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Das Kuscheltier des Philosophen

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Sibylle Lewitscharoffs Trost­ge­stalt mit Löwenmähne

„Am lin­ken Ohr des Löwen zeigte sich ein klei­ner Makel im Fell, offen­bar eine Ver­let­zung, die Blu­men­berg bis­her noch gar nicht auf­ge­fal­len war.“ (S. 148)

Er „war dazu da, sein, Blu­men­bergs, Ver­trauen in die Welt, zumin­dest bei Nacht, zu fes­ti­gen.“ (S. 126)

Wer auf Artigo, einer kunst­his­to­ri­schen Daten­bank, die Stich­worte Löwe und Hie­rony­mus ein­gibt, erhält eine Viel­zahl bild­künst­le­ri­scher Inter­pre­ta­tio­nen die­ses Sujets. Eine lite­ra­ri­sche legt Sibylle Lewitscharoff in ihrem Roman „Blu­men­berg“ vor. Und nicht nur das. Hans Blu­men­berg (1920–1996), der als Phi­lo­soph an der Uni­ver­si­tät Müns­ter lehrte, wird von ihr zum Hei­li­gen sti­li­siert. Zu einem agnos­ti­schen Hei­li­gen wohl­ge­merkt, der nicht an Bibel­tex­ten, son­dern an sei­nen eige­nen Gedan­ken feilt. Dann eines Nachts im pro­fes­so­ra­len Gehäus, vulgo Arbeits­zim­mer, mate­ria­li­siert sich ein Löwe, oder bes­ser, er erscheint. Das Mate­ri­elle bleibt frag­lich, bis zum Schluss. Denn außer ihm nimmt kein ande­rer das Tier war, kein ande­rer nor­ma­ler Mensch, eine Nonne aus­ge­nom­men, was dem lite­ra­ri­schen Blu­men­berg und dem Leser zu Den­ken geben sollte. Oder bes­ser zu Glauben?

Die Geschichte die­ser Erschei­nung ist gekonnt und ver­gnüg­lich erzählt. Im ers­ten Teil des Romans habe ich sie auch gerne gele­sen. Dazu trug die Rät­se­lei um die Viel­zahl der lite­ra­ri­schen und kunst­his­to­ri­schen Zitate bei, die Fabu­lier­kunst und der sub­tile Witz der Auto­rin. Beson­ders die Schil­de­rung des Stu­den­ten­mi­lieus der Acht­zi­ger und die vier stu­den­ti­schen Exem­pel laden ein zur Nost­al­gie. Ja, so war’s. Streb­sam, ver­klemmte Stu­den­ten­jün­ger, femi­nis­ti­sches WG-Teetrinken, Knei­pen­bar­den und Glücks­su­cher. Auf den grü­nen Zweig schafft es nur einer, doch auch der beißt wie die ande­ren drei viel zu früh ins Gras.

Lewitscharoffs Blu­men­berg hin­ge­gen, des­sen rea­les Vor­bild übri­gens etli­che Minia­tu­ren zum Löwen an und für sich ver­fasst hat, phi­lo­so­phiert aus­führ­lich über sei­nen Löwen. Fünf ent­spre­chend durch­num­me­rierte Leo­ka­pi­tel erschei­nen im Roman. Blu­men­berg, der in Rea­li­tät doch eher der eige­nen Phi­lo­so­phie als dem christ­li­chen Glau­ben zuge­neigt war, inter­pre­tiert die Erschei­nung als Aus­zeich­nung von OBen.

