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Das Glück beim Betrachten der Biber

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Kers­tin Ekman erkun­det das Hun­de­herz

„Lag er lange Zeit still, sah er manch­mal einen im Son­nen­licht glän­zen­den Biber­schä­del auf gera­dem Kurs durchs Was­ser. Er folgte ihm immer mit dem Blick, blieb aber gleich­mü­tig lie­gen (…) Die Biber und er hat­ten nichts mit­ein­an­der zu schaf­fen. Doch sie waren da, waren in der­sel­ben Abend­sonne, am sel­ben schwar­zen Was­ser, das im Son­nen­licht glühte. Er hatte ihre Geräu­sche gern, ihre Gesellschaft.“

Bei die­sem Buch geschah es zum ers­ten Mal, ich las den Schluss zuerst. Ich musste sicher sein, daß die Geschichte gut aus­geht für den Wel­pen, der sich im Wald ver­irrte. Erst dann konnte ich gemein­sam mit ihm die kalte Umge­bung erkun­den, mich unter einer Wur­zel schla­fen legen, eis­kalte Frost­nächte und boh­ren­den Hun­ger überstehen.

„Sich sprei­zende Äste, Pfo­ten und Kral­len. Sich duckende Baum­stümpfe mit Rückenzot­teln und Ohren. Schla­fende Stein­rü­cken. Schla­fen, an feuch­ten Flech­ten geschmiegt, zu Stein gefro­ren und schwin­de­lig. Irr­lich­ternde Punkte vor Augen. Hun­ger­schmerz und betäu­bende Angst. Weg­schla­fen. In die Sonne schla­fen. An Son­nen­zit­zen sau­gen. Weg­wär­men. Sau­gen. Wärme saugen.“

Ich erkun­dete die Natur durch die Sinne eines Hun­des. Er riecht, stö­bert auf, rät­selt und lernt. Kers­tin Ekman fin­det für alle diese Emp­fin­dun­gen und Reak­tio­nen eine poe­ti­sche Spra­che, die ganz nahe ist an den Geräu­schen, Düf­ten und Far­ben der Natur. Fast sind es Hun­de­worte, Hun­de­ge­dan­ken, ein Hun­de­be­wusst­sein, das uns die Reak­tio­nen die­ses Tie­res näher bringen.

„Seine Pfo­ten fin­gen zu lau­fen an. Auf der glat­ten Flä­che drau­ßen wurde sein Kör­per leicht. Er ver­fiel in einen schnel­len, rhyth­mi­schen Trab und nach einer Weile ins Ren­nen. Er rannte aus rei­nem Spaß an der Freude. In sei­nem Kör­per san­gen der Mond­schein, die Kälte und die Geschwin­dig­keit. Es gab keine Grenze, kei­nen Wald, kein Ufer.“

Doch wir wis­sen, es ist eine Erzäh­le­rin, die sich in das Geschöpf hin­ein­ver­setzt. Als Haus­tier gebo­ren ist es durch Unacht­sam­keit in die Wald­ein­sam­keit gera­ten und nun auf sich alleine gestellt. Der Welpe ent­deckt schnell, wo er trin­ken kann und was den Hun­ger stillt. Ein Elchka­da­ver sichert ihm das Über­le­ben. Im Ver­lauf eines Jah­res lernt er das Wich­tigste, wann er sich weg zu ducken hat und wann er sich behaup­ten muss. Bevor der Win­ter wie­der ein­bricht kommt es jedoch zu einer Begeg­nung, die aus dem ver­wil­der­ten Grauen wie­der einen Men­schen­hund macht.

„Der Mann gab ein Geräusch von sich, er atmete aus. Der Graue bewegte erneut den Schwanz. Er hielt den Kopf schräg und hatte die Ohren gesenkt. Sie lagen jetzt ein­ge­schla­gen zu bei­den Sei­ten der fla­chen Stirn. Er wackelte mit dem Kör­per und bewegte sich im Halb­kreis auf den Mann zu, sodass er sich ihm näherte und zugleich auf Abstand blieb. Obwohl unge­übt, wirkte er unver­hoh­len freund­lich. Das gesträubte Rücken­haar hatte sich gelegt, seine Würde und Fas­sung hatte er aber nicht ver­lo­ren. Der halb ent­rollte Schwanz­krin­gel bewegte sich.“

Trotz die­ses guten Endes fin­det sich in kei­ner Zeile Kitsch. Kers­tin Ekman fühlt sich in ihren Hel­den sehr genau ein und über­setzt dies in ihre Wald­poe­sie. Indem man liest taucht man tief ein in das grüne Geknurp­schel, Geziepe und Geflat­ter. Lang­sam liest man die Sätze, vor­sich­tig um kein Geräusch zu machen und zu stö­ren. Gleich­zei­tig wird man von einem unge­heu­ren Sog erfasst, atem­los, hechelnd.

Ein Buch, das einem Lust auf den Wald macht, auf einen Hund und auf die poe­ti­sche Spra­che die­ser schwe­di­schen Auto­rin, die Hed­wig M. Bin­der kunst­voll ins Deut­sche über­tra­gen hat.

Geschrieben von Atalante

2. Februar 2012 um 14:24

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Pickel, Priester, Partydrogen

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Skippy stirbt, eine Inter­nats– und Gesell­schafts­kri­tik von Paul Murray

Zu die­sem Buch, wel­ches der Kunstmann-Verlag in einer biblio­gra­phisch auf­wen­dig gestal­te­ten Aus­gabe edi­tiert hat, habe ich mich von einem begeis­ter­ten Bücher­vo­gel über­re­den las­sen, denn Erleb­nisse puber­tä­rer Inter­nats­in­sas­sen sind nicht unbe­dingt mein Metier. Das fiel mir schon bei Tschick auf, der sich gera­dezu locker run­ter lesen lässt, was man von dem 780 Sei­ten star­ken Schwer­ge­wicht Paul Mur­rays, der die Träume und Alb­träume sei­ner Prot­ago­nis­ten auf dras­ti­sche Weise schil­dert, schwer­lich sagen kann. Der Roman wird zwar man­cher­or­ten als äußerst kurz­wei­lig gelobt, für mei­nen Geschmack weist er jedoch deut­li­che Län­gen auf.

Die Geschichte spielt in einem katho­li­schen Inter­nat Dub­lins zu Zei­ten der Finanz­krise. Die Schü­ler­schaft spie­gelt das übli­che Bild männ­li­cher Jugend­li­cher wäh­rend das Leh­rer­kol­le­gium ältere Pries­tern und halb­her­zi­ges Per­so­nal auf­weist. Einer sei­ner jün­ge­ren, welt­li­chen Mit­glie­der ist der ehe­ma­lige Ban­ker Howard. Aus sei­nem alten Job gefeu­ert, unter­rich­tet er nun an sei­ner eins­ti­gen Schule Geschichte. Es gelingt ihm kaum sich und seine The­men durch­zu­set­zen, woran nicht nur der ver­meint­lich dröge Stoff und seine unin­spi­rierte Ver­mitt­lung, son­dern auch sein Ruf als „Howard the Coward“, Howard Hasen­herz, zählt. Wie er zu die­sem Spott­na­men kam, erschließt sich im Lauf des Romans. Erst als Howard von einer schö­nen Fee, einer eben­falls aus dem Ban­ken­mi­lieu in die Schule gera­te­nen attrak­ti­ven Aus­hilfs­kraft, einen ent­schei­den­den Lek­tü­re­tipp erhält, erfah­ren sowohl er wie die Schü­ler einen Motivationsschub.

Von den Schü­ler, die alle von Puber­täts­nö­ten geplagt wer­den, lei­det der trau­rige Skippy beson­ders. Trau­ma­ti­siert durch die schwere Krank­heit sei­ner Mut­ter herr­schen zwi­schen ihm und sei­nem Vater Sprach­lo­sig­keit. Nöte, die die Leh­rer nicht erken­nen kön­nen, weil sie zu sehr mit ihren eige­nen Pro­ble­men beschäf­tigt sind. So sind auch all die ande­ren Jungs auf sich alleine gestellt, das dicke Genie, der Mini­ma­cho ita­lie­ni­scher Abstam­mung, die rital­in­ver­seuch­ten Unter­stu­fen­schü­ler, die sozial benach­tei­lig­ten Pau­sen­hof­dea­ler. Ihre weib­li­chen Alters­ge­nos­sen in der vis-à-vis gele­ge­nen Non­nen­schule haben es nicht leich­ter. Sie hadern mit ihrem Äuße­ren bis zur Mager­sucht, sind sexu­el­lem Druck aus­ge­setzt, intri­gie­ren gegen­ein­an­der. Auch sie fin­den bei den Erwach­se­nen kei­nen Halt.

