakte sind die Bestandteile eines sich Suchens und noch lange nicht Findens. Doch diese Erfahrungen der Nacht fördern die Erkenntnis eher als das Leben am Tag. Dieses ist bei Jasper wie bei seinen Freunden geprägt durch fehlende elterliche Präsenz und die Flucht in Wahn– und Allmachtsphantasien. Der Schulbesuch erscheint als überflüssige Pflicht, ad absurdum geführt von ahnungslosen Lehrern, deren pädagogische Nichtsnutzigkeit noch von einem völlig deplatzierten Rektor übertroffen wird.
Da hilft nur noch die beste Freundin, um sich den Bedrohungen des Alltags zu erwehren. Gemeinsam mit Tenaya schmiedet Jasper zwei Pläne, die Mördervergangenheit von Keith, dem neuen Lebensgefährte seiner Mutter, zu entlarven und Georgia Treeley zu verführen.
Nach den ersten Seiten wollte ich das Buch zunächst nicht weiter lesen. Schon wieder so ein Pubertätsroman. Nach den noch nicht so lange hinter mir liegenden 780 Seiten von „Skippy stirbt“, fühlte ich mich daran übersättigt und vielleicht auch ganz einfach zu alt. Doch dann hat mich der Humor des Erzählers gepackt und haben mich Parties, Pornos , Pickel, und ja auch hier Priester, nicht nur ertragen lassen, sondern sogar amüsiert.
Eine Milieustudie der Generation „I (don’t) like it“, in der Brooks sehr offen die Bewältigungsstrategien zeigt. Nicht ohne hinter all’ ihrem vermeintlich abgeklärtem Gehabe auch die sensiblen Seelen durchscheinen zu lassen.
„Man sollte in der Oberstufe die Wahl zwischen positiver und negativer Psychologie haben, denn bei unserer Art von Psychologie lernt man vor allem was über Serienmörder und Schizophrene, aber ich würde lieber etwas über Verliebte lernen, und über Kinder, die den Krebs besiegen.“
Es handelt sich also um einen Jugendroman, der trotz des nicht ausgewiesenen Vermerks „FSK unter 20“, auch von Erwachsenen gelesen werden darf. Eine Lektüre, die etwas zu lehren vermag. Nicht nur mit welcher Frage, sich ein Zeuge Jehovas in die Flucht schlagen lässt.
Genau genommen ist das ganze Buch eine romantische Liebesgeschichte und macht damit jedem Vampirdrama mit Leichtigkeit Konkurrenz.
„Sex ist alles. Sex ist was für Werbewände und Magazine. Es ist nichts, weswegen man wegweisende Entscheidungen über das Leben treffen sollte. Sex sollte der Nebeneffekt von etwas anderem sein.“
„Nachts werden wir erwachsen“ ist authentische Jugendliteratur. Das wäre mal ein Kandidat für die Schullektüre.
Ein Buch — Viele Fragen
“Roman in Fragen
” — ein literarisches Experiment von Padgett Powell
Besteht dieses Buch wirklich nur aus Fragen? Wie liest man das? Ein ganzes Buch lang? Über 185 Seiten? Das soll ein Roman sein? Gibt es einen Zusammenhang? Könnte es sein, daß ein Literaturliebhaber Interesse daran findet? Hält er es aus? Wird das nicht langweilig?
Wird einen die ewige Fragerei zum Nachdenken anregen? Oder ist das Ganze etwa eine Weiterentwicklung des Proustschen Fragebogens? Wussten Sie, daß der eigentlich gar nicht von Proust ist? Will man überhaupt all’ die Antworten auf diese Fragen wissen? Und wem möchte man welche Fragen stellen?
Sie wissen sicher, daß Fragen jede Menge Erinnerungen wecken? Dass man mit ihnen ganze Abende in einem Frage– und Antwortspiel verbringen kann? Wäre das nicht eine Idee für die nächste Runde mit Freuden?
Suchen nicht auch Sie immer nach einer Antwort? Oder lassen Sie sich gerne zum Lachen verführen? Haben Sie schon mal auf einem Haufen so viele lustige, einfache, komplexe, absurde, interessante, ganz und gar private und auch noch nie gefragte Fragen gelesen? Ja? Nein?
Hätten Sie nicht Lust ein solches Buch zu lesen?
Der amerikanische Autor Padgett Powell hat sich an einem „Roman in Fragen“ versucht. Übersetzt wurde dieses gelungene literarische Experiment von Harry Rowohlt, der im Anhang einige Details für Nichtamerikaner klärt. Das Buch erscheint im Bloomsbury Verlag, der einzelne Fragen twittert.
Pickel, Priester, Partydrogen
Skippy stirbt
, eine Internats– und Gesellschaftskritik von Paul Murray
Zu diesem Buch, welches der Kunstmann-Verlag in einer bibliographisch aufwendig gestalteten Ausgabe editiert hat, habe ich mich von einem begeisterten Büchervogel überreden lassen, denn Erlebnisse pubertärer Internatsinsassen sind nicht unbedingt mein Metier. Das fiel mir schon bei Tschick auf, der sich geradezu locker runter lesen lässt, was man von dem 780 Seiten starken Schwergewicht Paul Murrays, der die Träume und Albträume seiner Protagonisten auf drastische Weise schildert, schwerlich sagen kann. Der Roman wird zwar mancherorten als äußerst kurzweilig gelobt, für meinen Geschmack weist er jedoch deutliche Längen auf.