Das finde ich trotz aller dich­te­ri­schen Frei­heit frag­lich. Mir per­sön­lich würde es wenig gefal­len, wenn ein Roman mich erwe­cken würde oder gar dazu ver­don­nern als fromme Nonne Klos­ter­he­cken zu stut­zen. Aus die­sem Grund fiel meine anfäng­li­che Begeis­te­rung zum Erde hin etwas ab. Klar, es gibt noch jede Menge Zita­ten­schätze zu ent­de­cken. Von Pla­ton bis Hei­deg­ger, alte und moderne Dich­ter, auch zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler­kol­le­gen wie Mose­bach und Gena­zino blit­zen um die Ecke. Dies alles häuft sich zu einer sehr gelehr­sa­men Sache um am Ende den Weg aller Gläu­bi­gen zu gehen. In einer Höhle, gestal­tet von Pla­ton, Dante und Beckett, lagern die Ver­stor­be­nen des Romans, unter ihnen der Phi­lo­soph mit sei­nem Beglei­ter. In die­sem War­te­zim­mer nach OBen voll­zieht sich schließ­lich eine mys­ti­sche Trans­for­ma­tion, die allen eso­te­risch Auf­ge­schlos­se­nen viel Freude machen mag.

Ob auch „Blu­men­berg, Sohn einer Jüdin,…, katho­lisch getauf­ter Agnos­ti­ker, der in der Zeit der Not, als keine Uni­ver­si­tät ihn auf­nahm, einige Semes­ter am Frank­fur­ter Jesui­ten­kol­leg,…, hatte stu­die­ren dür­fen und nie aus der Kir­che aus­ge­tre­ten war“ (S. 87) sei dahin gestellt.

Vor­sorg­lich ent­schul­digt sich die Auto­rin in ihrem Nach­wort beim Ver­stor­be­nen. Das bringt mir das Buch wie­der näher. Auch nimmt sie sich nie voll­kom­men ernst. Und den Löwen, Blu­men­bergs Trost– und Heils­brin­ger schon gar nicht. Der war viel­leicht doch nur ein übergro­ßes Kuschel­tier, in Trost­an­ge­le­gen­hei­ten somit bes­tens versiert.

Sibylle Lewitscharoff erhält für ihren Roman den dies­jäh­ri­gen Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.

Zudem war sie auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses vertreten.

Geschrieben von Atalante

11. Oktober 2011 um 14:00

Deutscher Buchpreis 2011 — Die Shortlist

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Drei Frauen, drei Män­ner, was die Geschlech­ter­ver­tei­lung betrifft, ist die Jury in die­sem Jahr pc, aber nicht so kor­rekt, daß der lang­at­mige Ker­mani drin blieb. Ich bin zufrie­den mit der Aus­wahl. Vier der Longlist-Titel habe ich bis­her gele­sen. Über­zeugt hat mich jedoch von die­sen nur einer. Das waren weder Gena­zi­nos Tiere, noch Modicks Feuchtwanger-Brecht-Duo und schon gar nicht die ele­gi­schen Land­schafts­im­pres­sio­nen Kins­kys. Her­aus­fo­de­rung und jede Menge lite­ra­ri­schen Spaß berei­tet bis­her ein­zig und allein Sibylle Lewitscharoffs kul­tur­ge­schicht­li­che Löwen­re­tro­spek­tive “Blu­men­berg”. Froh dar­über, daß die zwei ver­irr­ten Main­stream­ti­tel nicht mehr dabei sind, nenne ich nun gerne die kurze Liste der ver­blie­be­nen sechs Kandidaten.

Geschrieben von Atalante

14. September 2011 um 10:21

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Banater Elegie

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Rei­se­im­pres­sio­nen einer Land­schaft –Esther Kins­kys neuer Roman “Banatsko

„Dabei gibt es hier nichts zu gewin­nen. Nichts als die Leere, das War­ten. Alle hier war­ten auf irgend­et­was, seit Jahr­hun­der­ten. Auf die Liebe, auf den Tod, auf ein­an­der, auf den Krieg, auf das nächste Hoch­was­ser, auf die Fähre. Hier ist ein War­te­land.“ (S. 190)

