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Das Kuscheltier des Philosophen
Sibylle Lewitscharoffs Trostgestalt mit Löwenmähne
„Am linken Ohr des Löwen zeigte sich ein kleiner Makel im Fell, offenbar eine Verletzung, die Blumenberg bisher noch gar nicht aufgefallen war.“ (S. 148)
Er „war dazu da, sein, Blumenbergs, Vertrauen in die Welt, zumindest bei Nacht, zu festigen.“ (S. 126)
Wer auf Artigo, einer kunsthistorischen Datenbank, die Stichworte Löwe und Hieronymus eingibt, erhält eine Vielzahl bildkünstlerischer Interpretationen dieses Sujets. Eine literarische legt Sibylle Lewitscharoff in ihrem Roman „Blumenberg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blumenberg (1920–1996), der als Philosoph an der Universität Münster lehrte, wird von ihr zum Heiligen stilisiert. Zu einem agnostischen Heiligen wohlgemerkt, der nicht an Bibeltexten, sondern an seinen eigenen Gedanken feilt. Dann eines Nachts im professoralen Gehäus, vulgo Arbeitszimmer, materialisiert sich ein Löwe, oder besser, er erscheint. Das Materielle bleibt fraglich, bis zum Schluss. Denn außer ihm nimmt kein anderer das Tier war, kein anderer normaler Mensch, eine Nonne ausgenommen, was dem literarischen Blumenberg und dem Leser zu Denken geben sollte. Oder besser zu Glauben?
Die Geschichte dieser Erscheinung ist gekonnt und vergnüglich erzählt. Im ersten Teil des Romans habe ich sie auch gerne gelesen. Dazu trug die Rätselei um die Vielzahl der literarischen und kunsthistorischen Zitate bei, die Fabulierkunst und der subtile Witz der Autorin. Besonders die Schilderung des Studentenmilieus der Achtziger und die vier studentischen Exempel laden ein zur Nostalgie. Ja, so war’s. Strebsam, verklemmte Studentenjünger, feministisches WG-Teetrinken, Kneipenbarden und Glückssucher. Auf den grünen Zweig schafft es nur einer, doch auch der beißt wie die anderen drei viel zu früh ins Gras.
Lewitscharoffs Blumenberg hingegen, dessen reales Vorbild übrigens etliche Miniaturen zum Löwen an und für sich verfasst hat, philosophiert ausführlich über seinen Löwen. Fünf entsprechend durchnummerierte Leokapitel erscheinen im Roman. Blumenberg, der in Realität doch eher der eigenen Philosophie als dem christlichen Glauben zugeneigt war, interpretiert die Erscheinung als Auszeichnung von OBen.
Das finde ich trotz aller dichterischen Freiheit fraglich. Mir persönlich würde es wenig gefallen, wenn ein Roman mich erwecken würde oder gar dazu verdonnern als fromme Nonne Klosterhecken zu stutzen. Aus diesem Grund fiel meine anfängliche Begeisterung zum Erde hin etwas ab. Klar, es gibt noch jede Menge Zitatenschätze zu entdecken. Von Platon bis Heidegger, alte und moderne Dichter, auch zeitgenössische Schriftstellerkollegen wie Mosebach und Genazino blitzen um die Ecke. Dies alles häuft sich zu einer sehr gelehrsamen Sache um am Ende den Weg aller Gläubigen zu gehen. In einer Höhle, gestaltet von Platon, Dante und Beckett, lagern die Verstorbenen des Romans, unter ihnen der Philosoph mit seinem Begleiter. In diesem Wartezimmer nach OBen vollzieht sich schließlich eine mystische Transformation, die allen esoterisch Aufgeschlossenen viel Freude machen mag.
Ob auch „Blumenberg, Sohn einer Jüdin,…, katholisch getaufter Agnostiker, der in der Zeit der Not, als keine Universität ihn aufnahm, einige Semester am Frankfurter Jesuitenkolleg,…, hatte studieren dürfen und nie aus der Kirche ausgetreten war“ (S. 87) sei dahin gestellt.
