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Sex an Drugs and Boring School

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Nachts wer­den wir erwach­sen – Ben Brooks neuer Roman über die Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien der heu­ti­gen Jugend

„Ich höre, dass Die Ant­wo­ord im Wohn­zim­mer läuft. Die Ant­wo­ord ist Rap aus Süd­afrika. Sie sagen Sachen wie „next-level shit“. In der Berufs­be­ra­tung wollte ich das in mei­nem „Erwar­tun­gen für die Zukunft“-Fragebogen schrei­ben. Ten­aya sagte, wenn ich das täte, würde die Berufs­be­ra­te­rin den­ken, ich hätte LSD genom­men, und Mum anru­fen. Ich nickte und schrieb statt­des­sen „Mode­ra­tor beim Kinderfernsehn“.

Ist dies nun die bri­ti­sche Ant­wort auf „ Axo­lotl Road­kill“, oder bes­ser auf „Strobo“, oder sollte man den vier­ten Roman des 19-jährigen Bri­ten Ben Brooks als Nach­fol­ger von „Der Fän­ger im Rog­gen“ betrach­ten? Auf Houl­den Cow­field bezieht sich der Erzäh­ler Jas­per selbst am Ende des Romans. Doch zunächst schil­dert er Tage und vor allem Nächte, in denen er die Schwie­rig­kei­ten der Puber­tät auf Par­tys weg fei­ern will. Zahl­rei­che Betäu­bungs­mit­tel und sexu­elle Kon­takte sind die Bestand­teile eines sich Suchens und noch lange nicht Fin­dens. Doch diese Erfah­run­gen der Nacht för­dern die Erkennt­nis eher als das Leben am Tag. Die­ses ist bei Jas­per wie bei sei­nen Freun­den geprägt durch feh­lende elter­li­che Prä­senz und die Flucht in Wahn– und All­machts­phan­ta­sien. Der Schul­be­such erscheint als über­flüs­sige Pflicht, ad absur­dum geführt von ahnungs­lo­sen Leh­rern, deren päd­ago­gi­sche Nichts­nut­zig­keit noch von einem völ­lig deplat­zier­ten Rek­tor über­trof­fen wird.

Da hilft nur noch die beste Freun­din, um sich den Bedro­hun­gen des All­tags zu erweh­ren. Gemein­sam mit Ten­aya schmie­det Jas­per zwei Pläne, die Mör­der­ver­gan­gen­heit von Keith, dem neuen Lebens­ge­fährte sei­ner Mut­ter, zu ent­lar­ven und Geor­gia Tre­e­ley zu verführen.

Nach den ers­ten Sei­ten wollte ich das Buch zunächst nicht wei­ter lesen. Schon wie­der so ein Puber­täts­ro­man. Nach den noch nicht so lange hin­ter mir lie­gen­den 780 Sei­ten von „Skippy stirbt“, fühlte ich mich daran über­sät­tigt und viel­leicht auch ganz ein­fach zu alt. Doch dann hat mich der Humor des Erzäh­lers gepackt und haben mich Par­ties, Por­nos , Pickel, und ja auch hier Pries­ter, nicht nur ertra­gen las­sen, son­dern sogar amüsiert.

Eine Milieu­stu­die der Gene­ra­tion „I (don’t) like it“, in der Brooks sehr offen die Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien zeigt. Nicht ohne hin­ter all’ ihrem ver­meint­lich abge­klär­tem Gehabe auch die sen­si­blen See­len durch­schei­nen zu lassen.

„Man sollte in der Ober­stufe die Wahl zwi­schen posi­ti­ver und nega­ti­ver Psy­cho­lo­gie haben, denn bei unse­rer Art von Psy­cho­lo­gie lernt man vor allem was über Seri­en­mör­der und Schi­zo­phrene, aber ich würde lie­ber etwas über Ver­liebte ler­nen, und über Kin­der, die den Krebs besiegen.“

Es han­delt sich also um einen Jugend­ro­man, der trotz des nicht aus­ge­wie­se­nen Ver­merks „FSK unter 20“, auch von Erwach­se­nen  gele­sen wer­den darf. Eine Lek­türe, die etwas zu leh­ren ver­mag. Nicht nur mit wel­cher Frage, sich ein Zeuge Jeho­vas in die Flucht schla­gen lässt.

Genau genom­men ist das ganze Buch eine roman­ti­sche Lie­bes­ge­schichte und macht damit jedem Vam­pir­drama mit Leich­tig­keit Konkurrenz.

„Sex ist alles. Sex ist was für Wer­be­wände und Maga­zine. Es ist nichts, wes­we­gen man weg­wei­sende Ent­schei­dun­gen über das Leben tref­fen sollte. Sex sollte der Neben­ef­fekt von etwas ande­rem sein.“

Nachts wer­den wir erwach­sen“ ist authen­ti­sche Jugend­li­te­ra­tur. Das wäre mal ein Kan­di­dat für die Schullektüre.

Geschrieben von Atalante

21. Februar 2012 um 15:53

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Ein Buch — Viele Fragen

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Roman in Fra­gen” — ein lite­ra­ri­sches Expe­ri­ment von Pad­gett Powell

Besteht die­ses Buch wirk­lich nur aus Fra­gen? Wie liest man das? Ein gan­zes Buch lang? Über 185 Sei­ten? Das soll ein Roman sein? Gibt es einen Zusam­men­hang? Könnte es sein, daß ein Lite­ra­tur­lieb­ha­ber Inter­esse daran fin­det? Hält er es aus? Wird das nicht langweilig?

Wird einen die ewige Fra­ge­rei zum Nach­den­ken anre­gen? Oder ist das Ganze etwa eine Wei­ter­ent­wick­lung des Proust­schen Fra­ge­bo­gens? Wuss­ten Sie, daß der eigent­lich gar nicht von Proust ist? Will man über­haupt all’ die Ant­wor­ten auf diese Fra­gen wis­sen? Und wem möchte man wel­che Fra­gen stellen?

Sie wis­sen sicher, daß Fra­gen jede Menge Erin­ne­run­gen wecken? Dass man mit ihnen ganze Abende in einem Frage– und Ant­wort­spiel ver­brin­gen kann? Wäre das nicht eine Idee für die nächste Runde mit Freuden?

Suchen nicht auch Sie immer nach einer Ant­wort? Oder las­sen Sie sich gerne zum Lachen ver­füh­ren? Haben Sie schon mal auf einem Hau­fen so viele lus­tige, ein­fa­che, kom­plexe, absurde, inter­es­sante, ganz und gar pri­vate und auch noch nie gefragte Fra­gen gele­sen? Ja? Nein?

Hät­ten Sie nicht Lust ein sol­ches Buch zu lesen?

Der ame­ri­ka­ni­sche Autor Pad­gett Powell hat sich an einem „Roman in Fra­gen“ ver­sucht. Über­setzt wurde die­ses gelun­gene lite­ra­ri­sche Expe­ri­ment von Harry Rowohlt, der im Anhang einige Details für Nicht­ame­ri­ka­ner klärt. Das Buch erscheint im Blooms­bury Ver­lag, der ein­zelne Fra­gen twit­tert.