Die 1956 in Bad Hon­nef gebo­rene, heute in Ber­lin und Bat­t­o­nya lebende Auto­rin Esther Kinsky erhielt 2006 das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. Eine Poe­tin bereiste das Banat, die von Krieg und Ver­lust geprägte Grenz­re­gion zwi­schen Rumä­nien, Ser­bien und Ungarn. Ein Ergeb­nis die­ser Recher­che ist ihr für den Deut­schen Buch­preis nomi­nier­ter Roman “Banatsko”. Sie beschreibt darin ihre Rei­s­ein­drü­cke, dies sind vor allem ihre Begeg­nun­gen mit der Land­schaft, für deren Zustand und deren Wan­del sie poe­tisch schöne Sätze erschafft. Auch Men­schen trifft sie. Eine arme, spröde und zurück­ge­las­sene Land­be­völ­ke­rung, die sonst nichts mehr hat außer der Land­schaft und dem Wer­den und Ver­ge­hen der Jahreszeiten.

Kinsky evo­ziert bei aller Schön­heit ihrer Natur­bil­der keine Idylle. Im ers­ten Teil ihrer aus unver­ständ­li­chen Grün­den als Roman beti­tel­ten Impres­sio­nen wei­sen stets prä­sente Gren­zen und zer­fal­lende Bahn­höfe auf schwer über­wind­bare Tris­tesse. Spä­tes­tens ab dem phan­ta­sie­voll mor­bi­den Kapi­tel „Der Apfel­baum“ wird der Tod zum Prot­ago­nis­ten. Er scheint all­ge­gen­wär­tig. Auf jeder Seite begeg­net er dem Leser in ande­rer Gestalt, über­fah­rene Hunde, Kat­zen, ver­stor­bene Fami­li­en­an­ge­hö­rige, ver­fau­lende Fische, schwarze Krä­hen. Einige Bin­nen­er­zäh­lun­gen wid­met Kinsky voll­kom­men die­sem Thema. Da ist der alte Mann, der sich zum Ster­ben in sei­nen Apfel­baum zurück­zieht. Sein Kör­per ver­wit­tert im Win­ter­wet­ter bis im Früh­jahr nur noch die Stoff­strei­fen in den Ästen hän­gen. Oder der große Fisch, der wie vom Him­mel gefal­len auf der Straße stirbt und des­sen schön schil­lernde Schup­pen bin­nen Minu­ten ihren Glanz ver­lie­ren. Die Natur ent­sorgt den Rest des Kada­vers. Kinsky schil­dert dies minu­tiös in einer Art poe­ti­schem Zeit­raf­fer. Übrig bleibt von dem einst schö­nen Tier nur der zer­zauste Fisch­schwanz im Straßengraben.

Was von den Men­schen die­ses Land­stri­ches übrig­ge­blie­ben ist, fin­det sich auf den Fried­hö­fen, jeder Ort hat einen und fast auch jedes Kapi­tel des Romans, Stra­ßen­fried­höfe mit ver­blass­ten Por­träts der Toten auf den Metallkreuzen. Die, die noch leben, tun dies in zer­zaus­ten Umstän­den, morsch und mit letz­ter Kraft, sich der Sterb­lich­keit bewusst.

Das Aus­ster­ben einer Land­schaft und ihrer Bewoh­nern formt die Dich­te­rin zu einem ein­zi­gen Memento Mori, tote Tiere in Stra­ßen­grä­ben, Fried­höfe, unzu­gäng­lich umzäunt, Grab­schmuck aus Plas­tik, alte Men­schen, die sich mit der Kar­tof­fel­ernte abmü­hen, junge Men­schen ohne Per­spek­tive. Die ein­zige Erlö­sung bie­ten das Akkor­de­on­spiel und der Alko­hol. Arran­giert haben sich nur die Roma, „die Zigeu­ner“, die Müll­fürs­ten, die mit ihren pfer­de­be­spann­ten Sarg­wä­gen die Über­reste ein­sam­meln. Wie mögen sich wohl die Bewoh­ner der bereis­ten Orte füh­len, wenn sie je diese Dar­stel­lung ihrer Hei­mat und ihres Lebens lesen?