Paul Mur­ray, des­sen Roman mit dem Tod sei­nes Hel­den ein­setzt, erzählt nicht nur des­sen Mar­ty­rien, zu denen auch eine Love­story gehört, son­dern  er schil­dert vor allem ein Drama von Grup­pen­zwang, Schuld und Heu­che­lei. Aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven erfährt der Leser von Ver­nach­läs­si­gung und Erpres­sung, von debi­len Direk­to­ren, denen der Ruf der Schule über alles geht, von Müt­tern, die ihre Töch­ter anstatt mit Zuwen­dung mit einem Fri­seur­be­such trös­ten, von dum­men Sport­leh­rern und ver­meint­lich fei­gen, aber eigent­lich ganz schön mutig schlauen Geschichts­leh­rern, von pädo­phi­len Pries­tern, kurz von per­sön­li­cher und gesell­schaft­li­cher Krise.

Das geht, wie die Auf­zäh­lung zeigt, nicht ohne die übli­chen Kli­schees zu bemü­hen. Viel­leicht liegt es daran, viel­leicht auch an der Länge des Buches, ganz bestimmt aber liegt es an mir, daß er mir nicht ganz so gut gefal­len hat. Der Roman war mir zu lang und mir fehlte die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Alleine Howard fühlte ich mich manch­mal nahe, beson­ders bei sei­ner Lek­türe von Robert Ranke-Graves, Good­bye to All That , über des­sen Erleb­nisse im 1. Welt­krieg. Mit Die Weiße Göt­tin zitiert Mur­ray noch ein wei­te­res emp­feh­lens­wer­tes Buch die­ses Schriftstellers.

Für Jugend­li­che und allen ande­ren, die noch mit der Schule leben, kann die­ser Roman eine loh­nende Lek­türe sein. Den­je­ni­gen, die davon nichts mehr wis­sen wol­len, seien die Bücher von Robert Ranke-Graves ans Herz gelegt.

Geschrieben von Atalante

30. Januar 2012 um 14:23

Die Alters-Sex-Lüge

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In “Der letzte Geschlechts­ver­kehr” beklagt Helke San­der die unge­rechte Rollenverteilung

„Für Leute in ihrem Alter gab es den Aus­druck „Jen­seits von Gut und Böse“. Frü­her, vor noch nicht allzu lan­ger Zeit, sagte man das schon von Vierzigjährigen.“

Die Fil­me­ma­che­rin und Auto­rin Helke San­der,„gebil­dete Mit­tel­eu­ro­päe­rin der Mit­tel­klasse“ und „Teil­neh­me­rin am sexu­el­len Auf­bruch“, hat ein Buch über den letz­ten Geschlechts­ver­kehr und andere Aus­sich­ten aufs Altern ver­fasst. Ihre jewei­li­gen Geschich­ten sind ebenso abwechs­lungs­reich wie ihre Prot­ago­nis­tin­nen. Diese sind auf der Suche nach Sex, lau­schen Tan­tra­tö­nen, sin­nie­ren über exis­ten­ti­elle Ein­sam­keit und all­mäh­li­che Triebverflüchtigungen.

Die Hel­din der ers­ten Geschichte arbei­tet als Biblio­the­ka­rin. Sie möchte gerne einen Mann ken­nen­ler­nen, was ihr im behaup­tet män­ner­fer­nen Buch­mi­lieu kaum gelin­gen will. Da nüt­zen auch keine Lesun­gen über Schwarz­wald­sur­vi­val oder ähnli­che ver­meint­lich män­neraf­fine The­men. Sie greift in ihrer Not schließ­lich zum aller­letz­ten Mit­tel und ant­wor­tet gänz­lich unro­man­tisch auf eine Annonce. Was dann geschieht, erzählt San­der kurz­wei­lig und nicht ohne Selbst­iro­nie und zum Glück nicht ganz aus. Aber?

Wie es der Lese­teu­fel will wurde mir einige Tage zuvor der Roman „Alte Liebe“ von Hei­den­reich und Schro­eder zuge­steckt. Auch hier lei­tet die Prot­ago­nis­tin eine Büche­rei und orga­ni­siert Lesun­gen. Einen Mann hat sie zwar zu Hause sit­zen, mit dem ist es aber nicht mehr sehr auf­re­gend. Als die bei­den ihre alte Liebe neu ent­deck­ten,  war’s bam­bus­blü­tengleich dann auch bald voll­kom­men aus und vor­bei. Erstaunt hat mich die Häu­fung von Kli­schees in die­sen bei­den the­men­na­hen, aber in Stil und Anspruch doch sehr unter­schied­li­chen Werken.

San­der dringt tie­fer in das Sujet ein. Ihr Haupt­an­lie­gen ist die Situa­tion der älte­ren, meist allein­ste­hen­den Frau, die ver­sucht ihre nicht nur kör­per­li­che Ein­sam­keit zu bewäl­ti­gen. Oft erin­nern die neun Geschich­ten des 144 Sei­ten zäh­len­den Ban­des an die Fall­bei­spiele der Rat­ge­ber­li­te­ra­tur. Ver­stärkt wird dies durch die meist nur mit Initia­len bezeich­ne­ten Figu­ren. Die titel­ge­bende Erzäh­lung über­zeugt mit einer dif­fe­ren­zier­ten Sicht auf die von den Medien pro­pa­gierte Anti-Aging-Sexualität und die Selbst­be­stim­mung des Ein­zel­nen. Doch nicht in allen Geschich­ten ste­hen diese Aspekte im Vordergrund.

Wir lesen auch von einer cou­ra­gier­ten Alten, –sofort erscheint Inge Mey­sel in der Rolle-, die selbst­be­wusst und vol­ler Chuzpe den Rollator-Rambo gibt. In einer der letz­ten Geschich­ten ver­brin­gen zwei alternde Hoch­schul­do­zen­ten ihre Erste Klasse Bahn­fahrt bei Wein und Schum­mer­licht und bekla­gen die man­gelnde Ortho­gra­fie­fes­tig­keit und sexu­elle Abge­klärt­heit ihrer Stu­den­ten. Frü­her war alles besser.

Viel­leicht sind die­sem kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Credo auch die übri­gen Bezie­hungs­ge­schich­ten geschul­det. Wie zu Zei­ten der Frau­en­li­te­ra­tur erzäh­len sie von geschei­ter­ten Ehen und bin­dungs­un­fä­hi­gen Män­nern. Über­haupt die Män­ner, hier bleibt kein Kli­schee unge­nannt. Beson­ders stört mich, die immer wie­der auf­tau­chende Unter­stel­lung alle Män­ner über 50 wür­den sich von ihren gleich­alt­ri­gen Part­ne­rin­nen tren­nen und sich den schon begie­rig auf sie war­ten­den jun­gen Fri­schen zuwen­den. Das hat weder etwas mit Frau­en­be­we­gung und schon gar nichts mit Frau­en­so­li­da­ri­tät zu tun.

Nichts­des­to­trotz habe ich San­ders Buch nicht ohne Ver­gnü­gen gele­sen und dachte an die gute alte Zeit, als alle Män­ner noch per naturam unzu­läng­lich waren.

Geschrieben von Atalante

18. Januar 2012 um 18:52

Surreale Odyssee

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Jean Cayrol „Im Bereich einer Nacht“ — Die Wie­der­ent­de­ckung eines gro­ßen fran­zö­si­schen Romans

„Und was habe ich in die­sem Win­kel hier wie­der­ge­fun­den? Eine ver­fal­lene Kind­heit, eine nie­der­ge­hauene Land­schaft und über all dem eine wütende, rasende Nacht.“

Anläss­lich des hun­derts­ten Geburts­tags von Jean Cayrol (1911–2005) hat der Schöffling-Verlag des­sen Roman „Im Bereich einer Nacht“ neu auf­ge­legt, in der beein­dru­cken­den Über­set­zung durch Paul Celan.