Geschrieben von Atalante

16. Februar 2012 um 11:36

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Pickel, Priester, Partydrogen

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Skippy stirbt, eine Inter­nats– und Gesell­schafts­kri­tik von Paul Murray

Zu die­sem Buch, wel­ches der Kunstmann-Verlag in einer biblio­gra­phisch auf­wen­dig gestal­te­ten Aus­gabe edi­tiert hat, habe ich mich von einem begeis­ter­ten Bücher­vo­gel über­re­den las­sen, denn Erleb­nisse puber­tä­rer Inter­nats­in­sas­sen sind nicht unbe­dingt mein Metier. Das fiel mir schon bei Tschick auf, der sich gera­dezu locker run­ter lesen lässt, was man von dem 780 Sei­ten star­ken Schwer­ge­wicht Paul Mur­rays, der die Träume und Alb­träume sei­ner Prot­ago­nis­ten auf dras­ti­sche Weise schil­dert, schwer­lich sagen kann. Der Roman wird zwar man­cher­or­ten als äußerst kurz­wei­lig gelobt, für mei­nen Geschmack weist er jedoch deut­li­che Län­gen auf.

Die Geschichte spielt in einem katho­li­schen Inter­nat Dub­lins zu Zei­ten der Finanz­krise. Die Schü­ler­schaft spie­gelt das übli­che Bild männ­li­cher Jugend­li­cher wäh­rend das Leh­rer­kol­le­gium ältere Pries­tern und halb­her­zi­ges Per­so­nal auf­weist. Einer sei­ner jün­ge­ren, welt­li­chen Mit­glie­der ist der ehe­ma­lige Ban­ker Howard. Aus sei­nem alten Job gefeu­ert, unter­rich­tet er nun an sei­ner eins­ti­gen Schule Geschichte. Es gelingt ihm kaum sich und seine The­men durch­zu­set­zen, woran nicht nur der ver­meint­lich dröge Stoff und seine unin­spi­rierte Ver­mitt­lung, son­dern auch sein Ruf als „Howard the Coward“, Howard Hasen­herz, zählt. Wie er zu die­sem Spott­na­men kam, erschließt sich im Lauf des Romans. Erst als Howard von einer schö­nen Fee, einer eben­falls aus dem Ban­ken­mi­lieu in die Schule gera­te­nen attrak­ti­ven Aus­hilfs­kraft, einen ent­schei­den­den Lek­tü­re­tipp erhält, erfah­ren sowohl er wie die Schü­ler einen Motivationsschub.

Von den Schü­ler, die alle von Puber­täts­nö­ten geplagt wer­den, lei­det der trau­rige Skippy beson­ders. Trau­ma­ti­siert durch die schwere Krank­heit sei­ner Mut­ter herr­schen zwi­schen ihm und sei­nem Vater Sprach­lo­sig­keit. Nöte, die die Leh­rer nicht erken­nen kön­nen, weil sie zu sehr mit ihren eige­nen Pro­ble­men beschäf­tigt sind. So sind auch all die ande­ren Jungs auf sich alleine gestellt, das dicke Genie, der Mini­ma­cho ita­lie­ni­scher Abstam­mung, die rital­in­ver­seuch­ten Unter­stu­fen­schü­ler, die sozial benach­tei­lig­ten Pau­sen­hof­dea­ler. Ihre weib­li­chen Alters­ge­nos­sen in der vis-à-vis gele­ge­nen Non­nen­schule haben es nicht leich­ter. Sie hadern mit ihrem Äuße­ren bis zur Mager­sucht, sind sexu­el­lem Druck aus­ge­setzt, intri­gie­ren gegen­ein­an­der. Auch sie fin­den bei den Erwach­se­nen kei­nen Halt.

Paul Mur­ray, des­sen Roman mit dem Tod sei­nes Hel­den ein­setzt, erzählt nicht nur des­sen Mar­ty­rien, zu denen auch eine Love­story gehört, son­dern  er schil­dert vor allem ein Drama von Grup­pen­zwang, Schuld und Heu­che­lei. Aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven erfährt der Leser von Ver­nach­läs­si­gung und Erpres­sung, von debi­len Direk­to­ren, denen der Ruf der Schule über alles geht, von Müt­tern, die ihre Töch­ter anstatt mit Zuwen­dung mit einem Fri­seur­be­such trös­ten, von dum­men Sport­leh­rern und ver­meint­lich fei­gen, aber eigent­lich ganz schön mutig schlauen Geschichts­leh­rern, von pädo­phi­len Pries­tern, kurz von per­sön­li­cher und gesell­schaft­li­cher Krise.

Das geht, wie die Auf­zäh­lung zeigt, nicht ohne die übli­chen Kli­schees zu bemü­hen. Viel­leicht liegt es daran, viel­leicht auch an der Länge des Buches, ganz bestimmt aber liegt es an mir, daß er mir nicht ganz so gut gefal­len hat. Der Roman war mir zu lang und mir fehlte die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Alleine Howard fühlte ich mich manch­mal nahe, beson­ders bei sei­ner Lek­türe von Robert Ranke-Graves, Good­bye to All That , über des­sen Erleb­nisse im 1. Welt­krieg. Mit Die Weiße Göt­tin zitiert Mur­ray noch ein wei­te­res emp­feh­lens­wer­tes Buch die­ses Schriftstellers.

Für Jugend­li­che und allen ande­ren, die noch mit der Schule leben, kann die­ser Roman eine loh­nende Lek­türe sein. Den­je­ni­gen, die davon nichts mehr wis­sen wol­len, seien die Bücher von Robert Ranke-Graves ans Herz gelegt.

Geschrieben von Atalante

30. Januar 2012 um 14:23

Die Alters-Sex-Lüge

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In “Der letzte Geschlechts­ver­kehr” beklagt Helke San­der die unge­rechte Rollenverteilung

„Für Leute in ihrem Alter gab es den Aus­druck „Jen­seits von Gut und Böse“. Frü­her, vor noch nicht allzu lan­ger Zeit, sagte man das schon von Vierzigjährigen.“

Die Fil­me­ma­che­rin und Auto­rin Helke San­der,„gebil­dete Mit­tel­eu­ro­päe­rin der Mit­tel­klasse“ und „Teil­neh­me­rin am sexu­el­len Auf­bruch“, hat ein Buch über den letz­ten Geschlechts­ver­kehr und andere Aus­sich­ten aufs Altern ver­fasst. Ihre jewei­li­gen Geschich­ten sind ebenso abwechs­lungs­reich wie ihre Prot­ago­nis­tin­nen. Diese sind auf der Suche nach Sex, lau­schen Tan­tra­tö­nen, sin­nie­ren über exis­ten­ti­elle Ein­sam­keit und all­mäh­li­che Triebverflüchtigungen.