Vorsorglich entschuldigt sich die Autorin in ihrem Nachwort beim Verstorbenen. Das bringt mir das Buch wieder näher. Auch nimmt sie sich nie vollkommen ernst. Und den Löwen, Blumenbergs Trost– und Heilsbringer schon gar nicht. Der war vielleicht doch nur ein übergroßes Kuscheltier, in Trostangelegenheiten somit bestens versiert.
Sibylle Lewitscharoff erhält für ihren Roman den diesjährigen Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.
Zudem war sie auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises vertreten.
Deutscher Buchpreis 2011 — Die Shortlist
Drei Frauen, drei Männer, was die Geschlechterverteilung betrifft, ist die Jury in diesem Jahr pc, aber nicht so korrekt, daß der langatmige Kermani drin blieb. Ich bin zufrieden mit der Auswahl. Vier der Longlist-Titel habe ich bisher gelesen. Überzeugt hat mich jedoch von diesen nur einer. Das waren weder Genazinos Tiere, noch Modicks Feuchtwanger-Brecht-Duo und schon gar nicht die elegischen Landschaftsimpressionen Kinskys. Herausfoderung und jede Menge literarischen Spaß bereitet bisher einzig und allein Sibylle Lewitscharoffs kulturgeschichtliche Löwenretrospektive “Blumenberg”. Froh darüber, daß die zwei verirrten Mainstreamtitel nicht mehr dabei sind, nenne ich nun gerne die kurze Liste der verbliebenen sechs Kandidaten.
- · Jan Brandt: Gegen die Welt
(DuMont, August 2011)
- · Michael Buselmeier: Wunsiedel
(Das Wunderhorn, März 2011)
- · Angelika Klüssendorf: Das Mädchen
(Kiepenheuer & Witsch, August 2011)
- · Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg
(Suhrkamp, September 2011)
- · Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts
(Rowohlt, September 2011)
- · Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin
(S. Fischer, September 2011)
Banater Elegie
Reiseimpressionen einer Landschaft –Esther Kinskys neuer Roman “Banatsko
”
„Dabei gibt es hier nichts zu gewinnen. Nichts als die Leere, das Warten. Alle hier warten auf irgendetwas, seit Jahrhunderten. Auf die Liebe, auf den Tod, auf einander, auf den Krieg, auf das nächste Hochwasser, auf die Fähre. Hier ist ein Warteland.“ (S. 190)
Die 1956 in Bad Honnef geborene, heute in Berlin und Battonya lebende Autorin Esther Kinsky erhielt 2006 das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. Eine Poetin bereiste das Banat, die von Krieg und Verlust geprägte Grenzregion zwischen Rumänien, Serbien und Ungarn. Ein Ergebnis dieser Recherche ist ihr für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman “Banatsko”. Sie beschreibt darin ihre Reiseindrücke, dies sind vor allem ihre Begegnungen mit der Landschaft, für deren Zustand und deren Wandel sie poetisch schöne Sätze erschafft. Auch Menschen trifft sie. Eine arme, spröde und zurückgelassene Landbevölkerung, die sonst nichts mehr hat außer der Landschaft und dem Werden und Vergehen der Jahreszeiten.
Kinsky evoziert bei aller Schönheit ihrer Naturbilder keine Idylle. Im ersten Teil ihrer aus unverständlichen Gründen als Roman betitelten Impressionen weisen stets präsente Grenzen und zerfallende Bahnhöfe auf schwer überwindbare Tristesse. Spätestens ab dem phantasievoll morbiden Kapitel „Der Apfelbaum“ wird der Tod zum Protagonisten. Er scheint allgegenwärtig. Auf jeder Seite begegnet er dem Leser in anderer Gestalt, überfahrene Hunde, Katzen, verstorbene Familienangehörige, verfaulende Fische, schwarze Krähen. Einige Binnenerzählungen widmet Kinsky vollkommen diesem Thema. Da ist der alte Mann, der sich zum Sterben in seinen Apfelbaum zurückzieht. Sein Körper verwittert im Winterwetter bis im Frühjahr nur noch die Stoffstreifen in den Ästen hängen. Oder der große Fisch, der wie vom Himmel gefallen auf der Straße stirbt und dessen schön schillernde Schuppen binnen Minuten ihren Glanz verlieren. Die Natur entsorgt den Rest des Kadavers. Kinsky schildert dies minutiös in einer Art poetischem Zeitraffer. Übrig bleibt von dem einst schönen Tier nur der zerzauste Fischschwanz im Straßengraben.