Der drei­ßig­jäh­rige François ist aus Paris auf­ge­bro­chen um sei­nen Vater zu besu­chen. Die­ser wohnt in Sainte-Veyres, nach dem Krieg in Chau­vi­gny umbe­nannt. Man ahnt gleich zu Beginn, daß sich nicht ein freu­di­ges Wie­der­se­hen mit dem Ort und den Per­so­nen der Kind­heit anbahnt. François ver­lässt den Zug eine Sta­tion vor dem Ziel, um nicht von sei­nen Vater von Bahn­hof abge­holt zu wer­den und so eine öffent­li­che Umar­mung  zu ver­mei­den. Doch die­sen Ent­schluss bereut er bald. So sehr ihm vor der Begeg­nung mit dem Vater graut, ängs­tigt ihn der Fuß­weg durch die graue, dun­kelnde Herbst­land­schaft. Er ver­lässt die Straße wis­send sich in die­sem „Schier­lings– und Brom­beer­reich“ heil­los zu verlaufen.

Die Begeg­nung mit ein paar Jungs, die nach einen Schatz gra­ben, lösen Erin­ne­run­gen an seine eigene, vom Glück weit ent­fernte Kind­heit aus.

„Ich sah ein, daß es unmög­lich war, aus eige­nen Kräf­ten glück­lich zu wer­den: das war der kunst­reich errun­gene Sieg mei­nes Vaters, die harte Lek­tion einer knir­schen­den Mainacht.“

Wei­ter auf der Suche nach dem rech­ten Weg durch ein vom Krieg zer­stör­tes Dorf und sei­nen Wald, ver­folgt von einem her­ren­lo­sen Hund, erin­nert er sich an sei­nen letz­ten Besuch beim Vater, dem „Über­wit­wer“, der sei­nen bei­den Kin­dern die Trauer um ihre Mut­ter ver­bo­ten hatte.

„Arme Mut­ter, nie habe ich sie anders gekannt als ange­schmie­det an ihren Tod. Vater hatte sie ein­ge­ker­kert, ein­gesargt in einem unzu­gäng­li­chen Kum­mer. Nie­mand durfte ihrer geden­ken. Nur auf sei­nen Wink hin durf­ten die Trä­nen flie­ßen und die Seuf­zer laut wer­den. Er gehörte ihm und nur ihm allein, die­ser Tod.“

Als ein­zi­ger Licht­blick in die­ser Herbst­däm­me­rung voll schwar­zer Melan­cho­lie erscheint François sein Glück mit Juli­ette. Er denkt an ihre erste Begeg­nung, an ihre beschei­dene Woh­nung in Paris, in der sie glück­lich sein wol­len, vor allem, weil sie nicht „den ande­ren mit irgend­wel­chen alten Bin­dun­gen behel­li­gen“. Die Ver­gan­gen­heit muss ver­drängt wer­den, um glück­lich leben zu kön­nen. „Darf man den ande­ren Dinge auf­bür­den, die man selbst nicht mehr erträgt?“ François trägt nicht als Ein­zi­ger eine sol­che Last mit sich, auch Juli­ette hat eine Erin­ne­rung zu ver­schwei­gen. Deren Zeu­gen, die Briefe Fer­n­ands, könnte sie jedoch mit Leich­tig­keit ver­bren­nen. François hin­ge­gen holen seine Alb­träume an jedem Weg­wei­ser ein. Seine eins­ti­gen Selbst­mord­ge­dan­ken, die auch den ande­ren Mit­glie­dern die­ser unglück­li­chen Fami­lie nicht fern lagen, und die todes­nahe Atmo­sphäre, deren vor­herr­schen­des Ele­ment die Angst war.

„Als Kind war ihm kaum etwas ande­res beige­bracht wor­den als Angst; eine Angst, der man mit kei­ner­lei Argu­men­ten, mit kei­ner­lei Mut bei­kam.“ Früchte einer streng reli­giö­sen Erzie­hung. „Die­ses Fri­kas­see von Teu­fe­leien, das man uns täg­lich auftischte.“

Schließ­lich wird der mitt­ler­weile von Kälte, Hun­ger und Erin­ne­run­gen zer­mürbte François von einer Auto­fah­re­rin auf­ge­le­sen. In deren Haus erhält er zwar ein wenig Wärme und einen Cognac, gerät aber zugleich in einen Streit zwi­schen Vater und Toch­ter, der ihn schnell sei­nen Weg fort­set­zen lässt. Doch welchen?

„Es gibt immer zwei Wege neben­ein­an­der, einen fal­schen und einen rich­ti­gen. Und Sie – Sie schla­gen immer nur die Wege ein, von denen kein Mensch etwas wis­sen will. Der rich­tige Weg läuft an den Glei­sen ent­lang. Sie ren­nen da auf Wegen herum, als ob Sie auf Amseln aus wären, wie die Kinder.“

François’ Weg zurück führt wei­ter durch seine Kind­heit, die er gemein­sam mit sei­ner Schwes­ter hin­ter ver­schlos­se­nen Türen ver­brin­gen musste, nur ein­mal durf­ten sie einen unbe­schwer­ten Tag in Frei­heit erleben. Da zeigt sich dem erwach­se­nen François plötz­lich ein Licht in der Dun­kel­heit, er wähnt sich in Sicher­heit, ima­gi­niert eine „anhei­melnde, rege, hei­tere Wohn­stätte“, for­mu­liert schon den Bericht sei­ner nächt­li­chen, unheim­li­che Irr­fahrt an Juli­ette, als er beim Betre­ten des Hau­ses gefragt wird, ob er wegen des Toten komme. Vol­ler Schreck, von aber­ma­li­gen Erin­ne­run­gen über­wäl­tig, ver­liert er das Bewusst­sein. Die Bewoh­ner bet­ten ihn auf ein Sofa und bie­ten ihm an über Nacht zu blei­ben. Vom Neben­raum aus lauscht er den Gesprä­chen der Frauen, erfährt von ihrem Unglück und, daß der Tote nur zu Besuch war. Sein Unwohl­sein lässt ihn in Fie­ber­phan­ta­sien fal­len, die seine Kind­heit her­auf­be­schwö­ren und ihn fra­gen las­sen, ob der Tod sei­nes Vaters ihn end­gül­tig  befreien würde, ob er dann mit Juli­ette ein neues Leben anfan­gen könne oder ob er durch die Befrei­ung vom Ver­ur­sa­cher sei­nes Kind­heits­un­glücks gleich­zei­tig auch seine Kind­heit selbst ver­lie­ren würde.

Wie­der erwacht hört er die Schnei­de­rin Ray­monde und ihre Toch­ter Claire, spä­ter trifft Simon ein, und bringt Unfrie­den in seine Fami­lie. Eine Fami­lie, die wie sich zei­gen wird, schon längst zer­stört ist. Auf dem Höhe­punkt des Strei­tes mit ihrem Vater Simon, flieht Claire aus dem Haus. François wird auf­ge­for­dert bei der Suche zu hel­fen. Diese gilt aller­dings mehr dem teu­ren Hoch­zeits­kleid, daß Claire zur Probe über­ge­wor­fen hatte, als dem jun­gen Mäd­chen selbst. François irrt wie­der durch die Nacht und fin­det Claire schließ­lich in dem Haus, wel­ches ihm als Kna­ben Zuflucht gebo­ten hat. Das Haus des alten, lie­ben Leh­rers Jean.

Die Lösung sei­ner Fra­gen und damit das Ende die­ser Nacht erschließt sich ihm und damit auch dem Leser auf der vor­letz­ten Seite des Romans.

Jean Cayrol beschreibt in sei­nem Werk die nächt­li­che Odys­see sei­nes Prot­ago­nis­ten François zu einem Ziel, wel­ches er eigent­lich gar nicht errei­chen will. Immer wie­der unter­bre­chen Erin­ne­run­gen an die Schre­cken sei­ner Kind­heit die Suche. Fet­zen, die sich nach und nach zusam­men fügen. Dane­ben gibt es Gedan­ken an sein jet­zi­ges Leben, seine Liebe zu Juli­ette. Von ihrer Situa­tion berich­tet der Autor in zwei kur­zen Kapi­teln. Sie zei­gen, wie auch sie von einer Erin­ne­rung belas­tet wird.