Die Hel­din der ers­ten Geschichte arbei­tet als Biblio­the­ka­rin. Sie möchte gerne einen Mann ken­nen­ler­nen, was ihr im behaup­tet män­ner­fer­nen Buch­mi­lieu kaum gelin­gen will. Da nüt­zen auch keine Lesun­gen über Schwarz­wald­sur­vi­val oder ähnli­che ver­meint­lich män­neraf­fine The­men. Sie greift in ihrer Not schließ­lich zum aller­letz­ten Mit­tel und ant­wor­tet gänz­lich unro­man­tisch auf eine Annonce. Was dann geschieht, erzählt San­der kurz­wei­lig und nicht ohne Selbst­iro­nie und zum Glück nicht ganz aus. Aber?

Wie es der Lese­teu­fel will wurde mir einige Tage zuvor der Roman „Alte Liebe“ von Hei­den­reich und Schro­eder zuge­steckt. Auch hier lei­tet die Prot­ago­nis­tin eine Büche­rei und orga­ni­siert Lesun­gen. Einen Mann hat sie zwar zu Hause sit­zen, mit dem ist es aber nicht mehr sehr auf­re­gend. Als die bei­den ihre alte Liebe neu ent­deck­ten,  war’s bam­bus­blü­tengleich dann auch bald voll­kom­men aus und vor­bei. Erstaunt hat mich die Häu­fung von Kli­schees in die­sen bei­den the­men­na­hen, aber in Stil und Anspruch doch sehr unter­schied­li­chen Werken.

San­der dringt tie­fer in das Sujet ein. Ihr Haupt­an­lie­gen ist die Situa­tion der älte­ren, meist allein­ste­hen­den Frau, die ver­sucht ihre nicht nur kör­per­li­che Ein­sam­keit zu bewäl­ti­gen. Oft erin­nern die neun Geschich­ten des 144 Sei­ten zäh­len­den Ban­des an die Fall­bei­spiele der Rat­ge­ber­li­te­ra­tur. Ver­stärkt wird dies durch die meist nur mit Initia­len bezeich­ne­ten Figu­ren. Die titel­ge­bende Erzäh­lung über­zeugt mit einer dif­fe­ren­zier­ten Sicht auf die von den Medien pro­pa­gierte Anti-Aging-Sexualität und die Selbst­be­stim­mung des Ein­zel­nen. Doch nicht in allen Geschich­ten ste­hen diese Aspekte im Vordergrund.

Wir lesen auch von einer cou­ra­gier­ten Alten, –sofort erscheint Inge Mey­sel in der Rolle-, die selbst­be­wusst und vol­ler Chuzpe den Rollator-Rambo gibt. In einer der letz­ten Geschich­ten ver­brin­gen zwei alternde Hoch­schul­do­zen­ten ihre Erste Klasse Bahn­fahrt bei Wein und Schum­mer­licht und bekla­gen die man­gelnde Ortho­gra­fie­fes­tig­keit und sexu­elle Abge­klärt­heit ihrer Stu­den­ten. Frü­her war alles besser.

Viel­leicht sind die­sem kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Credo auch die übri­gen Bezie­hungs­ge­schich­ten geschul­det. Wie zu Zei­ten der Frau­en­li­te­ra­tur erzäh­len sie von geschei­ter­ten Ehen und bin­dungs­un­fä­hi­gen Män­nern. Über­haupt die Män­ner, hier bleibt kein Kli­schee unge­nannt. Beson­ders stört mich, die immer wie­der auf­tau­chende Unter­stel­lung alle Män­ner über 50 wür­den sich von ihren gleich­alt­ri­gen Part­ne­rin­nen tren­nen und sich den schon begie­rig auf sie war­ten­den jun­gen Fri­schen zuwen­den. Das hat weder etwas mit Frau­en­be­we­gung und schon gar nichts mit Frau­en­so­li­da­ri­tät zu tun.

Nichts­des­to­trotz habe ich San­ders Buch nicht ohne Ver­gnü­gen gele­sen und dachte an die gute alte Zeit, als alle Män­ner noch per naturam unzu­läng­lich waren.

Geschrieben von Atalante

18. Januar 2012 um 18:52

Abschied von Onkel Paul

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Küchen­ge­sprä­che unter Schwes­tern in Gila Lus­ti­gers neuem Roman “Woran denkst du jetzt

„Sie hatte ein Geschick dafür ent­wi­ckelt, sich von dem Sinn nicht behel­li­gen zu las­sen, und dass sie nach einer guten hal­ben Stunde immer noch nicht her­aus­ge­fun­den hatte, worum es eigent­lich ging, berei­tete ihr Vergnügen.“

Der Leser ver­bringt womög­lich mehr Zeit mit weni­ger Ver­gnü­gen, denn er läuft lang­sam an die­ser Roman, der in einer Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von Onkel Paul. Seine bei­den Nich­ten sind für diese Nacht in das Eltern­haus zurück­ge­kehrt. Die­ses Haus hatte Paul vor Jah­ren sei­ner Schwes­ter über­las­sen, als ihr Mann sie ver­ließ und sie mit ihren bei­den Töch­tern eine Bleibe suchte. Onkel Paul war seit­dem immer für sie da, in den letz­ten Mona­ten sei­nes Krebs­lei­dens hin­ge­gen küm­mer­ten sie sich um ihn. Er wollte seine letzte Zeit mit ihnen ver­brin­gen, nicht mit sei­ner Frau, mit der er jahr­zehn­te­lang ver­hei­ra­tet war. Doch warum?

Dies ist eine der Fra­gen, die sich Lisa und ihrer Schwes­ter Tanja in die­sen Stun­den stel­len, den Stun­den der Toten­wa­che, die sie in der Küche des Hau­ses ver­brin­gen. Sie reden und strei­ten und stür­zen sich mit dem ewi­gen „Woran denkst Du jetzt?“ in ihren eige­nen Ver­gan­gen­heits­film. Durch die­ses alter­nie­rende Prin­zip führt Gila Lus­ti­ger die jewei­li­gen Erin­ne­run­gen der unter­schied­li­chen Schwes­tern ein. So erlebt der Leser das Fami­li­en­ge­sche­hen ein­mal in der Ana­lyse der Psy­cho­dra­ma­the­ra­peu­tin Lisa, dann aus der Sicht der prag­ma­ti­schen Bank­ma­na­ge­rin Tanja. Lisa, das Empa­thie­ge­nie, und Tanja, das Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Tanja, die sich ihre Pro­bleme selbst macht und diese auch selbst lösen will. Lisa, die die Pro­bleme ande­rer lösen möchte. Beide sind „wahre Meis­te­rin­nen im Dar­über­hin­weg­kom­men“ damals wie heute.

Nach­dem Tan­jas Zeit im Aus­land sie auch inner­lich von­ein­an­der ent­fernt hatte, schei­nen die Schwes­tern sich in die­sen Stun­den wie­der anzu­nä­hern. Doch sie reden nicht mit­ein­an­der, sie sin­nie­ren neben­ein­an­der über ihr Leben. Vor allem dar­über, wel­che Rolle Onkel Paul darin spielte. Die­ser erscheint als dan­dy­haf­ter Zam­pano, der immer genau wusste, was gut und rich­tig war, und sie mit opu­len­ten Geschen­ken und Lebens­weis­hei­ten über­häufte. Die Erin­ne­run­gen ent­lar­ven ihn schließ­lich als Manipulator.