Kins­kys mor­bide Ele­gie beschreibt ein Umher­schwei­fen. Sie reist mal hier mal dort­hin, kehrt immer wie­der nach Bat­t­o­nya zurück. Kaum gibt es Inter­ak­tion zwi­schen den Men­schen, dann doch ein Kapi­tel, in dem gespro­chen wird. Weil mir die poe­ti­sche Spra­che so gut gefal­len hat, habe ich das Buch gerne gele­sen. Aber die Melan­cho­lie brei­tet sich auch über den Leser aus. Ein Heft vol­ler phan­tas­ti­scher Sätze, Wort­schöp­fun­gen vol­ler Poe­sie, aber auch Fried­hofs­li­te­ra­tur, die ich nur in klei­nen Dosen genie­ßen kann.

Geschrieben von Atalante

9. September 2011 um 17:32

Wie man schreibt, daß man träumt, daß man schreibt

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Jan Peter Bre­mer sucht in „Der ame­ri­ka­ni­sche Inves­tor“ nach dem per­fek­ten ers­ten Satz

Ein Autor sitzt am Schreib­tisch und ima­gi­niert den ers­ten Satz. Auf den war­tet er schon lange ver­geb­lich. Ein typi­scher Fall von Schreib­hem­mung, so scheint es, die sich weder durch den treuen Blick eines Hun­des noch durch Ablen­kung durch­bre­chen lässt. Der erste Satz, des­sen ein­falls­rei­che Wort­ge­wandt­heit zum Moti­va­tor für die rest­li­chen Sätze und Sei­ten des Romans wer­den soll, kommt dem Dich­ter nicht in den Sinn. Viel­leicht weil der Sinn die­ses Erzäh­lers, der wie Bre­mer nicht nur Bücher schreibt, son­dern mit Frau, Kin­dern und Hund in einer Ber­li­ner Woh­nung lebt, von pri­va­ten Pro­ble­men besetzt ist. Am dring­lichs­ten von dem Pro­blem mit sei­ner Woh­nung, die durch die Sanie­rungs­maß­nah­men eines Immo­bi­li­en­in­ves­tors wenigs­tens in Tei­len von Ein­sturz gefähr­det ist. Dies ist die wich­tigste Sache, um die sich der Krea­tive auf Drän­gen sei­ner Frau zu küm­mern hat. Besu­che bei der Mie­ter­be­ra­tung, Gesprä­che mit Arbei­tern und Haus­meis­tern, Erwä­gung eines Umzu­ges, Aus­kund­schaf­ten even­tu­el­ler Wohn­op­tio­nen, dies alles führt zu kei­nem Ziel. Es führt aller­dings zu der Idee, die­sem Inves­tor einen unmiss­ver­ständ­li­chen, alles klä­ren­den Brief zu schrei­ben. Der Erzäh­ler sitzt also wie­der mit sei­nem Hund am Schreib­tisch und war­tet auf den guten ers­ten Satz.

Dies ist in aller Kürze der Plot des Romans und er ist nicht son­der­lich auf­re­gend, wenn man nicht eben­falls in Ber­lin von einem Miet­hai bedroht wird. Inter­es­sant ist aber die Mach­art der Geschichte. Die Suche nach dem ers­ten Satz führt zu Reflek­tio­nen, die nach kunst­vol­len Vol­ten stets zu ihrem Aus­gangs­punkt zurück­keh­ren. Zu Hund und Herrn am Schreib­tisch und dem gro­ßen „Was wäre wenn“. Was wäre zum Bei­spiel, wenn der Inves­tor, der der Lese­rin als welt­fer­ner Bewoh­ner sei­nes Pri­vat­jets dar­ge­stellt wird und ihr als roter Plas­tik­kopf im roten Plas­tik­flie­ger vom Cover ent­ge­gen leuch­tet, dem Erzäh­ler höchst­selbst  einen Brief schrei­ben würde? Der Inves­tor ent­wi­ckelt sich zur Bedro­hung, die die Kin­der ver­führt und das Fami­li­en­glück gefähr­det. Aber die­ses oder eher das Ehe­glück scheint sowieso so eine Sache zu sein. Jan Peter Bre­mer lässt sei­nen Schrift­stel­ler viel über des­sen Lebens­um­stände grü­beln. Geschieht dies in zunächst sehr unter­halt­sa­mer Manier, so dreht er sich dabei doch auch im Kreis. Zum Glück dau­ert diese Doku­men­ta­tion des Pro­kras­ti­nie­rens nur voll­kom­men aus­rei­chende 156 Seiten.