Jean Cayrol schil­dert die Suche nach dem rech­ten Weg, der sich in einer vom Krieg trau­ma­ti­sier­ten Gesell­schaft nur schwer­lich fin­den lässt. Er führt durch zer­störte Orte und ver­wil­derte Natur, vor­bei an ver­fal­le­nen Häu­sern und obsku­ren Begeg­nun­gen. Trotz sei­nes bedrü­cken­den Inhalts, fes­selt der Roman, leicht und flie­ßend for­mu­liert. Meh­rere Bewusst­seins­ströme kom­bi­nie­rend ent­wi­ckelt Cayrol ein inten­si­ves Psy­cho­gramm des Prot­ago­nis­ten. Erfah­rung und Phan­ta­sie, Fie­ber und Traum bil­den die Wirk­lich­keit die­ser dunk­len Nacht der Erin­ne­rung. So erzeugt die­ser Roman, dem ich noch viele wei­tere Leser wün­sche, einen unge­heu­ren Lesesog.

Im Nach­wort wür­digt die Roma­nis­tin Ursula Hen­nig­feld den Dich­ter und Ver­le­ger Jean Cayrol. Cayrol wurde als Mit­glied der Résis­tance 1943 im Lager Maut­hau­sen inter­niert, wo er den Mit­in­haf­tier­ten Gedichte von Racine und Rim­baud, sowie eigene Werke vor­trug. Diese erschie­nen 1997 unter dem Titel „Schat­ten­alarm“. Seit 1949 war Cayrol ver­le­ge­risch tätig. 1973 wurde er Mit­glied der Aca­dé­mie Goncourt.

In ihrer Ana­lyse des Romans betont Hen­nig­feld des­sen sur­rea­lis­ti­sche Struk­tur, sowie die sub­text­ua­len Anspie­lun­gen auf die Erin­ne­rungs­po­li­tik des fran­zö­si­schen Staa­tes. Cayrol hat in allen sei­nen Wer­ken seine Erfah­run­gen mit Krieg und Shoah ver­ar­bei­tet, diese aber immer im Lite­ra­ri­schen belassen.

Die Freund­schaft zwi­schen Jean Cayrol und Paul Celan, geprägt durch die gemein­same Arbeit gegen das Ver­ges­sen, führte dazu, daß Cayrol Celan um die Über­set­zung sei­nes Buches bat. Wel­che dich­te­ri­sche Frei­heit er ihm hier­bei ließ, erläu­tert die Autorin.

Geschrieben von Atalante

2. Januar 2012 um 19:01

Abschied von Onkel Paul

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Küchen­ge­sprä­che unter Schwes­tern in Gila Lus­ti­gers neuem Roman “Woran denkst du jetzt

„Sie hatte ein Geschick dafür ent­wi­ckelt, sich von dem Sinn nicht behel­li­gen zu las­sen, und dass sie nach einer guten hal­ben Stunde immer noch nicht her­aus­ge­fun­den hatte, worum es eigent­lich ging, berei­tete ihr Vergnügen.“

Der Leser ver­bringt womög­lich mehr Zeit mit weni­ger Ver­gnü­gen, denn er läuft lang­sam an die­ser Roman, der in einer Nacht spielt, in der Nacht nach dem Tod von Onkel Paul. Seine bei­den Nich­ten sind für diese Nacht in das Eltern­haus zurück­ge­kehrt. Die­ses Haus hatte Paul vor Jah­ren sei­ner Schwes­ter über­las­sen, als ihr Mann sie ver­ließ und sie mit ihren bei­den Töch­tern eine Bleibe suchte. Onkel Paul war seit­dem immer für sie da, in den letz­ten Mona­ten sei­nes Krebs­lei­dens hin­ge­gen küm­mer­ten sie sich um ihn. Er wollte seine letzte Zeit mit ihnen ver­brin­gen, nicht mit sei­ner Frau, mit der er jahr­zehn­te­lang ver­hei­ra­tet war. Doch warum?

Dies ist eine der Fra­gen, die sich Lisa und ihrer Schwes­ter Tanja in die­sen Stun­den stel­len, den Stun­den der Toten­wa­che, die sie in der Küche des Hau­ses ver­brin­gen. Sie reden und strei­ten und stür­zen sich mit dem ewi­gen „Woran denkst Du jetzt?“ in ihren eige­nen Ver­gan­gen­heits­film. Durch die­ses alter­nie­rende Prin­zip führt Gila Lus­ti­ger die jewei­li­gen Erin­ne­run­gen der unter­schied­li­chen Schwes­tern ein. So erlebt der Leser das Fami­li­en­ge­sche­hen ein­mal in der Ana­lyse der Psy­cho­dra­ma­the­ra­peu­tin Lisa, dann aus der Sicht der prag­ma­ti­schen Bank­ma­na­ge­rin Tanja. Lisa, das Empa­thie­ge­nie, und Tanja, das Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Tanja, die sich ihre Pro­bleme selbst macht und diese auch selbst lösen will. Lisa, die die Pro­bleme ande­rer lösen möchte. Beide sind „wahre Meis­te­rin­nen im Dar­über­hin­weg­kom­men“ damals wie heute.

Nach­dem Tan­jas Zeit im Aus­land sie auch inner­lich von­ein­an­der ent­fernt hatte, schei­nen die Schwes­tern sich in die­sen Stun­den wie­der anzu­nä­hern. Doch sie reden nicht mit­ein­an­der, sie sin­nie­ren neben­ein­an­der über ihr Leben. Vor allem dar­über, wel­che Rolle Onkel Paul darin spielte. Die­ser erscheint als dan­dy­haf­ter Zam­pano, der immer genau wusste, was gut und rich­tig war, und sie mit opu­len­ten Geschen­ken und Lebens­weis­hei­ten über­häufte. Die Erin­ne­run­gen ent­lar­ven ihn schließ­lich als Manipulator.

In die­ser psy­cho­lo­gisch nicht unin­ter­es­sant kon­stru­ier­ten Fami­li­en­ge­schichte ver­misst der Leser jedoch lange das Motiv. So folgt man über die Hälfte des Romans gedul­dig den Erin­ne­run­gen und, da immer noch kein Geheim­nis in Sicht, beginnt man bald sich selbst eines her­bei zu spin­nen. Schließ­lich zeigt sich weder Miss­brauch, noch Inzest son­dern ein bana­ler Ehe­bruch als causa scri­bendi. Die­ser bestimmt fol­gen­reich das Bezie­hungs­ge­flecht der Per­so­nen bis zum Tode von Onkel Paul, den man viel­leicht in zwei­fa­cher Hin­sicht als Haupt­schul­di­gen bezeich­nen könnte. Er hatte einst den künf­ti­gen Ehe­mann sei­ner Schwes­ter als Freund ins Haus gebracht und viele Jahre spä­ter die Ehe durch seine Indis­kre­tion zer­stört. Wei­tere Geständ­nisse fol­gen und erlau­ben den Schwes­tern zu ver­zei­hen, sich selbst und ein­an­der, und schließ­lich auch den Tod ihres Onkels zu betrauern.

Lei­der ver­folgt die­ser Roman die Frage nach Schuld und Ver­ant­wor­tung nicht inten­si­ver und endet hoff­nungs­voll milde. Dabei erzählt Gila Lus­ti­ger ihre Geschichte eines Ver­rats in einem durch­aus anspruchs­vol­len Kon­strukt aus Gefüh­len und Erin­ne­run­gen, was den gro­ßen psy­cho­lo­gi­schen Reiz ausmacht.