In die­ser psy­cho­lo­gisch nicht unin­ter­es­sant kon­stru­ier­ten Fami­li­en­ge­schichte ver­misst der Leser jedoch lange das Motiv. So folgt man über die Hälfte des Romans gedul­dig den Erin­ne­run­gen und, da immer noch kein Geheim­nis in Sicht, beginnt man bald sich selbst eines her­bei zu spin­nen. Schließ­lich zeigt sich weder Miss­brauch, noch Inzest son­dern ein bana­ler Ehe­bruch als causa scri­bendi. Die­ser bestimmt fol­gen­reich das Bezie­hungs­ge­flecht der Per­so­nen bis zum Tode von Onkel Paul, den man viel­leicht in zwei­fa­cher Hin­sicht als Haupt­schul­di­gen bezeich­nen könnte. Er hatte einst den künf­ti­gen Ehe­mann sei­ner Schwes­ter als Freund ins Haus gebracht und viele Jahre spä­ter die Ehe durch seine Indis­kre­tion zer­stört. Wei­tere Geständ­nisse fol­gen und erlau­ben den Schwes­tern zu ver­zei­hen, sich selbst und ein­an­der, und schließ­lich auch den Tod ihres Onkels zu betrauern.

Lei­der ver­folgt die­ser Roman die Frage nach Schuld und Ver­ant­wor­tung nicht inten­si­ver und endet hoff­nungs­voll milde. Dabei erzählt Gila Lus­ti­ger ihre Geschichte eines Ver­rats in einem durch­aus anspruchs­vol­len Kon­strukt aus Gefüh­len und Erin­ne­run­gen, was den gro­ßen psy­cho­lo­gi­schen Reiz ausmacht.

Man­ches trübte jedoch mein Lese­ver­gnü­gen. Der Auto­rin gelingt es nicht immer die bei­den cha­rak­ter­lich doch so ver­schie­den ange­leg­ten Schwes­tern deut­lich von­ein­an­der abzu­gren­zen. Beson­ders in der wört­li­chen Rede ist oft nicht ein­deu­tig aus­zu­ma­chen, wel­che Per­son spricht. Noch stö­ren­der emp­finde ich die sehr umgangs­sprach­li­che For­mu­lie­rung eini­ger Sätze, die dadurch oft unklar und miss­ver­ständ­lich sind. Wenn man jedoch dar­über hin­weg zu lesen ver­mag, öffnen sich für den an fami­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen Inter­es­sier­ten inten­sive Ein­bli­cke in eine nicht immer ein­fa­che Schwesternbeziehung.

Zum Schluss noch eine Bemer­kung zur Gestal­tung. Die Fuß­zeile ist ziem­lich breit, wäh­rend die Kopf­zeile und die Rand­be­rei­che sehr schmal blei­ben, in Kom­bi­na­tion mit dem wei­ten Zei­len­ab­stand emp­finde ich das als unschön. Inkon­se­quent wirkt, daß im ers­ten Kapi­tel die erin­ner­ten Gedan­ken kur­siv erschei­nen, dies jedoch im Fol­ge­text nicht wei­ter­ge­führt wird. Dafür gibt es als hüb­schen und zugleich nütz­li­chen Aus­gleich ein bor­deau­xro­tes Lesebändchen.

Geschrieben von Atalante

19. Dezember 2011 um 13:34

Mythos Kilimandscharo

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Kolo­nia­les Wettklettern

Mit ihrem im Wagenbach-Verlag erschie­ne­nen Buch „Kili­man­dscharo“ legen die bei­den Auto­ren, der Ger­ma­nist und His­to­ri­ker Chris­tof Hamann und der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Alex­an­der Honold die „deut­sche Geschichte eines afri­ka­ni­schen Ber­ges“ vor.

In zehn Kapi­teln stel­len sie die ver­schie­de­nen Aspekte der Fas­zi­na­tion her­aus, die die­ser Berg von der Antike bis in die heu­tige Zeit aus­übt. Wie der Berg als Mikro­kos­mos ver­schie­denste Bedürf­nisse ver­eint, Natur– und Selbst­er­fah­rung, die Sehn­sucht nach dem Ideal und die Abkehr von der Zivi­li­sa­tion zeigt das Anfangs­ka­pi­tel. Der sym­bo­li­sche Gehalt mythi­scher Berg­phan­ta­sien, sei es nun der Olymp oder der Par­nass, der eine Sitz der Göt­ter, der andere Hain der Musen, wer­den ebenso wie Dan­tes Läu­te­rungs­berg berück­sich­tigt. Die im 18. Jahr­hun­dert sich aus­bil­dende Sti­li­sie­rung der Alpen zum „Hoch­ge­birge der Emp­find­sam­keit“ zei­gen die Auto­ren anhand der Spu­ren von Albrecht von Hal­ler und Jean-Jacques Rous­seau. Als wei­tere Pio­niere der Ent­de­cker­lust blei­ben selbst­ver­ständ­lich auch Fran­cesco Petrarca und Alex­an­der von Hum­boldt nicht ungenannt.

Das zweite Kapi­tel führt in die Vor­ge­schichte des „Schnee­ber­ges“ ein. Mythen, aber auch geo­gra­phi­sche Beob­ach­tun­gen, die in der anti­ken Über­lie­fe­rung von Hero­dot bis Pto­le­maios von Alex­an­dria fass­bar sind, wer­den ein­an­der gegen­über­ge­stellt und durch anek­do­ten­haft anmu­tende Berichte anti­ker Expe­di­ti­ons­trupps ergänzt.

Wel­che Rolle das Pres­tige eines Erst­ent­de­ckers gerade wäh­rend des „Run of Africa“ ein­nimmt zeigt das dritte Kapi­tel. Geo­gra­phie wurde zwar weni­ger als Wis­sen­schaft denn als Feuille­ton­thema wahr­ge­nom­men, den­noch war das Inter­esse gerade am unent­deck­ten afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent enorm. Mit Span­nung ver­folgte das deut­sche Lese­pu­bli­kum in zahl­rei­chen Publi­ka­tio­nen wie „Die Gar­ten­laube“ und  „Westermann’s Monats­hefte“ den Wett­lauf zu den Quel­len des Nigers. Beliebte Lek­türe waren auch die Berichte deut­scher und eng­li­scher Mis­sio­nare, die auf ihren Wegen zu den „Ungläu­bi­gen“ bis in unbe­kannte Regio­nen vor­dran­gen. So berich­te­ten die Mis­sio­nare Johan­nes Reb­mann und sein Kol­lege Johann Lud­wig Krapf über ihre Unter­neh­mun­gen im Church Mis­sio­nary Intel­li­gen­zer. Sie beschrie­ben als erste neu­zeit­li­che Euro­päer einen Schnee­gip­fel in Äqua­tor­nähe. Doch das trug den Mis­sio­na­ren mehr Spott als Aner­ken­nung ein. Der eng­li­sche Gelehrte Wil­liam Debo­rough Coo­ley wirft ihnen über­bor­dende Phan­ta­sie und Unpro­fes­sio­na­li­tät vor und ver­wies hämisch auf die Kurz­sich­tig­keit der bei­den Brillenträger.