Die Geschichte spielt in einem katholischen Internat Dublins zu Zeiten der Finanzkrise. Die Schülerschaft spiegelt das übliche Bild männlicher Jugendlicher während das Lehrerkollegium ältere Priestern und halbherziges Personal aufweist. Einer seiner jüngeren, weltlichen Mitglieder ist der ehemalige Banker Howard. Aus seinem alten Job gefeuert, unterrichtet er nun an seiner einstigen Schule Geschichte. Es gelingt ihm kaum sich und seine Themen durchzusetzen, woran nicht nur der vermeintlich dröge Stoff und seine uninspirierte Vermittlung, sondern auch sein Ruf als „Howard the Coward“, Howard Hasenherz, zählt. Wie er zu diesem Spottnamen kam, erschließt sich im Lauf des Romans. Erst als Howard von einer schönen Fee, einer ebenfalls aus dem Bankenmilieu in die Schule geratenen attraktiven Aushilfskraft, einen entscheidenden Lektüretipp erhält, erfahren sowohl er wie die Schüler einen Motivationsschub.
Von den Schüler, die alle von Pubertätsnöten geplagt werden, leidet der traurige Skippy besonders. Traumatisiert durch die schwere Krankheit seiner Mutter herrschen zwischen ihm und seinem Vater Sprachlosigkeit. Nöte, die die Lehrer nicht erkennen können, weil sie zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind. So sind auch all die anderen Jungs auf sich alleine gestellt, das dicke Genie, der Minimacho italienischer Abstammung, die ritalinverseuchten Unterstufenschüler, die sozial benachteiligten Pausenhofdealer. Ihre weiblichen Altersgenossen in der vis-à-vis gelegenen Nonnenschule haben es nicht leichter. Sie hadern mit ihrem Äußeren bis zur Magersucht, sind sexuellem Druck ausgesetzt, intrigieren gegeneinander. Auch sie finden bei den Erwachsenen keinen Halt.
Paul Murray, dessen Roman mit dem Tod seines Helden einsetzt, erzählt nicht nur dessen Martyrien, zu denen auch eine Lovestory gehört, sondern er schildert vor allem ein Drama von Gruppenzwang, Schuld und Heuchelei. Aus verschiedenen Perspektiven erfährt der Leser von Vernachlässigung und Erpressung, von debilen Direktoren, denen der Ruf der Schule über alles geht, von Müttern, die ihre Töchter anstatt mit Zuwendung mit einem Friseurbesuch trösten, von dummen Sportlehrern und vermeintlich feigen, aber eigentlich ganz schön mutig schlauen Geschichtslehrern, von pädophilen Priestern, kurz von persönlicher und gesellschaftlicher Krise.
Das geht, wie die Aufzählung zeigt, nicht ohne die üblichen Klischees zu bemühen. Vielleicht liegt es daran, vielleicht auch an der Länge des Buches, ganz bestimmt aber liegt es an mir, daß er mir nicht ganz so gut gefallen hat. Der Roman war mir zu lang und mir fehlte die Identifikationsfigur. Alleine Howard fühlte ich mich manchmal nahe, besonders bei seiner Lektüre von Robert Ranke-Graves, Goodbye to All That , über dessen Erlebnisse im 1. Weltkrieg. Mit Die Weiße Göttin
zitiert Murray noch ein weiteres empfehlenswertes Buch dieses Schriftstellers.
Für Jugendliche und allen anderen, die noch mit der Schule leben, kann dieser Roman eine lohnende Lektüre sein. Denjenigen, die davon nichts mehr wissen wollen, seien die Bücher von Robert Ranke-Graves ans Herz gelegt.
Die Alters-Sex-Lüge
In “Der letzte Geschlechtsverkehr” beklagt Helke Sander die ungerechte Rollenverteilung
„Für Leute in ihrem Alter gab es den Ausdruck „Jenseits von Gut und Böse“. Früher, vor noch nicht allzu langer Zeit, sagte man das schon von Vierzigjährigen.“
Die Filmemacherin und Autorin Helke Sander,„gebildete Mitteleuropäerin der Mittelklasse“ und „Teilnehmerin am sexuellen Aufbruch“, hat ein Buch über den letzten Geschlechtsverkehr und andere Aussichten aufs Altern verfasst. Ihre jeweiligen Geschichten sind ebenso abwechslungsreich wie ihre Protagonistinnen. Diese sind auf der Suche nach Sex, lauschen Tantratönen, sinnieren über existentielle Einsamkeit und allmähliche Triebverflüchtigungen.
Die Heldin der ersten Geschichte arbeitet als Bibliothekarin. Sie möchte gerne einen Mann kennenlernen, was ihr im behauptet männerfernen Buchmilieu kaum gelingen will. Da nützen auch keine Lesungen über Schwarzwaldsurvival oder ähnliche vermeintlich männeraffine Themen. Sie greift in ihrer Not schließlich zum allerletzten Mittel und antwortet gänzlich unromantisch auf eine Annonce. Was dann geschieht, erzählt Sander kurzweilig und nicht ohne Selbstironie und zum Glück nicht ganz aus. Aber?
Wie es der Leseteufel will wurde mir einige Tage zuvor der Roman „Alte Liebe“ von Heidenreich und Schroeder zugesteckt. Auch hier leitet die Protagonistin eine Bücherei und organisiert Lesungen. Einen Mann hat sie zwar zu Hause sitzen, mit dem ist es aber nicht mehr sehr aufregend. Als die beiden ihre alte Liebe neu entdeckten, war’s bambusblütengleich dann auch bald vollkommen aus und vorbei. Erstaunt hat mich die Häufung von Klischees in diesen beiden themennahen, aber in Stil und Anspruch doch sehr unterschiedlichen Werken.