Was von den Menschen dieses Landstriches übriggeblieben ist, findet sich auf den Friedhöfen, jeder Ort hat einen und fast auch jedes Kapitel des Romans, Straßenfriedhöfe mit verblassten Porträts der Toten auf den Metallkreuzen. Die, die noch leben, tun dies in zerzausten Umständen, morsch und mit letzter Kraft, sich der Sterblichkeit bewusst.
Das Aussterben einer Landschaft und ihrer Bewohnern formt die Dichterin zu einem einzigen Memento Mori, tote Tiere in Straßengräben, Friedhöfe, unzugänglich umzäunt, Grabschmuck aus Plastik, alte Menschen, die sich mit der Kartoffelernte abmühen, junge Menschen ohne Perspektive. Die einzige Erlösung bieten das Akkordeonspiel und der Alkohol. Arrangiert haben sich nur die Roma, „die Zigeuner“, die Müllfürsten, die mit ihren pferdebespannten Sargwägen die Überreste einsammeln. Wie mögen sich wohl die Bewohner der bereisten Orte fühlen, wenn sie je diese Darstellung ihrer Heimat und ihres Lebens lesen?
Kinskys morbide Elegie beschreibt ein Umherschweifen. Sie reist mal hier mal dorthin, kehrt immer wieder nach Battonya zurück. Kaum gibt es Interaktion zwischen den Menschen, dann doch ein Kapitel, in dem gesprochen wird. Weil mir die poetische Sprache so gut gefallen hat, habe ich das Buch gerne gelesen. Aber die Melancholie breitet sich auch über den Leser aus. Ein Heft voller phantastischer Sätze, Wortschöpfungen voller Poesie, aber auch Friedhofsliteratur, die ich nur in kleinen Dosen genießen kann.
Wie man schreibt, daß man träumt, daß man schreibt
Jan Peter Bremer sucht in „Der amerikanische Investor
“ nach dem perfekten ersten Satz
Ein Autor sitzt am Schreibtisch und imaginiert den ersten Satz. Auf den wartet er schon lange vergeblich. Ein typischer Fall von Schreibhemmung, so scheint es, die sich weder durch den treuen Blick eines Hundes noch durch Ablenkung durchbrechen lässt. Der erste Satz, dessen einfallsreiche Wortgewandtheit zum Motivator für die restlichen Sätze und Seiten des Romans werden soll, kommt dem Dichter nicht in den Sinn. Vielleicht weil der Sinn dieses Erzählers, der wie Bremer nicht nur Bücher schreibt, sondern mit Frau, Kindern und Hund in einer Berliner Wohnung lebt, von privaten Problemen besetzt ist. Am dringlichsten von dem Problem mit seiner Wohnung, die durch die Sanierungsmaßnahmen eines Immobilieninvestors wenigstens in Teilen von Einsturz gefährdet ist. Dies ist die wichtigste Sache, um die sich der Kreative auf Drängen seiner Frau zu kümmern hat. Besuche bei der Mieterberatung, Gespräche mit Arbeitern und Hausmeistern, Erwägung eines Umzuges, Auskundschaften eventueller Wohnoptionen, dies alles führt zu keinem Ziel. Es führt allerdings zu der Idee, diesem Investor einen unmissverständlichen, alles klärenden Brief zu schreiben. Der Erzähler sitzt also wieder mit seinem Hund am Schreibtisch und wartet auf den guten ersten Satz.
Dies ist in aller Kürze der Plot des Romans und er ist nicht sonderlich aufregend, wenn man nicht ebenfalls in Berlin von einem Miethai bedroht wird. Interessant ist aber die Machart der Geschichte. Die Suche nach dem ersten Satz führt zu Reflektionen, die nach kunstvollen Volten stets zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren. Zu Hund und Herrn am Schreibtisch und dem großen „Was wäre wenn“. Was wäre zum Beispiel, wenn der Investor, der der Leserin als weltferner Bewohner seines Privatjets dargestellt wird und ihr als roter Plastikkopf im roten Plastikflieger vom Cover entgegen leuchtet, dem Erzähler höchstselbst einen Brief schreiben würde? Der Investor entwickelt sich zur Bedrohung, die die Kinder verführt und das Familienglück gefährdet. Aber dieses oder eher das Eheglück scheint sowieso so eine Sache zu sein. Jan Peter Bremer lässt seinen Schriftsteller viel über dessen Lebensumstände grübeln. Geschieht dies in zunächst sehr unterhaltsamer Manier, so dreht er sich dabei doch auch im Kreis. Zum Glück dauert diese Dokumentation des Prokrastinierens nur vollkommen ausreichende 156 Seiten.