Dass nicht nur geo­gra­phi­sche Neu­gier und reli­giö­ses Sen­dungs­be­wußt­sein, son­dern auch kolo­ni­al­po­li­ti­scher Ehr­geiz bei der wei­te­ren Erfor­schung Afri­kas und ins­be­son­dere des Kili­man­dscha­ros eine Rolle spiel­ten, schil­dern die Auto­ren im Fol­gen­den. „Die Bestei­gung des Schnee­ber­ges bleibt ein wich­ti­ges wis­sen­schaft­li­ches und poli­ti­sches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erst­be­stei­gung des Kilimandscharo–Gipfels Kibo eine Unter­dis­zi­plin im „Wett­lauf um Afrika“. Neben den Deut­schen Carl Claus von der Decken, Edu­ard Vogel und Gus­tav Adolf Fischer tra­ten die Bri­ten Joseph Thom­son und Harry Johns­ton an. Alle schei­ter­ten. Erst Hans Meyer und Lud­wig Purt­schel­ler erreich­ten 1889 im drit­ten Anlauf den Gip­fel und mach­ten ihn mit Deut­scher Flagge und einem drei­fa­chen Hurra zur Kaiser-Wilhelm-Spitze und damit zum höchs­ten Berg Deutsch­lands. In Mey­ers Dar­stel­lun­gen zeigt sich die große Fas­zi­na­tion, die der Kili­man­dscharo aus­übte, das schnee­be­deckte Hoch­ge­birge in Äqua­tor­nähe, seine sin­gu­läre Erhe­bung in der Land­schaft, der wol­ken­ver­han­gene Gip­fel und seine unter­schied­li­chen Kli­mate und Vege­ta­ti­ons­zo­nen. Wie die geschickte mediale Prä­sen­ta­tion den Berg im fer­nen Afrika zu einem Sym­bol deut­schen Natio­nal­stol­zes wer­den lässt, zei­gen die Auto­ren in den nach­fol­gen­den Kapi­teln. Seien es nun die umfas­sende lite­ra­ri­sche Rezep­tion, unter denen Jules Ver­nes Fünf Wochen im Bal­lon das popu­lärste Bei­spiel dar­stel­len mag, oder die Aus­wir­kun­gen auf die Werke der Bil­den­den Künste. Beson­ders deut­sche Künst­ler tru­gen dazu bei, daß kolo­ni­al­ro­man­ti­sche Sehn­süchte noch lange nach Ende der kur­zen deut­schen Kolo­ni­al­phase wei­ter­leb­ten. Und das bis heute, wie Fern­seh­dra­mo­letts vor der Kulisse des Kili­man­dscharo beweisen.

Die bei­den Wis­sen­schaft­ler, die sich selbst als Flach­land­au­to­ren bezeich­nen, und doch mit­un­ter bei gemein­sa­men Berg­wan­de­run­gen die Kon­zep­tion ihres Buches dis­ku­tier­ten, bie­ten viel­fäl­tige Aspekte des berühm­tes­ten Ber­ges Ost­afri­kas. Sie ana­ly­sie­ren die kolo­niale Geschichte des Gip­fels und wer­fen zudem einem Blick auf die kul­tu­relle Bedeu­tung des Berg­stei­gens und die Motive der Akteure. Dem Leser öffnet sich so die his­to­ri­sche aber auch die lite­ra­ri­sche Perspektive.

Zahl­rei­che Abbil­dun­gen und ein ebenso nütz­lich wie aus­führ­li­cher Anmer­kungs­ap­pa­rat ergän­zen die­sen Band aus der schön gestal­te­ten kul­tur­ge­schicht­li­chen Reihe des Wagenbach-Verlages.

Zur Rolle Reb­manns und Krapfs als erste euro­päi­sche Schneegipfel-Boten sei fol­gende Bege­ben­heit ergän­zend erzählt. Es war nicht nur der Brite Beke, wie Hamann und Honold berich­ten, der die Aus­sa­gen von Reb­mann und Krapf ernst nahm. Die in den neu­ge­grün­de­ten geo­gra­phi­schen Zeit­schrif­ten „Peter­manns Mit­tei­lun­gen“, Glo­bus“, „Zeit­schrift für all­ge­meine Erd­kunde“ heiß dis­ku­tier­ten Schnee­berge setz­ten die bei­den der­art in den Fokus, daß ihnen zu Beginn des Jah­res 1851, wie Jochen Eber in sei­ner Bio­gra­phie über Krapf berich­tet, eine Audi­enz bei Friedrich-Wilhelm IV. gewährt wurde. Dort schil­der­ten sie ihre Ent­de­ckun­gen den preu­ßi­schen Gelehr­ten Carl Rit­ter und Alex­an­der von Hum­boldt, wor­auf sich letz­te­rer „wie ein klei­nes Kind über ein neues Spiel­zeug“ gefreut haben soll (Eber, S. 148).

Geschrieben von Atalante

2. Dezember 2011 um 20:03

Zen oder die Kunst sich schweigend zu verlieben

mit 2 Kommentaren

Pro­log

Um es vor­weg zu sagen, die­ser Autor beglei­tet schon seit lan­gem mein Lese­le­ben. Die Bekannt­schaft begann mit der römi­schen Goethe-Historie „Faus­ti­nas Küsse“. Es folg­ten die übri­gen die­ser Tri­lo­gie, „Die Nacht des Don Juan“ und „Im Licht der Lagune“. Bis auf wenige Aus­nah­men habe ich auch andere alte und neue Bücher Ortheils gele­sen. So auch nach „Die große Liebe“ und „Das Ver­lan­gen nach Liebe“ den letz­ten Band sei­ner Lie­bestri­lo­gie „Lie­bes­nähe“.

Fast eben solange stellt sich mir die Frage, was mir an sei­nen Büchern denn nun so gefällt. Sicher ist es die Liebe zu Ita­lien, viel­leicht auch eine gewisse roman­ti­sche Melan­cho­lie. Bis­her war ich, abge­se­hen von eini­gen Eitel­kei­ten des erwach­se­nen Johan­nes in „Die Erfin­dung des Lebens“ und von stär­ke­ren Arro­gan­zen in Ortheils Rom­füh­rer immer ange­nehm angetan.

Sich schwei­gend ver­lie­ben als Performance

„Wer ist diese Schwim­me­rin“ mit die­sem Notat läu­tet Hanns-Josef Ortheil ein, was der Titel sei­nes neuen Romans „Lie­bes­nähe“ bereits vor­weg nimmt.

Behut­sam ent­wi­ckelt der Autor die Annä­he­rung zweier sich zunächst unbe­kann­ter Ein­zel­gän­ger, die anschei­nend zufäl­lig im all­tags­fer­nen Milieu eines ein­sam gele­ge­nen Luxus­ho­tels ein­an­der bemer­ken. Der Schrift­stel­ler Johan­nes Kirch­ner und die Installations-Künstlerin Jule Dan­ner ver­mei­den zunächst direkte Begeg­nun­gen und bevor­zu­gen sich aus der Dis­tanz zu ent­de­cken. Kleine Bot­schaf­ten, die Ahnun­gen bestä­ti­gen, gehen tra­di­tio­nell als Zet­tel oder modern als SMS hin und her und füh­ren schließ­lich zum Gegen­über. Diese Bewe­gun­gen auf­ein­an­der zu wer­den äußerst vor­sich­tig aus­ge­führt, ein kunst­vol­ler Balz­tanz, des­sen Cho­reo­gra­fie mal den Insze­nie­run­gen der Video­künst­le­rin mal den Ein­fäl­len des Schrift­stel­lers folgt.