Man­ches trübte jedoch mein Lese­ver­gnü­gen. Der Auto­rin gelingt es nicht immer die bei­den cha­rak­ter­lich doch so ver­schie­den ange­leg­ten Schwes­tern deut­lich von­ein­an­der abzu­gren­zen. Beson­ders in der wört­li­chen Rede ist oft nicht ein­deu­tig aus­zu­ma­chen, wel­che Per­son spricht. Noch stö­ren­der emp­finde ich die sehr umgangs­sprach­li­che For­mu­lie­rung eini­ger Sätze, die dadurch oft unklar und miss­ver­ständ­lich sind. Wenn man jedoch dar­über hin­weg zu lesen ver­mag, öffnen sich für den an fami­liä­ren Kon­stel­la­tio­nen Inter­es­sier­ten inten­sive Ein­bli­cke in eine nicht immer ein­fa­che Schwesternbeziehung.

Zum Schluss noch eine Bemer­kung zur Gestal­tung. Die Fuß­zeile ist ziem­lich breit, wäh­rend die Kopf­zeile und die Rand­be­rei­che sehr schmal blei­ben, in Kom­bi­na­tion mit dem wei­ten Zei­len­ab­stand emp­finde ich das als unschön. Inkon­se­quent wirkt, daß im ers­ten Kapi­tel die erin­ner­ten Gedan­ken kur­siv erschei­nen, dies jedoch im Fol­ge­text nicht wei­ter­ge­führt wird. Dafür gibt es als hüb­schen und zugleich nütz­li­chen Aus­gleich ein bor­deau­xro­tes Lesebändchen.

Geschrieben von Atalante

19. Dezember 2011 um 13:34

Mythos Kilimandscharo

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Kolo­nia­les Wettklettern

Mit ihrem im Wagenbach-Verlag erschie­ne­nen Buch „Kili­man­dscharo“ legen die bei­den Auto­ren, der Ger­ma­nist und His­to­ri­ker Chris­tof Hamann und der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Alex­an­der Honold die „deut­sche Geschichte eines afri­ka­ni­schen Ber­ges“ vor.

In zehn Kapi­teln stel­len sie die ver­schie­de­nen Aspekte der Fas­zi­na­tion her­aus, die die­ser Berg von der Antike bis in die heu­tige Zeit aus­übt. Wie der Berg als Mikro­kos­mos ver­schie­denste Bedürf­nisse ver­eint, Natur– und Selbst­er­fah­rung, die Sehn­sucht nach dem Ideal und die Abkehr von der Zivi­li­sa­tion zeigt das Anfangs­ka­pi­tel. Der sym­bo­li­sche Gehalt mythi­scher Berg­phan­ta­sien, sei es nun der Olymp oder der Par­nass, der eine Sitz der Göt­ter, der andere Hain der Musen, wer­den ebenso wie Dan­tes Läu­te­rungs­berg berück­sich­tigt. Die im 18. Jahr­hun­dert sich aus­bil­dende Sti­li­sie­rung der Alpen zum „Hoch­ge­birge der Emp­find­sam­keit“ zei­gen die Auto­ren anhand der Spu­ren von Albrecht von Hal­ler und Jean-Jacques Rous­seau. Als wei­tere Pio­niere der Ent­de­cker­lust blei­ben selbst­ver­ständ­lich auch Fran­cesco Petrarca und Alex­an­der von Hum­boldt nicht ungenannt.

Das zweite Kapi­tel führt in die Vor­ge­schichte des „Schnee­ber­ges“ ein. Mythen, aber auch geo­gra­phi­sche Beob­ach­tun­gen, die in der anti­ken Über­lie­fe­rung von Hero­dot bis Pto­le­maios von Alex­an­dria fass­bar sind, wer­den ein­an­der gegen­über­ge­stellt und durch anek­do­ten­haft anmu­tende Berichte anti­ker Expe­di­ti­ons­trupps ergänzt.

Wel­che Rolle das Pres­tige eines Erst­ent­de­ckers gerade wäh­rend des „Run of Africa“ ein­nimmt zeigt das dritte Kapi­tel. Geo­gra­phie wurde zwar weni­ger als Wis­sen­schaft denn als Feuille­ton­thema wahr­ge­nom­men, den­noch war das Inter­esse gerade am unent­deck­ten afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent enorm. Mit Span­nung ver­folgte das deut­sche Lese­pu­bli­kum in zahl­rei­chen Publi­ka­tio­nen wie „Die Gar­ten­laube“ und  „Westermann’s Monats­hefte“ den Wett­lauf zu den Quel­len des Nigers. Beliebte Lek­türe waren auch die Berichte deut­scher und eng­li­scher Mis­sio­nare, die auf ihren Wegen zu den „Ungläu­bi­gen“ bis in unbe­kannte Regio­nen vor­dran­gen. So berich­te­ten die Mis­sio­nare Johan­nes Reb­mann und sein Kol­lege Johann Lud­wig Krapf über ihre Unter­neh­mun­gen im Church Mis­sio­nary Intel­li­gen­zer. Sie beschrie­ben als erste neu­zeit­li­che Euro­päer einen Schnee­gip­fel in Äqua­tor­nähe. Doch das trug den Mis­sio­na­ren mehr Spott als Aner­ken­nung ein. Der eng­li­sche Gelehrte Wil­liam Debo­rough Coo­ley wirft ihnen über­bor­dende Phan­ta­sie und Unpro­fes­sio­na­li­tät vor und ver­wies hämisch auf die Kurz­sich­tig­keit der bei­den Brillenträger.

Dass nicht nur geo­gra­phi­sche Neu­gier und reli­giö­ses Sen­dungs­be­wußt­sein, son­dern auch kolo­ni­al­po­li­ti­scher Ehr­geiz bei der wei­te­ren Erfor­schung Afri­kas und ins­be­son­dere des Kili­man­dscha­ros eine Rolle spiel­ten, schil­dern die Auto­ren im Fol­gen­den. „Die Bestei­gung des Schnee­ber­ges bleibt ein wich­ti­ges wis­sen­schaft­li­ches und poli­ti­sches Ziel“ (S. 66). Als sei die Erst­be­stei­gung des Kilimandscharo–Gipfels Kibo eine Unter­dis­zi­plin im „Wett­lauf um Afrika“. Neben den Deut­schen Carl Claus von der Decken, Edu­ard Vogel und Gus­tav Adolf Fischer tra­ten die Bri­ten Joseph Thom­son und Harry Johns­ton an. Alle schei­ter­ten. Erst Hans Meyer und Lud­wig Purt­schel­ler erreich­ten 1889 im drit­ten Anlauf den Gip­fel und mach­ten ihn mit Deut­scher Flagge und einem drei­fa­chen Hurra zur Kaiser-Wilhelm-Spitze und damit zum höchs­ten Berg Deutsch­lands. In Mey­ers Dar­stel­lun­gen zeigt sich die große Fas­zi­na­tion, die der Kili­man­dscharo aus­übte, das schnee­be­deckte Hoch­ge­birge in Äqua­tor­nähe, seine sin­gu­läre Erhe­bung in der Land­schaft, der wol­ken­ver­han­gene Gip­fel und seine unter­schied­li­chen Kli­mate und Vege­ta­ti­ons­zo­nen. Wie die geschickte mediale Prä­sen­ta­tion den Berg im fer­nen Afrika zu einem Sym­bol deut­schen Natio­nal­stol­zes wer­den lässt, zei­gen die Auto­ren in den nach­fol­gen­den Kapi­teln. Seien es nun die umfas­sende lite­ra­ri­sche Rezep­tion, unter denen Jules Ver­nes Fünf Wochen im Bal­lon das popu­lärste Bei­spiel dar­stel­len mag, oder die Aus­wir­kun­gen auf die Werke der Bil­den­den Künste. Beson­ders deut­sche Künst­ler tru­gen dazu bei, daß kolo­ni­al­ro­man­ti­sche Sehn­süchte noch lange nach Ende der kur­zen deut­schen Kolo­ni­al­phase wei­ter­leb­ten. Und das bis heute, wie Fern­seh­dra­mo­letts vor der Kulisse des Kili­man­dscharo beweisen.

Die bei­den Wis­sen­schaft­ler, die sich selbst als Flach­land­au­to­ren bezeich­nen, und doch mit­un­ter bei gemein­sa­men Berg­wan­de­run­gen die Kon­zep­tion ihres Buches dis­ku­tier­ten, bie­ten viel­fäl­tige Aspekte des berühm­tes­ten Ber­ges Ost­afri­kas. Sie ana­ly­sie­ren die kolo­niale Geschichte des Gip­fels und wer­fen zudem einem Blick auf die kul­tu­relle Bedeu­tung des Berg­stei­gens und die Motive der Akteure. Dem Leser öffnet sich so die his­to­ri­sche aber auch die lite­ra­ri­sche Perspektive.