Sander dringt tiefer in das Sujet ein. Ihr Hauptanliegen ist die Situation der älteren, meist alleinstehenden Frau, die versucht ihre nicht nur körperliche Einsamkeit zu bewältigen. Oft erinnern die neun Geschichten des 144 Seiten zählenden Bandes an die Fallbeispiele der Ratgeberliteratur. Verstärkt wird dies durch die meist nur mit Initialen bezeichneten Figuren. Die titelgebende Erzählung überzeugt mit einer differenzierten Sicht auf die von den Medien propagierte Anti-Aging-Sexualität und die Selbstbestimmung des Einzelnen. Doch nicht in allen Geschichten stehen diese Aspekte im Vordergrund.
Wir lesen auch von einer couragierten Alten, –sofort erscheint Inge Meysel in der Rolle-, die selbstbewusst und voller Chuzpe den Rollator-Rambo gibt. In einer der letzten Geschichten verbringen zwei alternde Hochschuldozenten ihre Erste Klasse Bahnfahrt bei Wein und Schummerlicht und beklagen die mangelnde Orthografiefestigkeit und sexuelle Abgeklärtheit ihrer Studenten. Früher war alles besser.
Vielleicht sind diesem kulturpessimistischen Credo auch die übrigen Beziehungsgeschichten geschuldet. Wie zu Zeiten der Frauenliteratur erzählen sie von gescheiterten Ehen und bindungsunfähigen Männern. Überhaupt die Männer, hier bleibt kein Klischee ungenannt. Besonders stört mich, die immer wieder auftauchende Unterstellung alle Männer über 50 würden sich von ihren gleichaltrigen Partnerinnen trennen und sich den schon begierig auf sie wartenden jungen Frischen zuwenden. Das hat weder etwas mit Frauenbewegung und schon gar nichts mit Frauensolidarität zu tun.
Nichtsdestotrotz habe ich Sanders Buch nicht ohne Vergnügen gelesen und dachte an die gute alte Zeit, als alle Männer noch per naturam unzulänglich waren.
Abschied von Onkel Paul
Küchengespräche unter Schwestern in Gila Lustigers neuem Roman “Woran denkst du jetzt
”
„Sie hatte ein Geschick dafür entwickelt, sich von dem Sinn nicht behelligen zu lassen, und dass sie nach einer guten halben Stunde immer noch nicht herausgefunden hatte, worum es eigentlich ging, bereitete ihr Vergnügen.“
Der Leser verbringt womöglich mehr Zeit mit weniger Vergnügen, denn er läuft langsam an dieser Roman, der in einer Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von Onkel Paul. Seine beiden Nichten sind für diese Nacht in das Elternhaus zurückgekehrt. Dieses Haus hatte Paul vor Jahren seiner Schwester überlassen, als ihr Mann sie verließ und sie mit ihren beiden Töchtern eine Bleibe suchte. Onkel Paul war seitdem immer für sie da, in den letzten Monaten seines Krebsleidens hingegen kümmerten sie sich um ihn. Er wollte seine letzte Zeit mit ihnen verbringen, nicht mit seiner Frau, mit der er jahrzehntelang verheiratet war. Doch warum?
Dies ist eine der Fragen, die sich Lisa und ihrer Schwester Tanja in diesen Stunden stellen, den Stunden der Totenwache, die sie in der Küche des Hauses verbringen. Sie reden und streiten und stürzen sich mit dem ewigen „Woran denkst Du jetzt?“ in ihren eigenen Vergangenheitsfilm. Durch dieses alternierende Prinzip führt Gila Lustiger die jeweiligen Erinnerungen der unterschiedlichen Schwestern ein. So erlebt der Leser das Familiengeschehen einmal in der Analyse der Psychodramatherapeutin Lisa, dann aus der Sicht der pragmatischen Bankmanagerin Tanja. Lisa, das Empathiegenie, und Tanja, das Organisationstalent. Tanja, die sich ihre Probleme selbst macht und diese auch selbst lösen will. Lisa, die die Probleme anderer lösen möchte. Beide sind „wahre Meisterinnen im Darüberhinwegkommen“ damals wie heute.
Nachdem Tanjas Zeit im Ausland sie auch innerlich voneinander entfernt hatte, scheinen die Schwestern sich in diesen Stunden wieder anzunähern. Doch sie reden nicht miteinander, sie sinnieren nebeneinander über ihr Leben. Vor allem darüber, welche Rolle Onkel Paul darin spielte. Dieser erscheint als dandyhafter Zampano, der immer genau wusste, was gut und richtig war, und sie mit opulenten Geschenken und Lebensweisheiten überhäufte. Die Erinnerungen entlarven ihn schließlich als Manipulator.
In dieser psychologisch nicht uninteressant konstruierten Familiengeschichte vermisst der Leser jedoch lange das Motiv. So folgt man über die Hälfte des Romans geduldig den Erinnerungen und, da immer noch kein Geheimnis in Sicht, beginnt man bald sich selbst eines herbei zu spinnen. Schließlich zeigt sich weder Missbrauch, noch Inzest sondern ein banaler Ehebruch als causa scribendi. Dieser bestimmt folgenreich das Beziehungsgeflecht der Personen bis zum Tode von Onkel Paul, den man vielleicht in zweifacher Hinsicht als Hauptschuldigen bezeichnen könnte. Er hatte einst den künftigen Ehemann seiner Schwester als Freund ins Haus gebracht und viele Jahre später die Ehe durch seine Indiskretion zerstört. Weitere Geständnisse folgen und erlauben den Schwestern zu verzeihen, sich selbst und einander, und schließlich auch den Tod ihres Onkels zu betrauern.