Nur eines fin­det nie­mals statt, das gespro­chene Wort. Die­ses rich­ten beide jeweils sepa­rat an Katha­rina, die die kleine Buch­hand­lung des Hotels führt. Sie berät ihre Kun­den nach deren Befind­lich­keit und führt außer die­ser Lite­ra­tur­the­ra­pie nur Bücher im Sor­ti­ment, die ihr per­sön­lich gut gefal­len. Sie unter­hält zu Bei­den eine ganz beson­dere Bezie­hung, man könnte sie als müt­ter­li­che Freun­din bezeich­nen. Die Details der Per­so­nen­kon­stel­la­tion offen­bart der Autor erst nach und nach lang­sam vor­an­schrei­tend wie in einer Zen-Meditation. Über­haupt gibt es viel Japa­ni­sches. Lite­ra­ri­sche Inspi­ra­tion bie­tet das Kopf­kis­sen­buch der Sei Shō­na­gon. Japa­ni­sche Trom­meln und Bam­bus­flö­ten, Kimono, Tusche, Tee und Kama­su­tra ergän­zen das Ambiente.

Als wech­sel­sei­tige Sicht sei­ner bei­den Haupt­per­so­nen kom­po­niert Ortheil sei­nen Roman. Mal kom­men­tiert Johan­nes, mal Jule ihr auf­ein­an­der Zuge­hen. Das so zwei­mal das Glei­che aus dem jeweils ande­ren Blick­win­kel erzählt wird, macht den Reiz der Idee aus. Wenn jedoch Ereig­nisse wie die berühmte Per­for­mance der Künst­le­rin Marina Abra­mo­vić, die als Vor­lage für eine Begeg­nung dem Leser  mehr­fach erklärt wer­den, wirkt dies redundant.

Was ich an die­sem Buch sehr mag

Wie Hanns-Josef Ortheil genaue Wahr­neh­mung und Beschrei­bung in Sätze ver­wan­delt. Er beherrscht diese Fähig­keit so gut, daß der Leser sich sofort in das Ambi­ente sei­ner Romane hin­ein­ver­setzt fühlt. Land­schaf­ten und Räume, Natur und Inte­ri­eur, Gau­men– und Lese­freu­den stellt er auf diese Weise zum unmit­tel­ba­ren Nach­voll­zug dar.

Wie rück­sichts­voll die Per­so­nen mit­ein­an­der umge­hen und wie empa­thisch Ortheil Gefühle zu schil­dern vermag.

Wie er die Lust und die Inspi­ra­tons­kraft von ein­sa­men Spa­zier­gän­gen dar­stellt. Bewe­gung bewegt auch den Geist. Das mit sich Allein­sein lässt Raum für Kreativität.

Wie Natur und Kunst in ihren ver­schie­de­nen For­men mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht werden.

Was ich an die­sem Buch über­haupt nicht mag

Wie die Wahl des Milieus das Gesche­hen weit über das nor­male Leben habt, ein eska­pis­ti­scher Wun­der­ort inmit­ten saf­tig grü­ner Almen, wo sogar Toast­brot­schei­ben stun­den­lang frisch gerös­tet bleiben.

Wie dadurch das Schloss­ho­tel Elmau, unver­kenn­ba­res Vor­bild die­ses Para­die­ses, als ein Ort irdi­scher Ver­hei­ßun­gen bewor­ben wird.

Wie die Rol­le­ne­be­nen gewahrt wer­den. Die Künst­ler blei­ben welt­fern. Die Hotel­an­ge­stell­ten die­nen als gute Geis­ter und wer­den von oben herab cha­rak­te­ri­siert. Die übri­gen Gäste sind läs­tige Geräusch­ku­lisse. Katha­rina ver­mit­telt zwi­schen allen und die junge Emp­fangs­dame des Hotels seufzt der gro­ßen Künst­ler­liebe in frem­den Laken nach.

Wie bei man­chen Beschrei­bun­gen doch des Guten zu viel gebo­ten wird. Der starke, gelbe Urin­strahl zählt nicht zu den Din­gen, von denen ich gerne lesen möchte.

Wie der Leser belehrt wird über die rich­tige Art Sekt zu trin­ken (Was­ser­glas), authen­tisch Cam­pari zu genie­ßen (ohne Eis, dafür rand­voll), über gute Würste (ins­be­son­dere die Milz­wurst), über das rich­tige Früh­stück, rich­ti­ges Spei­sen, den rich­ti­gen Zeit­punkt zu arbei­ten und mehr.

Wie der Autor sein Buch­kon­zept erklärt „eine ero­ti­sche und bei­nahe uner­träg­li­che Span­nung, die auf einer streng ein­ge­hal­te­nen Dis­tanz der bei­den Lie­ben­den basiert“ (S. 129).

Fazit

Weni­ger Eitel­keit wäre mir lie­ber gewe­sen und auch mehr Acht­sam­keit. Damit nicht aus blon­dem Haar mit roten Spit­zen am Ende blon­des Haar mit roten Ansät­zen wird, und aus einem hell­grü­nen Bade­man­tel inner­halb von drei Sei­ten ein dunkelgrüner.

So weit, so gut. Viel­leicht kommt ja noch­mal ein Roman wie „Hecke“ oder „Mosel­reise“ oder etwas Historisches.

Rät­sel­haft bleibt mir zuletzt noch die Abbil­dung auf dem Schutz­um­schlag. Die dun­kel­haa­rige Schöne kann weder die blonde Jule noch die japa­ni­sche Hof­dame sein.

Wer ist die Dargestellte?

 

 

Geschrieben von Atalante

22. November 2011 um 18:18

Noch einen Tag und eine Nacht — Wortschatzbildung mit Fabio Volo

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Il giorno in più” — Let­te­ra­tura gal­lina di un galletto

Ob die­ses Buch mit dem deut­schen Titel Noch ein Tag und eine Nacht hier auf mei­ner Seite einen Platz fin­den wird, habe ich mich lange gefragt. Es ist zwar kein Romanzo rosa, ein ita­lie­ni­scher Heft­chen­ro­man, aber unbe­streit­bar ein Romanzo sentimentale.

Gia­como, Turi­ner, Sin­gle um die 30, sieht eines Mor­gens eine Unbe­kannte in der S-Bahn. Er ist fas­zi­niert, sie tau­schen Bli­cke und ein Lächeln. Zu einem Kon­takt kommt es jedoch nicht. Gia­como, der sonst schnell einen Spruch für eine Frau fin­det, ist sich selbst ein Rät­sel. Auch die auf­mun­tern­den Rat­schläge sei­ner Freun­din Sil­via ermu­ti­gen ihn nicht. So lebt er über Wochen für die­ses stumme Ren­dez­vous am Mor­gen, das nur einige Hal­te­stel­len dau­ert. Eines Tages jedoch spricht Sie ihn an, Michela. Und bei einem Kaf­fee in der Bar, stellt sich her­aus, daß die­ses erste Tref­fen wohl auch das letzte blei­ben wird. Michela ver­lässt die Stadt, sie hat eine neue Arbeits­stelle in New York gefunden.