Zahl­rei­che Abbil­dun­gen und ein ebenso nütz­lich wie aus­führ­li­cher Anmer­kungs­ap­pa­rat ergän­zen die­sen Band aus der schön gestal­te­ten kul­tur­ge­schicht­li­chen Reihe des Wagenbach-Verlages.

Zur Rolle Reb­manns und Krapfs als erste euro­päi­sche Schneegipfel-Boten sei fol­gende Bege­ben­heit ergän­zend erzählt. Es war nicht nur der Brite Beke, wie Hamann und Honold berich­ten, der die Aus­sa­gen von Reb­mann und Krapf ernst nahm. Die in den neu­ge­grün­de­ten geo­gra­phi­schen Zeit­schrif­ten „Peter­manns Mit­tei­lun­gen“, Glo­bus“, „Zeit­schrift für all­ge­meine Erd­kunde“ heiß dis­ku­tier­ten Schnee­berge setz­ten die bei­den der­art in den Fokus, daß ihnen zu Beginn des Jah­res 1851, wie Jochen Eber in sei­ner Bio­gra­phie über Krapf berich­tet, eine Audi­enz bei Friedrich-Wilhelm IV. gewährt wurde. Dort schil­der­ten sie ihre Ent­de­ckun­gen den preu­ßi­schen Gelehr­ten Carl Rit­ter und Alex­an­der von Hum­boldt, wor­auf sich letz­te­rer „wie ein klei­nes Kind über ein neues Spiel­zeug“ gefreut haben soll (Eber, S. 148).

Geschrieben von Atalante

2. Dezember 2011 um 20:03

Zen oder die Kunst sich schweigend zu verlieben

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Pro­log

Um es vor­weg zu sagen, die­ser Autor beglei­tet schon seit lan­gem mein Lese­le­ben. Die Bekannt­schaft begann mit der römi­schen Goethe-Historie „Faus­ti­nas Küsse“. Es folg­ten die übri­gen die­ser Tri­lo­gie, „Die Nacht des Don Juan“ und „Im Licht der Lagune“. Bis auf wenige Aus­nah­men habe ich auch andere alte und neue Bücher Ortheils gele­sen. So auch nach „Die große Liebe“ und „Das Ver­lan­gen nach Liebe“ den letz­ten Band sei­ner Lie­bestri­lo­gie „Lie­bes­nähe“.

Fast eben solange stellt sich mir die Frage, was mir an sei­nen Büchern denn nun so gefällt. Sicher ist es die Liebe zu Ita­lien, viel­leicht auch eine gewisse roman­ti­sche Melan­cho­lie. Bis­her war ich, abge­se­hen von eini­gen Eitel­kei­ten des erwach­se­nen Johan­nes in „Die Erfin­dung des Lebens“ und von stär­ke­ren Arro­gan­zen in Ortheils Rom­füh­rer immer ange­nehm angetan.

Sich schwei­gend ver­lie­ben als Performance

„Wer ist diese Schwim­me­rin“ mit die­sem Notat läu­tet Hanns-Josef Ortheil ein, was der Titel sei­nes neuen Romans „Lie­bes­nähe“ bereits vor­weg nimmt.

Behut­sam ent­wi­ckelt der Autor die Annä­he­rung zweier sich zunächst unbe­kann­ter Ein­zel­gän­ger, die anschei­nend zufäl­lig im all­tags­fer­nen Milieu eines ein­sam gele­ge­nen Luxus­ho­tels ein­an­der bemer­ken. Der Schrift­stel­ler Johan­nes Kirch­ner und die Installations-Künstlerin Jule Dan­ner ver­mei­den zunächst direkte Begeg­nun­gen und bevor­zu­gen sich aus der Dis­tanz zu ent­de­cken. Kleine Bot­schaf­ten, die Ahnun­gen bestä­ti­gen, gehen tra­di­tio­nell als Zet­tel oder modern als SMS hin und her und füh­ren schließ­lich zum Gegen­über. Diese Bewe­gun­gen auf­ein­an­der zu wer­den äußerst vor­sich­tig aus­ge­führt, ein kunst­vol­ler Balz­tanz, des­sen Cho­reo­gra­fie mal den Insze­nie­run­gen der Video­künst­le­rin mal den Ein­fäl­len des Schrift­stel­lers folgt.

Nur eines fin­det nie­mals statt, das gespro­chene Wort. Die­ses rich­ten beide jeweils sepa­rat an Katha­rina, die die kleine Buch­hand­lung des Hotels führt. Sie berät ihre Kun­den nach deren Befind­lich­keit und führt außer die­ser Lite­ra­tur­the­ra­pie nur Bücher im Sor­ti­ment, die ihr per­sön­lich gut gefal­len. Sie unter­hält zu Bei­den eine ganz beson­dere Bezie­hung, man könnte sie als müt­ter­li­che Freun­din bezeich­nen. Die Details der Per­so­nen­kon­stel­la­tion offen­bart der Autor erst nach und nach lang­sam vor­an­schrei­tend wie in einer Zen-Meditation. Über­haupt gibt es viel Japa­ni­sches. Lite­ra­ri­sche Inspi­ra­tion bie­tet das Kopf­kis­sen­buch der Sei Shō­na­gon. Japa­ni­sche Trom­meln und Bam­bus­flö­ten, Kimono, Tusche, Tee und Kama­su­tra ergän­zen das Ambiente.

Als wech­sel­sei­tige Sicht sei­ner bei­den Haupt­per­so­nen kom­po­niert Ortheil sei­nen Roman. Mal kom­men­tiert Johan­nes, mal Jule ihr auf­ein­an­der Zuge­hen. Das so zwei­mal das Glei­che aus dem jeweils ande­ren Blick­win­kel erzählt wird, macht den Reiz der Idee aus. Wenn jedoch Ereig­nisse wie die berühmte Per­for­mance der Künst­le­rin Marina Abra­mo­vić, die als Vor­lage für eine Begeg­nung dem Leser  mehr­fach erklärt wer­den, wirkt dies redundant.

Was ich an die­sem Buch sehr mag

Wie Hanns-Josef Ortheil genaue Wahr­neh­mung und Beschrei­bung in Sätze ver­wan­delt. Er beherrscht diese Fähig­keit so gut, daß der Leser sich sofort in das Ambi­ente sei­ner Romane hin­ein­ver­setzt fühlt. Land­schaf­ten und Räume, Natur und Inte­ri­eur, Gau­men– und Lese­freu­den stellt er auf diese Weise zum unmit­tel­ba­ren Nach­voll­zug dar.

Wie rück­sichts­voll die Per­so­nen mit­ein­an­der umge­hen und wie empa­thisch Ortheil Gefühle zu schil­dern vermag.

Wie er die Lust und die Inspi­ra­tons­kraft von ein­sa­men Spa­zier­gän­gen dar­stellt. Bewe­gung bewegt auch den Geist. Das mit sich Allein­sein lässt Raum für Kreativität.

Wie Natur und Kunst in ihren ver­schie­de­nen For­men mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht werden.

Was ich an die­sem Buch über­haupt nicht mag

Wie die Wahl des Milieus das Gesche­hen weit über das nor­male Leben habt, ein eska­pis­ti­scher Wun­der­ort inmit­ten saf­tig grü­ner Almen, wo sogar Toast­brot­schei­ben stun­den­lang frisch gerös­tet bleiben.

Wie dadurch das Schloss­ho­tel Elmau, unver­kenn­ba­res Vor­bild die­ses Para­die­ses, als ein Ort irdi­scher Ver­hei­ßun­gen bewor­ben wird.

Wie die Rol­le­ne­be­nen gewahrt wer­den. Die Künst­ler blei­ben welt­fern. Die Hotel­an­ge­stell­ten die­nen als gute Geis­ter und wer­den von oben herab cha­rak­te­ri­siert. Die übri­gen Gäste sind läs­tige Geräusch­ku­lisse. Katha­rina ver­mit­telt zwi­schen allen und die junge Emp­fangs­dame des Hotels seufzt der gro­ßen Künst­ler­liebe in frem­den Laken nach.