Für einen Auszug aus diesem im Berlin Verlag erschienenen Roman erhielt Bremer den Alfred-Döblin-Preis 2011. In einem Aspekte-Interview, das von der erstaunlichen Parallelität des wahren Lebens zu diesem Buches zeugt, erzählt der Schriftsteller von seinem Wohnen in Berlin.
Deutscher Buchpreis 2011 — Die Longlist
Die Jagd beginnt
Zum siebten Mal wird in diesem Jahr der Deutsche Buchpreis verliehen. Er gilt dem Roman, dem man den größten Publikumserfolg wünscht. Durchaus als Marketingmaßnahme erdacht soll dieser Preis den literarischen deutschen Buchmarkt beleben. Den Lesern wird so jenseits der Bestsellertürmchen ein Indikator geboten, der ihnen den Weg zum Guten Buch weist. So erstellt seit August 2005 eine wechselnden, aber immer siebenköpfige Jury zunächst eine Longlist, die einen Monat später auf eine Shortlist von sechs Titeln eingedampft wird. Der Gewinner wird pünktlich zur Frankfurter Buchmesse verkündet.
Die zwanzig im September nominierten Titel werden in einem Lesebuch den potentiellen Käufern und Lesern vorgestellt. Dieses Heft sollte der Buchhandel seiner werten Kundschaft offerieren. Doch in den Anfangsjahren gestaltete sich die Suche nach diesen Leseproben zu einer wahren Jagd. Seltsam, denn dieser Preis ist doch ganz zum Zwecke des Literaturkonsums erdacht. In vielen Buchhandlungen stapelten sich jedoch weder neben der Kasse eines dieser Heftchen noch auf einem Sondertisch die Nominierten. Dafür stieß man, nicht nur im ersten, sondern auch im zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten Jahr regelmäßig auf verständnislose Gesichter. Der Preis mitsamt seinem Heft war nicht nur in kleinen Provinzbuchhandlungen unbekannt. Nein, auch in den sich selbst als Literaturhandlungen betitelnden Läden in Karlsruhe und Heidelberg war außer erstaunten Blicken nicht viel zu ergattern. Die Literaturjägerin fand dennoch ihr Wild und das ausgerechnet im Musenhain. Die Thaliafilialen in Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg hatten nicht nur das begehrte Objekt, sondern unerwarteterweise auch Ahnung von der Sache. Unglaublich, aber wahr.
Im letztem Jahr standen die Leseproben auch als freies Download auf Libreka zur Verfügung. Trotzdem werde ich wieder im Jagdfieber sein. Wer weiß, vielleicht komme ich diesmal auch ganz ohne Pferdestärken zu meinem Schuss in der kleinen, aber feinen Dorfbuchhandlung.