Leider verfolgt dieser Roman die Frage nach Schuld und Verantwortung nicht intensiver und endet hoffnungsvoll milde. Dabei erzählt Gila Lustiger ihre Geschichte eines Verrats in einem durchaus anspruchsvollen Konstrukt aus Gefühlen und Erinnerungen, was den großen psychologischen Reiz ausmacht.
Manches trübte jedoch mein Lesevergnügen. Der Autorin gelingt es nicht immer die beiden charakterlich doch so verschieden angelegten Schwestern deutlich voneinander abzugrenzen. Besonders in der wörtlichen Rede ist oft nicht eindeutig auszumachen, welche Person spricht. Noch störender empfinde ich die sehr umgangssprachliche Formulierung einiger Sätze, die dadurch oft unklar und missverständlich sind. Wenn man jedoch darüber hinweg zu lesen vermag, öffnen sich für den an familiären Konstellationen Interessierten intensive Einblicke in eine nicht immer einfache Schwesternbeziehung.
Zum Schluss noch eine Bemerkung zur Gestaltung. Die Fußzeile ist ziemlich breit, während die Kopfzeile und die Randbereiche sehr schmal bleiben, in Kombination mit dem weiten Zeilenabstand empfinde ich das als unschön. Inkonsequent wirkt, daß im ersten Kapitel die erinnerten Gedanken kursiv erscheinen, dies jedoch im Folgetext nicht weitergeführt wird. Dafür gibt es als hübschen und zugleich nützlichen Ausgleich ein bordeauxrotes Lesebändchen.
Mythos Kilimandscharo
Koloniales Wettklettern
Mit ihrem im Wagenbach-Verlag erschienenen Buch „Kilimandscharo“ legen die beiden Autoren, der Germanist und Historiker Christof Hamann und der Literaturwissenschaftler Alexander Honold die „deutsche Geschichte eines afrikanischen Berges“ vor.
In zehn Kapiteln stellen sie die verschiedenen Aspekte der Faszination heraus, die dieser Berg von der Antike bis in die heutige Zeit ausübt. Wie der Berg als Mikrokosmos verschiedenste Bedürfnisse vereint, Natur– und Selbsterfahrung, die Sehnsucht nach dem Ideal und die Abkehr von der Zivilisation zeigt das Anfangskapitel. Der symbolische Gehalt mythischer Bergphantasien, sei es nun der Olymp oder der Parnass, der eine Sitz der Götter, der andere Hain der Musen, werden ebenso wie Dantes Läuterungsberg berücksichtigt. Die im 18. Jahrhundert sich ausbildende Stilisierung der Alpen zum „Hochgebirge der Empfindsamkeit“ zeigen die Autoren anhand der Spuren von Albrecht von Haller und Jean-Jacques Rousseau. Als weitere Pioniere der Entdeckerlust bleiben selbstverständlich auch Francesco Petrarca und Alexander von Humboldt nicht ungenannt.
Das zweite Kapitel führt in die Vorgeschichte des „Schneeberges“ ein. Mythen, aber auch geographische Beobachtungen, die in der antiken Überlieferung von Herodot bis Ptolemaios von Alexandria fassbar sind, werden einander gegenübergestellt und durch anekdotenhaft anmutende Berichte antiker Expeditionstrupps ergänzt.
Welche Rolle das Prestige eines Erstentdeckers gerade während des „Run of Africa“ einnimmt zeigt das dritte Kapitel. Geographie wurde zwar weniger als Wissenschaft denn als Feuilletonthema wahrgenommen, dennoch war das Interesse gerade am unentdeckten afrikanischen Kontinent enorm. Mit Spannung verfolgte das deutsche Lesepublikum in zahlreichen Publikationen wie „Die Gartenlaube“ und „Westermann’s Monatshefte“ den Wettlauf zu den Quellen des Nigers. Beliebte Lektüre waren auch die Berichte deutscher und englischer Missionare, die auf ihren Wegen zu den „Ungläubigen“ bis in unbekannte Regionen vordrangen. So berichteten die Missionare Johannes Rebmann und sein Kollege Johann Ludwig Krapf über ihre Unternehmungen im Church Missionary Intelligenzer. Sie beschrieben als erste neuzeitliche Europäer einen Schneegipfel in Äquatornähe. Doch das trug den Missionaren mehr Spott als Anerkennung ein. Der englische Gelehrte William Deborough Cooley wirft ihnen überbordende Phantasie und Unprofessionalität vor und verwies hämisch auf die Kurzsichtigkeit der beiden Brillenträger.