Wie bei man­chen Beschrei­bun­gen doch des Guten zu viel gebo­ten wird. Der starke, gelbe Urin­strahl zählt nicht zu den Din­gen, von denen ich gerne lesen möchte.

Wie der Leser belehrt wird über die rich­tige Art Sekt zu trin­ken (Was­ser­glas), authen­tisch Cam­pari zu genie­ßen (ohne Eis, dafür rand­voll), über gute Würste (ins­be­son­dere die Milz­wurst), über das rich­tige Früh­stück, rich­ti­ges Spei­sen, den rich­ti­gen Zeit­punkt zu arbei­ten und mehr.

Wie der Autor sein Buch­kon­zept erklärt „eine ero­ti­sche und bei­nahe uner­träg­li­che Span­nung, die auf einer streng ein­ge­hal­te­nen Dis­tanz der bei­den Lie­ben­den basiert“ (S. 129).

Fazit

Weni­ger Eitel­keit wäre mir lie­ber gewe­sen und auch mehr Acht­sam­keit. Damit nicht aus blon­dem Haar mit roten Spit­zen am Ende blon­des Haar mit roten Ansät­zen wird, und aus einem hell­grü­nen Bade­man­tel inner­halb von drei Sei­ten ein dunkelgrüner.

So weit, so gut. Viel­leicht kommt ja noch­mal ein Roman wie „Hecke“ oder „Mosel­reise“ oder etwas Historisches.

Rät­sel­haft bleibt mir zuletzt noch die Abbil­dung auf dem Schutz­um­schlag. Die dun­kel­haa­rige Schöne kann weder die blonde Jule noch die japa­ni­sche Hof­dame sein.

Wer ist die Dargestellte?

 

 

Geschrieben von Atalante

22. November 2011 um 18:18

Noch einen Tag und eine Nacht — Wortschatzbildung mit Fabio Volo

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Il giorno in più” — Let­te­ra­tura gal­lina di un galletto

Ob die­ses Buch mit dem deut­schen Titel Noch ein Tag und eine Nacht hier auf mei­ner Seite einen Platz fin­den wird, habe ich mich lange gefragt. Es ist zwar kein Romanzo rosa, ein ita­lie­ni­scher Heft­chen­ro­man, aber unbe­streit­bar ein Romanzo sentimentale.

Gia­como, Turi­ner, Sin­gle um die 30, sieht eines Mor­gens eine Unbe­kannte in der S-Bahn. Er ist fas­zi­niert, sie tau­schen Bli­cke und ein Lächeln. Zu einem Kon­takt kommt es jedoch nicht. Gia­como, der sonst schnell einen Spruch für eine Frau fin­det, ist sich selbst ein Rät­sel. Auch die auf­mun­tern­den Rat­schläge sei­ner Freun­din Sil­via ermu­ti­gen ihn nicht. So lebt er über Wochen für die­ses stumme Ren­dez­vous am Mor­gen, das nur einige Hal­te­stel­len dau­ert. Eines Tages jedoch spricht Sie ihn an, Michela. Und bei einem Kaf­fee in der Bar, stellt sich her­aus, daß die­ses erste Tref­fen wohl auch das letzte blei­ben wird. Michela ver­lässt die Stadt, sie hat eine neue Arbeits­stelle in New York gefunden.

Was sich wie der kit­schige und banale Plot einer Sto­ria d’Amore anhört, erzählt Fabio Volo auf unge­wöhn­li­che Weise und durch­aus span­nend. So kam ich rasch einige Sei­ten wei­ter und zu der Erkennt­nis, daß das Buch mehr zu bie­ten hat. Gia­como erweist sich als Mann, der über sich selbst nach­den­ken und über Gefühle spre­chen kann. Sonst wäre er auch kaum mit Sil­via befreun­det, einer eins­ti­gen Affäre, die sich aber bald in eine beste Freun­din ver­wan­delte. Die Bei­den bera­ten sich gegen­sei­tig in ihren Lie­bes­que­re­len, was neben allem Wah­ren und All­ge­mei­nem auch amü­sante Momente hat. Erns­ter und melan­cho­li­scher wir­ken Gia­co­mos Erin­ne­run­gen an die schwie­rige Bezie­hung sei­ner Eltern, und ebenso die Scham über einen klei­nen Betrug unter Kin­dern. Wir wären nicht in Ita­lien, gäbe es nicht auch eine Nonna. Von die­ser gelieb­ten Groß­mut­ter, deren Beine stär­kere prä­ko­gni­tive Fähig­kei­ten haben als die Madonna, hat Gia­como Eini­ges zu erzählen.

Wie Gia­como und Michela ihr Ren­dez­vous fort­set­zen, sei hier nicht ver­ra­ten. Nur soviel, wer plant sich in ita­lie­ni­sche Lie­bes­aben­teuer zu stür­zen, ist am Ende des Buches für alle Situa­tio­nen sprach­lich präpariert.

Gedacht als leichte Lek­türe, um mein Ita­lie­nisch auf­zu­po­lie­ren, erwies sich Fabio Volos Romanzo als gut les­bare Unter­hal­tung. Und zudem als Lehr­stück in kul­tu­rel­ler Dif­fe­renz, ist mir in mei­nem Leben als Frau und in mei­nem Leben als Lese­rin doch sel­ten jemand begeg­net, der so ein­fühl­sam seine inne­ren Vor­gänge schil­dert ohne seine viel­fäl­ti­gen Unzu­läng­lich­kei­ten zu ver­ber­gen. Die Sto­ria d’amore ist nicht glatt und ober­fläch­lich, son­dern wird durch oft skur­rile Ansich­ten und Beob­ach­tung gebro­chen. Manch­mal gibt es gen­re­be­dingt natür­lich auch ein wenig Kitsch und Klischee.

Aber allen, die eine gefühl­volle Lie­bes­ge­schichte aus männ­li­cher Sicht lesen wol­len, sei die­ser Roman emp­foh­len. Allen Ita­lie­ni­scha­ma­teu­ren sowieso.

Wer hin­ein­schnup­pern möchte, lese das erste Kapi­tel. Wer keine Lust zu lesen hat, warte auf den Film, der in Ita­lien im Dezem­ber ins Kino kommt. Der Autor spielt übri­gens die Hauptrolle.

Geschrieben von Atalante

21. Oktober 2011 um 16:43

Survival of the Fittest?

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Von ver­öde­ten Bio­to­pen und ver­ein­sam­ten Frauen — Judith Schal­ansky in “Der Hals der Giraffe

„Gar keine Staats­form wäre das Aller­beste. Es würde sich alles schon von alleine organisieren.“

Die Bio­lo­gie­leh­re­rin Inge Loh­mark, 55, ver­hei­ra­tet, ein Kind, klas­si­fi­ziert ihre Umge­bung mit einem durch Dar­win geschul­ten Blick. Sie ist die for­schende Beob­ach­te­rin, ihr bevor­zug­tes Areal das Bio­top Schule. Die­ses liegt in Vor­pom­mern, nur noch Wenige, die kaum Nach­wuchs erzeu­gen, woh­nen dort. Die Schule schrumpft und wird dem­nächst schließen.

Wie in einem alten Natur­kun­de­buch hat Judith Schal­ansky ihren Roman gestal­tet. Die Kapi­tel Natur­haus­halte, Ver­er­bungs­vor­gänge und Ent­wick­lungs­lehre, wer­den durch Kolum­nen­ti­tel dif­fe­ren­ziert. Dazwi­schen fin­den sich Zeich­nun­gen der Auto­rin, die Sche­mata, Tiere und viel Bio­lo­gie zeigen.