Für einen Aus­zug aus die­sem im Ber­lin Ver­lag erschie­ne­nen Roman erhielt Bre­mer den Alfred-Döblin-Preis 2011. In einem Aspekte-Interview, das von der erstaun­li­chen Par­al­le­li­tät des wah­ren Lebens zu die­sem Buches zeugt, erzählt der Schrift­stel­ler von sei­nem Woh­nen in Berlin.

Geschrieben von Atalante

30. August 2011 um 12:33

Deutscher Buchpreis 2011 — Die Longlist

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Die Jagd beginnt

Zum sieb­ten Mal wird in die­sem Jahr der Deut­sche Buch­preis ver­lie­hen. Er gilt dem Roman, dem man den größ­ten Publi­kums­er­folg wünscht. Durch­aus als Mar­ke­ting­maß­nahme erdacht soll die­ser Preis den lite­ra­ri­schen deut­schen Buch­markt bele­ben. Den Lesern wird so jen­seits der Best­sel­ler­türm­chen ein Indi­ka­tor gebo­ten, der ihnen den Weg zum Guten Buch weist. So erstellt seit August 2005 eine wech­seln­den, aber immer sie­ben­köp­fige Jury zunächst eine Lon­glist, die einen Monat spä­ter auf eine Short­list von sechs Titeln ein­ge­dampft wird. Der Gewin­ner wird pünkt­lich zur Frank­fur­ter Buch­messe verkündet.

Die zwan­zig im Sep­tem­ber nomi­nier­ten Titel wer­den in einem Lese­buch den poten­ti­el­len Käu­fern und Lesern vor­ge­stellt. Die­ses Heft sollte der Buch­han­del sei­ner wer­ten Kund­schaft offe­rie­ren. Doch in den Anfangs­jah­ren gestal­tete sich die Suche nach die­sen Lese­pro­ben zu einer wah­ren Jagd. Selt­sam, denn die­ser Preis ist doch ganz zum Zwe­cke des Lite­ra­tur­kon­sums erdacht. In vie­len Buch­hand­lun­gen sta­pel­ten sich jedoch weder neben der Kasse eines die­ser Heft­chen noch auf einem Son­der­tisch die Nomi­nier­ten. Dafür stieß man, nicht nur im ers­ten, son­dern auch im zwei­ten, drit­ten, vier­ten, fünf­ten und sechs­ten Jahr regel­mä­ßig auf ver­ständ­nis­lose Gesich­ter. Der Preis mit­samt sei­nem Heft war nicht nur in klei­nen Pro­vinz­buch­hand­lun­gen unbe­kannt. Nein, auch in den sich selbst als Lite­ra­tur­hand­lun­gen beti­teln­den Läden in Karls­ruhe und Hei­del­berg war außer erstaun­ten Bli­cken nicht viel zu ergat­tern. Die Lite­ra­tur­jä­ge­rin fand den­noch ihr Wild und das aus­ge­rech­net im Musen­hain. Die Tha­lia­fi­lia­len in Karls­ruhe, Mann­heim, Hei­del­berg hat­ten nicht nur das begehrte Objekt, son­dern uner­war­te­ter­weise auch Ahnung von der Sache. Unglaub­lich, aber wahr.

Im letz­tem Jahr stan­den die Lese­pro­ben auch als freies Down­load auf Libreka zur Ver­fü­gung. Trotz­dem werde ich wie­der im Jagd­fie­ber sein. Wer weiß, viel­leicht komme ich dies­mal auch ganz ohne Pfer­de­stär­ken zu mei­nem Schuss in der klei­nen, aber fei­nen Dorfbuchhandlung.