Dass nicht nur geographische Neugier und religiöses Sendungsbewußtsein, sondern auch kolonialpolitischer Ehrgeiz bei der weiteren Erforschung Afrikas und insbesondere des Kilimandscharos eine Rolle spielten, schildern die Autoren im Folgenden. „Die Besteigung des Schneeberges bleibt ein wichtiges wissenschaftliches und politisches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erstbesteigung des Kilimandscharo–Gipfels Kibo eine Unterdisziplin im „Wettlauf um Afrika“. Neben den Deutschen Carl Claus von der Decken, Eduard Vogel und Gustav Adolf Fischer traten die Briten Joseph Thomson und Harry Johnston an. Alle scheiterten. Erst Hans Meyer und Ludwig Purtscheller erreichten 1889 im dritten Anlauf den Gipfel und machten ihn mit Deutscher Flagge und einem dreifachen Hurra zur Kaiser-Wilhelm-Spitze und damit zum höchsten Berg Deutschlands. In Meyers Darstellungen zeigt sich die große Faszination, die der Kilimandscharo ausübte, das schneebedeckte Hochgebirge in Äquatornähe, seine singuläre Erhebung in der Landschaft, der wolkenverhangene Gipfel und seine unterschiedlichen Klimate und Vegetationszonen. Wie die geschickte mediale Präsentation den Berg im fernen Afrika zu einem Symbol deutschen Nationalstolzes werden lässt, zeigen die Autoren in den nachfolgenden Kapiteln. Seien es nun die umfassende literarische Rezeption, unter denen Jules Vernes Fünf Wochen im Ballon
das populärste Beispiel darstellen mag, oder die Auswirkungen auf die Werke der Bildenden Künste. Besonders deutsche Künstler trugen dazu bei, daß kolonialromantische Sehnsüchte noch lange nach Ende der kurzen deutschen Kolonialphase weiterlebten. Und das bis heute, wie Fernsehdramoletts vor der Kulisse des Kilimandscharo beweisen.
Die beiden Wissenschaftler, die sich selbst als Flachlandautoren bezeichnen, und doch mitunter bei gemeinsamen Bergwanderungen die Konzeption ihres Buches diskutierten, bieten vielfältige Aspekte des berühmtesten Berges Ostafrikas. Sie analysieren die koloniale Geschichte des Gipfels und werfen zudem einem Blick auf die kulturelle Bedeutung des Bergsteigens und die Motive der Akteure. Dem Leser öffnet sich so die historische aber auch die literarische Perspektive.
Zahlreiche Abbildungen und ein ebenso nützlich wie ausführlicher Anmerkungsapparat ergänzen diesen Band aus der schön gestalteten kulturgeschichtlichen Reihe des Wagenbach-Verlages.
Zur Rolle Rebmanns und Krapfs als erste europäische Schneegipfel-Boten sei folgende Begebenheit ergänzend erzählt. Es war nicht nur der Brite Beke, wie Hamann und Honold berichten, der die Aussagen von Rebmann und Krapf ernst nahm. Die in den neugegründeten geographischen Zeitschriften „Petermanns Mitteilungen“, Globus“, „Zeitschrift für allgemeine Erdkunde“ heiß diskutierten Schneeberge setzten die beiden derart in den Fokus, daß ihnen zu Beginn des Jahres 1851, wie Jochen Eber in seiner Biographie über Krapf berichtet, eine Audienz bei Friedrich-Wilhelm IV. gewährt wurde. Dort schilderten sie ihre Entdeckungen den preußischen Gelehrten Carl Ritter und Alexander von Humboldt, worauf sich letzterer „wie ein kleines Kind über ein neues Spielzeug“ gefreut haben soll (Eber, S. 148).
Zen oder die Kunst sich schweigend zu verlieben
Prolog
Um es vorweg zu sagen, dieser Autor begleitet schon seit langem mein Leseleben. Die Bekanntschaft begann mit der römischen Goethe-Historie „Faustinas Küsse“. Es folgten die übrigen dieser Trilogie, „Die Nacht des Don Juan
“ und „Im Licht der Lagune
“. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich auch andere alte und neue Bücher Ortheils gelesen. So auch nach „Die große Liebe
“ und „Das Verlangen nach Liebe
“ den letzten Band seiner Liebestrilogie „Liebesnähe
“.
Fast eben solange stellt sich mir die Frage, was mir an seinen Büchern denn nun so gefällt. Sicher ist es die Liebe zu Italien, vielleicht auch eine gewisse romantische Melancholie. Bisher war ich, abgesehen von einigen Eitelkeiten des erwachsenen Johannes in „Die Erfindung des Lebens“ und von stärkeren Arroganzen in Ortheils Romführer immer angenehm angetan.
Sich schweigend verlieben als Performance
„Wer ist diese Schwimmerin“ mit diesem Notat läutet Hanns-Josef Ortheil ein, was der Titel seines neuen Romans „Liebesnähe“ bereits vorweg nimmt.
Behutsam entwickelt der Autor die Annäherung zweier sich zunächst unbekannter Einzelgänger, die anscheinend zufällig im alltagsfernen Milieu eines einsam gelegenen Luxushotels einander bemerken. Der Schriftsteller Johannes Kirchner und die Installations-Künstlerin Jule Danner vermeiden zunächst direkte Begegnungen und bevorzugen sich aus der Distanz zu entdecken. Kleine Botschaften, die Ahnungen bestätigen, gehen traditionell als Zettel oder modern als SMS hin und her und führen schließlich zum Gegenüber. Diese Bewegungen aufeinander zu werden äußerst vorsichtig ausgeführt, ein kunstvoller Balztanz, dessen Choreografie mal den Inszenierungen der Videokünstlerin mal den Einfällen des Schriftstellers folgt.