All’ das erin­nert an die Schul­zeit. Auch die ver­schie­de­nen Typen von Schü­lern und Leh­rern die Schal­ansky via Loh­mark so genüss­lich seziert als lägen sie auf den Plätt­chen eines Mikro­skops, sind nicht unver­traut. Man genießt die ers­ten Sei­ten vol­ler sar­kas­ti­scher Bon­mots in der Erleich­te­rung diese Phase sei­nes Lebens nun end­gül­tig hin­ter sich zu haben. Doch wir befin­den uns nicht in einer Schul­sa­tire. Immer stär­ker offen­bart Inge Loh­mark ihre Ein­sam­keit. Ihr dar­win­scher Zynis­mus ist nur ein Mit­tel zur Dis­tanz. Sie will Abstand schaf­fen, Abstand zu den Men­schen, vor allem aber zu sich selbst. Nur hin und wie­der lässt sie in ihren Reflek­tio­nen den ein­zig wah­ren Grund auf­schei­nen. Es ist die Sehn­sucht nach ihrer Toch­ter Clau­dia. Diese lebt in Ame­rika und mel­det sich höchs­tens noch in kur­zen Mails. Selbst von ihrer Hoch­zeit erfährt Inge Loh­mark nur auf diese unper­sön­li­che Weise. Sie lei­det unter dem Ver­lust ihrer Toch­ter und kann die Ursa­che kaum erken­nen. Liegt es an ihrem Mann Wolf­gang? Der züch­tet zwar jetzt Strauße, die düm­mer als Schü­ler sind, war jedoch einst auch abge­hauen, eine Frau und Kin­der zurück­las­send. Oder liegt es an ihrem eige­nen Repro­duk­ti­ons­geiz? Hätte sie mehr Kin­der bekom­men, wäre ihr viel­leicht eines geblieben.

Inge Loh­marks Schick­sal spie­gelt sich in dem ihrer ver­hass­ten Kol­le­gin Schwan­neke. Diese beklagt ihre Kin­der­lo­sig­keit ohne zu ahnen, daß die Bio­lo­gie­leh­re­rin ihre Trauer teilt. Die eine kann keine Kin­der bekom­men, die andere hat zwei ver­lo­ren, ein gebo­re­nes und ein unge­bo­re­nes. Doch Loh­mark lässt keine Gefühle zu. Weder die posi­ti­ven, wenn sie zu einer Schü­le­rin eine beson­dere Zunei­gung ver­spürt, noch die nega­ti­ven, wenn sie gegen das Mob­bing eines Mäd­chens nicht ein­schrei­ten will. Sie ver­traut auf die Selbst­re­gu­lie­rungs­kräfte der Natur.

Dass auch die Natur, ins­be­son­dere ihre ent­wi­ckelte Form der Lebe­we­sen, das Recht auf Schutz und Für­sorge hat, erkennt sie nicht. Oder erst ganz zum Schluss, in der Erin­ne­rung an ein längst zurück­lie­gen­des Ereignis.

Judith Schal­ansky schil­dert in ihrem Roman sehr ein­fühl­sam, was die Unfä­hig­keit Gefühle zu zei­gen anrich­ten kann, mit dem ande­ren und mit einem selbst. Auch die Psy­che unter­liegt dem Kreis­lauf der Natur.

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Zur The­ma­tik der ver­las­se­nen Eltern sei auf das Buch und die Web­site von Ange­lika Kindt verwiesen.

Geschrieben von Atalante

19. Oktober 2011 um 23:59

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Von Einem, der auszog das Pilgern zu fürchten

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Fluch und Trost der Gospa erfährt Tho­mas Gla­vi­nic in „Unter­wegs im Namen des Herrn“ 

„Wer nach Med­ju­g­o­rje fährt und auf kei­nen der Berge geht, der STOLPERT IM LEBENUND FALLT.“ (S. 77)

Begeis­tert vom Selbst­be­spie­ge­lungs­sar­kas­mus auf den Lite­ra­tur­be­trieb, den Gla­vi­nic in sei­nem 2007 erschie­ne­nen Roman „Das bin doch ich“ bot, griff ich zu sei­nem neuen Buch. Schon der Titel „Unter­wegs im Namen des Herrn“ ver­spricht eine ähnlich amü­sante Annä­he­rung ans Pil­ger­mi­lieu. Denn, um es ehr­lich zu sagen, die­ses post­mo­derne Pil­gern, das mit dem Hape-Hype sei­nen Höhe­punkt aber lei­der nicht End­punkt erreicht hat, ist fad. Die Pil­ger­bü­cher sind Legion, wir brau­chen ein Anti­dot, wie Jean-Dominique Bau­bys Schil­de­run­gen des Sou­ve­nir­wahns in Lour­des oder der Film der öster­rei­chi­schen Regis­seu­rin Jes­sica Haus­ner.

Gla­vi­nic fin­det Lour­des zu teuer, wes­halb er sich beglei­tet von Freund und Foto­graf Ingo nach Med­ju­g­o­rje auf­macht. Die Bei­den pil­gern nicht per pedes, son­dern wer­den in einer from­men Bus­la­dung nach Bosnien-Herzegowina ver­frach­tet. Ein Bus vol­ler Pil­ger, die sich die vier­zehn­stün­dige Fahrt mit Beten und Fas­ten, mit Hei­li­gen­le­gen­den und Erwe­ckungs­ge­schich­ten zu ver­kür­zen suchen, kann zur Tor­tur wer­den. Beim ungläu­bi­gen Tho­mas und dem um nichts fröm­me­ren Ingo löst sie eine unstill­bare Sehn­sucht nach Schlaf, nach Auf­putsch– und Betäu­bungs­mit­teln aus. Und doch, schon im ers­ten Abschnitt der Reise fällt die­ser Bericht nicht ganz so bis­sig böse aus, wie es die Lese­rin erwar­tet. Spä­tes­tens nach der Ankunft in Med­ju­g­o­rje wird klar, daß es nicht nur darum gehen wird, die Absur­di­tä­ten des Pil­ger­pa­ra­die­ses auf­zu­de­cken. Gla­vi­nic, der auf­ge­klärte Athe­ist, schei­tert an den Ver­teu­fe­lun­gen der Anna­linda Anti­lopa, Nonne. Dar­auf hätte er gefasst sein kön­nen. Er rea­giert mit Abscheu und Angina, erliegt fast einer Anna­linda Hypo­chon­dria. Oder war es gar ein Fluch? Uns Leser bringt er so um wei­tere Ein­bli­cke in örtli­che Kulte und Rituale. Den­noch schil­dert der Geplagte flott und unter­halt­sam seine Erfah­run­gen. Gla­vi­nic gibt Tipps wie man in Pil­ger­her­ber­gen gegen die nächt­li­che Aus­gangs­sperre revol­tiert und glänzt mit einer gehö­ri­gen Por­tion Apo­the­ker­wis­sen. Etli­che Xanor und andere Pil­len wei­ter, mit Nied­rig– und Hoch­pro­zen­ti­gem run­ter­ge­spült, ist es dann mit der halb­her­zi­gen Pil­ge­rei vor­bei. Schrift­stel­ler und Foto­graf ver­las­sen den Ort des gläu­bi­gen Irr­sinns, um sich vom ver­rück­ten Vater zum nächs­ten Flug brin­gen zu lassen.

Nur ein Nacht­quar­tier fehlt und die­ses fin­den sie schließ­lich bei einem Mann, des­sen Art und Anwe­sen nach dubio­sen Geschäf­ten riecht. Es folgt eine durch­ge­knallte Nacht, anstren­gend für den kran­ken Autor wie für die Lese­rin. Aber­wit­zi­gen Trost spen­den ein­zig die Zet­tel­bot­schaf­ten aus Med­ju­g­o­rje. Sind Krank­heit und Chaos tat­säch­lich der Fluch der Gospa, den der Kap­pen­mann den ungläu­bi­gen Pil­gern prophezeite?

Schließ­lich bringt ein tur­bu­len­ter Rück­flug die bei­den Blues Bro­thers zum Aus­gangs­punkt ihrer Mis­sion und an das Ende eines ebenso tur­bu­len­ten Fas­tan­ti­pil­ger­bu­ches. Der Gos­pa­se­gen ist auf­ge­braucht und einer Sache kön­nen wir ganz sicher sein. Bei Gla­vi­nic klin­gelt kein Glöck­chen, nirgends.

Eine Lese­probe und zwei Videos fin­den sich beim Hanser-Verlag.

Geschrieben von Atalante

18. Oktober 2011 um 13:04