Und hier die diesjährigen Nominierungen:
• Volker Harry Altwasser, Letzte Fischer (Matthes und Seitz Berlin, September 2011)
• Jan Brandt, Gegen die Welt (DuMont, August 2011)
• Michael Buselmeier, Wunsiedel(Das Wunderhorn, März 2011)
• Alex Capus, Léon und Louise (Hanser, Februar 2011)
• Wilhelm Genazino, Wenn wir Tiere wären (Hanser, Juli 2011)
• Navid Kermani, Dein Name (Hanser, August 2011)
• Esther Kinsky, Banatsko (Matthes und Seitz Berlin, Januar 2011)
• Angelika Klüssendorf, Das Mädchen (Kiepenheuer & Witsch, August 2011)
• Doris Knecht, Gruber geht (Rowohlt.Berlin, März 2011)
• Peter Kurzeck, Vorabend(Stroemfeld, März 2011)
• Ludwig Laher, Verfahren (Haymon, Februar 2011)
• Sibylle Lewitscharoff, Blumenberg (Suhrkamp, September 2011)
• Thomas Melle, Sickster (Rowohlt.Berlin, September 2011)
• Klaus Modick, Sunset (Eichborn, Februar 2011)
• Astrid Rosenfeld, Adams Erbe (Diogenes, Februar 2011)
• Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts (Rowohlt, September 2011)
• Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe (Suhrkamp, September 2011)
• Jens Steiner, Hasenleben (Dörlemann, Februar 2011)
• Marlene Streeruwitz, Die Schmerzmacherin (S. Fischer, September 2011)
• Antje Rávic Strubel, Sturz der Tage in die Nacht (S. Fischer, August 2011)
Ratgeber zum Lesen, Schreiben und Kritisieren
Eine gelungene Gebrauchsanweisung „Wie man den Bachmannpreis gewinnt
“ von Angela Leinen
Nein, ich will nicht demnächst nach Klagenfurt, wenigstens nicht als aktiver Teilnehmer des Wettlesens. Aber ich wollte sofort nach dem Ende des diesjährigen Events noch mehr darüber erfahren. So landete ich als frisch Bewerbsinfizierte zunächst auf dem Blog der Sopranisse und schließlich bei ihrem Buch, der „Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben“. Es hätte auch mit Berechtigung die Titel „Ratgeber für Kritiker und Juroren“ oder „Kleine Geschichte des Bachmann-Wettbewerbs“ tragen können.
Dass dieses Buch mir so viel Spaß machen würde, hätte ich nicht vermutet. Schon gar nicht nach dem ersten Blick auf das nüchtern wirkende Coverdesign. Doch nach einem Vorwort von Kathrin Passig legt Leinen los und analysiert ordentlich und gewissenhaft, aber mit notwendiger Ironie die wichtigsten Punkte.
Welche Themen eignen sich als Erzählstoffe? Wie erkennt man Kitsch? Sind Tabubrüche förderlich? Welche Inhalte versperren dem Buch automatisch das Tor zur Literatur?
„Wenn es nur darum geht, nicht vor Langeweile zu sterben, ist uns mit einer gut gebauten englischen Familiengeschichte, einem schlichten Bergdramabericht oder einem Eifelkrimi ganz gut gedient. Aber wir haben ja auch irgendwann aufgehört, Kinderbücher zu lesen.“ (S. 52)
Unter den zahlreichen Möglichkeiten der Erzählperspekive existieren einige, welche ein weiterlesen »
Bachmannpreis 2011 — Randt, Richter, Božiković, Klupp
Bachmannpreis – Dritter Tag, Preisträger, Resümee
Es mag vielleicht müßig erscheinen am Montag nach dem Wettlesen noch einen Beitrag zu verfassen. Der Ausgang ist ja bereits bekannt. Dennoch hier mein Resümee.
Die 35. Trägerin des Bachmann-Preises heißt Maja Haderlap und hatte auch mich mit ihrer Text „Im Kessel“ überzeugt. Der vollständige Roman „Engel des Vergessens“ erscheint im Wallstein-Verlag.
Weitere Preise erhielten Steffen Popp, Leif Randt und Thomas Klupp. Meine zweite Favoritin, Nina Bußmann, wurde mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Gunther Geltinger, dessen Text mir sehr gefallen hat, ging an diesem Wochenende in Klagenfurt leider leer aus. Der erste Lesungstermin scheint der undankbarste zu sein.
Am Samstag, dem dritten Tag des Wettbewerbs hatte Thomas Klupp mit seiner Satire auf den Unibetrieb und die Forschungsgegenstände der Kulturwissenschaften den größten Publikumserfolg des Festivals. Er übertraf mit „9to5 Hardcore“ noch Steinbeis in der Zuschauergunst, was eindeutig an der gekonnten weiterlesen »
Bachmannpreis 2011 — Reichlin, Haderlap, Rabinowich, Bußmann, Popp
8.6.2011 — Der zweite Tag
Am zweitem Lesungstag hörte ich einen potentiellen Bestsellerkandidaten, zwei potentielle Bachmannpreisträgerinnen und zwei Texte, die mich aus mehreren Gründen nicht erreichten.