Nur eines findet niemals statt, das gesprochene Wort. Dieses richten beide jeweils separat an Katharina, die die kleine Buchhandlung des Hotels führt. Sie berät ihre Kunden nach deren Befindlichkeit und führt außer dieser Literaturtherapie nur Bücher im Sortiment, die ihr persönlich gut gefallen. Sie unterhält zu Beiden eine ganz besondere Beziehung, man könnte sie als mütterliche Freundin bezeichnen. Die Details der Personenkonstellation offenbart der Autor erst nach und nach langsam voranschreitend wie in einer Zen-Meditation. Überhaupt gibt es viel Japanisches. Literarische Inspiration bietet das Kopfkissenbuch der Sei Shōnagon. Japanische Trommeln und Bambusflöten, Kimono, Tusche, Tee und Kamasutra ergänzen das Ambiente.
Als wechselseitige Sicht seiner beiden Hauptpersonen komponiert Ortheil seinen Roman. Mal kommentiert Johannes, mal Jule ihr aufeinander Zugehen. Das so zweimal das Gleiche aus dem jeweils anderen Blickwinkel erzählt wird, macht den Reiz der Idee aus. Wenn jedoch Ereignisse wie die berühmte Performance der Künstlerin Marina Abramović, die als Vorlage für eine Begegnung dem Leser mehrfach erklärt werden, wirkt dies redundant.
Was ich an diesem Buch sehr mag
Wie Hanns-Josef Ortheil genaue Wahrnehmung und Beschreibung in Sätze verwandelt. Er beherrscht diese Fähigkeit so gut, daß der Leser sich sofort in das Ambiente seiner Romane hineinversetzt fühlt. Landschaften und Räume, Natur und Interieur, Gaumen– und Lesefreuden stellt er auf diese Weise zum unmittelbaren Nachvollzug dar.
Wie rücksichtsvoll die Personen miteinander umgehen und wie empathisch Ortheil Gefühle zu schildern vermag.
Wie er die Lust und die Inspiratonskraft von einsamen Spaziergängen darstellt. Bewegung bewegt auch den Geist. Das mit sich Alleinsein lässt Raum für Kreativität.
Wie Natur und Kunst in ihren verschiedenen Formen miteinander in Einklang gebracht werden.
Was ich an diesem Buch überhaupt nicht mag
Wie die Wahl des Milieus das Geschehen weit über das normale Leben habt, ein eskapistischer Wunderort inmitten saftig grüner Almen, wo sogar Toastbrotscheiben stundenlang frisch geröstet bleiben.
Wie dadurch das Schlosshotel Elmau, unverkennbares Vorbild dieses Paradieses, als ein Ort irdischer Verheißungen beworben wird.
Wie die Rollenebenen gewahrt werden. Die Künstler bleiben weltfern. Die Hotelangestellten dienen als gute Geister und werden von oben herab charakterisiert. Die übrigen Gäste sind lästige Geräuschkulisse. Katharina vermittelt zwischen allen und die junge Empfangsdame des Hotels seufzt der großen Künstlerliebe in fremden Laken nach.
Wie bei manchen Beschreibungen doch des Guten zu viel geboten wird. Der starke, gelbe Urinstrahl zählt nicht zu den Dingen, von denen ich gerne lesen möchte.
Wie der Leser belehrt wird über die richtige Art Sekt zu trinken (Wasserglas), authentisch Campari zu genießen (ohne Eis, dafür randvoll), über gute Würste (insbesondere die Milzwurst), über das richtige Frühstück, richtiges Speisen, den richtigen Zeitpunkt zu arbeiten und mehr.
Wie der Autor sein Buchkonzept erklärt „eine erotische und beinahe unerträgliche Spannung, die auf einer streng eingehaltenen Distanz der beiden Liebenden basiert“ (S. 129).
Fazit
Weniger Eitelkeit wäre mir lieber gewesen und auch mehr Achtsamkeit. Damit nicht aus blondem Haar mit roten Spitzen am Ende blondes Haar mit roten Ansätzen wird, und aus einem hellgrünen Bademantel innerhalb von drei Seiten ein dunkelgrüner.
So weit, so gut. Vielleicht kommt ja nochmal ein Roman wie „Hecke“ oder „Moselreise“ oder etwas Historisches.
Rätselhaft bleibt mir zuletzt noch die Abbildung auf dem Schutzumschlag. Die dunkelhaarige Schöne kann weder die blonde Jule noch die japanische Hofdame sein.
Wer ist die Dargestellte?
Noch einen Tag und eine Nacht — Wortschatzbildung mit Fabio Volo
“Il giorno in più
” — Letteratura gallina di un galletto
Ob dieses Buch mit dem deutschen Titel Noch ein Tag und eine Nacht hier auf meiner Seite einen Platz finden wird, habe ich mich lange gefragt. Es ist zwar kein Romanzo rosa, ein italienischer Heftchenroman, aber unbestreitbar ein Romanzo sentimentale.
Giacomo, Turiner, Single um die 30, sieht eines Morgens eine Unbekannte in der S-Bahn. Er ist fasziniert, sie tauschen Blicke und ein Lächeln. Zu einem Kontakt kommt es jedoch nicht. Giacomo, der sonst schnell einen Spruch für eine Frau findet, ist sich selbst ein Rätsel. Auch die aufmunternden Ratschläge seiner Freundin Silvia ermutigen ihn nicht. So lebt er über Wochen für dieses stumme Rendezvous am Morgen, das nur einige Haltestellen dauert. Eines Tages jedoch spricht Sie ihn an, Michela. Und bei einem Kaffee in der Bar, stellt sich heraus, daß dieses erste Treffen wohl auch das letzte bleiben wird. Michela verlässt die Stadt, sie hat eine neue Arbeitsstelle in New York gefunden.