Was sich wie der kit­schige und banale Plot einer Sto­ria d’Amore anhört, erzählt Fabio Volo auf unge­wöhn­li­che Weise und durch­aus span­nend. So kam ich rasch einige Sei­ten wei­ter und zu der Erkennt­nis, daß das Buch mehr zu bie­ten hat. Gia­como erweist sich als Mann, der über sich selbst nach­den­ken und über Gefühle spre­chen kann. Sonst wäre er auch kaum mit Sil­via befreun­det, einer eins­ti­gen Affäre, die sich aber bald in eine beste Freun­din ver­wan­delte. Die Bei­den bera­ten sich gegen­sei­tig in ihren Lie­bes­que­re­len, was neben allem Wah­ren und All­ge­mei­nem auch amü­sante Momente hat. Erns­ter und melan­cho­li­scher wir­ken Gia­co­mos Erin­ne­run­gen an die schwie­rige Bezie­hung sei­ner Eltern, und ebenso die Scham über einen klei­nen Betrug unter Kin­dern. Wir wären nicht in Ita­lien, gäbe es nicht auch eine Nonna. Von die­ser gelieb­ten Groß­mut­ter, deren Beine stär­kere prä­ko­gni­tive Fähig­kei­ten haben als die Madonna, hat Gia­como Eini­ges zu erzählen.

Wie Gia­como und Michela ihr Ren­dez­vous fort­set­zen, sei hier nicht ver­ra­ten. Nur soviel, wer plant sich in ita­lie­ni­sche Lie­bes­aben­teuer zu stür­zen, ist am Ende des Buches für alle Situa­tio­nen sprach­lich präpariert.

Gedacht als leichte Lek­türe, um mein Ita­lie­nisch auf­zu­po­lie­ren, erwies sich Fabio Volos Romanzo als gut les­bare Unter­hal­tung. Und zudem als Lehr­stück in kul­tu­rel­ler Dif­fe­renz, ist mir in mei­nem Leben als Frau und in mei­nem Leben als Lese­rin doch sel­ten jemand begeg­net, der so ein­fühl­sam seine inne­ren Vor­gänge schil­dert ohne seine viel­fäl­ti­gen Unzu­läng­lich­kei­ten zu ver­ber­gen. Die Sto­ria d’amore ist nicht glatt und ober­fläch­lich, son­dern wird durch oft skur­rile Ansich­ten und Beob­ach­tung gebro­chen. Manch­mal gibt es gen­re­be­dingt natür­lich auch ein wenig Kitsch und Klischee.

Aber allen, die eine gefühl­volle Lie­bes­ge­schichte aus männ­li­cher Sicht lesen wol­len, sei die­ser Roman emp­foh­len. Allen Ita­lie­ni­scha­ma­teu­ren sowieso.

Wer hin­ein­schnup­pern möchte, lese das erste Kapi­tel. Wer keine Lust zu lesen hat, warte auf den Film, der in Ita­lien im Dezem­ber ins Kino kommt. Der Autor spielt übri­gens die Hauptrolle.

Geschrieben von Atalante

21. Oktober 2011 um 16:43

Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten

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Fluch und Trost der Gospa erfährt Tho­mas Gla­vi­nic in „Unter­wegs im Namen des Herrn“ 

„Wer nach Med­ju­g­o­rje fährt und auf kei­nen der Berge geht, der STOLPERT IM LEBENUND FALLT.“ (S. 77)

Begeis­tert vom Selbst­be­spie­ge­lungs­sar­kas­mus auf den Lite­ra­tur­be­trieb, den Gla­vi­nic in sei­nem 2007 erschie­ne­nen Roman „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu sei­nem neuen Buch. Schon der Titel „Unter­wegs im Namen des Herrn“ ver­spricht eine ähnlich amü­sante Annä­he­rung ans Pil­ger­mi­lieu. Denn, um es ehr­lich zu sagen, die­ses post­mo­derne Pil­gern, das mit dem Hape-Hype sei­nen Höhe­punkt aber lei­der nicht End­punkt erreicht hat, ist fad. Die Pil­ger­bü­cher sind Legion, wir brau­chen ein Anti­dot, wie Jean-Dominique Bau­bys Schil­de­run­gen des Sou­ve­nir­wahns in Lour­des oder der Film der öster­rei­chi­schen Regis­seu­rin Jes­sica Haus­ner.

Gla­vi­nic fin­det Lour­des zu teuer, wes­halb er sich beglei­tet von Freund und Foto­graf Ingo nach Med­ju­g­o­rje auf­macht. Die Bei­den pil­gern nicht per pedes, son­dern wer­den in einer from­men Bus­la­dung nach Bosnien-Herzegowina ver­frach­tet. Ein Bus vol­ler Pil­ger, die sich die vier­zehn­stün­dige Fahrt mit Beten und Fas­ten, mit Hei­li­gen­le­gen­den und Erwe­ckungs­ge­schich­ten zu ver­kür­zen suchen, kann zur Tor­tur wer­den. Beim ungläu­bi­gen Tho­mas und dem um nichts fröm­me­ren Ingo löst sie eine unstill­bare Sehn­sucht nach Schlaf, nach Auf­putsch– und Betäu­bungs­mit­teln aus. Und doch, schon im ers­ten Abschnitt der Reise fällt die­ser Bericht nicht ganz so bis­sig böse aus, wie es die Lese­rin erwar­tet. Spä­tes­tens nach der Ankunft in Med­ju­g­o­rje wird klar, daß es nicht nur darum gehen wird, die Absur­di­tä­ten des Pil­ger­pa­ra­die­ses auf­zu­de­cken. Gla­vi­nic, der auf­ge­klärte Athe­ist, schei­tert an den Ver­teu­fe­lun­gen der Anna­linda Anti­lopa, Nonne. Dar­auf hätte er gefasst sein kön­nen. Er rea­giert mit Abscheu und Angina, erliegt fast einer Anna­linda Hypo­chon­dria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Leser bringt er so um wei­tere Ein­bli­cke in örtli­che Kulte und Rituale. Den­noch schil­dert der Geplagte flott und unter­halt­sam seine Erfah­run­gen. Gla­vi­nic gibt Tipps wie man in Pil­ger­her­ber­gen gegen die nächt­li­che Aus­gangs­sperre revol­tiert und glänzt mit einer gehö­ri­gen Por­tion Apo­the­ker­wis­sen. Etli­che Xanor und andere Pil­len wei­ter, mit Nied­rig– und Hoch­pro­zen­ti­gem run­ter­ge­spült, ist es dann mit der halb­her­zi­gen Pil­ge­rei vor­bei. Schrift­stel­ler und Foto­graf ver­las­sen den Ort des gläu­bi­gen Irr­sinns, um sich vom ver­rück­ten Vater zum nächs­ten Flug brin­gen zu lassen.