Und hier die dies­jäh­ri­gen Nominierungen:

•   Vol­ker Harry Alt­was­ser, Letzte Fischer (Matthes und Seitz Ber­lin, Sep­tem­ber 2011)

•   Jan Brandt, Gegen die Welt  (DuMont, August 2011)

•   Michael Busel­meier, Wun­sie­del(Das Wun­der­horn, März 2011)

•   Alex Capus, Léon und Louise (Han­ser, Februar 2011)

•   Wil­helm Gena­zino, Wenn wir Tiere wären (Han­ser, Juli 2011)

•   Navid Ker­mani, Dein Name (Han­ser, August 2011)

•   Esther Kinsky, Banatsko (Matthes und Seitz Ber­lin, Januar 2011)

•   Ange­lika Klüs­sen­dorf, Das Mäd­chen (Kie­pen­heuer & Witsch, August 2011)

•   Doris Knecht, Gru­ber geht (Rowohlt.Berlin, März 2011)

•   Peter Kurz­eck, Vor­abend(Stro­em­feld, März 2011)

•   Lud­wig Laher, Ver­fah­ren (Hay­mon, Februar 2011)

•   Sibylle Lewitscharoff, Blu­men­berg (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2011)

•   Tho­mas Melle, Sicks­ter (Rowohlt.Berlin, Sep­tem­ber 2011)

•   Klaus Modick, Sun­set (Eich­born, Februar 2011)

•   Astrid Rosen­feld, Adams Erbe (Dio­ge­nes, Februar 2011)

•   Eugen Ruge, In Zei­ten des abneh­men­den Lichts (Rowohlt, Sep­tem­ber 2011)

•   Judith Schal­ansky, Der Hals der Giraffe (Suhr­kamp, Sep­tem­ber 2011)

•   Jens Stei­ner, Hasen­le­ben (Dör­le­mann, Februar 2011)

•   Mar­lene Stre­e­ru­witz, Die Schmerz­ma­che­rin (S. Fischer, Sep­tem­ber 2011)

•   Antje Rávic Stru­bel, Sturz der Tage in die Nacht (S. Fischer, August 2011)

Geschrieben von Atalante

17. August 2011 um 11:18

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Ratgeber zum Lesen, Schreiben und Kritisieren

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Eine gelun­gene Gebrauchs­an­wei­sung „Wie man den Bach­mann­preis gewinnt“ von Angela Leinen

Nein, ich will nicht dem­nächst nach Kla­gen­furt, wenigs­tens nicht als akti­ver Teil­neh­mer des Wett­le­sens. Aber ich wollte sofort nach dem Ende des dies­jäh­ri­gen Events noch mehr dar­über erfah­ren. So lan­dete ich als frisch Bewerbs­in­fi­zierte zunächst auf dem Blog der Sopra­nisse und schließ­lich bei ihrem Buch, der „Gebrauchs­an­wei­sung zum Lesen und Schrei­ben“. Es hätte auch mit Berech­ti­gung die Titel „Rat­ge­ber für Kri­ti­ker und Juro­ren“ oder „Kleine Geschichte des Bachmann-Wettbewerbs“ tra­gen können.

Dass die­ses Buch mir so viel Spaß machen würde, hätte ich nicht ver­mu­tet. Schon gar nicht nach dem ers­ten Blick auf das nüch­tern wir­kende Coverdesign. Doch nach einem Vor­wort von Kath­rin Pas­sig legt Lei­nen los und ana­ly­siert ordent­lich und gewis­sen­haft, aber mit not­wen­di­ger Iro­nie die wich­tigs­ten Punkte.

Wel­che The­men eig­nen sich als Erzähl­stoffe? Wie erkennt man Kitsch? Sind Tabu­brü­che för­der­lich? Wel­che Inhalte ver­sper­ren dem Buch auto­ma­tisch das Tor zur Literatur?