Linus Reichlin stellte unter dem Titel “Weltgegend” die ersten drei Kapitel eines Romans vor, der in Afghanistan, genauer im Milieu der dort eingesetzten Deutschen Bundeswehrtruppen spielt. Das Wort Truppen zu benutzen erzeugt in mir einen Widerwillen, führt aber direkt zum Sujet des Textes. Er erzählt vom Krieg, von Bomben, von notwendiger Verteidigung, von dem Dilemma als Friedenstruppe kämpfen zu müssen. Übertroffen wird dies nur von dem noch größeren Zwiespalt eines Arztes, der im Schock oder in Notwehr wahrscheinlich das getan hat, was er gerade nicht hätte tun sollen, ein Leben zerstören.
Es handelt sich also um das ethische Dilemma eines Einzelnen, ob es in Afghanistan oder an einem anderen Ort spielt, scheint dabei nebensächlich. Tatsächlich erinnerte mich die Schilderung der Verhältnisse und des Miteinanders zwischen Soldaten und Soldatinnen, als Stichworte seien Männerfreundschaft, Alkohol und Sex genannt, sofort an MASH. Reichlin gestaltet diesen Romaneinstieg spannend und mit sehr viel Speed. Einmal angefangen möchte besonders der männliche Leser sicher gerne weiter lesen. Ich könnte mir vorstellen, daß das Buch ein großer Publikumserfolg wird, zumal es sich unter dem Deckmäntelchen der vieldiskutierten Afghanistanproblematik sicher gut vermarkten lässt.
Was sagten die Juroren? Winkels und Feßmann, die Reichlin vorgeschlagen hatte, schienen ganz weiterlesen »
Bachmannpreis 2011 — Praßler, Baum
Den gestrigen Nachmittag eröffnete Anna Maria Praßler mit ihrem Text „Das Andere“.
Wer historische Bezüge in literarische Texte einbringt, sollte sich bewusst sein, was er tut, und seine Belege gut recherchiert haben. Was Praßler über den Usus im antiken Rom sagte wird mancher Archäologe und Historiker so nicht hinnehmen wollen, und wer aus Suetons De Vita Caesarum zitiert sollte dessen ironischen Stil erkennen. Nun gut, eine Nebensache, sie brachte mich aber zu der Frage, was die Protagonistin des Stückes denn studiere — Geschichte, Archäologie, Theaterwissenschaften? Nehmen wir doch den neuen Bachelor-Studiengang Kulturwissenschaften, der passt immer und nimmt es vielleicht auch nicht so genau. Dieses ganze Wissenschaftsatmosphäre erzeugende Beiwerk hätte es meiner Meinung nach gar nicht gebraucht. Die Geschichte der gescheiterten Beziehung funktioniert auch so. Die Gründe der jungen Frau, weiterlesen »
Bachmannpreis 2011 — Geltinger, Steinbeis, Wisser
Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt — Der 35. Bachmannpreis 2011
Der erste Lesevormittag ist beendet. Es lasen Gunther Geltinger auf Vorschlag von Alain Claude Sulzer, Maximilian Steinbeis, nominiert von Burkhard Spinnen und Daniel Wisser, der von Paul Jandl nach Klagenfurt eingeladen wurde.
Gunther Geltinger las einen Auszug aus einem Roman, der das Trauma eines Jungen durch den Selbstmord seiner Mutter zum Thema hat. Geltinger stellt in der Szene zum einen das Geschehen aus der Sicht eines Kindes als auch die Reflektion des erwachsenen Mannes über dieses Ereignis dar. Seine Einsamkeit, seine Angst, seine Frage nach der Schuld, damals wie heute, verstärkt Geltinger durch Bilder aus der Natur. Dadurch wird die Moorlandschaft, in der die Szene spielt, fast zum zweiten Protagonisten. Sie liefert nicht nur die atmosphärischen Bilder, sondern auch das Konstruktionsgerüst des Textes. Erinnerungen tauchen auf, aber manche bleiben auch endgültig in den verschiedenen Schichten des Moores verschluckt.
Die Juroren, außer den drei oben bereits genannten sind in diesem Jahr Hildegard Elisabeth Keller, Meike Feßmann, Daniela Stigl und Hubert Winkels verantwortlich, haben diesen ersten Text äußerst weiterlesen »