Was sich wie der kitschige und banale Plot einer Storia d’Amore anhört, erzählt Fabio Volo auf ungewöhnliche Weise und durchaus spannend. So kam ich rasch einige Seiten weiter und zu der Erkenntnis, daß das Buch mehr zu bieten hat. Giacomo erweist sich als Mann, der über sich selbst nachdenken und über Gefühle sprechen kann. Sonst wäre er auch kaum mit Silvia befreundet, einer einstigen Affäre, die sich aber bald in eine beste Freundin verwandelte. Die Beiden beraten sich gegenseitig in ihren Liebesquerelen, was neben allem Wahren und Allgemeinem auch amüsante Momente hat. Ernster und melancholischer wirken Giacomos Erinnerungen an die schwierige Beziehung seiner Eltern, und ebenso die Scham über einen kleinen Betrug unter Kindern. Wir wären nicht in Italien, gäbe es nicht auch eine Nonna. Von dieser geliebten Großmutter, deren Beine stärkere präkognitive Fähigkeiten haben als die Madonna, hat Giacomo Einiges zu erzählen.
Wie Giacomo und Michela ihr Rendezvous fortsetzen, sei hier nicht verraten. Nur soviel, wer plant sich in italienische Liebesabenteuer zu stürzen, ist am Ende des Buches für alle Situationen sprachlich präpariert.
Gedacht als leichte Lektüre, um mein Italienisch aufzupolieren, erwies sich Fabio Volos Romanzo als gut lesbare Unterhaltung. Und zudem als Lehrstück in kultureller Differenz, ist mir in meinem Leben als Frau und in meinem Leben als Leserin doch selten jemand begegnet, der so einfühlsam seine inneren Vorgänge schildert ohne seine vielfältigen Unzulänglichkeiten zu verbergen. Die Storia d’amore ist nicht glatt und oberflächlich, sondern wird durch oft skurrile Ansichten und Beobachtung gebrochen. Manchmal gibt es genrebedingt natürlich auch ein wenig Kitsch und Klischee.
Aber allen, die eine gefühlvolle Liebesgeschichte aus männlicher Sicht lesen wollen, sei dieser Roman empfohlen. Allen Italienischamateuren sowieso.
Wer hineinschnuppern möchte, lese das erste Kapitel. Wer keine Lust zu lesen hat, warte auf den Film, der in Italien im Dezember ins Kino kommt. Der Autor spielt übrigens die Hauptrolle.
Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten
Fluch und Trost der Gospa erfährt Thomas Glavinic in „Unterwegs im Namen des Herrn“
„Wer nach Medjugorje fährt und auf keinen der Berge geht, der STOLPERT IM LEBEN– UND FALLT.“ (S. 77)
Begeistert vom Selbstbespiegelungssarkasmus auf den Literaturbetrieb, den Glavinic in seinem 2007 erschienenen Roman „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu seinem neuen Buch. Schon der Titel „Unterwegs im Namen des Herrn
“ verspricht eine ähnlich amüsante Annäherung ans Pilgermilieu. Denn, um es ehrlich zu sagen, dieses postmoderne Pilgern, das mit dem Hape-Hype seinen Höhepunkt aber leider nicht Endpunkt erreicht hat, ist fad. Die Pilgerbücher sind Legion, wir brauchen ein Antidot, wie Jean-Dominique Baubys Schilderungen
des Souvenirwahns in Lourdes oder der Film
der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner.
Glavinic findet Lourdes zu teuer, weshalb er sich begleitet von Freund und Fotograf Ingo nach Medjugorje aufmacht. Die Beiden pilgern nicht per pedes, sondern werden in einer frommen Busladung nach Bosnien-Herzegowina verfrachtet. Ein Bus voller Pilger, die sich die vierzehnstündige Fahrt mit Beten und Fasten, mit Heiligenlegenden und Erweckungsgeschichten zu verkürzen suchen, kann zur Tortur werden. Beim ungläubigen Thomas und dem um nichts frömmeren Ingo löst sie eine unstillbare Sehnsucht nach Schlaf, nach Aufputsch– und Betäubungsmitteln aus. Und doch, schon im ersten Abschnitt der Reise fällt dieser Bericht nicht ganz so bissig böse aus, wie es die Leserin erwartet. Spätestens nach der Ankunft in Medjugorje wird klar, daß es nicht nur darum gehen wird, die Absurditäten des Pilgerparadieses aufzudecken. Glavinic, der aufgeklärte Atheist, scheitert an den Verteufelungen der Annalinda Antilopa, Nonne. Darauf hätte er gefasst sein können. Er reagiert mit Abscheu und Angina, erliegt fast einer Annalinda Hypochondria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Leser bringt er so um weitere Einblicke in örtliche Kulte und Rituale. Dennoch schildert der Geplagte flott und unterhaltsam seine Erfahrungen. Glavinic gibt Tipps wie man in Pilgerherbergen gegen die nächtliche Ausgangssperre revoltiert und glänzt mit einer gehörigen Portion Apothekerwissen. Etliche Xanor und andere Pillen weiter, mit Niedrig– und Hochprozentigem runtergespült, ist es dann mit der halbherzigen Pilgerei vorbei. Schriftsteller und Fotograf verlassen den Ort des gläubigen Irrsinns, um sich vom verrückten Vater zum nächsten Flug bringen zu lassen.