„Wenn es nur darum geht, nicht vor Lan­ge­weile zu ster­ben, ist uns mit einer gut gebau­ten eng­li­schen Fami­li­en­ge­schichte, einem schlich­ten Berg­dra­ma­be­richt oder einem Eifel­krimi ganz gut gedient. Aber wir haben ja auch irgend­wann auf­ge­hört, Kin­der­bü­cher zu lesen.“ (S. 52)

Unter den zahl­rei­chen Mög­lich­kei­ten der Erzähl­per­spe­kive exis­tie­ren einige, wel­che ein wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

17. Juli 2011 um 15:21

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Bachmannpreis 2011 — Randt, Richter, Božiković, Klupp

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Bach­mann­preis – Drit­ter Tag, Preis­trä­ger, Resümee

Es mag viel­leicht müßig erschei­nen am Mon­tag nach dem Wett­le­sen noch einen Bei­trag zu ver­fas­sen. Der Aus­gang ist ja bereits bekannt. Den­noch hier mein Resümee.

Die 35. Trä­ge­rin des Bachmann-Preises heißt Maja Hader­lap und hatte auch mich mit ihrer Text „Im Kes­sel“ über­zeugt. Der voll­stän­dige Roman „Engel des Ver­ges­sens“ erscheint im Wallstein-Verlag.

Wei­tere Preise erhiel­ten Stef­fen Popp, Leif Randt und Tho­mas Klupp. Meine zweite Favo­ri­tin, Nina Buß­mann, wurde mit dem 3sat-Preis aus­ge­zeich­net. Gun­ther Gelt­in­ger, des­sen Text mir sehr gefal­len hat, ging an die­sem Wochen­ende in Kla­gen­furt lei­der leer aus. Der erste Lesungs­ter­min scheint der undank­barste zu sein.

Am Sams­tag, dem drit­ten Tag des Wett­be­werbs hatte Tho­mas Klupp mit sei­ner Satire auf den Uni­be­trieb und die For­schungs­ge­gen­stände der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten den größ­ten Publi­kums­er­folg des Fes­ti­vals. Er über­traf mit „9to5 Hard­core“ noch Stein­beis in der Zuschau­er­gunst, was ein­deu­tig an der gekonn­ten wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

11. Juli 2011 um 13:31

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Bachmannpreis 2011 — Reichlin, Haderlap, Rabinowich, Bußmann, Popp

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8.6.2011 — Der zweite Tag

Am zwei­tem Lesungs­tag hörte ich einen poten­ti­el­len Best­sel­ler­kan­di­da­ten, zwei poten­ti­elle Bach­mann­preis­trä­ge­rin­nen und zwei Texte, die mich aus meh­re­ren Grün­den nicht erreichten.

Linus Reich­lin stellte unter dem Titel “Welt­ge­gend” die ers­ten drei Kapi­tel eines Romans vor, der in Afgha­nis­tan, genauer im Milieu der dort ein­ge­setz­ten Deut­schen Bun­des­wehr­trup­pen spielt. Das Wort Trup­pen zu benut­zen erzeugt in mir einen Wider­wil­len, führt aber direkt zum Sujet des Tex­tes. Er erzählt vom Krieg, von Bom­ben, von not­wen­di­ger Ver­tei­di­gung, von dem Dilemma als Frie­dens­truppe kämp­fen zu müs­sen. Über­trof­fen wird dies nur von dem noch grö­ße­ren Zwie­spalt eines Arz­tes, der im Schock oder in Not­wehr wahr­schein­lich das getan hat, was er gerade nicht hätte tun sol­len, ein Leben zerstören.

Es han­delt sich also um das ethi­sche Dilemma eines Ein­zel­nen, ob es in Afgha­nis­tan oder an einem ande­ren Ort spielt, scheint dabei neben­säch­lich. Tat­säch­lich erin­nerte mich die Schil­de­rung der Ver­hält­nisse und des Mit­ein­an­ders zwi­schen Sol­da­ten und Sol­da­tin­nen, als Stich­worte seien Män­ner­freund­schaft, Alko­hol und Sex genannt, sofort an MASH. Reich­lin gestal­tet die­sen Roman­ein­stieg span­nend und mit sehr viel Speed. Ein­mal ange­fan­gen möchte beson­ders der männ­li­che Leser sicher gerne wei­ter lesen. Ich könnte mir vor­stel­len, daß das Buch ein gro­ßer Publi­kums­er­folg wird, zumal es sich unter dem Deck­män­tel­chen der viel­dis­ku­tier­ten Afgha­nis­tan­pro­ble­ma­tik sicher gut ver­mark­ten lässt.