Nur ein Nacht­quar­tier fehlt und die­ses fin­den sie schließ­lich bei einem Mann, des­sen Art und Anwe­sen nach dubio­sen Geschäf­ten riecht. Es folgt eine durch­ge­knallte Nacht, anstren­gend für den kran­ken Autor wie für die Lese­rin. Aber­wit­zi­gen Trost spen­den ein­zig die Zet­tel­bot­schaf­ten aus Med­ju­g­o­rje. Sind Krank­heit und Chaos tat­säch­lich der Fluch der Gospa, den der Kap­pen­mann den ungläu­bi­gen Pil­gern prophezeite?

Schließ­lich bringt ein tur­bu­len­ter Rück­flug die bei­den Blues Bro­thers zum Aus­gangs­punkt ihrer Mis­sion und an das Ende eines ebenso tur­bu­len­ten Fas­tan­ti­pil­ger­bu­ches. Der Gos­pa­se­gen ist auf­ge­braucht und einer Sache kön­nen wir ganz sicher sein. Bei Gla­vi­nic klin­gelt kein Glöck­chen, nirgends.

Eine Lese­probe und zwei Videos fin­den sich beim Hanser-Verlag.

Geschrieben von Atalante

18. Oktober 2011 um 13:04

Das Kuscheltier des Philosophen

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Sibylle Lewitscharoffs Trost­ge­stalt mit Löwenmähne

„Am lin­ken Ohr des Löwen zeigte sich ein klei­ner Makel im Fell, offen­bar eine Ver­let­zung, die Blu­men­berg bis­her noch gar nicht auf­ge­fal­len war.“ (S. 148)

Er „war dazu da, sein, Blu­men­bergs, Ver­trauen in die Welt, zumin­dest bei Nacht, zu fes­ti­gen.“ (S. 126)

Wer auf Artigo, einer kunst­his­to­ri­schen Daten­bank, die Stich­worte Löwe und Hie­rony­mus ein­gibt, erhält eine Viel­zahl bild­künst­le­ri­scher Inter­pre­ta­tio­nen die­ses Sujets. Eine lite­ra­ri­sche legt Sibylle Lewitscharoff in ihrem Roman „Blu­men­berg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blu­men­berg (1920–1996), der als Phi­lo­soph an der Uni­ver­si­tät Müns­ter lehrte, wird von ihr zum Hei­li­gen sti­li­siert. Zu einem agnos­ti­schen Hei­li­gen wohl­ge­merkt, der nicht an Bibel­tex­ten, son­dern an sei­nen eige­nen Gedan­ken feilt. Dann eines Nachts im pro­fes­so­ra­len Gehäus, vulgo Arbeits­zim­mer, mate­ria­li­siert sich ein Löwe, oder bes­ser, er erscheint. Das Mate­ri­elle bleibt frag­lich, bis zum Schluss. Denn außer ihm nimmt kein ande­rer das Tier war, kein ande­rer nor­ma­ler Mensch, eine Nonne aus­ge­nom­men, was dem lite­ra­ri­schen Blu­men­berg und dem Leser zu Den­ken geben sollte. Oder bes­ser zu Glauben?

Die Geschichte die­ser Erschei­nung ist gekonnt und ver­gnüg­lich erzählt. Im ers­ten Teil des Romans habe ich sie auch gerne gele­sen. Dazu trug die Rät­se­lei um die Viel­zahl der lite­ra­ri­schen und kunst­his­to­ri­schen Zitate bei, die Fabu­lier­kunst und der sub­tile Witz der Auto­rin. Beson­ders die Schil­de­rung des Stu­den­ten­mi­lieus der Acht­zi­ger und die vier stu­den­ti­schen Exem­pel laden ein zur Nost­al­gie. Ja, so war’s. Streb­sam, ver­klemmte Stu­den­ten­jün­ger, femi­nis­ti­sches WG-Teetrinken, Knei­pen­bar­den und Glücks­su­cher. Auf den grü­nen Zweig schafft es nur einer, doch auch der beißt wie die ande­ren drei viel zu früh ins Gras.

Lewitscharoffs Blu­men­berg hin­ge­gen, des­sen rea­les Vor­bild übri­gens etli­che Minia­tu­ren zum Löwen an und für sich ver­fasst hat, phi­lo­so­phiert aus­führ­lich über sei­nen Löwen. Fünf ent­spre­chend durch­num­me­rierte Leo­ka­pi­tel erschei­nen im Roman. Blu­men­berg, der in Rea­li­tät doch eher der eige­nen Phi­lo­so­phie als dem christ­li­chen Glau­ben zuge­neigt war, inter­pre­tiert die Erschei­nung als Aus­zeich­nung von OBen.

Das finde ich trotz aller dich­te­ri­schen Frei­heit frag­lich. Mir per­sön­lich würde es wenig gefal­len, wenn ein Roman mich erwe­cken würde oder gar dazu ver­don­nern als fromme Nonne Klos­ter­he­cken zu stut­zen. Aus die­sem Grund fiel meine anfäng­li­che Begeis­te­rung zum Erde hin etwas ab. Klar, es gibt noch jede Menge Zita­ten­schätze zu ent­de­cken. Von Pla­ton bis Hei­deg­ger, alte und moderne Dich­ter, auch zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler­kol­le­gen wie Mose­bach und Gena­zino blit­zen um die Ecke. Dies alles häuft sich zu einer sehr gelehr­sa­men Sache um am Ende den Weg aller Gläu­bi­gen zu gehen. In einer Höhle, gestal­tet von Pla­ton, Dante und Beckett, lagern die Ver­stor­be­nen des Romans, unter ihnen der Phi­lo­soph mit sei­nem Beglei­ter. In die­sem War­te­zim­mer nach OBen voll­zieht sich schließ­lich eine mys­ti­sche Trans­for­ma­tion, die allen eso­te­risch Auf­ge­schlos­se­nen viel Freude machen mag.

Ob auch „Blu­men­berg, Sohn einer Jüdin,…, katho­lisch getauf­ter Agnos­ti­ker, der in der Zeit der Not, als keine Uni­ver­si­tät ihn auf­nahm, einige Semes­ter am Frank­fur­ter Jesui­ten­kol­leg,…, hatte stu­die­ren dür­fen und nie aus der Kir­che aus­ge­tre­ten war“ (S. 87) sei dahin gestellt.

Vor­sorg­lich ent­schul­digt sich die Auto­rin in ihrem Nach­wort beim Ver­stor­be­nen. Das bringt mir das Buch wie­der näher. Auch nimmt sie sich nie voll­kom­men ernst. Und den Löwen, Blu­men­bergs Trost– und Heils­brin­ger schon gar nicht. Der war viel­leicht doch nur ein übergro­ßes Kuschel­tier, in Trost­an­ge­le­gen­hei­ten somit bes­tens versiert.

Sibylle Lewitscharoff erhält für ihren Roman den dies­jäh­ri­gen Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.

Zudem war sie auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses vertreten.

Geschrieben von Atalante

11. Oktober 2011 um 14:00