Nur ein Nachtquartier fehlt und dieses finden sie schließlich bei einem Mann, dessen Art und Anwesen nach dubiosen Geschäften riecht. Es folgt eine durchgeknallte Nacht, anstrengend für den kranken Autor wie für die Leserin. Aberwitzigen Trost spenden einzig die Zettelbotschaften aus Medjugorje. Sind Krankheit und Chaos tatsächlich der Fluch der Gospa, den der Kappenmann den ungläubigen Pilgern prophezeite?
Schließlich bringt ein turbulenter Rückflug die beiden Blues Brothers zum Ausgangspunkt ihrer Mission und an das Ende eines ebenso turbulenten Fastantipilgerbuches. Der Gospasegen ist aufgebraucht und einer Sache können wir ganz sicher sein. Bei Glavinic klingelt kein Glöckchen, nirgends.
Eine Leseprobe und zwei Videos finden sich beim Hanser-Verlag.
Das Kuscheltier des Philosophen
Sibylle Lewitscharoffs Trostgestalt mit Löwenmähne
„Am linken Ohr des Löwen zeigte sich ein kleiner Makel im Fell, offenbar eine Verletzung, die Blumenberg bisher noch gar nicht aufgefallen war.“ (S. 148)
Er „war dazu da, sein, Blumenbergs, Vertrauen in die Welt, zumindest bei Nacht, zu festigen.“ (S. 126)
Wer auf Artigo, einer kunsthistorischen Datenbank, die Stichworte Löwe und Hieronymus eingibt, erhält eine Vielzahl bildkünstlerischer Interpretationen dieses Sujets. Eine literarische legt Sibylle Lewitscharoff in ihrem Roman „Blumenberg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blumenberg (1920–1996), der als Philosoph an der Universität Münster lehrte, wird von ihr zum Heiligen stilisiert. Zu einem agnostischen Heiligen wohlgemerkt, der nicht an Bibeltexten, sondern an seinen eigenen Gedanken feilt. Dann eines Nachts im professoralen Gehäus, vulgo Arbeitszimmer, materialisiert sich ein Löwe, oder besser, er erscheint. Das Materielle bleibt fraglich, bis zum Schluss. Denn außer ihm nimmt kein anderer das Tier war, kein anderer normaler Mensch, eine Nonne ausgenommen, was dem literarischen Blumenberg und dem Leser zu Denken geben sollte. Oder besser zu Glauben?
Die Geschichte dieser Erscheinung ist gekonnt und vergnüglich erzählt. Im ersten Teil des Romans habe ich sie auch gerne gelesen. Dazu trug die Rätselei um die Vielzahl der literarischen und kunsthistorischen Zitate bei, die Fabulierkunst und der subtile Witz der Autorin. Besonders die Schilderung des Studentenmilieus der Achtziger und die vier studentischen Exempel laden ein zur Nostalgie. Ja, so war’s. Strebsam, verklemmte Studentenjünger, feministisches WG-Teetrinken, Kneipenbarden und Glückssucher. Auf den grünen Zweig schafft es nur einer, doch auch der beißt wie die anderen drei viel zu früh ins Gras.
Lewitscharoffs Blumenberg hingegen, dessen reales Vorbild übrigens etliche Miniaturen zum Löwen an und für sich verfasst hat, philosophiert ausführlich über seinen Löwen. Fünf entsprechend durchnummerierte Leokapitel erscheinen im Roman. Blumenberg, der in Realität doch eher der eigenen Philosophie als dem christlichen Glauben zugeneigt war, interpretiert die Erscheinung als Auszeichnung von OBen.
Das finde ich trotz aller dichterischen Freiheit fraglich. Mir persönlich würde es wenig gefallen, wenn ein Roman mich erwecken würde oder gar dazu verdonnern als fromme Nonne Klosterhecken zu stutzen. Aus diesem Grund fiel meine anfängliche Begeisterung zum Erde hin etwas ab. Klar, es gibt noch jede Menge Zitatenschätze zu entdecken. Von Platon bis Heidegger, alte und moderne Dichter, auch zeitgenössische Schriftstellerkollegen wie Mosebach und Genazino blitzen um die Ecke. Dies alles häuft sich zu einer sehr gelehrsamen Sache um am Ende den Weg aller Gläubigen zu gehen. In einer Höhle, gestaltet von Platon, Dante und Beckett, lagern die Verstorbenen des Romans, unter ihnen der Philosoph mit seinem Begleiter. In diesem Wartezimmer nach OBen vollzieht sich schließlich eine mystische Transformation, die allen esoterisch Aufgeschlossenen viel Freude machen mag.
Ob auch „Blumenberg, Sohn einer Jüdin,…, katholisch getaufter Agnostiker, der in der Zeit der Not, als keine Universität ihn aufnahm, einige Semester am Frankfurter Jesuitenkolleg,…, hatte studieren dürfen und nie aus der Kirche ausgetreten war“ (S. 87) sei dahin gestellt.
Vorsorglich entschuldigt sich die Autorin in ihrem Nachwort beim Verstorbenen. Das bringt mir das Buch wieder näher. Auch nimmt sie sich nie vollkommen ernst. Und den Löwen, Blumenbergs Trost– und Heilsbringer schon gar nicht. Der war vielleicht doch nur ein übergroßes Kuscheltier, in Trostangelegenheiten somit bestens versiert.
Sibylle Lewitscharoff erhält für ihren Roman den diesjährigen Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.
Zudem war sie auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises vertreten.