Was sag­ten die Juro­ren? Win­kels und Feß­mann, die Reich­lin vor­ge­schla­gen hatte, schie­nen ganz wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

9. Juli 2011 um 15:37

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Bachmannpreis 2011 — Praßler, Baum

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Den gest­ri­gen Nach­mit­tag eröff­nete Anna Maria Praß­ler mit ihrem Text „Das Andere“.

Wer his­to­ri­sche Bezüge in lite­ra­ri­sche Texte ein­bringt, sollte sich bewusst sein, was er tut, und seine Belege gut recher­chiert haben. Was Praß­ler über den Usus im anti­ken Rom sagte wird man­cher Archäo­loge und His­to­ri­ker so nicht hin­neh­men wol­len, und wer aus Sue­tons De Vita Cae­sarum zitiert sollte des­sen iro­ni­schen Stil erken­nen. Nun gut, eine Neben­sa­che, sie brachte mich aber zu der Frage, was die Prot­ago­nis­tin des Stü­ckes denn stu­diere — Geschichte, Archäo­lo­gie, Thea­ter­wis­sen­schaf­ten?  Neh­men wir doch den neuen Bachelor-Studiengang Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, der passt immer und nimmt es viel­leicht auch nicht so genau. Die­ses ganze Wis­sen­schafts­at­mo­sphäre erzeu­gende Bei­werk hätte es mei­ner Mei­nung nach gar nicht gebraucht. Die Geschichte der geschei­ter­ten Bezie­hung funk­tio­niert auch so. Die Gründe der jun­gen Frau, wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

8. Juli 2011 um 10:15

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Bachmannpreis 2011 — Geltinger, Steinbeis, Wisser

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Tage der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur in Kla­gen­furt — Der 35. Bach­mann­preis 2011

Der erste Lese­vor­mit­tag ist been­det. Es lasen Gun­ther Gelt­in­ger auf Vor­schlag von Alain Claude Sul­zer, Maxi­mi­lian Stein­beis, nomi­niert von Burk­hard Spin­nen und Daniel Wis­ser, der von Paul Jandl nach Kla­gen­furt ein­ge­la­den wurde.

Gun­ther Gelt­in­ger las einen Aus­zug aus einem Roman, der das Trauma eines Jun­gen durch den Selbst­mord sei­ner Mut­ter zum Thema hat. Gelt­in­ger stellt in der Szene zum einen das Gesche­hen aus der Sicht eines Kin­des als auch die Reflek­tion des erwach­se­nen Man­nes über die­ses Ereig­nis dar. Seine Ein­sam­keit, seine Angst, seine Frage nach der Schuld, damals wie heute, ver­stärkt Gelt­in­ger durch Bil­der aus der Natur. Dadurch wird die Moor­land­schaft, in der die Szene spielt, fast zum zwei­ten Prot­ago­nis­ten. Sie lie­fert nicht nur die atmo­sphä­ri­schen Bil­der, son­dern auch das Kon­struk­ti­ons­ge­rüst des Tex­tes. Erin­ne­run­gen tau­chen auf, aber man­che blei­ben auch end­gül­tig in den ver­schie­de­nen Schich­ten des Moo­res verschluckt.

Die Juro­ren, außer den drei oben bereits genann­ten sind in die­sem Jahr Hil­de­gard Eli­sa­beth Kel­ler, Meike Feß­mann, Daniela Stigl und Hubert Win­kels ver­ant­wort­lich, haben die­sen ers­ten Text äußerst wei­ter­le­sen »

Geschrieben von Atalante

7. Juli 2011 um 16:34

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